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Monatsarchiv: Mai 2011

Analyse eines Traums

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Letzte Nacht habe ich in der Fußgängerzone dem Beginn einer Revolution beigewohnt. Leuchtbomben (oder wie immer man die nennen will) flogen durch die Luft und die Polizisten versuchten, sich mit so Plastikschildern zu schützen. Danach irrte ich durch die kleinen Straßem in der Nähe der Universitätsbibliothek, und mir fiel ein, dass ich noch zur Schule musste. Unterwegs traf ich einen früheren Mitabiturienten (den, der nach Mädchen aussah) und stellte ihm viele Fragen über sein jetziges Leben, aber er wollte mir nicht so recht antworten.

Ich beschloss, die U-Bahn zu nehmen, und ich musste auch nicht so lange warten. Als ich geschubst wurde, beschimpfte ich den Schubser als Arschloch, woraufhin er mich mit einem Messer bedrohte. Die Klinge schrappte bereits über meinen Finger und es blutete nicht zu knapp.

Kurz nach sieben wachte ich auf und dachte: Was soll der Scheiß? Nach drei langweiligen Unterrichtsstunden ist es mir klar geworden.

Sigmund Freud, Arthur Schnitzler und der oben erwähnte Mitschüler haben mir einiges über Traumdeutung beigebracht.Die aufkeimende Revolution bezieht sich nicht etwa auf die weltpolitische Lage oder die Montagsdemos, die hier neuerdings immer stattfinden. Natürlich ist das alles ein Symbol für mein Befinden. Ich bin nicht gewillt, den ganzen Wohnungs-, Schul- und Freundesscheiß, der in meinem Leben so passiert, noch länger hinzunehmen. Wenn das noch länger so weitergeht, lasse ich auch bald Geschosse fliegen. Im Traum irrte ich so wie grad im Real Life auch herum, ohne zu wissen, was ich will. Auf dem Weg zur Schule passiert mir etwas Schlechtes, also sollte ich dort gar nicht erst hin. Und die U-Bahn ist natürlich eine glasklare Anspielung auf meinen Trip nach und durch Düsseldorf, den ich letzte Woche unternahm und der nicht gerade optimal verlief. (Wie sollte es auch anders sein? Meine Heimatstadt verfügt gar nicht über eine U-Bahn.)

Und damit anderen Leuten nicht auch noch so was passiert, hier Kitschis Tipps für einen Kurztrip in eine unbekannte Stadt:

1. Falls ihr in Begleitung fahrt, trefft euch nicht zu früh am Bahnhof. Es ist nicht lustig, vierzig Minuten vor der Ankunft am Gleis zu sitzen und bereits nach zwanzig Minuten nicht mehr zu wissen, was man sagen soll.

2. Nehmt einen Plan mit, der besser ist als die kleinste Auflösung von Google Maps. Ohne gezielt was zu suchen, in der Stadt herumzulaufen, ist schön. Aber spätestens dann, wenn es zum eigentlichen Grund des Trips geht, sollte man über einen ordentlichen Stadtplan verfügen.

3. Nehmt ausreichend zu trinken und zu essen mit.

4. Je größer die Stadt, desto größer muss das Budget sein. Ersatzweise muss man sich bereits zu Hause mit dem, was man normalerweise unterwegs kaufen würde, eingedeckt haben. Siehe Regel 3.

5. Benutzt Kaugummis. Oder wenigstens Minzpastillen.

6. Schaut genau nach, wann welcher Zug zurück in die Heimat fährt. Es ist nicht lustig, zum Bahnhof zu gehen, weil man denkt, es würden ja vor dem anvisierten IC noch andere Züge nach Hause fahren, und dann merken, dass das nicht so ist und man noch viereinhalb Stunden rumkriegen muss.

7. Fahrt nicht nachts zurück.

8. Überlegt euch genau, mit wem ihr fahrt. Von der Wahl der Reisegenossen kann der relative Erfolg der Nacht abhängen.

9. Die Polizei ist (zumindest in den meisten Fällen) immer noch euer Freund und Helfer.

Ich habe jedenfalls eins gelernt: Ich werde alles tun, damit ich nicht noch mal so ein Wochenende wie das vorletzte erlebe. Gemeinhin zähle ich ja die Zeit nach dem Schulschluss am Freitag schon dazu, und da mir netterweise gesteckt wurde, dass meine Mithühner aus Gründen, die ich jetzt hier nicht näher erläutern will, sich hinter meinem Rücken das Maul über mich zerrissen haben, endete mein Schultag für mich zwei Stunden früher. Ich glaube, nach solch einer Entdeckung will niemand mehr in der Klasse sitzen. Man könnte sich eh nicht konzentrieren. Unter normalen Umständen hätte ich den Kurztrip auch noch abgeblasen, aber ich hatte ja so arschviel Geld für die Zugkarten ausgegeben.

Ich konnte den Freitagmittag nicht genießen, ich konnte die Fahrt in die Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens nicht genießen, und nach dem Trip war ich so fertig, dass ich grad mal Frühstück essen und ins Bett fallen konnte. Den Samstag habe ich dann zu großen Teilen verschlafen, aber immerhin war in der verbleibenden Zeit mein Freund nur für mich da.

Naja, das letzte Wochenende war schon um einiges besser. Leider ist es immer viel zu schnell vorbei, aber ich liebe die zweidreiviertel Tage vom Schulschluss am Freitag bis zum Weckerklingeln am Montagmorgen. Es geht doch wirklich nichts über den Augenblick, in dem mein Wirtschaftskundelehrer das Ende der Stunde verkündet und ich die Sachen in Windeseile einpacke, um zum Hauptbahnhof zu gehen und in den Zug zu meinem Freund zu steigen.

Freitag, 13 Uhr – der Countdown läuft wieder. Noch drei Tage, einundzwanzig Stunden und ungefähr fünfundvierzig Minuten. Ich freu mich.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

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Oh là là

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Viele, die den nächsten Abschnitt lesen, werden sich jetzt sicher fragen, wieso ich mich denn so aufgeregt hab. Aber es muss raus, weil ich wirklich verdammt wütend war.

Natürlich hat man als Lehrperson dafür zu sorgen, dass die SchülerInnen aufpassen. (Ich glaube, in unserem Fall könnte man das „i“ sogar kleinschreiben, weil der einzige Mann aus unserer Klasse fast nie da ist.) Natürlich sollte ich im Unterricht aufpassen. Da mir das allerdings durch einen mittelschweren Eisenmangel erschwert wird, fand ich es nicht ganz so knorke, dass meine ach so hochgeschätzte Französischlehrerin mich genau im Konzentrationstief drannahm, dann rumschimpfte, warum ich nie aufpasse, und mir dann, als ich fragte, wo wir genau sind, einfach stumpf meine Sitznachbarin aufrief. Ich hab ja auch NIE mit Lehrern über meine Gesundheit gesprochen. Ich hätte kotzen können.

Ich war verdammt froh, als ich endlich wieder zu Hause war, und warf sogleich eine DVD ein. Sie enthält diese Aufklärungsserie vom Kika, über die sich zur Zeit alle so aufregen: „Du bist kein Werwolf“. Ich will diese mal stückweise besprechen:

1.) Der Beitrag über das Verstecken einer Erektion war schuld daran, dass ich auf die Serie aufmerksam wurde, denn er wurde in meiner Lieblingsinternetserie Fernsehkritik-TV besprochen. Im Gegensatz zu einigen anderen finde ich es aber grundsätzlich gut, dass so etwas mal im Kinderfernsehen gezeigt wird. Mir gefiel auch die Herangehensweise, wie man versucht hat, den Kindern das Thema „Wie merkt niemand, dass ich eine Erektion habe?“ nahezubringen. Weder versaut noch verkrampft, einfach ganz normal eben.

2.) Die Eingangssituation im Privatsphärebeitrag war mir nur zu vertraut. Ich erinnere mich an unzählige Szenen, in denen mein Freund und ich irgendwie versucht haben, Zeit für uns zu haben, was mir entweder durch meinen kleinen Bruder oder (was viel schlimmer war) durch meine Eltern zunichte gemacht wurde. Die Begründung der Mutter in dem Film, warum der Junge die Tür auflassen soll, wenn seine Freundin da ist, war total daneben, sie bestand lediglich aus dem Wort „Darum!“. (Bin ich froh, dass ich nicht mehr bei meinen Eltern wohne.) Auch die anderen Situationen mit Jens und Carla waren sehr gut nachvollziehbar. Ich fand Wolfmans Erklärungen gut, obwohl der etwas albern daherkam.

3.) Die Selbstversuche waren auch ganz interessant. Wie sich doch alles ändert, wenn man einen ganzen Tag nur lächeln soll. Es ist manchmal schwer, aber es erleichtert auch einiges. Man wird fröhlicher, war auch das Versuchsergebnis der vierzehnjährigen Alicia.

4.) Beim Beitrag über den Haarwuchs fühlte ich mich unweigerlich an die beiden anderen Sendungen erinnert, die Ralph Caspers sonst macht – „Die Sendung mit der Maus“ und „Wissen macht Ah!“. Hochwissenschaftlich und trotzdem sehr gut erklärt. Gleiches gilt für die anderen Beiträge über die jugendliche Anatomie.

5.) Die Pärchengeschichten waren echt süß. Und es scheint relativ realistisch beschrieben zu sein. Sofern man das in dieser Hinsicht behaupten kann.

6.) Ich fand einige Anmerkungen sehr treffend, beispielsweise, dass auch Polygamie angeschnitten wurde. Beim Beitrag über Verhütung mochte ich den Hinweis „einige sind nicht für Jugendliche geeignet, da zu unsicher“. Und den Hinweis, dass das Jungfernhäutchen nicht sicher verrät, ob ein Mädchen bereits Sex hatte, fand ich sehr interessant.

7.) Zu der Erwähnung mit der Nummer gegen Kummer muss ich allerdings sagen, dass das laut meiner Erfahrung nicht unbedingt was bringt. Ständig ist besetzt. Außerdem ist mir aufgefallen, dass uns die Nummer schon in der Vierten gegeben wurde.

8.) Ich habe sehr gelacht, als erklärt wurde, wie man am besten an seinen Schwarm rankommt und dann gesagt wurde: „Vielleicht kann man auch an der körperlichen Reaktion erkennen, ob der andere einen mag.“ Gemeint war eine sichtbare Erektion.

9.) „Männer und Gefühle, Lukas! Das geht!“

10.) Der Kika traut sich tatsächlich, ein Lesbenpärchen zu zeigen? Das ist schon mal ein großer Fortschritt.

Auch wenn es an der Sendung noch ein paar Sachen zu verbessern gibt, so kann ich im Grunde doch nur begrüßen, dass Kika versucht, so mit dem Thema umzugehen. Ich bin persönlich auch für einen offenen Umgang mit Sexualität. Ich hätte mir auch gewünscht, von meinen Eltern aufgeklärt zu werden anstatt von der Sachkundelehrerin in der dritten Klasse. Wahrscheinlich ist das auch der Grund dafür, dass ich total verklemmt bin. Ich erinnere mich mit Gruseln an einige alkoholgestützte Abende, in der wir in der Clique über sexuelle Vorlieben diskutiert haben. Mit meiner Mutter habe ich genau zwei Mal über Sex gesprochen: als ich meinen ersten Freund bekam und nachdem ich operiert wurde. Mir ist natürlich klar, dass Sex etwas ganz Normales ist, und ich spiele ja nicht nur am Computer meines Freundes rum. Aber unterbewusst scheine ich wohl immer noch zu denken, dass Sex etwas Schmutziges ist. Wie sonst könnte ich jedes Mal, wenn das Gespräch auf „das Thema“ kommt, so rot werden wie meine Haare und mir wünschen, ich wäre an einem anderen Ort?

Vielleicht hat es aber auch nur mit unserer Gesellschaft zu tun. Man muss kein 83jähriger katholischer Priester sein, um zu denken, dass sie total übersexualisiert ist. Ich hatte mein erstes Mal mit sechzehn. Und wenn man so einigen Leuten Glauben schenken darf, bin ich damit bereits die totale Loserin. Und nicht wenige Menschen geben einem das Gefühl, zurückgeblieben zu sein, wenn man nicht so sexuell aktiv ist wie sie. In letzter Zeit scheint der große Trend ja bei SM zu liegen. Bin ich weniger wert, wenn ich das nicht machen will? Ich denke nein. Scheint aber die Meinung vieler zu sein.

Ich will ich sein. Vor allem in Liebesdingen. Und vielleicht bin ich verklemmt – aber das ist allemal besser, als keine Grenzen zu kennen und bei jeder Zusammenkunft früher oder später das Thema Sex anzuschneiden.

Wir sollten alle da hinkommen, der Meinung zu sein, daß sexuelle Neigung und sexuelle Präferenz letztlich die Privatsache eines jeden von uns ist. Ehrlich, ich will gar nicht wissen, mit wem mein Nachbar schläft.

(Jürgen Domian)

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin