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Schlagwort-Archive: Dozent

This is the end

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Als ich in der, äh, 11. Klasse oder so war, sind wir ins Berufsinformationszentrum in die damals noch drittgrößte Stadt Niedersachsens gefahren. Ich schlenderte durch die Reihen, in denen Ordner mit Berufsinformationen standen, und griff mir etwas aus dem Ressort Ausbildung. Meine Klassenlehrerin fragte: „Was machst du hier? Du solltest auf jeden Fall studieren!“

Ich wollte das auch immer tun, aber irgendwas sagte mir, dass ich doch lieber eine Ausbildung suchen sollte. Ich habe auf die Stimme gehört. Warum, wusste ich lange nicht. Mittlerweile weiß ich: Es war Angst.

Ich hing drei Jahre in einer Ausbildung fest, die mir absolut nicht zusagte, die ich aber nicht abbrach, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte. Ich rechnete mir aus, dass ich mein weiteres Leben wohl als Sachbearbeiterin in irgendeinem Unternehmen fristen würde. Nichts gegen diese Art von Berufen, aber ich spürte – vor allem gegen Ende der Ausbildung -, dass das nicht mein Weg sein konnte. Und dann passierte etwas Merkwürdiges.

Ich erinnerte mich auf einmal wieder daran, wie ich in der 12. Klasse einige Vorlesungen besucht hatte. Und nachdem ich lange nicht gewusst hatte, was  ich nach Ende der Ausbildung tun sollte, wurde es auf einmal sonnenklar. Ein Studium war immer mein Traum gewesen, und ich wusste genau: Wenn ich jetzt nicht damit anfangen würde, würde ich es nie schaffen. Direkt am ersten Tag der Anmeldezeit bewarb ich mich.

Ich weiß immer noch, wie glücklich ich war, als am 6. August 2012 der Bescheid kam, dass ich angenommen war. Und wie ich im Oktober 2012 mit großen Augen durch die Gebäude lief. Die folgenden Jahre waren ein harter Kampf. Ich musste vieles lernen. Ich war froh, dass ich meine Freunde hatte, auf die ich zählen konnte. Meine Familie unterstützte mich auch, wofür ich ihr, wie ich hier einmal betonen möchte, sehr dankbar bin. Aber es war eben auf eine andere Art. Studiert hat aus meiner Familie keiner, ich bin die Erste.

Als ich mit meinem Bachelorvater während der Exkursion beim Frühstück saß, sagte ich ihm: „Ich bin die Ausnahme von Ihrer Regel“, und meinte damit mein Arbeiterkind-Studenten-Dasein. Er antwortete, er habe keinesfalls sagen wollen, dass Arbeiterkinder nicht studieren können, nur, dass sie es schwerer haben. Nichts anders wollte ich ausdrücken. Hätte ich keine Freunde gehabt, die studieren (und die großenteils älter sind als ich, also vieles schon durchgemacht hatten), wäre es auch bedeutend schwerer gewesen.

Schwer genug war es eh. Ich hatte viel zu kämpfen. Mit der Studienordnung, mit meinen Krankheiten, mit meiner Angst, es nie zu schaffen. Als ich den Bescheid bekam, dass ich bei der ersten Bachelorarbeit durchgefallen war, wollte ich abbrechen. Und dann rief ich meine Mutter an. Sie sagte, wenn ich jetzt nicht weitermache, werde ich es für immer bereuen. Da hatte sie mich leider.

Ich startete einen neuen Versuch, der auch nicht so gut war, aber immerhin hatte ich bestanden. Ich musste Seminare anhängen, mit Dozenten in Kontakt treten, die die Uni längst verlassen hatten, mit fast vier Jahren Verspätung einen Praktikumsbericht schreiben, das Politik-Prüfungsamt um Anrechnung bestimmter Seminare anbetteln und zwischendurch dachte ich immer wieder, dass ich es nicht schaffe. Als letzte Woche die letzte fehlende Hausarbeitsnote eintraf, war ich so nervös, dass ich erst mal einen heftigen Skolioseanfall bekam. Ich rechnete fest damit, dass ich durchgefallen war. Und was soll ich sagen – es war eine 2,3.

Selbst nach diesem letzten fehlenden Fitzelchen dachte ich, dass den Leuten bestimmt noch irgendwas auffällt, was mich am Abschluss hindert. Und jetzt habe ich es geschafft. Ich habe es tatsächlich geschafft. Ich kann es noch gar nicht richtig fassen.

Der eine oder andere wird sich jetzt denken: Warum ist die so misstrauisch? Warum vertraut die so wenig in sich selbst? Tja, das mit dem Vertrauen in mich selbst war schon immer ein Problem, und das Misstrauen entstand u.a. daraus, dass ich mich schon oft kurz vorm Ziel glaubte und dann doch wieder irgendein Mist passierte. Aber jetzt habe ich es geschafft. Am Montag darf ich mein Zeugnis abholen und Buchstaben hinter meinem Namen führen.

Wer wissen will, was ich jetzt als Nächstes anstelle: Langfristig einen Job suchen (vorzugsweise im sozialen Bereich), kurzfristig einem Haufen von Leuten danken. Ich fange hier mal an:

Ich danke meinem Mann, den ich sehr liebe und der immer wieder für mich da ist. Ich danke meinen Freunden, die mir immer wieder Mut zugesprochen und meine Panikanfälle der letzten Wochen und Monate geduldig ausgehalten haben. Ich danke meiner Familie, die mir immer wieder gesagt hat, dass sie an mich glaubt, und ohne die ich wahrscheinlich mein Studium abgebrochen hätte. Ich danke Anja (@thesismum), die mir mit Quellen für meine oben erwähnte Hausarbeit geholfen hat. Ich danke Miriam (@VitusTochter), die mir während eines meiner Tiefpunkte eine sehr liebe Postkarte geschickt hat. Ich danke Charlie, der wie so viele andere all meine Launen ausgehalten hat. Ich danke Sineb El-Masrar, die mich durch einen Fernsehauftritt auf mein Bachelorarbeitsthema gebracht hat (ich finde Ihr aktuelles Buch übrigens toll!). Ich danke capconio, dem besten Pony der Welt. Ich danke den Leuten aus der #twomplet und der #twaudes, die immer wieder für mich gebetet haben. Ich danke dem Pastor, der mich getauft hat, für seine offenen Ohren. Und ich danke all den anderen Leuten, die mir auf meinem Weg geholfen haben.

Mit freundlichen Grüßen

Kitschautorin, B.A.

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Bevor hier alles noch ganz einschläft

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Zunächst mal das Unerfreulichere: Für die Leute, die es noch nicht wissen, ich muss noch mal eine Bachelorarbeit anfertigen. Die Gründe tun hier nichts zur Sache. Aber bis jetzt lässt es sich ganz gut an. Ich habe mit meinem Lieblingsdozenten of all time gesprochen und er hat mich sehr ermutigt. Auch meine Themenidee findet er gut. Es soll um Islamfeindlichkeit gehen. Das Schwierige: Ich darf nichts aus meiner alten Bachelorarbeit verwenden. Aber das kriege ich hin. Ich gehe gerade schon Literatur durch (wen’s interessiert: Yasemin Shooman) und habe so viele Anregungen bekommen. Am Mittwoch habe ich um halb neun morgens einen Termin mit meinem Dozenten, wo wir mein Konzept genauer besprechen und er mir dann auch hoffentlich eine(n) passende(n) Zweitgutachter(in) nennen kann, weil die alte die Uni verlassen hat. Der Termin ist nicht in seiner normalen Sprechstunde, ich finde es toll, dass er ihn für mich freigeschaufelt hat.

Da ich von irgendwas leben muss und der Fahrschule immer noch fröhlich Geld in den Rachen werfe, bin ich auf Jobsuche. Wobei man mittlerweile zu 90 Prozent sagen kann: war. Ich hatte gar nicht mehr damit gerechnet, ein Vorstellungsgespräch zu kriegen, und bekam dann lustigerweise eins an dem Tag, der nur alle vier Jahre existiert. Es ist mir auch noch nie passiert, dass mich ein Arbeitgeber ablehnt und ein paar Wochen später anruft, ob ich mal vorbeikommen wolle, es gebe die Option auf eine Teilzeitstelle.

In dem Bereich, in dem ich arbeiten will (Sozialarbeit), gibt es nicht so viele Möglichkeiten, wenn man kein Zeugnis vorweisen kann. (Was ich ja auch irgendwie blöd finde. Natürlich will man keine Neulinge, aber das wäre ich ja auch nicht und meine Noten waren bisher echt nicht schlecht.) Bei der Stelle, auf die ich mich ursprünglich beworben habe, wollte man den Wisch aber. Tja. Umso schöner, dass sich jetzt eine Beschäftigungsmöglichkeit bietet, bei der ich den nicht brauche. Etwas irritierend war nur, dass mein Einsatzort ein anderer sein wird als zunächst angegeben – und es gibt in dem Ort keinen Bahnhof. Aber was soll’s, das werde ich schon überbrücken können und es ist immer noch besser, als blöd und untätig zu Hause herumzuhocken. (Oder darauf zu warten, dass mein letzter Arbeitgeber mir mal einen vernünftigen Vertrag gibt. Ich weiß, die können gerade nicht mehr machen, und die wissen, dass ich nach Längerfristigem suche.)

Mein vermutlich zukünftiger Arbeitgeber möchte, dass ich vorher noch mal den Bürgermeister der Gemeinde treffe, von deren Seite aus geht alles in Ordnung. Klar, das ist ja auch verständlich, der Mann will auch gerne wissen, mit wem er da zusammenarbeitet. Wenn ich das jetzt nicht total vermassle, warum auch immer, sollte ich die Sache eigentlich im Sack haben.

Ich muss jetzt die Wohnung auf Vordermann bringen und duschen, gleich gibt’s nämlich noch Besuch – es geht toll weiter. 😀

Mit den Chinarestaurantbesuch ungeduldig erwartenden Grüßen

Die Kitschautorin

Zukunft

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Im Februar habe ich meine alte Schule besucht, um für ein Uniprojekt meinen Biolehrer zu interviewen. Dass auch meine berufliche Zukunft im Unterrichten liegt, hätte er sicher nicht gedacht. Das hätte keiner gedacht von denen. Nicht mal ich.

Aber nun ist es so und ich freue mich riesig, dass ich einen Job gefunden habe. Ich werde mit Migranten bzw. Flüchtlingen arbeiten, die fit für den Stellenmarkt gemacht werden sollen. Eine freie Stelle war für den Deutschunterricht ausgeschrieben, die andere für Coaching. Wo genau ich letztlich bleibe, wird man sehen. Aber es klingt klasse. Wieder einmal kann ich froh sein, dass ich studiert habe und nicht – wie das ohne Studium wohl der Fall gewesen wäre – als Sachbearbeiterin in irgendeinem Unternehmen versauere. Und es ist nicht mal besonders weit weg von hier.

Aufgrund der oben beschriebenen Situation war es so, dass jemand gesucht wurde, der sich entweder gut mit Sprachen oder im Sozialen auskannte. Da ich beides vorweisen kann, hatte ich einen Vorteil. Für irgendwas musste meine Ausbildung ja auch gut sein, haha!

Ich fange schon in zehn Tagen an… was bedeutet, dass ich doch tatsächlich einen Tag Hochzeitsurlaub bekomme. Finde ich gut, ich war schon leicht nervös. Zwei Wochen vorher bin ich eh leicht nervös. Immerhin hat Monsieur allem Anschein nach nicht das Bedürfnis, abzuspringen. 😀

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

PS: Vor einigen Wochen hatte ich ein Telefongespräch mit meiner Großmutter über meine berufliche Zukunft. Sie schlug mir vor, zu den Flüchtlingen zu gehen (ihre Worte). Abgesehen davon, dass sie mir davon abgeraten hat, zu Erwachsenen zu gehen, weil die seien ja nicht so leicht, frage ich mich, ob sie die üblichen Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen im Kopf hat. Oder ob sie mir wirklich nur einen Rat geben wollte.

PPS: Das heißt natürlich auch, dass ich nicht mehr auf Kindergeld angewiesen bin und demzufolge nicht mehr auf dem Papier bei ihr wohnen muss. Yeh!

Studentenmädchenreport, Tag 85

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Zulassung

Ich schätze, das heißt: Jetzt wird’s ernst…

Mit freundlichen Grüßen

Kitschautorin, cand. paed.

Studentenmädchenreport, Tag 70

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Mein Lieblingsdozent of all time hat den Antrag unterschrieben. Ich muss ihn jetzt zu meiner Zweitgutachterin bringen. Wenn die ihn unterschrieben hat, kann ich ihn im Dekanat abgeben – und dann gut zehn Tage später laut rufen: “Jetzt geht’s lo-hos!”

Inoffiziell ist es natürlich längst losgegangen. Ich war heute bei meinem Betreuer, um noch das eine oder andere mit ihm zu besprechen. Ich weiß jetzt, ob ich französische Quellen zitieren darf (darf ich) und wie die Arbeit ungefähr heißen wird (“Fremdenfeindlichkeit im heutigen Deutschland”).

Nicht so nett: Es gibt leichte Organisationsprobleme bzgl. früherer Leistungen, die ich bei ihm erbringen musste. Wo mache ich wie viele Punkte und macht das Prüfungsamt das mit? Es ist so nervig. Aber all das ist nichts im Vergleich zu dem, was diese Frau erleben musste:

http://www.tagesschau.de/inland/syllm-rapoport-101.html

Als ich das gelesen bzw. gesehen habe, dachte ich mir: Ich werde mich von dem kleinen bisschen, das mich nervt, nicht aufhalten lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Man hat mir nichts geklaut

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Die wichtigste Info zur Polenreise, die vor allem meine Oma interessieren dürfte, gleich vorweg. Jetzt kommt der Rest.

Montag

In Garbsen hielten wir nach knapp zwei Stunden Fahrt das erste Mal. Auf der Toilette (die gleichzeitig auch Dusche war) lagen einfach mal ein paar Socken herum, ich habe keine Ahnung, wieso. An Marienborn fuhren wir vorbei und mir fiel wieder einmal auf, dass man kaputte Gebäude erblickt, sobald man die ehemalige innerdeutsche Grenze überquert hat. Am Rastplatz Börde-Süd hielten wir das zweite Mal. Wenn ich früher lange Fahrten unternommen habe, zum Beispiel zu Verwandten, bin ich ganz viel über die Rastplätze gelaufen. An dem Tag latschte ich herum und sah einfach mal, dass einer ungeniert in den Busch gepinkelt hat. Schwein.

Zwischendurch bemerkte Dozent 2, dass wohl keiner polnisches Geld dabeihabe. Ich und einige andere verneinten. Antwort: “Dann sind Sie wohl schlauer als wir.” Smiley mit geöffnetem Mund

Ein paar Kilometer später bot ich Dozent 1 selbstgebackene Brownies aus meinem Proviant an, er lehnte dankend ab. “Schade, ich hatte gehofft, einen Brownie-Bonus auf meine Bachelorarbeit zu bekommen.” “Da müssen Sie schon mit mehr kommen. Ab 300 Euro sind Sie dabei.” Ich überlege es mir.

Zu den Klängen von “Ya na mori”, die aus meinem MP3-Player stammten, überquerten wir die Grenze nach Polen. Für uns interessierte sich niemand, aber auf der anderen Seite der Autobahn standen Grenzer, die einzelne Vehikel herausgewunken haben. Apropos Vehikel – ich sah auf der Autostrada 4 sehr interessante Sachen, zum Beispiel ein Auto, bei dem die Heckscheibe aus ein wenig Plastikfolie bestand… Ansonsten bemerkte ich noch, dass weite Teile von Polen auch nicht anders aussehen als Ostdeutschland.

Gegen 21 Uhr abends kamen wir nach 14 Stunden Fahrt am Hotel an. Mit dem Etablissement, das nach polnischem Standard drei Sterne trug, war ich sehr zufrieden. Ich hatte ein Doppelzimmer für mich allein und in drei Minuten Entfernung gab es eine Pizzeria, bei der “klein” schon größer und billiger als zu Hause war. Und im Hotel gab es gratis WLAN. Lief bei mir! Die Pizza Don Corleone war so gut, dass ich glaubte, davon zu träumen. Nebenbei habe ich mich nett mit dem Sohn von Dozent 1 unterhalten, der auch dabei war.

Dienstag

Aufgewacht bin ich um 10 vor 6 dadurch, dass die Sonne in mein Fenster schien, es gab nämlich keine Jalousien. Aber ich konnte ja wieder einschlafen, also was soll’s. Ich habe übrigens geträumt, jemand klaut mein Portmonee und bedroht mich dann mit einem Messer. Habe dann den Rest der Reise wie ein Luchs auf meine Sachen aufgepasst.

Im Hotel (es geht übrigens um das Hotel Demel) war es entgegen gewisser Berichte gar nicht so laut und ich habe die Ohrenstöpsel umsonst mitgenommen. Das Frühstück war auch sehr lecker.

Wir haben mit Studenten der örtlichen Universität gearbeitet, danach habe ich ausgiebig die Altstadt erkundet und während des Abendessens ausgiebig mit der polnischen Dozentin geredet. Und mit einer kroatischen Erasmus-Studentin. Die wollte nicht neben Dozent 1 an der Ecke sitzen, weil das laut Aberglauben bedeutet hätte, dass sie nie heiraten wird. Aber Dozent 1 hatte so oder so seinen Spaß, der konnte mit zwei anderen Studenten nämlich in seiner Muttersprache reden. Der Weg zurück ins Hotel war sehr witzig, erst haben wir ewig nach der Straßenbahn-Haltestelle gesucht und dann war da ein Pole, der uns wohl erklären wollte, mit welcher Linie wir fahren und wie lange wir warten mussten. Problem: Er hat mit uns stumpf Polnisch gesprochen und das beherrschte keiner.

Mittwoch

Beim Aufwachen habe ich mich gefragt, ob man vergebene Leute daran erkennt, dass sie, auch wenn sie ein Doppelbett für sich allein haben, trotzdem auf einer Seite davon schlafen. Nachdem ich mich aus dem Bett, in den Frühstücksraum und zurück ins Zimmer geschafft habe, ging es los Richtung Auschwitz-Birkenau. Ich möchte an dieser Stelle den Leuten dafür danken, die mir Sonnencreme gespendet haben, ansonsten sähe ich jetzt vermutlich aus wie ein Steak. Und ich kann nicht glauben, dass ich mir über die Knallsonne mehr Sorgen gemacht habe als über das Lager an sich. Der kanadische Student, der zurzeit Praktikum in der Gedenkstätte macht, meinte, ich hätte später sicher noch einen Betroffenheitsmoment.

Im Lager haben wir aber schon komische Sachen erlebt. Leute, die Selfies vor dem Eingangstor oder an der Wand machen, wo viele Häftlinge abgeknallt wurden, ein Niederländer, der die Führerin fragte, warum die Deutschen die Juden eigentlich so gehasst haben… Manche Leute aus meiner Gruppe wollten ihm erst mal einige Zusatzstunden Geschichtsunterricht verpassen, was ich gut verstehen kann.

Am Abend ging es wieder in die Pizzeria nahe des Hotels und dort habe ich einige lustige Sachen erlebt… inklusive eines Spiels, das ich vorher selber nicht kannte und trotzdem gewonnen habe (“Tot, töter, am tötesten”), und die Dozenten haben auch mitgespielt. Ist das nicht cool – Dozenten, die so was mitmachen?

Donnerstag

An diesem Tag ist nicht so viel passiert. Ich schrieb ja, dass die Fahrt um einen Tag verkürzt werden musste, die Dozenten mussten die Planung also umschmeißen. Was sie nicht bedacht haben: Donnerstag war Fronleichnam und im hochkatholischen Polen haben da unglaublich viele Sachen geschlossen. Unter anderem die Programmpunkte Schindler-Fabrik und Alte Synagoge. Das nenne ich mal gelebte Interreligiösität.

Letzten Endes sind wir durch Kazimierz gelaufen und dort habe ich mich dann einem kleinen Grüppchen angeschlossen, das in eine Kneipe hinter der Izaak-Synagoge wollte. Ich habe dort einen sehr guten Virgin Mojito getrunken, die anderen haben sich an Honig- und Haselnusswodka gehalten. Wir kamen zu spät zum abendlichen Treffpunkt mit dem Rest, weil unbedingt noch im Alkladen eingekauft werden musste. Ich habe für ein Mädel Kippen gekauft (“damit ich mich nicht anstellen muss”) und für meinen Freund ein bisschen Honigwodka.

Zu Abend aß ich georgische Pfannkuchen (sehr, sehr lecker) und auf dem Rückweg war es wieder mal sehr lustig, weil die Straßenbahn rasanter fährt als die in Rostock und nebenbei noch Tickets gekauft werden mussten. Ich habe Leuten Zlotys für den Automaten geliehen und es in Euro wiederbekommen.

Übrigens, am Neuen Platz bekommt man Baguettes, die so groß sind wie ein Unterarm und nur 6 Zloty kosten. Das hätte ich mal der Caféteria-Dame vom Gymnasium sagen wollen, die einem für ein handgroßes Teil ein Euro zwanzig abknüpfen wollte.

Freitag

Die Fahrt war ganz in Ordnung. Blöd ist nur, wenn man grad dringend schlafen will und die Dozenten dann mit einer Gruppenarbeit kommen. Der Busfahrer, der uns die letzten vier Stunden kutschierte, kutschierte uns bei der Ankunft dann zunächst mal dorthin, wo Busse gar nicht reinfahren dürfen, inklusive eines Einbiegeversuchs zum Taxistand, in der falschen Richtung übrigens. Ansonsten ist aber nichts passiert.

Als ich gegen zwanzig nach neun zu Hause ankam, wusste ich nicht, ob ich glücklich oder traurig sein sollte. Eins steht aber fest: Ich werde auf jeden Fall wieder dahin reisen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Studentenmädchenreport, Tag 58

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Ich habe immer noch tierische Angst, dass mein Studium wegen irgendeiner lächerlichen Sache in die Länge gezogen wird. Heute wäre es fast soweit gewesen.

Als ich der Dame vom Prüfungsamt (sie heißt übrigens so wie eine gewisse Märchenfigur, die gern für Schnee sorgt) mitteilte, ich wolle meine Bachelorarbeit beantragen, teilte sie mir mit, mir würden acht Punkte fehlen. In der Prüfungsordnung hatte ich nur davon gelesen, dass man insgesamt 120 Punkte haben muss, wenn man anfangen will. Nicht aber davon, dass ich 54 Punkte in dem Fach brauche, in dem ich  schreiben will. Nun gut, dachte ich mir, schaue ich halt, wie ich die fehlenden acht am schnellsten kriege. Ergebnis: Sämtliche relativ leicht zu kriegenden Punkte lagen in einem Bereich namens “Profilbildung”.

*kleiner Exkurs*

In einem Studium muss man sich irgendwann auf ein bestimmtes Gebiet spezialisieren. Im 2-Fächer-Bachelor-Teilstudiengang Erziehungswissenschaft gibt es dafür den so genannten Bereich “Profilbildung”, auch genannt “Profilbereich”. Man kann Sachen aus folgenden fünf Gebieten wählen:

– Sozialpädagogik

– Heterogenität: Geschlecht, soziale Lage, ethnische Herkunft

– Schultheorie und Schulentwicklung

– Erziehungs-, Bildungs- und Sozialisationstheorien

– Frühe Kindheit

*Exkurs Ende*

Belegt hatte ich Veranstaltung aus den drei erstgenannten Gebieten. In der studentischen Beratung hatte man mir gesagt, das sei völlig okay, aber wer weiß, ob die das im Dekanat genauso sehen? Letztlich wurde es aber anstandslos abgenommen. Ich habe in dem Bereich eine Gesamtnote von 1,8. Das würde mir keiner abnehmen, der weiß, welche Noten ich auf dem Gymnasium hatte. Ich glaube es ja selber nicht.

Das Ganze läuft jetzt so weiter: Ich habe meinen Teil des Zulassungsantrags ausgefüllt und im Sekretariat meines Lieblingsdozenten abgegeben. Er als Erstprüfer und meine Zweitprüferin müssen ihre Unterschrift druntersetzen, ich gebe den Antrag im Dekanat oder bei der Frau mit dem märchenfigurähnlichen Namen ab und ein paar Wochen später habe ich die offizielle Schreibzeit.

Die  Sekretärin meines Lieblingsdozenten versprach, ihm den Antrag schnell zu geben. Allerdings hat sie keine Ahnung, ob das passieren wird, bevor er und ich und ein Haufen junger Menschen am Sonntag gen Polen aufbrechen. (Hoffen wir mal, dass ich das kann. Momentan besteht die geringe Chance, dass die Zerrung an meinem Bein in Wahrheit eine Thrombose ist. Ich schreibe morgen mehr, entweder hier oder auf Twitter.)

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

PS: “Wer ist Ihr Zweitprüfer?” Ich nenne den Namen. “Diese Frau ist mir nicht bekannt.” “Dochdoch, sie ist in der Interkulturellen Pädagogik.” “Ist diese Frau überhaupt in der Prüferliste?” Ich sage, dass mein Lieblingsdozent sie mir empfohlen hat. “*blätter* Ja, in der Tat, da steht sie. Ich kenne diese Frau nicht.” Smiley mit geöffnetem Mund

PPS: Soeben erreicht mich die Nachricht, dass die Exkursion wegen eines Missverständnisses mit dem Busunternehmen erst einen Tag später losgeht. Fängt ja gut an…