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Zum letzten Mal minderjährig, Teil 9

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Nach dem Abendessen winkten Herr Nowitzki und Frau Lacombe Freddy und mich zu sich an den Tisch. Sie bemühten sich, dies unauffällig zu tun, doch natürlich bekamen es am Ende wieder alle mit. Der Großteil unserer Reisegruppe verließ tratschend und schwatzend den Essenssaal. Oh wunderbar.

„Sie wollten uns sprechen?“, begann ich, aber unsere Begleitpersonen sprachen nicht, bis alle Schüler außer Freddy und mir weg waren.

„Ja. Wir haben uns entschieden, wie wir in dieser Sache weiter vorgehen“, informierte uns Herr Nowitzki.

„Und was wollen Sie jetzt tun?“, fragte Freddy, mit so einem eigentümlichen Ton in der Stimme. Außerdem streckte er sein Kinn leicht vor. Irgendwie hatte dies etwas Triumphierendes. Wieso nur? Was hatte er gemacht?

Frau Lacombe reagierte auf Freddys Gesten, indem sie ihn böse anguckte. Sehr böse. Es erinnerte mich an eine Frau aus meiner Lieblingsfernsehserie, die mit ihrem bösen Blick Bauchschmerzen verursachen konnte.

„Wir… haben beschlossen, eure Eltern nicht zu informieren“, sagte Frau Lacombe und rang dabei sichtlich um Fassung.

Wie bitte? Das konnte doch nicht wahr sein! Ich wollte vor Freude aufspringen. Jedoch schob Herr Nowitzki hinterher: „Allerdings verlangen Frau Lacombe und ich, dass ihr einen Aufsatz über die gefährlichen Folgen von Alkohol schreibt.“

Ich war damit voll zufrieden. Lediglich Freddy hatte noch etwas zu sagen:

„Und was ist mit den anderen?“

Zuerst kapierte ich nicht. Welche anderen? Doch dann verstand ich, dass sich das auf einen seiner Einwürfe von heute Morgen bezog.

„Sie werden ebenfalls ihre gerechte Strafe erhalten“, gab Frau Lacombe, immer noch um Fassung ringend, zurück.

Jetzt waren Freddy und ich entlassen.

Im Flur vorm Speisesaal sprang ich – endlich – in die Luft und fiel Freddy vor lauter Freude sogar um den Hals. „Danke! Du bist echt super!“

„Schon gut“, wehrte Freddy lachend ab.

„Aber – wie hast du das jetzt eigentlich gemacht?“, fragte ich neugierig.

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Ich mag lange Geschichten.“

Er überlegte eine Weile. „Gut. Wenn du so neugierig bist, kann ich dich natürlich nicht enttäuschen. Kommst du mit? Dann erzähle ich dir alles.“

„Aber wohin soll ich mitkommen?“

„Hmm… Wie wäre es mit einem Trip zur Place de la Concorde?“

Ich willigte ein.

Zwanzig Minuten später fuhr unsere Métro in die Station Concorde ein. Wir stiegen ganz normal aus und standen nebeneinander auf dem Gleis. Auf einmal rannte Freddy Richtung Ausgang und rief: „Du kriegst mich nie!“

„Natürlich kriege ich dich!“, rief ich und rannte hinterher. Wir rempelten einige Passanten an und die Musiker, die in der Station auf einige Centimes hofften, schauten uns amüsiert hinterher, doch das war mir egal. Ich mühte mich tierisch ab, um Freddy noch zu erwischen, und rannte dabei so schnell, dass Herr Nowitzki, der auch Sportlehrer war, neidisch geguckt hätte.

Oben am Ausgang, neben einem Werbeplakat, kriegte ich ihn dann endlich.

Keuchend rief ich: „Hab dich!“

Nicht weniger kaputt entgegnete er: „Ja, hat aber ganz schön lange gedauert!“

Wir gingen zur Place de la Concorde. Als wir dort waren, war ich überrascht von der Platz und seine Umgebung um diese Zeit ausstrahlten. In der Nähe stand ein imposantes Gebäude.

„Weißt du, was das ist?“, fragte ich und zeigte darauf.

„Das ist das Hôtel de Crillon“, erzählte Freddy.

„Woher weißt du das?“ Ich war beeindruckt davon, dass er das wusste. Vom Hôtel de Crillon hatte ich noch nie etwas gehört.

„Ach, meine Oma hat mir einen Reiseführer mitgegeben“, erwiderte er. „Sie kümmert sich wirklich um mich.“

„Das ist schön“, sagte ich unbehaglich und wusste danach gar nicht mehr, was ich sagen sollte.

Glücklicherweise hatte es Freddy nicht die Sprache verschlagen. Er pflanzte sich auf ein niedriges Mäuerchen und fragte: „Willst du nun wissen, wie ich die Lacombe und den Nowitzki zum Einknicken gebracht habe?“

„Ja, klar!“

„Komm, setz dich.“ Er klopfte mit der rechten Hand neben sich aufs Mäuerchen. Ich ließ mich neben ihm nieder und er erzählte mir die ganze Geschichte. Sie war ungeheuerlich und, durch Freddys Erzählweise, stellenweise einfach nur komisch.

Gestern, als wir wieder in der Jugendherberge waren, verschwand Frau Lacombe mit Herrn Nowitzki auf ihr Zimmer. Fünf Minuten später ist Freddy eingefallen, dass er noch eine dringende Frage zum heutigen Programm hatte, also hat er das Zimmer der beiden aufgesucht.

Als er angekommen ist, hat er gesehen, dass die Tür einen kleinen Spalt aufstand. Weil er komische Geräusche von drinnen gehört hat, hat er hereingeguckt und sah dort etwas, „was ich nie wieder sehen will! Es war verdammt widerlich!“

Was hatte er gesehen? Frau Lacombe und Herrn Nowitzki, wie sie l’amour machten! Das war natürlich ein gefundenes Fressen für ihn, denn Frau Lacombe ist bereits verheiratet. Als Freddy Frau Lacombe heute damit konfrontiert hatte, hatte unsere Französischlehrerin ganz schön blöd aus der Wäsche geguckt, zunächst aber nur gefaucht: „Petit démon! Du willst mich erpressen? Das schaffst du nicht!“

Worauf Freddy lässig gekontert hatte, dass er auch gerne meinen Anwaltsvater informieren könne, von wegen Verletzung der Aufsichtspflicht und so. Das Gerücht, dass unsere Lehrer gestern eine Fahrt auf der Seine gemacht hatten, anstatt in der Jugendherberge auf uns aufzupassen, hatte nämlich gestimmt.

Da wurde Frau Lacombe so langsam klar, was sie sich und ihrem Kollegen mit einer Information unserer Eltern über unseren Ausrutscher alles einhandeln würde. Sie schluckte mehrmals heftig, guckte schwitzend überall im Raum herum und hat dann eine Krisensitzung mit Herrn Nowitzki abgehalten.

„Tja, und am Ende hat sie dann gesagt, dass sie unseren Erziehungsberechtigten nichts über letzte Nacht erzählt“, schloss Freddy seinen Bericht.

Ich lag lachend auf dem Mäuerchen. „Boah, cool!“

Als ich mich wieder beruhigt hatte, richtete ich mich auf. „Ich muss gestehen, das hätte ich dir nicht zugetraut“, überwand ich mich.

„Wieso?“

„Na ja“, druckste ich herum, „ich fand dich irgendwie… komisch.“

„Ja, das sagen viele“, antwortete Freddy gar nicht beleidigt. „Deswegen habe ich auch nicht so viele Freunde.“

„Ah ja. Aber… sag mal…“

„Ja, was denn?“

„Wieso hast du mich immer so angestarrt?“

„Hmm… schwer zu sagen. Ich fand dich irgendwie interessant.“

Also doch. Es war also war. Freddy war in mich verknallt. Oh mein Gott. Was –

„Aber nicht, dass du denkst. dass ich was von dir will“, fügte Freddy hastig hinzu. „Ich fand dich nur… als Freundin interessant.“

„Fängst du alle deine Freundschaften so an? Dann wundert es mich nicht, dass du nicht so viele Freunde hast“, versetzte ich.

Nun guckte er unsicher.

„Schon gut. Freunde?“ Ich hielt ihm die Hand hin.

„Freunde!“ Erleichtert schlug er ein.

„Fand ich wirklich cool von dir, dass du dich so eingesetzt hast“, teilte ich ihm mit, während wir auf dem Rückweg zur Station Concorde waren. „Wenn du nichts getan hättest, wäre bei mir zu Hause jetzt der Teufel los.“

„Denk ja nicht, dass ich das gemacht habe, um dir zu helfen. Ich wollte nur meinen Hintern retten“, entgegnete Freddy grinsend und streckte mir die Zunge heraus.

„Blödmann!“ Lachend zog ich ihm seine Strickmütze über die Augen.

Als eine metallisch klingende Stimme die Fahrgäste der Métro darüber informierte, dass wir uns der Station Louvre-Rivoli näherten, klingelte auf einmal mein Handy. Ich schaute aufs Display. Zu Hause, stand da. Nanu, was war denn jetzt los? Ich drückte auf den grünen Hörer.

„Hallo?“

„Hallo, Sara, hier ist deine Mutter!“

„Hallo, was ist denn?“

„Ich habe erst Lea erreichen wollen, aber die hat ihr Handy mal wieder nicht an.“

„Ja, aber warum denn?“ Langsam wurde ich ungeduldig. Freddy guckte ich neugierig.

„Ich habe mich dazu entschieden, das Angebot meiner Freundin anzunehmen. Ich werde wieder arbeiten“, erklärte Mama überglücklich.

„Das ist schön!“, freute ich mich. „Aber deswegen rufst du uns an?“

„Ja, natürlich! Das ist doch eine äußerst wichtige Entscheidung!“

„Stimmt.“ Da fiel mir noch etwas ein. „Was haben Papa und Oma dazu gesagt?“

„Die sind einverstanden. Wir haben einen Plan ausgearbeitet, den zeigen wir Lea und dir, wenn ihr wieder da seid.“

„Okay, aber ich muss jetzt Schluss machen, ich bin grad unterwegs!“

„Mit wem denn?“

„Mit einem Freund aus meiner Stufe!“ Ich zwinkerte Freddy zu, er zwinkerte zurück.

„Dann noch viel Spaß! Bis bald!“

„Tschüss!“ Ich legte auf.

„Deine Mutter?“, vermutete Freddy ganz richtig. Ich nickte.

„Du scheinst ja zu Hause gerade eine wichtige Zeit durchzumachen.“

Überrascht fragte ich: „Wie kommst du darauf?“

„Ach, das hab ich dir angehört. Möchtest du mir erzählen, worum es geht?“

Ich erzählte in Kurzform, was passiert war.

„Puuh“, stöhnte Freddy. „Das war bestimmt ätzend.“

„Hm, es ging. Ist vermutlich auch immer noch besser, als… niemanden zu haben.“

Freddy sah aus dem Fenster, während er nickte. „Manchmal habe ich meine Familie sehr vermisst.“

„Tut mir wirklich Leid, dass das passiert ist.“

„Schon gut. Im Grunde kenne ich es ja nicht anders.“

Wir kamen an der Station an, an der wir aussteigen mussten. Es war Saint-Paul. Schweigend wanderten wir die paar hundert Meter von der Métrostation zur Jugendherberge.

Als wir schließlich vor dem fünfstöckigen Klotz standen, stellte ich ihm noch eine letzte Frage.

„Wieso hast du mich gestern geküsst?“

Freddy drehte sich herum. „Bitte versteh das jetzt nicht falsch, aber das lag ganz einfach daran, dass ich noch mehr Merlot getrunken hatte als du. Unter normalen Umständen hätte ich dich niemals geküsst.“

Wir lachten beide.

Anderthalb Tage später saß die Familie Lehmann wieder gemeinsam am Frühstückstisch und unterhielt sich miteinander.

Wir unterhielten uns über die nun hinter mir und Lea liegende Parisfahrt. Ich zeigte Paul die Fotos auf meiner Digitalkamera und er zeigte sich vor allem von dem Bild eines Vogels beeindruckt, das ich in einem Pariser Museum gemacht hatte.

Irgendwann wollte Mama wissen, wer denn der Mensch war, mit dem ich vorletzten Abend in Paris unterwegs gewesen war.

„Ach, das war Frederik aus meiner Stufe“, erzählte ich möglichst beiläufig, konnte aber nicht vermeiden, dass Lea mich verschwörerisch ansah.

Egal, ich brauchte keine Angst zu haben. Lea hielt zu mir, wir waren schließlich Schwestern. Und zwar welche mit einem Spitzenverhältnis, so was fand man nicht so oft auf der Welt.

Nach dem Frühstück erklärte uns Mama, wie sie die Haushaltsführung und überhaupt die ganze Organisation in Zukunft weiterführen wollte.

Sie erklärte Lea und mir die Pläne, die sie, Oma und Papa ausgearbeitet hatten, und wirkte dabei richtig glücklich.

Da Paul nach der Schule nicht mehr abgeholt werden konnte, sollte er demnächst in eine Betreuungsgruppe kommen. Oma sollte ihn dann abholen, wenn sie von dem Sport wiederkam, den sie wegen ihres schwachen Knies machen musste. Papa würde beruflich etwas kürzer treten und sich gemeinsam mit Lea und mir um den Haushalt kümmern.

„Und was ist dann mit dem Mittagessen?“

„Das ist zukünftig leider kalt“, erklärte Mama. „Aber abends, wenn ich wieder da bin, kann ich dann für euch kochen.“

Die Pläne klangen wirklich gut.

Abends dachte ich noch mal über die jetzige Situation nach. Beim Frühstück hatte eine große Harmonie geherrscht. Und diesmal war es eine echte Harmonie, nicht so eine bröckelige, die jeden Augenblick zu zerbrechen droht. Zum ersten Mal seit langem war ich zuversichtlich, dass wir uns lange miteinander vertragen konnten. Ich durfte nicht vergessen, mich noch mal bei Freddy zu bedanken. Wenn er sich nicht für uns beide eingesetzt hätte, wäre dieser Familienfrieden nie möglich gewesen.

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Über kitschautorin

Ich bin Früh-ins-Bett-Geherin. Im Internet zu Hause. Fürs DRK als Blutspendenanmeldungshilfe aktiv. Gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch. Gegen Atomkraft und sinnlose Verbote. Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Politisch interessiert. Auf Flickr zu finden: https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/ Ich blogge über alles, was mich bewegt. Soll heißen: über meine Arbeit. Meine Familie. Das Fernsehen. Meine Freunde. Meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dämliche Printerzeugnisse. Bücher. Die drei Jahre in einer der schlimmsten Berufsschulen dieses Landes. Sexualität. Meine Beziehung. Die Universität. Zitate. Und alles, was ich sonst noch so erlebe. Ich mag Bücher. Nudeln. „Hör mal, wer da hämmert“. Die Ärzte. Zitate. Meine Arbeit beim Radio. Urban Priol. Volker Pispers. SpongeBob. Garfield. „Switch“. „Ein Herz und eine Seele“. Ich hasse Fremdenfeindlichkeit. Misogynie. Homo- und Frankophobie. Die meisten Sorten von Kohl (auch den aus der CDU, haha). Den Großteil des Fernsehprogramms. Armut. Arroganz. Die Bildzeitung. Leute, die anderen Leuten keine eigene Meinung gönnen. Das Wort „Gutmensch“. Fußball. Viele Politiker. Ich habe hier noch mehr über mich geschrieben: https://kitschautorin.wordpress.com/2011/04/16/alles-glanzt-so-schon-neu/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/01/17/11-fragen/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/07/22/immer-wieder-sonntags/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/03/07/mal-wieder-was-uber-mich/ https://kitschautorin.wordpress.com/2013/05/04/was-ich-unbedingt-noch-machen-will/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/11/fragebogen-zu-film-und-kino/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/15/nochn-fragebogen/

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