RSS-Feed

Bedeutungsschwanger, Teil 6

Veröffentlicht am

Lukas stand, wie ich vermutet hatte, in der Küche. Nun stand ihm aber der Mund offen und seine äußerst weibliche Begleitung fing an zu lachen.
Ich kam mir in diesem Augenblick so blöd vor wie noch nie in meinem Leben. Schön, der ausgestellte Unterteil des Kleides sah etwas komisch aus, aber… ich fand, ich war schön…
„Wollen nur hoffen, dass du nicht immer so rumläufst“, prustete die Frau, die da neben meinem Freund stand. Wer zur Hölle war das?
Lukas beantwortete sogleich meine Frage. „Sara, das ist Kiki, unsere neue Bassistin.“
Aus irgendeinem Grund war ich nicht sehr erfreut, behauptete aber das Gegenteil und checkte sie schon einmal per Augen ab.
Sie sah gut aus. Sie hatte lange, schwarze und zu einem Pferdeschwanz gebundene Haare, ein breites Lächeln mit unheimlich vielen weißen Zähnen und eine Figur wie eine Sanduhr.
Das trug natürlich nicht dazu bei, meine Laune zu heben. „Sehr schön, dich mal kennen zu lernen“, flötete ich mit einem Haifischlächeln, „ich geh mich nur eben schnell umziehen, bevor wir losfahren.“ Ich lachte auf und verzog mich wieder ins Bad.
In Windeseile zog ich das rote Kleid aus, verstaute es in der Tüte und zog meine normale Kleidung wieder an. Als ich in den Spiegel sah, fand ich allerdings, dass ich aussehtechnisch einfach gegen Kiki verlieren musste. Nicht willens, diesen Umstand anzuerkennen, arbeitete ich tonnenweise Haarspray in meine Mähne ein, schmierte etwas Abdeckung über Hautunreinheiten und verzierte meine Augen. Hätte ich mir auch sparen können.
„Kommst du, Sara?“
„Natürlich, Lukas!“, trällerte ich, verdrehte die Augen und verließ das Bad mit meiner Handtasche.
Wir fuhren in ihrem Auto zum Probenraum. In ihrem Auto. Die Fahrt war die Hölle. Die ganze Zeit erzählten sich Lukas und Kiki irgendwelche Anekdoten und Insider von früher, die ich nicht verstand und die mich beunruhigten. Um überhaupt irgendwas zum Gespräch beizutragen, sprach ich Kiki auf die ersten beiden Buchstaben ihres Autokennzeichens an, die weder auf Frankfurt noch auf unsere Heimat lauteten.
„Oh, das!“ Sie lachte. „Ich dachte schon, dass du danach fragst.“
Ach, echt?
„Das hat das Kennzeichen von dort, wo meine Oma wohnt. Die hat mir nämlich ihr Auto überlassen.“
„Aha.“
„Ach, du weißt doch noch, damals, wo wir deine Oma zum ersten Mal besucht haben?“, rief Lukas aus.
„Ja!“, antwortete Kiki nicht weniger laut. „Und dann hast du doch…!“ Gelächter. „Und dann hab ich…!“ Noch mehr Gelächter. Das ging einige Minuten so. Wenn wir nicht angekommen wären, hätten sie noch weiter gelacht. Kiki wischte sich die Lachtränen aus dem Gesicht und rief: „Hach, war das lustig!“
Ja, wahnsinnig lustig.
Die Bandmitglieder machten ihre typischen Männerumarmungen mit Patschehändchen auf den Rücken. Um Kiki kümmerten sie sich alle besonders. Ich bekam aufmerksame Blicke und Äußerungen wie „Du bist also die, nach der wir so lange gesucht haben!“ mit. Wie konnten sie auch anders. Klar. Ich lachte auf.
Ich setzte mich auf einen Stuhl und die Bandmitglieder positionierten sich um ihre Instrumente.
„Okay, wir probieren heute ein neues Stück aus“, kündigte Lukas an.
„Welches denn?“
„Ich dachte, wir nehmen Velvet in unser Programm auf“, informierte er mich. Ich freute mich darüber, dass die Students das Stück spielen wollten, denn es gehörte zu meinen Lieblingsliedern. Weniger erfreut war ich darüber, dass er es mit Kiki als Backgroundsängerin aufführte.
Und dann machte Kiki ihren Mund auf. Mir blieb der Mund offen stehen. Ich kam nicht umhin, den Gesang, der ihr entströmte… schön zu finden.
Sie brachte die Melodie so unheimlich schön herüber – ich dachte fast, jemand hätte das Radio angestellt. Bezüglich ihrer Fähigkeiten am Bass konnte ich nur das Gleiche behaupten.
Weil das Stück mehrmals geübt wurde, hatte ich noch mehr Gelegenheit, dies zu erfahren. Und danach standen ja noch viele andere Stücke auf dem Programm. Eigene und gecoverte. Sie meisterte sie alle brilliant.
Nach ungefähr einer Stunde machten die Students kurz Pause. Sie klopften sich alle auf den Rücken. Bei Kiki bekam es noch eine anerkennende Note.
Ich ging zu ihr hin.
„Wow, du hast wirklich toll gespielt!“
„Vielen Dank!“ Sie strahlte mich an. „Hab mir auch echt Mühe gegeben. Ist schließlich meine erste Probe.“
„Ja, beim ersten Mal strengt man sich immer besonders an, was?“
„Genau!“
„Bitte entschuldige mich, ich muss mal kurz für kleine Mädchen!“
„Klar, kein Problem!“
Ich suchte die nächstgelegene und dafür geeignete Örtlichkeit auf, riss die Hose runter, pinkelte und dachte nach.
Hatte ich vorhin übertrieben? Ich meine, wenn sich alte Bekannte wiedersahen, war es wohl ganz normal, dass man beisammen saß und sich über alte Zeiten amüsierte. Warum sollte das nicht auch bei Expartnern gehen? Und sie hatte ja wirklich große musikalische Talente. Warum sollte sie nicht mit Lukas in einer Band spielen? Da lief doch überhaupt nichts. Was dachte ich mir da nur wieder?
Ich lachte über meine eigene Dummheit, ging mir die Hände waschen und danach Richtung Probenraum.
Mir blieb das Herz stehen.
Schlagartig versuchte ich mir einzureden, man sehe gegen das Licht eh nichts und das sei nur eine Umarmung. Aber das war doch eh alles Selbstbetrug. Es war deutlich zu sehen, dass Kiki Lukas‘ Kopf in beiden Händen hielt und ihn küsste.
Absurderweise dachte ich daran, meine Handtasche mitzunehmen, bevor ich die Tür zuknallte und den Flur runterrannte.
„Sara! Bleib doch hier, ich liebe dich doch!“, rief Lukas hinter mir her. „Na toll, bist du froh, dass du alles kaputtgemacht hast?“, bildete ich mir noch ein, zu hören, aber da war ich schon fast weg.

Ich hatte das Glück, dass ich bei Nachhausekommen allein war. Ich blieb auch eine ganze Weile allein. Ich knallte mich auf die Küchenbank, als Unterlage für meinen Kopf diente die Handtasche. Einfach nur daliegen und auf die Decke starren. Hatte ich auch schon lang nicht mehr gemacht.
Die Tür klingelte, das war mir egal. Das Telefon klingelte, das war mir egal. Mein Handy war mir erst recht egal.
Blöde Schlampe. Blöder Idiot. Wieso hatte ich das nicht verhindert? Blöde Schlampe. Blöder Idiot.
Ganz ohne dass ich es merkte, wurde es dunkel. Genauso wie man lange nicht merkt, wie die eigenen Haare wachsen. Die Sonne sank, irgendwann taten es meine Augenlider ihr gleich. Jedenfalls schreckte ich hoch, als das Licht anging und Anna in der Tür stand.
„Was machst du denn hier?“
„Oh, äh…“ Ich sah mich um und rieb meine leicht feuchten Augen. „Es war so heiß in meinem Zimmer, da dachte ich, ich verzieh mich in die Küche.“
Mit hochgezogener Augenbraue entgegnete sie: „Wie wär’s erst mal mit Schuhe und Hose ausziehen? Und ich bin mir sicher, es gibt bessere Kühlungsmethoden, als die Wasserproduktion im Auge einzusetzen.“
Ich schluchzte los.
„Hey, was ist denn los? Das war doch nicht so gemeint. Was hast du denn?“ Anna setzte sich neben mich.
Zuerst kamen nur unzusammenhängende Leute aus mir raus.
„Was ist denn los? Erzähl’s mir doch.“ Anna streichelte mir die Wange.
„Dieser Idiot von Lukas und diese verdammte Schlampe von Kiki haben geknutscht!“
„Oh mein Gott! Wann ist das denn passiert?“
„Heute Nachmittag bei der Bandprobe. Ich hätt’s wissen müssen. Die haben sich ja schon so toll amüsiert heute!“, murmelte ich düster.
„Was meinst du damit?“, fragte Anna.
„Ha! Die haben sich so viel erzählt… so viel zusammen gelacht! Und dann…“ Ich schluchzte wieder. „Wieso tut er mir so was an?“
„Ich glaube nicht, dass er Gefühle für diese andere Frau hat.“
„Woher willst du das denn bitte wissen?“
„Ich bin mir sicher, dass er dich liebt. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass sie ihn überrumpelt haben könnte?“

