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Krümelmonster, Teil 11

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Wie lange war es jetzt her, dass ich die Uni verlassen hatte? Wie lange war es her, dass Lea plötzlich vor mir gestanden hatte und mich abholen wollte? Ich sah auf die Uhr meines Handys. Es waren fünf Stunden. Eigentlich kein so großer Zeitraum, und doch fühlte ich mich, als wäre ich von einem Güterzug überrollt worden. Von einem Güterzug, der aus dem Nichts aufgetaucht war.

Nie im Leben hätte ich heute Morgen, als ich in Hannes’ Bett aufgewacht war, gesagt, dass es an dem Tag so weit käme, dass meine Schwester im Krankenhaus lag und dass ich mich so schrecklich fühlte. Wie gesagt, als wäre ein Güterzug über mich drübergefahren. Mit längerem Aufenthalt auf meinem Kopf. Erst jetzt merkte ich, wie sehr er mir schmerzte. Während ich zur S-Bahn-Station ging, kamen noch Brustschmerzen dazu. Ich hatte mal gehört, wenn es einem sehr schlecht geht, kriegt man Brustschmerzen. Das schien sich jetzt zu bewahrheiten.

Ich hatte es gewusst! Ich hätte mein Glück nicht uneingeschränkt lassen dürfen. Ich hätte nicht uneingeschränkt glücklich sein dürfen. Denn immer, wenn ich das bis jetzt getan hatte, war mir danach etwas ganz Furchtbares passiert. Jedenfalls etwas, das mir auf die eine oder andere Art sehr schwer zusetzte. Und das tat die augenblickliche Situation zweifelsohne.

Ich kam an der S-Bahn-Station an und setzte mich dort in ein Abteil, das erstaunlicherweise fast leer war. Das passierte hier so gut wie nie. Normalerweise höre ich unterwegs immer Musik oder lese Texte für die Uni. An diesem Tag ließ ich mich einfach saft- und kraftlos auf den erstbesten freien Sitz fallen. Ich achtete nicht mal darauf, wer neben mir saß.

Irgendwann piepte mein Handy und kündigte damit das Eintreffen einer SMS ein. Es piepte zwei Mal, drei Mal. Es war mir egal.

Die Uni-Tasche, die ich immer noch trug, wog doppelt so schwer wie sonst. Als ich aus der S-Bahn stieg, brachte ich gerade so viel Kraft auf, dass ich vorwärts ging, nicht mehr. Der Riesenklotz, der das Studentenwohnheim war, befand sich vor mir und ich sah, dass mein Fenster erleuchtet war. Dann ging es aus. Was war denn da wieder los?

Auf einmal ganz wach, rannte ich die Treppen hoch und eilte zu meinem Zimmer. Und da sah ich es.

Meine CD mit den französischen Liedern war wieder da. Aber nicht so, wie ich sie gerne gehabt hätte. Sie war in viele kleine Teile zerbrochen. Das Textbooklet war in viele kleine Schnipsel zerrupft und die Hülle war kaputt. Über allem schwebte noch dieser extreme Parfümgeruch, der mir neulich schon aufgefallen war.

Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Dieses Parfüm, das war Chanel No. 5. Ein sauteures Parfüm und das Lieblingsparfüm einer Person, die ich kannte und die mich kannte. Es war Kati.

Ich wollte nicht mehr, ich konnte nicht mehr. Ich ließ mich mit dem Malheur, das ich in den Händen hielt, in Embryostellung auf den Boden fallen und weinte mein Innerstes aus mir heraus. So doll, dass ich keine Luft mehr kriegte.

 

Ich weiß nicht mehr, wie ich aufgestanden bin, nachdem mich die blendende Sonne, die mir in die Augen schien, geweckt hatte. Ich weiß nicht mehr, wie ich Zähne geputzt, mich mit Deo eingenebelt und die Tasche für die Arbeit gepackt habe. Und ich weiß nicht mehr, wie ich den Briefkasten geleert und die S-Bahn zur Uni genommen habe.

Ich fühlte mich wie eine leere Hülle. Meine Emotionen waren weg, ich empfand nur noch große Leere. Irgendwie kam ich schon am im Hauptgebäude gelegenen Studentencafé an, legte die Schürze um und tat das Wechselgeld in mein Portemonnaie. Aber ich weiß nicht mehr, wie.

Wie üblich nahm ich Bestellungen auf, kassierte ab und wechselte ein, zwei Worte mit den Gästen. Aber es fühlte sich überhaupt nicht echt an und es war große Kraft nötig, um das alles zu tun.

Meine Chefin, die im dreizehnten Semester an der Uni Soziologie studierte, merkte natürlich trotzdem, wie es mir ging. Den ganzen Vormittag, den wir zusammen hinter dem Tresen waren, schaute sie mich immer wieder von der Seite an. Als ich mich schließlich an einer Schranktür stieß und lauthals fluchte, sprach sie mich darauf an.

„Sag mal, hast du irgendwelche Probleme? Musste mir natürlich nicht erzählen.“

„Ach, Lea liegt im Krankenhaus“, antwortete ich knapp.

„Deine Schwester, richtig? Oh, äh, das tut mir sehr Leid. Dann mal gute Genesungswünsche an deine Schwester.“

„Danke“, murmelte ich und nahm flugs die nächste Bestellung auf.

Mein Handy piepste schon wieder. Verdammt, wieso piepste das nur ständig? Ich nahm es mal kurz aus der Tasche und sah, dass ich bereits 10 ungelesene SMS hatte. 7 kamen gestern von Aurélie und heute 3 von Anna. Konnte man denn nirgendwo alleine gelassen werden?

Ich wusste gar nicht, was ich denken sollte. Was war denn jetzt schon wieder los mit denen? Sieben Nachrichten von Aurélie innerhalb kurzer Zeit, das war schon ungewöhnlich. Und Anna hatte mir auch ziemlich häufig geschrieben.

Ich las die ganzen Nachrichten erst mal durch. Die erste kam gestern Nachmittag, so gegen ein Uhr.

Na, biste noch in der Uni?

Die zweite stammte von fünfzehn Uhr siebenundzwanzig.

Ich will mich mit Freddy treffen, hoffentlich klappt das!

Was sollte klappen? Ich würde es sicherlich bald erfahren.

Das Treffen war ein Desaster! Er will mich nie wieder sehen. Bitte komm gleich vorbei!

Ach herrje, und das hatte ich nicht gelesen? Na super, da blühte mir ja wieder was. Die nächsten drei SMS zeigten zwei entgangene Anrufe und eine Mailboxnachricht an und die letzte SMS, die gegen dreiundzwanzig Uhr fünf abgeschickt wurde, lautete folgendermaßen: Mach endlich mal dein Handy an, verdammt!

Schon wieder taten sich in meinem Kopf lauter Rätsel auf. Ich hatte nichts von eventuellen Plänen mitgekriegt, was ging denn da wieder ab? Bevor ich irgendetwas anderes tat, lieferte ich dem Mädel, das in den Vorlesungen von Professor Neumann immer neben mir saß, seinen Kaffee mit zwei Stück Zucker und las dann Annas SMS.

Die Frau macht mich wahnsinnig!, schrieb sie um fünf Uhr siebenunddreißig heute früh. Schon die ganze Nacht hört sie diese Scheiß-Filmmusik aus Amélie und nervt mich damit. Nichts hilft!

Amélie, damit war Aurélies Lieblingsfilm gemeint, dessen Protagonistin eine gewisse Amélie war. Ich kannte die Musik auch und konnte mir vorstellen, dass Anna eine höllische Nacht mit ihrer Mitbewohnerin durchgemacht haben musste. Oh herrlich.

Kommst du morgen zur Uni? Am besten treffen wir uns da, lautete die zweite SMS von sieben Uhr vier. Die letzte SMS von vor drei Stunden rief mich – freundlich – dazu auf, zurückzurufen.

„Darf ich mal kurz telefonieren?“, fragte ich meine Chefin. Sie gestattete es mir. Also verschwand ich mal eben in den Pausenraum und rief meine beste Freundin an.

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Über kitschautorin

Ich bin eine junge Frau, die in der drittviertgrößten Stadt Niedersachsens studiert und der Liebe wegen recht weit pendelt. Früh-ins-Bett-Geherin. Im Internet zu Hause. Fürs DRK als Blutspendenanmeldungshilfe aktiv. Gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch. Gegen Atomkraft und sinnlose Verbote. Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Politisch interessiert. Auf Flickr zu finden: https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/ Ich arbeite hauptberuflich als Politik- und Pädagogikstudentin. Nebenberuflich als Karla Kolumna eines örtlichen Radiosenders und einiger anderer Medien. Ich blogge über alles, was mich bewegt. Soll heißen: über meine Arbeit. Meine Familie. Das Fernsehen. Meine Freunde. Meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dämliche Printerzeugnisse. Bücher. Die drei Jahre in einer der schlimmsten Berufsschulen dieses Landes. Sexualität. Meine Beziehung. Die Universität. Zitate. Und alles, was ich sonst noch so erlebe. Ich mag Bücher. Nudeln. „Hör mal, wer da hämmert“. Die Ärzte. Zitate. Meine Arbeit beim Radio. Urban Priol. Volker Pispers. SpongeBob. Garfield. „Switch“. „Ein Herz und eine Seele“. Ich hasse Fremdenfeindlichkeit. Misogynie. Homo- und Frankophobie. Die meisten Sorten von Kohl (auch den aus der CDU, haha). Den Großteil des Fernsehprogramms. Armut. Arroganz. Die Bildzeitung. Leute, die anderen Leuten keine eigene Meinung gönnen. Das Wort „Gutmensch“. Fußball. Viele Politiker. Ich habe hier noch mehr über mich geschrieben: https://kitschautorin.wordpress.com/2011/04/16/alles-glanzt-so-schon-neu/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/01/17/11-fragen/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/07/22/immer-wieder-sonntags/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/03/07/mal-wieder-was-uber-mich/ https://kitschautorin.wordpress.com/2013/05/04/was-ich-unbedingt-noch-machen-will/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/11/fragebogen-zu-film-und-kino/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/15/nochn-fragebogen/

Eine Antwort »

  1. „Während ich zur S-Bahn-Station ging, kamen noch Brustschmerzen dazu. Ich hatte mal gehört, wenn es einem sehr schlecht geht, kriegt man Brustschmerzen.“ Erklärt bei mir einiges…

    „Ich hätte nicht uneingeschränkt glücklich sein dürfen. Denn immer, wenn ich das bis jetzt
    getan hatte, war mir danach etwas ganz Furchtbares passiert. “

    Kenn ich zu gut. „Wenn ich etwas nicht möchte, dann muss ich mich einfach riesig darauf freuen.“

    Hach is das spannend 😀

    Antwort

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