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Arbeitstitel

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Dies ist eine ältere, unvollendete Geschichte von mir. Wer eine Idee für ein Ende hat – bitte bei mir melden!

Wenn um einen herum das Leben tobte, innerlich davon aber gar nichts zu spüren war. Wenn die Menschen in den Straßen ihr Leben genossen, man selber aber schon lange innerlich tot war. Wenn sich bunte Werbeplakate, grüne Haare und der blaue Himmel präsentierten, man selber aber nur Blick für graue Betonplatten hatte. Dann war man so weit wie ich.
Tausend Mal hatte ich Sprüche zu hören bekommen, wie schön das Leben doch sei, man müsse nur die Augen offenhalten. Man müsse sich im Spiegel anlächeln, dann komme die positive Stimmung schon von selbst. Man müsse die Chancen im Leben nutzen, dann sei alles gut. Diese Leute hatten Unrecht. Ich wusste es ganz genau. Ich sagte es ihnen nur nicht mehr. Erzählte ich ihnen aus meinem Leben, wurden die falschen Sätze sowieso nur wiederholt. Sie klangen wie Hohn.
Der Bus, in dem ich saß, röhrte durch die Stadt, aber ich nahm die Geräusche gar nicht wahr. Selbst dass ich an der Eisdiele vorbeifuhr, in dem mich mein Freund mal mit einer Kreation aus Erdbeeren gefüttert hatte, registrierte ich kaum. Ich merkte kaum noch, wie weh es mir getan hatte, dass er mich kurz vorm Umzug in die gemeinsame Wohnung für seine Studienkollegin verlassen hatte. Es war doch so lange her. Als ich in meiner Wohnung ankam, grinsten mich das dreckige Geschirr, drei zu bearbeitende Vorlesungsskripte und eine unbezahlte Rechnung an. Früher hätte ich mich über so etwas leidenschaftlich geärgert. Heute ging es an mir vorbei wie eine Tussi an einer Kik-Filiale.
Ich ließ mich aufs Bett fallen und die Augen im Raum herumwandern. Was hatte ich hier nicht schon alles erlebt… und jetzt war hier tote Hose. Keine Partys mit Freunden. Keine Stunden mit Umarmungen oder nach Zimt riechendem Gleitgel. Selbst der DVD-Player lief nur noch selten. Meine Tage bestanden mittlerweile nur noch aus Uni, Arbeit, Internet und Schlaf. Ich funktionierte. Mehr konnte man von mir doch nicht erwarten. Ich war froh, dass ich nicht wie früher in einer WG wohnte. Bevor ich mit meinem Freund zusammenziehen wollte. Dann hätte man mich dauernd genervt wegen Belanglosigkeiten wie dem Putzplan, den Mülltonnen oder Staub auf dem Küchenschrank. So konnte ich tun, was ich wollte. Eigentlich keine schlechte Sache.
Ich lauschte in die Stille hinein. Konnte sie mir etwas geben? Manchmal klappte das. Ein beruhigender Effekt. Dabei war ich scheintot.
Auf einmal bekam ich ein merkwürdiges Gefühl. Bevor ich in mir genauer artikulieren konnte, was es war, hatte ich mir die Schuhe angezogen, meine Tasche gepackt und das Haus verlassen.

