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Monatsarchiv: Februar 2016

Arbeitstitel

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Dies ist eine ältere, unvollendete Geschichte von mir. Wer eine Idee für ein Ende hat – bitte bei mir melden!

Wenn um einen herum das Leben tobte, innerlich davon aber gar nichts zu spüren war. Wenn die Menschen in den Straßen ihr Leben genossen, man selber aber schon lange innerlich tot war. Wenn sich bunte Werbeplakate, grüne Haare und der blaue Himmel präsentierten, man selber aber nur Blick für graue Betonplatten hatte. Dann war man so weit wie ich.
Tausend Mal hatte ich Sprüche zu hören bekommen, wie schön das Leben doch sei, man müsse nur die Augen offenhalten. Man müsse sich im Spiegel anlächeln, dann komme die positive Stimmung schon von selbst. Man müsse die Chancen im Leben nutzen, dann sei alles gut. Diese Leute hatten Unrecht. Ich wusste es ganz genau. Ich sagte es ihnen nur nicht mehr. Erzählte ich ihnen aus meinem Leben, wurden die falschen Sätze sowieso nur wiederholt. Sie klangen wie Hohn.
Der Bus, in dem ich saß, röhrte durch die Stadt, aber ich nahm die Geräusche gar nicht wahr. Selbst dass ich an der Eisdiele vorbeifuhr, in dem mich mein Freund mal mit einer Kreation aus Erdbeeren gefüttert hatte, registrierte ich kaum. Ich merkte kaum noch, wie weh es mir getan hatte, dass er mich kurz vorm Umzug in die gemeinsame Wohnung für seine Studienkollegin verlassen hatte. Es war doch so lange her. Als ich in meiner Wohnung ankam, grinsten mich das dreckige Geschirr, drei zu bearbeitende Vorlesungsskripte und eine unbezahlte Rechnung an. Früher hätte ich mich über so etwas leidenschaftlich geärgert. Heute ging es an mir vorbei wie eine Tussi an einer Kik-Filiale.
Ich ließ mich aufs Bett fallen und die Augen im Raum herumwandern. Was hatte ich hier nicht schon alles erlebt… und jetzt war hier tote Hose. Keine Partys mit Freunden. Keine Stunden mit Umarmungen oder nach Zimt riechendem Gleitgel. Selbst der DVD-Player lief nur noch selten. Meine Tage bestanden mittlerweile nur noch aus Uni, Arbeit, Internet und Schlaf. Ich funktionierte. Mehr konnte man von mir doch nicht erwarten. Ich war froh, dass ich nicht wie früher in einer WG wohnte. Bevor ich mit meinem Freund zusammenziehen wollte. Dann hätte man mich dauernd genervt wegen Belanglosigkeiten wie dem Putzplan, den Mülltonnen oder Staub auf dem Küchenschrank. So konnte ich tun, was ich wollte. Eigentlich keine schlechte Sache.
Ich lauschte in die Stille hinein. Konnte sie mir etwas geben? Manchmal klappte das. Ein beruhigender Effekt. Dabei war ich scheintot.
Auf einmal bekam ich ein merkwürdiges Gefühl. Bevor ich in mir genauer artikulieren konnte, was es war, hatte ich mir die Schuhe angezogen, meine Tasche gepackt und das Haus verlassen.

Früher war ich gern Bahn gefahren. Zu meinem Freund, zu Freunden, bowlen, Kinofilme angucken, auf Demonstrationen gehen… nach und nach war das alles abgestorben. Wo sollte ich jetzt noch hinfahren, wenn mein Freund in einer anderen Welt war und meine Freunde keine Zeit mehr hatten? Ich war noch nie der Mensch gewesen, um etwas allein zu tun. Und so war es x Monate her, seit ich mein Semesterticket zuletzt genutzt hatte. Ich hätte den Leuten an der Uni sagen können, dass ich viel zu viel bezahlte, ich fuhr ja nie. Aber wozu?
Ich wusste noch genau, wie ich die Strecke zum Hauptbahnhof mal gegangen war und gedacht hatte, dass ich für längere Zeit nicht hierhin zurückkehren würde. Damals konnte ich noch nicht wissen, dass ich das Praktikum bereits nach einer Woche aufgrund allgemeiner Unzufriedenheit abbrechen konnte. Und daran erkannte man auch, wie unerwachsen ich im Grunde war. Eine erwachsene Frau hätte entweder die vollen drei Monate durchgehalten oder wäre glücklich damit gewesen, abgebrochen zu haben. Auf mich traf nichts davon zu. Bleiben ging nicht, Weggehen auch nicht. Was sollte das alles?
Ich stand an einer Ampelkreuzung und wartete. Ich sah mich um. Rechts ging es zu einem Mietshaus, in dem ich mal ein WG-Zimmer besichtigt hatte. Ich wünschte mir, ich hätte damals dieses Zimmer angenommen und nicht das andere. Dann wären wir nicht so nah dran gewesen an dieser anderen Tussi und dann hätte mein Freund mich nicht verlassen. Ich seufzte und folgte dem grünen Männchen.
Auf der linken Seite sah man ein hässliches Fabrikgebäude, in dem seit einigen Jahren eine Moschee untergebracht war. Ich hatte sie mal von der Uni aus besichtigen wollen, dann aber den Termin verpennt. Ich hatte mich so furchtbar geärgert, weil ich dafür so früh aufstehen musste und dann als Einzige auf dem Vorplatz stand. Als ich wieder nach Hause kam, wurde ich in den Arm genommen und hatte den Ärger schnell vergessen. Jetzt wartete niemand mehr auf mich.
Ein paar Meter hinter der Moschee befand sich ein autonomes Zentrum. Ich erinnerte mich an einen Augenblick von vor einigen Monaten, als jemand Werbung für eine dortige Veranstaltung machen wollte, was einige Mitglieder der JU-Hochschulgruppe verhindern wollten. Die Seminarssitzung, in der das passierte, hatte in Tischeklopfen und lautem Johlen geendet. Schon damals hatte ich mich weit weggewünscht.
Neben der Eisenbahnunterführung war ein Club. Ich hatte mir lange vorgenommen, dort mal reinzugehen, diesen Plan aber irgendwann begraben. Alleine… nein, das war nichts. Auf der Brücke pappte ein Graffito. Negative Gefühle sind nur fehlende Moleküle. Welch gelungener Reim. Ich trat kurz gegen die Wand und latschte weiter. Da tat sich auch schon der Hauptbahnhof vor mir auf. Nur zwanzig Minuten Fußmarsch und so viel mehr als das. Immer noch wusste ich kaum, wie mir geschah. Ich studierte den Abfahrtsplan. In zehn Minuten ging der nächste Zug. Er führte in Richtung Süden. Ich bemerkte, dass nicht alle Stationen der Strecke angegeben waren. Ich stellte mich an den Ticketautomaten und löste eine Karte für den Fernzug. Ich konnte es mir leisten. Ich hatte ja so lange nichts mehr unternommen, was mehr Geld kostete als ein Wochenendeinkauf.
Am Gleis warteten einige sektselige Damen auf Wochenendausflug, mehrere Anzugträger und eine Familie. Mit den üblichen fünf Minuten Verspätung fuhr der Zug in den Bahnhof ein und ich setzte mich hinein.

In meinem Großraumabteil, das mir die Sitzplatzreservierung zugewiesen hatte, saßen viele Fahrgäste und so dauerte es lange, bis der Schaffner, den ich schon früh an der Tür zum Abteil ausgemacht hatte, bei mir ankam. Er knipste meine Karte an, lächelte mich an und wünschte mir eine gute Fahrt. War sie das? Das Kind der Familie, die vorhin mit mir zusammen eingestiegen war, verkündete kreischenderweise, wie toll es doch im Zug war. Dieser fuhr vorbei an Kirchen, Fabrikgebäuden und Signalen ins Grüne. Die Stadt lag hinter mir. Jetzt wurde es spannend. Wurde es das?
Ich starrte auf die immer schneller vorbeifliegende Landschaft, meine Gedanken waren gleichzeitig überall und nirgendwo. Wohin wollte ich eigentlich?
Ich hatte diese Linie schon mehrmals genutzt. Einmal hatte ich einen Ausflug zu einer Ausstellung gemacht, zusammen mit einigen Freunden. Auf dem Rückweg war ich gestürzt und hatte mir den Fuß verknackst. Alle hatten sich um mich gekümmert. Am meisten mein Freund, der auch dabei gewesen war. Ich wusste kaum noch, wie diese Aufmerksamkeit war, die ich damals bekommen hatte.
Das Kind lärmte vor sich hin und fragte bei jeder Station, die wir erreichten, ob wir schon da seien. Da konnte ich ja froh sein, dass ich nur drei Stationen fuhr. Ich zuckte zusammen, als angesagt wurde, wo ich den Zug laut Fahrkarte verlassen wollte. Der Stadtname löste in mir so viele Emotionen aus.

