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Monatsarchiv: September 2012

Kurz kommentiert (mehr oder weniger), Teil 16 & mein Wochenende

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http://www.noz.de/deutschland-und-welt/politik/66927236/friedrich-warnt-neonazis-unterwandern-ostdeutschland

Wenn wir unsere Waren überall in der Welt verkaufen wollen, müssen wir uns auch gegenüber an unserem Land interessierten Menschen offen zeigen.

1.) Sagt derselbe Mann, der letztes Jahr verkündete, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört.

2.) Petra Pau merkte schon ganz richtig an, dass er zu ökonomistisch denkt. Es wäre jedenfalls ziemlich schäbig, nur weltoffen zu sein, weil man anderen Leuten was verkaufen will.

Wo wir gerade bei Nazis waren: Gestern war ich in Köln und habe mir zusammen mit einigen Freunden das NS-Dokumentationszentrum angesehen. In dem Gebäude war früher das Gestapogefängnis und die Gedenkstätte im Keller war wirklich bedrückend. Man sah die Inschriften von Häftlingen, die Botschaften in die Wände geritzt hatten. Hoffnungsvolle, verzweifelte, kämpferische Botschaften. In der Dauerausstellung konnte man sich Interviews mit Menschen anhören, die von Nazis verfolgten Gruppen angehören bzw. angehörten. Ich hatte mir gerade etwas über Homosexuelle angehört, als ich plötzlich entdeckte, dass irgendein, sorry für den Ausdruck, Arschloch ein Hakenkreuz samt “Heil Hitler” in die Wand geritzt hatte. Wer macht so was?

Den Besuch des NS-Dokumentationszentrums kann ich jedenfalls nur empfehlen. Nachdem ich da war, war ich noch etwas in der Stadt unterwegs. Kurz bevor sich unsere Reisegruppe am Bahnhof treffen wollte, rutschte ich auf einem Flyer aus und fiel hin. Immerhin kann ich jetzt wieder einigermaßen gehen. Ich überlege gerade noch, ob ich zum Arzt gehe.

Mein Wort zum Sonntag:

1.) Passt auf, dass sich die Jahre 1933 bis 1945 nicht wiederholen.

2.) Lasst Müll nicht einfach auf dem Boden liegen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Was ich seit Schulende gemacht habe

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Ich habe in letzter Zeit einige Artikel geschrieben sowie Beiträge fürs Radio erstellt (da mache ich nämlich gerade ein Praktikum):

http://www.spiesser.de/artikel/im-norden-nichts-neues

http://www.mitmischen.de/diskutieren/topthemen/schueler-bafoeg/streitgespraech/index.jsp

http://www.mitmischen.de/diskutieren/topthemen/bundesstiftung_baukultur/fotoreportage_lieblingsbauten/index.jsp (Bild Nummer 8)

http://www.schekker.de/content/pro-contra-%E2%80%9Eschulfach-internet-erziehung%E2%80%9C

http://www.schekker.de/content/weltsprache-deutsch

http://osradio-podcast.de/2012/09/07/umfairteilen-osnabruck/

http://osradio-podcast.de/2012/09/11/judischer-abend-im-felix-nussbaum-haus/

Auch in Sachen Uni hat sich einiges getan. Ich war mit sehr vielen Papieren beschäftigt, deswegen habe ich den Bafögantrag erst am Donnerstag abgegeben. Viel früher hätte es allerdings auch nicht sein können. Die Immatrikulationsbescheinigung lag nämlich erst am Wochenende davor im Briefkasten. Die Studiengebühren hauen ein ganz schönes Loch ins Konto, aber es ist ein schönes Gefühl, endlich eingeschrieben zu sein.

Da ich die erforderlichen Unterlagen endlich hatte, konnte ich mich auch für die Kurse eintragen. Es hat ein paar Stunden gedauert, bis ich alles zusammen hatte. Ich musste mich durch zwei Studienordnungen und unzählige Male durch die Uni-Suchmaschine wühlen. Es war schon lustig, als ich mal wieder eine Veranstaltung suchte, einfach nur “bla” eingab, um auf die gewünschte Suchansicht zurückzukommen, und trotzdem Ergebnisse bekam. Vorausgesetzt, ich habe jetzt wirklich alles zusammen, sieht mein Stundenplan sehr human aus. Ich beginne nur einen einzigen Tag vor zwölf Uhr, muss nie länger als bis sechs in der Uni sein, habe nie mehr als zwei Veranstaltungen am Tag und der Freitag ist komplett frei. Ich muss allerdings noch eine Überschneidung rauskriegen.

Ich freue mich schon auf die Einführungswoche. Meine Studentenfreunde, die alle schon mindestens vier Jahre studieren, gehen jedes Jahr wieder hin, weil man so viel Gratiszeug abstauben kann. Kugelschreiber, Essensproben, Zeitungen, Kondome und noch viel mehr. Für mich ist es natürlich noch wichtig, weil ich dort viele Infos über mein Studium kriege und mir vielleicht schon mal die anderen Studis ansehen kann. Der Anfang wird mir dadurch noch erleichtert, dass in zwei Veranstaltungen Freunde von mir sitzen. Die erste Veranstaltung am 8. Oktober muss ich allerdings noch allein besuchen. Aber es wird bestimmt trotzdem toll.

Mit akademischen Grüßen

Die Kitschautorin

Kurz kommentiert (mehr oder weniger), Teil 15

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http://www.tagesschau.de/ausland/limonade-new-york100.html

Das ist zwar sehr löblich, aber in meinen Augen wird es nichts bringen. In Supermärkten und Lebensmittelgeschäften wird es nämlich auch weiterhin Riesen-Softdrinks geben. Getränke, in denen statt Süßstoff Zucker enthalten ist, und Säfte sind von der Regelung sowieso ausgenommen. Das ist ja ungefähr so, als würde jemand ein Anti-Tabakwerbungs-Gesetz erlassen, das besagt, dass Tabakwerbung verboten ist, aber nicht in Kinos, auf Litfaßsäulen oder Bushaltestellen, und Mentholzigaretten sind generell ausgenommen.

Das Verkaufsverbot ist zwar ein guter Anfang, es geht aber nicht weit genug.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Gedanken beim Lesen des Flimmo

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Die Ausgabe, die ich heute bespreche, beinhält (-haltet?) ein Special zum Thema “Star Wars”. Dazu kann ich gar nicht so viel sagen, da ich die Filme nicht kenne. Das Special endet allerdings mit einigen Tipps für Eltern. Die Ratschläge, nicht alle Merchandise-Produkte zu kaufen und eigene Star-Wars-Spiele zu entwickeln, finde ich richtig gut. Man will ja auch nicht, dass die eigenen Kinder total verwöhnt und unkreativ werden. Die Idee, die Filme zusammen mit dem Nachwuchs zu gucken, finde ich auch ganz gut, allerdings glaube ich kaum, dass sich Kinder darauf einlassen, zumindest nicht ältere. Ich hätte in dem Alter keine Lust gehabt, Sachen nur unter der Aufsicht der Eltern tun zu dürfen.

Wer das Fernsehen als Strafe oder Belohnung einsetzt, sollte sich im Klaren darüber sein, dass es damit an Bedeutung gewinnt und der Reiz noch größer wird. Bei schlechten Noten sollte man lieber gemeinsam nach Ursachen suchen und über Lösungen nachdenken.

Das kann ich bestätigen. Meine blauen Briefe der Klassen acht bis zehn resultierten daraus, dass ich lieber vorm Fernseher hing, als zu lernen oder Hausaufgaben zu machen. Verbote brachten aber nichts. Ich setzte bei Verboten alles daran, doch irgendwie fernzusehen oder wenn das nicht klappte, wenigstens irgendwas anderes zu machen. Gelernt hab ich in solchen Fällen jedenfalls nie.

Es ist übrigens interessant, wie doch die Meinungen über ein bestimmtes Thema auseinandergehen können. In der Rubrik “Rundum vermarktet” wird Benjamin Blümchen besprochen und kommt gut weg. Ein Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung, den ich vor einiger Zeit gelesen habe, verdammt den Klassiker mehr oder weniger, da er ein zu negatives Bild von Politik zeichnet.

Leider muss ich wieder meckern. Die Einstufung der Serien ist immer noch merkwürdig. Eine Serie wie “The Big Bang theory” steht unter der Kategorie “Kinder finden’s prima”. Ich habe mit Leuten gesprochen, die die Serie häufiger gucken als ich, und sie sind der Meinung, dass es aufgrund des Humors eher nicht für Kinder bis 13 Jahren geeignet ist. Richtiger Müll wie Christopher Posch, “Mitten im Leben” oder “Schwiegertochter gesucht” steht nur unter “Mit Ecken und Kanten” und nicht etwa unter “Nicht für Kinder”, wohin er gehört. Dabei sind die Begründungen sogar ziemlich gut. Das erinnert mich an meinen ehemaligen Deutschlehrer aus der Zehnten, der immer werweißwieviel an meinen Aufsätzen auszusetzen hatte und mir dann doch eine Drei minus gab.

Es stand diesmal zwar mehr Gutes drin, aber wenn ich Kinder hätte, würde ich mich immer noch nicht auf den Flimmo verlassen. (Es ist sowieso keine gute Idee, sich dafür allein auf ein Heft zu verlassen. Selber durchs Programm surfen ist besser.)

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Schreibidee 1

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Die letzte Geschichte kam anscheinend ziemlich gut an – vielen Dank für die Komplimente, möchte ich an dieser Stelle noch einmal sagen. Ich werde, beginnend mit dem heutigen Eintrag, eine ganze Serie veröffentlichen. Sie basiert auf Schreibideen, die ich im Internet gefunden habe:

http://schreibschrift.wordpress.com/2011/08/17/300-schreibideen-aus-diesem-blog/

Die heutige Schreibidee hat mit Reportagefotos zu tun. Fotos generell sind eine ganz tolle Inspiration, kann ich nur empfehlen.

Viel Spaß mit der heutigen Geschichte.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Noch niemals in New York

„Wie geht es Ihnen heute?“ „Ach, wissen Sie, wenn man nichts mehr vom Leben zu erwarten hat…“ Diese Sätze hallten immer noch in Lenis Kopf nach. Ihre Enkelin war zu Besuch gewesen. Sie hatte eine DVD mitgebracht und so einen neumodischen Computer. Einen Läpptopp, wie sie gesagt hatte. Und dann hatte sie den Film gesehen, am Tag, bevor sie wieder zurückgefahren war. Ihr Sohn, der seine Tochter abgeholt hatte, hatte noch ein paar Worte mit ihr gewechselt, und dann war es das wieder gewesen mit den Ereignissen für diese Woche.

Leni sah auf die Wanduhr. Bald war es wieder Zeit für Kaffee und Kuchen. In der Wohnung unter ihr wurde schon eifrig mit Geschirr geklappert. Das konnte sie ganz genau hören. Das Einzige, was bei ihr zu hören war, war das Ticktack der Wanduhr. Sie schaute nach draußen. Ein paar Vögel flogen vorbei. In der Ferne konnte man sehen, wie ein Zug davonfuhr. Unten hing jemand Wäsche auf.

Leise seufzend und langsam erhob Leni sich vom grünen Ohrensessel und ging in die Küche. Unter ihren Füßen knatschte der Bodenbelag. Sie schaute aus dem Fenster. Draußen fuhren Autos vorbei. Etwa alle dreißig Sekunden eins. Wie gewöhnlich schaute sie, wie viel Grad es waren. Draußen zehn Komma drei, in der Wohnung achtzehn Komma neun.

Leni schaltete die Kaffeemaschine ein und stellte das Geschirr auf den Küchentisch. Bevor sie sich hinsetzte, drehte sie noch das alte Radio an.

Er zog die Tür zu, ging stumm hinaus,
ins neonhelle Treppenhaus,
es roch nach Bohnerwachs und Spießigkeit.
und auf der Treppe dachte er, wie wenn das jetzt ein Aufbruch wär,
ich müsste einfach geh’n für alle Zeit,
für alle Zeit…
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii,
ging nie durch San Francisco in zerriss’nen Jeans,
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei,
einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n.

Es wurde ein sehr nachdenklicher Kaffee. Sie vergaß sogar, Milch hinzuzufügen wie sonst immer. Als sie den Kaffee getrunken hatte, setzte sie sich wieder ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein, aber sie schaute gar nicht hin, ließ stattdessen die Gedanken schweifen.

Wirklich weggefahren war Leni in ihrem Leben nie. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern war sie früher immer an die Nordsee gefahren. Für mehr war kein Geld da gewesen. Nachdem der Nachwuchs ausgezogen war, hatten diese Ausflüge praktisch aufgehört. Lenis Mann hatte sehr viel gearbeitet und sie war Hausfrau gewesen. Als er in Rente gegangen war, hatte sie gehofft, mit ihm endlich mal eine große Reise unternehmen zu können. Drei Monate später war er gestorben. In ihrem Leben hatte sie noch nie mehr gesehen als ihr Haus und die Nordsee.

Leni begab sich wieder in die Küche, nahm die Kaffeedose, die im Regal neben dem Kalender stand, öffnete sie und zählte, was sie darin fand. Zufrieden nickte sie und telefonierte einmal im Wohnzimmer. Dann packte sie ein paar Kleidungsstücke in ihren alten Koffer, zog Jacke, Schal und Mütze an und verließ die Wohnung. Der freundliche junge Mann von gegenüber half ihr, den Koffer nach unten zu tragen. Dort wartete schon das Taxi. Sie stieg ein und sagte dem Fahrer: „Zum Flughafen, bitte.“

Kurz kommentiert (mehr oder weniger), Teil 14

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http://t.co/C5CCv6jM

Ich weiß nicht, ob an den Gerüchten über Bettina Wulff etwas dran ist. Ich habe nur zwei kleine Anmerkungen:

1.) Wenn sie so ein Aufhebens darum macht, scheint an der Sache etwas dran zu sein. Getroffene Hunde bellen schließlich.

2.) Die Frau hat wohl noch nie was vom Streisand-Effekt gehört.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Nachtrag vom 10. September: Ich habe in diesem Szenario die Buchverkäufe nicht bedacht. Wahrscheinlich setzt Frau Wulff den Streisand-Effekt zu ihren Gunsten ein.

100 Artikel – 20 Jahre

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Das hier ist der hundertste Artikel in diesem Blog, wheee! Aus diesem besonderen Anlass hier eine Geschichte von mir, die ich zu meinen besten Werken zähle. Ich hoffe, sie gefällt euch. Viel Spaß beim Lesen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Zwanzig Jahre

 

Was für ein bescheuerter Geburtstag. Bestimmt hatten sich die Leute vom Kultusministerium verschworen, um ihr diesen besonderen Tag zu versauen. Annika dehnte und streckte sich und sah dabei aus dem Fenster. Diesen Platz würde sie während der nächsten vier Stunden nicht verlassen. Höchstens, um auf Klo zu gehen. Und selbst das wäre nicht immer möglich.

Sie war frühmorgens an einem Ort, den sie nicht mochte, und das an ihrem Geburtstag. An einem normalen Schultag hätte sie wahrscheinlich in der Schule angerufen und irgendeine Entschuldigung vorgebracht, aber heute war das schwer möglich.

Vor ihr lagen mehrere blütenweiße Bögen, einige liniert, einige nicht, und ein bisschen Recyclingpapier. Auf allen Blättern stand der Name der Schule. Und die unlinierten weißen Bögen würde Annika in den nächsten vier Stunden mit Leben füllen müssen. Mit etwas Sinnvollem, das idealerweise mit Geschichte zu tun hatte. Ausgerechnet Geschichte. Das blödeste Fach, das Annika nur gewählt hatte, weil irgendwas aus dem Fachbereich dabei sein musste. Es war so wahnsinnig lernaufwändig gewesen. Pausenlos hatte Annika am Schreibtisch gesessen und versucht, sich alle möglichen Daten einzuprägen, und es war schwierig gewesen, da die Themen sehr breit gefächert waren. Altes Rom, Nationalsozialismus, Renaissance. Und jetzt saß Annika auf diesem Stuhl und hatte einen Aufgabenvorschlag auszuwählen und wusste nicht weiter. Der eine hatte mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun und der andere mit Augustus.

Wie entschieden sich die anderen wohl? Ben starrte wie sie gedankenverloren herum, Maria blätterte gerade um, Vanessa wechselte eine Füllerpatrone aus. Füller. Damit hatte Annika noch nie schreiben können, ohne sich mit Tinte vollzukleckern. Und es war immer so verdammt schwer, die Tinte wieder abzukriegen.

Meine Güte, was war hier gerade los? Sollte sie nicht längst an der Arbeit sitzen? Einer der Prüfer schaute ihr in die Augen. Dieser Moment dauerte nur kurz, aber Annika erkannte genau, dass er ihr am liebsten zurufen würde: Fangen Sie endlich an! Vergeuden Sie nicht ihre Zeit! Er hatte Recht. Annika schnappte sich einen der Aufgabenvorschläge und etwas Konzeptpapier.

 

Als Frieda ein Kind gewesen war, war jeder ihrer Geburtstage gefeiert worden. Sie hatte viele Geschenke bekommen, ein Geburtstagslied und viel Kuchen. Ihre Mutter konnte guten Kuchen backen. Dieser Geburtstag hingegen war kein schöner Tag. Es war kalt, der Wind pfiff durch die Straßen, überall nur zerbombte Häuser.

Frieda stand auf der Straße, sah sich um. Sie erblickte einen Mann, der mit Krücken und Holzbein die Straße entlanghumpelte. Sie seufzte. Immerhin hatte er überlebt. Viele andere, die sie gekannt hatte, waren tot.

Hinter ihr lagen harte, entbehrungsreiche Wochen. Ihr Zuhause hatte sie verlassen müssen, es war nicht mehr deutsch. Ein Onkel in Berlin hatte sie aufgenommen, da ihm eins der wenigen unzerstörten Häuser gehörte. Essen war knapp, so wie alle Güter des täglichen Bedarfs. Ständig hatte man Hunger.

Wie sollte es nur weitergehen? Die Aufbauarbeiten hatten schon begonnen, aber so kaputt, wie alles war, würden sie ewig dauern. Friedas Vater war in russischer Gefangenschaft und ihre Mutter musste fünf Kinder versorgen. Als Älteste musste Frieda mithelfen. Es war hart. Sie fragte sich, wie es nur weitergehen sollte – ohne Essen, Vater, Geld oder ein stabiles politisches System. Sie sehnte sich nach der Zeit ihrer Kindheit zurück, als noch nicht alles in Trümmern lag. Als ihr Vater ihr noch Gutenachtgeschichten vorlas und die Mutter noch Geburtstagskuchen backte. Frieda seufzte und ging ins Haus zurück.

 

Annika hatte in der Schule drei Mal Nationalsozialismus behandeln müssen. Das erste Mal war in der achten Klasse im Religionsunterricht gewesen. Ihr Lehrer hatte etwas von einem Mönch erzählt, der einen Mann gerettet hatte, der mit ihm im KZ inhaftiert gewesen war, indem er sich für ihn geopfert hatte. Annika hatte diesen Mann bewundert. Das zweite Mal war in der zehnten Klasse gewesen, im Geschichtsunterricht. Die Lehrerin hatte einen Haufen Referate verteilt und einen Besuch der einige hundert Kilometer entfernten Gedenkstätte Bergen-Belsen angeregt. Dies war schließlich an der schlechten Bahnverbindung gescheitert. In der zwölften Klasse war es schließlich Halbjahresthema geworden. Da hatten schon einige gemurrt. „Muss das sein? Wir hatten das doch nun schon rauf und runter!“ Das Thema war ihren Mitschülern zu banal geworden, zu uninteressant. Annika hatte sich dafür noch relativ stark interessiert, sich aus der Bücherei Anne Franks Tagebuch und ‚Schindlers Liste‘ ausgeliehen und viele Filme zu dem Thema gesehen. In der Zeit nach dem Abi wollte sie nach Frankreich fahren und bei der Pflege eines jüdischen Friedhofs helfen. Sie fand es schade, dass sich so wenige Leute um die Vergangenheit kümmerten. Und dennoch gab es bei weitem Schöneres, als eine Abschlussprüfung darüber zu schreiben, wie Annika seufzend feststellte. Sie atmete tief durch und schrieb weiter.