Früher war ich gern Bahn gefahren. Zu meinem Freund, zu Freunden, bowlen, Kinofilme angucken, auf Demonstrationen gehen… nach und nach war das alles abgestorben. Wo sollte ich jetzt noch hinfahren, wenn mein Freund in einer anderen Welt war und meine Freunde keine Zeit mehr hatten? Ich war noch nie der Mensch gewesen, um etwas allein zu tun. Und so war es x Monate her, seit ich mein Semesterticket zuletzt genutzt hatte. Ich hätte den Leuten an der Uni sagen können, dass ich viel zu viel bezahlte, ich fuhr ja nie. Aber wozu?
Ich wusste noch genau, wie ich die Strecke zum Hauptbahnhof mal gegangen war und gedacht hatte, dass ich für längere Zeit nicht hierhin zurückkehren würde. Damals konnte ich noch nicht wissen, dass ich das Praktikum bereits nach einer Woche aufgrund allgemeiner Unzufriedenheit abbrechen konnte. Und daran erkannte man auch, wie unerwachsen ich im Grunde war. Eine erwachsene Frau hätte entweder die vollen drei Monate durchgehalten oder wäre glücklich damit gewesen, abgebrochen zu haben. Auf mich traf nichts davon zu. Bleiben ging nicht, Weggehen auch nicht. Was sollte das alles?
Ich stand an einer Ampelkreuzung und wartete. Ich sah mich um. Rechts ging es zu einem Mietshaus, in dem ich mal ein WG-Zimmer besichtigt hatte. Ich wünschte mir, ich hätte damals dieses Zimmer angenommen und nicht das andere. Dann wären wir nicht so nah dran gewesen an dieser anderen Tussi und dann hätte mein Freund mich nicht verlassen. Ich seufzte und folgte dem grünen Männchen.
Auf der linken Seite sah man ein hässliches Fabrikgebäude, in dem seit einigen Jahren eine Moschee untergebracht war. Ich hatte sie mal von der Uni aus besichtigen wollen, dann aber den Termin verpennt. Ich hatte mich so furchtbar geärgert, weil ich dafür so früh aufstehen musste und dann als Einzige auf dem Vorplatz stand. Als ich wieder nach Hause kam, wurde ich in den Arm genommen und hatte den Ärger schnell vergessen. Jetzt wartete niemand mehr auf mich.
Ein paar Meter hinter der Moschee befand sich ein autonomes Zentrum. Ich erinnerte mich an einen Augenblick von vor einigen Monaten, als jemand Werbung für eine dortige Veranstaltung machen wollte, was einige Mitglieder der JU-Hochschulgruppe verhindern wollten. Die Seminarssitzung, in der das passierte, hatte in Tischeklopfen und lautem Johlen geendet. Schon damals hatte ich mich weit weggewünscht.
Neben der Eisenbahnunterführung war ein Club. Ich hatte mir lange vorgenommen, dort mal reinzugehen, diesen Plan aber irgendwann begraben. Alleine… nein, das war nichts. Auf der Brücke pappte ein Graffito. Negative Gefühle sind nur fehlende Moleküle. Welch gelungener Reim. Ich trat kurz gegen die Wand und latschte weiter. Da tat sich auch schon der Hauptbahnhof vor mir auf. Nur zwanzig Minuten Fußmarsch und so viel mehr als das. Immer noch wusste ich kaum, wie mir geschah. Ich studierte den Abfahrtsplan. In zehn Minuten ging der nächste Zug. Er führte in Richtung Süden. Ich bemerkte, dass nicht alle Stationen der Strecke angegeben waren. Ich stellte mich an den Ticketautomaten und löste eine Karte für den Fernzug. Ich konnte es mir leisten. Ich hatte ja so lange nichts mehr unternommen, was mehr Geld kostete als ein Wochenendeinkauf.
Am Gleis warteten einige sektselige Damen auf Wochenendausflug, mehrere Anzugträger und eine Familie. Mit den üblichen fünf Minuten Verspätung fuhr der Zug in den Bahnhof ein und ich setzte mich hinein.

In meinem Großraumabteil, das mir die Sitzplatzreservierung zugewiesen hatte, saßen viele Fahrgäste und so dauerte es lange, bis der Schaffner, den ich schon früh an der Tür zum Abteil ausgemacht hatte, bei mir ankam. Er knipste meine Karte an, lächelte mich an und wünschte mir eine gute Fahrt. War sie das? Das Kind der Familie, die vorhin mit mir zusammen eingestiegen war, verkündete kreischenderweise, wie toll es doch im Zug war. Dieser fuhr vorbei an Kirchen, Fabrikgebäuden und Signalen ins Grüne. Die Stadt lag hinter mir. Jetzt wurde es spannend. Wurde es das?
Ich starrte auf die immer schneller vorbeifliegende Landschaft, meine Gedanken waren gleichzeitig überall und nirgendwo. Wohin wollte ich eigentlich?
Ich hatte diese Linie schon mehrmals genutzt. Einmal hatte ich einen Ausflug zu einer Ausstellung gemacht, zusammen mit einigen Freunden. Auf dem Rückweg war ich gestürzt und hatte mir den Fuß verknackst. Alle hatten sich um mich gekümmert. Am meisten mein Freund, der auch dabei gewesen war. Ich wusste kaum noch, wie diese Aufmerksamkeit war, die ich damals bekommen hatte.
Das Kind lärmte vor sich hin und fragte bei jeder Station, die wir erreichten, ob wir schon da seien. Da konnte ich ja froh sein, dass ich nur drei Stationen fuhr. Ich zuckte zusammen, als angesagt wurde, wo ich den Zug laut Fahrkarte verlassen wollte. Der Stadtname löste in mir so viele Emotionen aus.

Ich stand orientierungslos am Bahnhof. Die anderen Fahrgäste wussten, wohin sie wollten. Sie liefen zur Treppe, begrüßten Leute, die auf sie gewartet hatten, mit Händeschütteln oder Umarmungen oder Küssen – je nachdem, wie nahe sie ihnen standen. Ein junger Kerl latschte den Bahnsteig entlang und mampfte ein Käsebrötchen. Ich hatte absolut keinen Hunger.
Ich hatte absolut keinen Plan, wohin ich wollte. Ich schaute mich um. Der Bahnhof war voll von Menschen. Süßigkeitenautomaten. Rote und silberfarbene Züge. Schilder. Sollte ich etwas kaufen?
Ich lief die eine Treppe hoch und ging den Gang entlang. Ein dunkelhäutiger Mann versuchte, Blumen zu verkaufen. Ich kaufte ihm keine ab. Ein gelangweilter Hot-Dog-Verkäufer starrte auf die vorbeieilenden Menschen, so wie man an einem Regentag aus dem Fenster starrt. Eine junge Frau bereitete einem Kunden einen Latte macchiato zu. Eine Gruppe Jugendlicher regte sich darüber auf, dass der Fahrkartenautomat nicht funktionierte. Sollte ich Blumen kaufen? Einen Hot Dog? Einen Latte macchiato? Eine Fahrkarte in eine andere Stadt? Etwas ganz anderes, zum Beispiel eine Zeitschrift? Früher hatte ich vor längeren Bahnreisen immer eine gekauft und mich dann an den schönen Bildern oder Texten erfreut. Doch jetzt reizte es mich nicht mehr.
Ich ging die Treppe wieder herunter und ging den Bahnsteig entlang. Vielleicht fand ich ja hier etwas, das mir sagte, was ich tun sollte. Eine alte Frau und ein Berufstätiger im Anzug saßen im Warteraum neben der Yuccapalme und beschäftigten sich mit Klatschzeitschrift respektive Laptop. So einige Menschen standen herum, mit ihren Rollkoffern, verbrauchten viel Platz und starrten auf die Anzeigetafel. Sie wollten den nächsten Zug nehmen. Sie wussten, wohin sie wollten. Ich ging schnell weiter und erreichte schließlich die andere Treppe, die nach oben führte. Eine Fastfoodbude, wo sich um diese Zeit viele hungrige Menschen herumtrieben, die sich für wenig Geld den Magen füllen wollten. Eine mittelalte Frau kaufte in einem Kosmetikladen ein Geschenk für eine Freundin. In der Apotheke löste eine alte Frau ein Rezept ein. Die Apothekerin verschwand in den Hinterraum, um die Tablettenpackung zu holen. Ein junger Mann steuerte seinen Rollkoffer durch den Verkaufsraum eines Kiosks, mit einer Computerzeitschrift in der Hand. Lauter Menschen, die wussten, was sie wollten. Die zumindest ein mittelfristiges Ziel hatten. Und ich dagegen… was wollte ich hier? Was sollte ich jetzt tun? Was?
Diese ganze Reise war umsonst gewesen. Völlig ohne Zweck. Ich sollte jetzt nach Hause fahren. Ich lief zur Anzeigetafel, um zu sehen, wann der nächste Zug zurück nach Hause ging. Ich ergriff das Treppengeländer, um mir unten am Fahrkartenautomaten ein Ticket zu kaufen. Da hörte ich hinter mir meinen Namen. Und mich kannte niemand in dieser Stadt.
Zumindest redete ich mir das in Gedanken ein.
Ich konnte jetzt nicht mehr so tun, als wüsste ich nichts. Ich war komplett gelähmt und gleichzeitig in Gedanken so aktiv wie nie. Es war die Aktivität, die einen lähmte. Die Frage stand über allem: Was jetzt? Zwei Worte, die jeden Lösungsansatz im Keim erstickten und dadurch umso dringlicher wurden. Ich starrte vor mich hin, als hätte mich gerade jemand mit einem Geschoss im Rücken getroffen.
„Nina?“
