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Butterkeks, Doppelkupplungsgetriebe, Apostasie

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(Vielen Dank an Klopfer für diesen tollen Titel. Ernsthaft, wtf? :D)

Freitag, 13 Uhr. Endlich hatte sie es geschafft. Eine Arbeitswoche war vorbei. Und die war diesmal so anstrengend gewesen wie noch nie. Den blöden Antrag zur Projektverlängerung fertigschreiben, unzählige Fälle bearbeiten und gerade noch die Sitzung mit ihren Vorgesetzten. Wer würde es ihr da übelnehmen, wenn sie etwas Entspannung brauchte?
Gerade so unauffällig, wie es möglich war, räumte sie die Hinterlassenschaften der Sitzung weg, damit sie sich endlich davonmachen konnte. Die Butterkekse in den Schrank, die Gläser in die Spülmaschine und ihre Akten in die Tasche. Sie überlegte kurz, ob die Spülmaschine so voll war, dass sie sie anstellen musste, und entschied sich dann dagegen. Und außerdem musste sie ja einen Zug kriegen. Schnell schloss sie ihr Büro ab und huschte davon.
Ungeduldig wartete sie auf den Bus, der sie zum Bahnhof brachte. Natürlich hätte sie auch ein Taxi nehmen können, aber an diesem Wochenende würde sie noch genug Geld ausgeben, da musste das nicht auch noch sein. So gab es halt zwanzig Minuten Fahrt und drei merkwürdige Gespräche mit Fahrgästen extra, bevor sie sich und ihren Rollkoffer zu Gleis 11 dirigieren konnte.
Unten angekommen konnte sie sich direkt wieder ärgern. Schaffte es die Deutsche Bahn eigentlich nie, ihre Züge mal pünktlich ankommen zu lassen? Gerade jetzt, wo es so wichtig war! Sie wartete eine gefühlte Ewigkeit, bis der Zug in die große Stadt endlich einfuhr und sie sich auf den blauartigen Sitzpolstern niederlassen konnte.
Und während der Zug davonfuhr, konnte sie all die Gedanken der letzten Woche langsam hinter sich lassen und darauf konzentrieren, was noch vor ihr lag. Sie wollte einen Freund besuchen, den sie länger nicht gesehen hatte. Seit sie berufstätig war, schafften sie es kaum noch, sich zu sehen, aber wenn, war es immer toll. Sie genoss seine Gesellschaft, die eine der wenigen Sachen war, die ihr Leben noch in irgendeiner Weise interessant machten.
Sie schrieb ihm kurz, dass sie im Zug saß und in gut vier Stunden ankäme, und ließ sich dann wieder in den Sitz sinken. Abgesehen vom Fahrkartenkontrolleur sprach sie mit niemandem und niemand mit ihr. Sie hatte es so an sich, sich abzuschirmen. Mit niemandem zu kommunizieren, mit dem es nicht unbedingt nötig war. Die meisten Menschen waren es eh nicht wert, dachte sie im Grunde. Sie war sich selbst der nächste Gesprächspartner, abgesehen von einigen wenigen Freunden vielleicht.
Ohne dass sie es wirklich registrierte, sank die Sonne immer weiter nach unten. Als sie schließlich den Zug verließ, war sie gar nicht mehr zu sehen. Sie schritt durch das Glasgebäude, in ihrer altgewohnten Ich-habe-zu-tun-bitte-sprechen-Sie-mich-nicht-an-Haltung, und setzte sich in die S-Bahn. Sie betrachtete all die Menschen, die dort saßen, ohne ihnen in die Augen zu sehen. Mit ihrem anthrazitfarbenen Hosenanzug stach sie schon etwas heraus, aber es gab andere Menschen, die mehr herausstachen als sie.
Schließlich kam ihre Station. Ihr Handy vibrierte zwei Mal, aber sie ging erst einige Meter, bevor sie dazu kam, nachzusehen, wer da etwas von ihr wollte.
Tut mir echt voll leid, aber ich muss noch was ganz Dringendes erledigen. Machts dir was aus, wenn wir uns ne halbe Stunde später treffen? Bis später, D.
Das konnte doch nicht wahr sein, oder? Das war doch nicht wahr, oder? Sie hatte eine total harte Arbeitswoche hinter sich, fuhr vier Stunden, um ihn zu sehen, und dann das? Was bildete der sich eigentlich ein?
Sie war so sauer, dass sie ignorierte, eigentlich noch zwei Straßen weiter zu müssen, und ging kurzerhand durch die nächstbeste Tür. Was zufällig die Tür einer Kneipe war.
Das Interieur war nicht gerade einladend, aber das war ihr dann auch egal. Sie sank auf einen Hocker am Tresen. „Na, auf Geschäftsreise?“, fragte sie der Wirt, und sie watschte ihn sogleich ab. „Das geht Sie nichts an. Ich hätte gerne ein großes Helles mit Schuss, bitte.“
Der Wirt zuckte mit den Augenbrauen und erledigte ihre Bestellung. Sie lehnte sich missmutig über den Tresen und wünschte, sie wäre zu Hause geblieben. Der Liebesfilm, den sie vor drei Wochen aufgenommen hatte, wäre eine viel angenehmere Gesellschaft gewesen als ein Typ, der sie einfach versetzte.
„Alles Idioten hier“, rief ein Typ in der Ecke laut, wofür er vom Wirt gemaßregelt wurde, mit recht unfreundlichen Worten. Irgendwie hatte der Besoffene da hinten Recht, dachte sie und musterte die anderen Gäste.
Da ging die Tür auf. Ein Kerl mit langen Haaren und Bart kam herein, bestellte ein Bier und setzte sich auf den Hocker neben sie. Ernsthaft? Neben sie? Wo noch so viele andere Plätze frei waren? Sie starrte auf das dunkle Holz des Tresens und hoffte, dass der Typ sie  nicht ansprechen würde.
„Was guckst du denn so missmutig?“
Tja, die Hoffnung war soeben gestorben. „Alles in Ordnung“, brummte sie. „Was macht so ’ne schöne Frau wie du an so ’nem Ort?“
„Sich die Birne wegsaufen“, antwortete sie, ohne hinzusehen, und holte ihr Handy aus der Tasche. Da war ja noch eine Nachricht.
Hallo, wie geht es dir? Papa und ich gehen gleich essen. Ruf doch mal wieder an! Grüße, Mama.
Das würde sie vielleicht sogar tun, wenn sie nur wüsste, was sie sagen sollte. So aufregend war ihr Leben nicht. Viel arbeiten, gelegentlich Freunde treffen. Sie schnaubte. Wenn die nicht gerade Anderes vorhatten.
„Ist wirklich alles in Ordnung?“, wollte ihr Sitznachbar wissen. „Wie würdest du dich denn fühlen, wenn du dich ewig auf ein Treffen mit deinem Kumpel freust und dann versetzt er dich einfach?“, rief sie und war im nächsten Augenblick selber erstaunt über diesen Ausbruch.
„Wohl nicht besonders gut“, entgegnete der Typ. Der Wirt stellte die Biere vor die beiden. Sie nahm sogleich einen großen Schluck. „Was hat er denn gesagt?“
Sie schnaubte wieder. „Er muss was total Wichtiges erledigen und ob es mir was ausmachen würde, wenn wir uns ’ne halbe Stunde später treffen. So ein Scheiß!“
„Moment, hast du nicht gerade gesagt, er hat dich versetzt?“, erkundigte sich der Typ verwirrt.
„Ja, und?“, war die Antwort.
Der Kerl lachte auf. „Mädel, ich hab keine Ahnung, was bei dir schiefgelaufen ist, aber bei dir muss was mächtig schiefgelaufen sein.“ Er trank von seinem Bier.
„Moment mal, was bil…“, wollte sie zu einer Riesenverteidigung ansetzen, als er sie unterbrach. „Schon klar, du bist wohl am liebsten allein und musst das auch jedem zeigen. Schon klar.“ Und er trank wieder.
Sie klappte den Mund auf und zu wie ein Fisch, der auf dem Trockenen lag. Erst viel später fiel ihr eine Antwort ein. „Bist du Jesus oder so? Glaubst du, in Menschen hineinsehen zu können?“
„Nein“, lachte er, „auch wenn ichs lange versucht hab. Ich hab mich sogar für Theologie eingeschrieben.“
„Theologie, Hilfe“, stöhnte sie. „Warum studiert man so was?“
„Damals hielt ich es jedenfalls für ’ne gute Idee. Nach 13 Semestern hab ich es sogar geschafft, mich für die Abschlussarbeit anzumelden.“
„Wow, total schnell“, meinte sie und zuckte mit den Augenbrauen.
„Hat am Ende aber nichts gebracht. Ich musste einsehen, dass Apostasie in den abrahamitischen Religionen nicht so das affengeile Thema ist.“
„Und stattdessen nervst du jetzt Frauen in Kneipen“, lachte sie auf und stierte wieder auf ihr Handy.
„Ich nerve niemanden, der nicht dazu einlädt“, sagte er, zwinkerte ihr zu und trank dann weiter von seinem Bier.
Sie sah auf ihre Armbanduhr und erschrak. In einem Zug trank sie den Rest ihres Bieres aus, unterdrückte einen riesigen Rülpser, so gut es ging, und knallte dem Wirt ihr Geld auf den Tresen. Dann eilte sie aus der Kneipe.
Eine Straße weiter sah sie aus dem Augenwinkel eine große Werbetafel für den neuesten koreanischen Kleinwagen mit Hybridantrieb und Doppelkupplungsgetriebe. Na, das wäre ja was für ihren Vater, der war total autoverrückt. Sie nahm sich vor, bald ihre Mutter zu fragen, ob er immer noch Autozeitschriften auf dem Klo las. Aber erst morgen. Erst musste sie zu ihrem Kumpel und ihm von dem Irren aus der Kneipe erzählen.

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Kuchenesszwischengedanken

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Die Mutter meines Freundes hatte diese Woche einige Nachbarinnen zum Kaffee eingeladen und weil es lecker Nuss-Marzipan-Torte gab, saß ich dabei.

Im Wesentlichen drehten sich die Gedanken, die ich bei diesem Essen hatte, um zwei Themen:

1.) Ich möchte nie wieder auf dem Dorf leben. Ich habe Angst, dann nichts Interessantes mehr zu erleben. Der ewige Klatsch und Tratsch hat mich auch genervt. Und bei meinen (Schwieger-)Eltern im Haus zu leben, so wie eine der anwesenden Damen, geht schon gar nicht. Ich würde mich total eingeengt fühlen. Die Frau hat übrigens auch ein kleines Kind. Und wenn mein Freund und ich mal zusammen Kinder haben, will ich mir weder von seinen noch von meinen Eltern bei der Erziehung reinreden lassen.

2.) Eine andere anwesende Dame feiert bald Silberhochzeit (was übrigens auch der Grund fürs Treffen war) und bei der Planung für so ein Fest kann verdammt viel schief gehen. Mich interessierte das ganze Gespräch nicht so ganz, ich horchte aber auf, als eine Frau erzählte, dass die Soundso jetzt ja auch ihre *Pause* Frau *Augenbrauen oben* geheiratet habe und da habe das Restaurant ja die Reservierung versemmelt. Ich hörte und sah ganz genau hin. Irgendwo Anzeichen nahender Homophobie? Da muss man ja einiges befürchten, wie aufmerksame Blogleser wissen. Es ging dann nur darum, wie die frisch Verpartnerten die Planungsschwierigkeiten bewältigt haben. Das war gut. Aber wer weiß, worüber die geredet haben, als ich nicht mehr dabei war. Vielleicht hat sich die Mutter meines Freundes auch nur zurückgehalten, weil sie bereits wusste, wie ich vermutlich reagiere. Naja, vielleicht ist das auch nur Überinterpretation.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Krümelmonster, Teil 24

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Die ganze Nacht hatte ich es bei mir und schaute es mir an. Es sah wirklich so aus wie meines. Nur die Farbe war leicht anders… oder etwa doch nicht? Immer wieder betrachtete ich es. Ein paar Mal roch ich sogar dran. Männerschweiß, Zigarettenrauch, Shampoo, Duschgel. Was für ein… angenehmer Geruch. Am nächsten Morgen, nachdem mein Wecker klingelte, griff ich sofort zum Handy und rief Kati an. Kurz bevor sich die Mailbox melden konnte, ging sie endlich ran.

„Hallo?“, murmelte sie verschlafen.

„Hallo, Kati, ich brauche unbedingt Lukas‘ Adresse!“

Kati stöhnte. „Was ist denn so wichtig daran, dass du mich wachklingelst?“ Ein ausgedehntes Gähnen war zu hören.

„Es ist wichtig!“, betonte ich. „Er hat gestern Abend beim Konzert sein Palästinensertuch vergessen und das muss ich ihm unbedingt zurückbringen!“

„Beim Konzert, hm?“ Auf einmal klang Kati ziemlich wach. „Habt ihr euch gedatet oder was?“

„Nein, ich bin mit Anna und Aurélie im Erdbeergrün gewesen und da hat er gespielt.“

„Ach so.“ Sie gähnte wieder. „Er wohnt in der Rostocker Straße 35. Aber überfall ihn nicht so wie mich. Gute Nacht.“ Und zack, hatte sie aufgelegt.

Hm. Rostocker Straße 35? Wo lag das?

Kati hatte mir als Tipp gegeben, ihn nicht zu überfallen. Deswegen ging ich erst nach der Uni zu ihm. Trotzdem öffnete mir an der Tür mit dem „Achtung, Gefahr!“-Schild ein verschlafener Typ in Unterhose. Hatte der nicht gestern mit Lukas auf der Bühne gestanden?

„Guten Morgen, schöne Frau, was führt dich zu uns?“

„Ähm…“ Ich sah auf die Uhr. „Ist Lukas da? Ich möchte ihm das hier zurückbringen.“ Ich hielt das Tuch hoch.

„Sekunde, ich hol ihn.“ Der Mensch ging Richtung offene Badezimmertür und brüllte: „Lukas!!! Damenbesuch für dich.“ Eine halbe Ewigkeit später erschien der Angesprochene, nicht mehr bekleidet als der, der mir die Tür aufgemacht hatte.

„Hallo, ähm… was gibt’s?“

„Hi, ähm… ich wollte dir das hier zurückbringen, das hast du gestern beim Konzert vergessen.“

Sein Gesicht hellte sich auf. „Mensch, das hab ich schon überall gesucht! Dankeschön!“ Er strahlte mich an. „Willst du kurz reinkommen?“

„Klar.“

Er schloss die Tür und bedeutete mir, in die Küche zu gehen. Danach verschwand Lukas kurz in seinem Zimmer. Als er wiederkam, war er komplett angezogen. Auch das Tuch hatte er sich wieder umgewickelt.

„Willst du ‘nen Kaffee?“

„Gerne.“

Er setzte ihn auf und ich schaute ihm stumm zu. Irgendwann setzte er sich hin und stellte mir eine Tasse hin. Ich sah sie mir an. Geek stand da drauf. Was auch immer das sein sollte.

„So ein Palästinensertuch haben nicht viele Männer, oder?“, begann ich das Gespräch.

„Ja, da bin ich wahrscheinlich eine echte Ausnahme.“ Er zog seine Augenbraue hoch. Ich musste lachen.

„So was tragen normalerweise nur Frauen. Da war ich ganz schön überrascht.“

„Du hast auch so eins, oder?“

„Woher weißt du das?“

„Übersinnliche Kräfte.“ Er trank seinen Kaffee. „Na ja, du läufst ganz schön häufig damit herum. Sieht ja sogar so aus wie meins.“

„Stimmt, das ist mir auch schon aufgefallen.“ Jemand lief an der Küche vorbei. „Du wohnst in einer WG?“

„Ja, das stimmt. Der Typ, der dir gerade aufgemacht, war mein Bassist.“

„Ach, deswegen kam er mir so bekannt vor.“

„Wohnst du auch in einer WG?“

„Nein, ich bin in einem Studentenwohnheim.“

„Naja, davon hört man nicht so tolle Geschichten.“ Lukas goss sich Kaffee nach.

„Das stimmt“, antwortete ich. „Ich bin froh, dass ich eine Küchenzeile für mich alleine habe. Ich habe gehört, dass in den Gemeinschaftsküchen immer die Sachen rumstehen, sodass man denken könnte, die Biostudenten haben ihre Experimente nach Hause mitgenommen.“

Jetzt lachte er. Er hatte ein wirklich schönes Lachen, das musste ich ja sagen. Und ich hörte es noch oft, während ich in der Küche bei ihm saß. Als ich gehen wollte, war es schon dunkel und das lag ganz bestimmt nicht nur an der Jahreszeit.

„Eine Frage hab ich aber noch“, sagte Lukas, als ich schon aus der Tür raus war. „Woher weißt du, wo ich wohne?“

„Übersinnliche Kräfte“, antwortete ich und streckte die Zunge raus.

Am Wochenende besuchte ich wieder meine Familie. Diesmal natürlich angekündigt. Und – oh Wunder – es öffnete mir Gero. Gehörte er jetzt schon dazu, dass er die Tür öffnen durfte? Interessant.

„Hey“, begrüßte er mich. „Deine Familie schmückt gerade das Haus.“

Das Haus. Schmücken. Das hatte ich als Kind unheimlich gern gemacht. Gleich nachdem ich meine Eltern und meine Oma begrüßt hatte, schnappte ich mir einen Karton mit Deko und begann, ihn über’s ganze Haus zu verteilen.

„Na, mein Kind, wie geht es dir? Isst und trinkst du auch immer schön?“, wollte Oma wissen.

„Ja, das mache ich, Oma. Ich will doch nicht noch mal Lea vor die Füße fallen. Apropos, wo ist sie eigentlich? Geht es ihr und dem Baby gut?“

„Sie ist bei der Vorsorgeuntersuchung“, erzählte Oma, während sie auf einen Stuhl stieg. „Es geht den beiden ausgezeichnet.“

„Das ist ja schön. Warte, ich helf dir“, rief ich und hing die lilafarbene Perlenkette über die Gardinenstange im Wohnzimmer.

„Du hast es gut, du bist körperlich noch fit und kannst so was noch machen. Ich mit meinen schwachen Knochen – da geht das nicht mehr.“ Oma holte ein neues Bild und zeigte es mir. „Hab ich gemalt. Was meinst du?“

„Sieht gut aus!“

„Dankeschön. Kannst du hier mal weitermachen? Ich muss eben nach dem Essen schauen.“

„Was gibt es denn?“, erkundigte ich mich.

„Hackbraten.“

„Gibt es auch eine vegetarische Alternative?“

„Vegetarisch? Wieso das denn?“

„Oma!“ Ich verdrehte den Kopf und hätte beinahe die Weihnachtsengelchen fallen lassen.

„Oh, natürlich, es gibt bestimmt was für dich. Da isst du schon so lange kein Fleisch mehr und ich kann es mir immer noch nicht merken. Furchtbar.“

Beim Essen grinste ich die ganze Zeit in mich hinein. Ich trank Cola und im Ohr hatte ich immer noch den ersten Song von gestern Abend.

„Warum bist du denn heute so fröhlich?“, wollte Mama wissen.

„Du grinst schon die ganze Zeit in dich hinein, das tust du doch sonst nicht“, wunderte sich auch Papa.

„Ach, einfach so“, antwortete ich… grinsend. „Die Uni läuft eben gut.“

„Na, dann.“ Papa fuhr damit fort, von seiner Arbeit zu erzählen. Er berichtete vom Mann einer Klientin, der ihn in seiner Kanzlei aufgesucht hatte und ihm ans Leder wollte, da der Irre keine Lust hatte, den Unterhalt zu bezahlen, den Papa für die Frau einfordern sollte.

„Ich hoffe, so etwas wird uns nie passieren“, seufzte Lea. „Sicher nicht“, tröstete Gero sie und drückte ihr einen Kuss auf den Babybauch. Er war noch nicht besonders dick, aber ein bisschen hatte Lea wohl zugenommen.

„Wie geht es dem Baby denn?“, erkundigte sich Mama und lud sich eine Scheibe Hackbraten auf den Teller.

„Es geht ihm ausgezeichnet“, lächelte Lea. Sie blickte auf ihren immer noch enthüllten Bauch.

„Wisst ihr denn schon, was es wird?“, fragte Papa. Er wollte bestimmt einen Jungen.

„Ein Baby“, entgegnete Gero. Alle lachten.

„Ja, aber was für ein Baby?“

„Wird nicht verraten“, antwortete Lea zwinkernd. „Erst an Weihnachten.“

„Da fällt mir ein“ – Mama kaute an ihrem Hackbraten herum – „kommst du nächstes Wochenende?“

„Nein, da kann ich nicht“, teilte ich mit. „Da hab ich einen Termin.“

„Was für einen denn?“, stocherte Lea, neugierig wie immer.

„Verrat ich dir nicht.“ Ich streckte ihr die Zunge raus und aß mein Ersatz-Essen weiter.

Ich verriet es ihr natürlich trotzdem, aber erst, als sie mich wieder zum Bahnhof fuhr. Ja, Auto fahren konnte sie noch! Das versicherte sie mir lautstark. Auf die Neuigkeit, dass ich jemanden kennengelernt hatte, reagierte sie genauso wie meine Freundinnen.

„Das war der, der mich wiederbelebt hat, als ich dir vor die Füße gekippt bin“, verriet ich ihr. „Ach, der war das“, murmelte Lea. „Ist er nett?“

„Aber unheimlich. Wir haben so viel gelacht, als ich ihm das Tuch wiedergebracht hab, unglaublich.“

„Was für ein Tuch?“, hakte Lea nach und bog links ab.

„Sein Palästinensertuch, das er immer trägt. Er hat es bei seinem Konzert verloren.“

„Soso, sein Konzert“, flötete sie. „Du warst schon extra auf seinem Konzert?“

„Nein“, beteuerte ich, „es war zufällig. Ich bin mit Anna und Aurélie ausgegangen.“

„Ja klar, zufällig“, entgegnete meine große Schwester, mit einem Unterton in der Stimme, der preisgab, dass sie mir nicht glaubte. Sie hielt vorm Bahnhofsgebäude. „Endstation!“ Sie stieg aus und machte mir die Tür auf. „Viel Spaß in der Uni, Kleine. Und viel Glück mit deinem Lukas, oder wie er heißt.“

Die letzten zehn Worte, die sie zu mir gesagt hatte, hallten noch lange in meinem Kopf nach. Viel Glück? Konnte ich das gebrauchen? Wofür?

Krümelmonster, Teil 23

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Mit mäßigem Erfolg. Zwar schaffte ich es, einige der Fakten in mein Hirn zu bimsen, doch es war dazu große Anstrengung nötig. Ein dunkler Schatten in Form des Gesichtes eines gewissen Medizinstudenten schwebte ständig vor meinen Augen herum.

Zu sehr interessierte mich der Typ, der angeblich Lukas hieß und ein Freund von Hannes war, Krankenpfleger, Medizinstudent. Spielte in einer Band. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Musiker gehabt. Ich erinnerte mich an ein Schulfest in der zehnten Klasse, bei dem ich mit Zahnspange im Mund ganz vorne in der ersten Reihe gestanden und den Sänger angehimmelt hatte. Der war damals der Schwarm der ganzen Schule gewesen, bis er geflogen war und –

Von fern ertönte mein Handy. Wo war es nur? Hoffentlich fand ich es rechtzeitig… ich wühlte alle meine Sachen durch, bis ich es endlich fand. Ich drückte auf den grünen Hörer.

„Sara Lehmann?“

„Sara, wieso meldest du dich mit Namen? Du hast doch gesehen, dass ich es bin“, bemerkte Anna in ihrer typischen Art.

„Nein, ich musste schnell machen, sonst hättest du nur die Mailbox gekriegt. Was gibt’s denn?“

„Aurélie will mal wieder was mit uns beiden machen“, informierte mich Anna. „Sie dachte da an einen DVD-Abend.“

„Hat ihr der eine neulich nicht schon gereicht?“

„Ich denke, die beiden sind nicht zum DVD-Gucken gekommen, wenn du verstehst, was ich meine“, versetzte Anna. Wir lachten beide.

„Aber klar würde ich gerne mal was machen“, rief ich. „Sag bloß, du hast es geschafft, sie von Freddy loszueisen?“

„Es war ihre Idee. Sie hat mittlerweile kapiert, dass man auch mal was getrennt machen kann, wenn man in einer Beziehung ist.“

„Coole Sache. Ja, habt ihr denn heute Abend Zeit?“

„Klar.“

Wir verabredeten uns für sechs Uhr in der WG. Als Aurélie mich an der Wohnungstür begrüßte, fiel mir etwas auf: Sie hatte ihre Naturhaarfarbe zurück. Dunkelbraun.

„Hey, Aurélie, du hast ja wieder braune Haare!“

„Ja, die gefallen mir wohl doch besser. Und Freddy auch“, antwortete sie und hängte meinen Mantel auf. „Was möchtest du trinken? Kaffee? Tee? Kakao?“

„Ach, am allerliebsten mag ich Kakao“, gab ich zurück und ließ mich auf einen Tisch in der Küche plumpsen. „Also läuft es zwischen euch beiden wieder?“

„Ja, eure Idee mit dem Einsperren war wirklich klasse. Dadurch haben Freddy und ich endlich mal wieder richtig miteinander gesprochen.“

„Wir helfen immer gern“, meinte Anna, die gerade die Küche betrat, und verbeugte sich.

„Nein, ernsthaft. Jetzt ist uns klar geworden, dass wir nicht aneinanderhängen dürfen und uns gegenseitig unsere Freiheiten lassen müssen.“

„Ist doch gut.“ Anna setzte sich hin. „So, und was genau wollen wir jetzt machen?“

„Ach, ich hätte Lust auf DVD-Gucken, wie gesagt“, äußerte sich Aurélie und goss sich selbst und mir einen Kakao ein.

„Hat dir das DVD-Gucken mit Freddy nicht gereicht? Oder seid ihr am Ende gar nicht dazu gekommen?“ Anna zwinkerte mir zu und trank einen Schluck Früchtetee.

„Öh… woher wisst ihr das?“ Aurélie wurde leicht rot. „Naja… wir müssen ja nicht DVDs schauen, wenn ihr nicht wollt. Ich hab gehört, in der Kneipe um die Ecke spielt eine Band. The Students.“

„Welche Kneipe?“, rief Anna.

„Spielt Lukas da nicht mit?“, rief ich gleichzeitig. Worauf meine Freundinnen gleichzeitig fragten: „Wer ist Lukas?“

„Unwichtig“, watschte ich sie ab. „Ähm, wie heißt denn jetzt die Kneipe um die Ecke?“

Erdbeergrün“, antwortete sie verwirrt. „Aber wer ist dieser Lukas?“

„Kommt mit“ – ich trank meine Tasse Kakao leer – „dann erzähle ich es euch.“

Unterwegs, während wir durch den Adventsschnee stapften, erzählte ich es ihnen dann. „Es war ganz witzig, ihr habt doch sicher erfahren, dass ich neulich umgekippt bin, und da dachte ich, das wäre Hannes, der mich wiederbelebt hätte. Aber dann hab ich Kati getroffen –“

„Wie, du hast Kati getroffen? Die alte Nervtussi?“, unterbrach mich Anna.

„Die würde ich nie freiwillig treffen, die dumme Zicke!“, ergänzte Aurélie.

„Naja, wir haben uns an Hannes gerächt, weil er uns beide sitzenließ. Jedenfalls –“

„Wie habt ihr euch gerächt? Was habt ihr gemacht?“, wurde ich schon wieder unterbrochen.

„Ich hab seine Hausarbeit gelöscht und Kati hat die Stereoanlage neu verka-“

„Was, du hast seine Hausarbeit gelöscht? Das hast du wirklich gemacht?“

„Soll ich euch jetzt eigentlich erzählen, wer Lukas ist, oder wollt ihr das gar nicht?“, rief ich verärgert.

„Oh, das tut uns sehr Leid. Erzähl uns die ganze Geschichte.“

Wir setzten uns an einen Tisch.

„Also, wie gesagt, ich bin umgefallen. Wer Hannes ist, hab ich euch ja schon erzählt.“ Die Mädels nickten. Die Kellnerin kam an und wir bestellten drei Colas. Als sie abzog, fuhr ich fort: „Nun ja, ich bin neulich umgekippt, weil ich nichts getrunken hatte, und da hat Hannes mich wiederbelebt. Das dachte ich jedenfalls. Dann hat er mich in sein Zimmer geschleppt und gesagt, wie Leid ihm das alles tut und dass er mich liebt.“

„Und was hast du gesagt?“, wollte Anna wissen.

„Dass ich erst mal darüber nachdenken muss, und dann bin ich schlafen gegangen. In meinem Zimmer. Tja, und dann hab ich Kati auf der Unitoilette getroffen, deswegen war ich beim Essen übrigens so lange weg. Sie war total fertig wegen der Geschichte mit Hannes und da haben wir uns gerächt.“

„Du hast die Hausarbeit gelöscht und Kati hat irgendwas mit der Stereoanlage gemacht“, bemerkte Aurélie.

„Sie neu verkabelt, genau. Es war echt witzig, wie Hannes ausgeflippt ist. Wir haben natürlich vorher sichergestellt, dass er die Arbeit nirgendwo anders gespeichert hat.“ Ich zog die Augenbrauen hoch und grinste diabolisch. Was meine Freundinnen zum schallenden Lachen brachte. „Das ist ja geil“, japste Anna. „Aber wer ist jetzt Lukas?“

„Passt auf.“ Ich hob meinen Zeigefinger. „Weil Kati und ich die Aktion ganz cool fanden, haben wir uns auf einen Kaffee verabredet. Und da hat sie mir erzählt – sie hat nämlich alles beobachtet –, dass mich dieser Freund von Hannes wiederbelebt hat, der auch dabei war. Und der heißt Lukas.“ Ich lehnte mich zurück und trank etwas von der Cola, die mittlerweile angekommen war.

„Wow.“ Aurélie atmete hörbar aus. „Wieso passiert mir nie so etwas?“

„Dein Liebeslieben ist ja wohl aufregend genug“, wehrte Anna ab. „Aber was weißt du alles von ihm?“

„Naja, Kati hat mir einiges über ihn erzählt. Er hat eine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht und studiert hier jetzt Medizin. Außerdem spielt er in einer Band.“

„Und wie sieht er aus?“

In dem Moment trat jemand ans Mikro heran, das auf der kleinen Eckbühne aufgebaut war und es erklangen einige Gitarrenakkorde.

„Hallo, Leute!“ Die Stimme kam mir bekannt vor. „Hier sind The Students und wir spielen jetzt die beste Musik überhaupt, nur für euch!“ Wir drehten uns um. Ich schluckte.

„Nun ja, eigentlich sieht er genauso aus wie der Typ, der da am Mikro steht“, sagte ich. „Wow, das ist er?“, rief Aurélie und fing an zu kreischen. „Still!“, wies Anna sie zurecht.

Die Leute klatschten und wir stimmten mit ein, ich war aber noch etwas zögerlich. Sehr zögerlich. Was nicht gerade zu meiner Lockerung beitrug, war, dass Lukas‘ Band ein Lied spielte, das mir auch sehr bekannt vorkam.

Tonight we drink to youth
and holding fast to truth.
I don’t want to lose what I had as a boy
My heart still has a beat
but love is now a feat
As common as a cold day in LA
Sometimes when I’m alone, I wonder
is there a spell that I am under
keeping me from seeing the real thing?
Love hurts…
but sometimes it’s a good hurt
and it feels like I’m alive
Love sings
when it transcends the bad things
Have a heart and try me
‚cause without love I won’t survive

Lukas hatte eine tolle Stimme und konnte auch die E-Gitarre super spielen. Ich sah ihn mir genauer an. Er trug eine lässig auf seinen Hüften hängende Jeans und ein eng sitzendes T-Shirt. Er schien nicht besonders muskulös zu sein, also nicht so wie Hannes, aber er war trotzdem ziemlich gut gebaut. Seine Füße trugen weiße Chucks, auf die irgendjemand was geschrieben hatte und um den Hals trug er ein Palästinensertuch, wie auch ich eins hatte. Irgendwann nahm er es allerdings ab. Ich konnte meine Augen gar nicht von Lukas lassen.

An diesem Abend spielte seine Band viele Lieder, bekannte Lieder und eigene Stücke. Besonders entzückt war ich von einem alten Rocksong, den ich mit meiner alten Klasse mal im Matheunterricht gesungen hatte, um den blöden Lehrer zu ärgern. Ich lächelte… und Lukas lächelte zurück!

„Sieht ja gut aus, der Typ!“, bemerkte Anna. „Ja, da hast du wohl Recht“, stimmte ich zu.

Ein paar Stunden später verabschiedeten sich die Students, unter dem dröhnenden Applaus der Kneipenbesucher. „Komm, wir gehen“, forderte Anna uns auf und wir machten uns daran, das Erdbeergrün zu verlassen. Die anderen beiden waren schon nach draußen gegangen, als ich mich noch mal umdrehte… und Lukas‘ Palästinensertuch sah, das er auf der Bühne zurückgelassen hatte! Schnell ging ich zur Bühne und steckte das schöne Tuch ein.

„Kommst du? Wir wollen endlich nach Hause!“, rief Anna nach mir. Ich huschte nach draußen.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 7

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„Ich kann einfach nicht glauben, dass ihr so etwas getan habt. Uns alleine zurückzulassen! Eine solche Verantwortungslosigkeit hätte ich euch nie zugetraut!“ Papas stimmliche Lautstärke hatte sich kaum verändert, seit er an der Wohnungstür nach uns verlangt hatte.

„Martin, bitte!“, versuchte Mama, ihn zu beruhigen.

„Wir haben doch gesagt“, ergriff Lea das Wort. „dass wir zwischendurch vorbeikommen, um den Haushalt zu erledigen. Außerdem haben wir es zu Hause einfach nicht mehr ausgehalten.“

„So ein Blödsinn!“, empörte sich Papa.

„Martin! – Was soll das heißen, ihr habt es zu Hause nicht mehr ausgehalten?“, fragte Mama.

Jetzt redete ich: „Jetzt tu bitte nicht so, als wüsstest du das nicht. Wir streiten uns nur noch. Ich habe neulich sogar gemerkt, dass Papa auf dem Sofa schlafen musste. So geht es einfach nicht weiter.“

„Sara, ich habe dir doch gesagt, mein Rücken…“

„So ein Quatsch“, fuhr ich ihm über den Mund und sagte: „Egal, was Lea und ich tun, ständig streitet ihr euch darum. Ich musste ja sogar zu Freunden abhauen, weil ich sonst gar nicht in Ruhe für mein Abitur lernen konnte. Und der Kleine leidet auch darunter.“

Wieder tat Mama so, als verstünde sie nicht. „Was meinst du damit?“

Lea antwortete: „Ihr wisst doch, der Kleine verträgt überhaupt nichts. Eure dauernden Streits mag er überhaupt nicht. Mal abgesehen davon, dass Oma ihn behandelt wie einen Idioten. Entschuldigung, aber so ist es wirklich.“

Papa, der sich bis dahin noch bemüht hatte, einigermaßen, wollte nun überhaupt nicht mehr. „Das wird ja immer schöner. Erst verschwinden meine beiden Töchter einfach so, lassen alles stehen und liegen, und dann müssen wir uns als Rabeneltern hinstellen lassen! Ich glaube es nicht!“ Er stand vom Umzugskarton, der als Notsitz hinhalten musste, auf und tigerte unruhig hin und her.

„Wir sagen doch gar nicht, dass ihr Rabeneltern seid. Aber ihr seht doch wohl selbst ein, dass diese endlosen Streits aufhören müssen.“ Lea richtete sich auf. „Und ich sage euch eins: Wir kommen nicht zurück, bis ihr euch wieder vertragen habt.

„Lea, ich…“, wollte Papa erneut ansetzen, wurde aber von Mama unterbrochen: „Martin, die beiden haben Recht. Aber es ist wirklich nicht so einfach, so eine Situation zu lösen.“ Sie wandte sich an uns. „Glaubt ihr, mit einmal drüber reden ist es getan?“

„Nein, natürlich nicht. Aber wir sollten uns zumindest mal an einen Tisch setzen und unsere Probleme klären, anstatt uns immer nur anzugiften.“

„In Ordnung. Wir reden mit Oma darüber. Einverstanden?“ Nun sah Mama Papa an. Mit diesem drohenden Blick, den sie auch früher schon ganz gut beherrscht hatte.

Er musste sich überwinden, bevor er einwilligte.

Wenig später fuhren unsere Eltern wieder nach Hause. Lea und ich kamen freiwillig mit, um die wichtigsten Haushaltsarbeiten zu erledigen.

Wir hatten einen Termin für ein klärendes Gespräch vereinbart. Bis dahin würden Lea und ich in unserer „Notunterkunft“ bleiben und nur ab und zu vorbeischauen. Dank unserer Jobs und unserem Ersparten konnten wir uns ganz gut über Wasser halten, zumindest im Moment.

Doch auch wenn in unserer familiären Situation die Lösung in die Nähe gerückt war, lief es freundeskreistechnisch nicht gerade gut. Eines Tages kam ich total müde von meiner Schicht aus dem Fastfoodrestaurant, als Aurélie auf mich zustürmte.

Einen Augenblick lang orientierungslos fragte ich: „Hey, was ist denn los?“

„Sara, ich muss unbedingt mit dir sprechen!“

Ich ahnte instinktiv, dass das nicht gerade eine Freude werden würde, trotzdem bat ich sie mit zu mir nach Hause. Zwar war Aurélie darüber verwundert, dass ich nicht in Richtung Nordkreuz wollte, sondern zu einer kleinen Wohnung am Hauptbahnhof, aber weiter kümmerte es sie nicht. Sie hatte ein viel dringenderes Problem. So viel war klar. Doch ich konnte nicht aus ihr herauskriegen, was es war. Komisch, woran erinnerte mich das nur?

Irgendwann kamen Aurélie und ich in der kleinen Wohnung an. Sobald ich die Tür zugemacht hatte, ließ sie sich auf den Boden fallen, mit dem Rücken zur Tür, und rief: „Oh Mann!“

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Jetzt wusste ich, woran mich die Situation erinnerte. Wollte Aurélie mir etwa sagen, dass…

„Du meine Güte, ich bin total in Freddy verknallt!“, platzte es auch schon aus ihr heraus. „Er hat mir in Chemie geholfen und er findet mich wohl total nett, aber nie im Leben erwidert er meine Gefühle!“

Na super. Ich hatte es gewusst. Das musste ja so enden. In meinen Augen war die Situation wie die in einem verdammten Liebesfilm. Nur, dass das Happy End momentan noch nicht in Sicht war. Oh Mann. Das traf es genau auf den Punkt.

Wir setzten uns in die Küche. Auch wenn Leas und meine Notunterkunft nicht so toll ausgestattet war, verfügten wir mittlerweile immerhin über einen Klapptisch und drei Stühle.

„Wie kommst du überhaupt darauf, dass Freddy nichts von dir will? Hast du schon mit ihm geredet?“

„Ich wollte. Aber ich konnte nicht.“ Jetzt schniefte Aurélie. Ich gab ihr Taschentücher.

„Also, ich wollte mit ihm darüber sprechen. Ich habe mich mit ihm in diesem tollen Laden in der Burgstraße getroffen. Er war schon da und…“ Sie stockte.

„Was und?“

„Er hat mit dieser blonden Tussi getanzt. Den ganzen Abend lang. Obwohl er gar nicht tanzen kann. Er hat mich gar nicht beachtet!“ Für Aurélie war die Welt zu Ende, wie ich so einen Zustand gerne formuliere. Sie heulte richtig los und bald war eine Packung Taschentücher verbraucht.

Die Arme tat mir Leid, sie war schließlich meine beste Freundin, neben Anna natürlich. Ich nahm mir vor, mir Freddy bei nächster Gelegenheit vorzuknöpfen.

Die bot sich auch recht bald, bei der Vergabe der Noten für die mündliche Prüfung. Zu diesem Zwecke waren wir alle in der Schule versammelt. Vielleicht war das nicht unbedingt gut, aber mich interessierte der Umstand, dass ich die mündliche Prüfung bestanden hatte, kein bisschen. Viel wichtiger war für mich die Frage: Wo ist Freddy?

Ich fand ihn, wie er fröhlich mit seinen Freunden über die Notenvergabe redete. Die Freude würde ihm gleich vergehen.

Ich ging zu ihm. „Freddy, kann ich mal kurz mit dir alleine reden?“

Einer seiner Kumpels verzog die Augen und lächelte anzüglich. „Uhh, sie will mit dir alleine reden!“

„Schnauze, Patrick“, wies Freddy ihn zurecht. Er folgte mir.

Wir verzogen uns in den nächstbesten Raum, den wir finden konnten. Dass das der Putzmittelraum war, störte mich in dem Augenblick wenig. Nachdem ich die Tür hinter uns beiden geschlossen hatte, versuchte ich ihn zur Rede zu stellen, ohne mein kleines Geheimnis dabei auszuplaudern.

Ich begann folgendermaßen: „Wie würdest du es finden, wenn du zu einem Treffen kommst und der, mit dem du dich verabredet hast, ignoriert dich einfach?“

„Ich fände das schrecklich. Wieso fragst du?“

Innerlich kochte ich bereits, sagte aber möglichst unbeeindruckt: „Nun, weil Aurélie neulich zu mir gekommen ist und mir davon erzählt hat, wie sie jemand bei einem Treffen völlig ignoriert hat. So, als wäre sie praktisch gar nicht da.“ Nun wirbelte ich mich herum und funkelte ihn an.

„Was willst du eigentlich damit sagen, hä? Meinst du, dass ich so etwas abziehen würde?“

„Mhhmm. Hat ja lange gedauert, bis du das herausgefunden hast.“

„So ein Quatsch! Ich hab das hier nicht nötig!“ Mit den Worten wollte er den Raum und damit die Verantwortung verlassen, aber nicht mit mir. Ich versuchte, den Ausgang zu versperren. Es war gar nicht so leicht, sich durchzusetzen, weil Freddy um einiges stärker war. Aber schließlich gab er auf.

„Sara, glaubst du wirklich, ich würde Aurélie so behandeln? Mir ist eingefallen, dass ich ja schon mit meiner Schwester verabredet war. Da hab ich Aurélie eine SMS geschickt, dass ich nicht kann. Wenn sie trotzdem hinkommt, kann ich ja nichts dafür!“ Er hockte sich auf einen Eimer und verschränkte die Arme.

Selten hatte ich schlechtere Ausreden gehört. „Warum triffst du dich denn mit deiner Schwester ausgerechnet in der Bar in der Burgstraße?“

„Naja, das ist ihr Lieblingsschuppen…“

„Und wieso tanzt du mit deiner Schwester so eng, als wäre es deine Freundin? Gib mir dein Handy.“

„Sara, was soll das?“ Freddy stand ruckartig auf.

„Gib mir dein Handy!“, wiederholte ich. „Ich will nur wissen, ob du Recht hattest. Wenn ich die SMS sehe, ist alles okay.“

„Sag mal, vertraust du mir nicht mehr?“ Freddy wurde ebenfalls sauer. Langsam, aber sicher.

Jetzt reichte es mir. Ich versuchte, in seine Hintertasche zu langen, um sein Handy zu mopsen. Dabei entstand eine kleine Rangelei. Schlussendlich gelang es mir, sein Handy zu nehmen und seinen gesamten SMS-Ausgang nach der Nachricht zu durchsuchen, die meiner Meinung nach gar nicht existierte. Auch wenn Freddy versuchte, das zu verhindern.

Wie erwartet fand ich nichts.

Ich war so wütend, dass ich sein Handy einfach in die Ecke schmiss. Sein Glück, dass er es auffangen konnte, denn auf dem Boden lag nicht mal Teppich, er bestand einfach aus nacktem Beton.

„Sag mal, spinnst du, oder was?“, bellte er mich an.

„Was?! Ich soll spinnen? DU spinnst! Du weißt, dass du total in Aurélie verliebt bist, und dann hast du nichts Besseres zu tun, als sie bei eurem Treffen links liegen zu lassen und stattdessen Engtanz mit irgendeiner Tussi zu machen? Denkst du, so erreichst du IRGENDWAS? Hast du auch nur eine Sekunde daran gedacht, was Aurélie dabei empfindet? Sie ist doch total…“

Ups. Das war zu viel gewesen. Mein erster Reflex war, sofort die Klappe zu halten. Aber das hätte ich früher machen sollen. Nun war es zu spät.

Natürlich fragte Freddy auch sofort nach: „Was? Was ist sie total?“

Mein Kopf war ganz heiß und wahrscheinlich auch glühend rot. Ich fühlte mich nicht gut, und das war eigentlich noch zu wenig gesagt. Aurélie hatte es mir gegenüber nicht angesprochen, aber ich glaube, sie wollte nicht, dass ich es ihm verriet. Jetzt war es zu spät.

„Sie ist in dich verliebt“, gestand ich.

„Oh, Scheiße“, rief Freddy laut aus, was wir beide dachten. Er setzte sich auf den Boden, schmiss den dämlichen Putzeimer gegen die Wand und rieb sich die Augen.

Ich setzte mich neben ihn.

„Ich wollte sie nur eifersüchtig machen. Ich dachte, vielleicht interessiert sie sich auf diese Weise für mich.“

„Das war so ziemlich das Falscheste, dass du tun konntest.“

„Das weiß ich jetzt selbst, danke.“ Er rutschte auf den Betonboden, sodass er lag. Jetzt schaute er zu mir. „Hast du es ihr gesagt?“

„Nein.“ Ich seufzte. „Aber wenn du nicht bald mit ihr redest, nehme ich dir das ab.“

„Tu das bitte nicht“, rief Freddy.

„Schon gut. Aber tu mir den Gefallen und sprich mit ihr. Bitte.“

In dem Augenblick hörten wir vor der Tür ein lautes Kichern. Ich riss die Tür auf und rammte damit die Köpfe von zwei neugierigen Fünftklässlern, die an der Tür gelauscht hatten. Doch anstatt mich darüber aufzuregen, fuhr ich nach Hause.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 3

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Ich war unheimlich erleichtert, als ich am Nachmittag endlich die Bücher zuklappen und zum Treffen mit meinen besten Freundinnen fahren konnte.

Treffpunkt war der Platz des 20. Juli. Hier wollten wir uns treffen und zusammen in der nächsten Eisdiele einen Becher essen. Doch als ich an der großen Stauffenberg-Statue in der Mitte des Platzes ankam, saß unter ihr nur Anna.

„Wo ist Aurélie?“

„Hat mir vor fünf Minuten per SMS abgesagt. Angeblich ein Zahnarzttermin. Aber daran glaube ich irgendwie nicht.“

„Du meinst, sie könnte…?“

„Ja, genau.“

Wir gingen in die Eisdiele. Während wir auf unsere Eisbecher warteten, besprachen wir die Lage.

„Findest du es nicht auch merkwürdig, dass Aurélie sich gestern mit Freddy getroffen hat, ohne uns was zu sagen?“

„Eigentlich schon. Aber vielleicht hatte sie auch einfach denselben Gedanken wie wir. Und immerhin findest du ja Freddy ziemlich seltsam, da brauchst du mir gar nichts zu erzählen. Kein Wunder, dass sie uns da nichts erzählt hat.“

„Schon gut. Ich sag ja auch gar nichts dagegen, aber…“ Hilflos zuckte Anna mit den Schultern. „Wieso erzählt sie uns nichts davon? Hat sie irgendwelche Geheimnisse vor uns oder was?“

Die Eisbecher kamen. Während ich den ersten Löffel meines Erdbeer-Spezials nahm, gab ich zu bedenken: „Muss sie uns denn alles erzählen? Ich kläre dich doch auch nicht im Detail darüber auf, was ich tue, wenn du nicht da bist!“

„Na ja, eigentlich –“, wollte Anna einwerfen, doch ich hörte nicht zu, weil ich in diesem Augenblick zwei Menschen in die Pommesbude gegenüber gehen sah. Es waren ein Mädchen und ein Junge. Das Mädchen hatte braune Haare und trug eine rote Baskenmütze und der Junge hatte orangefarbene Stoppelhaare sowie ein schwarzes Metallica-T-Shirt.

Aurélie und Freddy! Ich glaubte es nicht.

Schnell zerrte ich Anna herunter, denn die beiden schauten gerade Richtung Eisdiele.

„Ich glaube es nicht!“

„Wieso, was ist denn los?“ Anna wollte sich wieder normal hinsetzen, doch ich zerrte sie wieder herunter.

„Da drüben! In der Pommesbude!“

„Hm?“ Vorsichtig richteten wir uns auf und lugten über den Rand unserer Sitzbank auf die andere Straßenseite.

Dort sahen wir, wie Freddy und Aurélie sich angeregt unterhielten. Sie gestikulierten beim Reden wild mit ihren Händen und ab und zu lachte Aurélie.

„Ich fass es nicht!“ Wütend drehte Anna sich um, was bei ihr eher selten vorkam, und rammte ihren Löffel in den Eisbecher. „Uns sagt sie, sie ist beim Zahnarzt, und dann trifft sie sich mit diesem Typen!“ Sie schlang einige Löffel hastig herunter.

„Hey, du redest von meinem besten Kumpel!“, rief ich. „Aber eigentlich hast du Recht. Langsam kommt mir die Sache auch spanisch vor. Und dass sie sich heimlich treffen, anstatt uns davon zu erzählen, kommt mir sogar portugiesisch vor.“

„Mir geht es genauso.“ Anna sah sorgenvoll zu den beiden hinüber. „Du, Sara?“

„Was?“

„Denkst du, was ich denke?“

„Was denkst du denn?“

„Glaubst du, die beiden haben etwas miteinander?“

Das Ganze erschien mir so abwegig, dass ich nicht anders konnte, als lauthals loszulachen. Als die anderen Gäste mich anstarrten, versuchte ich mich wieder einzukriegen. Das allerdings mit wenig Erfolg.

„Das wäre immerhin ein Grund, warum die beiden so heimlich tun“, gab Anna zu bedenken.

„Aber die beiden passen doch überhaupt nicht zusammen. Oder weißt du irgendwas von französischen Wurzeln bei Freddy?“, versetzte ich. Leider war Aurélie ihre Frankreich-Manie nach der Parisfahrt trotz Wein-Vollrausch nicht los geworden.

„Keine Ahnung. Ich wüsste allerdings einen anderen Grund…“

„Und der wäre?“

„Na ja… du weißt doch, ich kann nicht so viel mit ihm anfangen… Ich finde ihn aber nicht dumm, wirklich!“, beteuerte Anna.

„Schon gut.“ Ich schaute auf die Uhr, die mit italienischen Zahlwörtern beschrieben war, und nahm einen Löffel meines Erdbeer-Spezials. „Wir fragen sie morgen nach der Prüfung einfach mal. Und vielleicht liegen wir mit unserer Vermutung ja auch total falsch. Bestimmt gibt er ihr auch einfach nur Nachhilfe.“

„Ja, in Französisch.“ Sie zog eins ihrer unteren Augenlider nach unten.

„Sehr witzig.“

Zu Hause war es nicht gerade gemütlicher geworden. Oma saß mit Paul am großen Esszimmertisch und erledigte dort mit ihm die Mathe-Hausaufgaben. Unsere Oma ist eine Frau, die sehr schnell – warum auch immer – ihre Geduld verliert. Als ich wieder nach Hause kam, versuchte sie gerade, Paul Subtraktionsübungen zu erklären.

Nun ist es ja verständlich, dass ein Siebenjähriger keine Lust darauf hat, stupide Rechnungen zu machen, vor allem, wenn der Lieblingskumpel gleich vorbeikommt. Oma brachte das allerdings sofort auf hundertachtzig.

„Paul, wie viel sind sieben minus zwei?“

„Weiß nicht“, sagte Paul ungnädig und schaute aus dem Fenster auf die Straße, in die Richtung, aus der gleich sein Kumpel kommen musste.

„Paul! Pass auf, hier spielt die Musik! Du sollst dich jetzt nicht um Chris kümmern, sondern um deine Hausaufgaben! Es gibt kein Spielen, bis du hiermit fertig bist!“

„Ach, menno“, brummte Paul und aus dem Wohnzimmer kam ein müdes „Elisabeth!“. Von meinem Vater.

Ich fand, wenn er nicht damit zufrieden war, wie seine Mutter mit seinem Sohn umging, sollte Papa mehr tun, als einmal hinter seiner dämlichen Tageszeitung hervorzugucken und „Elisabeth!“ zu rufen. Doch ich sagte es ihm nicht.

Mama traute sich auch nicht, etwas einzuwenden. Vielleicht klammerte sie sich auch einfach nur an ihren letzten Rest Selbstbeherrschung. Jedenfalls zog sie nur die Augenbrauen hoch, während sie sich weiter um ihre Praxisunterlagen kümmerte. Das fand ich irgendwie auch nicht gut.

Ich wollte ins Zimmer gehen, aber dann bekam ich noch mit, wie Oma Paul danach fragte, wie viel denn nun sieben minus zwei seien, Paul wieder entgegnete, er wisse es nicht, und Oma daraufhin endgültig die Nerven verlor. Und wie immer, wenn das passierte, gab sie ihrer Schwiegertochter die Schuld.

„Das kann doch nicht wahr sein, Paul! Weil wir dir erlaubt haben, nachher noch mit Chris zu spielen, hast du keine Lust, die Hausaufgaben zu machen! Wenn es nach mir ginge, dürftest du ihn heute gar nicht mehr sehen. Aber deine Mutter hat es dir ja erlaubt.“

An dieser Stelle sah Mama kurz auf, versuchte aber, sich unbeeindruckt zu geben.

„Ja, genau, Monika! Kümmer du dich doch um deinen Sohn, anstatt dich hinter deinen Unterlagen zu verstecken! Ich habe keinen Nerv mehr dafür! Dein Sohn respektiert einfach nicht, was ich für ihn tue. Das hat er von dir!“

„Was soll das denn bedeuten?“, fragte Mama pikiert.

Na toll. Der nächste Familienstreit rollte über uns. Bevor Paul das noch mal mitmachen musste, schnappte ich mir ihn und seine Schulsachen und wir verzogen uns in sein Zimmer.

Jetzt teilte sich mein Inneres in zwei Teile. Der eine Teil saß mit Paul am Schreibtisch und erklärte ihm mit Hilfe von seinen Murmeln, wie er rechnen musste. Der andere Teil dachte über die familiäre Situation nach und lauschte dem Gebrummel der Altvorderen aus dem Esszimmer.

Im Grunde war jetzt wieder alles wie vor einem Jahr. Oma brachte Mama gegen sich auf und hielt sie für eine durchgeknallte, selbstsüchtige Kuh, brachte dabei immer wieder dieselben Argumente ein. Papa war zu schüchtern und zu desinteressiert, um sich gegen Oma aufzulehnen und nahm deswegen ihre Position ein. Mama fühlte sich von allen allein gelassen und wurde trotzig wie ein kleines Kind. Und wir Kinder mussten es ausbaden. Lea vernachlässigte die Uni und den Haushalt, Paul die Schule, und ich traf mich lieber mit hinterhältigen Burschen, anstatt eine ordentliche Abiturvorbereitung hinzulegen. Alles genau wie vor einem Jahr. Wieso nur? Hatte es sich für Mama überhaupt gelohnt, wieder mit der Arbeit anzufangen, wenn doch eh alles beim Alten geblieben war? Und gab es tieferliegende Gründe für den Streit?

Oma war in einer Zeit groß geworden, in der Frauen noch längst nicht so viele Rechte hatten wie heute. So viel ich wusste, hatte Oma nur einen Realschulabschluss machen dürfen. Hatte sie nicht auch mal erzählt, dass Opa ihr damals verboten hatte, einen Job anzunehmen? War das am Ende der Grund, warum sie so verbittert war?

„Fertig!“, rief Paul mitten in meine Überlegungen hinein und er sprang auf, rannte zur Tür, die gerade geklingelt hatte.

Super. Ich war im Augenblick sowieso zu nachdenklich, um ihm noch weiter zu helfen.

Zum letzten Mal minderjährig, Teil 5

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Zwei Wochen später stand ich mit zirka hundert anderen Schülern, darunter meine Schwester Lea, sowie den Begleitpersonen an einem Gleis des Bahnhofs und gähnte herzhaft, denn es war schon ziemlich spät und ich hatte lange nicht mehr geschlafen.

Alle waren total aufgedreht. Besonders die männlichen Vertreter diskutierten angeregt über den Alkoholkonsum während der Fahrt. Wenn sie sich dabei bewegten, hörte man das Klirren der Bierflaschen in ihren Rucksäcken, die sie sich schon für die Hinfahrt besorgt hatten.

Die Hin- und die Rückfahrt waren jeweils in die Nacht gelegt, damit wir schlafen konnten. Die würden bestimmt alles andere machen, als Schlafen, dachte ich. Dabei galt die Parisfahrt als Schulfahrt, somit war Alkohol strengstens untersagt. Natürlich wusste jeder, dass sich so ganz vermutlich eh niemand daran halten würde.

Na ja, wie auch immer.

Wie ich gerade schon erwähnt habe, ist Lea auch mitgefahren. Über die genauen Gründe bin ich mir heute immer noch nicht so ganz im Klaren; vermutlich hatte sie unser Zuhause ebenfalls satt.

Es kann aber auch sein, dass es an diesem braunäugigen Schönling lag, der in ihren Deutschkurs ging und ebenfalls mitfuhr. Sie unterhielt sich gerade mit ihm und streute immer mal wieder ein Lachen oder ein geschicktes Schütteln ihrer Haare ein. Da hatten wir es wieder: Paris, die Stadt der Liebe. Hoffentlich würde sie nicht den Reinfall ihres Lebens erleben.

Bei Aurélie hofften Anna und ich ja darauf, damit sie endlich wieder normal wurde. Sie war am Aufgedrehtesten von allen und scheute sich auch nicht, die Lehrer mit ihrem gesamten Familienhintergrund zu beladen. Ich musterte ihre Gesichter. Beide versuchten, ihr Desinteresse gekonnt zu überspielen; Frau Lacombe durch gelegentliche Fragen und Herr Nowitzki durch sein altbekanntes charmantes Lächeln.

Wieso war Herr Nowitzki eigentlich die männliche Begleitperson? Soweit ich wusste, unterrichtete er doch gar kein Französisch. Ich ging mal kurz zu den dreien und fragte ihn: „Wie kommt es eigentlich, dass Sie auf dieser Exkursion mitfahren?“

„Nun“, antwortete mein Deutschlehrer, „von den anderen männlichen Lehrern hatte niemand Zeit. Und da ich zur Hälfte Franzose bin, habe ich mich bereit erklärt, mitzufahren. Ich wurde ja auch so nett gebeten…“ Hier drehte er sich zu Frau Lacombe um und lächelte sie an, worauf sie lachte.

Oh Mann, dachte ich, denn wie bereits erwähnt, sah sie meiner Mutter sehr ähnlich. Zu Hause würde es sicher nicht so locker-flockig abgehen wie hier am Bahnsteig. Bestimmt machten sich meine Eltern gegenseitig Vorwürfe, weil sie mir erlaubt hatten, mitzufahren. Lea hatte für diese Fahrt ja keine elterliche Erlaubnis mehr gebraucht, die Glückliche.

„Also, das finde ich ja unheimlich interessant, dass Sie zur Hälfte Franzose sind, Herr Nowitzki. Bei mir war es ja so, dass meine Oma…“ Und schon hatte Aurélie das Thema zurück auf die französischen Wurzeln ihrer Familie gebracht.

Wie würde sie wohl die Hauptstadt des Landes finden, auf das sie seit kurzem so abfuhr? Nicht, dass wir ihr etwas Schlechtes wünschten, aber ich hoffte wirklich, dass bei ihr die Situation eintreffen würde, die Anna bereits vorausgesagt hatte.

Ich ging zu Anna, die sich gerade einen Schokoriegel aus dem Automaten neben den Fahrplänen zog.

„Guck mal“, sagte ich und nickte zum französischen Trio herüber. „Jetzt, wo wir ihr unser Desinteresse gezeigt haben, nagelt Aurélie andere fest.“

Anna sah zum Grüppchen herüber. „Tja“, antwortete sie nur.

„Na ja, vielleicht macht sie das nur, weil sie beleidigt ist. Einfach stumpf wegzugehen, das war von uns wohl auch nicht so ganz in Ordnung.“

„Ja, das habe ich auch schon gedacht“, gab Anna achselzuckend zu. Wir setzten uns auf eine noch freie Metallbank, etwas abseits von den anderen.

„Am besten sprechen wir sie gleich mal an, wenn wir im Zug sitzen“, schlug ich vor.

„Okay“, stimmte Anna zu. „Ich bin mir sicher, sie versteht das, wenn wir es ihr erklären.“

Zehn Minuten später traf der Regionalzug ein, der uns nach Frankfurt am Main bringen sollte. Dort würden wir in den Nachtzug nach Paris umsteigen.

Anna und ich schafften es, als die Ersten einzusteigen, um uns gute Plätze zu sichern. Wir ergatterten einen Vierer und setzten uns so hin, dass ich nicht rückwärts fahren musste. Denn ich hasse Rückwärts-Fahren, vor allem im Zug.

Aurélie betrat den Zug und ging in unsere Richtung. „Hey, Aurélie, willst du dich nicht zu uns…“, rief Anna, doch Aurélie ging an uns vorbei, ohne uns auch nur anzugucken.

„…setzen“, beendete Anna den Satz und fuhr fort: „So viel dazu. Die ist sauer, hundertprozentig. Eine von uns sollte nachher mal hingehen und mit ihr reden.“

„Stimmt. Ich werde das machen, denn schließlich war es ja meine Idee, einfach wegzugehen“, schlug ich vor.

Anna warf ein: „Ich hätte dich aufhalten können“, und grinste dabei schief. „Wir sollten es beide machen.“

„Na gut.“

In diesem Augenblick betrat Lea den Zug. Sie besprach noch irgendeine letzte Sache mit diesem braunäugigen Schönling von vorhin, dann ging er nach hinten zu seinen Freunden und sie ging nach vorne, zu uns. Natürlich lächelte Lea ihn noch einmal besonders verführerisch an, bevor sie sich trennten.

Danach setzte sie sich auf den Platz, der eigentlich für Aurélie bestimmt gewesen war. „Ach, ist das schön, drei Tage von zu Hause weg zu sein“, seufzte meine große Schwester glücklich.

„Ich bin auch froh darüber“, meinte ich lauernd, „nur ist bei mir kein einsachtzig großer Kerl daran schuld.“

„Sei nicht so neugierig, kleine Schwester“, entgegnete Lea und gab mir einen Stups auf die Nase. „Du bist noch viel zu jung für so was.“ Sie lachte.

„Was heißt hier klein“, verneinte ich entschieden, „ich bin nur einen Zentimeter kleiner als du und anderthalb Jahre jünger. Genauer gesagt, ein Jahr, fünf Monate, drei Wochen, einen Tag, vier Stunden und drei Minuten.“

Lea und Anna fingen schallend an zu lachen. „Mit welchem Taschenrechner hast du das ausgerechnet?“, fragten sie zum Scherz.

„Ha, ha, ha. Aber ich bin so froh, dass ich von zu Hause weg bin, ganz ehrlich. Das Gezoffe hätte ich keinen Tag länger ausgehalten.“

„Das sehe ich ganz genauso. Ich hoffe übrigens immer noch, dass Mama das Angebot von ihrer Freundin nicht annimmt. Das würde doch die gesamte Haushaltsplanung durcheinander schmeißen.“

„Mir ist es relativ egal, wie sie sich entscheidet. Ich kann beides verstehen“, äußerte ich meine Meinung. „Hauptsache, es gibt hinterher keinen Streit.“

„Wenn eure Ma nicht wieder arbeitet, wird sie vielleicht für den Rest ihres Lebens darüber jammern, was sie für eine großartige Chance hatte, die sie nicht genutzt hat“, gab Anna zu bedenken.

„Auch wieder wahr“, antwortete Lea nachdenklich.

Überraschend kam Aurélie zurück. „Hi, worüber redet ihr gerade? Tut mir Leid, dass ich einfach an euch vorbeigerauscht bin, aber ich musste mir unbedingt eine Info über Europareisen besorgen.“ Auf dem Bild war der Eiffelturm abgebildet.

Anna und ich tauschten einen Blick. Es sah so aus, als hätte Aurélie das gerade ernst gemeint.

„Wir reden über zu Hause“, begann ich.

„Was war denn los?“, fragte Aurélie.

„Unsere Mutter hat ein Angebot von einer Freundin bekommen. Es geht darum, dass sie in deren Arztpraxis miteinsteigt, was bedeutet, dass sie wieder arbeitet.“

„Oh“, machte unsere Freundin.

„Ich bin total dagegen“, musste Lea natürlich gleich wieder ihre Meinung kundtun.

„Aber was meinst du dazu?“, wollte Aurélie wissen.

„Mir ist es relativ egal“, antwortete ich. „Das Einzige, was mir an der ganzen Sache nicht gefällt, ist, dass sich zu Hause alle deswegen zoffen.“

„Phh“, kam es aus Leas Ecke. Sie zog die Augenbrauen hoch. Zweifellos dachte sie an den Streit von vor ein paar Wochen. Seitdem herrschte bei uns zu Hause so dicke Luft, dass man sie mit dem Messer hätte schneiden können. Wenn wir uns sonst beim Abendessen trafen, hatten wir immer miteinander geredet, über Schule, Arbeit, die aktuelle Politik oder sonstwas. Jetzt wurde nur noch das Nötigste ausgetauscht.

„Lange hätte ich es zu Hause auch nicht mehr ausgehalten“, erzählte Lea. „Deswegen bin ich mitgefahren.“

„Stimmt. Aber das kann nicht der Hauptgrund gewesen sein“, bemerkte ich spitz und nickte währenddessen in die Ecke, in der dieser eine Typ von vorhin saß. Der schien sich auch tüchtig über diese Reise zu freuen, denn er guckte Lea die ganze Zeit an. Immer, wenn eine von uns zurückschielte, tat er so, als würde er nur eine Fliege beobachten oder so ähnlich.

„Ach, hör auf“, brummte meine große Schwester.

Im Zug von Wetzlar nach Frankfurt versuchten wir, ein wenig zu schlafen, was uns aber natürlich überhaupt nicht gelang. Der Hauptgrund dafür waren die Jungs, die irgendwelche Lieder sangen und ab und an ihre Bierflaschen klirren ließen. Natürlich so, dass Frau Lacombe und Herr Nowitzki es nicht bemerkten. Aber die waren ohnehin abgelenkt, denn sie schäkerten miteinander und lachten häufig. Grund Nummer zwei dafür, dass wir im Regionalexpress nicht schlafen konnten.

Na ja, nicht so schlimm. Die Fahrt dauerte eh nicht lange. Um drei vor elf, also drei Minuten zu früh, fuhr der Zug in den Frankfurter Hauptbahnhof ein.

Unsere Reisegruppe ging sofort geschlossen zum Gleis, an dem wir gleich in den Nachtzug einsteigen sollten. Da wir aber zu früh waren, stand der Zug noch nicht bereit.

Ermattet stellte ich meine riesengroße Reisetasche und den Rucksack erst einmal auf dem Boden ab und setzte mich dann auf denselbigen. Ich atmete aus.

Da hörte ich lautes Gelächter. Ich drehte mich zur Ecke, aus der es gekommen war, und erblickte unsere Begleitpersonen. Na, die verstanden sich ja immer noch prächtig. Das wunderte mich bei Herrn Nowitzki allerdings nicht wirklich. Mit seiner Art und seinem Aussehen schaffte er es einfach, jede Frau um den Finger zu wickeln.

Ich schaute mir Frau Lacombe genauer an und wieder einmal fiel mir auf, wie ähnlich sie meiner Mutter doch sah. Frau Lacombe lachte jetzt, für meine Mutter ging es zu Hause bestimmt nicht so lustig zu.

Wahrscheinlich würde Mama alles dafür geben, so eine, hm, lebenslustige Frau wie meine Französischlehrerin zu sein. Bestimmt sah sie den Wiedereinstieg in die Arbeit als ersten Schritt dahin an. So gesehen fand ich es echt schade, dass der Rest der Familie sich so gegen Mamas Arbeitswunsch stellte.

Na toll! Da hatte ich mich für Paris gemeldet, weil ich mich von zu Hause ablenken wollte, und hatte das genaue Gegenteil erreicht. Ich seufzte und drehte meinen Kopf traurig in die andere Richtung.

Da passierte etwas. Jemand hob meinen Blick auf und hielt ihn fest, wenn man das mal so sagen kann. Dieser Jemand war Frederik, in unserem Jahrgang besser bekannt als Freddy.

Er war ein ziemlich schräger Vogel. Seine Haare trug er raspelkurz und orange, er trug ständig irgendwelche Band-T-Shirts (von total unbekannten Bands), und es soll Leute geben, die ihn außerhalb des Unterrichts noch nie reden gehört haben. Außer seinen Freunden vielleicht.

Irgendwas irritierte mich an der Art, wie er mich anstarrte. Von der Seite, den Kopf leicht nach unten geneigt. Und außerdem ließ er meinen Blick wirklich nicht los, Freddy schaute mich die ganze Zeit an, ich verstand nicht, wieso und zog meine linke Augenbraue fragend hoch, doch Freddy erklärte nichts und wendete seine Augen auch nicht von mir ab.

Komisch. Irgendwo hatte ich diese Sorte Blicke doch schon mal gesehen. Wo war das nur?

Bevor mir die Antwort einfiel, fuhr der Nachtzug nach Paris auch schon ein und Freddy und ich setzten uns in zwei entfernte Abteile. Ich dachte über diese Situation am Gleis auch nicht weiter nach. Dazu war ich eh viel zu müde.