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Monatsarchiv: März 2011

So ein weiter Weg

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Heute Morgen habe ich mich im Zug mit einer Frau unterhalten, die mich auf meinen Abispruch auf dem Pullover ansprach. Und darüber bin ich ins Nachdenken geraten.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir diesen „respektlosen und bescheuerten“ Spruch gegen unseren Direktor durchgesetzt haben. Und ich erinnere mich noch gut an die Abizeit. Fünf Prüfungen hatte ich abzulegen: Englisch, Französisch, Deutsch, Biologie und Politik. Durch die habe ich mich durchgearbeitet wie ein Regenwurm durch Gartenerde. Ich war begeistert, als ich in der Mündlichen acht Punkte hatte. Ich erinnere mich aber auch noch gut an die Ängste, die ich während dieser Zeit entwickelte. Würde ich das Abi schaffen? Oder das, was danach kam?

Ich war extrem nervös bei der Notenvergabe, außerdem kam ich aufgrund des superorganisierten Sekretariats zu spät. So wurde der Augenblick, in dem ich meine Note erfuhr, zum schönsten in meinem Leben. 3,1. Da war sogar die versaute Bioprüfung egal.

Du hast ein gutes Gefühl / du denkst an all die schönen Zeiten / es ist fast zu viel / jetzt im Moment neben dir zu stehen / du hast kein klares Ziel / aber Millionen Möglichkeiten / ein gutes Gefühl / und du weißt, es wird gut für dich ausgehen, yeah

(Die Ärzte – Himmelblau)

Nach dem Abiball begann der Ernst des Lebens mit all seinen Herausforderungen. Da wären z.B. mein 18. Geburtstag, die erste Blutspende, bei der ich einen Ohnmachtsanfall hatte, der Auszug von zu Hause und das Auswandern meiner Eltern. Nicht zuletzt habe ich gut zwei Monate nach dem Ball eine Ausbildung angetreten.

Und ich habe so vieles geschafft: die erste Nacht in meinem neuen Zimmer mit drei Lebensmitteln im 16-Personen-Kühlschrank, die Bioexperimente in der Wohnheimküche und zwei Umzüge. Es ist gut, Herausforderungen zu meistern, das gibt unheimlich viel Selbstbewusstsein. Da schaffe ich die Abschlussprüfungen und all die langweiligen Schultage, die ich noch vor mir habe, mit links.

Die Abizeit war wunderschön, und das obenzitierte Lied erinnert mich immer wieder daran. Ich denke gerne daran, wie ich kurz vor den Prüfungen zwei Wochen sturmfrei hatte. Wie ich nachts um drei mit meinen Freunden noch eine neue Partie „Spiel des Lebens“ angefangen habe. Wie wir am letzten Schultag nach unserem eigentlichen Biounterricht noch mit den Fünftklässlern Waffeln gebacken und Loriot geguckt haben. Und wie weit ich es seitdem geschafft habe.

„Ja, das war mein Abispruch“, habe ich zu der Frau im Zug gesagt. „Ich habe vor fast zwei Jahren Abi gemacht.“ Ist das echt schon so lange her?

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

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Fünf Jahre

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Schon wieder eine neue Geschichte. Viel Spaß beim Lesen.

Fünf Jahre

Ich mag Bahnfahrten. Vor allem in Schnellzügen. Sie sind bequem und man kommt trotzdem rasch an. Kein langwieriges Kreuzen über deutsche Autobahnen, und obendrein muss man nicht ständig halbstündige Ruhepausen einlegen. Was ja tödlich ist, wenn man, so wie ich an jenem Tag, mehrstündige Fahrten einlegen muss. Muss zwar sein, aber die Ankunft verzögert sich dadurch endlos nach hinten.

An jenem Tag hatte ich mir also vorgenommen, mich in einen Zug zu setzen, um fünfeinhalb Stunden durch Deutschland zu fahren.

Warum tat ich so was? Der Anlass für so eine lange Bahnfahrt war ein Klassentreffen. Eine furchtbare Einrichtung, die nur dazu diente, voreinander anzugeben. Wer hatte den tollsten Lebensplan? Wer war so ein Loser und in der Provinzhauptstadt stecken geblieben?

Im Prinzip gab es nur einen Grund, und der war meine beste Freundin, die in unserer Heimatstadt Biologie studierte. Ich sah sie recht selten, wir unterhielten uns zwar ständig am Telefon und übers Internet, aber das war leider kein guter Ersatz. Und so fuhr ich eben hin.

