RSS-Feed

Schlagwort-Archive: junge dame

Liebe Praktikantin,

Veröffentlicht am

mit Enttäuschungen im Leben muss man zurechtkommen und ich bin mir sicher, Ihr Sender hatte gute Gründe, mich nicht zu nehmen, auch wenn Sie mir die nicht genannt haben. Ich wundere mich nur ein wenig über die Sätze, die Sie verwendet haben. Sätze wie

Bitte lassen Sie sich durch diese Absage nicht entmutigen.

oder

Wir hoffen, dass Sie bald ein Ihren Vorstellungen entsprechendes Volontariat finden werden.

oder

Für Ihren weiteren persönlichen und beruflichen Weg wünschen wir Ihnen viel Erfolg und alles Gute.

sind sicher Standard, allerdings keiner, der mir gefällt. Ich wäre jedenfalls glücklicher gewesen, wenn Sie mir ohne Zuhilfenahme leerer Floskeln einfach so mitgeteilt hätten, dass ich den Volontariatsplatz nicht bekommen habe. Oder wenn wenigstens dabeigestanden hätte, warum ich ihn nicht bekommen habe, ansonsten helfen mir diese Floskeln nämlich genau gar nicht. Ich weiß, Sie machen auch nur Ihren (vermutlich nicht) bezahlten Job, aber ich glaube, die Arbeitswelt wäre doch um einiges schöner, wenn man diese Art von Korrespondenz ein wenig anders gestalten würde.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Vom Missbrauch der Disziplin

Veröffentlicht am

Ich erwähnte ja neulich schon einmal, dass ich ein Seminar habe, das sich mit Buebs “Lob der Disziplin” befasst. Der Mann hat einige merkwürdige Ansichten, hier sind ein paar Beispiele.

Auf Seite 42 thematisiert er eine seiner Meinung nach eine ganz besonders tolle pädagogische Maßnahme:

Wenige verbinden Glück mit Taten der Nächstenliebe, weil sie zu solchen Taten wenig verführt sind. Kurt Hahn, der Gründer Salems, hat seinen Schulen eine geniale pädagogische Einrichtung mit auf den Weg gegeben, die Dienste. […] Jedes Mädchen und jeder Junge muss von der zehnten bis zur dreizehnten Klasse einen Nachmittag in der Woche, also zwei bis drei Stunden, im Dienste anderer Menschen verbringen. Es gibt technische Dienste, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk, der zahlenmäßig stärkste Dienst ist der Sozialdienst. […] Die Dienste sind verpflichtend und gerade darin liegt ihre Qualität. […] und Jugendliche erfahren, wie viel Freude und Glück das Helfen bereiten kann.

Glaubt der Mann wirklich, dass er auf die Weise tätige Nächstenliebe fördern kann? Der Zwang dürfte die meisten Leute doch eher zum Gegenteil bringen. Und so, wie sich der Abschnitt las, musste ich an eine Frau denken, die zwangsverheiratet wird und dann hinterher sagt, sie sei in ihrer Ehe ja total glücklich.

Doch die Merkwürdigkeiten gehen weiter. Auf Seite 66 verlangt er eine strengere Gesetzgebung bei Alkohol und Kippen:

Der Gesetzgeber erlaubt Alkohol und Zigaretten ab sechzehn. Warum eigentlich? Ich habe noch nie eine plausible Erklärung für diese Gesetze gefunden außer unsere puddinghafte Pädagogik. Amerika, das Land der Freiheit, besitzt eine jugendgerechtere, nämlich schützende Gesetzgebung.

Wie weltfremd ist der Mann? Glaubt er ernsthaft, Jugendliche würden aufhören, wenn das Schutzalter höher wäre? (Haben sie ja auch nicht, es wurde seitdem ja erhöht.) Verbote machen sexy! Außerdem: Was glaubt der Mann, warum die Leute bei den Spring Breaks immer so durchdrehen? So toll ist das in den USA auch nicht.

Mit pädagogischen Grüßen

Die Kitschautorin

Krümelmonster, Teil 9

Veröffentlicht am

„Gehören Sie zu Frau Lehmann?“

„Ich bin ihre Schwester“, rief ich.

„Und ich ihr Verlobter“, rief Gero geistesgegenwärtig. Das ließ der Notarzt als angehörig durchgehen und ließ uns beide mitfahren.

„Ich hätte mir denken müssen, dass sie nicht in Ordnung ist, sie hat sich heute Morgen die ganze Zeit übergeben müssen“, bemerkte Gero noch.

„Das würde zur medizinischen Geschichte Ihrer Verlobten passen“, berichtete der Notarzt.

„Welche medizinische Geschichte? Was ist überhaupt los?“, fragte Gero.

„Nun sagen Sie doch endlich, was los ist!“, bestürmte ich den Notarzt.

Der sagte: „Ruhig, ruhig! Ich will Ihnen ja erzählen, was passiert ist. Soweit ich weiß, hatte Frau Lehmann einen Termin beim Hausarzt?“

„Ja, das stimmt.“

„Wir haben die junge Dame nämlich vom Frauenarzt abgeholt, ein Stockwerk drüber.“

„Frauenarzt?“ Gero und ich schauten uns ratlos an.

„Ja“, erzählte der Arzt, während er Lea eine Infusion legte. „Frau Dr. Campe berichtete mir, dass sie vom Hausarzt zu ihr geschickt wurde, wegen einer Untersuchung. Und als Ihre Angehörige das Ergebnis gehört hat, ist sie bewusstlos geworden.“

„Welche Untersuchung?“, wollte ich wissen.

„Was für ein Ergebnis?“, rief Gero fast zeitgleich. „Und wieso musste Lea deswegen ins Krankenhaus? Sie war doch nur ohnmächtig, da hätte man sie doch einfach wiederbeleben können?“

„Nun, dafür gibt es einen ganz bestimmten Grund.“ Der Notarzt legte seine Utensilien beiseite und blickte uns an. „Lea Lehmann ist im dritten Monat schwanger.“

 

„Das glaube ich einfach nicht! Ich dreh noch durch!“

In den drei Minuten, die wir bereits hier waren, war Gero bereits so oft den Krankenhausflur auf- und abgerannt, dass man es gar nicht mehr zählen konnte.

„Ich drehe auch gleich durch, wenn du nicht sofort stehen bleibst! Das hält ja kein Mensch aus!“, fuhr ich ihn an.

„Wie kannst du das von mir verlangen?“, antwortete Gero, blieb aber stehen. „Ich werde Vater, ohne bis jetzt was davon gewusst zu haben, mit 22! Meinst du nicht, dass das etwas früh ist? Mal abgesehen davon liegt Lea da drin in diesem Scheißzimmer und konnte bis jetzt nicht wiederbelebt werden! Das bringt mich nicht eben dazu, bessere Laune zu haben! Scheiße!“, rief er laut aus und trat in seiner Wut gegen einen Essenswagen, worauf eine Krankenschwester ihn missbilligend ansah.

„Ja, es ist vielleicht etwas früh, aber kommt das wirklich so überraschend für dich? Weißt du ganz sicher, dass sie nie die Pille vergessen hat oder so?“

„Jetzt fang nicht auch noch damit an! Ich mach mir sowieso schon die ganze Zeit Vorwürfe. Es ist alles meine Schuld. Wenn wir, wann auch immer, nicht miteinander geschlafen hätten, dann wäre Lea jetzt nicht schwanger und hätte auch keinen Schock gekriegt und wäre nicht in Ohnmacht gefallen… ach, verdammt!“ Erneut trat er gegen den herumstehenden Essenswagen, worauf die Krankenschwester jetzt sagte: „Lassen Sie Ihre Wut bitte nicht am Essenswagen aus!“

„Sie haben doch keine Ahnung, was hier gerade abgeht!“, fauchte er.

Ich zog ihn auf den Stuhl neben mir und zwang ihn so, sich niederzulassen. „Gero, ich weiß, dass das alles große Scheiße ist, aber sieh es doch mal positiv: Wir wissen jetzt, dass sie kein Diabetes hat. Das wäre doch viel, viel schlimmer!“

„Ja, toll.“ Gero sprang wieder auf. „Stattdessen liegt sie ohnmächtig in diesem Zimmer und wacht nicht wieder auf, und über Nacht sind wir werdende Eltern! Denkst du wirklich, dass das besser ist?“

„Was weiß ich denn!“, rief ich hilflos. „Ich versuche wenigstens, ruhig zu bleiben. Das ist nicht gerade einfach!“

Gero stratzte wieder ruhelos über den Flur. „Was sollen wir nur machen? Wieso muss uns so was passieren?“ Er ließ sich auf den Stuhl fallen. „Selbst wenn Lea wieder aufwachen sollte, ist da immer noch dieses Problem…“

Mir gefiel irgendwie die Art und Weise nicht, in der er Problem aussprach. „Betrachtest du euer gemeinsames Kind etwa als Problem? Sei doch froh, dass es sich hier wenigstens um deine Freundin handelt und nicht um irgendeinen One-Night-Stand handelt.“

„Ja, es ist ein Problem für mich. Ich befinde mich zufällig gerade mitten im Studium und Lea genauso! Wie konnte uns das nur passieren?“

„Weißt du, wenn ein Mann und eine Frau…“

„Findest du das etwa witzig?“, fauchte Gero mich an.