Die Angst wurde stärker. Ich konnte mich unmöglich umdrehen. Was sollte dann passieren? Ich wusste absolut nicht, wie ich reagieren sollte. Mich traf das Ganze unvorbereitet, obwohl ich mir im Grunde meines Herzens darüber klar sein musste, dass das hier passieren konnte. Natürlich. Aber es war etwas anderes, sich etwas nur tausend Mal vorzustellen, als es dann tatsächlich zu erleben. Das „Was, wenn?“ war ein hypothetisches gewesen. Nie ein reales. Jetzt war es da. Es fühlte sich an, als würde jemand das Geschoss im Rücken herumdrehen.
Ich hatte mich noch nie so gefühlt. Obwohl… Es glich ein wenig dem Gefühl, das ich hatte, als ich vor gut zehn Jahren zum Arzt musste mit Verdacht auf Krebs. Ich trat in das Sprechzimmer dieses Arztes, der wusste, ob ich todkrank war oder nicht, und hatte absolut keine Ahnung, was er gleich sagen würde. Aber… Als ich mit vierzehn Jahren Angst hatte, erkrankt zu sein, wäre eine Erkrankung nicht meine Schuld gewesen. Jetzt, da ich in diesem Bahnhof stand, wusste ich ganz genau, was zu dieser Situation geführt hatte. Ich konnte nicht so tun, als wüsste ich nichts. Ich wusste es ganz genau. Ich wollte einfach nur weg. Ich drehte mich um.
Es war genau das, was ich erwartet und im Grunde meines Herzens auch erhofft hatte, aber ich wollte es mir nicht eingestehen. „Was… machst du denn hier?“, fragte er mich, nachdem er zwischendurch einmal geschluckt hatte. Mein Herz schlug wie wild. Ja, was machte ich eigentlich hier? Es war eine total einfache Frage und auch wieder nicht. Ich hatte mich lange nach diesem Moment gesehnt, aber das konnte ich jetzt nicht so einfach zugeben. Es war schwierig, einem Kerl erst zu sagen, dass man nie wieder Kontakt mit ihm haben wollte, nur um ihm jetzt, nach einigen Jahren, klarzumachen, dass man diesen wieder aufnehmen wollte. Wie sollte das gehen?
Er ging einen Schritt auf mich zu.
Ich war noch nie der mutigste Mensch gewesen. Aber wieso war ich dann hier? Was sollte das alles, wenn ich ihm jetzt nicht sagte, wieso ich doch hier war?
Früher hatte er immer erraten, was ich gedacht hatte. Würde er es jetzt auch? Ich traute es ihm durchaus zu. Ich traute ihm fast alles zu in diesem Moment.
Es dauerte unendlich lange, bis sich meine Oberlippe von meiner Unterlippe, meine Zähne im Oberkiefer von meinen Zähnen im Unterkiefer getrennt hatten, bis einige leise gesprochen Töne meinen Mund verließen.
„Kannst du dir das nicht denken?“
Ein einziger Fragesatz, und doch lag darin so viel. Während ich ihn ausgesprochen hatte, hatte ich es nicht gewagt, ihm in die Augen zu sehen. Danach hob ich meinen Blick ganz langsam. Er wanderte über seine Kleidung, ich bemerkte nebenbei, dass er wie früher immer einen Anzug trug, der ihm unheimlich gut stand, und schließlich landete sein Blick in meinem.
Er schaute überrascht. Leicht ängstlich. Aber so, als hätte er im Grunde gewusst, was ich dachte. Analysierend. Wie schaute ich wohl gerade? War es derselbe Blick? Ich hatte mir schon früher immer gewünscht, in diesen Kopf hineingucken zu können. Er wusste immer, was in mir vorging, war selbst aber so unergründlich wie ein Meer. Und da wäre ich jetzt auch lieber gewesen als hier.
„Ich… hatte immer gehofft, dass du eines Tages kommst.“
Mein Herz schlug noch schneller. Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Sollte es wirklich so sein, dass er so empfand wie ich? Hatte auch er sich diesen Moment tausend Mal vorgestellt? Dass er eines Tages hier langspazierte und auf einmal dieses Mädel traf, mit dem er so intensiven Kontakt gehabt hatte? Und wenn ich all diese Fragen mit Ja beantworten konnte: Was sollte ich dann tun? Was wäre eine angemessene Reaktion?

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Bedeutungsschwanger, Teil 6

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Lukas stand, wie ich vermutet hatte, in der Küche. Nun stand ihm aber der Mund offen und seine äußerst weibliche Begleitung fing an zu lachen.
Ich kam mir in diesem Augenblick so blöd vor wie noch nie in meinem Leben. Schön, der ausgestellte Unterteil des Kleides sah etwas komisch aus, aber… ich fand, ich war schön…
„Wollen nur hoffen, dass du nicht immer so rumläufst“, prustete die Frau, die da neben meinem Freund stand. Wer zur Hölle war das?
Lukas beantwortete sogleich meine Frage. „Sara, das ist Kiki, unsere neue Bassistin.“
Aus irgendeinem Grund war ich nicht sehr erfreut, behauptete aber das Gegenteil und checkte sie schon einmal per Augen ab.
Sie sah gut aus. Sie hatte lange, schwarze und zu einem Pferdeschwanz gebundene Haare, ein breites Lächeln mit unheimlich vielen weißen Zähnen und eine Figur wie eine Sanduhr.
Das trug natürlich nicht dazu bei, meine Laune zu heben. „Sehr schön, dich mal kennen zu lernen“, flötete ich mit einem Haifischlächeln, „ich geh mich nur eben schnell umziehen, bevor wir losfahren.“ Ich lachte auf und verzog mich wieder ins Bad.
In Windeseile zog ich das rote Kleid aus, verstaute es in der Tüte und zog meine normale Kleidung wieder an. Als ich in den Spiegel sah, fand ich allerdings, dass ich aussehtechnisch einfach gegen Kiki verlieren musste. Nicht willens, diesen Umstand anzuerkennen, arbeitete ich tonnenweise Haarspray in meine Mähne ein, schmierte etwas Abdeckung über Hautunreinheiten und verzierte meine Augen. Hätte ich mir auch sparen können.
„Kommst du, Sara?“
„Natürlich, Lukas!“, trällerte ich, verdrehte die Augen und verließ das Bad mit meiner Handtasche.
Wir fuhren in ihrem Auto zum Probenraum. In ihrem Auto. Die Fahrt war die Hölle. Die ganze Zeit erzählten sich Lukas und Kiki irgendwelche Anekdoten und Insider von früher, die ich nicht verstand und die mich beunruhigten. Um überhaupt irgendwas zum Gespräch beizutragen, sprach ich Kiki auf die ersten beiden Buchstaben ihres Autokennzeichens an, die weder auf Frankfurt noch auf unsere Heimat lauteten.
„Oh, das!“ Sie lachte. „Ich dachte schon, dass du danach fragst.“
Ach, echt?
„Das hat das Kennzeichen von dort, wo meine Oma wohnt. Die hat mir nämlich ihr Auto überlassen.“
„Aha.“
„Ach, du weißt doch noch, damals, wo wir deine Oma zum ersten Mal besucht haben?“, rief Lukas aus.
„Ja!“, antwortete Kiki nicht weniger laut. „Und dann hast du doch…!“ Gelächter. „Und dann hab ich…!“ Noch mehr Gelächter. Das ging einige Minuten so. Wenn wir nicht angekommen wären, hätten sie noch weiter gelacht. Kiki wischte sich die Lachtränen aus dem Gesicht und rief: „Hach, war das lustig!“
Ja, wahnsinnig lustig.
Die Bandmitglieder machten ihre typischen Männerumarmungen mit Patschehändchen auf den Rücken. Um Kiki kümmerten sie sich alle besonders. Ich bekam aufmerksame Blicke und Äußerungen wie „Du bist also die, nach der wir so lange gesucht haben!“ mit. Wie konnten sie auch anders. Klar. Ich lachte auf.
Ich setzte mich auf einen Stuhl und die Bandmitglieder positionierten sich um ihre Instrumente.
„Okay, wir probieren heute ein neues Stück aus“, kündigte Lukas an.
„Welches denn?“
„Ich dachte, wir nehmen Velvet in unser Programm auf“, informierte er mich. Ich freute mich darüber, dass die Students das Stück spielen wollten, denn es gehörte zu meinen Lieblingsliedern. Weniger erfreut war ich darüber, dass er es mit Kiki als Backgroundsängerin aufführte.
Und dann machte Kiki ihren Mund auf. Mir blieb der Mund offen stehen. Ich kam nicht umhin, den Gesang, der ihr entströmte… schön zu finden.
Sie brachte die Melodie so unheimlich schön herüber – ich dachte fast, jemand hätte das Radio angestellt. Bezüglich ihrer Fähigkeiten am Bass konnte ich nur das Gleiche behaupten.
Weil das Stück mehrmals geübt wurde, hatte ich noch mehr Gelegenheit, dies zu erfahren. Und danach standen ja noch viele andere Stücke auf dem Programm. Eigene und gecoverte. Sie meisterte sie alle brilliant.
Nach ungefähr einer Stunde machten die Students kurz Pause. Sie klopften sich alle auf den Rücken. Bei Kiki bekam es noch eine anerkennende Note.
Ich ging zu ihr hin.
„Wow, du hast wirklich toll gespielt!“
„Vielen Dank!“ Sie strahlte mich an. „Hab mir auch echt Mühe gegeben. Ist schließlich meine erste Probe.“
„Ja, beim ersten Mal strengt man sich immer besonders an, was?“
„Genau!“
„Bitte entschuldige mich, ich muss mal kurz für kleine Mädchen!“
„Klar, kein Problem!“
Ich suchte die nächstgelegene und dafür geeignete Örtlichkeit auf, riss die Hose runter, pinkelte und dachte nach.
Hatte ich vorhin übertrieben? Ich meine, wenn sich alte Bekannte wiedersahen, war es wohl ganz normal, dass man beisammen saß und sich über alte Zeiten amüsierte. Warum sollte das nicht auch bei Expartnern gehen? Und sie hatte ja wirklich große musikalische Talente. Warum sollte sie nicht mit Lukas in einer Band spielen? Da lief doch überhaupt nichts. Was dachte ich mir da nur wieder?
Ich lachte über meine eigene Dummheit, ging mir die Hände waschen und danach Richtung Probenraum.
Mir blieb das Herz stehen.
Schlagartig versuchte ich mir einzureden, man sehe gegen das Licht eh nichts und das sei nur eine Umarmung. Aber das war doch eh alles Selbstbetrug. Es war deutlich zu sehen, dass Kiki Lukas‘ Kopf in beiden Händen hielt und ihn küsste.
Absurderweise dachte ich daran, meine Handtasche mitzunehmen, bevor ich die Tür zuknallte und den Flur runterrannte.
„Sara! Bleib doch hier, ich liebe dich doch!“, rief Lukas hinter mir her. „Na toll, bist du froh, dass du alles kaputtgemacht hast?“, bildete ich mir noch ein, zu hören, aber da war ich schon fast weg.