Wenn sie da war, würde die ganze Veranstaltung sicher lustig werden. Wir würden uns Roten bestellen, in die Ecke setzen und über die Anwesenden lästern.

Da war zum Beispiel Carsten, der seine fehlenden Körpergrößenzentimeter damit ausglich, dass er wahnwitzig schnell über die Straßen raste. Oder Rachel, die zwar über Aussehen wie ein Supermodel verfügte, dafür aber weder über Hirn noch über Sozialverhalten. Oder Viola, die es im Alleingang fast geschafft hatte, mich bei all meinen Freunden in Misskredit zu bringen. Oder Paul, der trotz mieser Noten ein duales Studium ergattert hatte. Oder Stefan, der jedes Wochenende damit angegeben hatte, wie besoffen er gewesen war. Oder…

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Bis dahin war ich allein im Abteil gewesen. Und ich hatte gehofft, dass das so bleiben würde. Das Bedauern verstärkte sich noch, als ich sah, wer da das Abteil betreten hatte.

„Was zur Hölle machst du denn hier?“, entfuhr es uns fast gleichzeitig. Mir stand der Mund sperrangelweit offen. Ich wusste zwar, dass Sven in Heidelberg studierte, aber ich hatte nicht damit gerechnet, ihn hier zu treffen. Sonst hätte ich wohl auch einen anderen Zug genommen.

Sven starrte ungläubig auf seine Sitzplatzkarte und dann auf mich, und dann wieder auf die Karte und dann wieder auf mich. „Das kann doch nicht sein…“, murmelte er und sprach damit genau aus, was ich dachte. Widerwillig setzte er sich auf den Platz, der gegenüber von meinem war. Der Rollkoffer, wie ihn vermutlich fünfundneunzig Prozent aller deutschen Studenten besaßen, blieb einfach auf dem Boden stehen. „Ich wusste nicht, dass du auch kommst“, war das Erste, was Sven zu mir sagte. „Tja, da kann man mal sehen“, antwortete ich und sah zu, dass ich meine MP3-Player-Kopfhörer in die Ohren kriegte. Was ziemlich nutzlos war, denn ich sah ihn ja immer noch, und ich konnte nicht die ganze Zeit die Augen zuhalten. Selbst dann wäre er ja immer noch da gewesen.

Bis Mannheim hielt ich es aus, dann packte ich meine Wertsachen in meine Jackentaschen und verließ das Abteil.

Im Bordbistro nahm ich etwas zu mir. Es war sehr teuer, aber wenigstens hielt mich das eine Weile von Sven fern. Während ich also die nicht gerade preiswerte Nahrung (wenn man das so nennen konnte) zu mir nahm, betrachtete ich die auf der anderen Seite des Fensters vorbeirasende Landschaft und dachte nach.

Er war nett zu mir gewesen, als es kein anderer war. Das hätte er nicht tun sollen. Denn von da an klebte ich wie eine Klette an ihm und vergötterte ihn geradezu – das war für beide Seiten nicht gut. Was tut ein Mädchen, das niemand anderen hat? Sie macht sich komplett abhängig von einer Person. Und wie fühlt sich diese Person wohl? Richtig, total genervt. So was konnte nicht gut ausgehen. In unserem Fall ging es so aus, dass ich über Dritte erfuhr, was er von mir dachte und von da an nie wieder mit ihm geredet hatte. Er war ein Heuchler und Angeber. Sein Einserabitur und seinen Aufenthalt in Chile rieb er jedem unter die Nase. Unbegreiflich, wie ich mal auf so jemanden gestanden hatte. Und doch hatte ich es getan.

