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Streber, Sex und Statistik

Veröffentlicht am

08 h 52: Shit. Portmonee im Auto vergessen. Ich weiß genau, dass ich Sachen nicht im Seitenfach der Autotür liegenlassen sollte und tue es trotzdem. Wie war noch mal der Spruch von doofen Leuten und gleichen Fehlern? Hoffentlich ist es noch da.

08 h 54: Es ist noch da. Schwein gehabt. Noch schnell was trinken und dann los.

09 h 08: Ein Freund von mir sitzt im Zug. Er sagt, dass er aufs Studium mittlerweile keine Lust mehr hat, ist allerdings auch schon im Master. Mal sehen, wann ich das Stadium erreiche.

09 h 11: Der Freund und der ältere Bruder meines Partners holen ihre Wasserflaschen raus. Ich tue es ihnen gleich – immer dieser Gruppenzwang…

09 h 50: Ich bin die Erste im Hörsaal. Es sitzen allerdings einige Mitstudenten vorm Hörsaal. Warum sitzen die nicht drin? Warten die noch auf jemanden? Oder haben die Angst, als Streber zu gelten?

10 h 27: “Einführung in die Wirtschafts- und Sozialstatistik”. Schräg vor mir sitzt ein Mädel, das ihr total hippes Määääcbook geräuschvoll gestartet hat. Außerdem hat das Teil lila Tasten und einen lila Hintergrund (zu sehen an der Task- und an der oberen Leiste).

10 h 35: Es geht gerade um uni- und bivariate Variablen. Wieso klingen diese Begriffe für mich so sexuell? (Wer wissen will, was das wirklich ist: http://www.medialine.de/deutsch/wissen/medialexikon.php?snr=1162)

10 h 39: Zwei Reihen hinter mir sitzt ein Mädel, das sich ein Haarband umgewickelt hat, was allerdings eher was von “Handtuchturban nach dem Duschen” hat.

10 h 50: Das Macbook-Mädel spielt irgendein Spiel auf dem Computer. Im Augenblick wird ihr angeboten, ihre Ausrüstung zu verbessern.

10 h 58: Ich bin überrascht davon, dass ich die Lektion in Statistik doch relativ interessant finde. Ist aber auch was anderes als das, was ich sonst in der Uni habe – der erste Matheunterricht seit vier Jahren. Meine Zwei in der Kursstufe war damals total unverdient, die Lehrerin mochte mich einfach. Hätte ich Matheabitur machen müssen, wäre ich durchgefallen – wie drei Viertel ihrer Prüflinge.

11 h 03: Die Studentin hinter mir sagt zu ihrer Sitznachbarin: “Ich will schlafen.”

11 h 20: Mittlerweile bin ich auch so weit, dass ich dauernd gähnen muss. Das liegt bei mir aber eher daran, dass die Luft in diesem Raum so bescheiden ist. Es gibt keine Fenster, nur so ein komisches Lüftungssystem.

11 h 29: Ich hätte jetzt gern das, was der Typ schräg vor mir hat. (Preisfrage: Worum handelt es sich?)

11 h 30: Der Dozent muss die Studenten zum ersten Mal zur Ordnung rufen. Das ist ein ganz guter Schnitt, normalerweise ist der Punkt schon viel früher erreicht.

11 h 35: Es ist doch erstaunlich, wie verzerrend Darstellungen sein können. Als Beispiel möchte ich hier einmal zwei Wahldiagramme mit denselben Daten nennen. Bei dem einen hört die Skalierung bei 100 Prozent auf, bei dem anderen bei 40 Prozent (in der Nähe befand sich die Partei mit den meisten Stimmen). Das erste Diagramm sieht so aus, als wäre keine Partei so richtig toll.

11 h 41: Es gibt hier die Unsitte, das Brett der Klapptischvorrichtung geräuschvoll nach oben fallen zu lassen. Ich weiß deswegen jetzt auch, wie meine Hinterfrau heißt – weil ihre Sitznachbarin laut “Oh, Franzi” gerufen hat.

11 h 50: Mein Sitznachbar hat gesagt, dass er gestern nicht in “Demokratietheorien” war, weil ihm das Wetter zu gut war. Ich war auch nicht da – allerdings habe ich die Zeit genutzt, um meinen Laptop wieder abzuholen, an dem ich dann auch den Rest des Tages saß. Hier ist übrigens grad ein Seniorenstudent reingekommen, der original so aussieht:

11 h 58: Kennt ihr das, wenn Studenten mindestens genauso gut angezogen sind wie die Dozenten? So ein Fall hat gerade den Hörsaal betreten. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, der studiert Jura. Sakko, Hemd und drei Kilo Gel in den Haaren. Vor mir sitzt übrigens eine unglaublich gut aussehende Studentin, bei der sich der Reißverschluss des Shirts hinten befindet. Wie gerne würde ich daran ziehen…

12 h 25: “Einführung in die Internationalen Beziehungen”. Der Beamer-Bildschirm hat sich soeben grün gefärbt. Mal was anderes. Nur dass der Dozent jetzt gelegentlich aussieht, als wäre ihm schlecht.

12 h 30: Gerade hat noch ein Student den Hörsaal betreten. Der Dozent regt sich über dessen Unpünktlichkeit auf. Er ist der erste Dozent, den ich kenne, der so was tut.

12 h 40: “[…] die marxistisch-leninistische Position, die in den 20ern von Rosa Luxemburg vertreten wurde…” Hoffentlich habe ich mich gerade verhört.

12 h 42: Hier hängt die ganze Zeit Aftershavegeruch in der Luft, der auch von meinem Opa stammen könnte. Es sind Menschen hier, die um einiges älter sind als er – und ich meine nicht den Dozenten.

13 h 00: Ich wurde grad unerwartet drangenommen und habe so ein bisschen die Farbe meiner Haare angenommen (oh, ein Reim). Bin aber auch stolz auf mich, weil ich eine richtige Antwort geben konnte.

13 h 10: Ein Student konnte den Spruch “Si vis pacem, para pacem” aus dem Stand übersetzen. Beeindrucktes Plenum.

13 h 20: Der Dozent ist mittlerweile ziemlich wütend aufgrund des Lärmpegels und weist darauf hin, dass die, die sich nicht für seine Ausführungen interessieren, doch bitte wegbleiben sollen. Wo er Recht hat.

13 h 42: Es ist so tolles Wetter und hinter mir, im Bus auf dem Weg zum Bahnhof, unterhalten sich zwei Leute darüber, wer von den Bekannten schon alles gestorben ist bzw. es bald hinter sich hat.

13 h 45: Der Bahnmensch, der mich vor einiger Zeit sehr unfreundlich darauf hinwies, wie ich mich auf der Bank im Warteraum zu positionieren habe, hat die Tür auf daueroffen gestellt, nachdem ich durchgegangen bin – und mich, was ich seinem Blick entnehme, offenbar wiedererkannt.

14 h 16: Ich habe soeben die merkwürdigste Hose ever gesehen. In einem scheußlich knalligen Rot, wie es unkleidsamer nicht sein könnte, und der Reißverschluss befindet sich hinten und ist ziemlich lang. Als hätte der Designer versucht, die Poritze nachzubilden.

15 h 02: Endlich zu Hause.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

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Über kitschautorin

Ich bin Früh-ins-Bett-Geherin. Im Internet zu Hause. Fürs DRK als Blutspendenanmeldungshilfe aktiv. Gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch. Gegen Atomkraft und sinnlose Verbote. Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Politisch interessiert. Auf Flickr zu finden: https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/ Ich blogge über alles, was mich bewegt. Soll heißen: über meine Arbeit. Meine Familie. Das Fernsehen. Meine Freunde. Meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dämliche Printerzeugnisse. Bücher. Die drei Jahre in einer der schlimmsten Berufsschulen dieses Landes. Sexualität. Meine Beziehung. Die Universität. Zitate. Und alles, was ich sonst noch so erlebe. Ich mag Bücher. Nudeln. „Hör mal, wer da hämmert“. Die Ärzte. Zitate. Meine Arbeit beim Radio. Urban Priol. Volker Pispers. SpongeBob. Garfield. „Switch“. „Ein Herz und eine Seele“. Ich hasse Fremdenfeindlichkeit. Misogynie. Homo- und Frankophobie. Die meisten Sorten von Kohl (auch den aus der CDU, haha). Den Großteil des Fernsehprogramms. Armut. Arroganz. Die Bildzeitung. Leute, die anderen Leuten keine eigene Meinung gönnen. Das Wort „Gutmensch“. Fußball. Viele Politiker. Ich habe hier noch mehr über mich geschrieben: https://kitschautorin.wordpress.com/2011/04/16/alles-glanzt-so-schon-neu/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/01/17/11-fragen/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/07/22/immer-wieder-sonntags/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/03/07/mal-wieder-was-uber-mich/ https://kitschautorin.wordpress.com/2013/05/04/was-ich-unbedingt-noch-machen-will/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/11/fragebogen-zu-film-und-kino/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/15/nochn-fragebogen/

Eine Antwort »

  1. Ich lese voll gern deine Tage. Total witzig 😀
    Die Hose! … WTF?!

    Und wie saßst du denn, dass du angenörgelt wurdest?

    Antwort

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