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Zum letzten Mal minderjährig, Teil 3

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Am nächsten Morgen gab es in der Schule einen echten Knaller – der Meinung unserer Lehrerin nach.

Sie heißt Frau Lacombe und sie ist meine Französischlehrerin. Als ich sie zum ersten Mal fragte ich mich direkt, was meine Mutter denn in der Schule machte, so ähnlich sah sie ihr. Schon häufig hatte ich mir in langweiligen Unterrichtsstunden ausgemalt, die beiden wären in Wahrheit Zwillingsschwestern und direkt nach der Geburt getrennt worden, so ähnlich wie diese Zwillinge bei Erich Kästner. Sie tragen beide genau die gleiche Frisur, die gleiche Brille, die Gesichtszüge sind fast gleich und manchmal tragen sie sogar ähnliche Klamotten.

Aber ich schweife ab. Ich wollte ja erzählen, welchen angeblichen Knaller uns Frau Lacombe damals präsentieren wollte.

Es ging um eine Schulfahrt nach Paris. Alle, die mindestens sechzehn Jahre alt waren, durften mitfahren. Tagsüber würde es Stadtrundfahrten und ein pädagogisch wertvolles Programm geben, abends stünde uns „die Zeit zur freien Verfügung!“ Aber nur bis 24 Uhr selbstverständlich.

Frau Lacombe fragte, wer denn grundsätzlich erst mal Lust hätte, mitzukommen, endgültig entscheiden sollte man sich bis nächsten Freitag. Ein paar Hände gingen in die Höhe. Meine nicht. Ich hatte mich bereits entschieden. Französisch konnte ich hier zu Hause auch genug kriegen, und außerdem wollte ich nicht ins Froschschenkel-Esser-Land.

In der Pause ereiferte sich Aurélie: „Ist doch toll, diese Fahrt! So habe ich endlich mal wieder die Chance, mein Lieblingsland zu besuchen – und außerdem ist es ja das Land meiner Ahnen.“ Sie biss in ihr Croissant.

Oh Mann, dachte ich wieder. War sie denn nun voll durchgedreht? Morgen würde sie uns vermutlich mit der Ankündigung kommen, ab sofort auf das Lycée Saint-Antoine in Marseille zu gehen.

„Ja, drei wundervolle Tage mit Madame Langweilig und Monsieur Dragueur“, sagte Anna und verdrehte ihre Augen himmelwärts.

„Aber bedenke doch mal, wie viele wundervolle Plätze, Sehenswürdigkeiten und Läden es in Paris gibt!“, schwärmte Aurélie. „Ganz zu schweigen von den Clubs!“

„Die du wohl kaum wirst genießen können, da wir ja um Mitternacht alle brav wieder da sein müssen. Wie Aschenputtel“, machte Anna unserer gemeinsamen Freundin die Illusion zunichte. Und sie schob noch hinterher: „Die Lacombe würde da auch keine Ausnahme machen. Du kennst sie doch.“

„Hm, stimmt. Aber ich finde es unheimlich toll, die Chance“ – natürlich französisch total korrekt ausgesprochen – „zu haben, diese Stadt zu besuchen. Wusstet ihr eigentlich, dass meine Uroma…“

Und es folgten weitere Details zur Geschichte der Familie Müller-Desbrosses.

So interessant das auch alles war, langsam nervte das ewige Gerede über dieses Thema. Es erinnerte mich ein bisschen an werdende Mütter, die ja meistens auch nur das eine Thema – nämlich ihr Nachwuchs – kennen. Egal, worüber man zuerst redet, über Steuererklärungen, Beziehungsprobleme oder den neuesten Kinofilm, sie schaffen es irgendwie immer, das Gespräch auf die kleinen Lebewesen in ihren Bäuchen zurückzubringen. So war es auch bei Aurélie. Seit sie vor kurzem diese Sache herausgefunden hatte, kannte sie nur noch La France. Hatte sie überhaupt mitbekommen, was gerade bei mir zu Hause los war?

„Hey, Aurélie, ich muss dir was erzählen -„, setzte ich an, kam aber nicht dazu, weiterzuerzählen.

„…und dann kam am 8. Mai 1945 meine Oma zur Welt. Quasi als Kind der Versöhnung und des Friedens…“

„Aurélie, ich hab Probleme zu Hause!“

„…unglaublich, dass ich das alles erst jetzt entdeckt habe. So lange ist das jetzt ja nun auch wieder nicht her…“

„Aurélie, bitte hör mir mal zu, ich -“

„Vielleicht wird mir das irgendwann mal nützlich, ich meine, da sind bestimmt noch irgendwelche Verwandten, bei denen ich mal unterkriechen kann…“

Da reichte es mir. Ich hakte mich bei Anna ein und zog sie von Aurélie weg, Richtung Haupteingang.

„Aber was habt ihr denn?“, rief Aurélie noch hinter uns her und guckte dabei ziemlich verständnislos.

Darauf sollte sie mal von selbst kommen.

Zuerst wollten wir in die Aula gehen, doch dort führte gerade eine Lehrerin Aufsicht, die mich überhaupt nicht leiden konnte – ich mochte sie genauso wenig. Also verzogen wir uns einfach in irgendeinen leeren Klassenraum.

„Mann, das regt mich einfach auf! Dreht die denn jetzt völlig durch? Ich will ihr was über meine Probleme zu Hause erzählen und die hört mir einfach nicht zu! Ich verstehe nur noch Bahnhof – nein, gare.“

„Harharhar“, machte Anna und pflanzte sich auf die Fensterbank. „Natürlich ist das unheimlich aufregend für sie. So ist sie nun mal – wenn sie einmal was gefunden hat, das sie mag, lebt sie quasi dafür. Kannst du dich noch an die Grundschule erinnern?“

„Dunkel. Wieso?“

„Damals war sie doch der allergrößte Britney-Spears-Fan der ganzen Stadt. Zu jedem Konzert wollte sie unbedingt, hat alle möglichen Artikel gesammelt. Sogar die Haare wollte sie sich so blond färben wie Britney-Püppchen. Durfte sie aber nicht. Fand sie total doof.“

Stimmt, jetzt erinnerte ich mich wieder.

„Weißt du noch, wie plötzlich diese Phase damals aufgehört hat? Wegen diesem einen Lied? Und so wird es sicher auch bei dieser Frankreich-Sache sein.“

In diesem Augenblick gongte es zur Stunde. Ein paar Fruchtzwerge aus der fünften Klasse wollten den Raum betreten, doch Anna scheuchte sie weg mit den Worten: „Haut ab, die Großen haben hier etwas zu besprechen!“ Eingeschüchtert verzogen sich die Kiddies.

„Wir haben doch neulich diesen Artikel mit dem Paris-Syndrom durchgenommen. Weißt du noch? Diese ganzen Japaner, die nach Paris kommen und den Schock ihres Lebens kriegen, weil Paris überhaupt nicht so ist, wie sie es sich vorgestellt haben?“

Ich nickte.

„Siehst du“, meinte Anna zufrieden. „So wird es auch bei unserer lieben Aurélie sein. Wir fahren hin, sie lernt die Stadt richtig kennen und wird schwupps wieder die Alte. Komm, wir müssen, sonst reißt uns die Heidemayer wieder den Kopf ab.“

Ich habe die unterschiedlichsten Gefühle, wenn ich von der Schule nach Hause fahre. Häufig bin ich kaputt von dem ganzen Stress, den uns die lieben Lehrer verursachen. Manchmal bin ich auch traurig, weil ich eine verhauene Klausur wiederbekommen habe. Es kam auch schon vor, dass ich richtig gute Laune hatte, weil irgendein Experte in der Schule wieder einen richtig lustigen Spruch abgelassen hatte. Aber es war bis jetzt noch nie vorgekommen, dass ich gespannt auf das war, was mich zu Hause erwartete.

Ja, bis heute. Nach der merkwürdigen Harmonie gestern und auch heute Morgen war das wohl kaum verwunderlich. Bei uns war es ja zugegangen wie in der Werbung. Die wunderbare glückliche Familie mit Vater, Mutter und drei Kindern. Manchmal ist auch noch eine Oma dabei.

Wer würde sich da nicht fragen, was als Nächstes passierte?

Auf dem Heimweg zählte ich die Busstationen, bis ich zu Hause war, und überlegte, dass das alles doch nur die Ruhe vor dem Sturm war. Anders konnte das doch gar nicht abgehen.

„Nächste Haltestelle Brückenstraße.“

Oder vielleicht doch? Hatten sie sich schon auf irgendwas geeinigt und ich hatte es nur nicht mitbekommen?

„Nächste Haltestelle St.-Marien-Krankenhaus.“

Ach Quatsch, das hätten sie mir doch schon längst erzählt.

„Nächste Haltestelle Nordkreuz.“

Hier musste ich aussteigen. In der Imbissbude an der Haltestelle sah ich ein junges Pärchen mit einem Baby. Die Eltern fütterten ihr Kind mit Pommes und es schien den beiden zu gefallen. Dem Baby auch.

Ob die in fünfzehn Jahren in einer ähnlichen Situation stecken würden wie meine Familie?

Ich seufzte und lief die hundert Meter bis nach Hause.

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Über kitschautorin

Ich bin Früh-ins-Bett-Geherin. Im Internet zu Hause. Fürs DRK als Blutspendenanmeldungshilfe aktiv. Gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch. Gegen Atomkraft und sinnlose Verbote. Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Politisch interessiert. Auf Flickr zu finden: https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/ Ich blogge über alles, was mich bewegt. Soll heißen: über meine Arbeit. Meine Familie. Das Fernsehen. Meine Freunde. Meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dämliche Printerzeugnisse. Bücher. Die drei Jahre in einer der schlimmsten Berufsschulen dieses Landes. Sexualität. Meine Beziehung. Die Universität. Zitate. Und alles, was ich sonst noch so erlebe. Ich mag Bücher. Nudeln. „Hör mal, wer da hämmert“. Die Ärzte. Zitate. Meine Arbeit beim Radio. Urban Priol. Volker Pispers. SpongeBob. Garfield. „Switch“. „Ein Herz und eine Seele“. Ich hasse Fremdenfeindlichkeit. Misogynie. Homo- und Frankophobie. Die meisten Sorten von Kohl (auch den aus der CDU, haha). Den Großteil des Fernsehprogramms. Armut. Arroganz. Die Bildzeitung. Leute, die anderen Leuten keine eigene Meinung gönnen. Das Wort „Gutmensch“. Fußball. Viele Politiker. Ich habe hier noch mehr über mich geschrieben: https://kitschautorin.wordpress.com/2011/04/16/alles-glanzt-so-schon-neu/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/01/17/11-fragen/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/07/22/immer-wieder-sonntags/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/03/07/mal-wieder-was-uber-mich/ https://kitschautorin.wordpress.com/2013/05/04/was-ich-unbedingt-noch-machen-will/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/11/fragebogen-zu-film-und-kino/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/15/nochn-fragebogen/

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  1. Bin über deinen Gästebucheintrag bei Bademeister.com auf deinen Blog gestoßen. Postest du die Geschichte komplett hier rein? Ich würde mich freuen. Liest sich echt gut.

    Antwort
  2. Es erinnerte mich ein bisschen an werdende Mütter, die ja meistens auch nur das eine Thema – nämlich ihr Nachwuchs – kennen.<— Ich fand Schwangersein furchtbar. Man wird fett und unbeweglich. 😉

    Darum ging ich dem Thema aus dem Weg, soweit es ging. Aber in der Elternzeit hatte ich dann fast nur Kind als Thema. Man erlebt den ganzen Tag ja nichts anderes mehr…

    Antwort

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