 

In diesem denkwürdigen Winter, der schon lange her war und von dem Frieda damals noch nicht wusste, dass er ihr Leben verändern würde, hatte ihr Vater gejubelt. „Jetzt geht es endlich wieder aufwärts!“, hatte er lauthals am Küchentisch verkündet. Er hatte sich im Recht gesehen, da seine Brüder wieder Arbeit gefunden hatten. Frieda wurde zur Mitgliedschaft im BDM gezwungen. Sie ging dort ohne große Freude, aber auch ohne großen Widerwillen hin. Im Grunde lebten die meisten Menschen so ihr Leben. Aber sie hatte sich des Öfteren einige Dinge gefragt. Ob der Feind wirklich getötet werden müsse. Wenn sie es jedoch wagte, so etwas laut auszusprechen, wurde sie ausgeschimpft. Sie verstehe davon nichts. Wie sie so etwas nur sagen könne. Und dann wurde sie in schöner Regelmäßigkeit auf ihr Zimmer geschickt. Schön war das nicht. Und dann kam der Krieg. Ihr Vater wurde eingezogen, seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Es gab gelegentlich Briefe, irgendwann kam gar nichts mehr. Mit dem Krieg kamen die Zerstörung und der Hunger. Ihr Heimatland verwandelte sich zu großen Teilen in ein Trümmerfeld und sie verlor so viele Menschen. Ihren Vater. Ihre Großmutter, die von einer Bombe zerfetzt wurde. Aber es wurde allenthalben verkündet, dass der Krieg notwendig war. War es auch notwendig, dass ihr ihr Vater und ihre Großmutter genommen wurden? Aber so etwas durfte man ja nicht sagen.

 

Hier wurde der Grundstein für ihre Zukunft gelegt und dieser Gedanke machte Annika verdammt nervös. Sie hatte Seite um Seite vollgeschrieben, alles zum Thema Zweiter Weltkrieg und Nationalsozialismus. Hoffentlich hatten ihre Lehrer nichts daran auszusetzen. Sie hatte Angst davor, die Blätter abzugeben, schaute alles zig Mal auf Rechtschreib- und sonstige Fehler durch, und als sie schließlich in Zeitlupe aufstand und mit den Blättern auf die Aufsicht zuging, zitterte sie am ganzen Körper. Ihr Geschichtslehrer nahm die Arbeit an, sortierte sie ein und nickte ihr lächelnd zu, als wolle er sagen: „Sie haben es geschafft!“ Aber er log. Drei Prüfungen hatte sie noch vor sich. Eine davon mündlich. Und an die wollte sie gar nicht erst denken. Nichtsdestotrotz fühlte Annika sich unglaublich erleichtert, als sie wieder vor der Tür zum Prüfungsraum stand. Sie hatte es überlebt. Federnden Ganges schritt sie durch die Schule, Richtung Fahrradständer. Und da sah sie etwas, was ihr gar nicht gefiel. Neben dem Fahrradständer machten Bastian und Julia einen auf oberglückliches Pärchen. Der leichte Wind trug einige Gesprächsfetzen zu Annika herüber. „Boah, war die Prüfung vielleicht anstrengend!“, stöhnte Bastian. „Ich finde, du hast das ganz toll gemacht!“ Nasereiben, Küsschen. Annika fand, dass Max Liebermann schon ganz Recht gehabt hatte: Manchmal konnte man gar nicht so viel fressen, wie man kotzen wollte. Auf einmal hörte sie von irgendwoher ein Lied von früher, obwohl eigentlich gar kein Lied zu hören war. Langsame Gitarrenklänge, ab und zu ein kräftiger Akkord. Und ein Sänger, der beklagte, dass Liebe wehtat. Ihre beste Freundin hatte es ihr vor über einem Jahr mal gezeigt, nachdem sie mit viel Herzschmerz erzählt hatte, dass Bastian jetzt mit Julia zusammen war. Danach hatte sie sich noch mieser gefühlt als vorher. Eine nahegelegene Kirchenglocke, die halb eins signalisierte, unterbrach Annikas Gedanken. Sie schloss ihr Fahrrad auf, stieg auf und fuhr los. Bastian rief ihr noch ein „Ciao, Annika“ hinterher, als ob er sich für sie interessierte. Von fern war ein Krankenwagen zu hören.

 

Es gab Augenblicke, in denen man sich fragte, wie das Leben nur weitergehen sollte. Diese Augenblicke hatte Frieda in den Jahren um 1945 sehr oft gehabt. Oft hatte sie ihre Mutter bewundert, die alles ganz allein geschafft hatte – Haushalt, Kinder, Leben… Sie war sehr streng erzogen worden. Natürlich hatte sie sich in einige Männer verliebt, aber zu mehr als gewöhnlichen Gesprächen mit einem Meter Mindestabstand war es nie gekommen, das hatte ihre Mutter schon zu unterbinden gewusst. Der erste Mann, den sie näher hatte kennen lernen dürfen, war der Sohn eines Freundes der Familie gewesen. Er hieß Walter. Sie hatte ihn immer nur unter Aufsicht der Eltern treffen dürfen, zum Kaffee. Als klar geworden war, dass etwas Ernstes daraus werden würde, war sofort eine Hochzeit anberaumt worden. Erst nach der kirchlichen Hochzeit hatte Frieda zu Walter ziehen dürfen. Der Pfarrer hatte davon erzählt, dass die Ehe heilig sei. Sie hatte neben ihrem Bräutigam gestanden und sich gefragt, ob es gut gehen würde. Es war gegangen, siebenundvierzig Jahre lang. Vier Kinder, sieben Enkelkinder. Obwohl es manchmal sehr schwierig gewesen war, hatte sie nicht im Traum daran gedacht, ihren Mann zu verlassen. Der Tod hatte allerdings daran gedacht. Er war ein grausamer Herr. Er hatte Frieda ihren geliebten Mann genommen, mit dem sie den größten Teil ihres Lebens verbracht hatte. Sie vermisste ihn sehr und dachte noch oft an ihn. Jetzt saß sie in der Küche auf dem Platz, auf dem er seine letzten Lebensjahre immer gesessen hatte, im Haus ihres jüngsten Sohnes. Vor ihr stand eine Tasse Tee. Frieda schaute nachdenklich aus dem Fenster. Wann würde sie Walter wiedersehen? Es würde sicher nicht mehr lange dauern, jedenfalls hoffte sie das. Er fehlte ihr. Seine Stimme, sein Geruch. „Walter“, flüsterte sie leise, „nimm mich zu dir…“

 

Während sie durch die Stadt radelte, stellte Annika sich vor, was sie zu Hause erwarten würde. Die Geschenke hatte sie heute Morgen schon gekriegt, zusammen mit der Ermahnung, bei der Prüfung auch ja alles zu geben. Ihre Eltern hatten damals darauf bestanden, dass Annika das Abitur machte. Ihre Oma war die gewesen, die immer auf gute Noten gepocht hatte und darauf, dass Annika unheimlich viel für die Schule machte. Wahrscheinlich würde sie ihr befehlen, nicht so viel zu jammern, wenn sie gleich von den Strapazen des bisherigen Tages erzählte, so stellte Annika sich das jedenfalls vor. Als sie mit dem Fahrrad in ihre Straße einbog, kam ihr ein Notarztwagen entgegen. Der war allerdings nicht im Einsatz. Das freute Annika sehr, denn sie erschrak immer fürchterlich ob der Lautstärke, die solche Wagen immer erzeugten. Sie lehnte ihr Rad an die Hauswand, schloss es ab und betrat das Haus. „Hallo, Leute, ich bin wieder da!“, rief sie. Niemand antwortete ihr. Das war ungewöhnlich, eigentlich müssten um die Uhrzeit alle wieder da sein. In der Küche war niemand, im Wohnzimmer nicht, auch alle anderen Räume im Erdgeschoss waren leer. Sie ging die Treppe hoch. Ein ungutes Gefühl beschlich sie. Im Zimmer ihrer Oma fand sie schließlich ihre Eltern und ihre Oma. Sie lag im Bett und schlief. Oder sah es nur so aus? Annika sah ihre Eltern an. „Was ist hier los?“ Ihr Vater teilte es ihr mit. „Oma ist gerade gestorben. Herzanfall. Der Notarzt konnte nichts mehr für sie tun.“ Annika starrte ihre Oma an, die im Bett lag und sich nicht mehr rührte, aber friedlich aussah. Ihre Eltern kamen auf Annika zu und nahmen sie in den Arm. „Wenigstens ist sie jetzt wieder bei Opa“, murmelte sie.