Ich stand orientierungslos am Bahnhof. Die anderen Fahrgäste wussten, wohin sie wollten. Sie liefen zur Treppe, begrüßten Leute, die auf sie gewartet hatten, mit Händeschütteln oder Umarmungen oder Küssen – je nachdem, wie nahe sie ihnen standen. Ein junger Kerl latschte den Bahnsteig entlang und mampfte ein Käsebrötchen. Ich hatte absolut keinen Hunger.
Ich hatte absolut keinen Plan, wohin ich wollte. Ich schaute mich um. Der Bahnhof war voll von Menschen. Süßigkeitenautomaten. Rote und silberfarbene Züge. Schilder. Sollte ich etwas kaufen?
Ich lief die eine Treppe hoch und ging den Gang entlang. Ein dunkelhäutiger Mann versuchte, Blumen zu verkaufen. Ich kaufte ihm keine ab. Ein gelangweilter Hot-Dog-Verkäufer starrte auf die vorbeieilenden Menschen, so wie man an einem Regentag aus dem Fenster starrt. Eine junge Frau bereitete einem Kunden einen Latte macchiato zu. Eine Gruppe Jugendlicher regte sich darüber auf, dass der Fahrkartenautomat nicht funktionierte. Sollte ich Blumen kaufen? Einen Hot Dog? Einen Latte macchiato? Eine Fahrkarte in eine andere Stadt? Etwas ganz anderes, zum Beispiel eine Zeitschrift? Früher hatte ich vor längeren Bahnreisen immer eine gekauft und mich dann an den schönen Bildern oder Texten erfreut. Doch jetzt reizte es mich nicht mehr.
Ich ging die Treppe wieder herunter und ging den Bahnsteig entlang. Vielleicht fand ich ja hier etwas, das mir sagte, was ich tun sollte. Eine alte Frau und ein Berufstätiger im Anzug saßen im Warteraum neben der Yuccapalme und beschäftigten sich mit Klatschzeitschrift respektive Laptop. So einige Menschen standen herum, mit ihren Rollkoffern, verbrauchten viel Platz und starrten auf die Anzeigetafel. Sie wollten den nächsten Zug nehmen. Sie wussten, wohin sie wollten. Ich ging schnell weiter und erreichte schließlich die andere Treppe, die nach oben führte. Eine Fastfoodbude, wo sich um diese Zeit viele hungrige Menschen herumtrieben, die sich für wenig Geld den Magen füllen wollten. Eine mittelalte Frau kaufte in einem Kosmetikladen ein Geschenk für eine Freundin. In der Apotheke löste eine alte Frau ein Rezept ein. Die Apothekerin verschwand in den Hinterraum, um die Tablettenpackung zu holen. Ein junger Mann steuerte seinen Rollkoffer durch den Verkaufsraum eines Kiosks, mit einer Computerzeitschrift in der Hand. Lauter Menschen, die wussten, was sie wollten. Die zumindest ein mittelfristiges Ziel hatten. Und ich dagegen… was wollte ich hier? Was sollte ich jetzt tun? Was?
Diese ganze Reise war umsonst gewesen. Völlig ohne Zweck. Ich sollte jetzt nach Hause fahren. Ich lief zur Anzeigetafel, um zu sehen, wann der nächste Zug zurück nach Hause ging. Ich ergriff das Treppengeländer, um mir unten am Fahrkartenautomaten ein Ticket zu kaufen. Da hörte ich hinter mir meinen Namen. Und mich kannte niemand in dieser Stadt.
Zumindest redete ich mir das in Gedanken ein.
Ich konnte jetzt nicht mehr so tun, als wüsste ich nichts. Ich war komplett gelähmt und gleichzeitig in Gedanken so aktiv wie nie. Es war die Aktivität, die einen lähmte. Die Frage stand über allem: Was jetzt? Zwei Worte, die jeden Lösungsansatz im Keim erstickten und dadurch umso dringlicher wurden. Ich starrte vor mich hin, als hätte mich gerade jemand mit einem Geschoss im Rücken getroffen.
„Nina?“
Die Angst wurde stärker. Ich konnte mich unmöglich umdrehen. Was sollte dann passieren? Ich wusste absolut nicht, wie ich reagieren sollte. Mich traf das Ganze unvorbereitet, obwohl ich mir im Grunde meines Herzens darüber klar sein musste, dass das hier passieren konnte. Natürlich. Aber es war etwas anderes, sich etwas nur tausend Mal vorzustellen, als es dann tatsächlich zu erleben. Das „Was, wenn?“ war ein hypothetisches gewesen. Nie ein reales. Jetzt war es da. Es fühlte sich an, als würde jemand das Geschoss im Rücken herumdrehen.
Ich hatte mich noch nie so gefühlt. Obwohl… Es glich ein wenig dem Gefühl, das ich hatte, als ich vor gut zehn Jahren zum Arzt musste mit Verdacht auf Krebs. Ich trat in das Sprechzimmer dieses Arztes, der wusste, ob ich todkrank war oder nicht, und hatte absolut keine Ahnung, was er gleich sagen würde. Aber… Als ich mit vierzehn Jahren Angst hatte, erkrankt zu sein, wäre eine Erkrankung nicht meine Schuld gewesen. Jetzt, da ich in diesem Bahnhof stand, wusste ich ganz genau, was zu dieser Situation geführt hatte. Ich konnte nicht so tun, als wüsste ich nichts. Ich wusste es ganz genau. Ich wollte einfach nur weg. Ich drehte mich um.
Es war genau das, was ich erwartet und im Grunde meines Herzens auch erhofft hatte, aber ich wollte es mir nicht eingestehen. „Was… machst du denn hier?“, fragte er mich, nachdem er zwischendurch einmal geschluckt hatte. Mein Herz schlug wie wild. Ja, was machte ich eigentlich hier? Es war eine total einfache Frage und auch wieder nicht. Ich hatte mich lange nach diesem Moment gesehnt, aber das konnte ich jetzt nicht so einfach zugeben. Es war schwierig, einem Kerl erst zu sagen, dass man nie wieder Kontakt mit ihm haben wollte, nur um ihm jetzt, nach einigen Jahren, klarzumachen, dass man diesen wieder aufnehmen wollte. Wie sollte das gehen?
Er ging einen Schritt auf mich zu.
Ich war noch nie der mutigste Mensch gewesen. Aber wieso war ich dann hier? Was sollte das alles, wenn ich ihm jetzt nicht sagte, wieso ich doch hier war?
Früher hatte er immer erraten, was ich gedacht hatte. Würde er es jetzt auch? Ich traute es ihm durchaus zu. Ich traute ihm fast alles zu in diesem Moment.
Es dauerte unendlich lange, bis sich meine Oberlippe von meiner Unterlippe, meine Zähne im Oberkiefer von meinen Zähnen im Unterkiefer getrennt hatten, bis einige leise gesprochen Töne meinen Mund verließen.
„Kannst du dir das nicht denken?“
Ein einziger Fragesatz, und doch lag darin so viel. Während ich ihn ausgesprochen hatte, hatte ich es nicht gewagt, ihm in die Augen zu sehen. Danach hob ich meinen Blick ganz langsam. Er wanderte über seine Kleidung, ich bemerkte nebenbei, dass er wie früher immer einen Anzug trug, der ihm unheimlich gut stand, und schließlich landete sein Blick in meinem.
Er schaute überrascht. Leicht ängstlich. Aber so, als hätte er im Grunde gewusst, was ich dachte. Analysierend. Wie schaute ich wohl gerade? War es derselbe Blick? Ich hatte mir schon früher immer gewünscht, in diesen Kopf hineingucken zu können. Er wusste immer, was in mir vorging, war selbst aber so unergründlich wie ein Meer. Und da wäre ich jetzt auch lieber gewesen als hier.
„Ich… hatte immer gehofft, dass du eines Tages kommst.“
Mein Herz schlug noch schneller. Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Sollte es wirklich so sein, dass er so empfand wie ich? Hatte auch er sich diesen Moment tausend Mal vorgestellt? Dass er eines Tages hier langspazierte und auf einmal dieses Mädel traf, mit dem er so intensiven Kontakt gehabt hatte? Und wenn ich all diese Fragen mit Ja beantworten konnte: Was sollte ich dann tun? Was wäre eine angemessene Reaktion?

Bedeutungsschwanger, Teil 9

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Lea saß auf einem der Stühle im Waschraum und hielt sich den Bauch. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte ich besorgt.
Gequält lächelte meine Schwester und sagte: „Jaja, alles gut. Ich hab mich wohl nur übergessen. Ich geh jetzt nur einmal“, sie zeigte auf die Kabinentüren, „und dann geht es mir sofort wieder besser.“
„Na, wenn du meinst. Ich geh schon mal wieder, okay?“
„Ja, bis gleich.“
Wieder im Saal setzte ich mich zu Gero an den Tisch, wo sein Vater gerade einige interessante Geschichten erzählte, unter anderem, wie ihm Lea vorgestellt wurde.
„Ich weiß noch genau, wie du sie zum ersten Mal mit nach Haus gebracht hast“, meinte er. „Ihr habt zusammen mit uns Mittag gegessen und dann bist du ganz schnell mit ihr auf dein Zimmer gegangen. Konntest wohl gar nicht abwarten.“ Er boxte seinen Sohn leicht in die Rippen. „Und dann hast du dich hinterher noch so beschwert, dass deine Mutter so oft ins Zimmer gekommen ist, zum Gucken.“
„Ja, das stimmt.“ Gero lächelte. „Apropos, wo ist Lea eigentlich? Sie wollte doch nur kurz auf Toilette gehen.“
„Ja, da habe ich sie auch vorhin getroffen“, erklärte ich. „Sie hatte wohl irgendwie Bauchschmerzen. Aber eigentlich…“ Ich schaute auf die Uhr. „Ich schau wohl besser mal nach ihr.“
„Ja, bis gleich.“
Auf der Damentoilette fand ich sie dann. Wohl irgendwie Bauchschmerzen war für ihren Zustand noch viel zu wenig gesagt. Sie hing da auf der Toilette, mit heruntergeklapptem Deckel übrigens, und die Kabinentür war nicht mal zu. Sie stöhnte und hatte zugekniffene Augen.
„Großer Gott, Lea, was ist los?“, fragte ich.
„Ach, nichts“, bemühte sie sich, hervorzubringen, „geht schon gleich wieder.“
„Das nehm ich dir keine Sekunde ab.“
„Mir ist kalt!“
„Okay, dann müssen wir…“
„Oh, jetzt ist mir heiß!“
„Warte, dann gehen wir zum Waschbecken und…“
„Warte, jetzt ist mir weder heiß noch kalt!“, stöhnte Lea.
„Wie jetzt?“, antwortete ich verwirrt. Während ich noch darüber sinnierte, ob einem Menschen gleichzeitig heiß und kalt sein konnte, ließ sie einen Schrei los, der dermaßen laut war, dass er in punkto Dezibel sogar Paul als Baby übertraf.
Paul als Baby…
Oh. Mein. Gott.
„Du wartest hier“, befahl ich Lea, was ja besonders sinnig war, da sie sowieso nicht viel Anderes tun konnte, und rannte zu Mama. „Mama! Du musst sofort kommen! Lea ist soweit!“
Meine Mutter riss die Augen auf. „Du meinst, sie kriegt…?“
„Ja, genau!“
Sofort sprangen Mama, Papa, Gero und noch viele andere Gäste auf und rannten zur Damentoilette, um nach ihr zu sehen.

Lea lag auf dem Festtisch und schrie sich die Seele aus dem Leib. Zu zweit war sie aus der Toilette hierhin begleitet worden. Mama versuchte, ihr mit ihrem medizinischen Wissen beizustehen, bis der Notarzt kam, und gab ihr Tipps zur richtigen Körperhaltung und Atmung. Papa, der ja schon bei drei Geburten dabei gewesen war, sah ziemlich nervös aus und streichelte seiner ältesten Tochter die Stirn. Gero rannte wie ein aufgescheuchtes Huhn immer zwischen dem Tisch und der Saaltüre hin und her und rief: „Wann kommt denn jetzt endlich der Notarzt!“ Worauf Oma entgegnete: „Jetzt sei doch nicht so unruhig, junger Mann! Die kommen schon, so schnell sie können.“ Aus dem Hintergrund raunten die Gäste diverse Sachen wie Oh mein Gott, gleich ist es soweit oder Jetzt werden wir Großeltern!.
Nach einer halben Ewigkeit betraten zwei bärtige Typen, von denen der eine beträchtliches Übergewicht hatte, den Saal. Sie schauten sich Leas Werte an. „Wir schaffen es nicht mehr ins Krankenhaus, das Baby muss hier zur Welt kommen!“, informierte der Notarzt. „Das Baby kommt jetzt!“
„Pressen!“, wurde Lea immer wieder befohlen, und sie kam dem Befehl nach, mit lauten Schreien. „Ich hab eine Schulter! So, und jetzt schön weiter pressen, dann flutscht das Kleine nur so raus! Pressen!“
Immer lauter, ein letzter Schrei und schon hörten wir alle, wie ein kleiner Schreihals sich ordentlich die Lungen füllte. Das Baby wurde in eine Decke gewickelt und der Notarzt gratulierte: „Es ist da, Sie haben ein Mädchen!“ Alle applaudierten und lagen sich in den Armen ob des kleinen Mädchens, das da gerade zur Welt gekommen war.

Die Kleine und ihre Mutter wurden ins Krankenhaus gefahren, um zu sehen, ob gesundheitlich alles in Ordnung war. Natürlich waren sowohl Lea als auch das Baby kerngesund.
„Oh, ich finde, die Kleine sieht genauso aus wie ich!“, freute sich Oma.
„Eigentlich finde ich eher, dass sie wie ich aussieht.“
„Oder wie Gero.“
„Oder wie Tante Marie?“
„Boah, das hat ja ewig gedauert, bis dieses Baby auf der Welt war“, meckerte Paul und bekam dafür von Mama einen kleinen Stups.
„Ich hoffe nur, ihr lasst die Kleine auch taufen“, bemerkte Oma. Worauf Lea nur genervt erwiderte: „Mann, Oma!“
„Wie soll das Baby denn heißen?“, fragten viele der Anwesenden. Und die Krankenschwester, die wenig später ins Zimmer kam. Lea lächelte und sagte: „Sara Elisabeth.“
Ich lächelte. Oma auch.

Fangirlzeit

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Wie jeder wissen dürfte, bin ich großer Fan der Ärzte (der Berliner Band). Farins und Belas Solowerke schätze ich sehr und so war mir Farins Gewinnspiel „Buch des Monats“ seit langem ein Begriff. Die Reihe wird jetzt leider beendet, es gab aber ein Abschieds-Gewinnspiel. Ich hatte die Sache bereits vergessen, als heute Post aus Berlin in meinem Briefkasten war:

Bleistift und Radiergummi

Auch wenn’s nicht der Hauptgewinn ist, so freut’s mich doch.

Schon vorher hatte es für mein Fangirl-Herz Gelegenheit gegeben, höher zu schlagen, denn ich habe mir ein Ticket für die NipponCon bestellt. Ich möchte nämlich unbedingt mal die Jungs von Applewar treffen, die zu meinen Lieblings-Youtubern zählen. Und vielleicht lerne ich ja auch viele interessante Teile der japanischen Kultur kennen.^^

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Bedeutungsschwanger, Teil 8

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Eine Tasche war an mein Bett gelehnt. Ein Post-it klebte an ihr.
Hey, Sara, ich hab dummerweise vergessen, meiner Kommilitonin ihre Bücher wiederzugeben. Jetzt muss ich zum Zahnarzt. Könntest du sie ihr bitte vorbeibringen? Sie wohnt in der Franziusstraße 24! Vielen Dank! Anna.
Ich öffnete die Tasche. Darin war unter anderem ein Buch über Impressionismus. Ich sah prüfend auf die Uhr, dann hing ich mir die Tasche um, nahm Schlüssel, Handy und Portmonee an mich und verließ die WG wieder.
Die Sonne hatte sich vom Brennen aufs Lachen verlagert, die Vögel zwitscherten. Es war ein schöner Tag. Dennoch fehlte mir irgendetwas.
Auf einmal fühlte ich mich richtig leer. Paare liefen auf den Straßen und genossen den Sommer, ein ins Handy quatschender Typ lief sonnenbebrillt und lachend an mir vorbei, alle freuten sich des Lebens. Nur ich nicht. Dabei war es doch so schön. Mir fehlte etwas.
Ich hatte, bevor ich losgelatscht war, nicht auf den Stadtplan gesehen. Das erklärte auch, warum ich eine Art Déjà-vu hatte, als ich an der angegebenen Adresse ankam. Die Gegend kam mir nämlich äußerst bekannt vor. Ratlos stand ich vor dem Haus Franziusstraße 24 und versuchte, die Puzzleteile zusammenzusetzen. Ich war noch nie eine gute Puzzlerin gewesen. Plötzlich ertönte über mir ein Geräusch. Ich zuckte zusammen und schaute nach oben. Ein Fenster schloss sich. Mir war, als hätte ich da oben eine Person gesehen, die ich kannte, jedenfalls waren die braunen Haare suspekt. Von irgendwoher hörte ich einen lauten Schrei und auf einmal hörte ich ein Lied. Ein Lied aus der Vergangenheit, und dann auch wieder nicht. Mit einem Mal fielen mir meine Riesentomaten von den Augen.
Tonight we drink to youth
And holding fast to truth
I don’t wanna lose what I had as a boy
My heart still has a beat
But love is now a feat
As common as a cold day in L.A.
Ich lief los, zwei Mal links, einfach eine Straße weiter, und in das Haus rein. Geradewegs auf den Probenraum zu.
Das Lied wurde noch bis zu Ende gespielt. Alle standen auf der Bühne. Und Lukas sang so intensiv wie noch nie. Während des Liedes stiegen mir fast die Tränen in die Augen. Aber die Genugtuung wollte ich Teilen der Musikanten nicht geben.
Als der Song zu Ende war, verließen alle den Raum.
Alle außer Kiki.
Sie ging auf mich zu. „Was soll das Ganze hier? Bin ich in einem billigen Film gelandet oder was? Und was willst du bitte von mir?“
„Dir erklären, dass das alles meine Schuld ist. Lukas hatte keine Ahnung, was ich vorhatte. Ich hab wieder Gefühle für ihn entwickelt und gehofft, dass es ihm genauso geht. Aber das stimmt nicht. Er liebt nur dich.“
„Ach ja? Und wieso sagt er mir das nicht selbst?“
„Schien nicht so, als würdest du das noch wollen.“ Sie zuckte die Schultern und packte ihr Instrument ein. „Ich hab alles gesagt, was ich sagen wollte.“ Und weg war sie. Ich hoffte stark darauf, sie nie wiedersehen zu müssen.
Eine Zeitlang stand ich hilflos im Raum herum. Dann kam Lukas herein.
Er sah mich an.
Ich sah ihn an.
„Hat sie mit dir gesprochen?“
Ich nickte.
„Glaubst du mir jetzt, dass ich nur dich liebe?“
Ich nickte wieder.
Und ganz langsam wurde mir klar, was mir gefehlt hatte.