„Nein!“, rief ich genauso aufgebracht zurück. „Aber wie ein Duracell-Hase auf Ecstasy den Flur rauf- und runterzurennen, bringt es doch auch nicht!“

„Woher soll ich denn wissen, was hilft?“, rief Gero hilflos aus. Plötzlich ließ er sich auf den Stuhl neben mir fallen und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Ein lautes Wimmern war zu hören. „Wieso passiert uns nur immer wieder so was? Warum? Wieso wacht Lea nicht auf? Warum?“

Der arme Gero tat mir Leid. Und auch ich war ziemlich durcheinander. Wie tröstet man jemanden, der total aufgewühlt ist, wenn es einem selbst nicht anders geht? Mir kam die Nachricht von Leas Schwangerschaft ja genauso überraschend wie ihm, und das Ganze wurde dadurch noch verschlimmert, dass Lea in diesem Krankenzimmer lag und noch immer ohnmächtig war. Normalerweise war man nach einigen Minuten doch wieder bei Bewusstsein, oder? Wieso gab Lea immer noch kein Lebenszeichen von sich? Was sollten wir nur tun?

Ich nahm Gero in den Arm und wimmerte mit.

Blog und Bushaltestelle

Veröffentlicht am

Es gibt drei Neuigkeiten bzgl. meines Blogs.

1.) Ich habe einen Slogan. (Vielen Dank noch mal an Ebisario.)

2.) Ich habe eine Unterseite “Kontakt / Disclaimer” eingerichtet.

3.) Einige Artikel sind jetzt passwortgeschützt. Wer die Passwörter haben will, kann sich per Mail bei mir melden. Die Adresse steht unter “Kontakt / Disclaimer”. Ihr solltet euch ein wenig vorstellen, wenn ihr die Passwörter haben möchtet, damit ich weiß, wem ich sie geben kann und wem nicht.

Damit der Artikel nicht ganz so langweilig ist, teile ich jetzt noch eine Situation mit euch, die sich am Montag ereignete. Ich hatte einen Arzttermin und wollte zurück zur Uni fahren. An der Bushaltestelle sprachen mich zwei Mädels an:

“Wissen Sie, wann der nächste Bus fährt?”

“Ja, in drei Minuten.”

“Danke.”

“LOL, bist du doof, du kannst das doch selbst nachgucken, da! (zeigt auf den Plan) Auf welchem Gymnasium bist du?”

“Ich bin seit über vier Jahren aus der Schule raus.”

“LOL, ich hab dich jünger geschätzt. Los, schätz mal, wie alt wir sind!”

(lange Denkpause) “Vierzehn!”

“Haha! Wir sind zwölf! Wir gehen mit dem da (zeigen auf Jungen auf anderer Straßenseite) in eine Klasse! Studierst du?”

“Joah.”

“Du hast ‘joah’ gesagt. Also schätze ich, dass du auf die FH gehst.”

“Nein, ich gehe auf die Uni.”

“Was studierst du?”

“Politik und Erziehungswissenschaft.”

“Willst du Politikerin werden?”

“Nein, Journalistin.”

“Aber wo braucht man da Politik?”

“Es wird ja viel über Politik berichtet.”

Der Bus kommt, ich will einsteigen.

“Wenn du mal Journalistin bist, mach nichts über Politik, weil das interessiert keinen! Mach nur was Cooles über Stars und so!”

Ich fand das Ganze so absurd, dass ich gelacht habe, als ich den Bus betrat. Von den anderen Fahrgästen wurde ich misstrauisch angeguckt. Anscheinend ist es Bedingung, vor sich hinzugrummeln, wenn man einen Stadtbus benutzt.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Wo ist die Liebe hin?, Teil 9

Veröffentlicht am

Einige Tage später war der Abiball. Auch wenn das stundenlange Herrichten ein einziger Stress gewesen war und mir Omas Kommentare zu meinem Kleid („So tief wie das ausgeschnitten ist, kann man ja von Pontius bis Pilatus gucken!“) irgendwann nur noch auf die Nerven gingen, war ich doch froh, dass der Abiball endlich gekommen war.

Am Anfang war es ziemlich öde, da keine Musik lief und ständig irgendein Lehrer meinte, irgendeine endlose Rede halten zu müssen. Doch als die Band eintraf, wurde es ziemlich gut. Wir Mädels tanzten ausgelassen, zumindest soweit unsere Hochsteckfrisuren es zuließen. Und es zeigte sich, dass die Band eine hervorragende Wahl gewesen war. Alle waren glücklich.

Das heißt, nicht ganz. Zwar versuchten Anna und ich immer wieder, Aurélie zum Tanzen zu bewegen, aber nach einer Minute saß sie bereits wieder auf ihrem Platz und starrte zur Theke, an der sich Freddy mit seinen Kumpels unterhielt.

„Meinst du, jetzt…“, fragte ich.

„Ja, jetzt ist der richtige Zeitpunkt“, meinte Anna.

Die Band hatte gerade mit einem Lied geendet. Ich stieg zu ihnen auf die Bühne und flüsterte Larry, dem Sänger, meinen Musikwunsch ins Ohr. Den erfüllte er mir auch prompt. Leider mit einer kleinen Ansage.

„Und hier kommt für Saras gute Freundin ein Musikwunsch! Aurélie von Wir sind Helden!“

Dann begann er. Ich war noch nie so aufgeregt wie jetzt. Anna schien es auch nicht anders zu gehen.

„Aurélies Akzent ist ohne Frage sehr charmant

Auch wenn sie schweigt, wird sie als wunderbar erkannt

Sie braucht mit Reizen nicht zu geizen, denn ihr Haar ist Meer und Weizen

Noch mit Glatze fräß’ ihr jeder aus der Hand

Doch Aurélie kapiert das nie

Jeden Abend fragt sie sich

Wann nur verliebt sich wer in mich?“

Zweifellos bewirkte dieser Song etwas. Aber nicht das, was er sollte. In dem Augenblick, als der Refrain einsetzte, begann Aurélie zu weinen und verließ fluchtartig den Saal. Sie rannte an Anna und mir vorbei, ich wollte hinterher, aber Anna hielt mich zurück.

Freddy kam aufgeregt auf uns zu. „Na toll, und was soll ich jetzt machen!“

„Na, hinterher!“, rief Anna ihm zu. Dieser Aufforderung kam er sofort nach.

Auch wenn die Musik immer noch laut dröhnte, hörte ich sie in dem Moment nicht.

Ich fühlte mich unheimlich schuldig. Was war nur passiert? Für den ganzen Schlamassel fühlte ich mich allein verantwortlich.

Ich ließ mich auf einen Stuhl vor den Waschräumen sinken und wünschte mir, ich hätte all das nie erleben müssen.

Da kam mir Anna hinterher. Sie setzte sich auf den Stuhl neben mir. Zusammen sahen wir schweigend in den Nachthimmel, der sich durch die Fenster blicken ließ.

Nach einer Weile sagte Anna: „Das war ’ne blöde Idee von mir, was?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Solche Versuche sind im Allgemeinen eine blöde Idee.“

Wieder zuckte ich mit den Schultern.

Es war ziemlich dunkel und es war unendlich lange still.

Plötzlich stürmte von draußen ein Pärchen Richtung Damentoiletten. Zuerst hielten sie an einem Pfeiler. Wer so intensiv knutscht, verbraucht kein Wasser mehr zum Waschen, hatte Anna mal gesagt. Ich glaube, erst jetzt begriff ich das so richtig.

Mir war das Pärchen nicht bekannt und im Dunkeln konnte man kaum etwas erkennen, aber als die beiden in die Damentoiletten huschten, sah ich, dass das Mädchen ein schwarzes Kleid trug. Ein schwarzes Kleid mit einer großen Schleife am Rücken und ziemlich viel Glitzer. Genau wie Aurélie…

Einen Moment später hörten wir lautes Gestöhne. Ich bildete mir sogar ein, zu merken, wie unsere Stühle, die nebenstehende Garderobe und das WC-Schild rhythmisch hin- und herrumsten. Wie in diesem Film. Die fabelhafte Welt der Amélie.

Oh mein Gott. Das.. das konnte doch nicht…

„Du, da auf dem Klo, da sind…“

„Freddy und Aurélie, genau. Wir haben unsere Arbeit getan. Komm, gehen wir wieder tanzen.“

Ich war so befreit wie noch nie. Deswegen tanzte ich auch besonders ausgelassen, war eins mit mir und der Welt und grölte laut mit zu der Musik. Kurz: Ich hatte einen perfekten Abend.

Eine halbe Ewigkeit später tauchten unsere guten Freunde wieder auf. Die Band hatte gerade Pause. Aufgeregt stürmten Freddy und Aurélie auf uns zu.

Mir fiel auf, dass sich einige Strähnen aus Aurélies Frisur gelöst hatten und Freddy verschmierten Lippenstift am Hals hatte.

„Sara, Freddy und ich sind…“

„Ich weiß. Lasst uns feiern!“

Doch jetzt betrat Oma die Szene. Wieso hatten wir sie eigentlich mit angemeldet?

„Meinst du wirklich, dass das für ein Mädchen wie dich der geeignete Ort ist?“ Mit Stirnrunzeln betrachtete sie Freddy und Aurélie, die leicht derangiert aussehen, die Getränke, die wir in den Händen hielten, und die Band, die biertrinkend auf der Bühne saß.

„Lass mich doch. Ich bin alt genug!“

Empört wollte Oma etwas entgegnen, doch in dem Moment wurde ich von meinen Freunden auf die Tanzfläche gezogen, weil die Band wieder einsetzte. Aurélie küsste Freddy auf den Mund, schob ihn hin und her, Anna und ich legten den wildesten Rock’n’Roll aller Zeiten hin, und ich kümmerte mich kein Stück darum, was meine alte, überbesorgte Großmutter zu sagen hatte. Weil ich dazu viel zu glücklich war.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 5

Veröffentlicht am

Zu Hause war ich fix und fertig. Der auf sechs Tage komprimierte Prüfungsstress hatte mich richtig fertig gemacht, dazu kam noch der familiäre Terror, und nun hatte sich auch noch herausgestellt, dass Freddy tatsächlich in Aurélie verliebt war, was ohne Zweifel noch einen Haufen Probleme nach sich zog.

Als ich im Flur stand und die Schuhe abstreifte, hörte ich aus Leas Zimmer laute Musik. Sie hörte gerade die Beatsteaks.

I got a whole bag of trouble to be taken away…

„Die haben ja so Recht“, murmelte ich.

„Mit wem redest du gerade?“, fragte mich Paul, der mit seinem Lieblingsball durch den Flur tollte. „Paul, du sollst nicht mit deinem Ball auf dem Flur spielen, das weißt du ganz genau!“, rief meine Mutter gereizt aus der Küche. Nanu, war sie schon aus der Praxis zurück?

„Ich hab mit niemandem geredet“, behauptete ich und ging Richtung mein Zimmer. Unterwegs ging ich an Leas Zimmer vorbei. Die Musik war unverändert laut, doch jetzt stratzte meine Oma vorbei und versuchte, gegen den Lärm anzukommen: „Mach deine Kapelle leiser, du bist hier nicht alleine!“

Na toll. Die Atmosphäre hatte sich nicht entspannt, seit ich mich mit Anna zur Bushaltestelle aufgemacht hatte. Ich setzte meinen MP3-Player auf und drehte ihn auf volle Lautstärke, um mich abzuschotten.

Es ist ja häufig so, dass die Zufallsreihenfolge des MP3-Players einen zu ärgern scheint. Jedenfalls war das Lied, mit dem der Player startete, ausgerechnet „Wie es geht“ von den Ärzten. Bitte geh noch nicht, bleib noch ein bisschen hier, ich muss dir noch was sagen, nur die Worte fehlen mir… Ich schaltete weiter.

Doch es war wie verhext: Ich bekam nur noch Lieder, die haargenau auf meine Umwelt passten. Als es schließlich hieß: Junge, warum hast du nichts gelernt?, riss mein Geduldsfaden. Natürlich hätte ich auch einfach ein Lied auswählen können, aber dazu hatte ich schon gar keine Lust mehr.

Stattdessen pflanzte ich mich vor den Fernseher. Ich blieb auf Kanal sieben hängen, wo gerade über eine Sechzehnjährige berichtet wurde, dessen kleinkrimineller Freund ihr gerade einen Heiratsantrag gemacht hatte. Im Wechsel mit dieser Tussi wurde über eine Fünfzehnjährige berichtet, die unbedingt Go-go-Girl werden wollte in einem Club, in den sie noch nicht hereindurfte, und die sich deswegen mit ihrer Mutter zoffte.

Plötzlich tauchte meine Mutter in der Sendung auf und fauchte die Oma der Sechzehnjährigen, die meiner Oma verdammt ähnlich sah, an, dass sie an allem schuld sei, weil die Sechzehnjährige dadurch, dass die Oma so ein Ekel war, erst dazu getrieben wurde. Die Oma wehrte sich und hielt dagegen, dass die Mutter ihre Pflichten vernachlässigt hätte.

Ich wachte auf. Was zum…? Was war denn jetzt los?

Ich starrte konsterniert auf den Fernseher. Nichts mehr von außer Kontrolle geratenen Teenagern namens Mandy, Robin und Alina. Dafür verkündete nun eine Blondine die neuesten Nachrichten. Doch die streitenden Stimmen waren immer noch zu hören.

Na super. Meine Mutter und meine Oma zofften sich schon wieder. Kriegten die sich denn nie ein?

Ich versuchte, mich diesmal unbeeindruckt zu geben, und kochte, während der Streit in der Küche weiterging, das Abendessen. Mama hatte es bereits begonnen, aber anstatt es zu Ende zu führen, stritt sie sich lieber mit Oma.

Während des Essens hatten sie sich, Gott sei Dank, beruhigt.

Aber Mama hatte einige Beschwerden loszuwerden.

„Lea, bitte dreh deine Musik nicht immer so laut. Du bist nicht alleine in diesem Haus.“

„Ist ja schon gut. Wieso bist du heute eigentlich früher aus der Praxis zurückgekommen?“

„Darf ich das nicht? Ich dachte, ich mach euch eine Freude damit, wenn ich mal früher komme und mich ein wenig um den Haushalt kümmere.“

„Hat ja super geklappt“, brummte Oma.

„Elisabeth!“, hieß es von Papa und Mama gleichzeitig.

Nun probierte Paul zum ersten Mal von dem Essen, das zu einem großen Teil ich zubereitet hatte. Natürlich schmeckte es ihm nicht.

„Ich hätte mich auch nicht an den Herd wagen müssen, wenn Mama es vorgezogen hätte, das Essen zu machen, anstatt sich mal wieder mit Oma zu streiten“, rief ich.

„Sara! Bitte nicht in diesem Ton!“, wurde ich von meinem Vater zurechtgewiesen. Doch auch ohne seine Äußerung merkte ich schnell, dass ich da etwas gesagt hatte, was ich besser nicht gesagt hätte.

„Man kann es euch einfach nicht recht machen“, regte sich Mama auf und schmiss ihr Besteck auf den Teller. „Da will ich mal extra früher nach Hause kommen, um euch ein schönes Essen zu kochen, und dann ist es euch auch wieder nicht recht. Was wollt ihr eigentlich?“

„Dass du aufhörst, dich mit Oma zu streiten. Das geht uns nämlich mittlerweile allen auf die Nerven“, sprach Lea aus, was auch ich dachte.

„Du sei mal ganz ruhig“, keifte Oma. „Du kümmerst dich doch hier um nichts. Obwohl du nie in der Uni bist, sondern immer zu Hause herumhängst.“

„Das stimmt nicht“, machte Lea ihrem Ärger lautstark Luft. „Ich mache alles, was mir aufgetragen wird. Sogar Paul musste ich heute von der Schule abholen, weil du es mal wieder vergessen hast. Der Kleine sah ja ganz verzweifelt aus.“

„Wie bitte?“, rief Mama schockiert und gleichzeitig hieß es von Oma: „So wird es also respektiert, was ich hier mache. In Wahrheit halte ich doch den ganzen Laden zusammen!“

„So ein Blödsinn!“, fauchte Lea.

„RUHE!“, brüllte Mama plötzlich. In Großbuchstaben. Egal, was wir vorher gemacht hatten, jetzt waren alle still. Und erschrocken bis ins Mark.

„Es funktioniert so nicht. So funktioniert es einfach nicht! Und wisst ihr was? Ich pfeif drauf!“

Mama stürmte in den Flur, zog sich Schuhe und Mantel an. „Ich gehe zu Gitte.“ Das war ihre Praxiskollegin.

„Monika!“ Auf einmal machte Papa den Mund auf. „Monika, bleib doch…“

„Nein. Nein, Martin, das kann ich nicht. Ich habe keine Lust, mich weiter mit deiner Mutter zu streiten, wer hier was falsch macht. Wenn ihr euch beruhigt habt, bin ich wieder zurück. Tschüss.“

Und weg war sie.

Einige Sekunden lang wusste keiner von uns etwas zu sagen. Dann rief Lea: „Ganz toll. Das habt ihr ja mal wieder ganz toll hingekriegt. Ich glaube, ich ziehe lieber aus, bevor ich euch noch weiter ertragen muss.“ Sprach’s und verzog sich in ihr Zimmer.

„Das versuch mal“, antwortete Papa noch, aber das hörte sie schon nicht mehr.

 

Auch ich hatte von allem genug. Und wie immer, wenn mir zu Hause die Decke auf den Kopf fiel bzw. auf den Kopf geschmissen wurde, machte ich einen Spaziergang. Ich wollte meinen Kopf freimachen, aber es ging nicht gut. Da hatten meine Freunde und meine Familie ganze Arbeit geleistet.

Ich lief ziellos durch die Stadt. Auf meinem Streifzug kam ich an einem Haus mit einem Schild vorbei. Neugierig las ich das Schild.

Wohnung zu vermieten und eine Telefonnummer las ich darauf. Ich begutachtete das Haus. Es sah gar nicht mal schlecht aus.

Hier konnte Lea ja einziehen.

Ich ging schnell weiter.

Irgendwann landete ich am Hauptbahnhof. Wie, so weit war ich gelaufen? Jetzt merkte ich erst, wie weh meine Füße taten.

Da erblickte ich eine Filiale der Kette mit dem geschwungenen M. Warum eigentlich nicht, dachte ich und ging herein. Ich bekam sogar noch einen Sitzplatz.

Missmutig stocherte ich im Gartensalat herum, eine der wenigen vegetarischen Sachen, die man hier kriegen konnte. Wie konnte man die Probleme zu Hause nur lösen? Ständig lagen sie sich in den Haaren. Immer ging es um dasselbe. Kein Ende in Sicht.

Mir fiel ein Aushang ins Auge. Aushilfe auf 400-Euro-Basis gesucht.

Wie oft hatte ich zu hören bekommen, dass ich mir einen Job suchen sollte, um meinen Eltern nicht auf der Tasche zu liegen, wenn ich studierte?

Es war ziemlich laut hier, aber ich bekam trotzdem mit, wie sich drei Typen hinter mir über ihre Band unterhielten.

„Meine Güte, wenn wir nicht bald eine Location finden, sind wir aufgeschmissen“, meinte einer.

„Ja, genau. Blöd, dass um die Zeit immer tote Hose ist.“

„Wenn wir doch nur eine Auftrittsmöglichkeit hätten. Ich muss irgendwann mal meine Miete für diesen Monat bezahlen. Ich würde ja fast überall spielen…“

Und da hatte ich zwei super Ideen. Mit einem Mal ging mir ein Licht auf, das so grell war, dass es schon fast schmerzte.

Ich drehte mich zu den Typen hinter mir um und quatschte ein bisschen mit ihnen. Dann lief ich zurück zur Straße, wo eine Wohnung zu vermieten war, und speicherte die Telefonnummer in mein Handy.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 2

Veröffentlicht am

Kurze Zeit später standen wir vor einem Haus in der Berliner Straße. Ich drückte auf die Klingel mit dem Namen Steiner.

„Wieso willst du ausgerechnet zu dem?“, fragte Anna und schaute sich nach allen Seiten um, als würde sie befürchten, jemand könnte sie hier sehen. Mit dem war Freddy gemeint. Seit der Parisfahrt war er mein Kumpel geworden und auch wenn Anna und Aurélie, meine zweitbeste Freundin, sich an ihn gewöhnt hatten, fanden sie ihn immer noch ein bisschen, na ja, seltsam.

„Willst du ’ne gute Abinote oder nicht?“, fragte ich sie.

„Ja schon, aber…“

„Nichts da! Du kommst jetzt mit!“ Jetzt ging jemand an die Gegensprechanlage. „Hallo?“, hörte ich von Frau Steiner. Das war Freddys Oma, bei der er lebte, seit seine Eltern gestorben waren.

„Hallo, Frau Steiner! Wir sind es, Sara und Anna! Wir möchten gerne zu Frederik.“

„Kommt herauf!“ Sie öffnete die Haustür und wir traten ein.

Wenig später standen wir in der Wohnung.

„Das ist aber eine Freude! Ich habe ein paar Kekse gemacht, wollt ihr welche probieren?“

Frau Steiner war eine liebe Oma, ganz anders als meine. „Vielen Dank, wir nehmen gern welche!“, sagten wir und gingen in die Küche, um uns ein paar der leckeren Schokoladenkekse zu holen.

Noch mit vollen Backen verließen wir die Küche wieder, um Freddy in seinem Zimmer aufzusuchen, als wir plötzlich eine Begegnung der dritten Art hatten. Anna stand ein paar zögerliche Schritte hinter mir, doch auch ihr entging nicht, was da vor uns war. Oder besser gesagt, wer.

Es war unsere gute Freundin Aurélie.

Ein Drehbuchautor oder Filmemacher hätte diese Szene vermutlich nicht besser gestalten können. Anna, Aurélie und ich standen im Flur herum und starrten uns gegenseitig mauloffen an. Das wäre vermutlich ewig so weitergegangen, wenn nicht irgendwann Aurélie gesagt hätte: „Ich konnte nicht in… Ruhe lernen…“

Dann verschwand sie hinter der Klotür.

Anna und ich sahen uns an.

„Nicht nachfragen. Einfach nicht nachfragen“, sagte ich zu ihr und dann gingen wir in Freddys Zimmer, um ihn zu begrüßen.

Einige Stunden später und um einige naturwissenschaftliche Fakten schlauer fuhr ich mit der Straßenbahn nach Hause. Ich war im Lernen fürs Abitur ein großes Stück weitergekommen. Jetzt musste ich eigentlich nur noch wiederholen, nichts Neues mehr lernen. So gut hatte es geklappt. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass Freddy ein großes Biotalent besaß.

Bestens gelaunt schloss ich die Wohnungstür auf. Ich war mir sicher, dass meine Eltern und meine Oma es verstehen würden, dass ich heute so plötzlich abgehauen war. Sie sagten doch selbst ständig, dass ein gutes Abitur wichtig für meine Zukunft sei. Wenn ich ihnen erklärte, dass ich mit Freddy und meinen Freundinnen gelernt hatte, würden sie es schon verstehen.

Vielleicht hatte ich das ein wenig zu rosig gesehen. Als ich den Flur betrat, standen meine Mutter und meine Oma jedenfalls schon da und schauten mich finster an.

„Wo warst du?“, fragte Oma und hörte sich dabei an wie eine dieser strengen Lehrerinnen aus Hanni und Nanni. Ich hatte das früher immer verschlungen, bis –

„Antworte mir bitte!“

Ich musste mich beherrschen, um meine Jacke ruhig und gelassen an den Haken zu hängen. „Ich war bei Freddy.“

„Du warst bei Freddy? Ich glaube es nicht!“ Jetzt wandte meine Oma sich wütend an meine Mutter und fixierte sie mit ihren Augen, die hinter ihrer dicken Brille versteckt waren. „Ich habe es ja gesagt! Seit sie in Paris war, trifft sie sich nur noch mit diesem Typen! Ich habe ja gesagt, dass das keine gute Entscheidung war, sie dort mitfahren zu lassen!“

„Was willst du denn damit sagen?“, riefen meine Mutter und ich gleichzeitig. Verblüfft starrten wir uns an.

„Nichts“, gab Oma zurück. „Ich will damit nur sagen, dass Sara sich nicht verzetteln soll. Man hat ja bei Lea gesehen, wohin das führt.“

„Das ist nicht wahr!“, wollte ich meine Schwester verteidigen. „Es liegt nicht an ihrem Freund, dass sie letztes Jahr fast durch die Pädagogikprüfung gefallen wäre. Sie hat gelernt wie ’ne Blöde.“

„Nicht in diesem Ton, Sara!“

„Ist doch wahr! Jedenfalls war sie bei der Prüfung echt tierisch nervös. Ihren Freund hat sie in der Zeit kaum gesehen. Es liegt nicht an ihm.“

Meine Mutter wollte schon zustimmen, doch da fuhr Oma mich an: „Ach, hör mir doch auf! Dich nach Paris fahren zu lassen, war auf jeden Fall eine absolute Fehlentscheidung! Wozu hat das denn geführt bei dir? Anstatt fürs Abitur zu lernen, hängst du nur noch mit diesem Burschen herum. Und du sagst mir, du lernst immer fleißig? Dass ich nicht lache!“

„Ich habe –“, setzte ich an, doch Mama kam mir zuvor.

„Elisabeth“ – gemeint war meine Oma – „bitte werde jetzt nicht ungerecht. Es stimmt, Sara hat einige ihrer Pflichten vernachlässigt, aber –“

„Nichts aber! Du wusstest ganz genau, dass Sara auf der Parisreise Blödsinn machen wird, und hast es ihr trotzdem erlaubt! Und die Geschichte gibt ihr Recht! Sie hat sich mit diesem Burschen eingelassen!“

„Das stimmt überhaupt nicht!“ Ich wollte auch endlich mal etwas sagen dürfen. „Freddy ist mein guter Freund, aber nicht mein Freund! Bitte versteht das endlich. Außerdem haben wir zusammen gelernt, was ich hier ja nicht konnte.“

„Lernen! Dass ich nicht lache!“ Oma schnaubte und sah zur Decke.

„Elisabeth, jetzt wirst du aber wirklich ungerecht!“

„Ich? Ungerecht? Ich weise nur deine Tochter darauf hin, dass sie gewisse Pflichten hat. Darin hast du jawohl versagt. Oder warum lernt Sara nicht mehr für ihr Abitur und vergisst, den Haushalt zu machen? Warum hat Lea schon wieder die Uni geschwänzt? Warum hat Paul schon wieder seine Hausaufgaben nicht gemacht? Warum?“

Aufgebracht rief meine Mutter: „Ich lasse nicht auf mir sitzen, dass ich alles vergesse, seit ich wieder arbeite! Das stimmt nicht! Abgesehen von den paar Kleinigkeiten funktioniert doch alles wirklich prima!“

Da konnte ich ihr im Grunde nur zustimmen, auch wenn Mama manchmal etwas gestresster wirkte.

„In Wahrheit suchst du doch nur einen Grund, dass ich wieder aufhöre, zu arbeiten, und die brave Hausfrau gebe, die du so gerne hättest! Aber du hast Pech gehabt, so eine Frau bin ich nicht!“

In diesem Moment kam mein Vater aus seiner Anwaltskanzlei nach Hause. Er hängte seinen Mantel und seinen Schal an den Haken, streifte seine Schuhe ab und fragte: „Hallo Mutter, hallo Liebes! Wann gibt’s Essen?“

Manche Leute scheinen einfach ein Gefühl für perfektes Timing zu haben. Ich rannte schnell in mein Zimmer und drehte die Anlage auf, bevor ich mitkriegte, wie er von seiner Ehefrau einen auf den Deckel bekam.

Am nächsten Morgen suchte ich verzweifelt nach meinem Pullover. Es war mein Lieblingspullover, der schwarze Kapuzenpulli in Größe L, denn er war so schön kuschlig. Leider war er unaufffindbar. Wo konnte er nur sein?

Da fiel mir etwas ein. Die Wäscheständer standen bei Regen doch immer im Wohnzimmer. Also ging ich dorthin. Mir fiel auf, dass die Jalousien heruntergelassen waren, deswegen stellte ich die Lampe an.

Und erntete damit lautes Geschimpfe. „Verdammt, kann man denn nirgendwo in Ruhe schlafen?“ Die Stimme gehörte einem männlichen Wesen. Meinem Vater.

„Wieso schläfst du denn auf der Couch?“, wollte ich von ihm wissen. Er rieb sich die Augen und meinte: „Ist gut für den Rücken.“

Skeptisch dachte ich: Wahrscheinlich hat er einfach gestern von Mama mehr als nur einen auf den Deckel gekriegt. Ich ließ ihn in Ruhe und holte nur schnell meinen Pullover, denn auf weitere Familienstreits war ich nicht gerade scharf.

Beim Frühstück kam es nicht zu einem neuen Streit. Wirklich gemütlich war die Atmosphäre aber auch nicht gerade. Und da Paul, der uns sonst bei Laune hielt, schon in der Schule war, war es noch schlimmer.

Nur, um etwas zu sagen, bemerkte Papa, dass ihm der Reis, den Mama ihm gestern Abend noch zubereitet hatte, ausgezeichnet geschmeckt hatte. Worauf Mama ihn böse anfunkelte. Ich konnte mir gut vorstellen, warum.

Bevor die Situation zu eskalieren drohte, erzählte Lea von einer Vorlesung an der Uni. Sie studierte Anglistik und ihr Professor hatte neulich einen super Witz über Shakespeare gerissen, den sie uns unbedingt mitteilen musste.

„Also warst du mal wieder in der Uni, ja?“, murmelte Oma.

„Elisabeth!“, entfuhr es Mama schockiert.

„Ist schon gut, ich hab halt ’nen lockeren Stundenplan.“

„Und was hast du heute noch so vor?“, wendete sich Mama nun an mich.

„Ich lerne noch mal abschließend für die Prüfung morgen und dann treffe ich mich mit Anna und Aurélie.“

„Wenn du meinst, dass das ausreicht…“ Schon wieder musste Oma einen ihrer Kommentare abgeben. Mama schaute sie nicht gerade freundlich an. Na herrlich.

„Ja, es reicht aus. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich muss ins Bad.“

Wo ist die Liebe hin?, Teil 1

Veröffentlicht am

Vor einigen Jahren begann ich eine Reihe über eine junge Frau namens Sara und stellte die entstandenen Teile auf neon.de hoch. Da ich den Account vor einiger Zeit gelöscht habe, wird die Geschichte nach und nach hier zu lesen sein. “Wo ist die Liebe hin?” ist der zweite Teil der Reihe. Viel Spaß beim Lesen.

Da rein und da raus. Da rein und da raus. Immer und immer wieder. Es gibt wohl keine Altersgruppe, die diesen Spruch so verinnerlicht hat wie die Gruppe der Kinder und Jugendlichen. Wie oft steht man als Kind oder auch Jugendlicher irgendwo herum und muss sich von den Eltern anmeckern lassen? Die einzige Möglichkeit, die man dann noch hat, ist, die Ohren auf „Da-rein-und-da-raus“ zu stellen. In ein Ohr gehen die elterlichen Ermahnungen herein, zum anderen gehen sie wieder heraus. Und der Nachwuchs denkt: Mich geht das alles nichts an.

So was hatte ich neulich auch. Und ich bin nicht die Einzige aus meiner Familie, die so etwas erleben muss. Meine Schwester Lea lebt immer noch bei uns, obwohl sie schon zwanzig ist und mittlerweile studiert. Sie muss sich von unseren Eltern und unserer Oma so einiges anhören. Ich auch. Vielleicht kommt es mir nur so vor, aber ich habe den Eindruck, als würden sie unseren siebenjährigen Bruder Paul verschonen.

Jedenfalls saß ich neulich in meinem Zimmer und wollte auf keinen Fall gestört werden. Ich musste nämlich für mein Abitur lernen. Die erste Prüfung fand schon in zwei Tagen statt, also war es richtig eng. Gott sei Dank hatte ich rechtzeitig angefangen. Ich hatte schon von Kollegen gehört, die gestern erst angefangen hatten. Die lernten einfach die Nächte durch, dann würde es gehen. Sagten sie.

Ich dagegen nahm das Lernen fürs Abitur ernst. Jeden Tag hatte ich mich mindestens eine Stunde an den ganzen Stoff gesetzt. An diesem Tag, von dem ich jetzt erzählen will, saß ich bereits so lange lernend am Schreibtisch, dass ich im Lernstoff richtig versunken war.

Ich saß gerade an der Fotosynthese. Ein ätzendes Thema. Wie sollte ich das jemals verstehen? Ich hatte nur noch wenige Tage, um das hinzukriegen. Die Zeit war knapp.

Moment! Mir ging grade ein gewaltiges Licht auf! Es müsste doch so sein, dass –

„Sara! Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du den Müll rausbringen sollst? Und die Küche hast du auch noch nicht aufgeräumt! Und im Bad stapelt sich deine dreckige Wäsche! Muss ich dir eigentlich alles tausendmal sagen? Immer muss ich alles hinter euch herräumen! Ich hab’s ja auch noch nicht schwer genug in meinem Beruf!“

Ich war stockwütend. Wozu klebte ich eigentlich ein Bitte-nicht-stören-Schild an meine Zimmertür, wenn es sowieso ignoriert wurde? Wieso kümmerte sich keiner darum, dass ich kurz vor meinen Abiturprüfungen stand und lernen musste?

Wie eine Furie hetzte ich durch die Wohnung und erledigte alles so schnell wie möglich, nur damit ich vielleicht mal in Ruhe gelassen wurde.

Das Letzte, was ich machte, war, die Küche aufzuräumen. Ich knallte das Besteck in die Schubladen, als wäre es an meiner Wut schuld.

Das Verhalten meiner Familie war verdammt kontraproduktiv. Wie oft sagten sie mir, dass ich lernen müsse, um einen guten Schnitt zu erreichen? Und als Nächstes hinderten sie mich am Lernen. So ein Mist!

Mit Schmackes warf ich ein Messer in die Schublade. Da kamen meine Mutter und meine Oma in die Küche.

„Kind! Sei etwas vorsichtiger mit dem Besteck!“, meckerte Oma.

„Wir wollen das Besteck auch noch ein bisschen länger behalten!“, pflichtete Mama bei.

Da war das Maß voll. Erst hinderten sie mich am Abi-Lernen und dann traten sie auch noch nach. Wäre ich eine Comicfigur gewesen, hätte mein Kopf jetzt die Farbe von Tomaten angenommen, Dampf über die Ohren abgegeben und ein Geräusch abgesondert, als würde das Wasser in einem Teekessel sieden.

Gut, dass ich sowieso fertig war. Ich knallte die Schublade so laut zu, dass man es bestimmt noch in Leas Zimmer hörte.

„Sara!“, rief meine Mutter, wahrscheinlich, um erzieherische Strenge vor meiner Oma zu demonstrieren, von der sie nicht besonders gemocht wurde.

Nun rief ich es ihnen ins Gesicht. „Nein! Lasst mich bitte in Ruhe! Ich muss für mein Abitur lernen und bitte darum, nicht gestört zu werden!“

„Junge Dame!“, rief nun meine Oma. Diesen Ausdruck konnte ich gar nicht leiden. Er klang in meinen Ohren viel zu autoritär.

„Du hast in diesem Haus Pflichten zu erledigen!“

„Meine oberste Pflicht ist es doch, ein gutes Abitur zu schaffen. Habt ihr doch beim Mittagessen erst gesagt“, hielt ich ihnen vor, während ich auf der Treppe stand und sie anschaute.

Worauf meine Mutter nur entgegnete: „Nun werd nicht noch frech!“

Noch so ein toller Elternsatz. Einfalls- und verständnislos.

Ich wurde noch wütender. Der Geduldsfaden riss mir endgültig, als erst Lea vorbei lief und mich fragte, wann ich ihr denn endlich den Pullover zurückgab, den sie in Wahrheit schon vor drei Wochen zurückbekommen hatte, und dann Paul mit einem Schulfreund das Haus betrat und auf meine Jacke trampelte, die nun ein dicker fetter Schuhabdruck zierte.

„Ahhh! Das ist ja nicht zum Aushalten!“ Ich stiefelte wie Rumpelstilzchen in mein Zimmer, packte alles Nötige in meine Tasche und rannte zur Haustür.

„Sara! Du bleibst noch hier! Du hast noch längst nicht alles erledigt!“

„Ich weiß!“, fauchte ich und knallte die Tür zu. Ich hörte noch einige Wortfetzen von meinen Geschwistern: „Was hat die denn?“

„Darf Sara jetzt weggehen?“

„Nein, eigentlich nicht“, sagte meine Mutter zu meinem jüngeren Bruder.

Unterwegs dachte ich nach. Im Grunde hatte Mama sich nicht wirklich verändert, seit sie vor knapp einem Jahr wieder angefangen hatte, zu arbeiten. Sie wirkte noch abgespannter, wenn sie nach zehn Stunden in der Praxis nach Hause kam, aber das war auch schon alles.

Ich kam an der Straßenbahnhaltestelle an und stieg in die Bahn ein. Mein Ziel war meine beste Freundin Anna. Bei ihr konnte ich bestimmt in Ruhe das Gelernte wiederholen.

Drei Stationen fuhr ich, dann war ich da. Praktischerweise wohnte sie direkt gegenüber der Haltestelle. Ich drückte auf die Klingel.

„Hey, das ist ja ’ne Überraschung!“ Anna umarmte mich zur Begrüßung, dann forderte sie mich freundlich auf, doch hereinzukommen und nahm in ihrem Zimmer auf einem orangefarbenen aufblasbaren Sessel Platz.

„Es ist ja schon lange nicht mehr vorgekommen, dass du so unangemeldet bei mir vorbeischneist. Was ist denn passiert?“

Nun setzte ich mich auch hin, auf ihren Schreibtischstuhl im Stil der 60er-Jahre. Wieso hatte ich mir nicht auch so einen Stuhl besorgt?

Ich schilderte ihr meine häusliche Lage. „Es ist total ätzend! Heute wollte ich einfach nur in Ruhe für die Prüfungen lernen. Ich saß gerade an der Fotosynthese und du weißt ja, Bio kann ich überhaupt nicht. Ich war gerade dabei, es zu kapieren, als meine Mutter ins Zimmer kam und mich angemeckert hat, dass ich nichts mehr für den Haushalt tue. Dabei hatte ich doch extra ein Schild an die Tür gehängt: Bitte nicht stören. Und als ich ihr das gesagt habe, ist sie ausgeflippt. Was kann ich eigentlich dafür, dass sie so einen Stress im Beruf hat? Hat sie ja keiner zu gezwungen!“ Ich holte tief Luft.

„Meine Güte, das ist ja ganz schön heftig“, stöhnte Anna. In diesem Augenblick ertönte von nebenan lautes Kindergeschrei. Über einige Minuten lang wollte es nicht mehr aufhören.

„Na toll“, entfuhr es mir. Anna hatte das gehört. „Was wolltest du hier denn tun? Etwa lernen?“, fragte sie.

„Na ja, weißt du…“

„Tut mir Leid, aber ich fürchte, das kannst du voll vergessen. Ich schaff’s ja selber nicht mehr, seit die Nachbarn“ – sie nickte mit dem Kopf Richtung Wand – „ihr Baby haben.“ Anna schnitt eine Grimasse. „Immerhin haben dadurch andere Geräusche aufgehört.“ Ich wusste genau, was sie meinte, und schnitt ebenfalls eine Grimasse.

„Das ist echt dämlich, ich weiß.“ Mit ihrer linken Hand haute sie auf die Sessellehne. „Ich frage mich auch schon: Kann man denn nirgendwo in Ruhe lernen?“

Seufzend antwortete ich: „Ich habe leider auch keine Ahnung.“

Doch da kam mir eine Idee.

Ich stand auf. „Komm mit, ich weiß, wo wir hinkönnten.“ Anna schaute verwundert drein, packte aber ihre Lernsachen und folgte mir.

Zum letzten Mal minderjährig, Teil 7

Veröffentlicht am

Später am Tag unternahm unsere Reisegruppe mit einem dieser tollen Touri-Busse eine Stadtrundfahrt durch Paris. Wir passierten unheimlich viele Sehenswürdigkeiten, zum Beispiel die Tuilerien oder das Moulin-Rouge. Letzteres veranlasste unsere männlichen Mitreisenden natürlich dazu, Bemerkungen in rauen Mengen abzulassen. Einer, der sich besonders witzig vorkam, rief: „Das müssen wir uns unbedingt noch mal von innen ansehen!“ Einige Kumpels grölten.

Normalerweise hätte Frau Lacombe den Jungs den Kopf gewaschen, da sie auf Scherze dieser Art überhaupt nicht stand. Doch heute drehte sie sich nur um und schaute sie vorwurfsvoll an.

Wenig später fuhren sie wir an einem altehrwürdigen Gebäude vorbei, das aussah wie eine Schule. Eine sehr vornehme und angesehene Schule.

Frau Lacombe deutete mit dem rechten Arm auf das Gebäude und informierte uns: „Das ist übrigens das Collège Albert-Camus, da habe ich früher mal unterrichtet!“ Überall Bewunderung. Auch bei mir. Aber dann schlugen meine Gefühle ganz schnell in große Nachdenklichkeit um.

Meine Französischlehrerin erinnerte mich nämlich wieder mal an meine Mutter. Bestimmt wollte sie nach ihrem Studium auch so eine tolle Karriere starten. Es hatte ja zunächst auch alles darauf hingedeutet, dass es klappen würde. Sogar mit zwei Töchtern im Kindesalter hatte sie ihr Medizinstudium mit Bestnoten abschließen können. Doch dann kam Paul.

Hatte sie es ihr ganzes Leben bereut, für ihn ihre Karriere aufgegeben zu haben? War sie deswegen jetzt so verbittert?

Ach, verdammt! Da war ich hierhin gekommen, um mich von den Problemen zu Hause abzulenken und dann schaffte ich es schon wieder nicht.

Meine Entscheidung war getroffen. Ich würde mit auf die Zimmerparty gehen. Ohne Begleitperson konnte ich eh nicht raus, da ich erst siebzehn war. Und die würden heute eh alle auf der Zimmerparty sein.

„Oh Scheiße, hab ich ’nen Schädel!“, stöhnte Aurélie. „Nie wieder französischer Wein!“

Hilfe, was war denn jetzt passiert? Und warum fühlte auch ich mich einfach schrecklich? Mein Kopf fühlte sich an, als würden darin drei Millionen Ameisen eine Party feiern und mein Nacken schmerzte wie noch nie.

Ich wollte mich umdrehen, doch über mir lag irgendwas, das mich daran hinderte; außerdem kam von neben mir ein lautes Schnarchgeräusch. Jetzt öffnete ich die Augen, was mir dadurch erschwert wurde, dass irgendjemand Gewichte an meine Wimpern gehängt zu haben schien, so schwer waren meine Lider.

Ich schaute mich um und im spärlichen Licht, das durch die Fenster schien, erkannte ich neben mir – Freddy!

Oh, Scheiße!!! Was war denn nun schon wieder passiert? Wie war Freddy neben mir gelandet? Und viel wichtiger: Was hatten wir in der letzten Nacht miteinander angestellt? Hatte ich letzte Nacht überhaupt die Pille genommen?

Oh, NEIN! Am liebsten hätte ich sofort laut losgeschrien, doch ich wartete damit, bis ich ins Bad getapst war. Dann ließ ich aber einen Urschrei los, der sogar meinen Schreihals-Bruder Paul beeindruckt hätte.

Aus dem Zimmer kam Protest, der war mir in meiner augenblicklichen Situation aber ziemlich egal. Ein paar Sekunden später taumelte Lea ins Bad.

Ich ließ so ungefähr alle Flüche ab, die ich draufhatte. Das veranlasste meine Schwester, mich müde zu fragen: „Was ist denn mit dir los?“

„Das wüsste ich auch gern! Ich bin grade neben Freddy aufgewacht und habe keine Ahnung, was wir miteinander gemacht haben! Wahrscheinlich bist du in neun Monaten zum ersten Mal Tante!“

„So ein Quatsch!“, entgegnete Lea und rieb sich ihre Augen. „Ihr habt’s nicht gemacht. Du hast nur Unmengen von diesem französischen Fusel getrunken und dich dann von Freddy zu einem Spaziergang um den Block überreden lassen.“ Sie spuckte ins Waschbecken, ich hockte mich aufs Klo.

„Dann seid ihr händchenhaltend wiedergekommen“, fuhr sie fort. „Na ja, irgendwie bist du wohl sehr auf ihn abgefahren.“

„Wieso das denn?“, fragte ich schockiert.

„Keine Ahnung. Jedenfalls habt ihr beide euch dann hierhin“ – sie zeigte in die Richtung, in der mein Bett stehen musste – „verzogen und miteinander geknutscht. Und zwar, bis ihr eingeschlafen seid.“

Ich atmete erleichtert aus. Wenigstens hatten wir nicht miteinander geschlafen. Aber allein die Vorstellung, dass Freddy und ich uns geküsst hatten… Ich schüttelte mich.

In diesem Augenblick drang vom Flur eine Stimme in mein Ohr, die ich nur zu gut kannte.

„Was ist hier los?“, rief Frau Lacombe.

„Scheiße, wenn die hier reinkommt, sieht sie Freddy und dann kann ich gleich nach Hause fahren!“, rief ich panisch.

„Und was dann erst zu Hause los sein wird!“, meinte Lea nicht weniger alarmiert.

„Mach sofort die Tür zu!“, befahl ich meiner Schwester, die auch sofort den Riegel herumdrehte. Besetzt – occupé. Wir pressten unsere Ohren an die Badtür, um zu hören, was Frau Lacombe machte.

Sie betrat das Zimmer, dann war es einige Sekunden lang still.

„Que diable… Was machst du denn hier?“, war zu hören. Es folgte ein eindeutig männliches Brummen.

Oh nein, sie hatte Freddy entdeckt! Ich faltete meine Hände und betete zum Himmel. Buddha, Jesus, Spongebob, ich würde alles dafür tun, wenn…

„Sara, komm sofort da raus!“, rief Frau Lacombe auch schon.

Ach, du liebe Güte. Was würde jetzt mit mir passieren? Was solche Sachen anging, verstand meine Französischlehrerin überhaupt keinen Spaß. Und was würde wohl Herr Nowitzki dazu sagen? An meine Eltern wollte ich gar nicht erst denken. Ich vergrub meinen Kopf in meinen Ellenbogen und wünschte mich zehntausend Kilometer weit weg.

„Sortez-en tout de suite, Mademoiselle!“, fauchte sie jetzt.

Ängstlich schauten Lea und ich uns an, dann entriegelte ich die Tür.

Zum letzten Mal minderjährig, Teil 4

Veröffentlicht am

Ich merkte es schon, als ich vor der Haustür stand. Heute hatte Oma gekocht.

Als ich dann in der Küche stand, merkte ich auch, was sie zubereitet hatte. Auf meinem Teller lag auch schon etwas davon. Ich wollte von diesem Hackbraten nichts essen, ich war nämlich schon seit anderthalb Jahren Vegetarierin.

Also sagte ich zu meiner Mutter: „Ich möchte davon nichts essen!“

„Wieso nicht?“, schaltete sich Oma ein.

„Weil ich seit eineinhalb Jahren kein Fleisch mehr esse!“ Bekommt denn hier keiner was mit?, wollte ich am liebsten noch hinterherschieben, aber ich ließ es sein.

„Bitte iss was davon!“, befahl Mama und bemühte sich, ihrer Stimme einen energischen Ton zu geben. Doch dann sah ich den Ausdruck in ihren Augen: er hatte etwas Flehendes. Oh, oh, dachte ich. War die ach so tolle Harmonie etwa am Bröckeln? Das gefiel mir irgendwie nicht wirklich.

Einen Augenblick lang überlegte ich fast, ob ich das nicht doch ausnahmsweise mal essen sollte, um der Familienharmonie willen, doch da sagte Oma bereits: „Lass das Kind doch! Wenn sie nicht will, dann will sie eben nicht!“ Allzu glücklich sah sie aber auch nicht aus.

Mit Unbehagen gab ich meinen Braten an Paul weiter, der aß wie eine siebenköpfige Raupe, und füllte mir noch etwas mehr von den Kartoffeln auf.

Nach dem Essen räumte Mama schnell das Geschirr weg und verschwand wortlos.

Nanu, was war denn jetzt los?

Ich sollte es gleich erfahren: Sie kam mit einem großen hellblauen Plakat und einem Edding zurück.

„Passt mal auf! Ich habe mir da was überlegt!“, teilte uns Mama mit. „So kann es nicht weitergehen und deswegen dachte ich, wir überlegen uns jetzt ganz gründlich, wie wir in dieser Sache vorgehen.“

„Was heißt ‚vorgehen‘?“, fragte Paul, doch niemand beachtete ihn.

Mama rollte das Plakat auf und schrieb auf die eine Seite ein großes Plus, auf die andere Seite ein großes Minus.

Ah, ich verstand. Diese Methode kannte ich aus den Erziehungsberatern, die ich manchmal zu meinem Amusement las. Was dort vorgeschlagen wurde, war teilweise einfach nur lustig. Aber wenn das helfen sollte…

„Auf die Seite mit dem Plus schreiben wir alle Gründe, die dafür sprechen, dass ich wieder arbeite“, erklärte meine Mutter. „Auf die Seite mit dem Minus kommt alles, was dagegen spricht.“

Die Seite mit dem Plus fiel ziemlich dünn aus. ‚Mehr Geld‘ und ‚Selbstverwirklichung‘ stand dort.

„Wieso ’selbst verwirklichen‘, du bist doch schon da“, bemerkte Paul irritiert und oberschlau. Normalerweise hätte Mama über so eine Bemerkung gelacht. Diesmal guckte sie irgendwie traurig.

Als wir uns an die Minus-Seite machen wollten, kam Lea nach Hause.

„Worum geht’s?“, fragte sie interessiert.

„Wir überlegen uns gerade, ob deine Mutter das Angebot annehmen soll oder nicht“, erklärte Papa und fuhr sich durch die Haare.

„Ach so“, machte Lea und setzte sich auf einen Stuhl.

Oma schrieb in ihrer alten Schrift auf: ‚Wer kümmert sich um den Haushalt und die Kinder?‘

Lea hielt ihren Kopf schief, um Omas Punkt zu entziffern und meinte: „Wieso ‚um die Kinder‘? Wir sind alt genug, um auf uns selbst aufzupassen.“

„Das musst du gerade sagen!“, fuhr Oma sie plötzlich an. „Wer hat denn das Essen anbrennen lassen, während er telefoniert hat?“

Oh, das hatte ich ja gar nicht mitbekommen! Da musste ich wohl gerade bei Anna gewesen sein.

„Wieso hast du nicht danach geguckt?“, rief Lea.

„Du weißt doch, dass ich mit meinem Knie nicht gut laufen kann! Und überhaupt, so lange zu telefonieren wegen unwichtiger Sachen!“

„Das waren keine unwichtigen Sachen!“, behauptete Lea. „Das waren vielleicht fünf Minuten! Und ich musste meinen Freund anrufen, sonst hätte es Streit gegeben.“

„Wieso hast du überhaupt schon einen Freund?“, fragte Oma. „Zu meiner Zeit hätte es so etwas nicht gegeben! Außerdem vernachlässigst du seinetwegen die Schule!“ Jetzt wendete sie sich an Mama. „Monika, du erziehst die Kinder viel zu locker!“

„Das stimmt gar nicht!“, keifte Mama. „Ich habe drei wohlgeratene Kinder! Frag doch mal lieber deinen werten Sohn, wie er sich um seinen Nachwuchs kümmert!“

„Was soll das denn heißen?“, fragte der Angesprochene pikiert. „Ihr wisst doch ganz genau, dass ich in meiner Anwaltskanzlei sehr eingespannt bin! Und einer muss ja schließlich das Geld für alle verdienen!“

„Das sehe ich ganz genauso!“, pflichtete Oma ihm bei. „Es ist deine“, hier sah sie wieder meine Mutter an, „Aufgabe gewesen, die Kinder zu erziehen, und du hast auf ganzer Linie versagt! Guck dir die Gören doch mal an!“ Nun zeigte sie anklagend mit dem Finger auf mich. „Sie verweigert das gute Essen, und ich hab mir so viel Mühe gemacht!“

Ich wollte etwas einwerfen, doch ich kam gar nicht mehr zu Wort. „Es ist ihr gutes Recht, das zu tun“, setzte sich Mama schreiend für mich ein.

„So ein Schwachsinn“, rief Oma zurück. „Sie ist siebzehn! In dem Alter hat man sich danach zu richten, was -“

„Aaaaaaaah!“, brüllte auf einmal Paul dazwischen. „Nicht streiten!“ Er fing bitterlich an zu weinen.

Der arme Kleine. Er konnte Streit überhaupt nicht leiden und schon gar nicht, wenn unsere Eltern und unsere Oma böse waren. Das hier musste ihm tierisch an die Nieren gehen.

Ich nahm ihn an der Hand und ging mit ihm zur Tür. „Ihr solltet euch schämen!“, richtete ich mich anklagend an meine Familie, die wegen Paul in ihrem Gestreite inne gehalten hatte und uns nun verdutzt ansah. „Euch vor dem Kleinen zu streiten!“

Lea sagte etwas, doch es war mir egal. Um Paul zu trösten, zog ich mir meine Sachen an und ging mit ihm zum Spielplatz.

Ob es wohl zu spät war, sich für die Parisfahrt anzumelden?

Nein, war es nicht. Frau Lacombe war sehr erfreut, dass ich auch mitfahren wollte, und reichte mir sogleich alles, was ich für die Teilnahme an der dreitägigen Exkursion nach Paris ausfüllen musste.

Da ich erst in ein paar Monaten achtzehn wurde, brauchte ich hierfür noch die Einverständniserklärung meiner Erziehungsberechtigten.

Das konnte tatsächlich ein Problem werden. Bestimmt waren meine Eltern nicht so scharf darauf, ihre jüngere Tochter mal eben in ein anderes Land fahren zu lassen, nach so einem Streit.

Wie immer, wenn ich so einen heiklen Wunsch vorbringen wollte, wartete ich den besten Moment ab. In diesem Fall bot sich der Umstand an, dass Paul ein Diktat mit null Fehlern und Lea eine Klausur mit dreizehn Punkten wiederbekommen hatte.

„Äh, Mama?“, fragte ich.

„Was ist denn?“, fragte sie zurück und sah dabei ziemlich müde aus. Das war nicht so gut. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr.

Ich holte tief Luft und sagte: „Ich habe die Möglichkeit, an einer dreitägigen Exkursion unserer Schule nach Paris teilzunehmen. Es können alle mitfahren, die mindestens sechzehn sind und es gibt ein tolles Programm.“

„Aha“, brummte Mama.

„Also, ich finde das nicht gut“, stellte Oma sich gleich wieder dagegen. „Wer sagt denn, dass sie dort nicht irgendwelchen Blödsinn anstellt?“

„Ich“, entgegnete ich frech. „Wir haben zwei Begleitpersonen, die auf uns aufpassen und darauf achten, dass wir um 24 Uhr wieder in der Jugendherberge sind.“

„Wer sind denn diese Begleitpersonen?“, wollte Papa wissen und beugte sich auf dem Tisch vor.

„Frau Lacombe, meine Französischlehrerin, und Herr Nowitzki, mein Deutschlehrer.“

„Uuuuh“, machte Lea und zog dabei ihre Augenbrauen hoch. Sie kannte die beiden auch schon und wusste daher ebenso gut wie ich, was mich auf dieser Fahrt erwarten würde.

„Und wieviel soll das Ganze kosten?“, stellte Papa die Problemfrage. Ich wusste, die Antwort würde mich höchstwahrscheinlich ihr Einverständnis kosten. Wenn meine Eltern sich bis jetzt noch nicht ablehnend gezeigt hatten, so würden sie es jetzt bestimmt tun.

„Hundert Euro“, antwortete ich und betete, dass dieser Preis niemanden abschrecken würde. Hoffentlich würde es klappen. Papa verdiente doch nicht schlecht als Anwalt, vielleicht würde er zustimmen. Es bestand die Chance, dass –

„Das ist ziemlich viel für drei Tage“, antwortete er da mitten in meine Gedanken hinein.

„Eigentlich ist das ziemlich billig“, versuchte ich sogleich, Papas Aussage zu entkräften. „Das meiste davon geht für den Zug drauf. Und wenn man dann ausrechnet, wie viel für die Übernachtungen übrig bleibt…“

Zu meiner Unterstützung schaltete sich Lea ein. „Du sagst doch selbst immer, dass wir so viel für die Schule tun sollen. Wenn sie da hinfährt, kann sie Französisch mal mit Muttersprachlern sprechen. Das würde sie doch unheimlich weiterbringen.“

So ganz überzeugt schien Papa von dem Hammer-Argument leider nicht. „Na ja, drei Tage…“, setzte er an, doch da kam ihm Mama zuvor.

„Es ist doch unheimlich toll, dass sie die Chance hat, diese Stadt zu besuchen. Ich finde, wenn sie so eine Chance bekommt, sollte sie die auch nutzen.“ Sie fixierte ihn mit einem eindringlichen Blick.

Wieso wurde ich das Gefühl nicht los, dass Mama hier irgendwie eher über sich redete als über mich? Auf jeden Fall hatte ihre Äußerung diesen Unterton. Und Papa hatte offenbar denselben Eindruck. Nur leicht widerstrebend lenkte er ein: „N-n-na gut. Dann gib den Wisch mal her, den ich unterschreiben soll.“

„Super! Danke, Papa!“, freute ich mich und drückte ihm sogar einen Kuss auf die Wange. Das hatte ich bestimmt schon nicht mehr gemacht, seit ich aus dem Kindergarten raus war. Ich holte die beiden Formulare, die ich für die Fahrt ausgefüllt wieder abgeben musste. Formidable!