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Ich weiß noch, wie

Veröffentlicht am

(Reaktion auf diesen Eintrag hier: http://rowennightfall.wordpress.com/2013/02/16/das-rad-der-zeit/)

Ich bin jetzt 21. Und es wundert mich, wie die Zeit doch vergangen ist. Das Gefühl habe ich nicht zum ersten Mal. An unserer Schule ist es Brauch, dass für die Abizeitungen alle Schulklassen am Anfang und am Ende fotografiert werden. Ich weiß noch genau, wie ich im zarten Alter von elf Jahren an der Tischtennisplatte fürs Foto posierte und mich fragte, wie die Gymnasiumszeit wohl wird. Als ich fast achtzehn war, durfte ich mich dann wieder dort aufstellen und dachte: Wow, die Zeit ist ja wie im Flug vergangen.

Mein Leben war, bis ich sechzehn wurde, nicht besonders aufregend. Man kann es mit einer Achterbahn vergleichen, bei der man sehr lange einfach nur am Boden herumtuckert und dann geht es plötzlich ohne Vorwarnung steil nach oben. In mein siebzehntes Lebensjahr fielen die erste selbst veranstaltete Party, der Eintritt in die Kursstufe und die ersten Liebesabenteuer, um nur einige aufregende Sachen zu nennen. Anstatt jeden Sonntag in die Kirche geschleppt zu werden wie andere, die ich kenne, ging ich sonntagmorgens häufig in die Bücherei und mokierte mich dann über die Dorfbevölkerung, die nach dem brav besuchten Gottesdienst in die Bücherei kam, um mit der Bibliothekarin den neuesten Dorfklatsch auszutauschen. Was mir aus der Zeit auch noch in Erinnerung geblieben ist, sind die ewig langen Busfahrten zur Schule und insbesondere nach Hause. Ich hatte während der Kursstufe mindestens ein Mal pro Woche bis zur neunten Stunde – damals gab es um die Zeit allerdings keine Schulbusse mehr und mein Heimatdorf hatte keinen Bahnhof. Also musste ich erst vom Gymnasium zum Bahnhof laufen und dann über eine Stunde durch die Gegend tuckern. Mit Umsteigezeit. Die Einzige, die ich kannte, die noch früher aufstehen musste als ich, war meine beste Freundin. Mit 15 hatte ich eine französische Austauschschülerin zu Gast, der das frühe Aufstehen extrem missfiel. Die haben aber auch viel humanere Unterrichtszeiten als wir, da kann ich das schon verstehen. In den Schulbussen gab es extrem viele Idioten und die einzige Rettung war mein MP3-Player, auf den ich heute immer noch nicht verzichten kann, wenn ich unterwegs bin.

Meine beste Freundin traf ich quasi nur in der Schule. Ich habe heute immer noch in guter Erinnerung, wie wir in den großen Pausen über den Schulhof stratzten und uns über alles Mögliche unterhielten. Im Sommer saßen wir auch oft unter dem Riesenbaum am Fluss, der ans Schulgelände angrenzt. Außer ihr hatte ich keine Freunde, zumindest keine, die ich heute als solche bezeichnen würde.

All das, was ich nicht selbst erlebte, konnte ich gut durch Geschichten ausgleichen, die sie mir erzählte. Aus der Kirche geklautes Weihwasser, Leute, die versucht hatten, ein Gummibärchen zu destillieren und so weiter.

Als ich noch jung war, hatte ich ziemlich viel Blödsinn im Kopf, auch wenn ich lange nicht so wild war wie andere. Ich muss schmunzeln, wenn ich daran denke, wie ich kurz nach meinem fünfzehnten Geburtstag in Gesellschaft einer damaligen Freundin auf dem örtlichen Schützenfest anderthalb V+ (!!!) getrunken hatte. Ich war wahnsinnig stolz auf die ungeheure Menge gewesen und darauf, dass weder meine Eltern noch mein Bruder etwas mitgekriegt hatten. Ich weiß auch noch, wie mir meine beste Freundin mal ein Rezept für einen „sehr gesunden“ Vitamintrunk gegeben hatte. Zutaten: eine Wasserflasche und eine Packung Vitamintabletten. Ich fand die Idee total klasse und hatte mir die Zutaten schon besorgt. Gerade habe ich mit meiner besten Freundin über die Geschichte gesprochen und sie sagte, dass eine Freundin von ihr auf diese Weise eine Klausur nicht mitschreiben musste… Hilfe. Irgendwie bin ich froh, dass es dann doch nicht dazu kam, dass ich das Zeug getrunken habe.

Zugtickets kosteten damals noch nicht so viel Geld wie heute. Ich habe trotzdem so lange, wie es ging, noch die Kinderfahrscheine gekauft (endlich mal eine Sache, für die mein junges Aussehen gut war). Einmal hab ich in der Stadt eine CD gekauft und auf dem Rückweg dann darauf spekuliert, dass mich niemand kontrolliert, weil ich für die CD das mit ausgegeben habe, was ich eigentlich für die Rückfahrkarte gebraucht hätte. Hat geklappt. Wenn ich eine Kugel Eis kaufen wollte, musste ich dafür in die nächstgrößere Stadt fahren, denn die Pizzeria, die bis dahin alle Dorfbewohner mit Kugeleis versorgt hatte, war irgendwann pleite gegangen.

Ich hatte erst sehr spät Internet bekommen. Ganz selten durfte ich an den Computer meiner Eltern, um den Modemanschluss zu nutzen. (Das Modem war übrigens pink. Cool, nicht?) Ich weiß noch, wie ich mal ein Bild von meiner besten Freundin und ihrem damaligen Freund aufrufen wollte, das sie mir per Mail geschickt hatte. Der Bildaufbau dauerte ZWEI Minuten. So lange brauche ich heute, um meinen Posteingang durchzugucken. Den Computer benutze ich damals wie heute, um Geschichten zu schreiben, nur kann ich es jetzt quasi überall machen, wenn nur der Akku voll genug ist.

Ich habe mit meiner besten Freundin immer noch regen Kontakt, aber irgendwie vermisse ich die Zeit der gemeinsamen Gänge über den Schulhof. Wenn ich am Bahnhof hier im Ort ankomme, weil mein Freund (den ich immer noch habe, seit ich 16 bin) hier wohnt, muss ich jedes Mal daran denken, wie ich zum ersten Mal hier war. Ich habe an der Maitour der Clique meiner besten Freundin teilgenommen. Ich trank ziemlich viel Alkohol (was aus heutiger Sicht schon gar nicht mehr so viel war) und hatte wahnsinnigen Spaß.

Tagebuch geschrieben habe ich früher übrigens auch. Irgendwo habe ich noch eine riesige Datei gespeichert mit Einträgen aus meinem früheren Leben. Wobei ich gar nicht weiß, wie ich da noch rankommen soll – ich vermute, dass sich die Einträge auf einer Diskette befinden. Wäre aber witzig, sich all das Zeugs mal wieder durchzulesen.

Hilfe, jetzt klinge ich wahrscheinlich wie eine alte Oma, die ihren Enkeln von früher erzählt. Naja, was soll’s.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

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Über kitschautorin

Ich bin eine junge Frau, die in der drittviertgrößten Stadt Niedersachsens studiert und der Liebe wegen recht weit pendelt. Früh-ins-Bett-Geherin. Im Internet zu Hause. Fürs DRK als Blutspendenanmeldungshilfe aktiv. Gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch. Gegen Atomkraft und sinnlose Verbote. Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Politisch interessiert. Auf Flickr zu finden: https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/ Ich arbeite hauptberuflich als Politik- und Pädagogikstudentin. Nebenberuflich als Karla Kolumna eines örtlichen Radiosenders und einiger anderer Medien. Ich blogge über alles, was mich bewegt. Soll heißen: über meine Arbeit. Meine Familie. Das Fernsehen. Meine Freunde. Meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dämliche Printerzeugnisse. Bücher. Die drei Jahre in einer der schlimmsten Berufsschulen dieses Landes. Sexualität. Meine Beziehung. Die Universität. Zitate. Und alles, was ich sonst noch so erlebe. Ich mag Bücher. Nudeln. „Hör mal, wer da hämmert“. Die Ärzte. Zitate. Meine Arbeit beim Radio. Urban Priol. Volker Pispers. SpongeBob. Garfield. „Switch“. „Ein Herz und eine Seele“. Ich hasse Fremdenfeindlichkeit. Misogynie. Homo- und Frankophobie. Die meisten Sorten von Kohl (auch den aus der CDU, haha). Den Großteil des Fernsehprogramms. Armut. Arroganz. Die Bildzeitung. Leute, die anderen Leuten keine eigene Meinung gönnen. Das Wort „Gutmensch“. Fußball. Viele Politiker. Ich habe hier noch mehr über mich geschrieben: https://kitschautorin.wordpress.com/2011/04/16/alles-glanzt-so-schon-neu/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/01/17/11-fragen/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/07/22/immer-wieder-sonntags/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/03/07/mal-wieder-was-uber-mich/ https://kitschautorin.wordpress.com/2013/05/04/was-ich-unbedingt-noch-machen-will/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/11/fragebogen-zu-film-und-kino/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/15/nochn-fragebogen/

Eine Antwort »

  1. Ich habe mal den Fehler gemacht,meine alten Tagebücher (meine noch handschriftlich, nicht auf Diskette) durchzulesen. Mein jüngeres Ich ist mir unsympathisch.

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