Total aufgeregt saßen wir in der Kirche. Auf der einen Seite meine Familie, auf der anderen Seite Geros Familie. Es war wirklich interessant, so viele neue Gesichter zu sehen. Fasziniert stellte ich fest, dass Geros Mutter genauso aussah wie er. Sie hatte die ganze Zeit ein Taschentuch dabei, von dem sie auch oft Gebrauch machte. Darin ähnelte sie wiederum der Brautmutter sehr.
Heute Vormittag hatte die standesamtliche Hochzeit stattgefunden. Ich konnte mich noch genau daran erinnern, wie ich als Grundschulkind dazu gezwungen wurde, einer anderen Familienhochzeit beizuwohnen. Damals hatte ich es sehr langweilig gefunden und irgendwann sogar begonnen, laut zu singen. Meine Mutter hatte mir schnell den Mund zugehalten.
Jetzt hingegen… ich freute mich unheimlich, an diesem Tag dabei zu sein und meine Schwester dabei zu begleiten, wie sie sich in ein neues Leben aufmachte. Und in einen neuen Nachnamen.
Und jetzt waren wir alle in der Kirche versammelt und warteten darauf, dass Lea in ihrem wunderschönen Brautkleid einlief. Meine Eltern, Oma, die Clique, Lukas und ich saßen ganz vorne. Ich war froh, nicht allein da zu sein.
Schließlich kam Lea. Sie sah so wunderschön aus, dass die Mütter jeweils noch ein paar Extratränen verdrückten.
„Gero, willst du Lea Maria…“
Ihr ganzer Vorname, der normalerweise nie erwähnt werden durfte. Ich konnte sehen, dass Lea ganz leicht die Augen verdrehte.
„…lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet?“
Glücklich lächelte der Angesprochene. „Ja, ich will.“
„Lea, willst du Gero lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet?“
„Ja, ich will.“ Jetzt war es an ihr, zu lächeln.
Die Ringe wurden ausgetauscht. „Falls irgendeiner der hier Anwesenden einen Grund weiß, weswegen diese Trauung nicht stattfinden sollte, so möge er jetzt sprechen oder für immer schweigen.“
Natürlich hatte niemand einen Einwand. Obwohl ich deutlich sehen konnte, wie Mamas Wangen feucht glitzerten.
„Kraft des mir verliehenen Amtes“, rief der Pfarrer, „ernenne ich euch hiermit zu Mann und Frau. Du darfst die Braut jetzt küssen.“
Daraufhin folgte ein Kuss, wie ich ihn länger und schöner noch nie gesehen hatte. Alle applaudierten. Ich ganz besonders laut.
Nach der Trauung, als wir die Kirche bereits alle verlassen hatten, hieß es auf einmal: „Alle unverheirateten Frauen hierher!“ Es versammelten sich also Anna, Kati, diverse weibliche Wesen aus zwei nun verbundenen Familien und ich vor der Kirche. Mit großem Hallo warf Lea also den Strauß hinter sich. Ich betete, dass es nicht mich traf.
Vergebens. Alle applaudierten, Geros Tante kam auf mich zu und kniff mir in die Wangen mit den Worten: „Na, du bist also als Nächstes dran, was?“ Das konnte ich zwar nicht ausschließen, aber wenn, dann würde es noch sehr, sehr lange dauern. Und ich wusste genau, dass Lukas derselben Meinung war.

Laute Musik. Unmengen an Torte und Getränken. Ein großer Teil davon alkoholisch. Bunt durcheinandergemischt saßen die Gäste an den Tischen, unterhielten sich miteinander, tanzten oder wurden ihre ganz persönlichen Glückwünsche an das Brautpaar los. Auch ich ging irgendwann auf Lea und Gero zu.
„Ich wünsche euch beiden alles Gute! Lea, ich finde, du hast einen tollen Mann geheiratet“, sagte ich und umarmte meine Schwester. „Gero, ich finde es toll, dass du jetzt zu unserer Familie gehörst!“ „Ich auch“, antwortete mein frisch gebackener Schwager und lächelte Lea an.
Da wurde mir von hinten auf die Schulter getippt. Es war Freddy. „Hey, was gibt’s? Du siehst in deinem Anzug übrigens ziemlich umwerfend aus, wenn ich das mal so sagen darf!“
Freddy lächelte verlegen. „Oh, klar darfst du. Vielen Dank. Was ich fragen wollte: Hast du Anna gesehen? Ich wollte mit ihr noch was besprechen.“
Ich verneinte. „Aber wir können sie ja zusammen suchen. Vier Augen sehen bekanntlich mehr als zwei.“
Es dauerte einige Zeit, bis wir sie auf der hintersten Ecke der Tanzfläche fanden, Arm in Arm mit Kati.
„Hey, Anna! Ich, äh, wollte dir Aurélies Schlüssel zurückgeben.“
„Vielen Dank. Habt ihr Lust, kurz nach draußen zu gehen?“, fragte Anna. „Ich brauche frische Luft.“
Draußen wehte ein laues Lüftchen, die Sterne funkelten. Die Arme über einander gelegt, hockten wir auf einem Fenstersims und starrten in die Nacht.
Wir redeten nicht viel. Wenn man wirklich gut miteinander befreundet ist, muss man das auch nicht. In ihren Gedanken haben alle dasselbe und wissen genau, was der andere meint oder denkt.
„Ich finde es einfach toll, dass ihr euch gefunden habt“, meinte Freddy nach einer Weile.
„Meinst du wirklich?“
„Ja, wirklich. Bei euch sieht man sofort, dass was Tolles draus wird.“
Wortlos umarmten wir uns.
Da ich ein dringendes Bedürfnis verspürte, ging ich auf die Toilette. Eine Weile saß ich einfach nur in der Kabine, bis ich plötzlich von draußen Schmerzensschreie hörte. Ich schaute schnell nach, wer da war.

Heute in der Uni

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Heute wollte ich in die Uni, um dort Einsicht in ein Gutachten zu beantragen.

Punkt 1: Ich brauchte nen schriftlichen Antrag, wovon ich vorher nichts wusste.

Punkt 2: Die Bachelor-Prüfungsamtsfrau war krank.

Punkt 3: Die Master-Prüfungsamtsfrau, die sie vertrat, hätte – ich hatte mittlerweile irgendwie den Antrag klargekriegt – mich ins Gutachten reinschauen lassen können, wollte aber nicht. Begründung: „Mir wäre aber schon lieber, wenn Sie dafür zu (BA-Frau) gehen, ich hab das ja gar nicht vorliegen und müsste das erst raussuchen, das geht ja gar nicht, weil das dauert viel zu lange…“

Es war zwar viertel nach elf und die normale Sprechstunde wäre um halb zwölf zu Ende gewesen, aber was ist das denn für eine Begründung? Wenn zu meinem Mann eine Kundenfirma kommt und an ihn eine Frage hat wegen eines Bauteils und der sagt: „Ne, das mach ich jetzt nicht mehr, weil ich in ner Viertelstunde Feierabend habe“, dann wird er gefeuert. Da kann man sich die Vertretung ja auch gleich sparen, wenn sie keine Zeit oder Lust hat, das zu machen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

PS: Ich schrieb dann an die BA-Frau, ob wir, sobald sie gesundet ist, einen Termin für die Einsicht machen können. In der Abwesenheitsnotiz stand dann: „In dringenden Fällen wenden Sie sich bitte ans Master-Prüfungsamt.“ Äh, ja.

Bedeutungsschwanger, Teil 7

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Ich hatte großes Glück, dass ich die nächsten Tage nichts zu erledigen hatte. So konnte ich es mir erlauben, vier Tage in Folge mein Mobiltelefon einfach mal ausgeschaltet zu lassen. Anna hatte ich die Order gegeben, Lukas am Telefon abzuwimmeln. Besonders gut geheißen hatte sie das natürlich nicht. Sie meinte ja immer noch, ich müsse mit ihm persönlich sprechen. Pf, die hatte ja keine Ahnung. „Wenn du nicht mit ihm sprichst, wirst du das nie klären können! Ich dachte, du liebst ihn?!“, mahnte sie. „Was weißt denn du?“, gab ich zurück.
Diese vier Tage waren ausgefüllt von Internet, Pizzabestellungen und Gammeloutfits. Die Wohnung hatte ich während dieser Zeit ja nicht verlassen. Man kann sich denken, was das für den WG-Haushalt bedeutet hatte, zumal wir ja unterbesetzt waren. Am ersten Tag erledigte Anna noch alle anfallenden Tätigkeiten bereitwillig.
Am zweiten nicht mehr ganz so gern. Am dritten war ihr ärgerliches Brummen deutlich bis in mein Zimmer zu hören. Am vierten schließlich stapfte sie abends in mein Zimmer, nachdem wir den ganzen Tag kein Wort miteinander geredet hatten.
„Hör mal, Mädel. Wenn Kati fremdknutschen würde, wäre ich auch sauer. Ich würde mich gewiss auch ausheulen und ‘ne Weile in meinem Zimmer verkriechen. Es geht aber nicht, dass du dich völlig hängen lässt und mich auch noch damit reinziehst, indem du mich die ganze Drecksarbeit erledigen lässt! Wenn du bis morgen Mittag nicht einkaufen warst, steig ich aus! Die Liste findest du in der Küche.“ Mit diesen Worten rauschte sie ab und verschwand in ihrem Zimmer.
Meine Güte!
Es war hell draußen und der Supermarkt um die Ecke hatte noch geöffnet, also ging ich hin.
Die Luft war angenehm. Es tat gut, mal die miefige Wohnung für einen Spaziergang zu verlassen. Ortswechsel waren wohl ganz hilfreich. Irgendwie hob die an frischer Luft zu erledigende Besorgung sogar ansatzweise meine Laune.
Fünfzehn Minuten später und um sieben Haushaltsprodukte reicher verließ ich das Geschäft wieder. Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Als ich die Augen wieder öffnete, stand plötzlich jemand vor mir.
„Sara! Welch freudige Überraschung.“
Ich riss die Augen auf. Mein unerwartetes Gegenüber war Hannes!
„Hannes! Wow, ich hab dich ja schon ewig nicht mehr gesehen. Hallo!“
„Ja, hey, darf ich dich ein Stück begleiten?“
„Warum nicht?“
Wir gingen die Straße runter.
„Was machst du so zurzeit? Du warst ja ziemlich selten in der Uni, kann das sein?“
„Naja, ich hatte sehr viel für die Uni nachzuarbeiten. Vor allem, nachdem ich urplötzlich feststellen durfte, dass meine Arbeit einfach gelöscht wurde.“
Ich senkte das Gesicht Richtung Bürgersteig. „Tut mir Leid.“
„Hey, das ist schon in Ordnung! Richtige Arschlöcher brauchen wahrscheinlich mal einen Denkzettel. Ich war nicht gerade ein Gentleman euch beiden gegenüber.“
„Das kann man wohl sagen“, bemerkte ich.
„Was ist denn aus euch so geworden? Bist du immer noch mit Lukas zusammen?“
Ich seufzte. „Ja, noch bin ich mit ihm zusammen.“
„Was ist denn los? Habt ihr Probleme?“
„Naja…“ Ich bemühte mich um mein Lächeln. „Es geht schon alles in Ordnung.“
„Das hoffe ich doch.“
Mittlerweile waren wir an meinem Haus angelangt. „Was hast du eigentlich am Freitag vor?“
„Da gehe ich auf eine Hochzeit.“
„Echt? Wer heiratet denn?“
„Meine Schwester.“
„Wow, da kann man ja nur gratulieren!“
„Meiner Schwester schon. Mir eher weniger.“ Ich grinste schief.
Hannes nickte. „Verstehe. Hör zu, es war wirklich klasse, dich wieder zu treffen. Und ich bin mir sicher, ihr kriegt eure Probleme bald wieder geregelt. Was auch immer es ist.“
„Danke.“ Hannes und ich umarmten uns.
„Hey, was soll das denn?“, rief plötzlich eine mir sehr bekannte Männerstimme ein paar Meter von mir entfernt.
„Was soll was?“, rief Hannes zurück.
„Was hat meine Freundin in deinem Arm zu suchen?“, fragte Lukas schreienderweise. Er wirkte gar nicht nett. Seine Äußerung gefiel mir aber genauso wenig. Bevor ich etwas erwidern konnte, schoss Hannes schon zurück. „Ich hab nur versucht, Sara etwas zu trösten! Sie sagte, ihr hättet Probleme.“
Lukas nickte. „Das sieht dir ähnlich. Machst dich genau dann an sie ran, wenn es mal nicht so toll läuft. Wie du sie trösten willst, kann ich mir lebhaft vorstellen. Und was gehen dich eigentlich unsere Beziehungsprobleme an?“
„Was willst eigentlich grade du den Moralapostel hier spielen?“, rief ich, doch man hörte mich schon gar nicht mehr.
„Jetzt halt aber mal die Luft an!“, schrie Hannes. „Nur weil ich ihr einmal wehgetan habe, denkst du, ich mach das noch mal? Ich mache nichts mehr, was sie irgendwie verletzen könnte!“
„Was willst du damit sagen?“, knurrte Lukas und kniff die Augen zusammen.
„Oh, gar nichts.“ Hannes wollte sich davon machen und rempelte Lukas im Vorbeigehen ein klein bisschen an.
„Hey, mach das nie wieder!“, brüllte Lukas prompt. Hannes tat es wieder. Und schneller, als ich ‚Beziehungsprobleme‘ sagen konnte, gab es vor meinen Augen die schlimmste Prügelei, die ich je in meinem Leben beobachten durfte. Zwei Studenten in den Zwanzigern kloppten sich fieser, als ich es bei den Schulrowdys in neun Jahren weiterführender Schule je beobachten durfte. Und da hatte ich keinen Bock mehr. „Wisst ihr was? Macht euren Kram untereinander aus“, sagte ich zu dem ineinander verkeilten und keilenden Knäuel auf dem Boden und ging endlich in die WG, um die Einkäufe zu verstauen.

Das Erstaunliche war, ich fühlte mich danach echt gut. Zumindest fühlte sich alles so an, als ginge mich alles nichts mehr an. Nichts betraf mich. Ich schmiss mit Freuden den Haushalt, nachdem Anna das zuvor übernommen hatte. Ich erledigte wieder ein paar Schichten im Studentencafé. Es ging voran. Die S-Bahn brachte mich am Donnerstag nach Hause. Pfeifend lief ich die Treppenstufen hoch, schloss die Wohnungstür auf und deponierte meine Sachen in der Küche.
Irritiert stellte ich fest, dass meine Zimmertür offen war. Hatte ich sie nicht zugemacht, als ich heute Morgen gegangen war?

Kitschi leistet Detektivarbeit

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Vor ziemlich genau einem Jahr, ich war gerade hierher gezogen, bekam ich einen Anruf von einer Rechtsanwaltskanzlei. Für einen Herrn Z. – die Familie, die direkt vor meinem heutigen Mann und mir hier wohnte, hieß nicht Z., sondern B., aber okay.

Diese Woche bekam ich dann einen Anruf vom Kundencenter einer bekannten spanischen Bank (bei dem man meinen fünfbuchstabigen Nachnamen partout nicht auf die Reihe bekam), man habe an Herrn Z. eine Frage wegen eines Kredits. Da wurde ich dann skeptisch. Ich fragte einen guten Bekannten, der zufällig bei meinem Provider arbeitet, ob der Rufnummern mehrmals vergibt.

Einen Tag später bekam ich einen Anruf vom Schornsteinfeger, ebenfalls für Herrn Z. – weil der recht redselig war, erfuhr ich den Ort und eine Hausnummer. Der Ort war nicht der, in dem wir wohnen, teilt sich mit diesem aber die Vorwahl. Jetzt war ich mir sicher, dass er die Rufnummer hatte, die mein Mann und ich jetzt haben. Fragt sich nur, warum die Rechtsanwaltskanzlei, die Bank und der Schornsteinfeger nicht die aktuelle Nummer von Herrn Z. haben. Falls es eine gibt. Watson und ich bleiben dran.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin