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Bahn, Bibel und bunte Heftchen

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Tagesordnungspunkt 1: Die Bahn

Montag, 10 h 41: Ich sollte eigentlich unterwegs Richtung Kreisstadt sein, da ich dort etwas Wichtiges erledigen muss. Ich sitze aber immer noch am Bahnhof meines Wohnortes, da es auf der Strecke eine Stellwerksstörung gibt. Auf der Bahnhofsanzeige und in der Durchsage heißt es nur: „Aufgrund einer Stellwerksstörung verzögern sich alle Züge auf unbestimmte Zeit. Wir informieren Sie über Anschlussmöglichkeiten.“ Der Bus in die Kreisstadt ist da schon weg.

11 h 00: Der Zug fährt, ohne dass man uns irgendwie informiert hat.

11 h 30: Bin bei der wichtigen Erledigung angekommen. Werde dort angemeckert, weil ich nicht früher gekommen bin, muss deswegen Mittwoch noch mal wiederkommen.

12 h 00: Ich habe noch einige andere Dinge erledigt und möchte den Rückweg antreten. Laut DB-Navigator fährt der nächste Zug zwar eigentlich schon um 12 h 14, was etwas zu knapp ist, allerdings verspäte sich der Zug um 15 Minuten wegen der Stellwerksstörung. Das wäre dann okay, ich gehe also zum Bahnhof.

12 h 15: Der Zug fährt mir vor der Nase weg.

12 h 50: Ich sehe, dass der Gegenzug beträchtliche Verspätung aufgrund der Stellwerksstörung hat. Für meine Verbindung – 13 h 14 – wird nichts angezeigt.

13 h 30: Der Zug taucht nicht auf. Informationen über den Verbleib bekommen wir keine, weder per Durchsage noch per Anzeige. Aber immerhin ist der DB-Informationsmitarbeiter von seiner Mittagspause zurückgekehrt. Ich gehe also, mit ein paar anderen zusammen, hin.

13 h 35: Der DB-Mitarbeiter hat absolut keine Ahnung, wann überhaupt wieder Züge fahren werden. An den u.a. durch den DB-Navigator angekündigen Schienenersatzverkehr glaubt er nicht. Ich habe genug und kaufe mir bei ihm ein Linienbusticket. Dann gehe ich zum Busplatz.

13 h 45: Der Schienenersatzverkehrsbus taucht auf. Da nur drei Leute am Busplatz sitzen, geht der Busfahrer zum Gleis, an dem eigentlich mein Zug hätte fahren sollen, und holt die Reisenden.

13 h 53: Die Reisenden, die noch am Bahnsteig waren, wurden anscheinend nicht durch Durchsage oder Anzeige darüber informiert, dass der SEV-Bus da ist.

13 h 55: Der Bus fahrt los.

14 h 35: Bin zu Hause angekommen und stinkwütend. Wenigstens besitze ich seit letztem Jahr den Führerschein Klasse B, sonst wäre ich noch häufiger auf diesen Sauverein angewiesen…

(Puh, das ist doch etwas länger geworden als geplant. Egal.)

Tagesordnungspunkt 2: Die Bibel

Ich antwortete auf Twitter auf diesen Tweet von Birgit Kelle, der durch einen mir bekannten Twitterer in meine Timeline geraten war:

Meine Meinung zu gleichgeschlechtlicher Liebe ist hinreichend bekannt. Folgerichtig antwortete ich auf den obigen Tweet mit „Mit Verlaub, das ist Blödsinn“. In Folge kam es zwischen mir und verschiedenen anderen Twitterern zu einer großen Diskussion, in der mir u.a. Relativismus vorgeworfen wurde, weil ich eine nicht homophobe Bibelauslegung bevorzuge. (Wer mehr darüber lesen will, hier steht was Interessantes dazu.)