Ich stand auf und ging wieder zurück auf meinen Platz. Gegenüber von mir saß immer noch Sven und las irgendein intelligentes Buch. Als ich wiederkam, sah er kurz auf. Ich versteckte mich hinter der riesigen Ausgabe einer bekannten Wochenzeitung, wo ich auch blieb, bis der Zug in den Bahnhof einfuhr. Während der ganzen restlichen Bahnfahrt redeten wir kein Wort mehr miteinander. Auch nicht auf dem Weg vom Bahnhof zum Veranstaltungsort. In der Aula des Gymnasiums gingen wir schließlich auseinander, er nach rechts zu seinen ganzen Untertanen und ich nach links zu Isa. Ich umarmte sie zur Begrüßung. „Na, wie lange bist du schon hier?“

„Keine 10 Minuten. Und du bist gerade erst in der Stadt angekommen?“

„Ja, mit dem Arsch da. Ich musste fast die ganze Fahrt mit ihm zurücklegen!“

„Oh, das war sicher ein Horror.“

„Na, klar!“ Ich nickte lebhaft. „Ich lege keinen Wert darauf, irgendwas mit ihm zu tun zu haben. Und dann passiert so was!“

„Komm, wir verbringen hier einfach einen schönen Abend. Der Trottel hat überhaupt keine Aufmerksamkeit verdient.“

Da hatte Isa wohl Recht. Und so verbrachten wir den Abend damit, bei einem Glas Cola-Roten über die Anwesenden zu lästern. Wie ich es mir gedacht hatte.

Irgendwann hatten sich die ein oder zwei Getränke durch meinen Verdauungstrakt gearbeitet. Und wie das eben so ist, muss man in solchen Fällen häufig aufs Klo. Dorthin ging ich – am Chemietrakt vorbei, durch die Glastür, zweite Tür links. Ich wusste es immer noch.

Ich ging auf Toilette, wusch mir die Hände und trat wieder vor die Tür. Dort erblickte ich plötzlich Sven. Hatte er etwa auf mich gewartet?

„Hi, wie geht’s?“

Ich legte meinen Silberring wieder an.

„Komm, willst du nie wieder mit mir reden? War ich so schlimm?“

„Schlimmer.“

„Komm, man kann doch die Vergangenheit ruhen lassen, oder? Ich meine, wir haben beide Fehler gemacht – Schwamm drüber.“ Er starrte mich hilflos an.

„Kein Interesse.“ Ich schritt davon.

„Du musst jetzt nicht so pseudobetroffen sein!“, rief Sven mir noch hinterher, und der Satz brachte mich so zum Lachen, dass Isa mich fragte, was los sei. „Ach, der Junge“, informierte ich sie prustend, während ich mich hinsetzte, „hat versucht, sich mit mir zu versöhnen. Als ob ich das je tun würde.“

„Oh Mann, der ist ja bescheuert“, entgegnete sie, nicht minder belustigt. Wir stießen an und tranken.

Auch Sven kehrte irgendwann wieder an seinen Platz zurück. Er redete mit Marie und Jan und guckte immer wieder zu mir rüber. Ich schaute demonstrativ weg. Und während ich mit Isa quatschte, überlegte ich, was jetzt von ihm zu denken war.

Wollte ich mich wirklich nie wieder mit ihm versöhnen? Nein, wollte ich nicht. Wirklich nicht? Verdient hatte er es wohl nicht. Schon oft waren wir in solchen Situationen gewesen und Sven hatte mich bitter enttäuscht.

Ich wollte aufstehen und ihm sagen, was ich dachte, doch in diesem Augenblick umarmte er Marie und stand auf. Jacke angezogen, Rollkoffer geschnappt und schon war er draußen. Verschwunden in der entstandenen Dunkelheit.

Lange starrte ich ihm hinterher. Ich schätzte, ich würde ihm nie wieder begegnen. Früher wäre ich daran verzweifelt. Heute nicht.

Ende

Bis die Sonne aufgeht

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Dieser Text entstand unter Mitarbeit von ein paar anderen schlaflosen Forenusern von Klopfers Web. Danke an Cyberbird, Jade, Freaki und gillie.

Es war einmal ein Mädchen, das allein in ihrem Zimmer saß. Ihr Blick wanderte langsam, suchend durch den kargen Raum. An einem der ihr so bekannten Objekte blieb ihr suchender Blick hängen. Sie nahm ihren Taschenspiegel in die Hand und betrachtete ihn… Im Spiegel sah sie, dass sie einen unfassbar großen Pickel auf der Stirn hatte. Warum passiert so was immer, wenn etwas Wichtiges ansteht?, dachte sie, den Pickel vorsichtig betastend. Langsam ließ sie den Spiegel wieder sinken, um dann zur Schminkkiste zu greifen und den Lippenstift herauszugreifen, den sie beim ersten Date mit ihrem Freund getragen hatte.