„Wie meinst du das?“
„Ich will mal so fragen: Wie war denn seine Körpersprache bei dem Kuss?“
„Denkst du, ich hab darauf geachtet?“
„Sprich doch auf jeden Fall erst mal mit ihm. Ich bin mir sicher, ihr könnt das alles klären, vorausgesetzt, ihr sprecht miteinander.“
„Ich weiß noch nicht, ob ich das will.“ Ich entleerte meinen Nasenrotz lautstark in ein Taschentuch. „So, und jetzt geh ich richtig schlafen. Gute Nacht.“ Raus aus der Küche. Zimmertür zu. Welt aus.

Advertisements

Über kitschautorin

Ich bin eine junge Frau, die in der drittviertgrößten Stadt Niedersachsens studiert und der Liebe wegen recht weit pendelt. Früh-ins-Bett-Geherin. Im Internet zu Hause. Fürs DRK als Blutspendenanmeldungshilfe aktiv. Gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch. Gegen Atomkraft und sinnlose Verbote. Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Politisch interessiert. Auf Flickr zu finden: https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/ Ich arbeite hauptberuflich als Politik- und Pädagogikstudentin. Nebenberuflich als Karla Kolumna eines örtlichen Radiosenders und einiger anderer Medien. Ich blogge über alles, was mich bewegt. Soll heißen: über meine Arbeit. Meine Familie. Das Fernsehen. Meine Freunde. Meine schriftstellerischen Aktivitäten. Dämliche Printerzeugnisse. Bücher. Die drei Jahre in einer der schlimmsten Berufsschulen dieses Landes. Sexualität. Meine Beziehung. Die Universität. Zitate. Und alles, was ich sonst noch so erlebe. Ich mag Bücher. Nudeln. „Hör mal, wer da hämmert“. Die Ärzte. Zitate. Meine Arbeit beim Radio. Urban Priol. Volker Pispers. SpongeBob. Garfield. „Switch“. „Ein Herz und eine Seele“. Ich hasse Fremdenfeindlichkeit. Misogynie. Homo- und Frankophobie. Die meisten Sorten von Kohl (auch den aus der CDU, haha). Den Großteil des Fernsehprogramms. Armut. Arroganz. Die Bildzeitung. Leute, die anderen Leuten keine eigene Meinung gönnen. Das Wort „Gutmensch“. Fußball. Viele Politiker. Ich habe hier noch mehr über mich geschrieben: https://kitschautorin.wordpress.com/2011/04/16/alles-glanzt-so-schon-neu/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/01/17/11-fragen/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/07/22/immer-wieder-sonntags/ https://kitschautorin.wordpress.com/2012/03/07/mal-wieder-was-uber-mich/ https://kitschautorin.wordpress.com/2013/05/04/was-ich-unbedingt-noch-machen-will/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/11/fragebogen-zu-film-und-kino/ https://kitschautorin.wordpress.com/2014/04/15/nochn-fragebogen/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: