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Wo ist die Liebe hin?, Teil 9

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Einige Tage später war der Abiball. Auch wenn das stundenlange Herrichten ein einziger Stress gewesen war und mir Omas Kommentare zu meinem Kleid („So tief wie das ausgeschnitten ist, kann man ja von Pontius bis Pilatus gucken!“) irgendwann nur noch auf die Nerven gingen, war ich doch froh, dass der Abiball endlich gekommen war.

Am Anfang war es ziemlich öde, da keine Musik lief und ständig irgendein Lehrer meinte, irgendeine endlose Rede halten zu müssen. Doch als die Band eintraf, wurde es ziemlich gut. Wir Mädels tanzten ausgelassen, zumindest soweit unsere Hochsteckfrisuren es zuließen. Und es zeigte sich, dass die Band eine hervorragende Wahl gewesen war. Alle waren glücklich.

Das heißt, nicht ganz. Zwar versuchten Anna und ich immer wieder, Aurélie zum Tanzen zu bewegen, aber nach einer Minute saß sie bereits wieder auf ihrem Platz und starrte zur Theke, an der sich Freddy mit seinen Kumpels unterhielt.

„Meinst du, jetzt…“, fragte ich.

„Ja, jetzt ist der richtige Zeitpunkt“, meinte Anna.

Die Band hatte gerade mit einem Lied geendet. Ich stieg zu ihnen auf die Bühne und flüsterte Larry, dem Sänger, meinen Musikwunsch ins Ohr. Den erfüllte er mir auch prompt. Leider mit einer kleinen Ansage.

„Und hier kommt für Saras gute Freundin ein Musikwunsch! Aurélie von Wir sind Helden!“

Dann begann er. Ich war noch nie so aufgeregt wie jetzt. Anna schien es auch nicht anders zu gehen.

„Aurélies Akzent ist ohne Frage sehr charmant

Auch wenn sie schweigt, wird sie als wunderbar erkannt

Sie braucht mit Reizen nicht zu geizen, denn ihr Haar ist Meer und Weizen

Noch mit Glatze fräß’ ihr jeder aus der Hand

Doch Aurélie kapiert das nie

Jeden Abend fragt sie sich

Wann nur verliebt sich wer in mich?“

Zweifellos bewirkte dieser Song etwas. Aber nicht das, was er sollte. In dem Augenblick, als der Refrain einsetzte, begann Aurélie zu weinen und verließ fluchtartig den Saal. Sie rannte an Anna und mir vorbei, ich wollte hinterher, aber Anna hielt mich zurück.

Freddy kam aufgeregt auf uns zu. „Na toll, und was soll ich jetzt machen!“

„Na, hinterher!“, rief Anna ihm zu. Dieser Aufforderung kam er sofort nach.

Auch wenn die Musik immer noch laut dröhnte, hörte ich sie in dem Moment nicht.

Ich fühlte mich unheimlich schuldig. Was war nur passiert? Für den ganzen Schlamassel fühlte ich mich allein verantwortlich.

Ich ließ mich auf einen Stuhl vor den Waschräumen sinken und wünschte mir, ich hätte all das nie erleben müssen.

Da kam mir Anna hinterher. Sie setzte sich auf den Stuhl neben mir. Zusammen sahen wir schweigend in den Nachthimmel, der sich durch die Fenster blicken ließ.

Nach einer Weile sagte Anna: „Das war ’ne blöde Idee von mir, was?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Solche Versuche sind im Allgemeinen eine blöde Idee.“

Wieder zuckte ich mit den Schultern.

Es war ziemlich dunkel und es war unendlich lange still.

Plötzlich stürmte von draußen ein Pärchen Richtung Damentoiletten. Zuerst hielten sie an einem Pfeiler. Wer so intensiv knutscht, verbraucht kein Wasser mehr zum Waschen, hatte Anna mal gesagt. Ich glaube, erst jetzt begriff ich das so richtig.

Mir war das Pärchen nicht bekannt und im Dunkeln konnte man kaum etwas erkennen, aber als die beiden in die Damentoiletten huschten, sah ich, dass das Mädchen ein schwarzes Kleid trug. Ein schwarzes Kleid mit einer großen Schleife am Rücken und ziemlich viel Glitzer. Genau wie Aurélie…

Einen Moment später hörten wir lautes Gestöhne. Ich bildete mir sogar ein, zu merken, wie unsere Stühle, die nebenstehende Garderobe und das WC-Schild rhythmisch hin- und herrumsten. Wie in diesem Film. Die fabelhafte Welt der Amélie.

Oh mein Gott. Das.. das konnte doch nicht…

„Du, da auf dem Klo, da sind…“

„Freddy und Aurélie, genau. Wir haben unsere Arbeit getan. Komm, gehen wir wieder tanzen.“

Ich war so befreit wie noch nie. Deswegen tanzte ich auch besonders ausgelassen, war eins mit mir und der Welt und grölte laut mit zu der Musik. Kurz: Ich hatte einen perfekten Abend.

Eine halbe Ewigkeit später tauchten unsere guten Freunde wieder auf. Die Band hatte gerade Pause. Aufgeregt stürmten Freddy und Aurélie auf uns zu.

Mir fiel auf, dass sich einige Strähnen aus Aurélies Frisur gelöst hatten und Freddy verschmierten Lippenstift am Hals hatte.

„Sara, Freddy und ich sind…“

„Ich weiß. Lasst uns feiern!“

Doch jetzt betrat Oma die Szene. Wieso hatten wir sie eigentlich mit angemeldet?

„Meinst du wirklich, dass das für ein Mädchen wie dich der geeignete Ort ist?“ Mit Stirnrunzeln betrachtete sie Freddy und Aurélie, die leicht derangiert aussehen, die Getränke, die wir in den Händen hielten, und die Band, die biertrinkend auf der Bühne saß.

„Lass mich doch. Ich bin alt genug!“

Empört wollte Oma etwas entgegnen, doch in dem Moment wurde ich von meinen Freunden auf die Tanzfläche gezogen, weil die Band wieder einsetzte. Aurélie küsste Freddy auf den Mund, schob ihn hin und her, Anna und ich legten den wildesten Rock’n’Roll aller Zeiten hin, und ich kümmerte mich kein Stück darum, was meine alte, überbesorgte Großmutter zu sagen hatte. Weil ich dazu viel zu glücklich war.

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Über kitschautorin

Ich bin Früh-ins-Bett-Geherin. Im Internet zu Hause. Fürs DRK als Blutspendenanmeldungshilfe aktiv. Gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch. Gegen Atomkraft und sinnlose Verbote. Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Politisch interessiert. Auf Flickr zu finden: https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/ Ich blogge über alles, was mich bewegt. Soll heißen: über meine Arbeit. Meine Familie. Das Fernsehen. Meine Freunde. Meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dämliche Printerzeugnisse. Bücher. Die drei Jahre in einer der schlimmsten Berufsschulen dieses Landes. Sexualität. Meine Beziehung. Die Universität. Zitate. Und alles, was ich sonst noch so erlebe. Ich mag Bücher. Nudeln. „Hör mal, wer da hämmert“. Die Ärzte. Zitate. Meine Arbeit beim Radio. Urban Priol. Volker Pispers. SpongeBob. Garfield. „Switch“. „Ein Herz und eine Seele“. Ich hasse Fremdenfeindlichkeit. Misogynie. Homo- und Frankophobie. Die meisten Sorten von Kohl (auch den aus der CDU, haha). Den Großteil des Fernsehprogramms. Armut. Arroganz. Die Bildzeitung. Leute, die anderen Leuten keine eigene Meinung gönnen. Das Wort „Gutmensch“. Fußball. Viele Politiker. Ich habe hier noch mehr über mich geschrieben: https://kitschautorin.wordpress.com/2011/04/16/alles-glanzt-so-schon-neu/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/01/17/11-fragen/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/07/22/immer-wieder-sonntags/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/03/07/mal-wieder-was-uber-mich/ https://kitschautorin.wordpress.com/2013/05/04/was-ich-unbedingt-noch-machen-will/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/11/fragebogen-zu-film-und-kino/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/15/nochn-fragebogen/

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