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Krümelmonster, Teil 23

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Mit mäßigem Erfolg. Zwar schaffte ich es, einige der Fakten in mein Hirn zu bimsen, doch es war dazu große Anstrengung nötig. Ein dunkler Schatten in Form des Gesichtes eines gewissen Medizinstudenten schwebte ständig vor meinen Augen herum.

Zu sehr interessierte mich der Typ, der angeblich Lukas hieß und ein Freund von Hannes war, Krankenpfleger, Medizinstudent. Spielte in einer Band. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Musiker gehabt. Ich erinnerte mich an ein Schulfest in der zehnten Klasse, bei dem ich mit Zahnspange im Mund ganz vorne in der ersten Reihe gestanden und den Sänger angehimmelt hatte. Der war damals der Schwarm der ganzen Schule gewesen, bis er geflogen war und –

Von fern ertönte mein Handy. Wo war es nur? Hoffentlich fand ich es rechtzeitig… ich wühlte alle meine Sachen durch, bis ich es endlich fand. Ich drückte auf den grünen Hörer.

„Sara Lehmann?“

„Sara, wieso meldest du dich mit Namen? Du hast doch gesehen, dass ich es bin“, bemerkte Anna in ihrer typischen Art.

„Nein, ich musste schnell machen, sonst hättest du nur die Mailbox gekriegt. Was gibt’s denn?“

„Aurélie will mal wieder was mit uns beiden machen“, informierte mich Anna. „Sie dachte da an einen DVD-Abend.“

„Hat ihr der eine neulich nicht schon gereicht?“

„Ich denke, die beiden sind nicht zum DVD-Gucken gekommen, wenn du verstehst, was ich meine“, versetzte Anna. Wir lachten beide.

„Aber klar würde ich gerne mal was machen“, rief ich. „Sag bloß, du hast es geschafft, sie von Freddy loszueisen?“

„Es war ihre Idee. Sie hat mittlerweile kapiert, dass man auch mal was getrennt machen kann, wenn man in einer Beziehung ist.“

„Coole Sache. Ja, habt ihr denn heute Abend Zeit?“

„Klar.“

Wir verabredeten uns für sechs Uhr in der WG. Als Aurélie mich an der Wohnungstür begrüßte, fiel mir etwas auf: Sie hatte ihre Naturhaarfarbe zurück. Dunkelbraun.

„Hey, Aurélie, du hast ja wieder braune Haare!“

„Ja, die gefallen mir wohl doch besser. Und Freddy auch“, antwortete sie und hängte meinen Mantel auf. „Was möchtest du trinken? Kaffee? Tee? Kakao?“

„Ach, am allerliebsten mag ich Kakao“, gab ich zurück und ließ mich auf einen Tisch in der Küche plumpsen. „Also läuft es zwischen euch beiden wieder?“

„Ja, eure Idee mit dem Einsperren war wirklich klasse. Dadurch haben Freddy und ich endlich mal wieder richtig miteinander gesprochen.“

„Wir helfen immer gern“, meinte Anna, die gerade die Küche betrat, und verbeugte sich.

„Nein, ernsthaft. Jetzt ist uns klar geworden, dass wir nicht aneinanderhängen dürfen und uns gegenseitig unsere Freiheiten lassen müssen.“

„Ist doch gut.“ Anna setzte sich hin. „So, und was genau wollen wir jetzt machen?“

„Ach, ich hätte Lust auf DVD-Gucken, wie gesagt“, äußerte sich Aurélie und goss sich selbst und mir einen Kakao ein.

„Hat dir das DVD-Gucken mit Freddy nicht gereicht? Oder seid ihr am Ende gar nicht dazu gekommen?“ Anna zwinkerte mir zu und trank einen Schluck Früchtetee.

„Öh… woher wisst ihr das?“ Aurélie wurde leicht rot. „Naja… wir müssen ja nicht DVDs schauen, wenn ihr nicht wollt. Ich hab gehört, in der Kneipe um die Ecke spielt eine Band. The Students.“

„Welche Kneipe?“, rief Anna.

„Spielt Lukas da nicht mit?“, rief ich gleichzeitig. Worauf meine Freundinnen gleichzeitig fragten: „Wer ist Lukas?“

„Unwichtig“, watschte ich sie ab. „Ähm, wie heißt denn jetzt die Kneipe um die Ecke?“

Erdbeergrün“, antwortete sie verwirrt. „Aber wer ist dieser Lukas?“

„Kommt mit“ – ich trank meine Tasse Kakao leer – „dann erzähle ich es euch.“

Unterwegs, während wir durch den Adventsschnee stapften, erzählte ich es ihnen dann. „Es war ganz witzig, ihr habt doch sicher erfahren, dass ich neulich umgekippt bin, und da dachte ich, das wäre Hannes, der mich wiederbelebt hätte. Aber dann hab ich Kati getroffen –“

„Wie, du hast Kati getroffen? Die alte Nervtussi?“, unterbrach mich Anna.

„Die würde ich nie freiwillig treffen, die dumme Zicke!“, ergänzte Aurélie.

„Naja, wir haben uns an Hannes gerächt, weil er uns beide sitzenließ. Jedenfalls –“

„Wie habt ihr euch gerächt? Was habt ihr gemacht?“, wurde ich schon wieder unterbrochen.

„Ich hab seine Hausarbeit gelöscht und Kati hat die Stereoanlage neu verka-“

„Was, du hast seine Hausarbeit gelöscht? Das hast du wirklich gemacht?“

„Soll ich euch jetzt eigentlich erzählen, wer Lukas ist, oder wollt ihr das gar nicht?“, rief ich verärgert.

„Oh, das tut uns sehr Leid. Erzähl uns die ganze Geschichte.“

Wir setzten uns an einen Tisch.

„Also, wie gesagt, ich bin umgefallen. Wer Hannes ist, hab ich euch ja schon erzählt.“ Die Mädels nickten. Die Kellnerin kam an und wir bestellten drei Colas. Als sie abzog, fuhr ich fort: „Nun ja, ich bin neulich umgekippt, weil ich nichts getrunken hatte, und da hat Hannes mich wiederbelebt. Das dachte ich jedenfalls. Dann hat er mich in sein Zimmer geschleppt und gesagt, wie Leid ihm das alles tut und dass er mich liebt.“

„Und was hast du gesagt?“, wollte Anna wissen.

„Dass ich erst mal darüber nachdenken muss, und dann bin ich schlafen gegangen. In meinem Zimmer. Tja, und dann hab ich Kati auf der Unitoilette getroffen, deswegen war ich beim Essen übrigens so lange weg. Sie war total fertig wegen der Geschichte mit Hannes und da haben wir uns gerächt.“

„Du hast die Hausarbeit gelöscht und Kati hat irgendwas mit der Stereoanlage gemacht“, bemerkte Aurélie.

„Sie neu verkabelt, genau. Es war echt witzig, wie Hannes ausgeflippt ist. Wir haben natürlich vorher sichergestellt, dass er die Arbeit nirgendwo anders gespeichert hat.“ Ich zog die Augenbrauen hoch und grinste diabolisch. Was meine Freundinnen zum schallenden Lachen brachte. „Das ist ja geil“, japste Anna. „Aber wer ist jetzt Lukas?“

„Passt auf.“ Ich hob meinen Zeigefinger. „Weil Kati und ich die Aktion ganz cool fanden, haben wir uns auf einen Kaffee verabredet. Und da hat sie mir erzählt – sie hat nämlich alles beobachtet –, dass mich dieser Freund von Hannes wiederbelebt hat, der auch dabei war. Und der heißt Lukas.“ Ich lehnte mich zurück und trank etwas von der Cola, die mittlerweile angekommen war.

„Wow.“ Aurélie atmete hörbar aus. „Wieso passiert mir nie so etwas?“

„Dein Liebeslieben ist ja wohl aufregend genug“, wehrte Anna ab. „Aber was weißt du alles von ihm?“

„Naja, Kati hat mir einiges über ihn erzählt. Er hat eine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht und studiert hier jetzt Medizin. Außerdem spielt er in einer Band.“

„Und wie sieht er aus?“

In dem Moment trat jemand ans Mikro heran, das auf der kleinen Eckbühne aufgebaut war und es erklangen einige Gitarrenakkorde.

„Hallo, Leute!“ Die Stimme kam mir bekannt vor. „Hier sind The Students und wir spielen jetzt die beste Musik überhaupt, nur für euch!“ Wir drehten uns um. Ich schluckte.

„Nun ja, eigentlich sieht er genauso aus wie der Typ, der da am Mikro steht“, sagte ich. „Wow, das ist er?“, rief Aurélie und fing an zu kreischen. „Still!“, wies Anna sie zurecht.

Die Leute klatschten und wir stimmten mit ein, ich war aber noch etwas zögerlich. Sehr zögerlich. Was nicht gerade zu meiner Lockerung beitrug, war, dass Lukas‘ Band ein Lied spielte, das mir auch sehr bekannt vorkam.

Tonight we drink to youth
and holding fast to truth.
I don’t want to lose what I had as a boy
My heart still has a beat
but love is now a feat
As common as a cold day in LA
Sometimes when I’m alone, I wonder
is there a spell that I am under
keeping me from seeing the real thing?
Love hurts…
but sometimes it’s a good hurt
and it feels like I’m alive
Love sings
when it transcends the bad things
Have a heart and try me
‚cause without love I won’t survive

Lukas hatte eine tolle Stimme und konnte auch die E-Gitarre super spielen. Ich sah ihn mir genauer an. Er trug eine lässig auf seinen Hüften hängende Jeans und ein eng sitzendes T-Shirt. Er schien nicht besonders muskulös zu sein, also nicht so wie Hannes, aber er war trotzdem ziemlich gut gebaut. Seine Füße trugen weiße Chucks, auf die irgendjemand was geschrieben hatte und um den Hals trug er ein Palästinensertuch, wie auch ich eins hatte. Irgendwann nahm er es allerdings ab. Ich konnte meine Augen gar nicht von Lukas lassen.

An diesem Abend spielte seine Band viele Lieder, bekannte Lieder und eigene Stücke. Besonders entzückt war ich von einem alten Rocksong, den ich mit meiner alten Klasse mal im Matheunterricht gesungen hatte, um den blöden Lehrer zu ärgern. Ich lächelte… und Lukas lächelte zurück!

„Sieht ja gut aus, der Typ!“, bemerkte Anna. „Ja, da hast du wohl Recht“, stimmte ich zu.

Ein paar Stunden später verabschiedeten sich die Students, unter dem dröhnenden Applaus der Kneipenbesucher. „Komm, wir gehen“, forderte Anna uns auf und wir machten uns daran, das Erdbeergrün zu verlassen. Die anderen beiden waren schon nach draußen gegangen, als ich mich noch mal umdrehte… und Lukas‘ Palästinensertuch sah, das er auf der Bühne zurückgelassen hatte! Schnell ging ich zur Bühne und steckte das schöne Tuch ein.

„Kommst du? Wir wollen endlich nach Hause!“, rief Anna nach mir. Ich huschte nach draußen.

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Über kitschautorin

Ich bin eine junge Frau, die in der drittviertgrößten Stadt Niedersachsens studiert und der Liebe wegen recht weit pendelt. Früh-ins-Bett-Geherin. Im Internet zu Hause. Fürs DRK als Blutspendenanmeldungshilfe aktiv. Gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch. Gegen Atomkraft und sinnlose Verbote. Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Politisch interessiert. Auf Flickr zu finden: https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/ Ich arbeite hauptberuflich als Politik- und Pädagogikstudentin. Nebenberuflich als Karla Kolumna eines örtlichen Radiosenders und einiger anderer Medien. Ich blogge über alles, was mich bewegt. Soll heißen: über meine Arbeit. Meine Familie. Das Fernsehen. Meine Freunde. Meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dämliche Printerzeugnisse. Bücher. Die drei Jahre in einer der schlimmsten Berufsschulen dieses Landes. Sexualität. Meine Beziehung. Die Universität. Zitate. Und alles, was ich sonst noch so erlebe. Ich mag Bücher. Nudeln. „Hör mal, wer da hämmert“. Die Ärzte. Zitate. Meine Arbeit beim Radio. Urban Priol. Volker Pispers. SpongeBob. Garfield. „Switch“. „Ein Herz und eine Seele“. Ich hasse Fremdenfeindlichkeit. Misogynie. Homo- und Frankophobie. Die meisten Sorten von Kohl (auch den aus der CDU, haha). Den Großteil des Fernsehprogramms. Armut. Arroganz. Die Bildzeitung. Leute, die anderen Leuten keine eigene Meinung gönnen. Das Wort „Gutmensch“. Fußball. Viele Politiker. Ich habe hier noch mehr über mich geschrieben: https://kitschautorin.wordpress.com/2011/04/16/alles-glanzt-so-schon-neu/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/01/17/11-fragen/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/07/22/immer-wieder-sonntags/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/03/07/mal-wieder-was-uber-mich/ https://kitschautorin.wordpress.com/2013/05/04/was-ich-unbedingt-noch-machen-will/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/11/fragebogen-zu-film-und-kino/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/15/nochn-fragebogen/

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