Unabhängig davon, wie man zu gleichgeschlechtlicher Liebe steht oder nicht: Dass ich Relativismus in Bezug auf die Bibel betreibe, ist Blödsinn. Es ist eine mögliche Bibelauslegung. Im Übrigen selektieren diejenigen, die mir Relativismus vorgeworfen haben, genauso. Keiner kann alle Gesetze aus der Bibel befolgen. Ich berichtete ja schon einmal darüber, dass A. J. Jacobs das ein Jahr lang versucht hat, und er wurde halb verrückt dabei.

Aber wenn es wenigstens nur das gewesen wäre. Einer der Diskutanten verlinkte eine Rezension zum Buch „Streitfall Liebe“ von Valeria Hinck, in dem sich gegen die Ausgrenzung von Homosexuellen gewandt wird. Der Rezensent gab zu verstehen, dass er Homosexualität für eine Krankheit hält. Ich habe die Diskussion mit diesem Menschen daraufhin eingestellt.

Und es ging noch weiter: Derselbe Twitter-User verlinkte einen Blogartikel, in dem Homosexualität als Sünde dargestellt wurde. Ich hatte dazu einige Anmerkungen:

Zunächst einmal möchte ich anmerken, dass im dritten Buch Mose nur Geschlechtsverkehr unter Männern erwähnt wird. Was aber ist mit Geschlechtsverkehr unter Frauen? Außerdem liegt bei 1. Korinther 6,9 der Fokus eher auf Verkehr mit Minderjährigen / Prostituierten und nicht unter gleichgestellten Partnern, die sich freiwillig und auf Augenhöhe aneinander binden. Darüber hinaus möchte ich noch anmerken, dass die Neues-Leben-Bibelübersetzung nicht immer ganz genau ist, sondern zu Vereinfachungen und zur Emphase neigt.

Über eine Rückmeldung würde ich mich sehr freuen.

Freundliche Grüße

Ich bekam auch postwendend eine Antwort. Der Blogartikel-Autor warf mir vor, ich wolle Gottes Wort aus der Welt schaffen und legte indirekt nahe, dass es mit meiner Nächstenliebe nicht gut bestellt sei, weil ich mich sicher nicht trauen würde, die iranische Botschaft zu diesem Thema anzumailen. Ich antwortete, dass ich eine andere Bibelinterpretation (also eine nicht homophobe) für möglich halte, und verbat mir irgendwelche Mutmaßungen zu meiner Nächstenliebe. In der nächsten Antwort wurde der Relativismusvorwurf seinerseits dann auf die Spitze getrieben, indem gesagt wurde, dass die Nazis ja auch derart gearbeitet hätten. Da stellte ich die Diskussion meinerseits dann ein. Der Blogartikel-Autor hat mir danach noch drei E-Mails geschrieben, in denen er mich indirekt als scheinheilig bezeichnete, sagte, ich sei auf dem falschen Weg, das mit der Nächstenliebe wiederholte und mir vorwarf, ich sei

vom Ich-zentrierten Stolz verführt.

Ich bin gespannt, ob noch weitere E-Mails kommen, beantworten werde ich sie nicht.

Tagesordnungspunkt 3: Bunte Heftchen

Eine sehr liebe Person hat mir aus Schottland ein deutschsprachiges christliches buntes Heftchen mitgebracht, auf das ich hier eingehen möchte. John Blanchard – „Von größter Bedeutung“. Nun denn.

Ich muss sagen, dass ich gegen das Heftchen nicht unbedingt was habe. Der Autor hat zwar zu vielen Themen eine andere Meinung als ich, aber das kann ich akzeptieren. Nur zwei Sachen will ich anmerken: Auf Seite 4 werden Evolution und Gottglaube entgegengesetzt. Ich glaube nicht, dass sich das widersprechen muss, ich bspw. bin gläubig und halte die Evolution für wahr.

Darüber hinaus findet sich auf Seite 7 Folgendes:

In 2000 Jahren konnte kein Experte auf irgendeinem Gebiet auch nur eine Aussage der Bibel widerlegen.

Nun ja…

So, das war’s mit Bloggen für heute. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, und Respekt an jeden, der das alles hier gelesen hat.^^

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Arbeitstitel

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Dies ist eine ältere, unvollendete Geschichte von mir. Wer eine Idee für ein Ende hat – bitte bei mir melden!

Wenn um einen herum das Leben tobte, innerlich davon aber gar nichts zu spüren war. Wenn die Menschen in den Straßen ihr Leben genossen, man selber aber schon lange innerlich tot war. Wenn sich bunte Werbeplakate, grüne Haare und der blaue Himmel präsentierten, man selber aber nur Blick für graue Betonplatten hatte. Dann war man so weit wie ich.
Tausend Mal hatte ich Sprüche zu hören bekommen, wie schön das Leben doch sei, man müsse nur die Augen offenhalten. Man müsse sich im Spiegel anlächeln, dann komme die positive Stimmung schon von selbst. Man müsse die Chancen im Leben nutzen, dann sei alles gut. Diese Leute hatten Unrecht. Ich wusste es ganz genau. Ich sagte es ihnen nur nicht mehr. Erzählte ich ihnen aus meinem Leben, wurden die falschen Sätze sowieso nur wiederholt. Sie klangen wie Hohn.
Der Bus, in dem ich saß, röhrte durch die Stadt, aber ich nahm die Geräusche gar nicht wahr. Selbst dass ich an der Eisdiele vorbeifuhr, in dem mich mein Freund mal mit einer Kreation aus Erdbeeren gefüttert hatte, registrierte ich kaum. Ich merkte kaum noch, wie weh es mir getan hatte, dass er mich kurz vorm Umzug in die gemeinsame Wohnung für seine Studienkollegin verlassen hatte. Es war doch so lange her. Als ich in meiner Wohnung ankam, grinsten mich das dreckige Geschirr, drei zu bearbeitende Vorlesungsskripte und eine unbezahlte Rechnung an. Früher hätte ich mich über so etwas leidenschaftlich geärgert. Heute ging es an mir vorbei wie eine Tussi an einer Kik-Filiale.
Ich ließ mich aufs Bett fallen und die Augen im Raum herumwandern. Was hatte ich hier nicht schon alles erlebt… und jetzt war hier tote Hose. Keine Partys mit Freunden. Keine Stunden mit Umarmungen oder nach Zimt riechendem Gleitgel. Selbst der DVD-Player lief nur noch selten. Meine Tage bestanden mittlerweile nur noch aus Uni, Arbeit, Internet und Schlaf. Ich funktionierte. Mehr konnte man von mir doch nicht erwarten. Ich war froh, dass ich nicht wie früher in einer WG wohnte. Bevor ich mit meinem Freund zusammenziehen wollte. Dann hätte man mich dauernd genervt wegen Belanglosigkeiten wie dem Putzplan, den Mülltonnen oder Staub auf dem Küchenschrank. So konnte ich tun, was ich wollte. Eigentlich keine schlechte Sache.
Ich lauschte in die Stille hinein. Konnte sie mir etwas geben? Manchmal klappte das. Ein beruhigender Effekt. Dabei war ich scheintot.
Auf einmal bekam ich ein merkwürdiges Gefühl. Bevor ich in mir genauer artikulieren konnte, was es war, hatte ich mir die Schuhe angezogen, meine Tasche gepackt und das Haus verlassen.

Früher war ich gern Bahn gefahren. Zu meinem Freund, zu Freunden, bowlen, Kinofilme angucken, auf Demonstrationen gehen… nach und nach war das alles abgestorben. Wo sollte ich jetzt noch hinfahren, wenn mein Freund in einer anderen Welt war und meine Freunde keine Zeit mehr hatten? Ich war noch nie der Mensch gewesen, um etwas allein zu tun. Und so war es x Monate her, seit ich mein Semesterticket zuletzt genutzt hatte. Ich hätte den Leuten an der Uni sagen können, dass ich viel zu viel bezahlte, ich fuhr ja nie. Aber wozu?
Ich wusste noch genau, wie ich die Strecke zum Hauptbahnhof mal gegangen war und gedacht hatte, dass ich für längere Zeit nicht hierhin zurückkehren würde. Damals konnte ich noch nicht wissen, dass ich das Praktikum bereits nach einer Woche aufgrund allgemeiner Unzufriedenheit abbrechen konnte. Und daran erkannte man auch, wie unerwachsen ich im Grunde war. Eine erwachsene Frau hätte entweder die vollen drei Monate durchgehalten oder wäre glücklich damit gewesen, abgebrochen zu haben. Auf mich traf nichts davon zu. Bleiben ging nicht, Weggehen auch nicht. Was sollte das alles?
Ich stand an einer Ampelkreuzung und wartete. Ich sah mich um. Rechts ging es zu einem Mietshaus, in dem ich mal ein WG-Zimmer besichtigt hatte. Ich wünschte mir, ich hätte damals dieses Zimmer angenommen und nicht das andere. Dann wären wir nicht so nah dran gewesen an dieser anderen Tussi und dann hätte mein Freund mich nicht verlassen. Ich seufzte und folgte dem grünen Männchen.
Auf der linken Seite sah man ein hässliches Fabrikgebäude, in dem seit einigen Jahren eine Moschee untergebracht war. Ich hatte sie mal von der Uni aus besichtigen wollen, dann aber den Termin verpennt. Ich hatte mich so furchtbar geärgert, weil ich dafür so früh aufstehen musste und dann als Einzige auf dem Vorplatz stand. Als ich wieder nach Hause kam, wurde ich in den Arm genommen und hatte den Ärger schnell vergessen. Jetzt wartete niemand mehr auf mich.
Ein paar Meter hinter der Moschee befand sich ein autonomes Zentrum. Ich erinnerte mich an einen Augenblick von vor einigen Monaten, als jemand Werbung für eine dortige Veranstaltung machen wollte, was einige Mitglieder der JU-Hochschulgruppe verhindern wollten. Die Seminarssitzung, in der das passierte, hatte in Tischeklopfen und lautem Johlen geendet. Schon damals hatte ich mich weit weggewünscht.
Neben der Eisenbahnunterführung war ein Club. Ich hatte mir lange vorgenommen, dort mal reinzugehen, diesen Plan aber irgendwann begraben. Alleine… nein, das war nichts. Auf der Brücke pappte ein Graffito. Negative Gefühle sind nur fehlende Moleküle. Welch gelungener Reim. Ich trat kurz gegen die Wand und latschte weiter. Da tat sich auch schon der Hauptbahnhof vor mir auf. Nur zwanzig Minuten Fußmarsch und so viel mehr als das. Immer noch wusste ich kaum, wie mir geschah. Ich studierte den Abfahrtsplan. In zehn Minuten ging der nächste Zug. Er führte in Richtung Süden. Ich bemerkte, dass nicht alle Stationen der Strecke angegeben waren. Ich stellte mich an den Ticketautomaten und löste eine Karte für den Fernzug. Ich konnte es mir leisten. Ich hatte ja so lange nichts mehr unternommen, was mehr Geld kostete als ein Wochenendeinkauf.
Am Gleis warteten einige sektselige Damen auf Wochenendausflug, mehrere Anzugträger und eine Familie. Mit den üblichen fünf Minuten Verspätung fuhr der Zug in den Bahnhof ein und ich setzte mich hinein.

In meinem Großraumabteil, das mir die Sitzplatzreservierung zugewiesen hatte, saßen viele Fahrgäste und so dauerte es lange, bis der Schaffner, den ich schon früh an der Tür zum Abteil ausgemacht hatte, bei mir ankam. Er knipste meine Karte an, lächelte mich an und wünschte mir eine gute Fahrt. War sie das? Das Kind der Familie, die vorhin mit mir zusammen eingestiegen war, verkündete kreischenderweise, wie toll es doch im Zug war. Dieser fuhr vorbei an Kirchen, Fabrikgebäuden und Signalen ins Grüne. Die Stadt lag hinter mir. Jetzt wurde es spannend. Wurde es das?
Ich starrte auf die immer schneller vorbeifliegende Landschaft, meine Gedanken waren gleichzeitig überall und nirgendwo. Wohin wollte ich eigentlich?
Ich hatte diese Linie schon mehrmals genutzt. Einmal hatte ich einen Ausflug zu einer Ausstellung gemacht, zusammen mit einigen Freunden. Auf dem Rückweg war ich gestürzt und hatte mir den Fuß verknackst. Alle hatten sich um mich gekümmert. Am meisten mein Freund, der auch dabei gewesen war. Ich wusste kaum noch, wie diese Aufmerksamkeit war, die ich damals bekommen hatte.
Das Kind lärmte vor sich hin und fragte bei jeder Station, die wir erreichten, ob wir schon da seien. Da konnte ich ja froh sein, dass ich nur drei Stationen fuhr. Ich zuckte zusammen, als angesagt wurde, wo ich den Zug laut Fahrkarte verlassen wollte. Der Stadtname löste in mir so viele Emotionen aus.

Ich stand orientierungslos am Bahnhof. Die anderen Fahrgäste wussten, wohin sie wollten. Sie liefen zur Treppe, begrüßten Leute, die auf sie gewartet hatten, mit Händeschütteln oder Umarmungen oder Küssen – je nachdem, wie nahe sie ihnen standen. Ein junger Kerl latschte den Bahnsteig entlang und mampfte ein Käsebrötchen. Ich hatte absolut keinen Hunger.
Ich hatte absolut keinen Plan, wohin ich wollte. Ich schaute mich um. Der Bahnhof war voll von Menschen. Süßigkeitenautomaten. Rote und silberfarbene Züge. Schilder. Sollte ich etwas kaufen?
Ich lief die eine Treppe hoch und ging den Gang entlang. Ein dunkelhäutiger Mann versuchte, Blumen zu verkaufen. Ich kaufte ihm keine ab. Ein gelangweilter Hot-Dog-Verkäufer starrte auf die vorbeieilenden Menschen, so wie man an einem Regentag aus dem Fenster starrt. Eine junge Frau bereitete einem Kunden einen Latte macchiato zu. Eine Gruppe Jugendlicher regte sich darüber auf, dass der Fahrkartenautomat nicht funktionierte. Sollte ich Blumen kaufen? Einen Hot Dog? Einen Latte macchiato? Eine Fahrkarte in eine andere Stadt? Etwas ganz anderes, zum Beispiel eine Zeitschrift? Früher hatte ich vor längeren Bahnreisen immer eine gekauft und mich dann an den schönen Bildern oder Texten erfreut. Doch jetzt reizte es mich nicht mehr.
Ich ging die Treppe wieder herunter und ging den Bahnsteig entlang. Vielleicht fand ich ja hier etwas, das mir sagte, was ich tun sollte. Eine alte Frau und ein Berufstätiger im Anzug saßen im Warteraum neben der Yuccapalme und beschäftigten sich mit Klatschzeitschrift respektive Laptop. So einige Menschen standen herum, mit ihren Rollkoffern, verbrauchten viel Platz und starrten auf die Anzeigetafel. Sie wollten den nächsten Zug nehmen. Sie wussten, wohin sie wollten. Ich ging schnell weiter und erreichte schließlich die andere Treppe, die nach oben führte. Eine Fastfoodbude, wo sich um diese Zeit viele hungrige Menschen herumtrieben, die sich für wenig Geld den Magen füllen wollten. Eine mittelalte Frau kaufte in einem Kosmetikladen ein Geschenk für eine Freundin. In der Apotheke löste eine alte Frau ein Rezept ein. Die Apothekerin verschwand in den Hinterraum, um die Tablettenpackung zu holen. Ein junger Mann steuerte seinen Rollkoffer durch den Verkaufsraum eines Kiosks, mit einer Computerzeitschrift in der Hand. Lauter Menschen, die wussten, was sie wollten. Die zumindest ein mittelfristiges Ziel hatten. Und ich dagegen… was wollte ich hier? Was sollte ich jetzt tun? Was?
Diese ganze Reise war umsonst gewesen. Völlig ohne Zweck. Ich sollte jetzt nach Hause fahren. Ich lief zur Anzeigetafel, um zu sehen, wann der nächste Zug zurück nach Hause ging. Ich ergriff das Treppengeländer, um mir unten am Fahrkartenautomaten ein Ticket zu kaufen. Da hörte ich hinter mir meinen Namen. Und mich kannte niemand in dieser Stadt.
Zumindest redete ich mir das in Gedanken ein.
Ich konnte jetzt nicht mehr so tun, als wüsste ich nichts. Ich war komplett gelähmt und gleichzeitig in Gedanken so aktiv wie nie. Es war die Aktivität, die einen lähmte. Die Frage stand über allem: Was jetzt? Zwei Worte, die jeden Lösungsansatz im Keim erstickten und dadurch umso dringlicher wurden. Ich starrte vor mich hin, als hätte mich gerade jemand mit einem Geschoss im Rücken getroffen.
„Nina?“
Die Angst wurde stärker. Ich konnte mich unmöglich umdrehen. Was sollte dann passieren? Ich wusste absolut nicht, wie ich reagieren sollte. Mich traf das Ganze unvorbereitet, obwohl ich mir im Grunde meines Herzens darüber klar sein musste, dass das hier passieren konnte. Natürlich. Aber es war etwas anderes, sich etwas nur tausend Mal vorzustellen, als es dann tatsächlich zu erleben. Das „Was, wenn?“ war ein hypothetisches gewesen. Nie ein reales. Jetzt war es da. Es fühlte sich an, als würde jemand das Geschoss im Rücken herumdrehen.
Ich hatte mich noch nie so gefühlt. Obwohl… Es glich ein wenig dem Gefühl, das ich hatte, als ich vor gut zehn Jahren zum Arzt musste mit Verdacht auf Krebs. Ich trat in das Sprechzimmer dieses Arztes, der wusste, ob ich todkrank war oder nicht, und hatte absolut keine Ahnung, was er gleich sagen würde. Aber… Als ich mit vierzehn Jahren Angst hatte, erkrankt zu sein, wäre eine Erkrankung nicht meine Schuld gewesen. Jetzt, da ich in diesem Bahnhof stand, wusste ich ganz genau, was zu dieser Situation geführt hatte. Ich konnte nicht so tun, als wüsste ich nichts. Ich wusste es ganz genau. Ich wollte einfach nur weg. Ich drehte mich um.
Es war genau das, was ich erwartet und im Grunde meines Herzens auch erhofft hatte, aber ich wollte es mir nicht eingestehen. „Was… machst du denn hier?“, fragte er mich, nachdem er zwischendurch einmal geschluckt hatte. Mein Herz schlug wie wild. Ja, was machte ich eigentlich hier? Es war eine total einfache Frage und auch wieder nicht. Ich hatte mich lange nach diesem Moment gesehnt, aber das konnte ich jetzt nicht so einfach zugeben. Es war schwierig, einem Kerl erst zu sagen, dass man nie wieder Kontakt mit ihm haben wollte, nur um ihm jetzt, nach einigen Jahren, klarzumachen, dass man diesen wieder aufnehmen wollte. Wie sollte das gehen?
Er ging einen Schritt auf mich zu.
Ich war noch nie der mutigste Mensch gewesen. Aber wieso war ich dann hier? Was sollte das alles, wenn ich ihm jetzt nicht sagte, wieso ich doch hier war?
Früher hatte er immer erraten, was ich gedacht hatte. Würde er es jetzt auch? Ich traute es ihm durchaus zu. Ich traute ihm fast alles zu in diesem Moment.
Es dauerte unendlich lange, bis sich meine Oberlippe von meiner Unterlippe, meine Zähne im Oberkiefer von meinen Zähnen im Unterkiefer getrennt hatten, bis einige leise gesprochen Töne meinen Mund verließen.
„Kannst du dir das nicht denken?“
Ein einziger Fragesatz, und doch lag darin so viel. Während ich ihn ausgesprochen hatte, hatte ich es nicht gewagt, ihm in die Augen zu sehen. Danach hob ich meinen Blick ganz langsam. Er wanderte über seine Kleidung, ich bemerkte nebenbei, dass er wie früher immer einen Anzug trug, der ihm unheimlich gut stand, und schließlich landete sein Blick in meinem.
Er schaute überrascht. Leicht ängstlich. Aber so, als hätte er im Grunde gewusst, was ich dachte. Analysierend. Wie schaute ich wohl gerade? War es derselbe Blick? Ich hatte mir schon früher immer gewünscht, in diesen Kopf hineingucken zu können. Er wusste immer, was in mir vorging, war selbst aber so unergründlich wie ein Meer. Und da wäre ich jetzt auch lieber gewesen als hier.
„Ich… hatte immer gehofft, dass du eines Tages kommst.“
Mein Herz schlug noch schneller. Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Sollte es wirklich so sein, dass er so empfand wie ich? Hatte auch er sich diesen Moment tausend Mal vorgestellt? Dass er eines Tages hier langspazierte und auf einmal dieses Mädel traf, mit dem er so intensiven Kontakt gehabt hatte? Und wenn ich all diese Fragen mit Ja beantworten konnte: Was sollte ich dann tun? Was wäre eine angemessene Reaktion?

Kurz kommentiert (mehr oder weniger), Teil 33

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http://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/510639/osnabrucks-studenten-haben-mehr-vom-semesterticket

Ich habe auf noz.de selten so einen schlechten Artikel gelesen. Das neue Semesterticket hat genau eine gute Änderung an sich – die neue Linie zwischen dem Campus Westerberg und dem Hauptbahnhof. Alles andere dürfte den meisten Nutzern überhaupt nichts bringen. Einige wenige können mit dem neuen Ticket jetzt vielleicht bis in ihr ostniedersächsisches Heimatdorf fahren, aber wäre eine Erweiterung gen Süden aufgrund der Grenzlage nicht viel sinnvoller gewesen? Man kommt in NRW maximal bis Paderborn. Ich bin enttäuscht vom AStA und ich bin enttäuscht von der NOZ sowie Herrn Stricker, weil sie einen derart unkritischen Beitrag durchgehen ließen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Reise, Reise

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Am Freitag werde ich für zwei Wochen verreisen. Es geht in eine im französischen Teil des Baskenlandes liegende Stadt, in der ich zusammen mit anderen Teilnehmern im Auftrag der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste einen jüdischen Friedhof pflegen werde. Wir werden unter anderem die Grabsteine wieder lesbar machen. Auf den dazugehörigen kleinen Hebräisch-Kurs, damit wir verstehen, was wir da bearbeiten, freue ich mich schon ganz besonders.

Nicht so erfreulich hingegen waren die zahllosen Organisationsschwierigkeiten, mit denen ich zu kämpfen hatte. Da wäre beispielsweise die Sache mit dem Busticket vom Flughafen zum Zielort. Ich wollte es frühzeitig kaufen, falls es Probleme gibt. Daraus wurde dann aber nichts – als Nichtspanierin musste ich entweder mit Kreditkarte, die ich nicht besitze, oder mit Paypal bezahlen. Das besaß ich zwar auch nicht, aber das kann ich mir doch ganz leicht einrichten. Dachte ich. Die leider erforderliche Aufladung des Kontos mit dem zu entrichtenden Betrag dauerte ewig. Immerhin konnte ich das durch einen bestimmten Anruf beim Kundenservice beschleunigen. Zum Ausdrucken des Tickets brauchte ich dann drei Anläufe, da die ersten beiden Male jeweils ein Teil des Tickets nicht lesbar war. Ich wurde leicht panisch, wir schrieben immerhin schon den 27. Juli, aber es hatte geklappt.

Warum Spanien, die will doch nach Frankreich, werden sich jetzt einige meiner Leser fragen. Spanien deshalb, weil ich nach Bilbao fliege – das ist auch im Baskenland, aber auf der anderen Seite der Grenze. (Nebenbei gesagt: Der Zugverkehr zwischen den beiden Städten ist echt bescheuert. Man muss bei vielen Verbindungen in der Nähe der Grenze übernachten und kommt nicht unter sieben Stunden weg, bei zirka 150 km Luftlinie. Liegt wohl an den unterschiedlichen Spursystemen.) Mein Zielort hat zwar einen Flughafen, aber es gibt von Deutschland aus nicht so viele Direktflüge – und die, die es gab, waren richtig teuer. Auf Umsteigen wollte ich verzichten. Von einer anderen Teilnehmerin habe ich dann den Tipp mit Bilbao bekommen. Dahin werde ich auch fliegen, von Düsseldorf aus übrigens. Das ist, falls es jemanden interessiert, der drittgrößte deutsche Verkehrsflughafen und 1996 gab es dort eine Brandkatastrophe wegen fehlender Sicherheitsvorkehrungen. Ich werde von dem Terminal aus losfliegen, in dem das Feuer damals gewütet hat. Schön zu wissen, nicht?

Auf jeden Fall freue ich mich darüber, dass die Lufthansa einen etwas besseren Service bietet als Ryanair. Ich darf ganze zwei Gepäckstücke umsonst mitnehmen (eins davon kommt in den Frachtraum, deswegen kann ich sogar meine drei Tuben 50er-Sonnencreme mitnehmen, die ich vorsorglich gekauft habe. Wusstet ihr übrigens, wie teuer so was ist? Gott sei Dank hatte IhrPlatz Ausverkauf.). Die Dame vom Kundenservice, mit der ich telefoniert habe, hatte einen ganz süßen, vermutlich osteuropäischen Akzent.

Morgen werde ich anfangen, zu packen, und dabei aufpassen, dass ich nicht über die 25 kg komme, die die spanische Busgesellschaft für internationale Reisen vorschreibt. Was ich nicht alles mitnehmen muss – zwei Wörterbücher beispielsweise. Eins davon für Englisch, weil das die Campsprache ist. Weil wir selber kochen werden, hab ich auch noch ein paar Rezepte zusammengestellt (und sicherheitshalber übersetzt – endlich etwas, wozu die Ausbildung gut war, haha). Ich werde auch ein kleines Buch mitnehmen, um mir alles aufzuschreiben, was ich erlebe. Das werde ich dann auch im Blog hochstellen. Ich bin ganz schön aufgeregt – das ist meine erste Auslandsreise, die ich ganz allein durchführe. Bis jetzt war ich entweder mit meiner Familie, mit meinem Freund oder mit der Schule weg. Hoffentlich klappt alles. Wenn einer eine Reise tut… hat er wahnsinnig viel zu organisieren.

Veuillez agréer l’expression de mes sentiments distinguées.

L’autrice du kitsch

(Das war Französisch.)