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Krümelmonster, Teil 25

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Ich fühlte mich irgendwie besser. Normalerweise bin ich morgens immer ziemlich müde, doch an diesem Tag erledigte ich selbst das Zähneputzen voller Energie und durch den Schnee, der mittlerweile wieder zentimeterdick über Frankfurts Straßen lag, ging ich zielstrebig zur S-Bahn.

An diesem Morgen erwartete alle Studenten eine Veranstaltung mit allen Kandidaten zur Studentenparlamentswahl (doofes Wort). Dort würden sie sich vorstellen und uns versuchen, davon zu überzeugen, dass wir sie wählen sollten. Naja, wieso auch nicht, wenn deswegen die Staatsphilosophievorlesung flachfiel.

Im Audimax saßen schon alle meine Freunde sowie meine Schwester mit ihrem Freund. Lea streichelte mal wieder über ihren Bauch, während sie mit Gero sprach. Freddy redete mit Aurélie, und neben Anna war noch ein Platz frei. Sie trug einen Riesenschal, wahrscheinlich von ihrer Oma.

„Morgen, Leute.“ Ich pflanzte mich auf die hässlichfarbene Sitzschale. „Na, was habt ihr am Wochenende gemacht?“

„Freddy und ich waren im Kino“, berichtete Aurélie. „Shutter Island. Der war vielleicht gruselig… oh Mann!“ Sie schüttelte sich und lachte. „Mir hat er aber gefallen“, warf Freddy ein. „Toll, dass wir dahin gegangen sind!“ Nasereiben, Küsschen.

„Ich bin in eine Kunstausstellung gegangen“, teilte Anna mit und packte einen Flyer aus, den sie uns allen zeigte. Bewunderndes Gemurmel. „Ich fand diese Bilder wirklich unglaublich. So einfach und doch so wunderschön.“

„Ja, ich finde, die sehen gut aus. Obwohl ich nichts von Kunst verstehe“, gab Gero zu.

„Und, was hast du noch so am Wochenende gemacht?“, fragte Anna. Bevor ich meine Version des Wochenendes aufsagen konnte, platzte meine Schwester bereits heraus: „Sie hat sich mit einem Kerl getroffen!“

„Was, du hast dich mit Lukas getroffen?“, kreischten Anna und Aurélie so laut, dass es noch die Wahlkandidaten hören mussten, die sich mittlerweile vor der großen Tafel aufgestellt hatten.

„Wer ist Lukas?“, wollte Freddy wissen.

„Er hat sie wiederbelebt, nachdem sie umgekippt ist“, setzte Aurélie ihren Freund in Kenntnis. „So ein großer, dunkelhaariger Kerl, der in ‘ner Band spielt. Medizinstudent. Sieht ziemlich gut aus.“ Der letzte Satz klang sehr lauernd.

Allerdings fuhr da schon Gero dazwischen: „Sag mal, Sara, ist dieser Lukas zufällig ausgebildeter Krankenpfleger und hat immer ein Palästinensertuch um?“

„Ja, wieso?“

„Den kenne ich, ich hab mit ihm zusammen Abi gemacht!“, erklärte Gero.

„Ach so…“

„Und, wie läuft es mit ihm?“, erkundigte sich Lea.

„Es läuft gar nichts“, rief ich genervt. „Können wir jetzt bitte den Kandidaten zuhören? Ich will wissen, was sie zu sagen haben.“

Obwohl das im Grunde irrelevant war. Der Nachwuchs der großen Parteien betete brav runter, was ihre politischen Eltern ausgebrütet hatten, die Spaßorganisation konnte man eh nicht ernst nehmen, außerdem verkündeten alle immer „bessere Studienbedingungen für alle!“.

Nach der Veranstaltung standen wir alle noch vor der Tür herum und redeten. „Eigentlich müssen wir mal wieder alle zusammen was machen“, fand Aurélie. Alle stimmten ihr zu, also verabredeten wir uns für den nächsten Tag im Grüneburgpark.

 

Dort hatten wir einen Riesenspaß. Und das meine ich sogar ernst. Der Schnee lag hier immer noch ziemlich dick, und ohne Vorwarnung begann Freddy eine Superschneeballschlacht. Alle bewarfen sich gegenseitig mit Schneebällen, bis wir selber fast aussahen wie Schneemänner. Oder Schneefrauen. „Hey, ich hab Schonzeit, ich erwarte ein Baby!“, versuchte Lea, sich zu retten. Vergeblich. Batsch, schon bekam sie die nächste Ladung ab.

Irgendwann lag Aurélie auf dem Boden und strampelte einen Engel in den Schnee. Mit dem Finger schrieb sie fett das Wort Schneeengel daneben. Einleuchtend.

Gero wäre fast mit der Zunge an einer der Laternen festgefroren, aber Anna konnte ihn mit ihrem heißen Kakao wieder retten. „Oh Mann, was machst du denn für Sachen?“, brummte sie.

„Eie Ahun“, versuchte Gero, zu antworten. Sollte wohl heißen Keine Ahnung.

Als er wieder frei war, setzten wir uns alle auf eine Bank. Jetzt kriegten wir alle was vom Kakao. Jeder hatte seinen Becher dabei. Auf Geros Becher stand Geek.

„Sag mal, was heißt dieses Geek eigentlich? Es scheint ja jeder Mann eine solche Tasse zu besitzen“, bemerkte ich.

„Kann schon sein. Grob gesagt lässt sich das Wort mit Computernerd übersetzen“, erläuterte der Freund meiner Schwester.

Anna räusperte sich. „Tut uns übrigens Leid, dass wir dich gestern so genervt haben. Das wollten wir nicht.“

„Schon gut. Kann ich auch was vom Kakao haben?“ Ich hielt ihr meinen schlichten schwarzen Becher hin. Sie goss mir etwas ein. „Boah, ist der heiß!“, schrie ich. Ich wedelte mit meinen Armen und rief immer wieder Laute wie „Oh!“ und „Au!“ Anna beugte sich über mich und plötzlich tauchte auf dem Boden vor mir ein Schatten auf, nachdem sich Schritte mir laufartig genähert hatten.

„Alles in Ordnung?“

Das war Lukas! Ich schaute ihn verdattert an. Hilfe, mir hingen Kakao-Spucke-Fäden aus dem Mund! Wie peinlich. Ich zerrte mein Taschentuch aus der Tasche und wischte mir den Mund ab. „Alles in Ordnung, der Kakao war etwas zu heiß.“

„Na, dann. Genug Eis zum Kühlen gibt’s hier ja“, lachte er. Sein Gesicht hellte sich plötzlich auf. „Hey, Gero, was machst du denn hier? Wir haben uns ja lange nicht gesehen!“ Die beiden umarmten sich kurz, mit Patschehänden auf die Rücken. So, wie Männer das eben tun. Ich habe mal gehört, dass Männer das Patschen machen, um Distanz zu zeigen und zu sagen: Ich bin kein Weichei.

Lukas und Gero palaverten fröhlich herum und tauschten sich über ihre Leben aus. „Was machst du denn hier?“ war dabei nur eine der Fragen, die Gero an ihn hatte. „Ich wohne doch hier in der Nähe“, gab Lukas zur Antwort. Stimmte ja. Ich hatte diesen Park vom Fenster aus gesehen, als ich ihn besucht hatte.

„Ich musste einfach mal raus aus meiner Bude. Konnte Medizin einfach nicht mehr sehen“, raunte er. „Bei so einem Wetter bekommt man auch Lust auf einen schönen Schneespaziergang.“

Gero stand auf. Ich konnte sehen, wie er uns zuzwinkerte.

Anna grinste auch. „Weißt du, worauf wir Lust bekommen bei so einem Wetter?“

„Keine Ahnung.“ Lukas zuckte mit den Schultern. Hinter ihm formte Gero einen Schneeball… der direkt an Lukas‘ Hinterkopf landete. „Ich weiß es!“, antwortete Gero. „Auf eine zünftige Schneeballschlacht!“

Die dann auch prompt folgte. Wir lachten und jauchzten, aber nur so lange, bis uns die nächste Ladung gefrorenes Wasser traf. Lea traf Aurélie, sie traf Gero, der traf mich, ich warf Anna ab, die traf Freddy und er bewarf Lukas. Und das alles geschah innerhalb von drei Sekunden. Alle bewarfen sich gegenseitig mit Schnee. Doch auf einmal rappelte sich Lukas auf und sah mich an. Dann schnappte er sich meine Hand und rannte los.

„Hey, wo wollt ihr denn hin?“

„Keine Ahnung!“

„Zu mir nach Hause!“ Und wir ließen die anderen zurück, die mindestens genauso irritiert waren wie ich.

 

Der Lauf dauerte nicht lange, aber hinterher waren wir ganz schön kaputt. „Wow, du hattest ja ein ganz schönes Tempo drauf!“, japste ich. „Du hättest mich aber überholt, wenn ich dich losgelassen hätte“, bemerkte Lukas, nicht weniger außer Atem. „Ach Quatsch, so sportlich bin ich doch gar nicht“, winkte ich ab.

„Siehst aber so aus“, rief er, bevor er in seinem Zimmer verschwand. Er zog seine Jacke und das Tuch aus. „Wahrscheinlich sollte ich duschen. Ich bin wohl ziemlich verschwitzt. Willst du so lange hier im Zimmer warten?“

„Kein Problem.“

Mit einem Riesenhandtuch und ein paar frischen Klamotten verschwand Lukas im Badezimmer. Ich sah mir sein Zimmer genau an. Er hatte viele Plakate und Poster an seinen Wänden hängen. Von Filmen und so. Reservoir Dogs, Inglourious Basterds, Pulp Fiction, From Dusk till Dawn. Er war wohl ein Tarantino-Fan… das fand ich gut. Außerdem entdeckte ich noch Matthew Bellamy und seine Jungs! Ich konnte es kaum glauben – es gab noch Menschen außer mir, die Muse toll fanden? Bisher hatte es immer nur geheißen: Muse? Kenn ich nicht.

Sein Bücherregal war auch ziemlich groß. Eigentlich hatte er einen ganzen Schrank voller Bücher. Ich fand neben einem Haufen medizinischer Fachliteratur viele Bücher über Musiker, aber auch viele Bücher, die ich nicht kannte. Ganz oben im Regal standen Bücher von Charles Bukowski.

Ich setzte mich zurück aufs Bett. Im Fernen hörte ich Klappergeräusche. Mir fiel auf, dass ich Durst hatte. Er hatte nichts zu trinken bei sich im Zimmer herumstehen. Nur ein paar Geschenkdosen von alkoholischen Getränken als Dekoration. Also ging ich in die Küche und goss mir Leitungswasser ein. Auf einmal hörte ich jemanden laut fluchen. Ich ging in den Flur gucken und erblickte, wie die Badtür aufgeschlossen wurde… und Lukas nur mit einem Handtuch bekleidet erschien. Vor Schreck wäre ich fast nach hinten gestolpert. Auf einmal fühlte ich auf schreckliche Weise in eine mir allzu bekannte Situation versetzt. Ich, Hannes, fast nackt, in der Gemeinschaftsdusche. Was für ein scheußliches Wort!

„Ich, ähm, hab nur was vergessen…“, stotterte er und holte irgendwas aus seinem Wäscheschrank. Ich konnte gar nicht sehen, was er holte, eigentlich wollte ich es auch gar nicht wissen.

Er war schnell wieder im Bad, aber trotzdem fand ich mich grübelnd und mit dem Kopf in den Handflächen auf dem Bett wieder. Was sollte ich hiervon halten? Alles war wieder genauso wie an dem denkwürdigen Abend, an dem man mich erst entjungferte und dann schnöde sitzen ließ. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich diesmal angezogen war.

Lukas kam, jetzt komplett bekleidet, ins Zimmer. „Tja, tut mir Leid, normalerweise passiert mir so etwas nicht. Aber manchmal kriegt mich eben mein schlechtes Gedächtnis… voll in die Eier. Was ist denn los? Hast du irgendwas?“

Ich zuckte zusammen. „Was? Oh, äh, alles in Ordnung. Nichts Besonderes.“

„So siehst du aber nicht aus. Willst du’s mir erzählen? Musst du natürlich nicht.“

Ich stöhnte. „Ich hab mich von diesem Arschloch von Hannes entjungfern lassen und er ließ mich sitzen!“ Sogleich dachte ich: Oh mein Gott! Was hatte ich denn da gemacht? Lukas stand mit offenem Mund da. „Wie, du hast mit ihm geschlafen?“

„Ja! Und warum hab ich es dir überhaupt gesagt?“

„Ist doch in Ordnung“, versuchte er mich zu beruhigen. „Aber was hast du gesagt? Er ließ dich sitzen?“

Ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Wie ich Hannes kennen lernte, wie wir uns in meinem Zimmer unterhalten hatten, wie wir uns in der Gemeinschaftsdusche getroffen und in seinem Zimmer miteinander geschlafen hatten. Dass es wunderbar gewesen war und Hannes mich danach total ignoriert, sogar mit Kati einen auf glückliches Paar gemacht hatte.

„Diese Tussi!“, erregte sich Lukas.

„Nein, Kati ist in Ordnung“, verteidigte ich sie. „Der wirklich Schlimme ist Hannes. Es ist jetzt schon etwas her… und trotzdem tut es mir so weh, was er gemacht hat. Es ist wie ein Stachel, der in mir drinsitzt.“

„Das Gefühl kenn ich gut“, seufzte Lukas. „Aber glaub mir, das geht irgendwann vorbei. Ähm, tut mir Leid, aber ich hab nachher noch eine Bandprobe und muss mich darauf noch vorbereiten. Wärst du mir sehr böse, wenn ich dich jetzt rausschmeiße?“

„Äh, nein, auf keinen Fall…“, stammelte ich.

Lukas begleitete mich noch zur Tür. „Also, man sieht sich bestimmt morgen in der Uni. Auf Wiedersehen!“

„Ja, tschüs…“

Und schon war ich draußen und die Tür war hinter mir zugeklappt. Er hatte beim Abschied ziemlich kalt geklungen. Obwohl er gelächelt hatte. Hatte er dabei nicht seine Augen unbewegt gelassen? Ich hatte mal gehört, dass es ein Zeichen für ein unechtes Lächeln war. Ein unechtes Lächeln? Aber warum? Hatte ich etwas falsch gemacht?

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Über kitschautorin

Ich bin Früh-ins-Bett-Geherin. Im Internet zu Hause. Fürs DRK als Blutspendenanmeldungshilfe aktiv. Gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch. Gegen Atomkraft und sinnlose Verbote. Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Politisch interessiert. Auf Flickr zu finden: https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/ Ich blogge über alles, was mich bewegt. Soll heißen: über meine Arbeit. Meine Familie. Das Fernsehen. Meine Freunde. Meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dämliche Printerzeugnisse. Bücher. Die drei Jahre in einer der schlimmsten Berufsschulen dieses Landes. Sexualität. Meine Beziehung. Die Universität. Zitate. Und alles, was ich sonst noch so erlebe. Ich mag Bücher. Nudeln. „Hör mal, wer da hämmert“. Die Ärzte. Zitate. Meine Arbeit beim Radio. Urban Priol. Volker Pispers. SpongeBob. Garfield. „Switch“. „Ein Herz und eine Seele“. Ich hasse Fremdenfeindlichkeit. Misogynie. Homo- und Frankophobie. Die meisten Sorten von Kohl (auch den aus der CDU, haha). Den Großteil des Fernsehprogramms. Armut. Arroganz. Die Bildzeitung. Leute, die anderen Leuten keine eigene Meinung gönnen. Das Wort „Gutmensch“. Fußball. Viele Politiker. Ich habe hier noch mehr über mich geschrieben: https://kitschautorin.wordpress.com/2011/04/16/alles-glanzt-so-schon-neu/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/01/17/11-fragen/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/07/22/immer-wieder-sonntags/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/03/07/mal-wieder-was-uber-mich/ https://kitschautorin.wordpress.com/2013/05/04/was-ich-unbedingt-noch-machen-will/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/11/fragebogen-zu-film-und-kino/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/15/nochn-fragebogen/

Eine Antwort »

  1. So spannend! WUAAH!

    Aber leider komme ich jetzt nicht weiter – außer wenn meine „Kati“ mich heute Abend mal in Ruhe faulenzen lässt 😉 Ansonsten hast du jetzt etwas Ruhe vor mir. Wobei ich echt wissen will, warum Lukas plötzlich so kalt war.. *hippel*

    Antwort

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