Der Lippenstift war sehr alt und zerliebt, auch wenn sie wusste, dass ihr diese Farbe nicht stand. Trotzdem griff sie immer wieder zu dem alten Stück, war es doch ihr Liebster. Also trug sie den Lippenstift bedächtig und mit Vorfreude auf, um dann anschließend ein bisschen Abdeckpuder auf dem überriesigen Stirnpickel aufzutragen. Nicht das Beste, aber ausgehfertig, dachte sie, während sie behäbig, aber entschlossen von dem viel zu weichen Bett aufstand. Unentschlossen stand sie vor dem großen, sperrigen Kleiderschrank und versuchte, sich für eine Auswahl von Kleidern zu entscheiden, von der sie schließlich das grau-schwarz-geringelte Kleid wählte, da es ihre Figur so elegant umspielte, begleitet von weißen Strümpfen und Absatzschuhen. Müde und mit einer flinken Trägheit schlüpfte sie in ihre neue Kleidung, mit verstohlenen und leicht zweifelnden Blicken in Richtung des großen Spiegels an der Wand. Seufzend betrachtete sie ihr Werk. So richtig gefiel ihr nicht, was sie sah, und so suchte sie ihre Schmuckschatulle. Sie suchte sich ihre kleinen Diamantohrringe aus der Schatulle, steckte sie an und sie fragte sich, ob ihr Date, das zufällig ein Studienfreund ihres Exfreundes war, sie auch hübsch finden würde. Zwar hatte sie sich ein wenig Selbstbewusstsein in letzter Zeit angeeignet, hauptsächlich durch die eindeutigen Blicke einiger Männer, aber die Trennung hatte sie doch sehr mitgenommen und Zweifel hinterlassen.

Nun hatte ihr Studienkollege ein Blind Date für sie arrangiert, was sie allerdings davon halten sollte, wusste sie nicht. Doch sagte sie sich, dass es ja vielleicht auch Spaß machen könnte, sofern ER sich galant verhielt. Stumm stand sie nun da und dachte darüber nach, was sie nun erwarten würde, eigentlich war sie nicht der Mensch für solche Blind Dates. Langsam, aber sicher stieg Nervosität in ihr auf, während sie sich auf den Weg zum Auto machte, um sich zum Treffpunkt zu begeben, der in einer ihr nicht unbekannten Straße lag. Diese Straße war im Allgemeinen bekannt unter den vergnügungssüchtigen Jugendlichen der Stadt, was sie um einiges verunsicherte, wenn sie zu lange darüber nachdachte. Trotzdem machte sie sich auf den Weg zum Treffpunkt, sie konnte die Männer schließlich nicht sitzen lassen.

Und vielleicht würde es ja doch noch ein toller Abend werden, trotz ihrer Bedenken vor dem Mann, den sie gleich treffen würde, und als sie die Kneipe betrat, starrte sie voller Erstaunen und gleichzeitiger Anziehung auf den Studienfreund ihres Ex.

Es waren seine wundervoll melancholischen Augen, die sie langsam taumelnd in ihren Bann zogen. Mit stockendem Atem und zitternden Händen bewegte sie sich auf den Mann zu, der sie mit einem charmanten Grinsen begrüßte und sagte: „Hallo, ich freue mich, dich wiederzusehen, du siehst heute wirklich wundervoll aus.“ Ihre Knie wurden weich und noch bevor sie das erste Wort aus ihrer rauen, zugeschnürten Kehle pressen konnte, nahm er ihr ihren roten Mantel ab und schob ihr den verwelkt knarzenden Stuhl zurecht.  „Hallo, und d-danke“, stotterte sie leise und wurde dabei leicht rot, bevor sie sich auf den Stuhl setzte und leicht verschämt nach der Karte fragte, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen, was sicher einen Ohnmachtsanfall zur Folge gehabt hätte, da er so einen intensiven Blick hatte.

Sie spürte den Blick auf sich ruhen und für einen Moment war es, als wäre sie ihm komplett ausgeliefert, seinem Blick, seinem Atem, seine Worte umgaben sie. Ich bin doch sonst nicht so, dachte sie und wagte einen Blick über die Karte, der sofort von ihrem Verehrer erwidert wurde, woraufhin sie sich wieder hinter ihrer Karte versteckte, um so zu tun, als würde  sie sich für etwas zu essen und zu trinken entscheiden. Gedankenverloren biss sie sich auf ihre Unterlippe und versuchte verzweifelt, ruhig zu bleiben, ihr Bein wippte ruckartig und unbemerkt.

