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Die Disziplin wird schon wieder missbraucht

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Mittlerweile liegt eine weitere Sitzung der Veranstaltung „Vom Missbrauch der Disziplin“ hinter mir und weil ich Bernhard Buebs „Lob der Disziplin“ noch viel weniger mag, rede ich jetzt darüber.

Er vertritt die Ansicht, dass in der Erziehung zu viel diskutiert wird. Als Beispiel führt er ausgerechnet sich selbst und seine eigene Mutter an, die laut Bueb immer nur „darum“ und „Jetzt werd‘ nicht frech!“ rausgehauen hat, wenn ihr Jüngling wissen wollte, warum er eine Anweisung zu befolgen hatte. Versucht er, sich seine eigene Kindheit schön zu reden? Wir alle wissen doch, dass man etwas besser begreift, wenn man die Hintergründe kennt.

Von Demokratie in der Erziehung hält er nichts. Er sehnt sich zurück nach der Zeit, als Pädagogen unfehlbare Wesen waren, die das alleinige Sagen hatten. Als Beispiel nimmt er diesmal die Schülermitverwaltung des Internates, das er lange Zeit geleitet hat. Die sei demokratisch legitimiert und handle also nur nach dem Willen der Schüler und das sei nicht gut. Wir merken uns: Solche Verwaltungen sind nur gut, wenn sie das tun, was er sagt. Wo kämen wir denn auch hin, wenn Schüler auch was sagen dürften? Sodom und Gomorrha!!!

Der Mann widerspricht sich an mehreren Stellen selbst, z.B., wenn er sagt, dass die „autoritär wirkende Erziehung“ mit rigiden Schließzeiten, harten Regeln bei Drogen etc. sich „mit einem heiteren und lockeren Lebensstil“ verbindet. Unter Zivilcourage versteht er, dass vom Schulleiter bestimmte Helfer ihre Mitschüler bei Verstößen verpetzen. Interessant ist auch, dass er Ordnung über alles hochhält, sich aber auch über dessen Pervertierung zu Nazi- und Sozialismuszeiten beschwert.

Schuluniformen habe ich ja schon lange gegessen, dieser Mann hält Schulanzüge aber für die beste Erfindung, seit es Klamotten gibt. Dass Uniformierung nur Symptome, nicht aber die Ursachen bekämpft, scheint ihm egal zu sein.

Was mir außerdem auf die Nerven geht: Den Protestantismus kann er partout nicht leiden (er bezeichnet seine Anhänger bspw. als „Fetischisten der Innerlichkeit“ – wtf?). Ich sollte übrigens erwähnen, dass der Mann zur Zeit der großen Missbrauchsskandale an der Odenwaldschule gearbeitet hat.

Einer der für mich schlimmsten Punkte: die regelmäßigen Urinproben, bei denen nach dem Zufallsprinzip Schüler ausgewählt werden, die dann antreten müssen. Sehr bezeichnend in diesem Zusammenhang der Satz „Außerdem gelang es uns viel zu selten, Schülern Drogenkonsum nachzuweisen.“ Ich würde nicht in einem Internat leben wollen, das seine Schüler so überwacht und unter Generalverdacht stellt. Und überhaupt: Arbeitet man so wirklich am Verhalten der Schüler? Auch hier widerspricht er sich selbst, da er an einer Stelle schreibt, dass Kinder angstfrei aufwachsen dürfen müssen.

Strafen und Konsequenz findet Bueb sehr wichtig. In diesem Zusammenhang fragt er: „Wer ist im Straßenverkehr noch nie geblitzt worden und erst daraufhin langsamer gefahren? Wie viele anständige Bürger würden Steuern hinterziehen, wenn sie nicht Strafen fürchteten?“ Gegenfrage: Und bei wie vielen wirken solche Strafen nicht? Es fahren immer noch viel zu viele Leute zu schnell oder hinterziehen Steuern.

Seine eigenen Ex-Schüler zieht er gerne als Beispiel heran. Über Schüler, die nachts verbotenerweise das Internat verlassen und Alkohol getrunken hatten, schreibt er, dass sie beim nächsten vergleichbaren Vorfall mit Entlassung zu rechnen hatten. Mein erster Gedanke: Eigentlich eher eine Belohnung als eine Strafe.

Auf Seite 125 erweist Bueb sich noch als kleiner Sarrazin, da seiner Meinung nach die falschen Leute – Frauen ohne Berufsausbildung, mit Migrationshintergrund – Kinder zur Welt bringen. Was er genauso wenig mag wie ungebildete Migrantinnen: Fernsehen, Computer und Internet – für ihn die Saat des Teufels. Besonders das Fernsehen, das angeblich die Fantasie der Kinder verdirbt. Computerspiele mag er auch nicht – nennt er als Vorstufe zu Drogen. Anständige Erziehung ist mit diesen Medien seiner Meinung nach nicht möglich. Interessant ist aber, dass er auf Seite 138 feststellt, dass Fernsehen mit Verboten allein nicht bekämpft werden kann… Lässt auch seine anderen Äußerungen in einem ganz neuen Licht erscheinen.

Ich habe in diesem ganzen Werk nur drei Stellen gefunden, die ich gut fand und die mich zum Nachdenken anregten. Er fordert pädagogische Ganztagseinrichtungen schon ab der Kinderkrippe. Er berichtet davon, dass die neunten Klassen seines Ex-Internats im Sommer zweiwöchige Abenteuerreisen machen, bei denen sie entdecken, was in ihnen steckt. Er erzählt von einem sechzehnjährigen Jungen, der mangels Selbstbewusstsein nichts aus seiner Begabung machte und mit dem sich die Pädagogen so lange beschäftigten, bis sich das änderte. Solch engagierte Menschen hätte ich mir auf meinem Gymnasium gewünscht.

Was ich mir hingegen nicht wünsche: einen Pädagogen, der mindestens im letzten Jahrhundert stehengeblieben ist und auf der einen Seite immer betonen muss, dass es die Nazis und die DDR falsch gemacht haben, in gewisser Weise aber doch diesem bestimmten Geist anhängt, den ich jetzt mal Totalitarismus nennen möchte. (Mein Freund meinte dazu: „Ich mag die Methoden, aber weil ich weder Nazi noch Kommunist bin, finde ich das nicht in Ordnung.“) Ich freue mich schon auf das Gegenwerk „Vom Missbrauch der Disziplin“, das wir demnächst im Seminar behandeln werden.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

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Über kitschautorin

Ich bin Früh-ins-Bett-Geherin. Im Internet zu Hause. Fürs DRK als Blutspendenanmeldungshilfe aktiv. Gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch. Gegen Atomkraft und sinnlose Verbote. Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Politisch interessiert. Auf Flickr zu finden: https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/ Ich blogge über alles, was mich bewegt. Soll heißen: über meine Arbeit. Meine Familie. Das Fernsehen. Meine Freunde. Meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dämliche Printerzeugnisse. Bücher. Die drei Jahre in einer der schlimmsten Berufsschulen dieses Landes. Sexualität. Meine Beziehung. Die Universität. Zitate. Und alles, was ich sonst noch so erlebe. Ich mag Bücher. Nudeln. „Hör mal, wer da hämmert“. Die Ärzte. Zitate. Meine Arbeit beim Radio. Urban Priol. Volker Pispers. SpongeBob. Garfield. „Switch“. „Ein Herz und eine Seele“. Ich hasse Fremdenfeindlichkeit. Misogynie. Homo- und Frankophobie. Die meisten Sorten von Kohl (auch den aus der CDU, haha). Den Großteil des Fernsehprogramms. Armut. Arroganz. Die Bildzeitung. Leute, die anderen Leuten keine eigene Meinung gönnen. Das Wort „Gutmensch“. Fußball. Viele Politiker. Ich habe hier noch mehr über mich geschrieben: https://kitschautorin.wordpress.com/2011/04/16/alles-glanzt-so-schon-neu/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/01/17/11-fragen/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/07/22/immer-wieder-sonntags/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/03/07/mal-wieder-was-uber-mich/ https://kitschautorin.wordpress.com/2013/05/04/was-ich-unbedingt-noch-machen-will/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/11/fragebogen-zu-film-und-kino/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/15/nochn-fragebogen/

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