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Die Mitte der Gesellschaft

Veröffentlicht am

In meinem Lieblingsforum vertrat neulich ein Nutzer folgende Meinung:

Vielmehr wird gesamtgesellschaftlich mit dem „Rechtsextremismus“- und „Kampf gegen Räääächts“-Gedöns hervorragend vom Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft abgelenkt.

Die Organisatorin der Ausstellung über Neofaschismus, über die ich vor einiger Zeit einen Radiobeitrag anfertigte, sagte etwas Ähnliches. Mich brachte das Ganze zum Grübeln. Ich war nun schon auf mehreren Demos gegen Rechtsextremismus, aber das kann nicht die alleinige Lösung sein. Ich wusste: Die Leute, mit denen ich gesprochen hatte und die fremdenfeindliche Äußerungen getätigt hatten – eine Freundin, die gegen Zigeuner wetterte, der antiislamische Onkel meines Freundes –, waren keine Nazis. Aber was soll man da tun?

Ich schrieb dem Urheber des obigen Zitats eine Nachricht und er antwortete recht ausführlich. Als einen Lösungsansatz führte er an, dass Deutsche mehr Kontakt mit Minderheiten bekommen müssen. Das konnte ich sofort nachvollziehen. Der Onkel meines Freundes kennt keine Moslems und war noch nie in einer Moschee. Und überhaupt: Man hegt doch immer Phobien gegenüber Sachen, die man nicht kennt.

Ein weiterer Lösungsansatz: Überwindung von strukturellem Rassismus. Im Besonderen ist damit „Racial Profiling“ gemeint. In zwei Paragrafen des Bundespolizeigesetzes steht, dass „verdachtsunabhängige Personenkontrollen“ durchgeführt werden dürfen, um die unerlaubte Einreise von Ausländern nach Deutschland zu verhindern. Die Folge: Leute, die wie Ausländer aussehen, werden verstärkt kontrolliert. Obwohl das so nicht im Gesetz steht. Und diskriminierend ist. Wer mehr darüber lesen will: http://www.sueddeutsche.de/politik/racial-profiling-bei-der-polizei-menschenrechtler-wollen-verbot-rassistischer-personenkontrollen-1.1706061

Besonders erschütternd fand ich eine Geschichte, die der Forenuser kürzlich mitbekam und die ich hier einmal wiedergeben möchte:

Als mein afrikanischer Student neulich überfallen wurde, hat sich die Polizei einen Scheißdreck dafür interessiert. Erst als er darauf hinwies, dass noch eine StudentIN, schon dem Namen nach weiß, betroffen war, wurden auf einmal alle Kräfte mobilisiert, um nach dem bis heute flüchtigen und bewaffneten Täter zu suchen. Während der Verhöre wurde mein schwarzer Student die ganze Zeit nur dumm angemacht und man hat mit ihm nur das Nötigste gemacht, während mit meiner weißen Studentin ordentlich umgegangen wurde und sie sich (obwohl nicht direkt involviert) sogar Fotos von bekannten Kriminellen anschauen durfte.

Er selber ist schwarzer Deutscher und durfte deswegen schon einiges durchmachen. Er wurde schon als Werte vernichtender Asylant beschimpft. Und wenn er in Leipzig (einer Stadt mit ziemlich geringem Ausländeranteil) durch die Straßen geht, krallen sich die Leute an ihren Wertsachen fest.

Natürlich ist es wichtig, Rechtsextreme genau zu beobachten. Aber das Gleiche gilt auch für die Mitte der Gesellschaft. Für die Leute ohne Springerstiefel, Glatze oder Baseballschläger.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

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Über kitschautorin

Ich bin Früh-ins-Bett-Geherin. Im Internet zu Hause. Fürs DRK als Blutspendenanmeldungshilfe aktiv. Gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch. Gegen Atomkraft und sinnlose Verbote. Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Politisch interessiert. Auf Flickr zu finden: https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/ Ich blogge über alles, was mich bewegt. Soll heißen: über meine Arbeit. Meine Familie. Das Fernsehen. Meine Freunde. Meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dämliche Printerzeugnisse. Bücher. Die drei Jahre in einer der schlimmsten Berufsschulen dieses Landes. Sexualität. Meine Beziehung. Die Universität. Zitate. Und alles, was ich sonst noch so erlebe. Ich mag Bücher. Nudeln. „Hör mal, wer da hämmert“. Die Ärzte. Zitate. Meine Arbeit beim Radio. Urban Priol. Volker Pispers. SpongeBob. Garfield. „Switch“. „Ein Herz und eine Seele“. Ich hasse Fremdenfeindlichkeit. Misogynie. Homo- und Frankophobie. Die meisten Sorten von Kohl (auch den aus der CDU, haha). Den Großteil des Fernsehprogramms. Armut. Arroganz. Die Bildzeitung. Leute, die anderen Leuten keine eigene Meinung gönnen. Das Wort „Gutmensch“. Fußball. Viele Politiker. Ich habe hier noch mehr über mich geschrieben: https://kitschautorin.wordpress.com/2011/04/16/alles-glanzt-so-schon-neu/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/01/17/11-fragen/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/07/22/immer-wieder-sonntags/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/03/07/mal-wieder-was-uber-mich/ https://kitschautorin.wordpress.com/2013/05/04/was-ich-unbedingt-noch-machen-will/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/11/fragebogen-zu-film-und-kino/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/15/nochn-fragebogen/

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  1. „Springerstiefel“ … Sehr anschauliches Wort, das aber leider i.d.R. falsch verwendet wird. Und auch hier wird es falsch verwendet. Das, was extreme Nazis (manchmal) tragen, sind modische Ableger von Arbeitsschuhen. Deshalb die Stahlkappe – SPRINGERstiefel haben vom Fallschirm-Springen ihren Namen (Pilotenstiefel). SPRNGERstiefel haben KEINE Stahlkappe!, sondern sehe aus wie „ganz normale“ feste Schuhe.

    Warum tragen Rechte „Arbeitsschuhe“? Weil die ursprünglich von der LINKEN Szene getragen wurden, nämlich den Skinheads. Skinheads waren in ihren Anfängen Arbeiterkinder. Linksgerichtet, aber eigenlich nicht übermäßig politisch. Schwarze Musik hörend.

    Auch viele Rechte selbst sind sich dessen nicht bewusst, weil sie nur kleine Rädchen im Großen Ganzen sind. Weil die Rechte Szene sehr engmaschig sein kann. Dazu muss man sich nicht einmal den NSU-Prozess ansehen und die Höllenqualen, die ein geständiger (Ex-)Nazi durchmacht.

    Die rechte Szene neigt dazu, systematisch linke „Zeichen“ zu übernehmen. Bei Skinheads und Stahlkappen-Stiefeln wissen viele schon gar nicht mehr, wo das her kommt. Daran sieht man, wie erfolgreich diese Übernahme und Neu-Besetzung ist. Gleiches gilt für Sprechchöre auf Demos, die von Nazis gerne leicht abgewandelt werden. Warum machen die das? Weil es eine klare Linie gegen Rechte verhindert.

    Die FDÄ (eine satirische Anti-Rechts-Organisation) hat sich übrigens genau das zum Anlass genommen, den Spieß umzudrehen: Rote Flagge mit weißen Kreis und einem schwarzen Symbol in der Mitte (ein Apfel), Armbinden in den gleichen Farben und ansonsten schwarze Kleidung, gerne auch mit Stahlkappen-Schuhen. Such die FDÄ mal auf Youtube, dann weißt du, was gemeint ist. 😉

    Das ist übrigens keine Haarspalterei. Ich will damit aufzeigen, wie sehr Rechte es geschafft haben, uns ihren Stempel aufzudrücken. Auf eine ganz perfide Art und Weise: Man meint, etwas über Nazis zu wissen – dabei ist es nur das „Wissen“, von dem Nazis wollen, dass man es „weiß“.

    Anderes Beispiel: Wie viele Menschen benutzen den Nazi-Propaganda-Begriff „Reichskristallnacht“? Und wie viele kommen einem anschließend damit an, man würde haarespalten, weil man diesen Begriff kritisiert? Da sieht man immer wieder, dass es einfach nicht erwünscht ist, konsequent gegen Rechtsradikalismus zu sein. Wohlgemerkt: RechtsRADIKALISMUS. Gegen „nur“ nationalistische Richtungen hat man da noch gar nichts gesagt. Wenn man damit anfängt, wird man in Diskussionsrunden (in der eigenen Familie, unter Studierenden, im Zugabteil, …) regelmäßig fertig gemacht.

    Wenn man über Rechts redet muss man alles hinterfragen, was man zu wissen meint. Rechte nutzen Halbwissen, um ihren Kult darauf aufzubauen. Sie nutzen aber nicht nur das Halbwissen ihrer Anhänger, sondern auch das Halbwissen ihrer Gegner. Leider kann man nicht immer alles wissen. Das macht es so gefährlich.

    Antwort
  2. Hi,
    nur eine kurze Anmerkung. Du schreibst: „Der Onkel meines Freundes kennt keine Moslems und war noch nie in einer Moschee.“
    Muslimische Freunde von mir haben mir neulich erklärt, dass das Wort „Moslem“ inzwischen schon so negativ besetzt ist, dass es oft als Schimpfwort benutzt wird. Sie ziehen es daher eigentlich vor, wenn man sie als Muslime bezeichnet. Ist im Grunde das selbe Wort, nur eine andere Art der Übersetzung aus dem Arabischen.
    Du hast das sicher nicht absichtlich gemacht, viele Leute wissen das noch nicht, deshalb hab ich gedacht, ich sag mal „Hi“ und lass es dich wissen 🙂 Man muss heutzutage ja ziemlich aufpassen mit dem politisch korrekten Schreiben.
    Lg

    Antwort

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