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Noch’n Reisebericht

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Ich war zum 15. Mal in Schweden und zum ersten Mal in Finnland.

Montag

Ich bin doch tatsächlich um fünf Uhr morgens aufgestanden, um den Flug zu erwischen. So früh kann ich aber nichts futtern, ergo war mein Magen irgendwann sehr leer und als ich ankam, aß ich meinen Eltern erst mal den halben Kühlschrank leer. Viel mehr habe ich an dem Tag auch nicht gemacht, außer mit meiner Mutter Gras zu holen. (Das grüne Zeugs, das auf Wiesen wächst, bevor irgendwer fragt. Ihr Hase muss ja auch von irgendwas leben.) Als ich durch Stockholm fuhr, fielen mir irgendwann die ganzen Regenbogenflaggen auf. Stellte sich raus, genau zu der Zeit, in der ich in der Gegend war, war Stockholm Pride. 😀

Dienstag

Bad im örtlichen See. Und zwar um halb acht morgens. Noch vorm Frühstück. Da war das Wasser noch so kalt, dass ich hinterher immerhin von mir behaupten konnte, wach zu sein. War aber ganz cool (no pun intended). Später an dem Tag sind wir nach Värmdö gefahren. An diesem Ort ist mir aufgefallen, dass Schweden im Grunde ein einziger großer Naturporno ist. Ich habe alleine an diesem Ort ungefähr drei Millionen Fotos gemacht (die ich selbstverständlich alle, genau wie die anderen der Reise, auf Flickr hochladen werde). Übrigens fuhr auch in Värmdö ein Dampfer mit Regenbogenflagge herum…

Mittwoch

Was ist besser als ein Bad in einem See? Ein Bad in einem Meer. Und so begaben mein Vater und ich uns zu einem Ostseestrand. Es war wirklich sehr schön dort. Ich bade auch sehr gerne im Meer, habe nur leider selten die Gelegenheit dazu. (Das letzte Mal war 2012 im französischen Baskenland.)

Donnerstag

Ausflug in eine Küstenstadt ca. 60 Kilometer südlich der schwedischen Hauptstadt. Ich habe mir den Hafen und die örtliche evangelisch-lutherische Kirche angesehen, einen lyxshake getrunken und ein paar Postkarten gekauft. Ich habe sie noch am selben Tag verschickt, bis jetzt (11.08., 12:21 h) ist aber nur eine davon angekommen. Seltsam.

Freitag

Mein Vater hatte angeregt, einen Tagesausflug nach Finnland zu machen. Ursprünglich wollten wir nach Helsinki, aber das hätte doch sehr viel Zeit in Anspruch genommen, also haben wir stattdessen einen Ausflug nach Åland gemacht. Wie ein Freund sagte: „Die Region, die finnisch ist, sich aber für schwedisch hält.“ Einzige offizielle Amtssprache ist Schwedisch und man sieht (außer am Fährhafen) nirgendwo die finnische Flagge. Nur schwedische und die von Åland. Bezahlt wird mit Euro, vielerorts werden auch Schwedische Kronen akzeptiert. Und es geht noch weiter: Ich war in der Kirche von Eckerö. Dort gibt es Gesangsbücher der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands, aber sie sind auf Schwedisch… Aufgrund des Autonomiestatus haben die Ålander eigene Kennzeichen, die nicht aussehen wie die finnischen.

Åland war über Jahrhunderte ein Zankapfel verschiedener Staaten. Schweden, Russland und Finnland (und wenn ich das richtig sehe, auch noch andere) haben sich darum gekloppt. Seit gut hundert Jahren gehört diese Inselgruppe nun also als entmilitarisierte, autonome Zone zu Finnland. Besonders deutlich war die bewegte Vergangenheit zu merken, als ich Kastelholm besichtigte. Dort konnte man viel darüber erfahren. Auch sonst fand ich Kastelholm sehr interessant. Man konnte dort bspw. mittelalterliche Kleidung anprobieren. Stand mir sogar ganz gut. 😀

Samstag

Pausentag.

Sonntag

Stockholm. Ich war im Gottesdienst der dortigen Deutschen Kirche. Der Kirchenvorsteher fragte zu Beginn, wer wie weit angereist ist. Ich mit meinen 1200 Kilometern war nicht die Gewinnerin. Die Pastorin arbeitet normalerweise in Düsseldorf, es gab Besucher aus Stuttgart und der Schweiz.

Nach dem Gottesdienst liefen Vater, Bruder und ich durchs regnerische Stockholm und fanden dort einen Laden, in den ich mich sofort verliebt habe. Es gibt dort so viel Nerdkrams, dass ich ihn halb leer kaufen könnte. Wer ihn auch sehen will: Västerlånggatan 48.

Montag

Ich musste um fucking halb fünf aufstehen, um meinen Rückflug zu kriegen. Der verlief ganz gut, von kleineren Turbulenzen mal abgesehen. Und ich konnte diesmal, anders als auf dem Hinflug, tolle Luftbilder schießen.

Und sonst so?

Ich habe es selten erlebt, dass es in Schweden wärmer ist als in Deutschland. Diesmal war es aber so. Es war in Schweden (bis auf die letzten beiden Tage) so warm, dass es in der Nähe von meinen Eltern sogar einen Waldbrand gegeben hat. Es ist aber niemand zu Schaden gekommen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Reisebericht-, äh, Kitschautorin

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Geschützt: Tischgespräch

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Bedeutungsschwanger, Teil 8

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Eine Tasche war an mein Bett gelehnt. Ein Post-it klebte an ihr.
Hey, Sara, ich hab dummerweise vergessen, meiner Kommilitonin ihre Bücher wiederzugeben. Jetzt muss ich zum Zahnarzt. Könntest du sie ihr bitte vorbeibringen? Sie wohnt in der Franziusstraße 24! Vielen Dank! Anna.
Ich öffnete die Tasche. Darin war unter anderem ein Buch über Impressionismus. Ich sah prüfend auf die Uhr, dann hing ich mir die Tasche um, nahm Schlüssel, Handy und Portmonee an mich und verließ die WG wieder.
Die Sonne hatte sich vom Brennen aufs Lachen verlagert, die Vögel zwitscherten. Es war ein schöner Tag. Dennoch fehlte mir irgendetwas.
Auf einmal fühlte ich mich richtig leer. Paare liefen auf den Straßen und genossen den Sommer, ein ins Handy quatschender Typ lief sonnenbebrillt und lachend an mir vorbei, alle freuten sich des Lebens. Nur ich nicht. Dabei war es doch so schön. Mir fehlte etwas.
Ich hatte, bevor ich losgelatscht war, nicht auf den Stadtplan gesehen. Das erklärte auch, warum ich eine Art Déjà-vu hatte, als ich an der angegebenen Adresse ankam. Die Gegend kam mir nämlich äußerst bekannt vor. Ratlos stand ich vor dem Haus Franziusstraße 24 und versuchte, die Puzzleteile zusammenzusetzen. Ich war noch nie eine gute Puzzlerin gewesen. Plötzlich ertönte über mir ein Geräusch. Ich zuckte zusammen und schaute nach oben. Ein Fenster schloss sich. Mir war, als hätte ich da oben eine Person gesehen, die ich kannte, jedenfalls waren die braunen Haare suspekt. Von irgendwoher hörte ich einen lauten Schrei und auf einmal hörte ich ein Lied. Ein Lied aus der Vergangenheit, und dann auch wieder nicht. Mit einem Mal fielen mir meine Riesentomaten von den Augen.
Tonight we drink to youth
And holding fast to truth
I don’t wanna lose what I had as a boy
My heart still has a beat
But love is now a feat
As common as a cold day in L.A.
Ich lief los, zwei Mal links, einfach eine Straße weiter, und in das Haus rein. Geradewegs auf den Probenraum zu.
Das Lied wurde noch bis zu Ende gespielt. Alle standen auf der Bühne. Und Lukas sang so intensiv wie noch nie. Während des Liedes stiegen mir fast die Tränen in die Augen. Aber die Genugtuung wollte ich Teilen der Musikanten nicht geben.
Als der Song zu Ende war, verließen alle den Raum.
Alle außer Kiki.
Sie ging auf mich zu. „Was soll das Ganze hier? Bin ich in einem billigen Film gelandet oder was? Und was willst du bitte von mir?“
„Dir erklären, dass das alles meine Schuld ist. Lukas hatte keine Ahnung, was ich vorhatte. Ich hab wieder Gefühle für ihn entwickelt und gehofft, dass es ihm genauso geht. Aber das stimmt nicht. Er liebt nur dich.“
„Ach ja? Und wieso sagt er mir das nicht selbst?“
„Schien nicht so, als würdest du das noch wollen.“ Sie zuckte die Schultern und packte ihr Instrument ein. „Ich hab alles gesagt, was ich sagen wollte.“ Und weg war sie. Ich hoffte stark darauf, sie nie wiedersehen zu müssen.
Eine Zeitlang stand ich hilflos im Raum herum. Dann kam Lukas herein.
Er sah mich an.
Ich sah ihn an.
„Hat sie mit dir gesprochen?“
Ich nickte.
„Glaubst du mir jetzt, dass ich nur dich liebe?“
Ich nickte wieder.
Und ganz langsam wurde mir klar, was mir gefehlt hatte.

Total aufgeregt saßen wir in der Kirche. Auf der einen Seite meine Familie, auf der anderen Seite Geros Familie. Es war wirklich interessant, so viele neue Gesichter zu sehen. Fasziniert stellte ich fest, dass Geros Mutter genauso aussah wie er. Sie hatte die ganze Zeit ein Taschentuch dabei, von dem sie auch oft Gebrauch machte. Darin ähnelte sie wiederum der Brautmutter sehr.
Heute Vormittag hatte die standesamtliche Hochzeit stattgefunden. Ich konnte mich noch genau daran erinnern, wie ich als Grundschulkind dazu gezwungen wurde, einer anderen Familienhochzeit beizuwohnen. Damals hatte ich es sehr langweilig gefunden und irgendwann sogar begonnen, laut zu singen. Meine Mutter hatte mir schnell den Mund zugehalten.
Jetzt hingegen… ich freute mich unheimlich, an diesem Tag dabei zu sein und meine Schwester dabei zu begleiten, wie sie sich in ein neues Leben aufmachte. Und in einen neuen Nachnamen.
Und jetzt waren wir alle in der Kirche versammelt und warteten darauf, dass Lea in ihrem wunderschönen Brautkleid einlief. Meine Eltern, Oma, die Clique, Lukas und ich saßen ganz vorne. Ich war froh, nicht allein da zu sein.
Schließlich kam Lea. Sie sah so wunderschön aus, dass die Mütter jeweils noch ein paar Extratränen verdrückten.
„Gero, willst du Lea Maria…“
Ihr ganzer Vorname, der normalerweise nie erwähnt werden durfte. Ich konnte sehen, dass Lea ganz leicht die Augen verdrehte.
„…lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet?“
Glücklich lächelte der Angesprochene. „Ja, ich will.“
„Lea, willst du Gero lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet?“
„Ja, ich will.“ Jetzt war es an ihr, zu lächeln.
Die Ringe wurden ausgetauscht. „Falls irgendeiner der hier Anwesenden einen Grund weiß, weswegen diese Trauung nicht stattfinden sollte, so möge er jetzt sprechen oder für immer schweigen.“
Natürlich hatte niemand einen Einwand. Obwohl ich deutlich sehen konnte, wie Mamas Wangen feucht glitzerten.
„Kraft des mir verliehenen Amtes“, rief der Pfarrer, „ernenne ich euch hiermit zu Mann und Frau. Du darfst die Braut jetzt küssen.“
Daraufhin folgte ein Kuss, wie ich ihn länger und schöner noch nie gesehen hatte. Alle applaudierten. Ich ganz besonders laut.
Nach der Trauung, als wir die Kirche bereits alle verlassen hatten, hieß es auf einmal: „Alle unverheirateten Frauen hierher!“ Es versammelten sich also Anna, Kati, diverse weibliche Wesen aus zwei nun verbundenen Familien und ich vor der Kirche. Mit großem Hallo warf Lea also den Strauß hinter sich. Ich betete, dass es nicht mich traf.
Vergebens. Alle applaudierten, Geros Tante kam auf mich zu und kniff mir in die Wangen mit den Worten: „Na, du bist also als Nächstes dran, was?“ Das konnte ich zwar nicht ausschließen, aber wenn, dann würde es noch sehr, sehr lange dauern. Und ich wusste genau, dass Lukas derselben Meinung war.

Laute Musik. Unmengen an Torte und Getränken. Ein großer Teil davon alkoholisch. Bunt durcheinandergemischt saßen die Gäste an den Tischen, unterhielten sich miteinander, tanzten oder wurden ihre ganz persönlichen Glückwünsche an das Brautpaar los. Auch ich ging irgendwann auf Lea und Gero zu.
„Ich wünsche euch beiden alles Gute! Lea, ich finde, du hast einen tollen Mann geheiratet“, sagte ich und umarmte meine Schwester. „Gero, ich finde es toll, dass du jetzt zu unserer Familie gehörst!“ „Ich auch“, antwortete mein frisch gebackener Schwager und lächelte Lea an.
Da wurde mir von hinten auf die Schulter getippt. Es war Freddy. „Hey, was gibt’s? Du siehst in deinem Anzug übrigens ziemlich umwerfend aus, wenn ich das mal so sagen darf!“
Freddy lächelte verlegen. „Oh, klar darfst du. Vielen Dank. Was ich fragen wollte: Hast du Anna gesehen? Ich wollte mit ihr noch was besprechen.“
Ich verneinte. „Aber wir können sie ja zusammen suchen. Vier Augen sehen bekanntlich mehr als zwei.“
Es dauerte einige Zeit, bis wir sie auf der hintersten Ecke der Tanzfläche fanden, Arm in Arm mit Kati.
„Hey, Anna! Ich, äh, wollte dir Aurélies Schlüssel zurückgeben.“
„Vielen Dank. Habt ihr Lust, kurz nach draußen zu gehen?“, fragte Anna. „Ich brauche frische Luft.“
Draußen wehte ein laues Lüftchen, die Sterne funkelten. Die Arme über einander gelegt, hockten wir auf einem Fenstersims und starrten in die Nacht.
Wir redeten nicht viel. Wenn man wirklich gut miteinander befreundet ist, muss man das auch nicht. In ihren Gedanken haben alle dasselbe und wissen genau, was der andere meint oder denkt.
„Ich finde es einfach toll, dass ihr euch gefunden habt“, meinte Freddy nach einer Weile.
„Meinst du wirklich?“
„Ja, wirklich. Bei euch sieht man sofort, dass was Tolles draus wird.“
Wortlos umarmten wir uns.
Da ich ein dringendes Bedürfnis verspürte, ging ich auf die Toilette. Eine Weile saß ich einfach nur in der Kabine, bis ich plötzlich von draußen Schmerzensschreie hörte. Ich schaute schnell nach, wer da war.

Angeschmiert

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(Danke an meinen großartigen Freund für diese Überschrift.)

Ich glaube, mein Freundeskreis ist in vielerlei Hinsicht atypisch. Und mein Freund ist es auch. Jedenfalls dachte er sich, dass die Mädels mindestens genauso viel Spaß an Paintball haben wie die Jungs, wenn nicht noch mehr. Und so lud er auch die Mädels zu seinem Junggesellenabschied ein. Der dann eher so Polterabendcharakter hatte.

Wir waren in einer sehr großartigen Paintballarena in einem Vorort meiner Heimatstadt. Es war anstrengend, aber auch lustig. Ich bin übersät mit wachteigroßen blauen Flecken, den 1. Preis der Verletzungen hat aber der beste Freund meines Zukünftigen gewonnen (Platzwunde auf der Hand).

Zwischendurch musste ich mal Pause machen, weil man unter den Masken relativ schlecht atmet, aber ich habe versucht, mich durchzukämpfen. Auf dem Feld, wo wir nicht waren, beschossen sich irgendwelche Jünglinge, deren Freundinnen nur zuguckten… und so aussahen, als würden sie nie irgendwas machen, wobei man schmutzig werden kann. Nicht meine Welt.

Irgendwann habe ich auch mal ein Eins-gegen-Eins mit meinem Zukünftigen gemacht… und das Ergebnis war sehr überraschend. Ich habe gewonnen, dabei habe ich das noch nie vorher gespielt 😀

Fazit: Ich würds auf jeden Fall wieder machen, auch wenn’s manchmal wehtut.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Krümelmonster, Teil 27

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Die nächsten anderthalb Wochen machte ich nur Dienst nach Vorschrift. Ich ging brav zur Uni, schrieb in den Vorlesungen mit, ansonsten versteckte ich mich in den Vorlesungssälen bzw. zu Hause. Ich lachte kaum, sprach außerhalb der Veranstaltungen niemanden an und Nachfragen von meinen Freundinnen watschte ich mit Angst vor den Klausuren im Januar ab. Und die glaubten mir das auch noch, aber vielleicht wollten sie auch einfach nicht nachfragen.

Lukas sah ich in der Zeit nicht einmal. Aber ich musste ständig an ihn denken, vor allem, wenn ich mal wieder an einem der zahllosen Plakate vorbeilief, die den Weihnachtsball ankündigten. Wieso mussten die überall hängen und mich daran erinnern, was für ein Scheißmensch ich war?

Ein paar Tage vor dem Ball hing ich emotionslos im Gesicht und mit lauter Gedanken im Kopf auf meiner hässlichfarbenen Sitzschale herum, als Kati zu mir in den Vorlesungssaal kam. Sie wirkte ziemlich atemlos.

„Was ist denn?“, fragte ich ungeduldig. „Die Vorlesung fängt gleich an.“

„Ich weiß, ich hab dich schon überall gesucht. Man sieht dich ja in letzter Zeit nirgendwo. Hier ist jedenfalls deine Ballkarte.“ Sie reichte mir ein bunt bemaltes Teil, auf dem Eintrittskarte für den Weihnachtsball der Universität Frankfurt stand.

„Hör mal, ich hab dir schon gesagt, ich will da nicht hin“, rief ich und warf ihr das Teil wieder entgegen.

„Und ich hab dir schon gesagt, du darfst dich nicht verstecken“, entgegnete Kati und setzte sich neben mich. „Wenn du Lukas wirklich haben willst, musst du mit ihm sprechen. Du darfst dich nicht in deinem Schneckenhaus verkriechen. Also: Komm zum Ball. Ich schenk dir auch die Karte, wenn’s sein muss.“

„Ich will da nicht hin. Und überhaupt, wer hat gesagt, dass ich ihn wirklich haben will?“

Kati sah mir tief in die Augen.

„Okay, du hast Recht“, gab ich zu, „aber er wird doch eh die ganze Zeit auf der Bühne stehen.“

„Irgendwann wird die Band Pause machen“, warf Kati ein. Vorne an der Tafel stellte sich der Dozent bereit. „Na ja, ich muss jetzt in meine Vorlesung. Hier ist die Karte, du kannst es dir ja noch mal überlegen. Aber du solltest wirklich dort hinkommen. Ich werde jedenfalls da sein.“ Und weg war Kati.

Jeder kennt sicher das Gefühl, etwas zu machen, das man überhaupt nicht will. Nie habe ich dieses Gefühl tiefer empfunden als an diesem Tag. Mittags rauschte ich aus der Uni, ohne Mittagessen, nur um anderthalb Stunden beim Frisör zu sitzen für einen Termin, den ich gar nicht wahrnehmen wollte. Ich sah ihm dabei zu, wie der Mann meine Haare zu einer Hochsteckfrisur auftürmte und mein Make-up erledigte, und wollte ihm die ganze Zeit sagen, dass er sich die Mühe eigentlich sparen konnte. Ich sprühte mich mit meinem schönsten Parfüm ein und hüllte mich in mein tolles Abendkleid und dachte: Wozu das alles? Hat doch eh keinen Sinn. Ich will da nicht hin. Hey, das reimte sich.

Um mich herum war alles still. Ich sah in den Spiegel, in mein geschminktes zwanzigjähriges Gesicht, im selben Kleid wie vor anderthalb Jahren beim Abiball, und überlegte, wie der Abend heute wohl aussah. Ich wusste ganz genau, dass er beschissen werden würde.

In der U-Bahn zur Uni starrten mich alle an. Nun, es war wohl nicht alltäglich, dass sich eine junge Frau in so einem Filmstaroutfit (als ob ich wie einer aussähe…) in ein öffentliches Verkehrsmittel setzte. Ich wünschte, ich hätte mich mit dem Auto bringen lassen. Tja, zu spät. Fing ja schon gut an, der Abend. Ich war froh, als ich endlich wieder aussteigen konnte… und auch wieder nicht. Ich steckte nämlich nicht nur im selben Kleid wie beim Abiball, ich war auch mindestens genauso aufgeregt.

Was das Ganze nicht besser machte, war die komplette Aufmachung der Uni. Sie hatten sogar einen roten Teppich vorm Eingang hingelegt. War ich hier in Frankfurt am Main oder in Hollywood? Viele Studentinnen standen aufgebrezelt und mit Sektglas in der Hand herum und quatschten. Die Jungs trugen Anzüge und helle Biere.

Ich zitterte. Und das lag nicht an der Kälte. Am Eingang zeigte ich meine Eintrittskarte vor und bekam ein Sektglas in die Hand gedrückt. Für alle Ladys umsonst, wie mir der Kellner erklärte. Na dann. Ich kippte sofort einen ordentlichen Schluck herunter und sah mich erst einmal um.

Auf der Bühne stand noch niemand herum, aber alle Instrumente und die Anlagen waren schon aufgebaut. Das Mikrofon auch, und die Leadgitarre stand auf einem Ständer daneben. Ich seufzte laut.

„Hey, Sara! Endlich sieht man dich mal wieder!“

„Ja, da hast du wohl Recht. Hallo, Anna“, begrüßte ich sie und bemühte mich um ein Lächeln.

„Was war denn los? Hast du wirklich solche Probleme mit den Klausuren?“

„Ich hab jetzt keine Lust, noch mal darüber zu reden. Jedenfalls scheint Lukas jetzt zu denken, ich wäre nicht an ihm interessiert, sondern an dieser Pappnase von Hannes.“

„Stimmt das denn?“

„Nein!“, rief ich und trank noch einen Schluck Sekt. Mir fiel auf, dass die Flüssigkeit in Annas Glas orange war. „Was hast du denn da?“

„Ach, ich habe den Kellner gebeten, mir etwas ohne Alkohol zu geben. Deswegen bekam ich Orangensaft“, erläuterte Anna.

„Musst du heute fahren?“

„Ich weiß auch nicht, wieso ich mich dazu breitschlagen ließ. Aber ich habe versprochen, Aurélie und Freddy auf dem Heimweg mitzunehmen.“

„Wo sind die eigentlich?“

„Die kommen später. Sag mal, du bist wohl ziemlich aufgeregt, was?“

„Ja, ich wollte mit Lukas reden. Würde mich wundern, wenn er das noch will, nach dem, was passiert ist.“

„Willst du mir wirklich nicht erzählen, was mit euch war?“

„Na schön, komm mit, ich sag’s dir.“

Auf der Toilette sagte ich dann: „Ich habe ihm erzählt, dass Hannes und ich miteinander geschlafen haben und er mich dann sitzen ließ, und er hat auch gesehen, wie Hannes und ich miteinander gesprochen haben und ich meinte, wir könnten Freunde bleiben und er mich dann umarmt hat.“

„Oh, das ist wirklich ein ganz schön dicker Hund“, stöhnte Anna. „Deswegen hast du kaum mit uns gesprochen? Aurélie dachte schon, es läge an uns.“

„Nein, das bestimmt nicht. Weißt du“, erklärte ich ihr, „es wird schon wieder nichts. Nur diesmal fühlt es sich… noch schlimmer an als bei Hannes.“

„Hast du mit Lukas eigentlich überhaupt schon mal direkt über die ganze Sache gesprochen?“, fragte Anna.

„Nein.“

„Wie willst du dann überhaupt wissen, dass es nichts wird? So kann das ja nichts werden“, empörte sich meine beste Freundin. „Du musst ihm sagen, dass du Gefühle für ihn hast!“

„Er will auf keinen Fall mehr mit mir reden!“, rief ich nicht weniger laut zurück.“

„Aber du mit ihm! Und das zählt.“

„Na schön, in der Bandpause guck ich mal, ob ich ihn abgreifen kann.“

„Nein, du machst das jetzt!“, befahl sie mir. „Sonst machst du’s nie. Ich bin mit dir jetzt zehn Jahre befreundet, ich kenn dich.“

Sie war ja aufgeladen! „Okay, okay“, beruhigte ich sie.

Vor der Bühne, auf der alle Bandmitglieder – außer Lukas – bereits standen und die Instrumente stimmten, blieben wir stehen. Anna entfernte sich plötzlich Richtung Ausgang.

„Wo willst du denn hin?“, rief ich verzweifelt hinterher.

„Aurélie und Freddy suchen. Ich habe versprochen, am Eingang zu stehen, wenn sie kommen!“

Na super. In meinem Hals steckte ein Kloß, der viel dicker war als die, die Oma sonntags immer zum Mittagessen kochte.

Ich rief zum Bassisten herüber: „Habt ihr Lukas gesehen?“ Doch der hörte mich nicht. Kurzerhand stieg ich auf die Bühne.

Der Bassist rief: „Ey, du…“

„Ich habe einen Namen. Ich heiße Sara.“

„Gut, ich heiße Tobias. Also, Sara, eigentlich darfste hier nich‘ drauf stehen.“

Ich ignorierte seinen Einwand. „Kann ich zu Lukas? Ich muss dringend mit ihm sprechen.“

Seine Augen hellten sich auf. „Lukas? Na klar. Der hat in den letzten Tagen nur noch über dich geredet.“

„Echt?“

„Moment, ich hol ihn mal eben.“ Er ging nach hinten… und kam nach ein paar Minuten mit Lukas zurück. Mein Herz schlug so doll, dass es nicht gesund sein konnte.

„Sie wollte mit dir sprechen“, informierte Tobias ihn und dampfte dann wieder ab.

„Also, was willst du von mir?“, fragte Lukas.

Ich schluckte. „Ich wollte dir sagen, dass es mir Leid tut, dass ich dir von Hannes und mir erzählt habe… ich wollte dir damit nicht weh tun. Und dass Hannes mich umarmt hat, geschah gegen meinen Willen. Ich hab ihm gesagt, dass wir Freunde bleiben können, aber er meinte, gute Freunde würden sich umarmen, und dann hat er mich gedrückt. Ich wollte das alles nicht! Ehrlich.“

„Und warum erzählst du mir das alles?“, entgegnete er und hing sich die Gitarre um.

„Weil…“ Die ganze Band starrte mich an. Einige Ballgäste, die unten auf der Tanzfläche standen, ebenfalls. Ich meinte sogar, zu hören, dass die Gespräche leiser wurden.

Aussehen

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Eigentlich sollte ich, während ich diesen Satz schreibe, in der Schule sitzen und auf das Eintreffen des Lehrers warten. Da ich mittlerweile aber nur noch flüstern kann, habe ich mich dazu entschieden, zu Hause zu bleiben und freue mich darüber, dass ich einen Laptop habe. Dadurch verfüge ich auch im Bett über Internet.

Gestern im Unterricht sagte einer der Lehrer (Engländer), dass man in seiner Heimat, wenn man bspw. bunte Haare oder andere Klamotten hat, durchaus angesprochen wird, Komplimente bekommt und gefragt wird, wo man XY her hat. In Deutschland sei es dagegen seiner Meinung nach so, dass man dann komisch angeguckt wird und es wird über einen getuschelt. Ein Mädchen aus meiner Klasse bestätigte diese These, indem sie sagte, wenn sie jemanden mit pinken Haaren sehe, denke sie, der habe einen an der Waffel. Normalerweise wundere ich mich ja über gar nichts mehr, aber…

Ich finde es toll, wenn jemand anders aussieht als alle anderen und ein bisschen mehr Individualität kann auf keinen Fall schaden. Das ist einer der Gründe, aus denen ich das Dorfleben nicht vermisse. Dort wurde man angeschielt, wenn man nur ein bisschen anders war als die anderen. Ich will das ganz bestimmt nicht wiederhaben.

In einem der Foren, in denen ich bin, gab es eine Diskussion darüber, ob Menschen im Alter noch attraktiv sein können. Die einen sagten, sie könnten keine Menschen attraktiv finden, die ihre Eltern oder Großeltern sein könnten. Die anderen (zu denen ich auch gehöre) sagten, dass das durchaus möglich sei. Ich meine, seht euch Clint Eastwood an!

Dieser Mann, der schon bald mein Uropa sein könnte, sieht mit fast 82 Jahren noch blendend aus. Wahrscheinlich sind die Leute, die denken, im Alter wird man zwangsweise hässlich, der Grund dafür, dass es in dieser Gesellschaft so einen verdammten Jugendwahn gibt. Ich hoffe, die Menschen sehen irgendwann ein, dass Alter auch schön sein kann. Oder pinke Haare.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin