RSS-Feed

Zum letzten Mal minderjährig, Teil 7

Veröffentlicht am

Später am Tag unternahm unsere Reisegruppe mit einem dieser tollen Touri-Busse eine Stadtrundfahrt durch Paris. Wir passierten unheimlich viele Sehenswürdigkeiten, zum Beispiel die Tuilerien oder das Moulin-Rouge. Letzteres veranlasste unsere männlichen Mitreisenden natürlich dazu, Bemerkungen in rauen Mengen abzulassen. Einer, der sich besonders witzig vorkam, rief: „Das müssen wir uns unbedingt noch mal von innen ansehen!“ Einige Kumpels grölten.

Normalerweise hätte Frau Lacombe den Jungs den Kopf gewaschen, da sie auf Scherze dieser Art überhaupt nicht stand. Doch heute drehte sie sich nur um und schaute sie vorwurfsvoll an.

Wenig später fuhren sie wir an einem altehrwürdigen Gebäude vorbei, das aussah wie eine Schule. Eine sehr vornehme und angesehene Schule.

Frau Lacombe deutete mit dem rechten Arm auf das Gebäude und informierte uns: „Das ist übrigens das Collège Albert-Camus, da habe ich früher mal unterrichtet!“ Überall Bewunderung. Auch bei mir. Aber dann schlugen meine Gefühle ganz schnell in große Nachdenklichkeit um.

Meine Französischlehrerin erinnerte mich nämlich wieder mal an meine Mutter. Bestimmt wollte sie nach ihrem Studium auch so eine tolle Karriere starten. Es hatte ja zunächst auch alles darauf hingedeutet, dass es klappen würde. Sogar mit zwei Töchtern im Kindesalter hatte sie ihr Medizinstudium mit Bestnoten abschließen können. Doch dann kam Paul.

Hatte sie es ihr ganzes Leben bereut, für ihn ihre Karriere aufgegeben zu haben? War sie deswegen jetzt so verbittert?

Ach, verdammt! Da war ich hierhin gekommen, um mich von den Problemen zu Hause abzulenken und dann schaffte ich es schon wieder nicht.

Meine Entscheidung war getroffen. Ich würde mit auf die Zimmerparty gehen. Ohne Begleitperson konnte ich eh nicht raus, da ich erst siebzehn war. Und die würden heute eh alle auf der Zimmerparty sein.

„Oh Scheiße, hab ich ’nen Schädel!“, stöhnte Aurélie. „Nie wieder französischer Wein!“

Hilfe, was war denn jetzt passiert? Und warum fühlte auch ich mich einfach schrecklich? Mein Kopf fühlte sich an, als würden darin drei Millionen Ameisen eine Party feiern und mein Nacken schmerzte wie noch nie.

Ich wollte mich umdrehen, doch über mir lag irgendwas, das mich daran hinderte; außerdem kam von neben mir ein lautes Schnarchgeräusch. Jetzt öffnete ich die Augen, was mir dadurch erschwert wurde, dass irgendjemand Gewichte an meine Wimpern gehängt zu haben schien, so schwer waren meine Lider.

Ich schaute mich um und im spärlichen Licht, das durch die Fenster schien, erkannte ich neben mir – Freddy!

Oh, Scheiße!!! Was war denn nun schon wieder passiert? Wie war Freddy neben mir gelandet? Und viel wichtiger: Was hatten wir in der letzten Nacht miteinander angestellt? Hatte ich letzte Nacht überhaupt die Pille genommen?

Oh, NEIN! Am liebsten hätte ich sofort laut losgeschrien, doch ich wartete damit, bis ich ins Bad getapst war. Dann ließ ich aber einen Urschrei los, der sogar meinen Schreihals-Bruder Paul beeindruckt hätte.

Aus dem Zimmer kam Protest, der war mir in meiner augenblicklichen Situation aber ziemlich egal. Ein paar Sekunden später taumelte Lea ins Bad.

Ich ließ so ungefähr alle Flüche ab, die ich draufhatte. Das veranlasste meine Schwester, mich müde zu fragen: „Was ist denn mit dir los?“

„Das wüsste ich auch gern! Ich bin grade neben Freddy aufgewacht und habe keine Ahnung, was wir miteinander gemacht haben! Wahrscheinlich bist du in neun Monaten zum ersten Mal Tante!“

„So ein Quatsch!“, entgegnete Lea und rieb sich ihre Augen. „Ihr habt’s nicht gemacht. Du hast nur Unmengen von diesem französischen Fusel getrunken und dich dann von Freddy zu einem Spaziergang um den Block überreden lassen.“ Sie spuckte ins Waschbecken, ich hockte mich aufs Klo.