Sie dachte daran, wie er sie schon früher angezogen hatte, als sie noch mit ihrem Freund zusammen gewesen war. Natürlich mied sie ihn damals, als sie noch unter den starken Fittichen ihres Freundes stand, aber würde sie sich jetzt noch zurückhalten müssen oder können? Unbewusst strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, ‚will ich mich überhaupt zurückhalten?‘ „Ich finde es wirklich schön, dass du heute Abend gekommen bist und mich nicht versetzt hast“, unterbrach er ihre Gedanken. „Wie könnte ich dich versetzen?“, platzte es unbewusst aus ihr heraus und noch während sie einen kurzen Anflug von Scham verspürte, trafen sich ihre Blicke. Sie versuchten, in den Blicken des jeweils anderen zu lesen, und sie wusste nicht, was sie denken sollte. Denn so wunderbar fesselnd sein Blick auch war, so meinte sie, eine Unsicherheit, ja beinahe schon eine Abscheu in seinen Blicken zu spüren. Das Gefühl, ihm nicht gerecht zu werden, nahm in ihr Überhand, denn sie war ohnehin niemand, der über großes Selbstbewusstsein verfügte, und bei ihm versagte ihr kläglich aufgebautes Selbstvertrauen natürlich völlig. Jetzt war der Punkt erreicht, da eine lautstarke Wand der Stille zwischen beiden hing und sie komplett ihren Gedanken und seinen Blicken ausgeliefert war. Das Schweigen schien beide zu bedrücken. Es wurde aber unterbrochen von der Kellnerin, die jetzt herangetreten war, und die junge Frau bestellte zerstreut eine Lasagne. „Nichts zu trinken?“, fragte die Kellnerin. Erschrocken fuhr die junge Dame wieder hoch, da sie in Gedanken schon wieder ganz woanders gewesen war. „Nein, danke.“ Dann war ihr Begleiter dran. Er bestellte ein Steak und dazu, mit Blick auf sein Date, eine Flasche Wein. Wein? Was hatte er vor?

Irgendwo hatte sie mal gehört, wenn das Gegenüber Wein bestellt, will es Sex. Doch das war ganz und gar absurd. Der Typ sah so brilliant aus, dass er jede Frau haben konnte, wieso sollte er sich für sie entscheiden? Sie hatte einen rausgewachsenen Haarschnitt, ihre Lippen waren aufgesprungen, an den Oberschenkeln saßen mindestens zehn Kilo zu viel und ihre Brüste waren zu klein. Mal abgesehen davon, dass er sich mit seiner Größe sicher nicht auf eine ein Meter siebzig große Frau einlassen würde.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis die Kellnerin mit dem Wein kam. In der Zwischenzeit wichen sie ihren Blicken gegenseitig aus, und sie überlegte fieberhaft, wie sie ein Gespräch beginnen sollte. Schließlich war er es, der mit einem Kompliment über ihr Aussehen das Schweigen brach. „Du siehst wirklich toll aus. Noch schöner, als ich dich in Erinnerung hatte“, bemerkte er und hob sein soeben gefülltes Weinglas zum Anstoßen. Verlegen lächelte sie. „Danke.“ In Wirklichkeit begann sie sich aber zu ärgern. Sie war tatsächlich reingefallen. Sie war bei weitem nicht die Erste, die seinem Charme und seinem Aussehen erlegen war. Der Mann war ein stadtbekannter Frauenheld. Da sah man mal wieder, dass solche Gefühle überhaupt nicht logisch waren. Welche Gefühle? Anziehung. Leidenschaft? Verknalltheit. Das ganz sicher. Seinetwegen wäre ihre letzte Beziehung fast schon zwei Jahre eher in die Brüche gegangen. Sie  konnte sich von ihm losreißen. Wer wollte schon so einen? Bei ihm musste sie sich ja sicher sein, nach vier Monaten nicht mehr zu zählen. Aber zählte das jetzt noch?

„Du kannst dir sicher denken, warum ich dich treffen wollte“, sagte er und setzte das Glas ab.

„Nein. Nein, kann ich nicht“, gab sie zu. „Ich wusste ja nicht mal, dass du das Blind Date bist. Obwohl ich es mir so eingeredet hab.“

„Wie? Sebastian hat dir nichts davon gesagt?“

„Nein, hat er nicht. Aber offensichtlich muss ich mit ihm noch ein Hühnchen rupfen. Was bildet er sich ein, in meine Privatangelegenheit einzugreifen? Das geht gar nicht. Ich wollte dich nie wiedersehen. Und jetzt bist du auf einmal hier!“

„Wolltest du wirklich nicht?“, entgegnete er und betrachtete sie mit diesem Blick, den sie schon früher gehasst hatte. Der bedeutete, dass er ganz genau wusste, was sie in Wahrheit dachte. Er war gut in so was. „Denkst du, ich hab damals nicht gemerkt, was du von mir denkst? Das war doch offensichtlich.“

„Ach, meinst du?“ Sie war jetzt nicht mehr nervös, sondern langsam ziemlich wütend. „Weißt du, wie fies so was ist? Du hast doch gar keine Ahnung! Und schmeißt dich auch noch an mich ran! Das war doch das Letzte!“

„Erzähl mir nicht, dass du so unschuldig warst! Alles ging doch von dir aus!“ Mittlerweile wurden sie von allen Restaurantgästen angestarrt. „Erzähl doch keinen Quatsch.“ Sie schenkte sich noch mehr Wein ein und trank ihn in einem Rutsch aus. „Dir liegt so was doch im Blut. Du kannst doch gar nicht anders.“ So laut, dass es fast schon klirrte, setzte sie ihr Weinglas ab. „Und weißt du was? Darauf kann ich gut verzichten! Ich brauche dich nicht! Und dein bescheuertes Verhalten auch nicht!“ Sie sprang auf, riss dabei fast den Tisch um und stürmte davon. Ihr Weg führte sie geradewegs in die Waschräume für Damen. Sie setzte sich in eine leere Kabine, schloss die Tür und vergrub ihren Kopf in ihren Händen. Wie gern wäre ich jetzt in Paris oder an irgendeinem anderen Ort, der ganz weit weg ist, dachte sie.

Stille. Unendliche Stille. In der Klokabine hörte man weder den Restaurant- noch den Toilettenbetrieb. Außer ihr war niemand da. Es war ganz still, ihr Kopf war dafür umso lauter. Gedanken schossen ihr in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf. Was sollte sie hier? Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Er kannte sie doch eigentlich gar nicht. Und dann auch wieder doch. Er hatte ihre Gedanken genau erraten. Entmutigt bewegte sie ihren Kopf nach oben und sah, wie an die Tür ein paar undeutliche Striche gemalt waren. Es sah nach Wellen im Schwimmbad aus. Sie war früher eine gute Schwimmerin gewesen. Irgendwann hatte das nachgelassen, wann genau eigentlich? Es war ziemlich genau zwei Jahre her, ungefähr, seit – ja, seit sie mit ihm im Schwimmbad gewesen war. Neben ihm, der so schnell durchs Wasser schwebte, als hätte er schon immer dort gelebt, war sie sich vorgekommen wie ein unförmiger, hässlicher Klotz.

Sie merkte gar nicht, wie ihr Tränen aus den Augen rollten, über die Wangen, den Hals runter, und im Kleid versickerten. Dieses blöde Teil! Sie hätte es sich am liebsten runtergerissen. Irgendwann stand sie auf und blickte in den Spiegel über den Waschbecken. Sie sah furchtbar aus mit all dem zerlaufenen Makeup. Sie wischte sich mit rauen Zügen das Geschmiere aus dem Gesicht und beschloss, einen Zehner auf den Tisch zu schmeißen und dann nach Hause zu gehen. Zurück in ihr einsames Zimmer. Sie schniefte und warf das vollgeschmierte Klopapier weg. Dann steuerte sie den Essbereich wieder an. Zu ihrer Überraschung saß er immer noch da. Er starrte ins Leere. Außer ihnen waren keine anderen Gäste mehr da. Als er merkte, dass sie da war, guckte er sie stumm an. Aus seinem Blick war alles und nichts zu lesen. Sie setzte sich wieder hin. „Tut mir Leid, dass ich hier einfach so weggelaufen bin.“ Nur, um etwas zu tun zu haben, schaufelte sie sich die restliche Lasagne rein. „Wir sind vermutlich beide nicht gerade unschuldig.“ „Wie Recht du hast“, pflichtete er ihr bei. „Und was machen wir jetzt?“ Zwei Gläser Wein waren noch übrig, die sie beide rasch austranken. „Wir sollten vielleicht… zu einem von uns… nach Hause gehen. Reden. Was meinst du?“ „Gute Idee“, antwortete sie. Die Rechnung bezahlte er. Der Fußmarsch durch die Stadt, zu seiner Wohnung, wurde schweigend zurückgelegt. Beide hatten wahrscheinlich sehr viel Gedankenmüll im Kopf, der verwertet oder entsorgt werden musste. Nach einiger Zeit standen sie vor der Haustür. Galant, wie er nun einmal war, hielt er ihr sie auf. Die Wohnung lag im dritten Stock. Um die Zeit schliefen natürlich schon alle anderen Hausbewohner. Vor der Wohnungstür schließlich stotterte er im Flüsterton: „Wi… willst du nicht mi… mit reinkommen?“ Es rührte sie, wenngleich sie nicht ganz genau wusste, was davon zu halten war. Er war gut darin, Frauen etwas vorzuspielen, und sie wusste das. Aus diesem Grund war sie ja hier gelandet. Doch war das Ganze echt? War es nun Show oder nicht? Das vermochte sie nicht zu sagen. Schon lange wusste sie, dass man sich nie sicher sein konnte. Nie. Aber war das in der Liebe nicht so? Sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen, soweit das eben möglich war, zog ihn zu sich runter, soweit das eben möglich war, und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss. Er schlang ihre Arme um sie und hob sie dabei ein bisschen hoch, und sie wuschelte durch seine Haare. Als sie wieder von ihm abließ, lächelte er sie an. Dann gingen sie in seine Wohnung.

ENDE

Es ist etwas im Anzug

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Der Titel kommt von meinem besten Freund, der immer irgendeinen Spruch zitiert: „Ich brauche einen Anzug, weil mir etwas im Anzug zu sein scheint!“ Ich finde es immer sehr lustig, wenn er das sagt (warum auch immer), aber irgendwie scheint auch etwas dahinter zu stecken. Zur Zeit sind jedenfalls einige Dinge „im Anzug“, denke ich.

In letzter Zeit scheint es der große Trend zu sein, für einige Zeit ins Ausland zu gehen. Auch ich möchte das ja mal machen. Ich hab mich noch nicht entschieden, wohin. Eine Freundin von mir hat sich vor ein paar Wochen sogar ins Land ihrer Träume aufgemacht. Und jetzt ist nicht mal sicher, ob sie das erreichen kann. Warum?

Sie will nach Japan.

Mal ganz abgesehen davon, dass es blöd ist, dass sie das Auslandssemester jetzt eventuell nicht machen kann: Ich war froh, dass sie noch nicht in Japan war, da sie noch auf ihr Visum warten musste. Was den Japanern passiert ist (und noch passieren wird), ist natürlich noch viel schlimmer. Fast jede Minute gibt es neue Horrornachrichten aus dem Land, das mal das Land der aufgehenden Sonne war. Und um meinen Anteil zu tun, habe ich soeben ein Spendenshirt im Shop meiner Lieblingsbloggerin bestellt:

http://blog.asurocks.de/2011/03/shirts-fur-japan.html

Normalerweise verdient Asu 5 Euro Provision an den von ihr designten T-Shirts, die es übrigens für Männlein UND Weiblein gibt. Bei den Spendenshirts wird der Anteil aber ans Rote Kreuz gespendet. Wer direkt spenden möchte, erfährt unter dieser Adresse, wie:

http://www.drk.de/weltweit/asien-nahost/japan-hilfe-nach-erdbeben.html

Japan hat es erfolgreich geschafft, die Revolutionen als Hauptthema aus den Nachrichten zu verdrängen. Die Katastrophe hat außerdem dazu geführt, dass alle wieder über Atomkraft diskutieren. Als ich neulich mit meinem Freund auf dem Heimweg von einem Spaziergang war, rasselten wir direkt in eine Anti-Atomkraft-Demo. Und im Unterricht wurde am Mittwoch über Japan und AKWs diskutiert. Aber ich war nicht da.

Diese Woche bestand mein Tag aus 8 Unterrichtsstunden und dem Kinofilm „The King’s Speech“. Der Film ist sehr empfehlenswert und hat seine vier Oscars sicher zu Recht erhalten – also: Wenn ihr den Film noch irgendwo schauen könnt, geht hin. Am besten in Originalsprache, so wie ich. Es ist einfach unvergleichlich, den Protagonisten in feinstem British English beim Schlagabtausch zuzuhören (ich zitiere aus der engl. Wikiquote):

Lionel Logue: [as George is lighting up a cigarette] Please don’t do that.

King George VI: I’m sorry?

Lionel Logue: I believe sucking smoke into your lungs will kill you.

King George VI: My physicians say it relaxes the throat.

Lionel Logue: They’re idiots.

King George VI: Many of them have been knighted.

Lionel Logue: Makes it official then.

So, ich mache mich gleich auf – nicht etwa zur Schule, sondern zu einem Orthopädentermin, der nicht auf eine andere Zeit gelegt werden konnte. Manchmal hat eine verkrümmte Wirbelsäule eben auch Vorteile.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Der Frühling kommt

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An dieser Stelle möchte ich meinen ja doch gelegentlich vorbeipurzelnden Lesern etwas empfehlen: Zieht so selten wie möglich um. Auch wenn es vollkommen irrealistisch ist. Es ist anstrengend, es dauert ewig und mitunter kann es sogar beziehungsgefährdend sein. Und: Besorgt euch mindestens zwei Umzugshelfer, wenn ihr welche braucht. Es ist jedenfalls nicht gerade toll, wenn die eine Person alles tragen muss, weil die umziehende andere Person

a) keine ausgeprägte Muskulatur

b) ein Verbot vom Arzt hat, schwere Sachen zu tragen.

Gott sei Dank sind jetzt alle Kisten von A nach B (bzw. A nach B nach C) geschleppt. Das WG-Zimmer ist wirklich schön: näher an meiner Schule, 35 Euro billiger, rosa angemalt. Sogar der Kleiderschrank wurde mir vom Vormieter überlassen. Wen kümmert es da noch, dass die Gardinenaufhängung nicht an der Decke hielt? Fernsehen habe ich jetzt auch keins mehr, aber das ist kein großer Verlust.

Ganz will ich allerdings auch nicht auf TV verzichten. Daher habe ich eine kleine Recherche darüber angestellt, welche Onlineangebote große TV-Sender auf ihren Internetseiten haben, und die ergab Folgendes:

– Bayerischer Rundfunk, NDR, Hessischer Rundfunk, Phoenix: Livestream

– Mitteldeutscher Rundfunk, WDR, ARD: Mediathek, einzelne Sendungen als Livestream

– RBB, SWR, Sat.1, Pro7, arte, VOX, BR-alpha, RTL 2: Mediathek

Die einzigen „durchgefallenen“ Kandidaten sind SuperRTL und Viva, aber die sind auch nicht so wichtig – „Spongebob Schwammkopf“ und „Die Nanny“ kann ich auch anderswo gucken.

Anscheinend werde ich alt. Früher war ich eine richtige Fernseheule, wie es meine Mutter gerne mal formulierte. Mittlerweile halte ich Fernsehen für ein verdammt verblödetes und hirnloses Medium, und das nicht erst, seit ich vor ziemlich genau einem Jahr fernsehkritik.tv entdeckte. Heute tue ich andere Sachen. Neben Lesen, Mit-meinem-Freund-Rumhängen und Surfen habe ich u.a. Zitate gesammelt. Aber das habe ich jetzt aufgegeben.

Um in die Sammlung aufgenommen zu werden, musste ein Urheber von Zitaten bestimmte Kriterien erfüllen. Er durfte beispielsweise kein Frauenfeind, Antisemit oder Homophober sein. Wahrscheinlich war das ziemlich bescheuert. Natürlich ist es so, dass auch solche Leute ab und zu mal etwas Schlaues sagen, was man nicht ignorieren darf. Aber ich hatte eben so meine Kriterien. Das ist wie bei Detlev Buck, der für das Video zur Ärzte-Single „Schrei nach Liebe“ keine echten Nazis anheuern wollte. Ich muss wohl auch mal mein Gehirn einschalten – und das hat mir gesagt, diese Arbeit lieber zu beenden.

Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder an einem derartigen Projekt arbeiten werde. Zum Abschluss noch ein kleines Zitat:

Wenn du in einer WG wohnst und nicht weißt, wie laut die Waschmaschine ist, solltest du spätabends keine Wäsche mehr anschmeißen. (Kitschautorin 😉 )

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin