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Kuchenesszwischengedanken

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Die Mutter meines Freundes hatte diese Woche einige Nachbarinnen zum Kaffee eingeladen und weil es lecker Nuss-Marzipan-Torte gab, saß ich dabei.

Im Wesentlichen drehten sich die Gedanken, die ich bei diesem Essen hatte, um zwei Themen:

1.) Ich möchte nie wieder auf dem Dorf leben. Ich habe Angst, dann nichts Interessantes mehr zu erleben. Der ewige Klatsch und Tratsch hat mich auch genervt. Und bei meinen (Schwieger-)Eltern im Haus zu leben, so wie eine der anwesenden Damen, geht schon gar nicht. Ich würde mich total eingeengt fühlen. Die Frau hat übrigens auch ein kleines Kind. Und wenn mein Freund und ich mal zusammen Kinder haben, will ich mir weder von seinen noch von meinen Eltern bei der Erziehung reinreden lassen.

2.) Eine andere anwesende Dame feiert bald Silberhochzeit (was übrigens auch der Grund fürs Treffen war) und bei der Planung für so ein Fest kann verdammt viel schief gehen. Mich interessierte das ganze Gespräch nicht so ganz, ich horchte aber auf, als eine Frau erzählte, dass die Soundso jetzt ja auch ihre *Pause* Frau *Augenbrauen oben* geheiratet habe und da habe das Restaurant ja die Reservierung versemmelt. Ich hörte und sah ganz genau hin. Irgendwo Anzeichen nahender Homophobie? Da muss man ja einiges befürchten, wie aufmerksame Blogleser wissen. Es ging dann nur darum, wie die frisch Verpartnerten die Planungsschwierigkeiten bewältigt haben. Das war gut. Aber wer weiß, worüber die geredet haben, als ich nicht mehr dabei war. Vielleicht hat sich die Mutter meines Freundes auch nur zurückgehalten, weil sie bereits wusste, wie ich vermutlich reagiere. Naja, vielleicht ist das auch nur Überinterpretation.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

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Wo ist die Liebe hin?, Teil 6

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Die besten Ideen bekommt man immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Wer hatte das noch mal gesagt? Es wollte mir nicht mehr einfallen. Aber das war ja eigentlich auch egal. Voller Tatendrang fuhr ich, so schnell ich konnte, nach Hause und stürmte in Leas Zimmer.

„Hey, was soll das, ich lackiere mir grade die Fußnägel!“, beschwerte sich Lea. Aber das kümmerte mich nicht im Geringsten.

„Ich habe den perfekten Plan, wie wir unsere Familie wieder zur Vernunft bringen.“

„Familie! Hör mir damit auf! Du kannst froh sein, dass du für eine Weile abgehauen bist. Gemütlicher ist es hier nicht gerade geworden“, berichtete sie.

Ich rief: „Hör doch mal. Ich habe eine Idee. Wie würde es Oma und unseren Eltern denn gehen, wenn wir auf einmal weg wären?“

„Hä, wie meinst du das denn?“

„Du weißt doch, dass ich mir bald einen Job suchen sollte, wenn ich mit der Schule fertig bin. Und du hast selbst gesagt, dass du lieber ausziehst, als den Krach hier noch weiter mitzumachen.“

„Du meinst, wir sollen hier ausziehen? Und was soll das bringen?“

„Nein, nicht nur einfach ausziehen. Ich hab da nämlich so eine Idee…“

Der Plan, den ich gefasst hatte, musste schnell realisiert werden. Nachdem Lea anfangs skeptisch gewesen war, hatte ich sie schnell für mich gewinnen können und sie hatte mir bei der Endausarbeitung des Plans geholfen.

In meinem Auftrag hatte sie bei der Nummer angerufen, die ich mir aufgeschrieben hatte, und uns die Wohnung für einen Monat besorgt. In der Zwischenzeit hatte ich mir den Job beim Fastfoodrestaurant geholt. Lea konnte coolerweise auch mit anfangen.

Der günstigste Zeitpunkt zur Vollendung des Plans war einige Tage später, am frühen Nachmittag, wenn Paul bei seinem Kumpel war, Mamas Mittagspause bereits geendet hatte, Papa noch in seiner Kanzlei arbeitete und Oma gerade zum Reha-Sport unterwegs war. Und es musste wirklich verdammt schnell gehen. In der Eile, in der Lea und ich unsere Sachen packten, fielen wir ein Dutzend Mal übereinander, rempelten uns an oder fauchten uns an.

„Wo ist mein grünes T-Shirt?“, rief ich beispielsweise.

„Woher soll ich das wissen?“

„Hast du es dir nicht mal ausgeliehen? Und nicht zurückgegeben? Hab ich mir ja gleich gedacht.“

„Ich hab dein blödes T-Shirt nicht. Aber was ist mit meinem pinken Lippenstift?“

„Lenk nicht ab! Außerdem würde ich so eine Farbe nie im Leben benutzen.“

„Ach was, ich glaube du hast aaaaaaaaaah…“ Lea fiel über einen der Kartons, die uns ihr Freund besorgt hatte, mit dem Gesicht steil in einen anderen Karton herein. Mühsam rappelte sie sich auf und zog das gesuchte Teil aus dem Karton. „Hier ist dein blödes T-Shirt. Und jetzt beeil dich, sonst sind wir nie fertig, bevor Oma kommt.“

Wir rannten hin und her.

Schlussendlich standen wir vor dem Transporter, der uns ebenfalls von Leas Freund zur Verfügung gestellt worden war, und sahen uns an.

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee war?“

„Aber klar. Jedenfalls ist doch sicher, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Extreme Situationen erfordern extreme Maßnahmen.“

Lea setzte sich ans Steuer, ich auf den Beifahrersitz und weg waren wir.

Natürlich nicht, ohne einen Brief da zu lassen. Er ging folgendermaßen:

Hallo Mama, hallo Papa, hallo Oma.

Wenn ihr diesen Brief lest, sind wir schon weg. Wir haben beschlossen, auszuziehen, weil wir es hier einfach nicht mehr aushalten. Wir werden ab und zu vorbeikommen, um im Haushalt zu helfen. Aber zu euch zurückkommen werden wir erst, wenn ihr aufhört, euch ständig zu streiten.

Lea und Sara.

„Meine Güte, ich bin so kribbelig, ich weiß gar nicht, was ich machen soll!“, rief Lea, als wir uns in der karg wirkenden Wohnung auf den Badezimmerboden setzten.

„Blas die Luftmatratzen auf“, befahl ich ihr. Die hatten wir als Notbetten mitgenommen. In der Zeit, in der Lea sich die Seele aus dem Leib prustete, telefonierte ich mit der Band.

„Hallo, Larry am Rohr?“, meldete sich der Sänger, der, wie ich neulich gehört hatte, dringend seine Miete bezahlen musste.

„Hey, hier ist Sara. Die von neulich Abend. Ihr sucht doch dringend eine Auftrittsmöglichkeit, oder?“

„Korrekt. Und du hast eine, oder was?“

„Genau. Ich habe mit einem Mädel aus meinem Jahrgang gesprochen, das für die Abiballband zuständig ist. Zufällig habe ich ihre Telefonnummer. Soll ich sie dir geben?“

„Sieht das Mädel gut aus?“ Lachen am anderen Ende der Leitung. „Nein, war nur Ulk. Gib sie mir mal. Ich hab was zu schreiben.“

„3-4-4-6-7. Das ist sie. Dann melde dich mal bei ihr, wir suchen wirklich dringend eine Abiballband.“

„Supi. Dann bis die Tage.“

„Auf Wiedersehen.“

Es war das Letzte, was ich sagen konnte, bevor irgendjemand an der Tür Sturm klingelte, mehrmals laut anklopfte und schrie: „Macht sofort die Tür auf! Ich weiß, dass ihr da drin seid!“

Oh oh. Das war nicht nur irgendjemand, das war unser Vater. Jetzt endlich hatte er seinen Hintern aus dem Sessel gekriegt, auf dem er immer Zeitung las und sich aus allem heraushielt. Aber ich wusste, dass das jetzt nicht unbedingt gut war.

Lea und ich sahen uns an. Ein bisschen war es wie damals, als wir uns in Paris im Klo eingeschlossen hatten und Frau Lacombe nach mir gerufen hatte.

Einen Augenblick lang war es ganz still.

Dann wieder Türenklopfen und laute Rufe: „Lea, Sara, macht sofort die Tür auf!“ Diesmal von unserer Mutter.

„Sollen wir jetzt aufmachen oder nicht?“, flüsterte ich.

„Natürlich, genau darauf haben wir doch gewartet“, erwiderte meine Schwester und zog mich entschlossen zur Wohnungstür.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 5

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Zu Hause war ich fix und fertig. Der auf sechs Tage komprimierte Prüfungsstress hatte mich richtig fertig gemacht, dazu kam noch der familiäre Terror, und nun hatte sich auch noch herausgestellt, dass Freddy tatsächlich in Aurélie verliebt war, was ohne Zweifel noch einen Haufen Probleme nach sich zog.

Als ich im Flur stand und die Schuhe abstreifte, hörte ich aus Leas Zimmer laute Musik. Sie hörte gerade die Beatsteaks.

I got a whole bag of trouble to be taken away…

„Die haben ja so Recht“, murmelte ich.

„Mit wem redest du gerade?“, fragte mich Paul, der mit seinem Lieblingsball durch den Flur tollte. „Paul, du sollst nicht mit deinem Ball auf dem Flur spielen, das weißt du ganz genau!“, rief meine Mutter gereizt aus der Küche. Nanu, war sie schon aus der Praxis zurück?

„Ich hab mit niemandem geredet“, behauptete ich und ging Richtung mein Zimmer. Unterwegs ging ich an Leas Zimmer vorbei. Die Musik war unverändert laut, doch jetzt stratzte meine Oma vorbei und versuchte, gegen den Lärm anzukommen: „Mach deine Kapelle leiser, du bist hier nicht alleine!“

Na toll. Die Atmosphäre hatte sich nicht entspannt, seit ich mich mit Anna zur Bushaltestelle aufgemacht hatte. Ich setzte meinen MP3-Player auf und drehte ihn auf volle Lautstärke, um mich abzuschotten.

Es ist ja häufig so, dass die Zufallsreihenfolge des MP3-Players einen zu ärgern scheint. Jedenfalls war das Lied, mit dem der Player startete, ausgerechnet „Wie es geht“ von den Ärzten. Bitte geh noch nicht, bleib noch ein bisschen hier, ich muss dir noch was sagen, nur die Worte fehlen mir… Ich schaltete weiter.

Doch es war wie verhext: Ich bekam nur noch Lieder, die haargenau auf meine Umwelt passten. Als es schließlich hieß: Junge, warum hast du nichts gelernt?, riss mein Geduldsfaden. Natürlich hätte ich auch einfach ein Lied auswählen können, aber dazu hatte ich schon gar keine Lust mehr.

Stattdessen pflanzte ich mich vor den Fernseher. Ich blieb auf Kanal sieben hängen, wo gerade über eine Sechzehnjährige berichtet wurde, dessen kleinkrimineller Freund ihr gerade einen Heiratsantrag gemacht hatte. Im Wechsel mit dieser Tussi wurde über eine Fünfzehnjährige berichtet, die unbedingt Go-go-Girl werden wollte in einem Club, in den sie noch nicht hereindurfte, und die sich deswegen mit ihrer Mutter zoffte.

Plötzlich tauchte meine Mutter in der Sendung auf und fauchte die Oma der Sechzehnjährigen, die meiner Oma verdammt ähnlich sah, an, dass sie an allem schuld sei, weil die Sechzehnjährige dadurch, dass die Oma so ein Ekel war, erst dazu getrieben wurde. Die Oma wehrte sich und hielt dagegen, dass die Mutter ihre Pflichten vernachlässigt hätte.

Ich wachte auf. Was zum…? Was war denn jetzt los?

Ich starrte konsterniert auf den Fernseher. Nichts mehr von außer Kontrolle geratenen Teenagern namens Mandy, Robin und Alina. Dafür verkündete nun eine Blondine die neuesten Nachrichten. Doch die streitenden Stimmen waren immer noch zu hören.

Na super. Meine Mutter und meine Oma zofften sich schon wieder. Kriegten die sich denn nie ein?

Ich versuchte, mich diesmal unbeeindruckt zu geben, und kochte, während der Streit in der Küche weiterging, das Abendessen. Mama hatte es bereits begonnen, aber anstatt es zu Ende zu führen, stritt sie sich lieber mit Oma.

Während des Essens hatten sie sich, Gott sei Dank, beruhigt.

Aber Mama hatte einige Beschwerden loszuwerden.

„Lea, bitte dreh deine Musik nicht immer so laut. Du bist nicht alleine in diesem Haus.“

„Ist ja schon gut. Wieso bist du heute eigentlich früher aus der Praxis zurückgekommen?“

„Darf ich das nicht? Ich dachte, ich mach euch eine Freude damit, wenn ich mal früher komme und mich ein wenig um den Haushalt kümmere.“

„Hat ja super geklappt“, brummte Oma.

„Elisabeth!“, hieß es von Papa und Mama gleichzeitig.

Nun probierte Paul zum ersten Mal von dem Essen, das zu einem großen Teil ich zubereitet hatte. Natürlich schmeckte es ihm nicht.

„Ich hätte mich auch nicht an den Herd wagen müssen, wenn Mama es vorgezogen hätte, das Essen zu machen, anstatt sich mal wieder mit Oma zu streiten“, rief ich.

„Sara! Bitte nicht in diesem Ton!“, wurde ich von meinem Vater zurechtgewiesen. Doch auch ohne seine Äußerung merkte ich schnell, dass ich da etwas gesagt hatte, was ich besser nicht gesagt hätte.

„Man kann es euch einfach nicht recht machen“, regte sich Mama auf und schmiss ihr Besteck auf den Teller. „Da will ich mal extra früher nach Hause kommen, um euch ein schönes Essen zu kochen, und dann ist es euch auch wieder nicht recht. Was wollt ihr eigentlich?“

„Dass du aufhörst, dich mit Oma zu streiten. Das geht uns nämlich mittlerweile allen auf die Nerven“, sprach Lea aus, was auch ich dachte.

„Du sei mal ganz ruhig“, keifte Oma. „Du kümmerst dich doch hier um nichts. Obwohl du nie in der Uni bist, sondern immer zu Hause herumhängst.“

„Das stimmt nicht“, machte Lea ihrem Ärger lautstark Luft. „Ich mache alles, was mir aufgetragen wird. Sogar Paul musste ich heute von der Schule abholen, weil du es mal wieder vergessen hast. Der Kleine sah ja ganz verzweifelt aus.“

„Wie bitte?“, rief Mama schockiert und gleichzeitig hieß es von Oma: „So wird es also respektiert, was ich hier mache. In Wahrheit halte ich doch den ganzen Laden zusammen!“

„So ein Blödsinn!“, fauchte Lea.

„RUHE!“, brüllte Mama plötzlich. In Großbuchstaben. Egal, was wir vorher gemacht hatten, jetzt waren alle still. Und erschrocken bis ins Mark.

„Es funktioniert so nicht. So funktioniert es einfach nicht! Und wisst ihr was? Ich pfeif drauf!“

Mama stürmte in den Flur, zog sich Schuhe und Mantel an. „Ich gehe zu Gitte.“ Das war ihre Praxiskollegin.

„Monika!“ Auf einmal machte Papa den Mund auf. „Monika, bleib doch…“

„Nein. Nein, Martin, das kann ich nicht. Ich habe keine Lust, mich weiter mit deiner Mutter zu streiten, wer hier was falsch macht. Wenn ihr euch beruhigt habt, bin ich wieder zurück. Tschüss.“

Und weg war sie.

Einige Sekunden lang wusste keiner von uns etwas zu sagen. Dann rief Lea: „Ganz toll. Das habt ihr ja mal wieder ganz toll hingekriegt. Ich glaube, ich ziehe lieber aus, bevor ich euch noch weiter ertragen muss.“ Sprach’s und verzog sich in ihr Zimmer.

„Das versuch mal“, antwortete Papa noch, aber das hörte sie schon nicht mehr.

 

Auch ich hatte von allem genug. Und wie immer, wenn mir zu Hause die Decke auf den Kopf fiel bzw. auf den Kopf geschmissen wurde, machte ich einen Spaziergang. Ich wollte meinen Kopf freimachen, aber es ging nicht gut. Da hatten meine Freunde und meine Familie ganze Arbeit geleistet.

Ich lief ziellos durch die Stadt. Auf meinem Streifzug kam ich an einem Haus mit einem Schild vorbei. Neugierig las ich das Schild.

Wohnung zu vermieten und eine Telefonnummer las ich darauf. Ich begutachtete das Haus. Es sah gar nicht mal schlecht aus.

Hier konnte Lea ja einziehen.

Ich ging schnell weiter.

Irgendwann landete ich am Hauptbahnhof. Wie, so weit war ich gelaufen? Jetzt merkte ich erst, wie weh meine Füße taten.

Da erblickte ich eine Filiale der Kette mit dem geschwungenen M. Warum eigentlich nicht, dachte ich und ging herein. Ich bekam sogar noch einen Sitzplatz.

Missmutig stocherte ich im Gartensalat herum, eine der wenigen vegetarischen Sachen, die man hier kriegen konnte. Wie konnte man die Probleme zu Hause nur lösen? Ständig lagen sie sich in den Haaren. Immer ging es um dasselbe. Kein Ende in Sicht.

Mir fiel ein Aushang ins Auge. Aushilfe auf 400-Euro-Basis gesucht.

Wie oft hatte ich zu hören bekommen, dass ich mir einen Job suchen sollte, um meinen Eltern nicht auf der Tasche zu liegen, wenn ich studierte?

Es war ziemlich laut hier, aber ich bekam trotzdem mit, wie sich drei Typen hinter mir über ihre Band unterhielten.

„Meine Güte, wenn wir nicht bald eine Location finden, sind wir aufgeschmissen“, meinte einer.

„Ja, genau. Blöd, dass um die Zeit immer tote Hose ist.“

„Wenn wir doch nur eine Auftrittsmöglichkeit hätten. Ich muss irgendwann mal meine Miete für diesen Monat bezahlen. Ich würde ja fast überall spielen…“

Und da hatte ich zwei super Ideen. Mit einem Mal ging mir ein Licht auf, das so grell war, dass es schon fast schmerzte.

Ich drehte mich zu den Typen hinter mir um und quatschte ein bisschen mit ihnen. Dann lief ich zurück zur Straße, wo eine Wohnung zu vermieten war, und speicherte die Telefonnummer in mein Handy.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 3

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Ich war unheimlich erleichtert, als ich am Nachmittag endlich die Bücher zuklappen und zum Treffen mit meinen besten Freundinnen fahren konnte.

Treffpunkt war der Platz des 20. Juli. Hier wollten wir uns treffen und zusammen in der nächsten Eisdiele einen Becher essen. Doch als ich an der großen Stauffenberg-Statue in der Mitte des Platzes ankam, saß unter ihr nur Anna.

„Wo ist Aurélie?“

„Hat mir vor fünf Minuten per SMS abgesagt. Angeblich ein Zahnarzttermin. Aber daran glaube ich irgendwie nicht.“

„Du meinst, sie könnte…?“

„Ja, genau.“

Wir gingen in die Eisdiele. Während wir auf unsere Eisbecher warteten, besprachen wir die Lage.

„Findest du es nicht auch merkwürdig, dass Aurélie sich gestern mit Freddy getroffen hat, ohne uns was zu sagen?“

„Eigentlich schon. Aber vielleicht hatte sie auch einfach denselben Gedanken wie wir. Und immerhin findest du ja Freddy ziemlich seltsam, da brauchst du mir gar nichts zu erzählen. Kein Wunder, dass sie uns da nichts erzählt hat.“

„Schon gut. Ich sag ja auch gar nichts dagegen, aber…“ Hilflos zuckte Anna mit den Schultern. „Wieso erzählt sie uns nichts davon? Hat sie irgendwelche Geheimnisse vor uns oder was?“

Die Eisbecher kamen. Während ich den ersten Löffel meines Erdbeer-Spezials nahm, gab ich zu bedenken: „Muss sie uns denn alles erzählen? Ich kläre dich doch auch nicht im Detail darüber auf, was ich tue, wenn du nicht da bist!“

„Na ja, eigentlich –“, wollte Anna einwerfen, doch ich hörte nicht zu, weil ich in diesem Augenblick zwei Menschen in die Pommesbude gegenüber gehen sah. Es waren ein Mädchen und ein Junge. Das Mädchen hatte braune Haare und trug eine rote Baskenmütze und der Junge hatte orangefarbene Stoppelhaare sowie ein schwarzes Metallica-T-Shirt.

Aurélie und Freddy! Ich glaubte es nicht.

Schnell zerrte ich Anna herunter, denn die beiden schauten gerade Richtung Eisdiele.

„Ich glaube es nicht!“

„Wieso, was ist denn los?“ Anna wollte sich wieder normal hinsetzen, doch ich zerrte sie wieder herunter.

„Da drüben! In der Pommesbude!“

„Hm?“ Vorsichtig richteten wir uns auf und lugten über den Rand unserer Sitzbank auf die andere Straßenseite.

Dort sahen wir, wie Freddy und Aurélie sich angeregt unterhielten. Sie gestikulierten beim Reden wild mit ihren Händen und ab und zu lachte Aurélie.

„Ich fass es nicht!“ Wütend drehte Anna sich um, was bei ihr eher selten vorkam, und rammte ihren Löffel in den Eisbecher. „Uns sagt sie, sie ist beim Zahnarzt, und dann trifft sie sich mit diesem Typen!“ Sie schlang einige Löffel hastig herunter.

„Hey, du redest von meinem besten Kumpel!“, rief ich. „Aber eigentlich hast du Recht. Langsam kommt mir die Sache auch spanisch vor. Und dass sie sich heimlich treffen, anstatt uns davon zu erzählen, kommt mir sogar portugiesisch vor.“

„Mir geht es genauso.“ Anna sah sorgenvoll zu den beiden hinüber. „Du, Sara?“

„Was?“

„Denkst du, was ich denke?“

„Was denkst du denn?“

„Glaubst du, die beiden haben etwas miteinander?“

Das Ganze erschien mir so abwegig, dass ich nicht anders konnte, als lauthals loszulachen. Als die anderen Gäste mich anstarrten, versuchte ich mich wieder einzukriegen. Das allerdings mit wenig Erfolg.

„Das wäre immerhin ein Grund, warum die beiden so heimlich tun“, gab Anna zu bedenken.

„Aber die beiden passen doch überhaupt nicht zusammen. Oder weißt du irgendwas von französischen Wurzeln bei Freddy?“, versetzte ich. Leider war Aurélie ihre Frankreich-Manie nach der Parisfahrt trotz Wein-Vollrausch nicht los geworden.

„Keine Ahnung. Ich wüsste allerdings einen anderen Grund…“

„Und der wäre?“

„Na ja… du weißt doch, ich kann nicht so viel mit ihm anfangen… Ich finde ihn aber nicht dumm, wirklich!“, beteuerte Anna.

„Schon gut.“ Ich schaute auf die Uhr, die mit italienischen Zahlwörtern beschrieben war, und nahm einen Löffel meines Erdbeer-Spezials. „Wir fragen sie morgen nach der Prüfung einfach mal. Und vielleicht liegen wir mit unserer Vermutung ja auch total falsch. Bestimmt gibt er ihr auch einfach nur Nachhilfe.“

„Ja, in Französisch.“ Sie zog eins ihrer unteren Augenlider nach unten.

„Sehr witzig.“

Zu Hause war es nicht gerade gemütlicher geworden. Oma saß mit Paul am großen Esszimmertisch und erledigte dort mit ihm die Mathe-Hausaufgaben. Unsere Oma ist eine Frau, die sehr schnell – warum auch immer – ihre Geduld verliert. Als ich wieder nach Hause kam, versuchte sie gerade, Paul Subtraktionsübungen zu erklären.

Nun ist es ja verständlich, dass ein Siebenjähriger keine Lust darauf hat, stupide Rechnungen zu machen, vor allem, wenn der Lieblingskumpel gleich vorbeikommt. Oma brachte das allerdings sofort auf hundertachtzig.

„Paul, wie viel sind sieben minus zwei?“

„Weiß nicht“, sagte Paul ungnädig und schaute aus dem Fenster auf die Straße, in die Richtung, aus der gleich sein Kumpel kommen musste.

„Paul! Pass auf, hier spielt die Musik! Du sollst dich jetzt nicht um Chris kümmern, sondern um deine Hausaufgaben! Es gibt kein Spielen, bis du hiermit fertig bist!“

„Ach, menno“, brummte Paul und aus dem Wohnzimmer kam ein müdes „Elisabeth!“. Von meinem Vater.

Ich fand, wenn er nicht damit zufrieden war, wie seine Mutter mit seinem Sohn umging, sollte Papa mehr tun, als einmal hinter seiner dämlichen Tageszeitung hervorzugucken und „Elisabeth!“ zu rufen. Doch ich sagte es ihm nicht.

Mama traute sich auch nicht, etwas einzuwenden. Vielleicht klammerte sie sich auch einfach nur an ihren letzten Rest Selbstbeherrschung. Jedenfalls zog sie nur die Augenbrauen hoch, während sie sich weiter um ihre Praxisunterlagen kümmerte. Das fand ich irgendwie auch nicht gut.

Ich wollte ins Zimmer gehen, aber dann bekam ich noch mit, wie Oma Paul danach fragte, wie viel denn nun sieben minus zwei seien, Paul wieder entgegnete, er wisse es nicht, und Oma daraufhin endgültig die Nerven verlor. Und wie immer, wenn das passierte, gab sie ihrer Schwiegertochter die Schuld.

„Das kann doch nicht wahr sein, Paul! Weil wir dir erlaubt haben, nachher noch mit Chris zu spielen, hast du keine Lust, die Hausaufgaben zu machen! Wenn es nach mir ginge, dürftest du ihn heute gar nicht mehr sehen. Aber deine Mutter hat es dir ja erlaubt.“

An dieser Stelle sah Mama kurz auf, versuchte aber, sich unbeeindruckt zu geben.

„Ja, genau, Monika! Kümmer du dich doch um deinen Sohn, anstatt dich hinter deinen Unterlagen zu verstecken! Ich habe keinen Nerv mehr dafür! Dein Sohn respektiert einfach nicht, was ich für ihn tue. Das hat er von dir!“

„Was soll das denn bedeuten?“, fragte Mama pikiert.

Na toll. Der nächste Familienstreit rollte über uns. Bevor Paul das noch mal mitmachen musste, schnappte ich mir ihn und seine Schulsachen und wir verzogen uns in sein Zimmer.

Jetzt teilte sich mein Inneres in zwei Teile. Der eine Teil saß mit Paul am Schreibtisch und erklärte ihm mit Hilfe von seinen Murmeln, wie er rechnen musste. Der andere Teil dachte über die familiäre Situation nach und lauschte dem Gebrummel der Altvorderen aus dem Esszimmer.

Im Grunde war jetzt wieder alles wie vor einem Jahr. Oma brachte Mama gegen sich auf und hielt sie für eine durchgeknallte, selbstsüchtige Kuh, brachte dabei immer wieder dieselben Argumente ein. Papa war zu schüchtern und zu desinteressiert, um sich gegen Oma aufzulehnen und nahm deswegen ihre Position ein. Mama fühlte sich von allen allein gelassen und wurde trotzig wie ein kleines Kind. Und wir Kinder mussten es ausbaden. Lea vernachlässigte die Uni und den Haushalt, Paul die Schule, und ich traf mich lieber mit hinterhältigen Burschen, anstatt eine ordentliche Abiturvorbereitung hinzulegen. Alles genau wie vor einem Jahr. Wieso nur? Hatte es sich für Mama überhaupt gelohnt, wieder mit der Arbeit anzufangen, wenn doch eh alles beim Alten geblieben war? Und gab es tieferliegende Gründe für den Streit?

Oma war in einer Zeit groß geworden, in der Frauen noch längst nicht so viele Rechte hatten wie heute. So viel ich wusste, hatte Oma nur einen Realschulabschluss machen dürfen. Hatte sie nicht auch mal erzählt, dass Opa ihr damals verboten hatte, einen Job anzunehmen? War das am Ende der Grund, warum sie so verbittert war?

„Fertig!“, rief Paul mitten in meine Überlegungen hinein und er sprang auf, rannte zur Tür, die gerade geklingelt hatte.

Super. Ich war im Augenblick sowieso zu nachdenklich, um ihm noch weiter zu helfen.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 2

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Kurze Zeit später standen wir vor einem Haus in der Berliner Straße. Ich drückte auf die Klingel mit dem Namen Steiner.

„Wieso willst du ausgerechnet zu dem?“, fragte Anna und schaute sich nach allen Seiten um, als würde sie befürchten, jemand könnte sie hier sehen. Mit dem war Freddy gemeint. Seit der Parisfahrt war er mein Kumpel geworden und auch wenn Anna und Aurélie, meine zweitbeste Freundin, sich an ihn gewöhnt hatten, fanden sie ihn immer noch ein bisschen, na ja, seltsam.

„Willst du ’ne gute Abinote oder nicht?“, fragte ich sie.

„Ja schon, aber…“

„Nichts da! Du kommst jetzt mit!“ Jetzt ging jemand an die Gegensprechanlage. „Hallo?“, hörte ich von Frau Steiner. Das war Freddys Oma, bei der er lebte, seit seine Eltern gestorben waren.

„Hallo, Frau Steiner! Wir sind es, Sara und Anna! Wir möchten gerne zu Frederik.“

„Kommt herauf!“ Sie öffnete die Haustür und wir traten ein.

Wenig später standen wir in der Wohnung.

„Das ist aber eine Freude! Ich habe ein paar Kekse gemacht, wollt ihr welche probieren?“

Frau Steiner war eine liebe Oma, ganz anders als meine. „Vielen Dank, wir nehmen gern welche!“, sagten wir und gingen in die Küche, um uns ein paar der leckeren Schokoladenkekse zu holen.

Noch mit vollen Backen verließen wir die Küche wieder, um Freddy in seinem Zimmer aufzusuchen, als wir plötzlich eine Begegnung der dritten Art hatten. Anna stand ein paar zögerliche Schritte hinter mir, doch auch ihr entging nicht, was da vor uns war. Oder besser gesagt, wer.

Es war unsere gute Freundin Aurélie.

Ein Drehbuchautor oder Filmemacher hätte diese Szene vermutlich nicht besser gestalten können. Anna, Aurélie und ich standen im Flur herum und starrten uns gegenseitig mauloffen an. Das wäre vermutlich ewig so weitergegangen, wenn nicht irgendwann Aurélie gesagt hätte: „Ich konnte nicht in… Ruhe lernen…“

Dann verschwand sie hinter der Klotür.

Anna und ich sahen uns an.

„Nicht nachfragen. Einfach nicht nachfragen“, sagte ich zu ihr und dann gingen wir in Freddys Zimmer, um ihn zu begrüßen.

Einige Stunden später und um einige naturwissenschaftliche Fakten schlauer fuhr ich mit der Straßenbahn nach Hause. Ich war im Lernen fürs Abitur ein großes Stück weitergekommen. Jetzt musste ich eigentlich nur noch wiederholen, nichts Neues mehr lernen. So gut hatte es geklappt. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass Freddy ein großes Biotalent besaß.

Bestens gelaunt schloss ich die Wohnungstür auf. Ich war mir sicher, dass meine Eltern und meine Oma es verstehen würden, dass ich heute so plötzlich abgehauen war. Sie sagten doch selbst ständig, dass ein gutes Abitur wichtig für meine Zukunft sei. Wenn ich ihnen erklärte, dass ich mit Freddy und meinen Freundinnen gelernt hatte, würden sie es schon verstehen.

Vielleicht hatte ich das ein wenig zu rosig gesehen. Als ich den Flur betrat, standen meine Mutter und meine Oma jedenfalls schon da und schauten mich finster an.

„Wo warst du?“, fragte Oma und hörte sich dabei an wie eine dieser strengen Lehrerinnen aus Hanni und Nanni. Ich hatte das früher immer verschlungen, bis –

„Antworte mir bitte!“

Ich musste mich beherrschen, um meine Jacke ruhig und gelassen an den Haken zu hängen. „Ich war bei Freddy.“

„Du warst bei Freddy? Ich glaube es nicht!“ Jetzt wandte meine Oma sich wütend an meine Mutter und fixierte sie mit ihren Augen, die hinter ihrer dicken Brille versteckt waren. „Ich habe es ja gesagt! Seit sie in Paris war, trifft sie sich nur noch mit diesem Typen! Ich habe ja gesagt, dass das keine gute Entscheidung war, sie dort mitfahren zu lassen!“

„Was willst du denn damit sagen?“, riefen meine Mutter und ich gleichzeitig. Verblüfft starrten wir uns an.

„Nichts“, gab Oma zurück. „Ich will damit nur sagen, dass Sara sich nicht verzetteln soll. Man hat ja bei Lea gesehen, wohin das führt.“

„Das ist nicht wahr!“, wollte ich meine Schwester verteidigen. „Es liegt nicht an ihrem Freund, dass sie letztes Jahr fast durch die Pädagogikprüfung gefallen wäre. Sie hat gelernt wie ’ne Blöde.“

„Nicht in diesem Ton, Sara!“

„Ist doch wahr! Jedenfalls war sie bei der Prüfung echt tierisch nervös. Ihren Freund hat sie in der Zeit kaum gesehen. Es liegt nicht an ihm.“

Meine Mutter wollte schon zustimmen, doch da fuhr Oma mich an: „Ach, hör mir doch auf! Dich nach Paris fahren zu lassen, war auf jeden Fall eine absolute Fehlentscheidung! Wozu hat das denn geführt bei dir? Anstatt fürs Abitur zu lernen, hängst du nur noch mit diesem Burschen herum. Und du sagst mir, du lernst immer fleißig? Dass ich nicht lache!“

„Ich habe –“, setzte ich an, doch Mama kam mir zuvor.

„Elisabeth“ – gemeint war meine Oma – „bitte werde jetzt nicht ungerecht. Es stimmt, Sara hat einige ihrer Pflichten vernachlässigt, aber –“

„Nichts aber! Du wusstest ganz genau, dass Sara auf der Parisreise Blödsinn machen wird, und hast es ihr trotzdem erlaubt! Und die Geschichte gibt ihr Recht! Sie hat sich mit diesem Burschen eingelassen!“

„Das stimmt überhaupt nicht!“ Ich wollte auch endlich mal etwas sagen dürfen. „Freddy ist mein guter Freund, aber nicht mein Freund! Bitte versteht das endlich. Außerdem haben wir zusammen gelernt, was ich hier ja nicht konnte.“

„Lernen! Dass ich nicht lache!“ Oma schnaubte und sah zur Decke.

„Elisabeth, jetzt wirst du aber wirklich ungerecht!“

„Ich? Ungerecht? Ich weise nur deine Tochter darauf hin, dass sie gewisse Pflichten hat. Darin hast du jawohl versagt. Oder warum lernt Sara nicht mehr für ihr Abitur und vergisst, den Haushalt zu machen? Warum hat Lea schon wieder die Uni geschwänzt? Warum hat Paul schon wieder seine Hausaufgaben nicht gemacht? Warum?“

Aufgebracht rief meine Mutter: „Ich lasse nicht auf mir sitzen, dass ich alles vergesse, seit ich wieder arbeite! Das stimmt nicht! Abgesehen von den paar Kleinigkeiten funktioniert doch alles wirklich prima!“

Da konnte ich ihr im Grunde nur zustimmen, auch wenn Mama manchmal etwas gestresster wirkte.

„In Wahrheit suchst du doch nur einen Grund, dass ich wieder aufhöre, zu arbeiten, und die brave Hausfrau gebe, die du so gerne hättest! Aber du hast Pech gehabt, so eine Frau bin ich nicht!“

In diesem Moment kam mein Vater aus seiner Anwaltskanzlei nach Hause. Er hängte seinen Mantel und seinen Schal an den Haken, streifte seine Schuhe ab und fragte: „Hallo Mutter, hallo Liebes! Wann gibt’s Essen?“

Manche Leute scheinen einfach ein Gefühl für perfektes Timing zu haben. Ich rannte schnell in mein Zimmer und drehte die Anlage auf, bevor ich mitkriegte, wie er von seiner Ehefrau einen auf den Deckel bekam.

Am nächsten Morgen suchte ich verzweifelt nach meinem Pullover. Es war mein Lieblingspullover, der schwarze Kapuzenpulli in Größe L, denn er war so schön kuschlig. Leider war er unaufffindbar. Wo konnte er nur sein?

Da fiel mir etwas ein. Die Wäscheständer standen bei Regen doch immer im Wohnzimmer. Also ging ich dorthin. Mir fiel auf, dass die Jalousien heruntergelassen waren, deswegen stellte ich die Lampe an.

Und erntete damit lautes Geschimpfe. „Verdammt, kann man denn nirgendwo in Ruhe schlafen?“ Die Stimme gehörte einem männlichen Wesen. Meinem Vater.

„Wieso schläfst du denn auf der Couch?“, wollte ich von ihm wissen. Er rieb sich die Augen und meinte: „Ist gut für den Rücken.“

Skeptisch dachte ich: Wahrscheinlich hat er einfach gestern von Mama mehr als nur einen auf den Deckel gekriegt. Ich ließ ihn in Ruhe und holte nur schnell meinen Pullover, denn auf weitere Familienstreits war ich nicht gerade scharf.

Beim Frühstück kam es nicht zu einem neuen Streit. Wirklich gemütlich war die Atmosphäre aber auch nicht gerade. Und da Paul, der uns sonst bei Laune hielt, schon in der Schule war, war es noch schlimmer.

Nur, um etwas zu sagen, bemerkte Papa, dass ihm der Reis, den Mama ihm gestern Abend noch zubereitet hatte, ausgezeichnet geschmeckt hatte. Worauf Mama ihn böse anfunkelte. Ich konnte mir gut vorstellen, warum.

Bevor die Situation zu eskalieren drohte, erzählte Lea von einer Vorlesung an der Uni. Sie studierte Anglistik und ihr Professor hatte neulich einen super Witz über Shakespeare gerissen, den sie uns unbedingt mitteilen musste.

„Also warst du mal wieder in der Uni, ja?“, murmelte Oma.

„Elisabeth!“, entfuhr es Mama schockiert.

„Ist schon gut, ich hab halt ’nen lockeren Stundenplan.“

„Und was hast du heute noch so vor?“, wendete sich Mama nun an mich.

„Ich lerne noch mal abschließend für die Prüfung morgen und dann treffe ich mich mit Anna und Aurélie.“

„Wenn du meinst, dass das ausreicht…“ Schon wieder musste Oma einen ihrer Kommentare abgeben. Mama schaute sie nicht gerade freundlich an. Na herrlich.

„Ja, es reicht aus. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich muss ins Bad.“

Zum letzten Mal minderjährig, Teil 9

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Nach dem Abendessen winkten Herr Nowitzki und Frau Lacombe Freddy und mich zu sich an den Tisch. Sie bemühten sich, dies unauffällig zu tun, doch natürlich bekamen es am Ende wieder alle mit. Der Großteil unserer Reisegruppe verließ tratschend und schwatzend den Essenssaal. Oh wunderbar.

„Sie wollten uns sprechen?“, begann ich, aber unsere Begleitpersonen sprachen nicht, bis alle Schüler außer Freddy und mir weg waren.

„Ja. Wir haben uns entschieden, wie wir in dieser Sache weiter vorgehen“, informierte uns Herr Nowitzki.

„Und was wollen Sie jetzt tun?“, fragte Freddy, mit so einem eigentümlichen Ton in der Stimme. Außerdem streckte er sein Kinn leicht vor. Irgendwie hatte dies etwas Triumphierendes. Wieso nur? Was hatte er gemacht?

Frau Lacombe reagierte auf Freddys Gesten, indem sie ihn böse anguckte. Sehr böse. Es erinnerte mich an eine Frau aus meiner Lieblingsfernsehserie, die mit ihrem bösen Blick Bauchschmerzen verursachen konnte.

„Wir… haben beschlossen, eure Eltern nicht zu informieren“, sagte Frau Lacombe und rang dabei sichtlich um Fassung.

Wie bitte? Das konnte doch nicht wahr sein! Ich wollte vor Freude aufspringen. Jedoch schob Herr Nowitzki hinterher: „Allerdings verlangen Frau Lacombe und ich, dass ihr einen Aufsatz über die gefährlichen Folgen von Alkohol schreibt.“

Ich war damit voll zufrieden. Lediglich Freddy hatte noch etwas zu sagen:

„Und was ist mit den anderen?“

Zuerst kapierte ich nicht. Welche anderen? Doch dann verstand ich, dass sich das auf einen seiner Einwürfe von heute Morgen bezog.

„Sie werden ebenfalls ihre gerechte Strafe erhalten“, gab Frau Lacombe, immer noch um Fassung ringend, zurück.

Jetzt waren Freddy und ich entlassen.

Im Flur vorm Speisesaal sprang ich – endlich – in die Luft und fiel Freddy vor lauter Freude sogar um den Hals. „Danke! Du bist echt super!“

„Schon gut“, wehrte Freddy lachend ab.

„Aber – wie hast du das jetzt eigentlich gemacht?“, fragte ich neugierig.

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Ich mag lange Geschichten.“

Er überlegte eine Weile. „Gut. Wenn du so neugierig bist, kann ich dich natürlich nicht enttäuschen. Kommst du mit? Dann erzähle ich dir alles.“

„Aber wohin soll ich mitkommen?“

„Hmm… Wie wäre es mit einem Trip zur Place de la Concorde?“

Ich willigte ein.

Zwanzig Minuten später fuhr unsere Métro in die Station Concorde ein. Wir stiegen ganz normal aus und standen nebeneinander auf dem Gleis. Auf einmal rannte Freddy Richtung Ausgang und rief: „Du kriegst mich nie!“

„Natürlich kriege ich dich!“, rief ich und rannte hinterher. Wir rempelten einige Passanten an und die Musiker, die in der Station auf einige Centimes hofften, schauten uns amüsiert hinterher, doch das war mir egal. Ich mühte mich tierisch ab, um Freddy noch zu erwischen, und rannte dabei so schnell, dass Herr Nowitzki, der auch Sportlehrer war, neidisch geguckt hätte.

Oben am Ausgang, neben einem Werbeplakat, kriegte ich ihn dann endlich.

Keuchend rief ich: „Hab dich!“

Nicht weniger kaputt entgegnete er: „Ja, hat aber ganz schön lange gedauert!“

Wir gingen zur Place de la Concorde. Als wir dort waren, war ich überrascht von der Platz und seine Umgebung um diese Zeit ausstrahlten. In der Nähe stand ein imposantes Gebäude.

„Weißt du, was das ist?“, fragte ich und zeigte darauf.

„Das ist das Hôtel de Crillon“, erzählte Freddy.

„Woher weißt du das?“ Ich war beeindruckt davon, dass er das wusste. Vom Hôtel de Crillon hatte ich noch nie etwas gehört.

„Ach, meine Oma hat mir einen Reiseführer mitgegeben“, erwiderte er. „Sie kümmert sich wirklich um mich.“

„Das ist schön“, sagte ich unbehaglich und wusste danach gar nicht mehr, was ich sagen sollte.

Glücklicherweise hatte es Freddy nicht die Sprache verschlagen. Er pflanzte sich auf ein niedriges Mäuerchen und fragte: „Willst du nun wissen, wie ich die Lacombe und den Nowitzki zum Einknicken gebracht habe?“

„Ja, klar!“

„Komm, setz dich.“ Er klopfte mit der rechten Hand neben sich aufs Mäuerchen. Ich ließ mich neben ihm nieder und er erzählte mir die ganze Geschichte. Sie war ungeheuerlich und, durch Freddys Erzählweise, stellenweise einfach nur komisch.

Gestern, als wir wieder in der Jugendherberge waren, verschwand Frau Lacombe mit Herrn Nowitzki auf ihr Zimmer. Fünf Minuten später ist Freddy eingefallen, dass er noch eine dringende Frage zum heutigen Programm hatte, also hat er das Zimmer der beiden aufgesucht.

Als er angekommen ist, hat er gesehen, dass die Tür einen kleinen Spalt aufstand. Weil er komische Geräusche von drinnen gehört hat, hat er hereingeguckt und sah dort etwas, „was ich nie wieder sehen will! Es war verdammt widerlich!“

Was hatte er gesehen? Frau Lacombe und Herrn Nowitzki, wie sie l’amour machten! Das war natürlich ein gefundenes Fressen für ihn, denn Frau Lacombe ist bereits verheiratet. Als Freddy Frau Lacombe heute damit konfrontiert hatte, hatte unsere Französischlehrerin ganz schön blöd aus der Wäsche geguckt, zunächst aber nur gefaucht: „Petit démon! Du willst mich erpressen? Das schaffst du nicht!“

Worauf Freddy lässig gekontert hatte, dass er auch gerne meinen Anwaltsvater informieren könne, von wegen Verletzung der Aufsichtspflicht und so. Das Gerücht, dass unsere Lehrer gestern eine Fahrt auf der Seine gemacht hatten, anstatt in der Jugendherberge auf uns aufzupassen, hatte nämlich gestimmt.

Da wurde Frau Lacombe so langsam klar, was sie sich und ihrem Kollegen mit einer Information unserer Eltern über unseren Ausrutscher alles einhandeln würde. Sie schluckte mehrmals heftig, guckte schwitzend überall im Raum herum und hat dann eine Krisensitzung mit Herrn Nowitzki abgehalten.

„Tja, und am Ende hat sie dann gesagt, dass sie unseren Erziehungsberechtigten nichts über letzte Nacht erzählt“, schloss Freddy seinen Bericht.

Ich lag lachend auf dem Mäuerchen. „Boah, cool!“

Als ich mich wieder beruhigt hatte, richtete ich mich auf. „Ich muss gestehen, das hätte ich dir nicht zugetraut“, überwand ich mich.

„Wieso?“

„Na ja“, druckste ich herum, „ich fand dich irgendwie… komisch.“

„Ja, das sagen viele“, antwortete Freddy gar nicht beleidigt. „Deswegen habe ich auch nicht so viele Freunde.“

„Ah ja. Aber… sag mal…“

„Ja, was denn?“

„Wieso hast du mich immer so angestarrt?“

„Hmm… schwer zu sagen. Ich fand dich irgendwie interessant.“

Also doch. Es war also war. Freddy war in mich verknallt. Oh mein Gott. Was –

„Aber nicht, dass du denkst. dass ich was von dir will“, fügte Freddy hastig hinzu. „Ich fand dich nur… als Freundin interessant.“

„Fängst du alle deine Freundschaften so an? Dann wundert es mich nicht, dass du nicht so viele Freunde hast“, versetzte ich.

Nun guckte er unsicher.

„Schon gut. Freunde?“ Ich hielt ihm die Hand hin.

„Freunde!“ Erleichtert schlug er ein.

„Fand ich wirklich cool von dir, dass du dich so eingesetzt hast“, teilte ich ihm mit, während wir auf dem Rückweg zur Station Concorde waren. „Wenn du nichts getan hättest, wäre bei mir zu Hause jetzt der Teufel los.“

„Denk ja nicht, dass ich das gemacht habe, um dir zu helfen. Ich wollte nur meinen Hintern retten“, entgegnete Freddy grinsend und streckte mir die Zunge heraus.

„Blödmann!“ Lachend zog ich ihm seine Strickmütze über die Augen.

Als eine metallisch klingende Stimme die Fahrgäste der Métro darüber informierte, dass wir uns der Station Louvre-Rivoli näherten, klingelte auf einmal mein Handy. Ich schaute aufs Display. Zu Hause, stand da. Nanu, was war denn jetzt los? Ich drückte auf den grünen Hörer.

„Hallo?“

„Hallo, Sara, hier ist deine Mutter!“

„Hallo, was ist denn?“

„Ich habe erst Lea erreichen wollen, aber die hat ihr Handy mal wieder nicht an.“

„Ja, aber warum denn?“ Langsam wurde ich ungeduldig. Freddy guckte ich neugierig.

„Ich habe mich dazu entschieden, das Angebot meiner Freundin anzunehmen. Ich werde wieder arbeiten“, erklärte Mama überglücklich.

„Das ist schön!“, freute ich mich. „Aber deswegen rufst du uns an?“

„Ja, natürlich! Das ist doch eine äußerst wichtige Entscheidung!“

„Stimmt.“ Da fiel mir noch etwas ein. „Was haben Papa und Oma dazu gesagt?“

„Die sind einverstanden. Wir haben einen Plan ausgearbeitet, den zeigen wir Lea und dir, wenn ihr wieder da seid.“

„Okay, aber ich muss jetzt Schluss machen, ich bin grad unterwegs!“

„Mit wem denn?“

„Mit einem Freund aus meiner Stufe!“ Ich zwinkerte Freddy zu, er zwinkerte zurück.

„Dann noch viel Spaß! Bis bald!“

„Tschüss!“ Ich legte auf.

„Deine Mutter?“, vermutete Freddy ganz richtig. Ich nickte.

„Du scheinst ja zu Hause gerade eine wichtige Zeit durchzumachen.“

Überrascht fragte ich: „Wie kommst du darauf?“

„Ach, das hab ich dir angehört. Möchtest du mir erzählen, worum es geht?“

Ich erzählte in Kurzform, was passiert war.

„Puuh“, stöhnte Freddy. „Das war bestimmt ätzend.“

„Hm, es ging. Ist vermutlich auch immer noch besser, als… niemanden zu haben.“

Freddy sah aus dem Fenster, während er nickte. „Manchmal habe ich meine Familie sehr vermisst.“

„Tut mir wirklich Leid, dass das passiert ist.“

„Schon gut. Im Grunde kenne ich es ja nicht anders.“

Wir kamen an der Station an, an der wir aussteigen mussten. Es war Saint-Paul. Schweigend wanderten wir die paar hundert Meter von der Métrostation zur Jugendherberge.

Als wir schließlich vor dem fünfstöckigen Klotz standen, stellte ich ihm noch eine letzte Frage.

„Wieso hast du mich gestern geküsst?“

Freddy drehte sich herum. „Bitte versteh das jetzt nicht falsch, aber das lag ganz einfach daran, dass ich noch mehr Merlot getrunken hatte als du. Unter normalen Umständen hätte ich dich niemals geküsst.“

Wir lachten beide.

Anderthalb Tage später saß die Familie Lehmann wieder gemeinsam am Frühstückstisch und unterhielt sich miteinander.

Wir unterhielten uns über die nun hinter mir und Lea liegende Parisfahrt. Ich zeigte Paul die Fotos auf meiner Digitalkamera und er zeigte sich vor allem von dem Bild eines Vogels beeindruckt, das ich in einem Pariser Museum gemacht hatte.

Irgendwann wollte Mama wissen, wer denn der Mensch war, mit dem ich vorletzten Abend in Paris unterwegs gewesen war.

„Ach, das war Frederik aus meiner Stufe“, erzählte ich möglichst beiläufig, konnte aber nicht vermeiden, dass Lea mich verschwörerisch ansah.

Egal, ich brauchte keine Angst zu haben. Lea hielt zu mir, wir waren schließlich Schwestern. Und zwar welche mit einem Spitzenverhältnis, so was fand man nicht so oft auf der Welt.

Nach dem Frühstück erklärte uns Mama, wie sie die Haushaltsführung und überhaupt die ganze Organisation in Zukunft weiterführen wollte.

Sie erklärte Lea und mir die Pläne, die sie, Oma und Papa ausgearbeitet hatten, und wirkte dabei richtig glücklich.

Da Paul nach der Schule nicht mehr abgeholt werden konnte, sollte er demnächst in eine Betreuungsgruppe kommen. Oma sollte ihn dann abholen, wenn sie von dem Sport wiederkam, den sie wegen ihres schwachen Knies machen musste. Papa würde beruflich etwas kürzer treten und sich gemeinsam mit Lea und mir um den Haushalt kümmern.

„Und was ist dann mit dem Mittagessen?“

„Das ist zukünftig leider kalt“, erklärte Mama. „Aber abends, wenn ich wieder da bin, kann ich dann für euch kochen.“

Die Pläne klangen wirklich gut.

Abends dachte ich noch mal über die jetzige Situation nach. Beim Frühstück hatte eine große Harmonie geherrscht. Und diesmal war es eine echte Harmonie, nicht so eine bröckelige, die jeden Augenblick zu zerbrechen droht. Zum ersten Mal seit langem war ich zuversichtlich, dass wir uns lange miteinander vertragen konnten. Ich durfte nicht vergessen, mich noch mal bei Freddy zu bedanken. Wenn er sich nicht für uns beide eingesetzt hätte, wäre dieser Familienfrieden nie möglich gewesen.

Zum letzten Mal minderjährig, Teil 7

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Später am Tag unternahm unsere Reisegruppe mit einem dieser tollen Touri-Busse eine Stadtrundfahrt durch Paris. Wir passierten unheimlich viele Sehenswürdigkeiten, zum Beispiel die Tuilerien oder das Moulin-Rouge. Letzteres veranlasste unsere männlichen Mitreisenden natürlich dazu, Bemerkungen in rauen Mengen abzulassen. Einer, der sich besonders witzig vorkam, rief: „Das müssen wir uns unbedingt noch mal von innen ansehen!“ Einige Kumpels grölten.

Normalerweise hätte Frau Lacombe den Jungs den Kopf gewaschen, da sie auf Scherze dieser Art überhaupt nicht stand. Doch heute drehte sie sich nur um und schaute sie vorwurfsvoll an.

Wenig später fuhren sie wir an einem altehrwürdigen Gebäude vorbei, das aussah wie eine Schule. Eine sehr vornehme und angesehene Schule.

Frau Lacombe deutete mit dem rechten Arm auf das Gebäude und informierte uns: „Das ist übrigens das Collège Albert-Camus, da habe ich früher mal unterrichtet!“ Überall Bewunderung. Auch bei mir. Aber dann schlugen meine Gefühle ganz schnell in große Nachdenklichkeit um.

Meine Französischlehrerin erinnerte mich nämlich wieder mal an meine Mutter. Bestimmt wollte sie nach ihrem Studium auch so eine tolle Karriere starten. Es hatte ja zunächst auch alles darauf hingedeutet, dass es klappen würde. Sogar mit zwei Töchtern im Kindesalter hatte sie ihr Medizinstudium mit Bestnoten abschließen können. Doch dann kam Paul.

Hatte sie es ihr ganzes Leben bereut, für ihn ihre Karriere aufgegeben zu haben? War sie deswegen jetzt so verbittert?

Ach, verdammt! Da war ich hierhin gekommen, um mich von den Problemen zu Hause abzulenken und dann schaffte ich es schon wieder nicht.

Meine Entscheidung war getroffen. Ich würde mit auf die Zimmerparty gehen. Ohne Begleitperson konnte ich eh nicht raus, da ich erst siebzehn war. Und die würden heute eh alle auf der Zimmerparty sein.

„Oh Scheiße, hab ich ’nen Schädel!“, stöhnte Aurélie. „Nie wieder französischer Wein!“

Hilfe, was war denn jetzt passiert? Und warum fühlte auch ich mich einfach schrecklich? Mein Kopf fühlte sich an, als würden darin drei Millionen Ameisen eine Party feiern und mein Nacken schmerzte wie noch nie.

Ich wollte mich umdrehen, doch über mir lag irgendwas, das mich daran hinderte; außerdem kam von neben mir ein lautes Schnarchgeräusch. Jetzt öffnete ich die Augen, was mir dadurch erschwert wurde, dass irgendjemand Gewichte an meine Wimpern gehängt zu haben schien, so schwer waren meine Lider.

Ich schaute mich um und im spärlichen Licht, das durch die Fenster schien, erkannte ich neben mir – Freddy!

Oh, Scheiße!!! Was war denn nun schon wieder passiert? Wie war Freddy neben mir gelandet? Und viel wichtiger: Was hatten wir in der letzten Nacht miteinander angestellt? Hatte ich letzte Nacht überhaupt die Pille genommen?

Oh, NEIN! Am liebsten hätte ich sofort laut losgeschrien, doch ich wartete damit, bis ich ins Bad getapst war. Dann ließ ich aber einen Urschrei los, der sogar meinen Schreihals-Bruder Paul beeindruckt hätte.

Aus dem Zimmer kam Protest, der war mir in meiner augenblicklichen Situation aber ziemlich egal. Ein paar Sekunden später taumelte Lea ins Bad.

Ich ließ so ungefähr alle Flüche ab, die ich draufhatte. Das veranlasste meine Schwester, mich müde zu fragen: „Was ist denn mit dir los?“

„Das wüsste ich auch gern! Ich bin grade neben Freddy aufgewacht und habe keine Ahnung, was wir miteinander gemacht haben! Wahrscheinlich bist du in neun Monaten zum ersten Mal Tante!“

„So ein Quatsch!“, entgegnete Lea und rieb sich ihre Augen. „Ihr habt’s nicht gemacht. Du hast nur Unmengen von diesem französischen Fusel getrunken und dich dann von Freddy zu einem Spaziergang um den Block überreden lassen.“ Sie spuckte ins Waschbecken, ich hockte mich aufs Klo.

„Dann seid ihr händchenhaltend wiedergekommen“, fuhr sie fort. „Na ja, irgendwie bist du wohl sehr auf ihn abgefahren.“

„Wieso das denn?“, fragte ich schockiert.

„Keine Ahnung. Jedenfalls habt ihr beide euch dann hierhin“ – sie zeigte in die Richtung, in der mein Bett stehen musste – „verzogen und miteinander geknutscht. Und zwar, bis ihr eingeschlafen seid.“

Ich atmete erleichtert aus. Wenigstens hatten wir nicht miteinander geschlafen. Aber allein die Vorstellung, dass Freddy und ich uns geküsst hatten… Ich schüttelte mich.

In diesem Augenblick drang vom Flur eine Stimme in mein Ohr, die ich nur zu gut kannte.

„Was ist hier los?“, rief Frau Lacombe.

„Scheiße, wenn die hier reinkommt, sieht sie Freddy und dann kann ich gleich nach Hause fahren!“, rief ich panisch.

„Und was dann erst zu Hause los sein wird!“, meinte Lea nicht weniger alarmiert.

„Mach sofort die Tür zu!“, befahl ich meiner Schwester, die auch sofort den Riegel herumdrehte. Besetzt – occupé. Wir pressten unsere Ohren an die Badtür, um zu hören, was Frau Lacombe machte.

Sie betrat das Zimmer, dann war es einige Sekunden lang still.

„Que diable… Was machst du denn hier?“, war zu hören. Es folgte ein eindeutig männliches Brummen.

Oh nein, sie hatte Freddy entdeckt! Ich faltete meine Hände und betete zum Himmel. Buddha, Jesus, Spongebob, ich würde alles dafür tun, wenn…

„Sara, komm sofort da raus!“, rief Frau Lacombe auch schon.

Ach, du liebe Güte. Was würde jetzt mit mir passieren? Was solche Sachen anging, verstand meine Französischlehrerin überhaupt keinen Spaß. Und was würde wohl Herr Nowitzki dazu sagen? An meine Eltern wollte ich gar nicht erst denken. Ich vergrub meinen Kopf in meinen Ellenbogen und wünschte mich zehntausend Kilometer weit weg.

„Sortez-en tout de suite, Mademoiselle!“, fauchte sie jetzt.

Ängstlich schauten Lea und ich uns an, dann entriegelte ich die Tür.