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Drum prüfe, wer sich ewig bindet

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Mittlerweile wird jede dritte Ehe geschieden. Als Kitt benutzen die Leute eine unglaublich teure Hochzeit. So zumindest mein Eindruck, als ich heute die örtliche Hochzeitsmesse besuchte (mein Chef beim Radio hatte mir eine Freikarte geschenkt, die er von einer Verlosung übrig hatte).

Ich war nicht die einzige Besucherin. Als ich neben der Stadthalle aus dem Bus stieg, liefen mir aus Richtung des Parkhauses ziemlich viele Pärchen entgegen, die sich natürlich alle demonstrativ an der Hand hielten beim Laufen. Vor dem Eingang der Halle hatten zwei fette, geschmückte Werbe-Limousinen geparkt. Ich dachte schon, die seien protzig. Da hatte ich die Halle noch nicht betreten.

Ich musste mich stellenweise fast übergeben aufgrund der unglaublich teuren Sachen, die ich auf der Messe sah. Wenn man will, kann man für jeden einzelnen Teil einer Hochzeit wahnwitzig viel Kohle raushauen. Total übertriebene Fotos (reicht es denn nicht mehr aus, wie bei meinen Eltern einfach Gäste Fotos machen zu lassen, die meist eh viel besser aussehen?). Ein Fotograf, dessen Stand ich besuchte, bietet ein so genanntes “Komplettpaket”, das die Hochzeit vom Schminken bis zum letzten flüchtenden Gast begleitet, für 2000 Euro an. Ein Caterer bot ein Buffet für 80 Euro pro Nase an (wer, wenn nicht grade Trüffel oder Ähnliches im Essen enthalten sind, futtert denn an einem Abend für so viel Geld?). Das teuerste Kleid, das ich sah, wurde für 1700 Euro feilgeboten (wobei ich meinen Hintern darauf verwette, dass es da auch noch Teureres gab). Am allerschlimmsten fand ich aber die Ringe. Den teuersten, den ich erblickte, gab es für achttausend Euro. Damit könnte ich ein komplettes Studium finanzieren. Von einem Juwelier hab ich mir zwei Heftchen mit Ringen mitgenommen. Preise stehen da natürlich nirgendwo drin.

Ich verstehe auch nicht, warum man als Hochzeitspaar mittlerweile sonst wohin fahren muss, um sich zu vermählen. Am Stand eines Fotografen waren Bilder von Paaren vertreten, die sich in Norderney und am Gardasee trauen ließen. Einer der eher spärlich besuchten Stände gehörte der katholischen und der evangelischen Kirche. (Ich finde es übrigens sehr amüsant, wie viele Paare in ihrem sonstigen Leben nie in die Kirche gehen, den geistlichen Beistand bei einer Hochzeit aber auf einmal irre wichtig finden. Naja, vielleicht wollen sie auch einfach nur eine Ausrede haben, um zwei Mal feiern zu können.) Sie hatten so ein paar durchsichtige Plastikrohre aufgebaut, die mit “Liebe”, “Familie” und sonstigen Dingen beschriftet waren und wo die Messebesucher dann Kügelchen reinwerfen sollten, je nachdem, was ihnen in einer Ehe am wichtigsten war. Die Rohre “Sexualität” und “steuerliche Vorteile” waren am leersten. (Ob da nachgeholfen wurde?)

Bei einer ordentlichen Hochzeit darf natürlich auch gute Musik nicht fehlen. Irgendwann lief ich an einem Stand vorbei (das muss kurz, nachdem ich den Achttausend-Piepen-Klunker sah, gewesen sein), als ich einen Hochzeitsmusiker vernahm, der auf der Gitarre ein Lied klimperte. Fasziniert stellte ich fest, welches Lied es war: “Disturbia”. Wie passend für eine derartige Messe-Erfahrung.

An einem anderen Stand nahm ich mir eine Zeitschrift mit, die die Leser über Hochzeitsmöglichkeiten in meiner Stadt und Umgebung informieren sollte (zur Erinnerung: Ich wohne in der drittgrößten Stadt Niedersachsens.). Trotzdem las ich irgendwann Tipps über Borkum, Bad Tölz und München. Das Einzige, was mich an der Zeitschrift wirklich begeisterte, war die Hochzeits-Checkliste, die kann ich allerdings auch im Internet nachgucken und verbrauche dann nicht so viele toten Bäume dafür.

Die letzte Sache, die ich mir ansah, bevor ich schließlich flüchtete, war der Beginn der Modenschau. Das passte auch total, denn ich dachte, dass Hochzeiten mittlerweile zu einer Art Schaulaufen verkommen waren. Die Hochzeit soll ja der schönste Tag im Leben eines Menschen sein. Doch viele Menschen können offenbar nur glücklich sein, wenn sie dabei derart protzen, dass mir einfach nur schlecht wird. Wem wollen solche Leute eigentlich damit etwas beweisen? Ich will ja auch irgendwann mal heiraten, aber nach dem heutigen Tag habe ich es damit auf einmal gar nicht mehr so eilig.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

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Über kitschautorin

Ich bin eine junge Frau, die in der drittviertgrößten Stadt Niedersachsens studiert und der Liebe wegen recht weit pendelt. Früh-ins-Bett-Geherin. Im Internet zu Hause. Fürs DRK als Blutspendenanmeldungshilfe aktiv. Gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch. Gegen Atomkraft und sinnlose Verbote. Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Politisch interessiert. Auf Flickr zu finden: https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/ Ich arbeite hauptberuflich als Politik- und Pädagogikstudentin. Nebenberuflich als Karla Kolumna eines örtlichen Radiosenders und einiger anderer Medien. Ich blogge über alles, was mich bewegt. Soll heißen: über meine Arbeit. Meine Familie. Das Fernsehen. Meine Freunde. Meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dämliche Printerzeugnisse. Bücher. Die drei Jahre in einer der schlimmsten Berufsschulen dieses Landes. Sexualität. Meine Beziehung. Die Universität. Zitate. Und alles, was ich sonst noch so erlebe. Ich mag Bücher. Nudeln. „Hör mal, wer da hämmert“. Die Ärzte. Zitate. Meine Arbeit beim Radio. Urban Priol. Volker Pispers. SpongeBob. Garfield. „Switch“. „Ein Herz und eine Seele“. Ich hasse Fremdenfeindlichkeit. Misogynie. Homo- und Frankophobie. Die meisten Sorten von Kohl (auch den aus der CDU, haha). Den Großteil des Fernsehprogramms. Armut. Arroganz. Die Bildzeitung. Leute, die anderen Leuten keine eigene Meinung gönnen. Das Wort „Gutmensch“. Fußball. Viele Politiker. Ich habe hier noch mehr über mich geschrieben: https://kitschautorin.wordpress.com/2011/04/16/alles-glanzt-so-schon-neu/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/01/17/11-fragen/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/07/22/immer-wieder-sonntags/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/03/07/mal-wieder-was-uber-mich/ https://kitschautorin.wordpress.com/2013/05/04/was-ich-unbedingt-noch-machen-will/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/11/fragebogen-zu-film-und-kino/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/15/nochn-fragebogen/

Eine Antwort »

  1. Wir hatten eine ganz kleine Hochzeit in dem Ort, in dem zumindest ich damals gewohnt habe. Und es war wirklich schön. Und trotzdem, wenn es irgendwann die Ehe für alle geben sollte, wollen LaPecorella und ich noch einmal heiraten… mit Hochzeitskleid (zumindest ich, sie ist sich da noch noch nicht so sicher), einem schönen Auto, das uns abholt und einer schönen Feier mit Freunden und Verwandten. Und vielleicht dann auch nicht vier Jahre auf die Flitterwochen warten müssen. Wobei all das nur sekundär eine Frage davon ist, wieviel Geld man dafür ausgibt, sondern davon, welches Erlebnis daraus entsteht. Es muss kein 1700€-Kleid sein (und ich vermute, das geht noch seeehr viel teurer), sondern mir gefallen. Gleiches sollte für den Rest gelten… eine für möglichst alle Beteiliten schöne Erfahrung

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