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Wo ist die Liebe hin?, Teil 2

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Kurze Zeit später standen wir vor einem Haus in der Berliner Straße. Ich drückte auf die Klingel mit dem Namen Steiner.

„Wieso willst du ausgerechnet zu dem?“, fragte Anna und schaute sich nach allen Seiten um, als würde sie befürchten, jemand könnte sie hier sehen. Mit dem war Freddy gemeint. Seit der Parisfahrt war er mein Kumpel geworden und auch wenn Anna und Aurélie, meine zweitbeste Freundin, sich an ihn gewöhnt hatten, fanden sie ihn immer noch ein bisschen, na ja, seltsam.

„Willst du ’ne gute Abinote oder nicht?“, fragte ich sie.

„Ja schon, aber…“

„Nichts da! Du kommst jetzt mit!“ Jetzt ging jemand an die Gegensprechanlage. „Hallo?“, hörte ich von Frau Steiner. Das war Freddys Oma, bei der er lebte, seit seine Eltern gestorben waren.

„Hallo, Frau Steiner! Wir sind es, Sara und Anna! Wir möchten gerne zu Frederik.“

„Kommt herauf!“ Sie öffnete die Haustür und wir traten ein.

Wenig später standen wir in der Wohnung.

„Das ist aber eine Freude! Ich habe ein paar Kekse gemacht, wollt ihr welche probieren?“

Frau Steiner war eine liebe Oma, ganz anders als meine. „Vielen Dank, wir nehmen gern welche!“, sagten wir und gingen in die Küche, um uns ein paar der leckeren Schokoladenkekse zu holen.

Noch mit vollen Backen verließen wir die Küche wieder, um Freddy in seinem Zimmer aufzusuchen, als wir plötzlich eine Begegnung der dritten Art hatten. Anna stand ein paar zögerliche Schritte hinter mir, doch auch ihr entging nicht, was da vor uns war. Oder besser gesagt, wer.

Es war unsere gute Freundin Aurélie.

Ein Drehbuchautor oder Filmemacher hätte diese Szene vermutlich nicht besser gestalten können. Anna, Aurélie und ich standen im Flur herum und starrten uns gegenseitig mauloffen an. Das wäre vermutlich ewig so weitergegangen, wenn nicht irgendwann Aurélie gesagt hätte: „Ich konnte nicht in… Ruhe lernen…“

Dann verschwand sie hinter der Klotür.

Anna und ich sahen uns an.

„Nicht nachfragen. Einfach nicht nachfragen“, sagte ich zu ihr und dann gingen wir in Freddys Zimmer, um ihn zu begrüßen.

Einige Stunden später und um einige naturwissenschaftliche Fakten schlauer fuhr ich mit der Straßenbahn nach Hause. Ich war im Lernen fürs Abitur ein großes Stück weitergekommen. Jetzt musste ich eigentlich nur noch wiederholen, nichts Neues mehr lernen. So gut hatte es geklappt. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass Freddy ein großes Biotalent besaß.

Bestens gelaunt schloss ich die Wohnungstür auf. Ich war mir sicher, dass meine Eltern und meine Oma es verstehen würden, dass ich heute so plötzlich abgehauen war. Sie sagten doch selbst ständig, dass ein gutes Abitur wichtig für meine Zukunft sei. Wenn ich ihnen erklärte, dass ich mit Freddy und meinen Freundinnen gelernt hatte, würden sie es schon verstehen.

Vielleicht hatte ich das ein wenig zu rosig gesehen. Als ich den Flur betrat, standen meine Mutter und meine Oma jedenfalls schon da und schauten mich finster an.

„Wo warst du?“, fragte Oma und hörte sich dabei an wie eine dieser strengen Lehrerinnen aus Hanni und Nanni. Ich hatte das früher immer verschlungen, bis –

„Antworte mir bitte!“

Ich musste mich beherrschen, um meine Jacke ruhig und gelassen an den Haken zu hängen. „Ich war bei Freddy.“

„Du warst bei Freddy? Ich glaube es nicht!“ Jetzt wandte meine Oma sich wütend an meine Mutter und fixierte sie mit ihren Augen, die hinter ihrer dicken Brille versteckt waren. „Ich habe es ja gesagt! Seit sie in Paris war, trifft sie sich nur noch mit diesem Typen! Ich habe ja gesagt, dass das keine gute Entscheidung war, sie dort mitfahren zu lassen!“

„Was willst du denn damit sagen?“, riefen meine Mutter und ich gleichzeitig. Verblüfft starrten wir uns an.

„Nichts“, gab Oma zurück. „Ich will damit nur sagen, dass Sara sich nicht verzetteln soll. Man hat ja bei Lea gesehen, wohin das führt.“

„Das ist nicht wahr!“, wollte ich meine Schwester verteidigen. „Es liegt nicht an ihrem Freund, dass sie letztes Jahr fast durch die Pädagogikprüfung gefallen wäre. Sie hat gelernt wie ’ne Blöde.“

„Nicht in diesem Ton, Sara!“

„Ist doch wahr! Jedenfalls war sie bei der Prüfung echt tierisch nervös. Ihren Freund hat sie in der Zeit kaum gesehen. Es liegt nicht an ihm.“

Meine Mutter wollte schon zustimmen, doch da fuhr Oma mich an: „Ach, hör mir doch auf! Dich nach Paris fahren zu lassen, war auf jeden Fall eine absolute Fehlentscheidung! Wozu hat das denn geführt bei dir? Anstatt fürs Abitur zu lernen, hängst du nur noch mit diesem Burschen herum. Und du sagst mir, du lernst immer fleißig? Dass ich nicht lache!“

„Ich habe –“, setzte ich an, doch Mama kam mir zuvor.

„Elisabeth“ – gemeint war meine Oma – „bitte werde jetzt nicht ungerecht. Es stimmt, Sara hat einige ihrer Pflichten vernachlässigt, aber –“

„Nichts aber! Du wusstest ganz genau, dass Sara auf der Parisreise Blödsinn machen wird, und hast es ihr trotzdem erlaubt! Und die Geschichte gibt ihr Recht! Sie hat sich mit diesem Burschen eingelassen!“

„Das stimmt überhaupt nicht!“ Ich wollte auch endlich mal etwas sagen dürfen. „Freddy ist mein guter Freund, aber nicht mein Freund! Bitte versteht das endlich. Außerdem haben wir zusammen gelernt, was ich hier ja nicht konnte.“

„Lernen! Dass ich nicht lache!“ Oma schnaubte und sah zur Decke.

„Elisabeth, jetzt wirst du aber wirklich ungerecht!“

„Ich? Ungerecht? Ich weise nur deine Tochter darauf hin, dass sie gewisse Pflichten hat. Darin hast du jawohl versagt. Oder warum lernt Sara nicht mehr für ihr Abitur und vergisst, den Haushalt zu machen? Warum hat Lea schon wieder die Uni geschwänzt? Warum hat Paul schon wieder seine Hausaufgaben nicht gemacht? Warum?“

Aufgebracht rief meine Mutter: „Ich lasse nicht auf mir sitzen, dass ich alles vergesse, seit ich wieder arbeite! Das stimmt nicht! Abgesehen von den paar Kleinigkeiten funktioniert doch alles wirklich prima!“

Da konnte ich ihr im Grunde nur zustimmen, auch wenn Mama manchmal etwas gestresster wirkte.

„In Wahrheit suchst du doch nur einen Grund, dass ich wieder aufhöre, zu arbeiten, und die brave Hausfrau gebe, die du so gerne hättest! Aber du hast Pech gehabt, so eine Frau bin ich nicht!“

In diesem Moment kam mein Vater aus seiner Anwaltskanzlei nach Hause. Er hängte seinen Mantel und seinen Schal an den Haken, streifte seine Schuhe ab und fragte: „Hallo Mutter, hallo Liebes! Wann gibt’s Essen?“

Manche Leute scheinen einfach ein Gefühl für perfektes Timing zu haben. Ich rannte schnell in mein Zimmer und drehte die Anlage auf, bevor ich mitkriegte, wie er von seiner Ehefrau einen auf den Deckel bekam.

Am nächsten Morgen suchte ich verzweifelt nach meinem Pullover. Es war mein Lieblingspullover, der schwarze Kapuzenpulli in Größe L, denn er war so schön kuschlig. Leider war er unaufffindbar. Wo konnte er nur sein?

Da fiel mir etwas ein. Die Wäscheständer standen bei Regen doch immer im Wohnzimmer. Also ging ich dorthin. Mir fiel auf, dass die Jalousien heruntergelassen waren, deswegen stellte ich die Lampe an.

Und erntete damit lautes Geschimpfe. „Verdammt, kann man denn nirgendwo in Ruhe schlafen?“ Die Stimme gehörte einem männlichen Wesen. Meinem Vater.

„Wieso schläfst du denn auf der Couch?“, wollte ich von ihm wissen. Er rieb sich die Augen und meinte: „Ist gut für den Rücken.“

Skeptisch dachte ich: Wahrscheinlich hat er einfach gestern von Mama mehr als nur einen auf den Deckel gekriegt. Ich ließ ihn in Ruhe und holte nur schnell meinen Pullover, denn auf weitere Familienstreits war ich nicht gerade scharf.

Beim Frühstück kam es nicht zu einem neuen Streit. Wirklich gemütlich war die Atmosphäre aber auch nicht gerade. Und da Paul, der uns sonst bei Laune hielt, schon in der Schule war, war es noch schlimmer.

Nur, um etwas zu sagen, bemerkte Papa, dass ihm der Reis, den Mama ihm gestern Abend noch zubereitet hatte, ausgezeichnet geschmeckt hatte. Worauf Mama ihn böse anfunkelte. Ich konnte mir gut vorstellen, warum.

Bevor die Situation zu eskalieren drohte, erzählte Lea von einer Vorlesung an der Uni. Sie studierte Anglistik und ihr Professor hatte neulich einen super Witz über Shakespeare gerissen, den sie uns unbedingt mitteilen musste.

„Also warst du mal wieder in der Uni, ja?“, murmelte Oma.

„Elisabeth!“, entfuhr es Mama schockiert.

„Ist schon gut, ich hab halt ’nen lockeren Stundenplan.“

„Und was hast du heute noch so vor?“, wendete sich Mama nun an mich.

„Ich lerne noch mal abschließend für die Prüfung morgen und dann treffe ich mich mit Anna und Aurélie.“

„Wenn du meinst, dass das ausreicht…“ Schon wieder musste Oma einen ihrer Kommentare abgeben. Mama schaute sie nicht gerade freundlich an. Na herrlich.

„Ja, es reicht aus. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich muss ins Bad.“

Zum letzten Mal minderjährig, Teil 9

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Nach dem Abendessen winkten Herr Nowitzki und Frau Lacombe Freddy und mich zu sich an den Tisch. Sie bemühten sich, dies unauffällig zu tun, doch natürlich bekamen es am Ende wieder alle mit. Der Großteil unserer Reisegruppe verließ tratschend und schwatzend den Essenssaal. Oh wunderbar.

„Sie wollten uns sprechen?“, begann ich, aber unsere Begleitpersonen sprachen nicht, bis alle Schüler außer Freddy und mir weg waren.

„Ja. Wir haben uns entschieden, wie wir in dieser Sache weiter vorgehen“, informierte uns Herr Nowitzki.

„Und was wollen Sie jetzt tun?“, fragte Freddy, mit so einem eigentümlichen Ton in der Stimme. Außerdem streckte er sein Kinn leicht vor. Irgendwie hatte dies etwas Triumphierendes. Wieso nur? Was hatte er gemacht?

Frau Lacombe reagierte auf Freddys Gesten, indem sie ihn böse anguckte. Sehr böse. Es erinnerte mich an eine Frau aus meiner Lieblingsfernsehserie, die mit ihrem bösen Blick Bauchschmerzen verursachen konnte.

„Wir… haben beschlossen, eure Eltern nicht zu informieren“, sagte Frau Lacombe und rang dabei sichtlich um Fassung.

Wie bitte? Das konnte doch nicht wahr sein! Ich wollte vor Freude aufspringen. Jedoch schob Herr Nowitzki hinterher: „Allerdings verlangen Frau Lacombe und ich, dass ihr einen Aufsatz über die gefährlichen Folgen von Alkohol schreibt.“

Ich war damit voll zufrieden. Lediglich Freddy hatte noch etwas zu sagen:

„Und was ist mit den anderen?“

Zuerst kapierte ich nicht. Welche anderen? Doch dann verstand ich, dass sich das auf einen seiner Einwürfe von heute Morgen bezog.

„Sie werden ebenfalls ihre gerechte Strafe erhalten“, gab Frau Lacombe, immer noch um Fassung ringend, zurück.

Jetzt waren Freddy und ich entlassen.

Im Flur vorm Speisesaal sprang ich – endlich – in die Luft und fiel Freddy vor lauter Freude sogar um den Hals. „Danke! Du bist echt super!“

„Schon gut“, wehrte Freddy lachend ab.

„Aber – wie hast du das jetzt eigentlich gemacht?“, fragte ich neugierig.

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Ich mag lange Geschichten.“

Er überlegte eine Weile. „Gut. Wenn du so neugierig bist, kann ich dich natürlich nicht enttäuschen. Kommst du mit? Dann erzähle ich dir alles.“

„Aber wohin soll ich mitkommen?“

„Hmm… Wie wäre es mit einem Trip zur Place de la Concorde?“

Ich willigte ein.

Zwanzig Minuten später fuhr unsere Métro in die Station Concorde ein. Wir stiegen ganz normal aus und standen nebeneinander auf dem Gleis. Auf einmal rannte Freddy Richtung Ausgang und rief: „Du kriegst mich nie!“

„Natürlich kriege ich dich!“, rief ich und rannte hinterher. Wir rempelten einige Passanten an und die Musiker, die in der Station auf einige Centimes hofften, schauten uns amüsiert hinterher, doch das war mir egal. Ich mühte mich tierisch ab, um Freddy noch zu erwischen, und rannte dabei so schnell, dass Herr Nowitzki, der auch Sportlehrer war, neidisch geguckt hätte.

Oben am Ausgang, neben einem Werbeplakat, kriegte ich ihn dann endlich.

Keuchend rief ich: „Hab dich!“

Nicht weniger kaputt entgegnete er: „Ja, hat aber ganz schön lange gedauert!“

Wir gingen zur Place de la Concorde. Als wir dort waren, war ich überrascht von der Platz und seine Umgebung um diese Zeit ausstrahlten. In der Nähe stand ein imposantes Gebäude.

„Weißt du, was das ist?“, fragte ich und zeigte darauf.

„Das ist das Hôtel de Crillon“, erzählte Freddy.

„Woher weißt du das?“ Ich war beeindruckt davon, dass er das wusste. Vom Hôtel de Crillon hatte ich noch nie etwas gehört.

„Ach, meine Oma hat mir einen Reiseführer mitgegeben“, erwiderte er. „Sie kümmert sich wirklich um mich.“

„Das ist schön“, sagte ich unbehaglich und wusste danach gar nicht mehr, was ich sagen sollte.

Glücklicherweise hatte es Freddy nicht die Sprache verschlagen. Er pflanzte sich auf ein niedriges Mäuerchen und fragte: „Willst du nun wissen, wie ich die Lacombe und den Nowitzki zum Einknicken gebracht habe?“

„Ja, klar!“

„Komm, setz dich.“ Er klopfte mit der rechten Hand neben sich aufs Mäuerchen. Ich ließ mich neben ihm nieder und er erzählte mir die ganze Geschichte. Sie war ungeheuerlich und, durch Freddys Erzählweise, stellenweise einfach nur komisch.

Gestern, als wir wieder in der Jugendherberge waren, verschwand Frau Lacombe mit Herrn Nowitzki auf ihr Zimmer. Fünf Minuten später ist Freddy eingefallen, dass er noch eine dringende Frage zum heutigen Programm hatte, also hat er das Zimmer der beiden aufgesucht.

Als er angekommen ist, hat er gesehen, dass die Tür einen kleinen Spalt aufstand. Weil er komische Geräusche von drinnen gehört hat, hat er hereingeguckt und sah dort etwas, „was ich nie wieder sehen will! Es war verdammt widerlich!“

Was hatte er gesehen? Frau Lacombe und Herrn Nowitzki, wie sie l’amour machten! Das war natürlich ein gefundenes Fressen für ihn, denn Frau Lacombe ist bereits verheiratet. Als Freddy Frau Lacombe heute damit konfrontiert hatte, hatte unsere Französischlehrerin ganz schön blöd aus der Wäsche geguckt, zunächst aber nur gefaucht: „Petit démon! Du willst mich erpressen? Das schaffst du nicht!“

Worauf Freddy lässig gekontert hatte, dass er auch gerne meinen Anwaltsvater informieren könne, von wegen Verletzung der Aufsichtspflicht und so. Das Gerücht, dass unsere Lehrer gestern eine Fahrt auf der Seine gemacht hatten, anstatt in der Jugendherberge auf uns aufzupassen, hatte nämlich gestimmt.

Da wurde Frau Lacombe so langsam klar, was sie sich und ihrem Kollegen mit einer Information unserer Eltern über unseren Ausrutscher alles einhandeln würde. Sie schluckte mehrmals heftig, guckte schwitzend überall im Raum herum und hat dann eine Krisensitzung mit Herrn Nowitzki abgehalten.

„Tja, und am Ende hat sie dann gesagt, dass sie unseren Erziehungsberechtigten nichts über letzte Nacht erzählt“, schloss Freddy seinen Bericht.

Ich lag lachend auf dem Mäuerchen. „Boah, cool!“

Als ich mich wieder beruhigt hatte, richtete ich mich auf. „Ich muss gestehen, das hätte ich dir nicht zugetraut“, überwand ich mich.

„Wieso?“

„Na ja“, druckste ich herum, „ich fand dich irgendwie… komisch.“

„Ja, das sagen viele“, antwortete Freddy gar nicht beleidigt. „Deswegen habe ich auch nicht so viele Freunde.“

„Ah ja. Aber… sag mal…“

„Ja, was denn?“

„Wieso hast du mich immer so angestarrt?“

„Hmm… schwer zu sagen. Ich fand dich irgendwie interessant.“

Also doch. Es war also war. Freddy war in mich verknallt. Oh mein Gott. Was –

„Aber nicht, dass du denkst. dass ich was von dir will“, fügte Freddy hastig hinzu. „Ich fand dich nur… als Freundin interessant.“

„Fängst du alle deine Freundschaften so an? Dann wundert es mich nicht, dass du nicht so viele Freunde hast“, versetzte ich.

Nun guckte er unsicher.

„Schon gut. Freunde?“ Ich hielt ihm die Hand hin.

„Freunde!“ Erleichtert schlug er ein.

„Fand ich wirklich cool von dir, dass du dich so eingesetzt hast“, teilte ich ihm mit, während wir auf dem Rückweg zur Station Concorde waren. „Wenn du nichts getan hättest, wäre bei mir zu Hause jetzt der Teufel los.“

„Denk ja nicht, dass ich das gemacht habe, um dir zu helfen. Ich wollte nur meinen Hintern retten“, entgegnete Freddy grinsend und streckte mir die Zunge heraus.

„Blödmann!“ Lachend zog ich ihm seine Strickmütze über die Augen.

Als eine metallisch klingende Stimme die Fahrgäste der Métro darüber informierte, dass wir uns der Station Louvre-Rivoli näherten, klingelte auf einmal mein Handy. Ich schaute aufs Display. Zu Hause, stand da. Nanu, was war denn jetzt los? Ich drückte auf den grünen Hörer.

„Hallo?“

„Hallo, Sara, hier ist deine Mutter!“

„Hallo, was ist denn?“

„Ich habe erst Lea erreichen wollen, aber die hat ihr Handy mal wieder nicht an.“

„Ja, aber warum denn?“ Langsam wurde ich ungeduldig. Freddy guckte ich neugierig.

„Ich habe mich dazu entschieden, das Angebot meiner Freundin anzunehmen. Ich werde wieder arbeiten“, erklärte Mama überglücklich.

„Das ist schön!“, freute ich mich. „Aber deswegen rufst du uns an?“

„Ja, natürlich! Das ist doch eine äußerst wichtige Entscheidung!“

„Stimmt.“ Da fiel mir noch etwas ein. „Was haben Papa und Oma dazu gesagt?“

„Die sind einverstanden. Wir haben einen Plan ausgearbeitet, den zeigen wir Lea und dir, wenn ihr wieder da seid.“

„Okay, aber ich muss jetzt Schluss machen, ich bin grad unterwegs!“

„Mit wem denn?“

„Mit einem Freund aus meiner Stufe!“ Ich zwinkerte Freddy zu, er zwinkerte zurück.

„Dann noch viel Spaß! Bis bald!“

„Tschüss!“ Ich legte auf.

„Deine Mutter?“, vermutete Freddy ganz richtig. Ich nickte.

„Du scheinst ja zu Hause gerade eine wichtige Zeit durchzumachen.“

Überrascht fragte ich: „Wie kommst du darauf?“

„Ach, das hab ich dir angehört. Möchtest du mir erzählen, worum es geht?“

Ich erzählte in Kurzform, was passiert war.

„Puuh“, stöhnte Freddy. „Das war bestimmt ätzend.“

„Hm, es ging. Ist vermutlich auch immer noch besser, als… niemanden zu haben.“

Freddy sah aus dem Fenster, während er nickte. „Manchmal habe ich meine Familie sehr vermisst.“

„Tut mir wirklich Leid, dass das passiert ist.“

„Schon gut. Im Grunde kenne ich es ja nicht anders.“

Wir kamen an der Station an, an der wir aussteigen mussten. Es war Saint-Paul. Schweigend wanderten wir die paar hundert Meter von der Métrostation zur Jugendherberge.

Als wir schließlich vor dem fünfstöckigen Klotz standen, stellte ich ihm noch eine letzte Frage.

„Wieso hast du mich gestern geküsst?“

Freddy drehte sich herum. „Bitte versteh das jetzt nicht falsch, aber das lag ganz einfach daran, dass ich noch mehr Merlot getrunken hatte als du. Unter normalen Umständen hätte ich dich niemals geküsst.“

Wir lachten beide.

Anderthalb Tage später saß die Familie Lehmann wieder gemeinsam am Frühstückstisch und unterhielt sich miteinander.

Wir unterhielten uns über die nun hinter mir und Lea liegende Parisfahrt. Ich zeigte Paul die Fotos auf meiner Digitalkamera und er zeigte sich vor allem von dem Bild eines Vogels beeindruckt, das ich in einem Pariser Museum gemacht hatte.

Irgendwann wollte Mama wissen, wer denn der Mensch war, mit dem ich vorletzten Abend in Paris unterwegs gewesen war.

„Ach, das war Frederik aus meiner Stufe“, erzählte ich möglichst beiläufig, konnte aber nicht vermeiden, dass Lea mich verschwörerisch ansah.

Egal, ich brauchte keine Angst zu haben. Lea hielt zu mir, wir waren schließlich Schwestern. Und zwar welche mit einem Spitzenverhältnis, so was fand man nicht so oft auf der Welt.

Nach dem Frühstück erklärte uns Mama, wie sie die Haushaltsführung und überhaupt die ganze Organisation in Zukunft weiterführen wollte.

Sie erklärte Lea und mir die Pläne, die sie, Oma und Papa ausgearbeitet hatten, und wirkte dabei richtig glücklich.

Da Paul nach der Schule nicht mehr abgeholt werden konnte, sollte er demnächst in eine Betreuungsgruppe kommen. Oma sollte ihn dann abholen, wenn sie von dem Sport wiederkam, den sie wegen ihres schwachen Knies machen musste. Papa würde beruflich etwas kürzer treten und sich gemeinsam mit Lea und mir um den Haushalt kümmern.

„Und was ist dann mit dem Mittagessen?“

„Das ist zukünftig leider kalt“, erklärte Mama. „Aber abends, wenn ich wieder da bin, kann ich dann für euch kochen.“

Die Pläne klangen wirklich gut.

Abends dachte ich noch mal über die jetzige Situation nach. Beim Frühstück hatte eine große Harmonie geherrscht. Und diesmal war es eine echte Harmonie, nicht so eine bröckelige, die jeden Augenblick zu zerbrechen droht. Zum ersten Mal seit langem war ich zuversichtlich, dass wir uns lange miteinander vertragen konnten. Ich durfte nicht vergessen, mich noch mal bei Freddy zu bedanken. Wenn er sich nicht für uns beide eingesetzt hätte, wäre dieser Familienfrieden nie möglich gewesen.

Zum letzten Mal minderjährig, Teil 4

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Ich merkte es schon, als ich vor der Haustür stand. Heute hatte Oma gekocht.

Als ich dann in der Küche stand, merkte ich auch, was sie zubereitet hatte. Auf meinem Teller lag auch schon etwas davon. Ich wollte von diesem Hackbraten nichts essen, ich war nämlich schon seit anderthalb Jahren Vegetarierin.

Also sagte ich zu meiner Mutter: „Ich möchte davon nichts essen!“

„Wieso nicht?“, schaltete sich Oma ein.

„Weil ich seit eineinhalb Jahren kein Fleisch mehr esse!“ Bekommt denn hier keiner was mit?, wollte ich am liebsten noch hinterherschieben, aber ich ließ es sein.

„Bitte iss was davon!“, befahl Mama und bemühte sich, ihrer Stimme einen energischen Ton zu geben. Doch dann sah ich den Ausdruck in ihren Augen: er hatte etwas Flehendes. Oh, oh, dachte ich. War die ach so tolle Harmonie etwa am Bröckeln? Das gefiel mir irgendwie nicht wirklich.

Einen Augenblick lang überlegte ich fast, ob ich das nicht doch ausnahmsweise mal essen sollte, um der Familienharmonie willen, doch da sagte Oma bereits: „Lass das Kind doch! Wenn sie nicht will, dann will sie eben nicht!“ Allzu glücklich sah sie aber auch nicht aus.

Mit Unbehagen gab ich meinen Braten an Paul weiter, der aß wie eine siebenköpfige Raupe, und füllte mir noch etwas mehr von den Kartoffeln auf.

Nach dem Essen räumte Mama schnell das Geschirr weg und verschwand wortlos.

Nanu, was war denn jetzt los?

Ich sollte es gleich erfahren: Sie kam mit einem großen hellblauen Plakat und einem Edding zurück.

„Passt mal auf! Ich habe mir da was überlegt!“, teilte uns Mama mit. „So kann es nicht weitergehen und deswegen dachte ich, wir überlegen uns jetzt ganz gründlich, wie wir in dieser Sache vorgehen.“

„Was heißt ‚vorgehen‘?“, fragte Paul, doch niemand beachtete ihn.

Mama rollte das Plakat auf und schrieb auf die eine Seite ein großes Plus, auf die andere Seite ein großes Minus.

Ah, ich verstand. Diese Methode kannte ich aus den Erziehungsberatern, die ich manchmal zu meinem Amusement las. Was dort vorgeschlagen wurde, war teilweise einfach nur lustig. Aber wenn das helfen sollte…

„Auf die Seite mit dem Plus schreiben wir alle Gründe, die dafür sprechen, dass ich wieder arbeite“, erklärte meine Mutter. „Auf die Seite mit dem Minus kommt alles, was dagegen spricht.“

Die Seite mit dem Plus fiel ziemlich dünn aus. ‚Mehr Geld‘ und ‚Selbstverwirklichung‘ stand dort.

„Wieso ’selbst verwirklichen‘, du bist doch schon da“, bemerkte Paul irritiert und oberschlau. Normalerweise hätte Mama über so eine Bemerkung gelacht. Diesmal guckte sie irgendwie traurig.

Als wir uns an die Minus-Seite machen wollten, kam Lea nach Hause.

„Worum geht’s?“, fragte sie interessiert.

„Wir überlegen uns gerade, ob deine Mutter das Angebot annehmen soll oder nicht“, erklärte Papa und fuhr sich durch die Haare.

„Ach so“, machte Lea und setzte sich auf einen Stuhl.

Oma schrieb in ihrer alten Schrift auf: ‚Wer kümmert sich um den Haushalt und die Kinder?‘

Lea hielt ihren Kopf schief, um Omas Punkt zu entziffern und meinte: „Wieso ‚um die Kinder‘? Wir sind alt genug, um auf uns selbst aufzupassen.“

„Das musst du gerade sagen!“, fuhr Oma sie plötzlich an. „Wer hat denn das Essen anbrennen lassen, während er telefoniert hat?“

Oh, das hatte ich ja gar nicht mitbekommen! Da musste ich wohl gerade bei Anna gewesen sein.

„Wieso hast du nicht danach geguckt?“, rief Lea.

„Du weißt doch, dass ich mit meinem Knie nicht gut laufen kann! Und überhaupt, so lange zu telefonieren wegen unwichtiger Sachen!“

„Das waren keine unwichtigen Sachen!“, behauptete Lea. „Das waren vielleicht fünf Minuten! Und ich musste meinen Freund anrufen, sonst hätte es Streit gegeben.“

„Wieso hast du überhaupt schon einen Freund?“, fragte Oma. „Zu meiner Zeit hätte es so etwas nicht gegeben! Außerdem vernachlässigst du seinetwegen die Schule!“ Jetzt wendete sie sich an Mama. „Monika, du erziehst die Kinder viel zu locker!“

„Das stimmt gar nicht!“, keifte Mama. „Ich habe drei wohlgeratene Kinder! Frag doch mal lieber deinen werten Sohn, wie er sich um seinen Nachwuchs kümmert!“

„Was soll das denn heißen?“, fragte der Angesprochene pikiert. „Ihr wisst doch ganz genau, dass ich in meiner Anwaltskanzlei sehr eingespannt bin! Und einer muss ja schließlich das Geld für alle verdienen!“

„Das sehe ich ganz genauso!“, pflichtete Oma ihm bei. „Es ist deine“, hier sah sie wieder meine Mutter an, „Aufgabe gewesen, die Kinder zu erziehen, und du hast auf ganzer Linie versagt! Guck dir die Gören doch mal an!“ Nun zeigte sie anklagend mit dem Finger auf mich. „Sie verweigert das gute Essen, und ich hab mir so viel Mühe gemacht!“

Ich wollte etwas einwerfen, doch ich kam gar nicht mehr zu Wort. „Es ist ihr gutes Recht, das zu tun“, setzte sich Mama schreiend für mich ein.

„So ein Schwachsinn“, rief Oma zurück. „Sie ist siebzehn! In dem Alter hat man sich danach zu richten, was -“

„Aaaaaaaah!“, brüllte auf einmal Paul dazwischen. „Nicht streiten!“ Er fing bitterlich an zu weinen.

Der arme Kleine. Er konnte Streit überhaupt nicht leiden und schon gar nicht, wenn unsere Eltern und unsere Oma böse waren. Das hier musste ihm tierisch an die Nieren gehen.

Ich nahm ihn an der Hand und ging mit ihm zur Tür. „Ihr solltet euch schämen!“, richtete ich mich anklagend an meine Familie, die wegen Paul in ihrem Gestreite inne gehalten hatte und uns nun verdutzt ansah. „Euch vor dem Kleinen zu streiten!“

Lea sagte etwas, doch es war mir egal. Um Paul zu trösten, zog ich mir meine Sachen an und ging mit ihm zum Spielplatz.

Ob es wohl zu spät war, sich für die Parisfahrt anzumelden?

Nein, war es nicht. Frau Lacombe war sehr erfreut, dass ich auch mitfahren wollte, und reichte mir sogleich alles, was ich für die Teilnahme an der dreitägigen Exkursion nach Paris ausfüllen musste.

Da ich erst in ein paar Monaten achtzehn wurde, brauchte ich hierfür noch die Einverständniserklärung meiner Erziehungsberechtigten.

Das konnte tatsächlich ein Problem werden. Bestimmt waren meine Eltern nicht so scharf darauf, ihre jüngere Tochter mal eben in ein anderes Land fahren zu lassen, nach so einem Streit.

Wie immer, wenn ich so einen heiklen Wunsch vorbringen wollte, wartete ich den besten Moment ab. In diesem Fall bot sich der Umstand an, dass Paul ein Diktat mit null Fehlern und Lea eine Klausur mit dreizehn Punkten wiederbekommen hatte.

„Äh, Mama?“, fragte ich.

„Was ist denn?“, fragte sie zurück und sah dabei ziemlich müde aus. Das war nicht so gut. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr.

Ich holte tief Luft und sagte: „Ich habe die Möglichkeit, an einer dreitägigen Exkursion unserer Schule nach Paris teilzunehmen. Es können alle mitfahren, die mindestens sechzehn sind und es gibt ein tolles Programm.“

„Aha“, brummte Mama.

„Also, ich finde das nicht gut“, stellte Oma sich gleich wieder dagegen. „Wer sagt denn, dass sie dort nicht irgendwelchen Blödsinn anstellt?“

„Ich“, entgegnete ich frech. „Wir haben zwei Begleitpersonen, die auf uns aufpassen und darauf achten, dass wir um 24 Uhr wieder in der Jugendherberge sind.“

„Wer sind denn diese Begleitpersonen?“, wollte Papa wissen und beugte sich auf dem Tisch vor.

„Frau Lacombe, meine Französischlehrerin, und Herr Nowitzki, mein Deutschlehrer.“

„Uuuuh“, machte Lea und zog dabei ihre Augenbrauen hoch. Sie kannte die beiden auch schon und wusste daher ebenso gut wie ich, was mich auf dieser Fahrt erwarten würde.

„Und wieviel soll das Ganze kosten?“, stellte Papa die Problemfrage. Ich wusste, die Antwort würde mich höchstwahrscheinlich ihr Einverständnis kosten. Wenn meine Eltern sich bis jetzt noch nicht ablehnend gezeigt hatten, so würden sie es jetzt bestimmt tun.

„Hundert Euro“, antwortete ich und betete, dass dieser Preis niemanden abschrecken würde. Hoffentlich würde es klappen. Papa verdiente doch nicht schlecht als Anwalt, vielleicht würde er zustimmen. Es bestand die Chance, dass –

„Das ist ziemlich viel für drei Tage“, antwortete er da mitten in meine Gedanken hinein.

„Eigentlich ist das ziemlich billig“, versuchte ich sogleich, Papas Aussage zu entkräften. „Das meiste davon geht für den Zug drauf. Und wenn man dann ausrechnet, wie viel für die Übernachtungen übrig bleibt…“

Zu meiner Unterstützung schaltete sich Lea ein. „Du sagst doch selbst immer, dass wir so viel für die Schule tun sollen. Wenn sie da hinfährt, kann sie Französisch mal mit Muttersprachlern sprechen. Das würde sie doch unheimlich weiterbringen.“

So ganz überzeugt schien Papa von dem Hammer-Argument leider nicht. „Na ja, drei Tage…“, setzte er an, doch da kam ihm Mama zuvor.

„Es ist doch unheimlich toll, dass sie die Chance hat, diese Stadt zu besuchen. Ich finde, wenn sie so eine Chance bekommt, sollte sie die auch nutzen.“ Sie fixierte ihn mit einem eindringlichen Blick.

Wieso wurde ich das Gefühl nicht los, dass Mama hier irgendwie eher über sich redete als über mich? Auf jeden Fall hatte ihre Äußerung diesen Unterton. Und Papa hatte offenbar denselben Eindruck. Nur leicht widerstrebend lenkte er ein: „N-n-na gut. Dann gib den Wisch mal her, den ich unterschreiben soll.“

„Super! Danke, Papa!“, freute ich mich und drückte ihm sogar einen Kuss auf die Wange. Das hatte ich bestimmt schon nicht mehr gemacht, seit ich aus dem Kindergarten raus war. Ich holte die beiden Formulare, die ich für die Fahrt ausgefüllt wieder abgeben musste. Formidable!

Zum letzten Mal minderjährig, Teil 2

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„Guten Morgen!“

„Guten Morgen, Herr Nowitzki!“, antwortete der Kurs gelangweilt.

„Es tut mir Leid, ich hoffe, ihr musstet nicht weinen, weil ich später komme“, versuchte unser Deutschlehrer zu scherzen. Anna, die neben mir sitzt, verdrehte die Augen und raunte mir ins rechte Ohr: „Wahnsinnig witzig!“ Das brachte mich jetzt aber zum Lachen.

„Ich musste noch etwas wegen der Literatur-AG besprechen“, informierte er uns.

„Was denn. wird die neuerdings von der Bräuning geleitet?“, versetzte Anna. Die Bräuning war die neue Deutschreferendarin an unserer Schule und sah aus wie ein Supermodel. Zweifellos war sie seine Lieblingskollegin. Ich lachte.

„Was ist los, Sara?“, fragte Herr Nowitzki und grinste sein Alle-finden-mich-toll-Grinsen.

„Nichts, ich freue mich nur so, dass Sie da sind“, gab ich zurück und grinste ebenfalls.

„Das ist schön“, meinte er und begann mit seinem Unterricht.

Heute hatte er eine Kurzgeschichte über ein Mädchen in der Pubertät mitgebracht. Die hatte ein total unordentliches Zimmer, ließ ihre Freunde auf ihren Turnschuhen unterschreiben, trug laut des Ich-Erzählers viel zu kurze Miniröcke, dafür immer einen riesenlangen Schal und hörte ihre Musik so laut, dass man denken könnte, sie hätte bei sich eine Disko aufgemacht. Ich konnte nicht genau sagen, wieso, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, als wollte Herr Nowitzki sich mit dieser Kurzgeschichte an uns heranschmeißen.

Ich musste an meine Mutter denken. Wenn ich ihr diese Geschichte gezeigt hätte, hätte sie mit Sicherheit so etwas gesagt wie: „Wieso hat der Autor eine Geschichte über dich geschrieben?“ Ihr Standardspruch war, dass ich mein Zimmer auch Labor nennen könnte, weil ich dort ja Unmengen an biologischen Studien betreiben würde. Sie fand es eine Unsitte, dass meine Freundinnen auf meiner Schultasche unterschrieben hatten, nervte mich ständig damit, dass ich „meine Kapelle“ zu laut aufgedreht hätte, und meine Outfits gingen ja sowieso schon mal gar nicht. Hätte ich all die Gesundheitsschäden abbekommen, die meine Mutter mir deswegen angedroht hat, wäre ich schon tot.

Ich dachte nach. Hatte sie diesen ganzen Kram einfach satt? Wollte sie deswegen wieder als Ärztin arbeiten? Irgendwie konnte ich das verstehen. Es kam gelegentlich vor – na gut, es kam ständig vor, dass ich absolut keine Lust mehr auf mein Leben hatte und alles radikal ändern wollte. Wie oft hatte ich mir nach dem Realschulabschluss schon gewünscht, ich hätte nicht mit der Schule weitergemacht, sondern eine Ausbildung begonnen?

„Sara, du siehst zwar gut aus, aber bitte pass trotzdem auf“, unterbrach der Obercasanova meine Gedanken.

Und Sie sehen zwar gut aus, nerven aber trotzdem sehr. Ich habe wichtigere Probleme als diese dämliche Geschichte, dachte ich und tat ab jetzt so, als würde ich aufpassen.

Zu Hause kam ich mir irgendwie sehr unwirklich vor.

Es geschieht selten, dass wir alle gemeinsam zu Mittag essen, da Lea häufig bei Freunden ist, Oma ihr Mittagessen meistens alleine einnimmt und Papa meist lange arbeitet.

Doch an diesem Tag saßen alle da. Oma trug ein glückliches großmütterliches Grinsen im Gesicht, was für sie schon verdammt ungewöhnlich war. Papa trug einen merkwürdigen Strickpullover mit einem noch merkwürdigeren, mir gänzlich unbekannten Pullunder darüber. Mama grinste ebenfalls wie ein Honigkuchenpferd, tat Paul etwas von der Suppe auf und sagte dabei etwas zu ihm, was Paul zu einer unheimlich witzigen Bemerkung veranlasste. Alle lachten.

Ich kam mir vor wie in einem Werbespot. Ich wusste nicht, was diese unheimlich wirkende Harmonie erzeugt hatte, aber ich würde es herausfinden.

In diesem Moment bemerkte mich meine Familie.

„Hallo, Sara, setz dich!“, rief Lea fröhlich und wies mir den freien Platz neben ihr zu.

„Na, Sara, wie war’s in der Schule?“, wollte Mama wissen, als ich mich setzte.

„Wie immer“, antwortete ich. „Ich bin heute Morgen mit Lea hingefahren, habe sechs Stunden abgesessen, und dann bin ich mit dem Bus wieder nach Hause gefahren.“

Ach, du nun wieder, ließ Mamas Blick verlauten. Sie nahm einen Löffel von der Suppe.

„Wieso bist du eigentlich schon zu Hause?“, fragte ich Papa.

„Ich habe mir frei genommen“, entgegnete er. Komisch, das tat er äußerst selten.

Ich begutachtete den Inhalt meines Tellers. Blassbräunliche Suppe mit Nudeln drin. Wirkte irgendwie künstlich, wie aus einer dieser Tüten, die Lea immer benutzte, wenn sie mal kochen sollte.

Paul erzählte etwas über die Tiere, die sie heute in seinem Unterricht behandelt hatten. „So groß sind die!“, rief er und breitete seine kleinen Arme dabei voll aus.

„Aha“, machte Mama und goss sich noch etwas Suppe nach.

„Wollen wir heute zusammen in den Zoo gehen und uns die Vögel ansehen?“, schlug Oma vor.

Das verwunderte mich wirklich. Normalerweise beschränkte sich Omas Kontakt mit ihren Enkelkindern darauf, sie (also uns) zu bitten, den Fernseher leiser zu drehen, etwas im Haushalt zu tun oder zu wettern, wir würden alle noch von der Schule fliegen, wenn wir unsere schulischen Pflichten weiter so vernachlässigten.

„Au ja“, rief Paul begeistert.

Ich probierte etwas von der Suppe. Sie schmeckte merkwürdig.

„Äh, Mama?“, setzte Lea an. Ich kannte sie ziemlich gut und wusste daher: Sie will irgendwas von Mama.

„Wir wollen morgen von Deutsch aus ein Kurstreffen veranstalten. Können wir das bei uns im Keller machen?“

Oh, oh, das gibt Ärger, dachte ich. Die Erwachsenen, besonders Mama, hatten es nämlich überhaupt nicht gerne, wenn Lea hier etwas veranstalten wollte. Sie hatten Fantasien, dass alle mit einer Alkoholvergiftung enden oder mindestens alles vollkübeln würden.

„Aber natürlich, Lea! Um wieviel Uhr soll es losgehen?“

„Um acht. Boah, danke, Mama! Ich muss gleich alle anrufen und ihnen das erzählen.“ Meine Schwester hat viele Angewohnheiten. Dazu gehören das Liegenlassen von benutztem Geschirr im Zimmer, bis es total schimmlig ist, das laute (und falsche) Trällern der aktuellen Charts im Bad und das vorzeitige Verlassen des Esstisches.

Komischerweise blieb Lea jetzt bis zum Schluss sitzen, obwohl sie doch gerade jetzt einen Grund dafür gehabt hätte, ihrer Angewohnheit Nummer drei nachzugehen.

Ich schlürfte noch einen Löffel Suppe. Die schmeckte wirklich zu merkwürdig.

„Ich hab keinen Hunger mehr“, murmelte ich und verließ die Küche. Ich bekam noch mit, wie Paul fragte, ob er die übrig gebliebene Suppe essen dürfe, und ein „Ja, klar“ zur Antwort bekam. Warum wollte mich eigentlich niemand darauf hinweisen, dass ich mir einen Erdbeerjogurt mitgenommen hatte, obwohl ich doch angeblich keinen Hunger mehr hatte?

Ich ging in mein Zimmer. Ein Nachgeschmack der komischen künstlichen Suppe, so glaubte ich, hing noch auf meiner Zunge.

Während ich den Erdbeerjogurt löffelte, dachte ich über die gesamte Situation nach. Heute Morgen beim Frühstück hatten sich noch alle angeschwiegen. Das war nachvollziehbar, nach dem Stress gestern. Aber dann hatte Lea auf der Fahrt zur Schule so entschlossen gewirkt. Wieso nur? Was hatte sie vor? Und was war von der zur Schau gestellten Harmonie beim Mittagessen zu halten? Ich verstand das einfach nicht.

Hatte Lea Mama davon abbringen können, in das Angebot ihrer Freundin miteinzusteigen? Waren deswegen alle so friedlich? Anders konnte ich mir das nicht erklären. Und doch spürte ich, das es so einfach nicht sein konnte. Irgendwas musste noch kommen, von dem ich wusste, dass es nicht gut war. Da war ich ganz unruhig.

Im verzweifelten Versuch, mich von der Problematik abzulenken, machte ich sogar endlich mal wieder meine Hausaufgaben.

Geschützt: Kurz kommentiert (mehr oder weniger), Teil 19

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Geschützt: Tja, so ist das

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Geschützt: Reise, Reise

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Immer wieder sonntags

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…kommt die Langeweile auf. Und weil ich eine unglaubliche Selbstdarstellerin bin gerne Fragen über mich beantworte, mache ich das jetzt hier im Blog.

Wenn du ein Buntstift wärst, welche Farbe wärest du? Knallrot.

Wo willst du in deinen Flitterwochen hinfliegen? Nach Südschweden. Aber bitte nicht dahin, wo meine Eltern sind.

Was bemerkst du als Erstes am anderen Geschlecht? So komisch es klingt, aber ein sehr wichtiger Punkt sind die Haare. Sie sind meiner Meinung nach elementar für das gute Aussehen einer Person.

Was ist dein Lieblings…

körperteil? Der Kopf. Leider wird der von den meisten Menschen sehr vernachlässigt.

getränk? Leitungswasser.

film? “Spiel mir das Lied vom Tod”.

tag? Samstag.

pizza? Bolognese mit Hollandaisesoße drauf, omnom.

Welchen Film hast du als Letztes gesehen? “Dänische Delikatessen”. Kann ich sehr empfehlen. Danach mariniertes Fleisch zu essen, allerdings nicht.

Redest du viel? Laut meiner besten Freundin nicht. Laut meinem Freund wechselt es – ich habe angeblich Phasen, in denen ich kein Wort rausbringe und dann wieder welche, in denen ich nicht zu bremsen bin. Ich glaube, es ist launenabhängig.

Was isst du normalerweise zum Frühstück? Brot mit was Herzhaftem drauf. Oft ist Frischkäse dabei, davon bin ich nämlich ein Riesenfan.

Wer oder was möchtest du sein, wenn du wiedergeboren wirst? Irgendeine bedeutende Persönlichkeit der Geschichte…

Wem wärest du lieber nie begegnet? Diversen Leuten, die ich im Laufe meiner Schulausbildung getroffen habe.

Wie schafft man es, dich in sich verliebt zu machen? Man sollte ein Mensch sein. Dazu gehört außerdem, gut auszusehen, mir zuzuhören und mich zum Lachen zu bringen.

Wenn du die Chance hättest, etwas in deinem Leben anders gemacht zu haben, was wäre das? Ich hätte niemals die schulische Ausbildung gemacht.

Wie zufrieden bist du mit deiner Figur? Es hat lange gedauert, aber mittlerweile bin ich mit meiner Figur sehr zufrieden. Am besten bleibt sie genau so, wie sie jetzt ist.

Wann und mit wem hattest du das erstes Mal? Ich war 16 und es war mit meinem Freund.

Wer war früher dein Schwarm? Diverse männliche (und ein, zwei weibliche) Wesen aus meiner Schullaufbahn, die ich heute nicht mal mit dem Arsch angucken würde. Es ist mir schleierhaft, wie ich mich in die vergucken konnte, denn sie waren fast alle menschliche Ärsche.

Was ist Sex für dich? Es ist lebensnotwendig. (Ohne wäre ich ja nicht mal entstanden.)

Hattest du schon einmal ungeschützten Geschlechtsverkehr? Nein. Jeder Geschlechtsverkehr sollte geschützt sein, es sei denn, man will Kinder.

Wie ist deine Meinung zu One-Night-Stands? Solange man verhütet (siehe oben) und es hinterher niemanden gibt, der verletzt ist, finde ich sie in Ordnung.

In welchem Maße wurdest du aufgeklärt? Mein Vater hat das Thema bis auf einige “Mach-keine-Dummheiten”-Kommentare komplett ausgelassen, meine Mutter hat sich darauf beschränkt, mir zu erklären, dass ich doch die Pille verwenden soll. In der Schule habe ich drei Mal Aufklärungsunterricht mitbekommen – in der vierten Klasse, in der fünften Klasse und in der zehnten Klasse. Im fünften Schuljahr gab es so nette Bilder im Biologiebuch, wie Heranwachsende in einem bestimmten Alter aussehen. Das Bild der nackigen Neunjährigen wurde grölend herumgezeigt. Drei Mal dürft ihr raten, wer dank Überspringen die einzige Schülerin dieses Alters war. In der zehnten Klasse lief es schon vernünftiger ab, aber rückblickend hätte ich mir diesen Unterricht auch etwas anders vorgestellt. Es war alles sehr theoretisch, bestimmte Punkte wie z.B. Homosexualität wurden gemieden und Verhütungsmethoden wurden uns nur an Hand des Buches erklärt, hurra.

Wer sonst noch irgendwelche unbedingt zu beantwortenden Fragen an mich hat, darf sie gerne stellen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Nachtrag 15. September 2015: In meinen Flitterwochen will ich ums Verrecken nicht nach Südschweden. Lieber an irgendeinen Ort, den ich noch nicht kenne wie meine Westentasche. Auch andere Dinge haben sich geändert.

Nachtrag 4. November 2020: Meine Lieblingsgetränke sind Cocktails (alk.) bzw. Limonade (nichtalk.).

Geschützt: Noch mehr Zonenkram

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Und, was macht die Kitschautorin so?

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Es gibt unheimlich wichtige Neuigkeiten: Ihr könnt jetzt mit eurer Lieblings-Kitschautorin chatten! Ich habe einen eigenen Channel im IRC: irc://iz-smart.net/kitschi

Außerdem (das ist wirklich wichtig) wollen Neonazis am Samstag in Münster aufmarschieren. Ich möchte dagegen protestieren, weil man fremdenfeindlichem Denken keinen Raum geben darf, und dazu aufrufen, dass ihr das auch alle tut:

http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2012/02/27/neonazis-wollen-durch-munster-marschieren_8138

http://www.keinenmeter.de.ms/

Zum Abschluss folgt, inspiriert von meinem Abendessen, eine Kurzgeschichte.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Milchreis

Als Kind hatte Carina Milchreis immer gemocht. Sonntags hatte ihre Mutter Milchreis gekocht, alle hatten ihn zusammen gegessen, und danach war immer etwas unternommen worden. Zoo, Kino, Schwimmbad. Das hatte unglaublichen Spaß gemacht. Und es schien unglaublich lange her.

Solche Sonntagnachmittage hatte es schon seit zehn Jahren nicht mehr gegeben. Eines Tages war Schluss gewesen. Carinas Vater hatte seine Sachen gepackt und war ausgezogen. Sie hatten sich zwar immer öfter angeschrien, aber die Sonntagnachmittage hatte es trotzdem gegeben und Carinas Eltern hatten ja auch gesagt, dass sie sich immer noch sehr lieb hatten.

Daran musste Carina denken, als sie mit dem Zug Richtung Norden fuhr. Ihre Mutter wollte sie unbedingt sehen und sagte, es sei etwas ganz Wichtiges. Im Abteil saß Carina ein Pärchen gegenüber, das den gemeinsamen Urlaub besprach und immer wieder Zärtlichkeiten austauschte. Carina musste an ihre Eltern denken. Sorgerechtsstreit. Komische alte Männer in komischen Sachen fragten sie, bei wem sie lieber sein wollte. Sie hatte nie irgendjemandem eine Antwort darauf gegeben. Es hatte ihr ja auch niemand gesagt, wieso ihre Eltern sich nicht mehr lieb hatten. Nach einigen Monaten wurde sie schließlich zu ihrem Vater gesteckt. Ihre Mutter sah sie von da an kaum noch. Alle zwei Wochenenden. Milchreis gab es keinen mehr.

Mit sechzehn Jahren war Carina neugierig geworden. Sie hatte endlich wissen wollen, warum ihre Eltern sich hatten scheiden lassen. Sie hatte nicht viel mehr gefunden als ein paar aussagekräftige Liebesbriefe zwischen ihrer Mutter und dem Typen, der ihr später als der neue Macker ihrer Mutter vorgestellt wurde. Natürlich hatte die Mutter andere Worte benutzt, aber Carina war mit ihm nie so richtig warm geworden.

Nach ein paar Stunden stieg sie aus dem Zug. Der Macker von Carinas Mutter holte sie am Bahnhof ab. Sie wechselten einige wenige Worte. Smalltalk mit einem Small mind, dachte sie. Als sie zu Hause angekommen waren, wartete die Mutter schon am Küchentisch. Sie hatte gekocht. Milchreis.

„Hallo, Carina! Schön, dass du wieder da bist!“ Sie versuchte, ihre Tochter zu umarmen, die sich dabei steif wie ein Brett machte. Nach einigen unbeholfenen Kommunikationsversuchen und Minuten, in denen Carina in ihrem Milchreis herumstocherte, atmete die Mutter tief durch und nahm die Hand ihres Mackers.

„Wir haben tolle Neuigkeiten!“

Carina hob ihren Kopf ein paar Millimeter. „Ach ja?“

„Ich bin schwanger! Du bekommst ein kleines Schwesterchen! Na, was sagst du nun?“

„HALBschwester. So viel Zeit muss sein.“

„Carina! Also wirklich!“ Die Mutter schaute sie missbilligend an.

„Ihr habt euch kein Stück für mein Leben interessiert. Warum sollte ich mich jetzt für Eures interessieren? Zu wem ich denn lieber wollte, habt ihr mich gefragt. Ich wollte zu keinem lieber! Aber das war euch scheißegal. Und jetzt versuchst du mit deinem Macker einen auf glückliche Familie zu machen. So wie damals, als du behauptet hast, ihr hättet euch immer noch lieb. Sogar Milchreis hast du gekocht. Glaubst du, dass ich den Scheiß jetzt noch fresse?“ Carina warf den Teller an die Wand und ließ zwei erwachsene Menschen zurück.

Nachtrag vom 4. November 2020: Der oben genannte IRC-Server wurde abgeschaltet. Wenn trotzdem noch Interesse am Chat mit mir besteht, gerne melden.