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Krümelmonster, Teil 27

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Die nächsten anderthalb Wochen machte ich nur Dienst nach Vorschrift. Ich ging brav zur Uni, schrieb in den Vorlesungen mit, ansonsten versteckte ich mich in den Vorlesungssälen bzw. zu Hause. Ich lachte kaum, sprach außerhalb der Veranstaltungen niemanden an und Nachfragen von meinen Freundinnen watschte ich mit Angst vor den Klausuren im Januar ab. Und die glaubten mir das auch noch, aber vielleicht wollten sie auch einfach nicht nachfragen.

Lukas sah ich in der Zeit nicht einmal. Aber ich musste ständig an ihn denken, vor allem, wenn ich mal wieder an einem der zahllosen Plakate vorbeilief, die den Weihnachtsball ankündigten. Wieso mussten die überall hängen und mich daran erinnern, was für ein Scheißmensch ich war?

Ein paar Tage vor dem Ball hing ich emotionslos im Gesicht und mit lauter Gedanken im Kopf auf meiner hässlichfarbenen Sitzschale herum, als Kati zu mir in den Vorlesungssaal kam. Sie wirkte ziemlich atemlos.

„Was ist denn?“, fragte ich ungeduldig. „Die Vorlesung fängt gleich an.“

„Ich weiß, ich hab dich schon überall gesucht. Man sieht dich ja in letzter Zeit nirgendwo. Hier ist jedenfalls deine Ballkarte.“ Sie reichte mir ein bunt bemaltes Teil, auf dem Eintrittskarte für den Weihnachtsball der Universität Frankfurt stand.

„Hör mal, ich hab dir schon gesagt, ich will da nicht hin“, rief ich und warf ihr das Teil wieder entgegen.

„Und ich hab dir schon gesagt, du darfst dich nicht verstecken“, entgegnete Kati und setzte sich neben mich. „Wenn du Lukas wirklich haben willst, musst du mit ihm sprechen. Du darfst dich nicht in deinem Schneckenhaus verkriechen. Also: Komm zum Ball. Ich schenk dir auch die Karte, wenn’s sein muss.“

„Ich will da nicht hin. Und überhaupt, wer hat gesagt, dass ich ihn wirklich haben will?“

Kati sah mir tief in die Augen.

„Okay, du hast Recht“, gab ich zu, „aber er wird doch eh die ganze Zeit auf der Bühne stehen.“

„Irgendwann wird die Band Pause machen“, warf Kati ein. Vorne an der Tafel stellte sich der Dozent bereit. „Na ja, ich muss jetzt in meine Vorlesung. Hier ist die Karte, du kannst es dir ja noch mal überlegen. Aber du solltest wirklich dort hinkommen. Ich werde jedenfalls da sein.“ Und weg war Kati.

Jeder kennt sicher das Gefühl, etwas zu machen, das man überhaupt nicht will. Nie habe ich dieses Gefühl tiefer empfunden als an diesem Tag. Mittags rauschte ich aus der Uni, ohne Mittagessen, nur um anderthalb Stunden beim Frisör zu sitzen für einen Termin, den ich gar nicht wahrnehmen wollte. Ich sah ihm dabei zu, wie der Mann meine Haare zu einer Hochsteckfrisur auftürmte und mein Make-up erledigte, und wollte ihm die ganze Zeit sagen, dass er sich die Mühe eigentlich sparen konnte. Ich sprühte mich mit meinem schönsten Parfüm ein und hüllte mich in mein tolles Abendkleid und dachte: Wozu das alles? Hat doch eh keinen Sinn. Ich will da nicht hin. Hey, das reimte sich.

Um mich herum war alles still. Ich sah in den Spiegel, in mein geschminktes zwanzigjähriges Gesicht, im selben Kleid wie vor anderthalb Jahren beim Abiball, und überlegte, wie der Abend heute wohl aussah. Ich wusste ganz genau, dass er beschissen werden würde.

In der U-Bahn zur Uni starrten mich alle an. Nun, es war wohl nicht alltäglich, dass sich eine junge Frau in so einem Filmstaroutfit (als ob ich wie einer aussähe…) in ein öffentliches Verkehrsmittel setzte. Ich wünschte, ich hätte mich mit dem Auto bringen lassen. Tja, zu spät. Fing ja schon gut an, der Abend. Ich war froh, als ich endlich wieder aussteigen konnte… und auch wieder nicht. Ich steckte nämlich nicht nur im selben Kleid wie beim Abiball, ich war auch mindestens genauso aufgeregt.

Was das Ganze nicht besser machte, war die komplette Aufmachung der Uni. Sie hatten sogar einen roten Teppich vorm Eingang hingelegt. War ich hier in Frankfurt am Main oder in Hollywood? Viele Studentinnen standen aufgebrezelt und mit Sektglas in der Hand herum und quatschten. Die Jungs trugen Anzüge und helle Biere.

Ich zitterte. Und das lag nicht an der Kälte. Am Eingang zeigte ich meine Eintrittskarte vor und bekam ein Sektglas in die Hand gedrückt. Für alle Ladys umsonst, wie mir der Kellner erklärte. Na dann. Ich kippte sofort einen ordentlichen Schluck herunter und sah mich erst einmal um.

Auf der Bühne stand noch niemand herum, aber alle Instrumente und die Anlagen waren schon aufgebaut. Das Mikrofon auch, und die Leadgitarre stand auf einem Ständer daneben. Ich seufzte laut.

„Hey, Sara! Endlich sieht man dich mal wieder!“

„Ja, da hast du wohl Recht. Hallo, Anna“, begrüßte ich sie und bemühte mich um ein Lächeln.

„Was war denn los? Hast du wirklich solche Probleme mit den Klausuren?“

„Ich hab jetzt keine Lust, noch mal darüber zu reden. Jedenfalls scheint Lukas jetzt zu denken, ich wäre nicht an ihm interessiert, sondern an dieser Pappnase von Hannes.“

„Stimmt das denn?“

„Nein!“, rief ich und trank noch einen Schluck Sekt. Mir fiel auf, dass die Flüssigkeit in Annas Glas orange war. „Was hast du denn da?“

„Ach, ich habe den Kellner gebeten, mir etwas ohne Alkohol zu geben. Deswegen bekam ich Orangensaft“, erläuterte Anna.

„Musst du heute fahren?“

„Ich weiß auch nicht, wieso ich mich dazu breitschlagen ließ. Aber ich habe versprochen, Aurélie und Freddy auf dem Heimweg mitzunehmen.“

„Wo sind die eigentlich?“

„Die kommen später. Sag mal, du bist wohl ziemlich aufgeregt, was?“

„Ja, ich wollte mit Lukas reden. Würde mich wundern, wenn er das noch will, nach dem, was passiert ist.“

„Willst du mir wirklich nicht erzählen, was mit euch war?“

„Na schön, komm mit, ich sag’s dir.“

Auf der Toilette sagte ich dann: „Ich habe ihm erzählt, dass Hannes und ich miteinander geschlafen haben und er mich dann sitzen ließ, und er hat auch gesehen, wie Hannes und ich miteinander gesprochen haben und ich meinte, wir könnten Freunde bleiben und er mich dann umarmt hat.“

„Oh, das ist wirklich ein ganz schön dicker Hund“, stöhnte Anna. „Deswegen hast du kaum mit uns gesprochen? Aurélie dachte schon, es läge an uns.“

„Nein, das bestimmt nicht. Weißt du“, erklärte ich ihr, „es wird schon wieder nichts. Nur diesmal fühlt es sich… noch schlimmer an als bei Hannes.“

„Hast du mit Lukas eigentlich überhaupt schon mal direkt über die ganze Sache gesprochen?“, fragte Anna.

„Nein.“

„Wie willst du dann überhaupt wissen, dass es nichts wird? So kann das ja nichts werden“, empörte sich meine beste Freundin. „Du musst ihm sagen, dass du Gefühle für ihn hast!“

„Er will auf keinen Fall mehr mit mir reden!“, rief ich nicht weniger laut zurück.“

„Aber du mit ihm! Und das zählt.“

„Na schön, in der Bandpause guck ich mal, ob ich ihn abgreifen kann.“

„Nein, du machst das jetzt!“, befahl sie mir. „Sonst machst du’s nie. Ich bin mit dir jetzt zehn Jahre befreundet, ich kenn dich.“

Sie war ja aufgeladen! „Okay, okay“, beruhigte ich sie.

Vor der Bühne, auf der alle Bandmitglieder – außer Lukas – bereits standen und die Instrumente stimmten, blieben wir stehen. Anna entfernte sich plötzlich Richtung Ausgang.

„Wo willst du denn hin?“, rief ich verzweifelt hinterher.

„Aurélie und Freddy suchen. Ich habe versprochen, am Eingang zu stehen, wenn sie kommen!“

Na super. In meinem Hals steckte ein Kloß, der viel dicker war als die, die Oma sonntags immer zum Mittagessen kochte.

Ich rief zum Bassisten herüber: „Habt ihr Lukas gesehen?“ Doch der hörte mich nicht. Kurzerhand stieg ich auf die Bühne.

Der Bassist rief: „Ey, du…“

„Ich habe einen Namen. Ich heiße Sara.“

„Gut, ich heiße Tobias. Also, Sara, eigentlich darfste hier nich‘ drauf stehen.“

Ich ignorierte seinen Einwand. „Kann ich zu Lukas? Ich muss dringend mit ihm sprechen.“

Seine Augen hellten sich auf. „Lukas? Na klar. Der hat in den letzten Tagen nur noch über dich geredet.“

„Echt?“

„Moment, ich hol ihn mal eben.“ Er ging nach hinten… und kam nach ein paar Minuten mit Lukas zurück. Mein Herz schlug so doll, dass es nicht gesund sein konnte.

„Sie wollte mit dir sprechen“, informierte Tobias ihn und dampfte dann wieder ab.

„Also, was willst du von mir?“, fragte Lukas.

Ich schluckte. „Ich wollte dir sagen, dass es mir Leid tut, dass ich dir von Hannes und mir erzählt habe… ich wollte dir damit nicht weh tun. Und dass Hannes mich umarmt hat, geschah gegen meinen Willen. Ich hab ihm gesagt, dass wir Freunde bleiben können, aber er meinte, gute Freunde würden sich umarmen, und dann hat er mich gedrückt. Ich wollte das alles nicht! Ehrlich.“

„Und warum erzählst du mir das alles?“, entgegnete er und hing sich die Gitarre um.

„Weil…“ Die ganze Band starrte mich an. Einige Ballgäste, die unten auf der Tanzfläche standen, ebenfalls. Ich meinte sogar, zu hören, dass die Gespräche leiser wurden.

Krümelmonster, Teil 22

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Noch lange saßen wir da und unterhielten uns über Gott und die Welt. Am nächsten Tag ging ich glücklich, aber müde durchs Leben und erledigte nach und nach alles, um das ich mich zu kümmern hatte. Zwischen Uni, Freundeskreis und schwangerer Schwester war das zum Beispiel die Besorgung der Weihnachtsgeschenke.

Seit zwei Wochen hingen die Lichterketten nun schon an den Kaufhäusern und in den Straßen. Wie viele Leute in der Zeit wohl schon alles für ihre Lieben besorgt hatten? Die Menschenmassen nahmen, während ich Stück für Stück die Geschenkeliste abarbeitete, jedenfalls kein Ende und das, obwohl ich mir eine relativ späte Zeit zum Weihnachtsshoppen ausgesucht hatte. Na ja, ich war nicht eher dazu gekommen.

