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Bis die Sonne aufgeht

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Dieser Text entstand unter Mitarbeit von ein paar anderen schlaflosen Forenusern von Klopfers Web. Danke an Cyberbird, Jade, Freaki und gillie.

Es war einmal ein Mädchen, das allein in ihrem Zimmer saß. Ihr Blick wanderte langsam, suchend durch den kargen Raum. An einem der ihr so bekannten Objekte blieb ihr suchender Blick hängen. Sie nahm ihren Taschenspiegel in die Hand und betrachtete ihn… Im Spiegel sah sie, dass sie einen unfassbar großen Pickel auf der Stirn hatte. Warum passiert so was immer, wenn etwas Wichtiges ansteht?, dachte sie, den Pickel vorsichtig betastend. Langsam ließ sie den Spiegel wieder sinken, um dann zur Schminkkiste zu greifen und den Lippenstift herauszugreifen, den sie beim ersten Date mit ihrem Freund getragen hatte.

Der Lippenstift war sehr alt und zerliebt, auch wenn sie wusste, dass ihr diese Farbe nicht stand. Trotzdem griff sie immer wieder zu dem alten Stück, war es doch ihr Liebster. Also trug sie den Lippenstift bedächtig und mit Vorfreude auf, um dann anschließend ein bisschen Abdeckpuder auf dem überriesigen Stirnpickel aufzutragen. Nicht das Beste, aber ausgehfertig, dachte sie, während sie behäbig, aber entschlossen von dem viel zu weichen Bett aufstand. Unentschlossen stand sie vor dem großen, sperrigen Kleiderschrank und versuchte, sich für eine Auswahl von Kleidern zu entscheiden, von der sie schließlich das grau-schwarz-geringelte Kleid wählte, da es ihre Figur so elegant umspielte, begleitet von weißen Strümpfen und Absatzschuhen. Müde und mit einer flinken Trägheit schlüpfte sie in ihre neue Kleidung, mit verstohlenen und leicht zweifelnden Blicken in Richtung des großen Spiegels an der Wand. Seufzend betrachtete sie ihr Werk. So richtig gefiel ihr nicht, was sie sah, und so suchte sie ihre Schmuckschatulle. Sie suchte sich ihre kleinen Diamantohrringe aus der Schatulle, steckte sie an und sie fragte sich, ob ihr Date, das zufällig ein Studienfreund ihres Exfreundes war, sie auch hübsch finden würde. Zwar hatte sie sich ein wenig Selbstbewusstsein in letzter Zeit angeeignet, hauptsächlich durch die eindeutigen Blicke einiger Männer, aber die Trennung hatte sie doch sehr mitgenommen und Zweifel hinterlassen.

Nun hatte ihr Studienkollege ein Blind Date für sie arrangiert, was sie allerdings davon halten sollte, wusste sie nicht. Doch sagte sie sich, dass es ja vielleicht auch Spaß machen könnte, sofern ER sich galant verhielt. Stumm stand sie nun da und dachte darüber nach, was sie nun erwarten würde, eigentlich war sie nicht der Mensch für solche Blind Dates. Langsam, aber sicher stieg Nervosität in ihr auf, während sie sich auf den Weg zum Auto machte, um sich zum Treffpunkt zu begeben, der in einer ihr nicht unbekannten Straße lag. Diese Straße war im Allgemeinen bekannt unter den vergnügungssüchtigen Jugendlichen der Stadt, was sie um einiges verunsicherte, wenn sie zu lange darüber nachdachte. Trotzdem machte sie sich auf den Weg zum Treffpunkt, sie konnte die Männer schließlich nicht sitzen lassen.

Und vielleicht würde es ja doch noch ein toller Abend werden, trotz ihrer Bedenken vor dem Mann, den sie gleich treffen würde, und als sie die Kneipe betrat, starrte sie voller Erstaunen und gleichzeitiger Anziehung auf den Studienfreund ihres Ex.

Es waren seine wundervoll melancholischen Augen, die sie langsam taumelnd in ihren Bann zogen. Mit stockendem Atem und zitternden Händen bewegte sie sich auf den Mann zu, der sie mit einem charmanten Grinsen begrüßte und sagte: „Hallo, ich freue mich, dich wiederzusehen, du siehst heute wirklich wundervoll aus.“ Ihre Knie wurden weich und noch bevor sie das erste Wort aus ihrer rauen, zugeschnürten Kehle pressen konnte, nahm er ihr ihren roten Mantel ab und schob ihr den verwelkt knarzenden Stuhl zurecht.  „Hallo, und d-danke“, stotterte sie leise und wurde dabei leicht rot, bevor sie sich auf den Stuhl setzte und leicht verschämt nach der Karte fragte, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen, was sicher einen Ohnmachtsanfall zur Folge gehabt hätte, da er so einen intensiven Blick hatte.

Sie spürte den Blick auf sich ruhen und für einen Moment war es, als wäre sie ihm komplett ausgeliefert, seinem Blick, seinem Atem, seine Worte umgaben sie. Ich bin doch sonst nicht so, dachte sie und wagte einen Blick über die Karte, der sofort von ihrem Verehrer erwidert wurde, woraufhin sie sich wieder hinter ihrer Karte versteckte, um so zu tun, als würde  sie sich für etwas zu essen und zu trinken entscheiden. Gedankenverloren biss sie sich auf ihre Unterlippe und versuchte verzweifelt, ruhig zu bleiben, ihr Bein wippte ruckartig und unbemerkt.

Sie dachte daran, wie er sie schon früher angezogen hatte, als sie noch mit ihrem Freund zusammen gewesen war. Natürlich mied sie ihn damals, als sie noch unter den starken Fittichen ihres Freundes stand, aber würde sie sich jetzt noch zurückhalten müssen oder können? Unbewusst strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, ‚will ich mich überhaupt zurückhalten?‘ „Ich finde es wirklich schön, dass du heute Abend gekommen bist und mich nicht versetzt hast“, unterbrach er ihre Gedanken. „Wie könnte ich dich versetzen?“, platzte es unbewusst aus ihr heraus und noch während sie einen kurzen Anflug von Scham verspürte, trafen sich ihre Blicke. Sie versuchten, in den Blicken des jeweils anderen zu lesen, und sie wusste nicht, was sie denken sollte. Denn so wunderbar fesselnd sein Blick auch war, so meinte sie, eine Unsicherheit, ja beinahe schon eine Abscheu in seinen Blicken zu spüren. Das Gefühl, ihm nicht gerecht zu werden, nahm in ihr Überhand, denn sie war ohnehin niemand, der über großes Selbstbewusstsein verfügte, und bei ihm versagte ihr kläglich aufgebautes Selbstvertrauen natürlich völlig. Jetzt war der Punkt erreicht, da eine lautstarke Wand der Stille zwischen beiden hing und sie komplett ihren Gedanken und seinen Blicken ausgeliefert war. Das Schweigen schien beide zu bedrücken. Es wurde aber unterbrochen von der Kellnerin, die jetzt herangetreten war, und die junge Frau bestellte zerstreut eine Lasagne. „Nichts zu trinken?“, fragte die Kellnerin. Erschrocken fuhr die junge Dame wieder hoch, da sie in Gedanken schon wieder ganz woanders gewesen war. „Nein, danke.“ Dann war ihr Begleiter dran. Er bestellte ein Steak und dazu, mit Blick auf sein Date, eine Flasche Wein. Wein? Was hatte er vor?

Irgendwo hatte sie mal gehört, wenn das Gegenüber Wein bestellt, will es Sex. Doch das war ganz und gar absurd. Der Typ sah so brilliant aus, dass er jede Frau haben konnte, wieso sollte er sich für sie entscheiden? Sie hatte einen rausgewachsenen Haarschnitt, ihre Lippen waren aufgesprungen, an den Oberschenkeln saßen mindestens zehn Kilo zu viel und ihre Brüste waren zu klein. Mal abgesehen davon, dass er sich mit seiner Größe sicher nicht auf eine ein Meter siebzig große Frau einlassen würde.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis die Kellnerin mit dem Wein kam. In der Zwischenzeit wichen sie ihren Blicken gegenseitig aus, und sie überlegte fieberhaft, wie sie ein Gespräch beginnen sollte. Schließlich war er es, der mit einem Kompliment über ihr Aussehen das Schweigen brach. „Du siehst wirklich toll aus. Noch schöner, als ich dich in Erinnerung hatte“, bemerkte er und hob sein soeben gefülltes Weinglas zum Anstoßen. Verlegen lächelte sie. „Danke.“ In Wirklichkeit begann sie sich aber zu ärgern. Sie war tatsächlich reingefallen. Sie war bei weitem nicht die Erste, die seinem Charme und seinem Aussehen erlegen war. Der Mann war ein stadtbekannter Frauenheld. Da sah man mal wieder, dass solche Gefühle überhaupt nicht logisch waren. Welche Gefühle? Anziehung. Leidenschaft? Verknalltheit. Das ganz sicher. Seinetwegen wäre ihre letzte Beziehung fast schon zwei Jahre eher in die Brüche gegangen. Sie  konnte sich von ihm losreißen. Wer wollte schon so einen? Bei ihm musste sie sich ja sicher sein, nach vier Monaten nicht mehr zu zählen. Aber zählte das jetzt noch?

„Du kannst dir sicher denken, warum ich dich treffen wollte“, sagte er und setzte das Glas ab.

„Nein. Nein, kann ich nicht“, gab sie zu. „Ich wusste ja nicht mal, dass du das Blind Date bist. Obwohl ich es mir so eingeredet hab.“

„Wie? Sebastian hat dir nichts davon gesagt?“

„Nein, hat er nicht. Aber offensichtlich muss ich mit ihm noch ein Hühnchen rupfen. Was bildet er sich ein, in meine Privatangelegenheit einzugreifen? Das geht gar nicht. Ich wollte dich nie wiedersehen. Und jetzt bist du auf einmal hier!“

„Wolltest du wirklich nicht?“, entgegnete er und betrachtete sie mit diesem Blick, den sie schon früher gehasst hatte. Der bedeutete, dass er ganz genau wusste, was sie in Wahrheit dachte. Er war gut in so was. „Denkst du, ich hab damals nicht gemerkt, was du von mir denkst? Das war doch offensichtlich.“

„Ach, meinst du?“ Sie war jetzt nicht mehr nervös, sondern langsam ziemlich wütend. „Weißt du, wie fies so was ist? Du hast doch gar keine Ahnung! Und schmeißt dich auch noch an mich ran! Das war doch das Letzte!“

„Erzähl mir nicht, dass du so unschuldig warst! Alles ging doch von dir aus!“ Mittlerweile wurden sie von allen Restaurantgästen angestarrt. „Erzähl doch keinen Quatsch.“ Sie schenkte sich noch mehr Wein ein und trank ihn in einem Rutsch aus. „Dir liegt so was doch im Blut. Du kannst doch gar nicht anders.“ So laut, dass es fast schon klirrte, setzte sie ihr Weinglas ab. „Und weißt du was? Darauf kann ich gut verzichten! Ich brauche dich nicht! Und dein bescheuertes Verhalten auch nicht!“ Sie sprang auf, riss dabei fast den Tisch um und stürmte davon. Ihr Weg führte sie geradewegs in die Waschräume für Damen. Sie setzte sich in eine leere Kabine, schloss die Tür und vergrub ihren Kopf in ihren Händen. Wie gern wäre ich jetzt in Paris oder an irgendeinem anderen Ort, der ganz weit weg ist, dachte sie.

Stille. Unendliche Stille. In der Klokabine hörte man weder den Restaurant- noch den Toilettenbetrieb. Außer ihr war niemand da. Es war ganz still, ihr Kopf war dafür umso lauter. Gedanken schossen ihr in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf. Was sollte sie hier? Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Er kannte sie doch eigentlich gar nicht. Und dann auch wieder doch. Er hatte ihre Gedanken genau erraten. Entmutigt bewegte sie ihren Kopf nach oben und sah, wie an die Tür ein paar undeutliche Striche gemalt waren. Es sah nach Wellen im Schwimmbad aus. Sie war früher eine gute Schwimmerin gewesen. Irgendwann hatte das nachgelassen, wann genau eigentlich? Es war ziemlich genau zwei Jahre her, ungefähr, seit – ja, seit sie mit ihm im Schwimmbad gewesen war. Neben ihm, der so schnell durchs Wasser schwebte, als hätte er schon immer dort gelebt, war sie sich vorgekommen wie ein unförmiger, hässlicher Klotz.

Sie merkte gar nicht, wie ihr Tränen aus den Augen rollten, über die Wangen, den Hals runter, und im Kleid versickerten. Dieses blöde Teil! Sie hätte es sich am liebsten runtergerissen. Irgendwann stand sie auf und blickte in den Spiegel über den Waschbecken. Sie sah furchtbar aus mit all dem zerlaufenen Makeup. Sie wischte sich mit rauen Zügen das Geschmiere aus dem Gesicht und beschloss, einen Zehner auf den Tisch zu schmeißen und dann nach Hause zu gehen. Zurück in ihr einsames Zimmer. Sie schniefte und warf das vollgeschmierte Klopapier weg. Dann steuerte sie den Essbereich wieder an. Zu ihrer Überraschung saß er immer noch da. Er starrte ins Leere. Außer ihnen waren keine anderen Gäste mehr da. Als er merkte, dass sie da war, guckte er sie stumm an. Aus seinem Blick war alles und nichts zu lesen. Sie setzte sich wieder hin. „Tut mir Leid, dass ich hier einfach so weggelaufen bin.“ Nur, um etwas zu tun zu haben, schaufelte sie sich die restliche Lasagne rein. „Wir sind vermutlich beide nicht gerade unschuldig.“ „Wie Recht du hast“, pflichtete er ihr bei. „Und was machen wir jetzt?“ Zwei Gläser Wein waren noch übrig, die sie beide rasch austranken. „Wir sollten vielleicht… zu einem von uns… nach Hause gehen. Reden. Was meinst du?“ „Gute Idee“, antwortete sie. Die Rechnung bezahlte er. Der Fußmarsch durch die Stadt, zu seiner Wohnung, wurde schweigend zurückgelegt. Beide hatten wahrscheinlich sehr viel Gedankenmüll im Kopf, der verwertet oder entsorgt werden musste. Nach einiger Zeit standen sie vor der Haustür. Galant, wie er nun einmal war, hielt er ihr sie auf. Die Wohnung lag im dritten Stock. Um die Zeit schliefen natürlich schon alle anderen Hausbewohner. Vor der Wohnungstür schließlich stotterte er im Flüsterton: „Wi… willst du nicht mi… mit reinkommen?“ Es rührte sie, wenngleich sie nicht ganz genau wusste, was davon zu halten war. Er war gut darin, Frauen etwas vorzuspielen, und sie wusste das. Aus diesem Grund war sie ja hier gelandet. Doch war das Ganze echt? War es nun Show oder nicht? Das vermochte sie nicht zu sagen. Schon lange wusste sie, dass man sich nie sicher sein konnte. Nie. Aber war das in der Liebe nicht so? Sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen, soweit das eben möglich war, zog ihn zu sich runter, soweit das eben möglich war, und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss. Er schlang ihre Arme um sie und hob sie dabei ein bisschen hoch, und sie wuschelte durch seine Haare. Als sie wieder von ihm abließ, lächelte er sie an. Dann gingen sie in seine Wohnung.

ENDE

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Über kitschautorin

Ich bin Früh-ins-Bett-Geherin. Im Internet zu Hause. Fürs DRK als Blutspendenanmeldungshilfe aktiv. Gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch. Gegen Atomkraft und sinnlose Verbote. Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Politisch interessiert. Auf Flickr zu finden: https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/ Ich blogge über alles, was mich bewegt. Soll heißen: über meine Arbeit. Meine Familie. Das Fernsehen. Meine Freunde. Meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dämliche Printerzeugnisse. Bücher. Die drei Jahre in einer der schlimmsten Berufsschulen dieses Landes. Sexualität. Meine Beziehung. Die Universität. Zitate. Und alles, was ich sonst noch so erlebe. Ich mag Bücher. Nudeln. „Hör mal, wer da hämmert“. Die Ärzte. Zitate. Meine Arbeit beim Radio. Urban Priol. Volker Pispers. SpongeBob. Garfield. „Switch“. „Ein Herz und eine Seele“. Ich hasse Fremdenfeindlichkeit. Misogynie. Homo- und Frankophobie. Die meisten Sorten von Kohl (auch den aus der CDU, haha). Den Großteil des Fernsehprogramms. Armut. Arroganz. Die Bildzeitung. Leute, die anderen Leuten keine eigene Meinung gönnen. Das Wort „Gutmensch“. Fußball. Viele Politiker. Ich habe hier noch mehr über mich geschrieben: https://kitschautorin.wordpress.com/2011/04/16/alles-glanzt-so-schon-neu/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/01/17/11-fragen/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/07/22/immer-wieder-sonntags/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/03/07/mal-wieder-was-uber-mich/ https://kitschautorin.wordpress.com/2013/05/04/was-ich-unbedingt-noch-machen-will/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/11/fragebogen-zu-film-und-kino/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/15/nochn-fragebogen/

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