„Dann seid ihr händchenhaltend wiedergekommen“, fuhr sie fort. „Na ja, irgendwie bist du wohl sehr auf ihn abgefahren.“

„Wieso das denn?“, fragte ich schockiert.

„Keine Ahnung. Jedenfalls habt ihr beide euch dann hierhin“ – sie zeigte in die Richtung, in der mein Bett stehen musste – „verzogen und miteinander geknutscht. Und zwar, bis ihr eingeschlafen seid.“

Ich atmete erleichtert aus. Wenigstens hatten wir nicht miteinander geschlafen. Aber allein die Vorstellung, dass Freddy und ich uns geküsst hatten… Ich schüttelte mich.

In diesem Augenblick drang vom Flur eine Stimme in mein Ohr, die ich nur zu gut kannte.

„Was ist hier los?“, rief Frau Lacombe.

„Scheiße, wenn die hier reinkommt, sieht sie Freddy und dann kann ich gleich nach Hause fahren!“, rief ich panisch.

„Und was dann erst zu Hause los sein wird!“, meinte Lea nicht weniger alarmiert.

„Mach sofort die Tür zu!“, befahl ich meiner Schwester, die auch sofort den Riegel herumdrehte. Besetzt – occupé. Wir pressten unsere Ohren an die Badtür, um zu hören, was Frau Lacombe machte.

Sie betrat das Zimmer, dann war es einige Sekunden lang still.

„Que diable… Was machst du denn hier?“, war zu hören. Es folgte ein eindeutig männliches Brummen.

Oh nein, sie hatte Freddy entdeckt! Ich faltete meine Hände und betete zum Himmel. Buddha, Jesus, Spongebob, ich würde alles dafür tun, wenn…

„Sara, komm sofort da raus!“, rief Frau Lacombe auch schon.

Ach, du liebe Güte. Was würde jetzt mit mir passieren? Was solche Sachen anging, verstand meine Französischlehrerin überhaupt keinen Spaß. Und was würde wohl Herr Nowitzki dazu sagen? An meine Eltern wollte ich gar nicht erst denken. Ich vergrub meinen Kopf in meinen Ellenbogen und wünschte mich zehntausend Kilometer weit weg.

„Sortez-en tout de suite, Mademoiselle!“, fauchte sie jetzt.

Ängstlich schauten Lea und ich uns an, dann entriegelte ich die Tür.

Advertisements

Über kitschautorin

Ich bin eine junge Frau, die in der drittviertgrößten Stadt Niedersachsens studiert und der Liebe wegen recht weit pendelt. Früh-ins-Bett-Geherin. Im Internet zu Hause. Fürs DRK als Blutspendenanmeldungshilfe aktiv. Gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch. Gegen Atomkraft und sinnlose Verbote. Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Politisch interessiert. Auf Flickr zu finden: https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/ Ich arbeite hauptberuflich als Politik- und Pädagogikstudentin. Nebenberuflich als Karla Kolumna eines örtlichen Radiosenders und einiger anderer Medien. Ich blogge über alles, was mich bewegt. Soll heißen: über meine Arbeit. Meine Familie. Das Fernsehen. Meine Freunde. Meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dämliche Printerzeugnisse. Bücher. Die drei Jahre in einer der schlimmsten Berufsschulen dieses Landes. Sexualität. Meine Beziehung. Die Universität. Zitate. Und alles, was ich sonst noch so erlebe. Ich mag Bücher. Nudeln. „Hör mal, wer da hämmert“. Die Ärzte. Zitate. Meine Arbeit beim Radio. Urban Priol. Volker Pispers. SpongeBob. Garfield. „Switch“. „Ein Herz und eine Seele“. Ich hasse Fremdenfeindlichkeit. Misogynie. Homo- und Frankophobie. Die meisten Sorten von Kohl (auch den aus der CDU, haha). Den Großteil des Fernsehprogramms. Armut. Arroganz. Die Bildzeitung. Leute, die anderen Leuten keine eigene Meinung gönnen. Das Wort „Gutmensch“. Fußball. Viele Politiker. Ich habe hier noch mehr über mich geschrieben: https://kitschautorin.wordpress.com/2011/04/16/alles-glanzt-so-schon-neu/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/01/17/11-fragen/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/07/22/immer-wieder-sonntags/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/03/07/mal-wieder-was-uber-mich/ https://kitschautorin.wordpress.com/2013/05/04/was-ich-unbedingt-noch-machen-will/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/11/fragebogen-zu-film-und-kino/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/15/nochn-fragebogen/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: