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Blöcke in der Uni und im Kopf

Veröffentlicht am

Die letzten zweieinhalb Tage hatte ich ein Blockseminar mit dem Titel “Wissenschaftliche Texte und Theorien, die mich inspirieren”. Eine der beiden Dozentinnen stammt aus der ehemaligen DDR und hat viel über das Leben dort erzählt. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich gut mit meiner Mutter verstanden hätte, denn auch sie stammt aus der ehemaligen DDR (und ist ein Märchenfan). Meine Dozentin erzählte, dass es in ihrer Familie keinen Fernseher gab, weil man den Nachrichten der Aktuellen Kamera eh nicht trauen konnte – Westfernsehen gabs in dieser Ecke auch nicht. Dafür aber Sorben und auch darüber haben wir viel erfahren. Meine Dozentin ist auf eine sorbische Schule gegangen, weil es dort leichter war, das Abitur zu erlangen. (Wenn man in der DDR Abi machen wollte, musste man einen Topschnitt und linientreue Eltern haben.) In der sorbischen Schule gab es einen richtigen Heiratsmarkt. Die sorbische Kultur war schon damals auf dem absteigenden Ast und das wurde natürlich verstärkt dadurch, dass viele Sorben Deutsche heirateten. Interessant ist auch, dass es recht früh, nämlich schon bald nach der Reformation, eine sorbische Bibel gab. Die Sorben sind insgesamt ein eher ländliches Volk, weswegen es in der sorbischen Sprache auch sehr viele Vokabeln zu diesem Thema gibt (und viele Lieder und Schriftstücke über die Natur). Für moderne Sachen (als Beispiel wurde “Kühlschrank” genannt) gibt es aber oft keine Wörter und darum gibt es mittlerweile ein Institut zur Schöpfung der sorbischen Sprache. Meine Dozentin hat betont, dass sie sich an der sorbischen Schule viel mehr zu Hause gefühlt hat. In dem Zusammenhang gab es einen interessanten Versprecher:

Man war sicher vor der kommunistischen Religion, äh, Ideologie.

Die Dozentin hat selbst auch einige Texte vorgestellt, die sie inspiriert haben – und das nicht nur positiv: Sie hatte auch das Buch dabei, das sie zur Jugendweihe bekommen hatte. Noch ein Berührungspunkt mit meinen Eltern. Interessant fand ich persönlich auch, dass es nach dem Ende der DDR die gleiche Phrase gab wie nach dem Ende des Nationalsozialismus: “Es hat ja keiner gewusst.” Und auch da stimmte es nur halb. Meine Dozentin konnte das schlecht sagen, sie hat neben dem Stasiknast in Bautzen gewohnt. Sie hat erzählt, wie man überprüft hat, wie linientreu die Leute waren. Das ging dann zum Beispiel darüber, dass man die Kinder gefragt hat, was beim Sandmännchen passiert war. Wenn das westdeutsche Sandmännchen nacherzählt wurde, wussten die Oberen Bescheid. Früher war es auch so, dass die Kinder immer in die Klassenbücher geguckt haben, in denen die Berufe der Eltern drinstanden. Wenn die Eltern in der SED, bei der Stasi oder der NVA waren, hat man sich mit den Kindern nicht angefreundet.

Soweit zu meinen Unierlebnissen. Meine Woche war bis jetzt eher entbehrlich. Ich leide seit Samstag fast ununterbrochen an einem äußerst merkwürdigen Kopfschmerz. Ich war deswegen auch schon beim Neurologen, der mich an einen Radiologen verwiesen hat. Ich darf deswegen morgen gleich zwei Mal im Krankenhaus vorbeischauen (ich habe auch noch eine Magenspiegelung). Und das Krankenhaus, wo das MRT durchgeführt wird, ist vierzig Kilometer von mir entfernt. Aber ich kann mich noch glücklich schätzen. In der Nähe meines Wohnortes sind alle Radiologen bis Juli ausgebucht. Und der Neurologe sogar bis Dezember. Hätte ich so lange warten müssen, ich wäre durchgedreht. Immerhin lässt der Kopfschmerz langsam etwas nach. Dafür schlägt der Muskelkater voll durch, den ich mir am Dienstag beim Jiu Jitsu erworben habe. Aber so ist das halt, wenn die übliche Partnerin nicht da ist und man mit einem Kerl kämpfen muss, der einem körperlich überlegen ist.

Aber mich beschäftigt noch etwas anderes. Ich würde gern noch mehr von der Welt sehen. Ich bekam aber Zweifel daran, ob ich das so realisieren kann, wie ich mir das gedacht habe, denn ich neige doch ein wenig zu Heimweh. Ein Mensch, mit dem ich darüber sprach, meinte, ich sollte es doch trotzdem mal versuchen, denn alles, was ich vermissen würde, sei doch nach meiner Rückkehr immer noch da. Heute kam das Ganze dann erneut auf, denn ich unterhielt mich auf Twitter mit der lieben Aurélie darüber, dass ich auch gern mal einfach in den Urlaub fahren würde. Letzten Endes stellte sie fest, dass ich doch immer Ausreden finden würde, wenn ich welche suchen würde, und ich war schlecht drauf. So, wie es aussieht, habe ich momentan die Wahl dazwischen, auf viele tolle Orte zu verzichten, oder mit Herzschmerz durch die Welt zu reisen. Furchtbar.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

PS: Eigentlich wollte ich in zweieinhalb Wochen zum Morricone-Konzert gehen. Es wurde vorhin endgültig abgesagt. Es gibt im Winter noch einige Konzerte von ihm, aber ich zweifle, ob ich es da noch mal versuchen soll.

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Über kitschautorin

Ich bin eine junge Frau, die in der drittviertgrößten Stadt Niedersachsens studiert und der Liebe wegen recht weit pendelt. Früh-ins-Bett-Geherin. Im Internet zu Hause. Fürs DRK als Blutspendenanmeldungshilfe aktiv. Gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch. Gegen Atomkraft und sinnlose Verbote. Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Politisch interessiert. Auf Flickr zu finden: https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/ Ich arbeite hauptberuflich als Politik- und Pädagogikstudentin. Nebenberuflich als Karla Kolumna eines örtlichen Radiosenders und einiger anderer Medien. Ich blogge über alles, was mich bewegt. Soll heißen: über meine Arbeit. Meine Familie. Das Fernsehen. Meine Freunde. Meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dämliche Printerzeugnisse. Bücher. Die drei Jahre in einer der schlimmsten Berufsschulen dieses Landes. Sexualität. Meine Beziehung. Die Universität. Zitate. Und alles, was ich sonst noch so erlebe. Ich mag Bücher. Nudeln. „Hör mal, wer da hämmert“. Die Ärzte. Zitate. Meine Arbeit beim Radio. Urban Priol. Volker Pispers. SpongeBob. Garfield. „Switch“. „Ein Herz und eine Seele“. Ich hasse Fremdenfeindlichkeit. Misogynie. Homo- und Frankophobie. Die meisten Sorten von Kohl (auch den aus der CDU, haha). Den Großteil des Fernsehprogramms. Armut. Arroganz. Die Bildzeitung. Leute, die anderen Leuten keine eigene Meinung gönnen. Das Wort „Gutmensch“. Fußball. Viele Politiker. Ich habe hier noch mehr über mich geschrieben: https://kitschautorin.wordpress.com/2011/04/16/alles-glanzt-so-schon-neu/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/01/17/11-fragen/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/07/22/immer-wieder-sonntags/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/03/07/mal-wieder-was-uber-mich/ https://kitschautorin.wordpress.com/2013/05/04/was-ich-unbedingt-noch-machen-will/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/11/fragebogen-zu-film-und-kino/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/15/nochn-fragebogen/

Eine Antwort »

  1. Es gab einen weiteren einfachen Trick, um über die Kinder die Eltern auszuspähen. Wenn die Abendnachrichten kamen um 20 Uhr, dann wurde in beiden Fernsehen, im Osten und im Westen eine Uhr gezeigt, der Sekundenzeiger bewegt sich, es wird 8 Uhr, die Nachrichten fangen an. eine der beiden Uhren hatte als Stundenmarkierungen Striche, die andere Punkte. Die Kinder wurden im Kindergarten ausgefragt, ob die Uhr im Fernsehen Punkte oder Stiche hatte und schon wusste man Bescheid, ob die Eltern Westfernsehen schauten.

    Eine widerliche Spionagekultur, in der man Kinder dazu benutzte, ihre Eltern zu denunzieren.

    Antwort

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