Und so zog sich alles ziemlich lange hin, obwohl ich ganz genau wusste, was ich meinen Lieben kaufen wollte. Paul sollte ein Hot-Wheels-Auto bekommen, meine Mutter ein Buch von Dora Heldt. Papa wollte ich ein gerahmtes Bild schenken und Oma ein paar Malfarben. Anna würde sich hoffentlich über den Comicband freuen, den ich für sie ausgesucht hatte, und Aurélie würde an Weihnachten eine Schneekugel mit dem Eiffelturm unter der Tanne finden. Die werdenden Eltern bekamen von mir ein paar Babysachen, Strampler und so etwas, natürlich in neutralen Farben. Ich wusste ja das Geschlecht noch nicht.

Für all das brauchte ich eine halbe Ewigkeit. Als ich mich zum letzten Mal an der Kasse anstellte, rief plötzlich jemand von irgendwoher ganz laut: „Sara!!!“

Genervt drehte ich mich um. „Was ist denn?“

Es war Kati. Wieso traf ich Leute eigentlich immer zum falschen Zeitpunkt? Irgendwie wollte ich sie gerade nicht sehen. Nervös betrachtete ich die Schlange vor mir.

„Hi, Kati“, begrüßte ich sie wenig begeistert. „Auch Weihnachtsgeschenke kaufen?“

„Ja“, erwiderte sie. „Ich hab eigentlich schon alle… nur das für meinen Vater, das ist jedes Jahr eine neue Herausforderung.“ Sie hatte mit mir über ihren Vater gesprochen. Ich wusste noch ziemlich genau, was sie gesagt hatte, und nickte verständnisvoll.

„Also, was ich dir noch sagen wollte…“, setzte sie an, nachdem wir uns eine Weile angeschwiegen hatten, während wir so halb in der Kassenschlange standen. Nanu? Was wollte sie mir sagen?

„Also, ich kann… konnte dich ja überhaupt nicht leiden. Aber es war schon ziemlich witzig, wie wir uns an Hannes gerächt haben. Das hat mir unheimlich gut getan.“

„Ja, das war ziemlich gut“, musste ich zugeben, obwohl ich auch nicht so viel von ihr hielt.

„Und ich wollte dir sagen, dass es mir Leid tut, dass ich einfach in dein Zimmer gegangen bin und deine CD kaputt gemacht hab. Du hast ja eigentlich überhaupt nichts gemacht. Der wahre Übeltäter ist Hannes und an dem haben wir uns jetzt gerächt. Also… tut mir Leid.“

„Ach was“, winkte ich ab. „Ist doch Ehrensache.“

„Und ich hab noch was für dich“, rief sie und kramte in ihrer Handtasche herum.

„Wie… du für mich?“

Nach einer Weile hatte sie ein kleines, in Silberpapier eingewickeltes Teil hervorgekramt und drückte es mir in die Hand.

„Na, mach es schon auf! Ist für dich“, ermutigte Kati mich. Ungläubig riss ich das Silberpapier und die rote Schleife, die noch drumherum gewesen war, ab und zum Vorschein kam… die CD mit den französischen Liedern. Mit zwei Songs, die ich noch überhaupt nicht kannte. Und was am Wichtigsten war: Auf dem Cover hatten die drei Bandmitglieder unterschrieben! Ich konnte es nicht fassen. „Wie… die ist für mich? Aber wie konntest du sie so schnell… und warum ist die signiert?“

„Tja, manchmal hat Reich-Sein eben auch so seine Vorteile. Viel Spaß damit!“ Sie lächelte mich an und ging.

„Aber das wäre doch nicht nötig gewesen!“, rief ich ihr hinterher. Sie drehte sich noch um und rief: „Die hast du verdient!“ Und weg war sie.

Ich konnte es nicht glauben. Ich registrierte gar nicht, dass ich von einigen Leuten in der Schlange überholt wurde, und statt den verlangten sechzig Euro drückte ich der Kassiererin sechzehn Euro in die Hand, so durcheinander war ich.

Diese ganze vorweihnachtliche Episode brachte mich noch mehr zum Nachdenken. Wahrscheinlich war Kati doch nicht so ein schlechter Mensch, wie ich nach über vierzehn Jahren schlechten Erfahrungen mit ihr gedacht hatte. Trotz all dem Haare-Ziehen und Angeben. Und genau dies bewog mich, mich mit ihr nach der Uni mit ihr auf einen Kaffee zu treffen.

Als ich kam, saß sie bereits an einem Tisch am Fenster. Ihr Haar trug sie wie gewöhnlich mit einer Haarspange nach hinten geklemmt, in ihren Ohren steckten Perlenstecker und ihren Körper bedeckte ein dunkelblauer (marineblauer?) Pullover. Wenn man sie so sah, konnte man eigentlich denken, sie studiere BWL und nicht Pädagogik.

„Na, wie geht’s dir?“, begrüßte sie mich.

„Körperlich oder seelisch?“, fragte ich zurück. Doch wir wurden unterbrochen vom Kellner, der unsere Bestellungen aufnehmen wollte. Kati nahm Latte Macchiato, ich einen Orangensaft. „Ich will ja nicht so enden wie letzte Woche“, erklärte ich es Kati.

„Wie, was ist dir denn da passiert?“, fragte sie.

„Ach, bei dem ganzen Stress hab ich vergessen, was zu trinken. Das war letzten Samstag“, erzählte ich. „Da hat mich dann meine Schwester besucht, und schwupps! bin ich ihr vor die Füße gekippt –“

„Ach ja, richtig, das hab ich mitgekriegt“, rief Kati sogleich.

„Echt? Wie jetzt? Auf jeden Fall hat Hannes mich dann wiederbelebt –“

„So weit ist es also schon gekommen? Dieser gottverdammte Lügner!“

„Wieso bin ich ein Lügner? Dieser Latte macchiato ist wirklich der beste in der ganzen Stadt!“, schaltete sich der Kellner ein, der uns gerade die Getränke brachte. „Nein, ich hab nicht Sie gemeint, keine Sorge!“, beruhigte Kati ihn und machte sich sofort ans Schlürfen. „Na, dann bin ich ja beruhigt“, erwiderte der Kellner und ging davon.

Verwirrt fragte ich: „Wer ist ein Lügner?“

Schlürf.

„Kati, wer ist ein Lügner?“, wiederholte ich meine Frage.

Schlürf. Keine Reaktion.

„Kati, verdammt noch mal, was ist hier los?“

Die Angesprochene zuckte zusammen und hätte hierbei fast ihr Glas umgestoßen. „Ich wollte es dir eigentlich nicht sagen, aber…“ So, als hätte sie mir ein äußerst vertrauliches Geheimnis zu erzählen, sah sie sich erst nach beiden Seiten um und rückte dann bis auf fünf Zentimeter an mein linkes Ohr heran, um zu sagen: „Ich habe alles gesehen.“

„Wie, du hast alles gesehen?“

„Ich hab gesehen, wie du umgekippt bist, ich hab gesehen, wie Hannes behauptete, dich wiederbelebt zu haben und auch, wie er dich in sein Zimmer geschleppt hat, um dir all das romantische Zeug zu erzählen. Der wollte dich nur bei der Stange halten!“

„Moment mal, was meinst du damit?“

„Dass Hannes dir nur was vorgespielt hat, damit du dich nicht völlig von ihm abwendest. Erinnerst du dich daran, wie nach dem Aufwachen der andere Typ, der dabei war, zu dir gesagt hast, dass du Flüssigkeit brauchst?“

„Dunkel…“

„Der hat dich in Wahrheit wiederbelebt. Das war gar nicht Hannes. Der würde so was auch nie im Leben hinkriegen.“

Ich fühlte mich voll verarscht. Ich konnte gar nicht glauben, dass er es nicht gewesen sein sollte. Konnte ich Katis Version wirklich Glauben schenken?

„Das… ist doch alles gar nicht wahr“, stammelte ich. „Das erzählst du doch alles nur…“ Ich zeigte mit dem Finger auf sie. „Und am Ende krallst du dir Hannes!“

„Was soll das eigentlich?“, erregte sich Kati. „Da erzähle ich dir einmal im Leben die Wahrheit und dann kriege ich so was zu hören. Glaub doch, was du willst! Ich hab’s nicht nötig!“

„Nein, so hab ich das gar nicht gemeint. Aber… wieso hast du alles beobachtet?“

„Ich hatte ihn an dem Abend noch mal besucht. Ich bin dann kurz Richtung Toilette gegangen… und dann hörte ich nur einmal kurz deine Stimme und dann hab ich halt alles gesehen. Und ich wollte unbedingt wissen, was Hannes mit dir macht… da hast du schon Recht. Er ist so ein Arschloch!“ Traurig guckte Kati auf den Boden.

„Natürlich ist er das!“ Wütend guckten wir an die Decke. „Boah, ich bekomme glatt Lust, mich noch mal an ihm zu rächen!“, schnaubte sie. „Nein, das haben wir doch schon!“, antwortete ich. „Das brauchen wir nicht, denke ich.“

Eine Weile schwiegen wir beide. Nachdenklich starrte ich in meinen Orangensaft, den ich immer noch nicht angerührt hatte. Du brauchst Flüssigkeit.

„Der andere Typ hat mich also wiederbelebt?“, fragte ich schließlich. Kati nickte und guckte dabei genauso drein wie ich.

„Wer war das eigentlich?“

„Ach, das war Lukas. Ein alter Freund von Hannes. Hat nach dem Abi ‘ne Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht und studiert jetzt Medizin.“

„Lukas…“

„Ja, so heißt er.“

„Krankenpfleger? Und Medizinstudent? Deswegen konnte er mich wiederbeleben… Und er hat sofort gewusst, was mir fehlt.“ Ich trank mein Glas in einem Zug aus.

„Also, danke, dass du mir das gesagt hast“, sagte ich zerstreut. „Ich gehe mal kurz auf die Toilette.“

Dort saß ich dann und seufzte so laut, dass ich damit die Pieselgeräusche überdeckte. Ständig änderte sich mein Leben und ich kam kaum hinterher. Es war so, als hätte sich jemand oben im Himmel den magischen Stift zum Drehbuch meines Lebens geschnappt und würde die abenteuerlichsten Wendungen und Schnitte einbauen. Wahrscheinlich sollte ich mir den Stift zurückholen. Wieso dachte ich über so etwas eigentlich auf der Toilette nach?

Beim Händewaschen fiel mir etwas auf, das sich im Spiegel spiegelte. Ich drehte mich mal kurz um. So erfuhr ich, dass meine Uni in knapp zwei Wochen einen Weihnachts- beziehungsweise Adventsball anbot. Das an der Wand hängende Plakat versprach für einen Eintrittspreis von fünfzehn Euro pro Studinase „vorweihnachtlichen Glamour und die besten Cocktails der ganzen Stadt“ (was für eine inflationär gebrauchte Floskel). Stattfinden sollte das Ganze in der Uni und es wurde eine Band angekündigt.

Wer von den Verantwortlichen hatte eigentlich die bescheuerte Idee, so etwas im Winter zu veranstalten, wo doch klar war, dass bei dem Wetter Abendkleider zu tragen lauter Erkältungen auslösen würde?

Dies sagte ich auch Kati, als ich wieder da war. „Tja, dann sind die Hörsäle wenigstens nicht mehr so voll, weil alle Mädchen zu Haus bleiben“, lachte sie. „Aber wo hast du denn das mit dem Ball gesehen?“

„Auf dem Klo. Es gibt Cocktails und es spielt ‘ne Band.“

„Echt? Welche denn?“

„Keine Ahnung. Irgendwas mit Students, ich hab mir den Namen nicht gemerkt.“

„Ah, Lukas spielt in einer Band, die so heißt. Die sind ziemlich gut.“ Kati wischte sich über die Nase. „Na ja, ich muss gleich nach Hause, ich will noch für die Pädagogik-Prüfung lernen.“

„Ja, ich sollte wahrscheinlich auch mal wieder lernen“, gab ich zu. „Hab in letzter Zeit ziemlich wenig gemacht.“

Wir bezahlten und fuhren nach Hause. An der Tür zu Flur 2 trennten sich unsere Wege.

„Hättest du denn Lust, zum Weihnachtsball zu gehen?“, fragte Kati.

„Keine Ahnung, muss mal schauen. Ich meld mich bei dir, okay?“
Wir verabschiedeten uns und ich ging in mein Zimmer, um mich mit den Vorlesungsmitschriften und einer heißen Tasse Kakao ins Bett zu legen.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 9

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Einige Tage später war der Abiball. Auch wenn das stundenlange Herrichten ein einziger Stress gewesen war und mir Omas Kommentare zu meinem Kleid („So tief wie das ausgeschnitten ist, kann man ja von Pontius bis Pilatus gucken!“) irgendwann nur noch auf die Nerven gingen, war ich doch froh, dass der Abiball endlich gekommen war.

Am Anfang war es ziemlich öde, da keine Musik lief und ständig irgendein Lehrer meinte, irgendeine endlose Rede halten zu müssen. Doch als die Band eintraf, wurde es ziemlich gut. Wir Mädels tanzten ausgelassen, zumindest soweit unsere Hochsteckfrisuren es zuließen. Und es zeigte sich, dass die Band eine hervorragende Wahl gewesen war. Alle waren glücklich.

Das heißt, nicht ganz. Zwar versuchten Anna und ich immer wieder, Aurélie zum Tanzen zu bewegen, aber nach einer Minute saß sie bereits wieder auf ihrem Platz und starrte zur Theke, an der sich Freddy mit seinen Kumpels unterhielt.

„Meinst du, jetzt…“, fragte ich.

„Ja, jetzt ist der richtige Zeitpunkt“, meinte Anna.

Die Band hatte gerade mit einem Lied geendet. Ich stieg zu ihnen auf die Bühne und flüsterte Larry, dem Sänger, meinen Musikwunsch ins Ohr. Den erfüllte er mir auch prompt. Leider mit einer kleinen Ansage.

„Und hier kommt für Saras gute Freundin ein Musikwunsch! Aurélie von Wir sind Helden!“

Dann begann er. Ich war noch nie so aufgeregt wie jetzt. Anna schien es auch nicht anders zu gehen.

„Aurélies Akzent ist ohne Frage sehr charmant

Auch wenn sie schweigt, wird sie als wunderbar erkannt

Sie braucht mit Reizen nicht zu geizen, denn ihr Haar ist Meer und Weizen

Noch mit Glatze fräß’ ihr jeder aus der Hand

Doch Aurélie kapiert das nie

Jeden Abend fragt sie sich

Wann nur verliebt sich wer in mich?“

Zweifellos bewirkte dieser Song etwas. Aber nicht das, was er sollte. In dem Augenblick, als der Refrain einsetzte, begann Aurélie zu weinen und verließ fluchtartig den Saal. Sie rannte an Anna und mir vorbei, ich wollte hinterher, aber Anna hielt mich zurück.

Freddy kam aufgeregt auf uns zu. „Na toll, und was soll ich jetzt machen!“

„Na, hinterher!“, rief Anna ihm zu. Dieser Aufforderung kam er sofort nach.

Auch wenn die Musik immer noch laut dröhnte, hörte ich sie in dem Moment nicht.

Ich fühlte mich unheimlich schuldig. Was war nur passiert? Für den ganzen Schlamassel fühlte ich mich allein verantwortlich.

Ich ließ mich auf einen Stuhl vor den Waschräumen sinken und wünschte mir, ich hätte all das nie erleben müssen.

Da kam mir Anna hinterher. Sie setzte sich auf den Stuhl neben mir. Zusammen sahen wir schweigend in den Nachthimmel, der sich durch die Fenster blicken ließ.

Nach einer Weile sagte Anna: „Das war ’ne blöde Idee von mir, was?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Solche Versuche sind im Allgemeinen eine blöde Idee.“

Wieder zuckte ich mit den Schultern.

Es war ziemlich dunkel und es war unendlich lange still.

Plötzlich stürmte von draußen ein Pärchen Richtung Damentoiletten. Zuerst hielten sie an einem Pfeiler. Wer so intensiv knutscht, verbraucht kein Wasser mehr zum Waschen, hatte Anna mal gesagt. Ich glaube, erst jetzt begriff ich das so richtig.

Mir war das Pärchen nicht bekannt und im Dunkeln konnte man kaum etwas erkennen, aber als die beiden in die Damentoiletten huschten, sah ich, dass das Mädchen ein schwarzes Kleid trug. Ein schwarzes Kleid mit einer großen Schleife am Rücken und ziemlich viel Glitzer. Genau wie Aurélie…

Einen Moment später hörten wir lautes Gestöhne. Ich bildete mir sogar ein, zu merken, wie unsere Stühle, die nebenstehende Garderobe und das WC-Schild rhythmisch hin- und herrumsten. Wie in diesem Film. Die fabelhafte Welt der Amélie.

Oh mein Gott. Das.. das konnte doch nicht…

„Du, da auf dem Klo, da sind…“

„Freddy und Aurélie, genau. Wir haben unsere Arbeit getan. Komm, gehen wir wieder tanzen.“

Ich war so befreit wie noch nie. Deswegen tanzte ich auch besonders ausgelassen, war eins mit mir und der Welt und grölte laut mit zu der Musik. Kurz: Ich hatte einen perfekten Abend.

Eine halbe Ewigkeit später tauchten unsere guten Freunde wieder auf. Die Band hatte gerade Pause. Aufgeregt stürmten Freddy und Aurélie auf uns zu.

Mir fiel auf, dass sich einige Strähnen aus Aurélies Frisur gelöst hatten und Freddy verschmierten Lippenstift am Hals hatte.

„Sara, Freddy und ich sind…“

„Ich weiß. Lasst uns feiern!“

Doch jetzt betrat Oma die Szene. Wieso hatten wir sie eigentlich mit angemeldet?

„Meinst du wirklich, dass das für ein Mädchen wie dich der geeignete Ort ist?“ Mit Stirnrunzeln betrachtete sie Freddy und Aurélie, die leicht derangiert aussehen, die Getränke, die wir in den Händen hielten, und die Band, die biertrinkend auf der Bühne saß.

„Lass mich doch. Ich bin alt genug!“

Empört wollte Oma etwas entgegnen, doch in dem Moment wurde ich von meinen Freunden auf die Tanzfläche gezogen, weil die Band wieder einsetzte. Aurélie küsste Freddy auf den Mund, schob ihn hin und her, Anna und ich legten den wildesten Rock’n’Roll aller Zeiten hin, und ich kümmerte mich kein Stück darum, was meine alte, überbesorgte Großmutter zu sagen hatte. Weil ich dazu viel zu glücklich war.

Geschützt: Drum prüfe, wer sich ewig bindet

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Geschützt: Gegirlter Mist

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Bis die Sonne aufgeht

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Dieser Text entstand unter Mitarbeit von ein paar anderen schlaflosen Forenusern von Klopfers Web. Danke an Cyberbird, Jade, Freaki und gillie.

Es war einmal ein Mädchen, das allein in ihrem Zimmer saß. Ihr Blick wanderte langsam, suchend durch den kargen Raum. An einem der ihr so bekannten Objekte blieb ihr suchender Blick hängen. Sie nahm ihren Taschenspiegel in die Hand und betrachtete ihn… Im Spiegel sah sie, dass sie einen unfassbar großen Pickel auf der Stirn hatte. Warum passiert so was immer, wenn etwas Wichtiges ansteht?, dachte sie, den Pickel vorsichtig betastend. Langsam ließ sie den Spiegel wieder sinken, um dann zur Schminkkiste zu greifen und den Lippenstift herauszugreifen, den sie beim ersten Date mit ihrem Freund getragen hatte.

Der Lippenstift war sehr alt und zerliebt, auch wenn sie wusste, dass ihr diese Farbe nicht stand. Trotzdem griff sie immer wieder zu dem alten Stück, war es doch ihr Liebster. Also trug sie den Lippenstift bedächtig und mit Vorfreude auf, um dann anschließend ein bisschen Abdeckpuder auf dem überriesigen Stirnpickel aufzutragen. Nicht das Beste, aber ausgehfertig, dachte sie, während sie behäbig, aber entschlossen von dem viel zu weichen Bett aufstand. Unentschlossen stand sie vor dem großen, sperrigen Kleiderschrank und versuchte, sich für eine Auswahl von Kleidern zu entscheiden, von der sie schließlich das grau-schwarz-geringelte Kleid wählte, da es ihre Figur so elegant umspielte, begleitet von weißen Strümpfen und Absatzschuhen. Müde und mit einer flinken Trägheit schlüpfte sie in ihre neue Kleidung, mit verstohlenen und leicht zweifelnden Blicken in Richtung des großen Spiegels an der Wand. Seufzend betrachtete sie ihr Werk. So richtig gefiel ihr nicht, was sie sah, und so suchte sie ihre Schmuckschatulle. Sie suchte sich ihre kleinen Diamantohrringe aus der Schatulle, steckte sie an und sie fragte sich, ob ihr Date, das zufällig ein Studienfreund ihres Exfreundes war, sie auch hübsch finden würde. Zwar hatte sie sich ein wenig Selbstbewusstsein in letzter Zeit angeeignet, hauptsächlich durch die eindeutigen Blicke einiger Männer, aber die Trennung hatte sie doch sehr mitgenommen und Zweifel hinterlassen.

Nun hatte ihr Studienkollege ein Blind Date für sie arrangiert, was sie allerdings davon halten sollte, wusste sie nicht. Doch sagte sie sich, dass es ja vielleicht auch Spaß machen könnte, sofern ER sich galant verhielt. Stumm stand sie nun da und dachte darüber nach, was sie nun erwarten würde, eigentlich war sie nicht der Mensch für solche Blind Dates. Langsam, aber sicher stieg Nervosität in ihr auf, während sie sich auf den Weg zum Auto machte, um sich zum Treffpunkt zu begeben, der in einer ihr nicht unbekannten Straße lag. Diese Straße war im Allgemeinen bekannt unter den vergnügungssüchtigen Jugendlichen der Stadt, was sie um einiges verunsicherte, wenn sie zu lange darüber nachdachte. Trotzdem machte sie sich auf den Weg zum Treffpunkt, sie konnte die Männer schließlich nicht sitzen lassen.

Und vielleicht würde es ja doch noch ein toller Abend werden, trotz ihrer Bedenken vor dem Mann, den sie gleich treffen würde, und als sie die Kneipe betrat, starrte sie voller Erstaunen und gleichzeitiger Anziehung auf den Studienfreund ihres Ex.

Es waren seine wundervoll melancholischen Augen, die sie langsam taumelnd in ihren Bann zogen. Mit stockendem Atem und zitternden Händen bewegte sie sich auf den Mann zu, der sie mit einem charmanten Grinsen begrüßte und sagte: „Hallo, ich freue mich, dich wiederzusehen, du siehst heute wirklich wundervoll aus.“ Ihre Knie wurden weich und noch bevor sie das erste Wort aus ihrer rauen, zugeschnürten Kehle pressen konnte, nahm er ihr ihren roten Mantel ab und schob ihr den verwelkt knarzenden Stuhl zurecht.  „Hallo, und d-danke“, stotterte sie leise und wurde dabei leicht rot, bevor sie sich auf den Stuhl setzte und leicht verschämt nach der Karte fragte, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen, was sicher einen Ohnmachtsanfall zur Folge gehabt hätte, da er so einen intensiven Blick hatte.

Sie spürte den Blick auf sich ruhen und für einen Moment war es, als wäre sie ihm komplett ausgeliefert, seinem Blick, seinem Atem, seine Worte umgaben sie. Ich bin doch sonst nicht so, dachte sie und wagte einen Blick über die Karte, der sofort von ihrem Verehrer erwidert wurde, woraufhin sie sich wieder hinter ihrer Karte versteckte, um so zu tun, als würde  sie sich für etwas zu essen und zu trinken entscheiden. Gedankenverloren biss sie sich auf ihre Unterlippe und versuchte verzweifelt, ruhig zu bleiben, ihr Bein wippte ruckartig und unbemerkt.

Sie dachte daran, wie er sie schon früher angezogen hatte, als sie noch mit ihrem Freund zusammen gewesen war. Natürlich mied sie ihn damals, als sie noch unter den starken Fittichen ihres Freundes stand, aber würde sie sich jetzt noch zurückhalten müssen oder können? Unbewusst strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, ‚will ich mich überhaupt zurückhalten?‘ „Ich finde es wirklich schön, dass du heute Abend gekommen bist und mich nicht versetzt hast“, unterbrach er ihre Gedanken. „Wie könnte ich dich versetzen?“, platzte es unbewusst aus ihr heraus und noch während sie einen kurzen Anflug von Scham verspürte, trafen sich ihre Blicke. Sie versuchten, in den Blicken des jeweils anderen zu lesen, und sie wusste nicht, was sie denken sollte. Denn so wunderbar fesselnd sein Blick auch war, so meinte sie, eine Unsicherheit, ja beinahe schon eine Abscheu in seinen Blicken zu spüren. Das Gefühl, ihm nicht gerecht zu werden, nahm in ihr Überhand, denn sie war ohnehin niemand, der über großes Selbstbewusstsein verfügte, und bei ihm versagte ihr kläglich aufgebautes Selbstvertrauen natürlich völlig. Jetzt war der Punkt erreicht, da eine lautstarke Wand der Stille zwischen beiden hing und sie komplett ihren Gedanken und seinen Blicken ausgeliefert war. Das Schweigen schien beide zu bedrücken. Es wurde aber unterbrochen von der Kellnerin, die jetzt herangetreten war, und die junge Frau bestellte zerstreut eine Lasagne. „Nichts zu trinken?“, fragte die Kellnerin. Erschrocken fuhr die junge Dame wieder hoch, da sie in Gedanken schon wieder ganz woanders gewesen war. „Nein, danke.“ Dann war ihr Begleiter dran. Er bestellte ein Steak und dazu, mit Blick auf sein Date, eine Flasche Wein. Wein? Was hatte er vor?

Irgendwo hatte sie mal gehört, wenn das Gegenüber Wein bestellt, will es Sex. Doch das war ganz und gar absurd. Der Typ sah so brilliant aus, dass er jede Frau haben konnte, wieso sollte er sich für sie entscheiden? Sie hatte einen rausgewachsenen Haarschnitt, ihre Lippen waren aufgesprungen, an den Oberschenkeln saßen mindestens zehn Kilo zu viel und ihre Brüste waren zu klein. Mal abgesehen davon, dass er sich mit seiner Größe sicher nicht auf eine ein Meter siebzig große Frau einlassen würde.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis die Kellnerin mit dem Wein kam. In der Zwischenzeit wichen sie ihren Blicken gegenseitig aus, und sie überlegte fieberhaft, wie sie ein Gespräch beginnen sollte. Schließlich war er es, der mit einem Kompliment über ihr Aussehen das Schweigen brach. „Du siehst wirklich toll aus. Noch schöner, als ich dich in Erinnerung hatte“, bemerkte er und hob sein soeben gefülltes Weinglas zum Anstoßen. Verlegen lächelte sie. „Danke.“ In Wirklichkeit begann sie sich aber zu ärgern. Sie war tatsächlich reingefallen. Sie war bei weitem nicht die Erste, die seinem Charme und seinem Aussehen erlegen war. Der Mann war ein stadtbekannter Frauenheld. Da sah man mal wieder, dass solche Gefühle überhaupt nicht logisch waren. Welche Gefühle? Anziehung. Leidenschaft? Verknalltheit. Das ganz sicher. Seinetwegen wäre ihre letzte Beziehung fast schon zwei Jahre eher in die Brüche gegangen. Sie  konnte sich von ihm losreißen. Wer wollte schon so einen? Bei ihm musste sie sich ja sicher sein, nach vier Monaten nicht mehr zu zählen. Aber zählte das jetzt noch?

„Du kannst dir sicher denken, warum ich dich treffen wollte“, sagte er und setzte das Glas ab.

„Nein. Nein, kann ich nicht“, gab sie zu. „Ich wusste ja nicht mal, dass du das Blind Date bist. Obwohl ich es mir so eingeredet hab.“

„Wie? Sebastian hat dir nichts davon gesagt?“

„Nein, hat er nicht. Aber offensichtlich muss ich mit ihm noch ein Hühnchen rupfen. Was bildet er sich ein, in meine Privatangelegenheit einzugreifen? Das geht gar nicht. Ich wollte dich nie wiedersehen. Und jetzt bist du auf einmal hier!“

„Wolltest du wirklich nicht?“, entgegnete er und betrachtete sie mit diesem Blick, den sie schon früher gehasst hatte. Der bedeutete, dass er ganz genau wusste, was sie in Wahrheit dachte. Er war gut in so was. „Denkst du, ich hab damals nicht gemerkt, was du von mir denkst? Das war doch offensichtlich.“

„Ach, meinst du?“ Sie war jetzt nicht mehr nervös, sondern langsam ziemlich wütend. „Weißt du, wie fies so was ist? Du hast doch gar keine Ahnung! Und schmeißt dich auch noch an mich ran! Das war doch das Letzte!“

„Erzähl mir nicht, dass du so unschuldig warst! Alles ging doch von dir aus!“ Mittlerweile wurden sie von allen Restaurantgästen angestarrt. „Erzähl doch keinen Quatsch.“ Sie schenkte sich noch mehr Wein ein und trank ihn in einem Rutsch aus. „Dir liegt so was doch im Blut. Du kannst doch gar nicht anders.“ So laut, dass es fast schon klirrte, setzte sie ihr Weinglas ab. „Und weißt du was? Darauf kann ich gut verzichten! Ich brauche dich nicht! Und dein bescheuertes Verhalten auch nicht!“ Sie sprang auf, riss dabei fast den Tisch um und stürmte davon. Ihr Weg führte sie geradewegs in die Waschräume für Damen. Sie setzte sich in eine leere Kabine, schloss die Tür und vergrub ihren Kopf in ihren Händen. Wie gern wäre ich jetzt in Paris oder an irgendeinem anderen Ort, der ganz weit weg ist, dachte sie.

Stille. Unendliche Stille. In der Klokabine hörte man weder den Restaurant- noch den Toilettenbetrieb. Außer ihr war niemand da. Es war ganz still, ihr Kopf war dafür umso lauter. Gedanken schossen ihr in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf. Was sollte sie hier? Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Er kannte sie doch eigentlich gar nicht. Und dann auch wieder doch. Er hatte ihre Gedanken genau erraten. Entmutigt bewegte sie ihren Kopf nach oben und sah, wie an die Tür ein paar undeutliche Striche gemalt waren. Es sah nach Wellen im Schwimmbad aus. Sie war früher eine gute Schwimmerin gewesen. Irgendwann hatte das nachgelassen, wann genau eigentlich? Es war ziemlich genau zwei Jahre her, ungefähr, seit – ja, seit sie mit ihm im Schwimmbad gewesen war. Neben ihm, der so schnell durchs Wasser schwebte, als hätte er schon immer dort gelebt, war sie sich vorgekommen wie ein unförmiger, hässlicher Klotz.

Sie merkte gar nicht, wie ihr Tränen aus den Augen rollten, über die Wangen, den Hals runter, und im Kleid versickerten. Dieses blöde Teil! Sie hätte es sich am liebsten runtergerissen. Irgendwann stand sie auf und blickte in den Spiegel über den Waschbecken. Sie sah furchtbar aus mit all dem zerlaufenen Makeup. Sie wischte sich mit rauen Zügen das Geschmiere aus dem Gesicht und beschloss, einen Zehner auf den Tisch zu schmeißen und dann nach Hause zu gehen. Zurück in ihr einsames Zimmer. Sie schniefte und warf das vollgeschmierte Klopapier weg. Dann steuerte sie den Essbereich wieder an. Zu ihrer Überraschung saß er immer noch da. Er starrte ins Leere. Außer ihnen waren keine anderen Gäste mehr da. Als er merkte, dass sie da war, guckte er sie stumm an. Aus seinem Blick war alles und nichts zu lesen. Sie setzte sich wieder hin. „Tut mir Leid, dass ich hier einfach so weggelaufen bin.“ Nur, um etwas zu tun zu haben, schaufelte sie sich die restliche Lasagne rein. „Wir sind vermutlich beide nicht gerade unschuldig.“ „Wie Recht du hast“, pflichtete er ihr bei. „Und was machen wir jetzt?“ Zwei Gläser Wein waren noch übrig, die sie beide rasch austranken. „Wir sollten vielleicht… zu einem von uns… nach Hause gehen. Reden. Was meinst du?“ „Gute Idee“, antwortete sie. Die Rechnung bezahlte er. Der Fußmarsch durch die Stadt, zu seiner Wohnung, wurde schweigend zurückgelegt. Beide hatten wahrscheinlich sehr viel Gedankenmüll im Kopf, der verwertet oder entsorgt werden musste. Nach einiger Zeit standen sie vor der Haustür. Galant, wie er nun einmal war, hielt er ihr sie auf. Die Wohnung lag im dritten Stock. Um die Zeit schliefen natürlich schon alle anderen Hausbewohner. Vor der Wohnungstür schließlich stotterte er im Flüsterton: „Wi… willst du nicht mi… mit reinkommen?“ Es rührte sie, wenngleich sie nicht ganz genau wusste, was davon zu halten war. Er war gut darin, Frauen etwas vorzuspielen, und sie wusste das. Aus diesem Grund war sie ja hier gelandet. Doch war das Ganze echt? War es nun Show oder nicht? Das vermochte sie nicht zu sagen. Schon lange wusste sie, dass man sich nie sicher sein konnte. Nie. Aber war das in der Liebe nicht so? Sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen, soweit das eben möglich war, zog ihn zu sich runter, soweit das eben möglich war, und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss. Er schlang ihre Arme um sie und hob sie dabei ein bisschen hoch, und sie wuschelte durch seine Haare. Als sie wieder von ihm abließ, lächelte er sie an. Dann gingen sie in seine Wohnung.

ENDE