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Schlagwort-Archive: junge dame

Liebe Praktikantin,

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mit Enttäuschungen im Leben muss man zurechtkommen und ich bin mir sicher, Ihr Sender hatte gute Gründe, mich nicht zu nehmen, auch wenn Sie mir die nicht genannt haben. Ich wundere mich nur ein wenig über die Sätze, die Sie verwendet haben. Sätze wie

Bitte lassen Sie sich durch diese Absage nicht entmutigen.

oder

Wir hoffen, dass Sie bald ein Ihren Vorstellungen entsprechendes Volontariat finden werden.

oder

Für Ihren weiteren persönlichen und beruflichen Weg wünschen wir Ihnen viel Erfolg und alles Gute.

sind sicher Standard, allerdings keiner, der mir gefällt. Ich wäre jedenfalls glücklicher gewesen, wenn Sie mir ohne Zuhilfenahme leerer Floskeln einfach so mitgeteilt hätten, dass ich den Volontariatsplatz nicht bekommen habe. Oder wenn wenigstens dabeigestanden hätte, warum ich ihn nicht bekommen habe, ansonsten helfen mir diese Floskeln nämlich genau gar nicht. Ich weiß, Sie machen auch nur Ihren (vermutlich nicht) bezahlten Job, aber ich glaube, die Arbeitswelt wäre doch um einiges schöner, wenn man diese Art von Korrespondenz ein wenig anders gestalten würde.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

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Vom Missbrauch der Disziplin

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Ich erwähnte ja neulich schon einmal, dass ich ein Seminar habe, das sich mit Buebs “Lob der Disziplin” befasst. Der Mann hat einige merkwürdige Ansichten, hier sind ein paar Beispiele.

Auf Seite 42 thematisiert er eine seiner Meinung nach eine ganz besonders tolle pädagogische Maßnahme:

Wenige verbinden Glück mit Taten der Nächstenliebe, weil sie zu solchen Taten wenig verführt sind. Kurt Hahn, der Gründer Salems, hat seinen Schulen eine geniale pädagogische Einrichtung mit auf den Weg gegeben, die Dienste. […] Jedes Mädchen und jeder Junge muss von der zehnten bis zur dreizehnten Klasse einen Nachmittag in der Woche, also zwei bis drei Stunden, im Dienste anderer Menschen verbringen. Es gibt technische Dienste, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk, der zahlenmäßig stärkste Dienst ist der Sozialdienst. […] Die Dienste sind verpflichtend und gerade darin liegt ihre Qualität. […] und Jugendliche erfahren, wie viel Freude und Glück das Helfen bereiten kann.

Glaubt der Mann wirklich, dass er auf die Weise tätige Nächstenliebe fördern kann? Der Zwang dürfte die meisten Leute doch eher zum Gegenteil bringen. Und so, wie sich der Abschnitt las, musste ich an eine Frau denken, die zwangsverheiratet wird und dann hinterher sagt, sie sei in ihrer Ehe ja total glücklich.

Doch die Merkwürdigkeiten gehen weiter. Auf Seite 66 verlangt er eine strengere Gesetzgebung bei Alkohol und Kippen:

Der Gesetzgeber erlaubt Alkohol und Zigaretten ab sechzehn. Warum eigentlich? Ich habe noch nie eine plausible Erklärung für diese Gesetze gefunden außer unsere puddinghafte Pädagogik. Amerika, das Land der Freiheit, besitzt eine jugendgerechtere, nämlich schützende Gesetzgebung.

Wie weltfremd ist der Mann? Glaubt er ernsthaft, Jugendliche würden aufhören, wenn das Schutzalter höher wäre? (Haben sie ja auch nicht, es wurde seitdem ja erhöht.) Verbote machen sexy! Außerdem: Was glaubt der Mann, warum die Leute bei den Spring Breaks immer so durchdrehen? So toll ist das in den USA auch nicht.

Mit pädagogischen Grüßen

Die Kitschautorin

Krümelmonster, Teil 9

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„Gehören Sie zu Frau Lehmann?“

„Ich bin ihre Schwester“, rief ich.

„Und ich ihr Verlobter“, rief Gero geistesgegenwärtig. Das ließ der Notarzt als angehörig durchgehen und ließ uns beide mitfahren.

„Ich hätte mir denken müssen, dass sie nicht in Ordnung ist, sie hat sich heute Morgen die ganze Zeit übergeben müssen“, bemerkte Gero noch.

„Das würde zur medizinischen Geschichte Ihrer Verlobten passen“, berichtete der Notarzt.

„Welche medizinische Geschichte? Was ist überhaupt los?“, fragte Gero.

„Nun sagen Sie doch endlich, was los ist!“, bestürmte ich den Notarzt.

Der sagte: „Ruhig, ruhig! Ich will Ihnen ja erzählen, was passiert ist. Soweit ich weiß, hatte Frau Lehmann einen Termin beim Hausarzt?“

„Ja, das stimmt.“

„Wir haben die junge Dame nämlich vom Frauenarzt abgeholt, ein Stockwerk drüber.“

„Frauenarzt?“ Gero und ich schauten uns ratlos an.

„Ja“, erzählte der Arzt, während er Lea eine Infusion legte. „Frau Dr. Campe berichtete mir, dass sie vom Hausarzt zu ihr geschickt wurde, wegen einer Untersuchung. Und als Ihre Angehörige das Ergebnis gehört hat, ist sie bewusstlos geworden.“

„Welche Untersuchung?“, wollte ich wissen.

„Was für ein Ergebnis?“, rief Gero fast zeitgleich. „Und wieso musste Lea deswegen ins Krankenhaus? Sie war doch nur ohnmächtig, da hätte man sie doch einfach wiederbeleben können?“

„Nun, dafür gibt es einen ganz bestimmten Grund.“ Der Notarzt legte seine Utensilien beiseite und blickte uns an. „Lea Lehmann ist im dritten Monat schwanger.“

 

„Das glaube ich einfach nicht! Ich dreh noch durch!“

In den drei Minuten, die wir bereits hier waren, war Gero bereits so oft den Krankenhausflur auf- und abgerannt, dass man es gar nicht mehr zählen konnte.

„Ich drehe auch gleich durch, wenn du nicht sofort stehen bleibst! Das hält ja kein Mensch aus!“, fuhr ich ihn an.

„Wie kannst du das von mir verlangen?“, antwortete Gero, blieb aber stehen. „Ich werde Vater, ohne bis jetzt was davon gewusst zu haben, mit 22! Meinst du nicht, dass das etwas früh ist? Mal abgesehen davon liegt Lea da drin in diesem Scheißzimmer und konnte bis jetzt nicht wiederbelebt werden! Das bringt mich nicht eben dazu, bessere Laune zu haben! Scheiße!“, rief er laut aus und trat in seiner Wut gegen einen Essenswagen, worauf eine Krankenschwester ihn missbilligend ansah.

„Ja, es ist vielleicht etwas früh, aber kommt das wirklich so überraschend für dich? Weißt du ganz sicher, dass sie nie die Pille vergessen hat oder so?“

„Jetzt fang nicht auch noch damit an! Ich mach mir sowieso schon die ganze Zeit Vorwürfe. Es ist alles meine Schuld. Wenn wir, wann auch immer, nicht miteinander geschlafen hätten, dann wäre Lea jetzt nicht schwanger und hätte auch keinen Schock gekriegt und wäre nicht in Ohnmacht gefallen… ach, verdammt!“ Erneut trat er gegen den herumstehenden Essenswagen, worauf die Krankenschwester jetzt sagte: „Lassen Sie Ihre Wut bitte nicht am Essenswagen aus!“

„Sie haben doch keine Ahnung, was hier gerade abgeht!“, fauchte er.

Ich zog ihn auf den Stuhl neben mir und zwang ihn so, sich niederzulassen. „Gero, ich weiß, dass das alles große Scheiße ist, aber sieh es doch mal positiv: Wir wissen jetzt, dass sie kein Diabetes hat. Das wäre doch viel, viel schlimmer!“

„Ja, toll.“ Gero sprang wieder auf. „Stattdessen liegt sie ohnmächtig in diesem Zimmer und wacht nicht wieder auf, und über Nacht sind wir werdende Eltern! Denkst du wirklich, dass das besser ist?“

„Was weiß ich denn!“, rief ich hilflos. „Ich versuche wenigstens, ruhig zu bleiben. Das ist nicht gerade einfach!“

Gero stratzte wieder ruhelos über den Flur. „Was sollen wir nur machen? Wieso muss uns so was passieren?“ Er ließ sich auf den Stuhl fallen. „Selbst wenn Lea wieder aufwachen sollte, ist da immer noch dieses Problem…“

Mir gefiel irgendwie die Art und Weise nicht, in der er Problem aussprach. „Betrachtest du euer gemeinsames Kind etwa als Problem? Sei doch froh, dass es sich hier wenigstens um deine Freundin handelt und nicht um irgendeinen One-Night-Stand handelt.“

„Ja, es ist ein Problem für mich. Ich befinde mich zufällig gerade mitten im Studium und Lea genauso! Wie konnte uns das nur passieren?“

„Weißt du, wenn ein Mann und eine Frau…“

„Findest du das etwa witzig?“, fauchte Gero mich an.

„Nein!“, rief ich genauso aufgebracht zurück. „Aber wie ein Duracell-Hase auf Ecstasy den Flur rauf- und runterzurennen, bringt es doch auch nicht!“

„Woher soll ich denn wissen, was hilft?“, rief Gero hilflos aus. Plötzlich ließ er sich auf den Stuhl neben mir fallen und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Ein lautes Wimmern war zu hören. „Wieso passiert uns nur immer wieder so was? Warum? Wieso wacht Lea nicht auf? Warum?“

Der arme Gero tat mir Leid. Und auch ich war ziemlich durcheinander. Wie tröstet man jemanden, der total aufgewühlt ist, wenn es einem selbst nicht anders geht? Mir kam die Nachricht von Leas Schwangerschaft ja genauso überraschend wie ihm, und das Ganze wurde dadurch noch verschlimmert, dass Lea in diesem Krankenzimmer lag und noch immer ohnmächtig war. Normalerweise war man nach einigen Minuten doch wieder bei Bewusstsein, oder? Wieso gab Lea immer noch kein Lebenszeichen von sich? Was sollten wir nur tun?

Ich nahm Gero in den Arm und wimmerte mit.

Blog und Bushaltestelle

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Es gibt drei Neuigkeiten bzgl. meines Blogs.

1.) Ich habe einen Slogan. (Vielen Dank noch mal an Ebisario.)

2.) Ich habe eine Unterseite “Kontakt / Disclaimer” eingerichtet.

3.) Einige Artikel sind jetzt passwortgeschützt. Wer die Passwörter haben will, kann sich per Mail bei mir melden. Die Adresse steht unter “Kontakt / Disclaimer”. Ihr solltet euch ein wenig vorstellen, wenn ihr die Passwörter haben möchtet, damit ich weiß, wem ich sie geben kann und wem nicht.

Damit der Artikel nicht ganz so langweilig ist, teile ich jetzt noch eine Situation mit euch, die sich am Montag ereignete. Ich hatte einen Arzttermin und wollte zurück zur Uni fahren. An der Bushaltestelle sprachen mich zwei Mädels an:

“Wissen Sie, wann der nächste Bus fährt?”

“Ja, in drei Minuten.”

“Danke.”

“LOL, bist du doof, du kannst das doch selbst nachgucken, da! (zeigt auf den Plan) Auf welchem Gymnasium bist du?”

“Ich bin seit über vier Jahren aus der Schule raus.”

“LOL, ich hab dich jünger geschätzt. Los, schätz mal, wie alt wir sind!”

(lange Denkpause) “Vierzehn!”

“Haha! Wir sind zwölf! Wir gehen mit dem da (zeigen auf Jungen auf anderer Straßenseite) in eine Klasse! Studierst du?”

“Joah.”

“Du hast ‘joah’ gesagt. Also schätze ich, dass du auf die FH gehst.”

“Nein, ich gehe auf die Uni.”

“Was studierst du?”

“Politik und Erziehungswissenschaft.”

“Willst du Politikerin werden?”

“Nein, Journalistin.”

“Aber wo braucht man da Politik?”

“Es wird ja viel über Politik berichtet.”

Der Bus kommt, ich will einsteigen.

“Wenn du mal Journalistin bist, mach nichts über Politik, weil das interessiert keinen! Mach nur was Cooles über Stars und so!”

Ich fand das Ganze so absurd, dass ich gelacht habe, als ich den Bus betrat. Von den anderen Fahrgästen wurde ich misstrauisch angeguckt. Anscheinend ist es Bedingung, vor sich hinzugrummeln, wenn man einen Stadtbus benutzt.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Wo ist die Liebe hin?, Teil 9

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Einige Tage später war der Abiball. Auch wenn das stundenlange Herrichten ein einziger Stress gewesen war und mir Omas Kommentare zu meinem Kleid („So tief wie das ausgeschnitten ist, kann man ja von Pontius bis Pilatus gucken!“) irgendwann nur noch auf die Nerven gingen, war ich doch froh, dass der Abiball endlich gekommen war.

Am Anfang war es ziemlich öde, da keine Musik lief und ständig irgendein Lehrer meinte, irgendeine endlose Rede halten zu müssen. Doch als die Band eintraf, wurde es ziemlich gut. Wir Mädels tanzten ausgelassen, zumindest soweit unsere Hochsteckfrisuren es zuließen. Und es zeigte sich, dass die Band eine hervorragende Wahl gewesen war. Alle waren glücklich.

Das heißt, nicht ganz. Zwar versuchten Anna und ich immer wieder, Aurélie zum Tanzen zu bewegen, aber nach einer Minute saß sie bereits wieder auf ihrem Platz und starrte zur Theke, an der sich Freddy mit seinen Kumpels unterhielt.

„Meinst du, jetzt…“, fragte ich.

„Ja, jetzt ist der richtige Zeitpunkt“, meinte Anna.

Die Band hatte gerade mit einem Lied geendet. Ich stieg zu ihnen auf die Bühne und flüsterte Larry, dem Sänger, meinen Musikwunsch ins Ohr. Den erfüllte er mir auch prompt. Leider mit einer kleinen Ansage.

„Und hier kommt für Saras gute Freundin ein Musikwunsch! Aurélie von Wir sind Helden!“

Dann begann er. Ich war noch nie so aufgeregt wie jetzt. Anna schien es auch nicht anders zu gehen.

„Aurélies Akzent ist ohne Frage sehr charmant

Auch wenn sie schweigt, wird sie als wunderbar erkannt

Sie braucht mit Reizen nicht zu geizen, denn ihr Haar ist Meer und Weizen

Noch mit Glatze fräß’ ihr jeder aus der Hand

Doch Aurélie kapiert das nie

Jeden Abend fragt sie sich

Wann nur verliebt sich wer in mich?“

Zweifellos bewirkte dieser Song etwas. Aber nicht das, was er sollte. In dem Augenblick, als der Refrain einsetzte, begann Aurélie zu weinen und verließ fluchtartig den Saal. Sie rannte an Anna und mir vorbei, ich wollte hinterher, aber Anna hielt mich zurück.

Freddy kam aufgeregt auf uns zu. „Na toll, und was soll ich jetzt machen!“

„Na, hinterher!“, rief Anna ihm zu. Dieser Aufforderung kam er sofort nach.

Auch wenn die Musik immer noch laut dröhnte, hörte ich sie in dem Moment nicht.

Ich fühlte mich unheimlich schuldig. Was war nur passiert? Für den ganzen Schlamassel fühlte ich mich allein verantwortlich.

Ich ließ mich auf einen Stuhl vor den Waschräumen sinken und wünschte mir, ich hätte all das nie erleben müssen.

Da kam mir Anna hinterher. Sie setzte sich auf den Stuhl neben mir. Zusammen sahen wir schweigend in den Nachthimmel, der sich durch die Fenster blicken ließ.

Nach einer Weile sagte Anna: „Das war ’ne blöde Idee von mir, was?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Solche Versuche sind im Allgemeinen eine blöde Idee.“

Wieder zuckte ich mit den Schultern.

Es war ziemlich dunkel und es war unendlich lange still.

Plötzlich stürmte von draußen ein Pärchen Richtung Damentoiletten. Zuerst hielten sie an einem Pfeiler. Wer so intensiv knutscht, verbraucht kein Wasser mehr zum Waschen, hatte Anna mal gesagt. Ich glaube, erst jetzt begriff ich das so richtig.

Mir war das Pärchen nicht bekannt und im Dunkeln konnte man kaum etwas erkennen, aber als die beiden in die Damentoiletten huschten, sah ich, dass das Mädchen ein schwarzes Kleid trug. Ein schwarzes Kleid mit einer großen Schleife am Rücken und ziemlich viel Glitzer. Genau wie Aurélie…

Einen Moment später hörten wir lautes Gestöhne. Ich bildete mir sogar ein, zu merken, wie unsere Stühle, die nebenstehende Garderobe und das WC-Schild rhythmisch hin- und herrumsten. Wie in diesem Film. Die fabelhafte Welt der Amélie.

Oh mein Gott. Das.. das konnte doch nicht…

„Du, da auf dem Klo, da sind…“

„Freddy und Aurélie, genau. Wir haben unsere Arbeit getan. Komm, gehen wir wieder tanzen.“

Ich war so befreit wie noch nie. Deswegen tanzte ich auch besonders ausgelassen, war eins mit mir und der Welt und grölte laut mit zu der Musik. Kurz: Ich hatte einen perfekten Abend.

Eine halbe Ewigkeit später tauchten unsere guten Freunde wieder auf. Die Band hatte gerade Pause. Aufgeregt stürmten Freddy und Aurélie auf uns zu.

Mir fiel auf, dass sich einige Strähnen aus Aurélies Frisur gelöst hatten und Freddy verschmierten Lippenstift am Hals hatte.

„Sara, Freddy und ich sind…“

„Ich weiß. Lasst uns feiern!“

Doch jetzt betrat Oma die Szene. Wieso hatten wir sie eigentlich mit angemeldet?

„Meinst du wirklich, dass das für ein Mädchen wie dich der geeignete Ort ist?“ Mit Stirnrunzeln betrachtete sie Freddy und Aurélie, die leicht derangiert aussehen, die Getränke, die wir in den Händen hielten, und die Band, die biertrinkend auf der Bühne saß.

„Lass mich doch. Ich bin alt genug!“

Empört wollte Oma etwas entgegnen, doch in dem Moment wurde ich von meinen Freunden auf die Tanzfläche gezogen, weil die Band wieder einsetzte. Aurélie küsste Freddy auf den Mund, schob ihn hin und her, Anna und ich legten den wildesten Rock’n’Roll aller Zeiten hin, und ich kümmerte mich kein Stück darum, was meine alte, überbesorgte Großmutter zu sagen hatte. Weil ich dazu viel zu glücklich war.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 5

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Zu Hause war ich fix und fertig. Der auf sechs Tage komprimierte Prüfungsstress hatte mich richtig fertig gemacht, dazu kam noch der familiäre Terror, und nun hatte sich auch noch herausgestellt, dass Freddy tatsächlich in Aurélie verliebt war, was ohne Zweifel noch einen Haufen Probleme nach sich zog.

Als ich im Flur stand und die Schuhe abstreifte, hörte ich aus Leas Zimmer laute Musik. Sie hörte gerade die Beatsteaks.

I got a whole bag of trouble to be taken away…

„Die haben ja so Recht“, murmelte ich.

„Mit wem redest du gerade?“, fragte mich Paul, der mit seinem Lieblingsball durch den Flur tollte. „Paul, du sollst nicht mit deinem Ball auf dem Flur spielen, das weißt du ganz genau!“, rief meine Mutter gereizt aus der Küche. Nanu, war sie schon aus der Praxis zurück?

„Ich hab mit niemandem geredet“, behauptete ich und ging Richtung mein Zimmer. Unterwegs ging ich an Leas Zimmer vorbei. Die Musik war unverändert laut, doch jetzt stratzte meine Oma vorbei und versuchte, gegen den Lärm anzukommen: „Mach deine Kapelle leiser, du bist hier nicht alleine!“

Na toll. Die Atmosphäre hatte sich nicht entspannt, seit ich mich mit Anna zur Bushaltestelle aufgemacht hatte. Ich setzte meinen MP3-Player auf und drehte ihn auf volle Lautstärke, um mich abzuschotten.

Es ist ja häufig so, dass die Zufallsreihenfolge des MP3-Players einen zu ärgern scheint. Jedenfalls war das Lied, mit dem der Player startete, ausgerechnet „Wie es geht“ von den Ärzten. Bitte geh noch nicht, bleib noch ein bisschen hier, ich muss dir noch was sagen, nur die Worte fehlen mir… Ich schaltete weiter.

Doch es war wie verhext: Ich bekam nur noch Lieder, die haargenau auf meine Umwelt passten. Als es schließlich hieß: Junge, warum hast du nichts gelernt?, riss mein Geduldsfaden. Natürlich hätte ich auch einfach ein Lied auswählen können, aber dazu hatte ich schon gar keine Lust mehr.

Stattdessen pflanzte ich mich vor den Fernseher. Ich blieb auf Kanal sieben hängen, wo gerade über eine Sechzehnjährige berichtet wurde, dessen kleinkrimineller Freund ihr gerade einen Heiratsantrag gemacht hatte. Im Wechsel mit dieser Tussi wurde über eine Fünfzehnjährige berichtet, die unbedingt Go-go-Girl werden wollte in einem Club, in den sie noch nicht hereindurfte, und die sich deswegen mit ihrer Mutter zoffte.

Plötzlich tauchte meine Mutter in der Sendung auf und fauchte die Oma der Sechzehnjährigen, die meiner Oma verdammt ähnlich sah, an, dass sie an allem schuld sei, weil die Sechzehnjährige dadurch, dass die Oma so ein Ekel war, erst dazu getrieben wurde. Die Oma wehrte sich und hielt dagegen, dass die Mutter ihre Pflichten vernachlässigt hätte.

Ich wachte auf. Was zum…? Was war denn jetzt los?

Ich starrte konsterniert auf den Fernseher. Nichts mehr von außer Kontrolle geratenen Teenagern namens Mandy, Robin und Alina. Dafür verkündete nun eine Blondine die neuesten Nachrichten. Doch die streitenden Stimmen waren immer noch zu hören.

Na super. Meine Mutter und meine Oma zofften sich schon wieder. Kriegten die sich denn nie ein?

Ich versuchte, mich diesmal unbeeindruckt zu geben, und kochte, während der Streit in der Küche weiterging, das Abendessen. Mama hatte es bereits begonnen, aber anstatt es zu Ende zu führen, stritt sie sich lieber mit Oma.

Während des Essens hatten sie sich, Gott sei Dank, beruhigt.

Aber Mama hatte einige Beschwerden loszuwerden.

„Lea, bitte dreh deine Musik nicht immer so laut. Du bist nicht alleine in diesem Haus.“

„Ist ja schon gut. Wieso bist du heute eigentlich früher aus der Praxis zurückgekommen?“

„Darf ich das nicht? Ich dachte, ich mach euch eine Freude damit, wenn ich mal früher komme und mich ein wenig um den Haushalt kümmere.“

„Hat ja super geklappt“, brummte Oma.

„Elisabeth!“, hieß es von Papa und Mama gleichzeitig.

Nun probierte Paul zum ersten Mal von dem Essen, das zu einem großen Teil ich zubereitet hatte. Natürlich schmeckte es ihm nicht.

„Ich hätte mich auch nicht an den Herd wagen müssen, wenn Mama es vorgezogen hätte, das Essen zu machen, anstatt sich mal wieder mit Oma zu streiten“, rief ich.

„Sara! Bitte nicht in diesem Ton!“, wurde ich von meinem Vater zurechtgewiesen. Doch auch ohne seine Äußerung merkte ich schnell, dass ich da etwas gesagt hatte, was ich besser nicht gesagt hätte.

„Man kann es euch einfach nicht recht machen“, regte sich Mama auf und schmiss ihr Besteck auf den Teller. „Da will ich mal extra früher nach Hause kommen, um euch ein schönes Essen zu kochen, und dann ist es euch auch wieder nicht recht. Was wollt ihr eigentlich?“

„Dass du aufhörst, dich mit Oma zu streiten. Das geht uns nämlich mittlerweile allen auf die Nerven“, sprach Lea aus, was auch ich dachte.

„Du sei mal ganz ruhig“, keifte Oma. „Du kümmerst dich doch hier um nichts. Obwohl du nie in der Uni bist, sondern immer zu Hause herumhängst.“

„Das stimmt nicht“, machte Lea ihrem Ärger lautstark Luft. „Ich mache alles, was mir aufgetragen wird. Sogar Paul musste ich heute von der Schule abholen, weil du es mal wieder vergessen hast. Der Kleine sah ja ganz verzweifelt aus.“

„Wie bitte?“, rief Mama schockiert und gleichzeitig hieß es von Oma: „So wird es also respektiert, was ich hier mache. In Wahrheit halte ich doch den ganzen Laden zusammen!“

„So ein Blödsinn!“, fauchte Lea.

„RUHE!“, brüllte Mama plötzlich. In Großbuchstaben. Egal, was wir vorher gemacht hatten, jetzt waren alle still. Und erschrocken bis ins Mark.

„Es funktioniert so nicht. So funktioniert es einfach nicht! Und wisst ihr was? Ich pfeif drauf!“

Mama stürmte in den Flur, zog sich Schuhe und Mantel an. „Ich gehe zu Gitte.“ Das war ihre Praxiskollegin.

„Monika!“ Auf einmal machte Papa den Mund auf. „Monika, bleib doch…“

„Nein. Nein, Martin, das kann ich nicht. Ich habe keine Lust, mich weiter mit deiner Mutter zu streiten, wer hier was falsch macht. Wenn ihr euch beruhigt habt, bin ich wieder zurück. Tschüss.“

Und weg war sie.

Einige Sekunden lang wusste keiner von uns etwas zu sagen. Dann rief Lea: „Ganz toll. Das habt ihr ja mal wieder ganz toll hingekriegt. Ich glaube, ich ziehe lieber aus, bevor ich euch noch weiter ertragen muss.“ Sprach’s und verzog sich in ihr Zimmer.

„Das versuch mal“, antwortete Papa noch, aber das hörte sie schon nicht mehr.

 

Auch ich hatte von allem genug. Und wie immer, wenn mir zu Hause die Decke auf den Kopf fiel bzw. auf den Kopf geschmissen wurde, machte ich einen Spaziergang. Ich wollte meinen Kopf freimachen, aber es ging nicht gut. Da hatten meine Freunde und meine Familie ganze Arbeit geleistet.

Ich lief ziellos durch die Stadt. Auf meinem Streifzug kam ich an einem Haus mit einem Schild vorbei. Neugierig las ich das Schild.

Wohnung zu vermieten und eine Telefonnummer las ich darauf. Ich begutachtete das Haus. Es sah gar nicht mal schlecht aus.

Hier konnte Lea ja einziehen.

Ich ging schnell weiter.

Irgendwann landete ich am Hauptbahnhof. Wie, so weit war ich gelaufen? Jetzt merkte ich erst, wie weh meine Füße taten.

Da erblickte ich eine Filiale der Kette mit dem geschwungenen M. Warum eigentlich nicht, dachte ich und ging herein. Ich bekam sogar noch einen Sitzplatz.

Missmutig stocherte ich im Gartensalat herum, eine der wenigen vegetarischen Sachen, die man hier kriegen konnte. Wie konnte man die Probleme zu Hause nur lösen? Ständig lagen sie sich in den Haaren. Immer ging es um dasselbe. Kein Ende in Sicht.

Mir fiel ein Aushang ins Auge. Aushilfe auf 400-Euro-Basis gesucht.

Wie oft hatte ich zu hören bekommen, dass ich mir einen Job suchen sollte, um meinen Eltern nicht auf der Tasche zu liegen, wenn ich studierte?

Es war ziemlich laut hier, aber ich bekam trotzdem mit, wie sich drei Typen hinter mir über ihre Band unterhielten.

„Meine Güte, wenn wir nicht bald eine Location finden, sind wir aufgeschmissen“, meinte einer.

„Ja, genau. Blöd, dass um die Zeit immer tote Hose ist.“

„Wenn wir doch nur eine Auftrittsmöglichkeit hätten. Ich muss irgendwann mal meine Miete für diesen Monat bezahlen. Ich würde ja fast überall spielen…“

Und da hatte ich zwei super Ideen. Mit einem Mal ging mir ein Licht auf, das so grell war, dass es schon fast schmerzte.

Ich drehte mich zu den Typen hinter mir um und quatschte ein bisschen mit ihnen. Dann lief ich zurück zur Straße, wo eine Wohnung zu vermieten war, und speicherte die Telefonnummer in mein Handy.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 2

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Kurze Zeit später standen wir vor einem Haus in der Berliner Straße. Ich drückte auf die Klingel mit dem Namen Steiner.

„Wieso willst du ausgerechnet zu dem?“, fragte Anna und schaute sich nach allen Seiten um, als würde sie befürchten, jemand könnte sie hier sehen. Mit dem war Freddy gemeint. Seit der Parisfahrt war er mein Kumpel geworden und auch wenn Anna und Aurélie, meine zweitbeste Freundin, sich an ihn gewöhnt hatten, fanden sie ihn immer noch ein bisschen, na ja, seltsam.

„Willst du ’ne gute Abinote oder nicht?“, fragte ich sie.

„Ja schon, aber…“

„Nichts da! Du kommst jetzt mit!“ Jetzt ging jemand an die Gegensprechanlage. „Hallo?“, hörte ich von Frau Steiner. Das war Freddys Oma, bei der er lebte, seit seine Eltern gestorben waren.

„Hallo, Frau Steiner! Wir sind es, Sara und Anna! Wir möchten gerne zu Frederik.“

„Kommt herauf!“ Sie öffnete die Haustür und wir traten ein.

Wenig später standen wir in der Wohnung.

„Das ist aber eine Freude! Ich habe ein paar Kekse gemacht, wollt ihr welche probieren?“

Frau Steiner war eine liebe Oma, ganz anders als meine. „Vielen Dank, wir nehmen gern welche!“, sagten wir und gingen in die Küche, um uns ein paar der leckeren Schokoladenkekse zu holen.

Noch mit vollen Backen verließen wir die Küche wieder, um Freddy in seinem Zimmer aufzusuchen, als wir plötzlich eine Begegnung der dritten Art hatten. Anna stand ein paar zögerliche Schritte hinter mir, doch auch ihr entging nicht, was da vor uns war. Oder besser gesagt, wer.

Es war unsere gute Freundin Aurélie.

Ein Drehbuchautor oder Filmemacher hätte diese Szene vermutlich nicht besser gestalten können. Anna, Aurélie und ich standen im Flur herum und starrten uns gegenseitig mauloffen an. Das wäre vermutlich ewig so weitergegangen, wenn nicht irgendwann Aurélie gesagt hätte: „Ich konnte nicht in… Ruhe lernen…“

Dann verschwand sie hinter der Klotür.

Anna und ich sahen uns an.

„Nicht nachfragen. Einfach nicht nachfragen“, sagte ich zu ihr und dann gingen wir in Freddys Zimmer, um ihn zu begrüßen.

Einige Stunden später und um einige naturwissenschaftliche Fakten schlauer fuhr ich mit der Straßenbahn nach Hause. Ich war im Lernen fürs Abitur ein großes Stück weitergekommen. Jetzt musste ich eigentlich nur noch wiederholen, nichts Neues mehr lernen. So gut hatte es geklappt. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass Freddy ein großes Biotalent besaß.

Bestens gelaunt schloss ich die Wohnungstür auf. Ich war mir sicher, dass meine Eltern und meine Oma es verstehen würden, dass ich heute so plötzlich abgehauen war. Sie sagten doch selbst ständig, dass ein gutes Abitur wichtig für meine Zukunft sei. Wenn ich ihnen erklärte, dass ich mit Freddy und meinen Freundinnen gelernt hatte, würden sie es schon verstehen.

Vielleicht hatte ich das ein wenig zu rosig gesehen. Als ich den Flur betrat, standen meine Mutter und meine Oma jedenfalls schon da und schauten mich finster an.

„Wo warst du?“, fragte Oma und hörte sich dabei an wie eine dieser strengen Lehrerinnen aus Hanni und Nanni. Ich hatte das früher immer verschlungen, bis –

„Antworte mir bitte!“

Ich musste mich beherrschen, um meine Jacke ruhig und gelassen an den Haken zu hängen. „Ich war bei Freddy.“

„Du warst bei Freddy? Ich glaube es nicht!“ Jetzt wandte meine Oma sich wütend an meine Mutter und fixierte sie mit ihren Augen, die hinter ihrer dicken Brille versteckt waren. „Ich habe es ja gesagt! Seit sie in Paris war, trifft sie sich nur noch mit diesem Typen! Ich habe ja gesagt, dass das keine gute Entscheidung war, sie dort mitfahren zu lassen!“

„Was willst du denn damit sagen?“, riefen meine Mutter und ich gleichzeitig. Verblüfft starrten wir uns an.

„Nichts“, gab Oma zurück. „Ich will damit nur sagen, dass Sara sich nicht verzetteln soll. Man hat ja bei Lea gesehen, wohin das führt.“

„Das ist nicht wahr!“, wollte ich meine Schwester verteidigen. „Es liegt nicht an ihrem Freund, dass sie letztes Jahr fast durch die Pädagogikprüfung gefallen wäre. Sie hat gelernt wie ’ne Blöde.“

„Nicht in diesem Ton, Sara!“

„Ist doch wahr! Jedenfalls war sie bei der Prüfung echt tierisch nervös. Ihren Freund hat sie in der Zeit kaum gesehen. Es liegt nicht an ihm.“

Meine Mutter wollte schon zustimmen, doch da fuhr Oma mich an: „Ach, hör mir doch auf! Dich nach Paris fahren zu lassen, war auf jeden Fall eine absolute Fehlentscheidung! Wozu hat das denn geführt bei dir? Anstatt fürs Abitur zu lernen, hängst du nur noch mit diesem Burschen herum. Und du sagst mir, du lernst immer fleißig? Dass ich nicht lache!“

„Ich habe –“, setzte ich an, doch Mama kam mir zuvor.

„Elisabeth“ – gemeint war meine Oma – „bitte werde jetzt nicht ungerecht. Es stimmt, Sara hat einige ihrer Pflichten vernachlässigt, aber –“

„Nichts aber! Du wusstest ganz genau, dass Sara auf der Parisreise Blödsinn machen wird, und hast es ihr trotzdem erlaubt! Und die Geschichte gibt ihr Recht! Sie hat sich mit diesem Burschen eingelassen!“

„Das stimmt überhaupt nicht!“ Ich wollte auch endlich mal etwas sagen dürfen. „Freddy ist mein guter Freund, aber nicht mein Freund! Bitte versteht das endlich. Außerdem haben wir zusammen gelernt, was ich hier ja nicht konnte.“

„Lernen! Dass ich nicht lache!“ Oma schnaubte und sah zur Decke.

„Elisabeth, jetzt wirst du aber wirklich ungerecht!“

„Ich? Ungerecht? Ich weise nur deine Tochter darauf hin, dass sie gewisse Pflichten hat. Darin hast du jawohl versagt. Oder warum lernt Sara nicht mehr für ihr Abitur und vergisst, den Haushalt zu machen? Warum hat Lea schon wieder die Uni geschwänzt? Warum hat Paul schon wieder seine Hausaufgaben nicht gemacht? Warum?“

Aufgebracht rief meine Mutter: „Ich lasse nicht auf mir sitzen, dass ich alles vergesse, seit ich wieder arbeite! Das stimmt nicht! Abgesehen von den paar Kleinigkeiten funktioniert doch alles wirklich prima!“

Da konnte ich ihr im Grunde nur zustimmen, auch wenn Mama manchmal etwas gestresster wirkte.

„In Wahrheit suchst du doch nur einen Grund, dass ich wieder aufhöre, zu arbeiten, und die brave Hausfrau gebe, die du so gerne hättest! Aber du hast Pech gehabt, so eine Frau bin ich nicht!“

In diesem Moment kam mein Vater aus seiner Anwaltskanzlei nach Hause. Er hängte seinen Mantel und seinen Schal an den Haken, streifte seine Schuhe ab und fragte: „Hallo Mutter, hallo Liebes! Wann gibt’s Essen?“

Manche Leute scheinen einfach ein Gefühl für perfektes Timing zu haben. Ich rannte schnell in mein Zimmer und drehte die Anlage auf, bevor ich mitkriegte, wie er von seiner Ehefrau einen auf den Deckel bekam.

Am nächsten Morgen suchte ich verzweifelt nach meinem Pullover. Es war mein Lieblingspullover, der schwarze Kapuzenpulli in Größe L, denn er war so schön kuschlig. Leider war er unaufffindbar. Wo konnte er nur sein?

Da fiel mir etwas ein. Die Wäscheständer standen bei Regen doch immer im Wohnzimmer. Also ging ich dorthin. Mir fiel auf, dass die Jalousien heruntergelassen waren, deswegen stellte ich die Lampe an.

Und erntete damit lautes Geschimpfe. „Verdammt, kann man denn nirgendwo in Ruhe schlafen?“ Die Stimme gehörte einem männlichen Wesen. Meinem Vater.

„Wieso schläfst du denn auf der Couch?“, wollte ich von ihm wissen. Er rieb sich die Augen und meinte: „Ist gut für den Rücken.“

Skeptisch dachte ich: Wahrscheinlich hat er einfach gestern von Mama mehr als nur einen auf den Deckel gekriegt. Ich ließ ihn in Ruhe und holte nur schnell meinen Pullover, denn auf weitere Familienstreits war ich nicht gerade scharf.

Beim Frühstück kam es nicht zu einem neuen Streit. Wirklich gemütlich war die Atmosphäre aber auch nicht gerade. Und da Paul, der uns sonst bei Laune hielt, schon in der Schule war, war es noch schlimmer.

Nur, um etwas zu sagen, bemerkte Papa, dass ihm der Reis, den Mama ihm gestern Abend noch zubereitet hatte, ausgezeichnet geschmeckt hatte. Worauf Mama ihn böse anfunkelte. Ich konnte mir gut vorstellen, warum.

Bevor die Situation zu eskalieren drohte, erzählte Lea von einer Vorlesung an der Uni. Sie studierte Anglistik und ihr Professor hatte neulich einen super Witz über Shakespeare gerissen, den sie uns unbedingt mitteilen musste.

„Also warst du mal wieder in der Uni, ja?“, murmelte Oma.

„Elisabeth!“, entfuhr es Mama schockiert.

„Ist schon gut, ich hab halt ’nen lockeren Stundenplan.“

„Und was hast du heute noch so vor?“, wendete sich Mama nun an mich.

„Ich lerne noch mal abschließend für die Prüfung morgen und dann treffe ich mich mit Anna und Aurélie.“

„Wenn du meinst, dass das ausreicht…“ Schon wieder musste Oma einen ihrer Kommentare abgeben. Mama schaute sie nicht gerade freundlich an. Na herrlich.

„Ja, es reicht aus. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich muss ins Bad.“