Ich hatte das Glück, dass ich bei Nachhausekommen allein war. Ich blieb auch eine ganze Weile allein. Ich knallte mich auf die Küchenbank, als Unterlage für meinen Kopf diente die Handtasche. Einfach nur daliegen und auf die Decke starren. Hatte ich auch schon lang nicht mehr gemacht.
Die Tür klingelte, das war mir egal. Das Telefon klingelte, das war mir egal. Mein Handy war mir erst recht egal.
Blöde Schlampe. Blöder Idiot. Wieso hatte ich das nicht verhindert? Blöde Schlampe. Blöder Idiot.
Ganz ohne dass ich es merkte, wurde es dunkel. Genauso wie man lange nicht merkt, wie die eigenen Haare wachsen. Die Sonne sank, irgendwann taten es meine Augenlider ihr gleich. Jedenfalls schreckte ich hoch, als das Licht anging und Anna in der Tür stand.
„Was machst du denn hier?“
„Oh, äh…“ Ich sah mich um und rieb meine leicht feuchten Augen. „Es war so heiß in meinem Zimmer, da dachte ich, ich verzieh mich in die Küche.“
Mit hochgezogener Augenbraue entgegnete sie: „Wie wär’s erst mal mit Schuhe und Hose ausziehen? Und ich bin mir sicher, es gibt bessere Kühlungsmethoden, als die Wasserproduktion im Auge einzusetzen.“
Ich schluchzte los.
„Hey, was ist denn los? Das war doch nicht so gemeint. Was hast du denn?“ Anna setzte sich neben mich.
Zuerst kamen nur unzusammenhängende Leute aus mir raus.
„Was ist denn los? Erzähl’s mir doch.“ Anna streichelte mir die Wange.
„Dieser Idiot von Lukas und diese verdammte Schlampe von Kiki haben geknutscht!“
„Oh mein Gott! Wann ist das denn passiert?“
„Heute Nachmittag bei der Bandprobe. Ich hätt’s wissen müssen. Die haben sich ja schon so toll amüsiert heute!“, murmelte ich düster.
„Was meinst du damit?“, fragte Anna.
„Ha! Die haben sich so viel erzählt… so viel zusammen gelacht! Und dann…“ Ich schluchzte wieder. „Wieso tut er mir so was an?“
„Ich glaube nicht, dass er Gefühle für diese andere Frau hat.“
„Woher willst du das denn bitte wissen?“
„Ich bin mir sicher, dass er dich liebt. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass sie ihn überrumpelt haben könnte?“

„Wie meinst du das?“
„Ich will mal so fragen: Wie war denn seine Körpersprache bei dem Kuss?“
„Denkst du, ich hab darauf geachtet?“
„Sprich doch auf jeden Fall erst mal mit ihm. Ich bin mir sicher, ihr könnt das alles klären, vorausgesetzt, ihr sprecht miteinander.“
„Ich weiß noch nicht, ob ich das will.“ Ich entleerte meinen Nasenrotz lautstark in ein Taschentuch. „So, und jetzt geh ich richtig schlafen. Gute Nacht.“ Raus aus der Küche. Zimmertür zu. Welt aus.

Es wird Zeit für einen neuen Rechner, wenn

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… der alte für das Kopieren einer Staffel “Switch” auf eine externe Festplatte knappe vier Stunden veranschlagt und eine Minute braucht, um auf den Versuch zu reagieren, diese Festplatte zu entfernen. Aber der Reihe nach.

Ich verfolge eigentlich die Politik, Dinge so lange zu benutzen, bis sie nicht mehr benutzbar sind. Ich hatte früher mal einen Tower. Ich weiß absolut nicht mehr, wie alt der war (mein Dad hatte ihn vom Arbeitsplatz mit nach Hause genommen), zwischendurch hat mein Freund mal Teile hereingemacht, die schon total veraltet waren und ihn trotzdem schneller machten. Also war er schon sehr alt, als ich mich zu meinem 20. Geburtstag dazu entschloss, einen Laptop zu kaufen. Aufmerksame Leser wissen: Das ist ziemlich genau vier Jahre her.

In dem Alter darf ein Rechner natürlich auch Probleme kriegen. Es ist vermutlich normal, dass Thunderbird und Chrome anfangen zu hängen, dass er schnell warm wird, gerne mal ewig braucht, um zu reagieren, im Schnitt einmal pro Tag abstürzt… Naja. Als mein Tower damals soweit war, habe ich ihn erst mal von einem Reparaturshop begutachten lassen, sodass er noch ein paar weitere Monate lief… doch gestern sind Monsieur und ich zu einem Computerladen gefahren, weil er sich einen neuen kaufen wollte. Und dann passierte etwas ganz Komisches.

Ich bewunderte die ganzen neuen, tollen, sauberen, schnellen Modelle und dann fragte mein Freund mich, ob ich einen neuen Computer zum Geburtstag haben will. Ich schwankte zwischen “Versuch doch noch mal, aus dem alten was rauszuholen, der war teuer genug” und “Aber die neuen sind so toll und du musst doch auch bald deine Abschlussarbeit schreiben”. Letztlich verführte mich ein Tower der Marke acer. Wenn ich schon einen neuen hole, dann sollte es wenigstens ein Tower sein, die kann man nämlich im Allgemeinen länger halten. Ich danke meinem Freund für dieses tolle Geschenk und überlege, ein Tablet dazuzukaufen, wenn ich mal von unterwegs arbeiten muss. Kann jemand ein Modell empfehlen?

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

PS: Dieser Eintrag ist noch auf dem alten Rechner entstanden. Den neuen benutze ich erst ab Freitag.

Bedeutungsschwanger, Teil 3

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Ich war wieder einigermaßen versöhnt und wir konnten normal weiteressen. Nach dem Dinner fuhren wir in die WG, um dort noch etwas Zeit zu verbringen. Zusammen schauten wir ein paar Folgen meiner Lieblingsserie auf DVD und machten es uns in meinem Bett gemütlich. Zumindest so lange, bis das Telefon klingelte.
„Gehst du mal, ich kann grad nicht!“, brüllte Anna von irgendwoher. Ich entsprach also ihrem Wunsch und stand murrend vom Bett auf. Dann drückte ich den grünen Hörer.
„Lehmann?“
„Oh, äh, hi, Sara, Kati hier“, meldete sich eine meiner anderen Freundinnen zu Wort. „Sag mal, ist Anna grade da?“
„Die kann grad nicht ans Telefon, soll ich ihr irgendwas ausrichten?“, fragte ich sie.
„Oh, äh, nein, äh, weißt du, sag ihr einfach, dass ich angerufen hab, okay? Bye!“ Und ehe ich sie fragen konnte, wie es ihr ging und was sie heute so unternommen hatte, hatte Kati aufgelegt.
„Was sollte das denn?“, wendete ich mich verdutzt an Anna, die mittlerweile mit einem Handtuchturban um den Kopf im Türrahmen des Badezimmers stand. „Bevor ich irgendwie ein Gespräch beginnen konnte, hat sie einfach aufgelegt.“
„Wer war das denn?“
„Kati. Und ich soll dir sagen, dass sie angerufen hat.“ Ich verzog das Gesicht. „Erledigt.“
„Was, sie hat angerufen? Das ist ja unglaublich!“, quietschte Anna und hüpfte dabei so doll auf und ab, dass ihr Turban einzufallen drohte, und sie stürzte auf mich zu und umarmte mich. In diesem Moment ging die Wohnungstür auf und Aurélie kam rein. Noch während sie versuchte, ihre Tasche abzusetzen, wurde auch sie von Anna angefallen, die daraufhin juchzend in ihr Zimmer lief.
„Was ist denn mit der los?“, wunderte sich Aurélie.
„Keine Ahnung“, antwortete ich und ging zurück in mein Zimmer.

Lukas und ich blieben nicht besonders lange auf, da ich am nächsten Morgen zum Arbeiten im Studentencafé eingeteilt war. Es gibt Tage, da muss ich mich richtiggehend zur Arbeit hinschleppen. Die Sonne versteckt sich hinter Regenwolken, die ihren gesamten Inhalt auf die Erde regnen, ich fühle mich müde und krank, kann aber auch nicht einfach zu Hause bleiben. So ein Tag war das nicht. Im Gegenteil, die Sonne schien kräftig, es war Juni. Draußen liefen alle im T-Shirt rum, die Mädels trugen Röcke und Sommerkleider und es war keine einzige Wolke am Himmel zu sehen. Nur allerschönstes Blau. Das Arbeiten an sich war auch sehr angenehm, da aufgrund der Semesterferien nicht so viele Gäste kamen. Alle waren gut drauf, ich fertigte Kaffee, Latte macchiatos und Säfte an und unterhielt mich nebenbei mit den Bestellern dieser Getränke.
Irgendwann betrat auch Kati den Laden. Ich hörte sie zunächst nur, da ich mich gerade zum Schrank herunterbeugte, um eine Saftflasche herauszuholen. Als ich schließlich wieder normal stand, konnte ich sehen, dass sie sich heute wieder besonders herausgeputzt hatte. Gut, das war für Kati jetzt nicht weiter ungewöhnlich.
„Na, was möchtest du bestellen?“
„Gleich, ich muss dir unbedingt was erzählen! Ich hab heute Abend ein Date! Oh, ich hoffe so, dass es klappt.“
„Echt? Wer ist denn der Glückliche?“
„Die Glückliche!“, verbesserte mich Kati. „Wird nicht verraten!“ Sie zwinkerte mir zu.
„Wendeste dich jetzt also wieder den Frauen zu? Aber wieso willst du mir nicht erzählen, wen du triffst?“, wollte ich wissen.
„Naja, nach meiner letzten Enttäuschung will ich sichergehen, dass es diesmal auch wirklich klappt“, gab Kati zu. „Ich hätte übrigens gerne ein Mineralwasser.“
„Kriegst du.“ Ich holte ein Glas aus dem Regal. „Und, wie geht’s dir so?“, erkundigte sich Kati.
„Och, ganz gut. Ich war gestern mit Lukas essen. Da hat er mir erzählt, dass seine Band eine neue BASSISTIN hat.“
„Wieso betonst du das Wort so?“
„Es ist seine Exfreundin.“
„Ist das so schlimm?“
„Ach, ich hab keine Ahnung, ich werd einfach mal bei ‘ner Probe zugucken.“ Ich stellte Kati ihr Mineralwasser hin.
„Danke. Wie geht’s eigentlich deinen Freunden?“
„Ganz okay. Ich glaube allerdings, Anna dreht zur Zeit durch.“
„Wieso das denn?“ Kati zeigte sich auf einmal höchst alarmiert. Auf ihrem Hocker saß sie kerzengerade.
„Naja“, sagte ich, „sie hat ihren ganzen Style verändert. Sie hübscht sich auf, trägt sogar neuerdings Kontaktlinsen. Erzählt mir, dass sie Dates hat und als du gestern angerufen hast, ist sie total ausgeflippt vor Freude.“
Jetzt war es an ihr, vor Freude loszuquietschen. „Wirklich?“
„Moment mal…“ In diesem Augenblick setzte vor meinem inneren Auge eine Diashow mit Bildern der letzten Stunden ein. Anna im rosafarbenen, ärmellosen Kleid. Anna, wie sie mit dem Telefon im Zimmer verschwand. Anna, wie sie durch ihr freudiges Herumhüpfen fast ihren Handtuchturban zum Einsturz gebracht hätte. Kati am Telefon. Und eine andere Szene.
‚Ich freu mich schon so auf sie! Äh, ich meine, auf die Person.‘
Mir blieb der Mund offen stehen. „Moment mal, willst du mir etwa sagen, dass du und Anna…?“
„Na toll, jetzt hast du’s doch rausgekriegt“, murmelte Kati. Ihr Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden.
„Wieso? Das ist doch toll! Ich freue mich für euch. Ich drück euch die Daumen, dass alles klappt. Sie scheint ja auch Gefühle für dich zu haben.“ Ich zwinkerte Kati zu.
„Oh, meinst du wirklich? Boah, ich hoffe so, dass das klappt. Noch so einen Komplett-Reinfall wie Hannes will ich nicht noch mal erleben. So, ich glaube, ich muss jetzt los.“ Sie bezahlte ihr Mineralwasser. „Ich treffe sie nämlich gleich noch mal – und ich wollte vorher noch zum Frisör! Bis dann, drück mir die Daumen!“
„Na klar.“
Nachdem sie mir noch einen Schmatzer auf die Wange gedrückt hatte, war sie weg.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich über die beiden nach. Würde es mit ihnen wohl funktionieren? Ich hatte sie als ziemlich unterschiedliche Menschen kennen gelernt, aber vielleicht zog sie ja gerade das so an. Anna hatte ja noch nie eine Beziehung gehabt, aus welchem Grund auch immer. Sie hatte schon zweiundzwanzig Jahre nach dem Mann fürs Leben gesucht – aber erst mit einer Frau schien es etwas zu werden. Kati hatte ja, wie uns allen bekannt war, schon mehrere Liebesbeziehungen gehabt, und die waren nicht alle gut verlaufen. Nach dem Idioten von Hannes gönnte ich ihr eine neue Beziehung von Herzen.
Zu Hause wurde ich von Lukas empfangen, der den Tag mit ein bisschen Gitarrespielen und Fernsehen verbracht hatte. Jetzt kochte er mir zum Mittag mein Lieblingsessen – Spaghetti Napoli. Ich küsste ihn auf den Mund. „Hey, du schmeckst nach Nudelsoße.“
„Ja, das Essen ist auch schon fast fertig. Und, wie geht’s dir so? Wie hast du den Tag erlebt?“
„Oh Mann, die Welt ändert sich so schnell“, antwortete ich, noch halb in Gedanken woanders.
„Wieso, was ist denn los?“
Ich schloss die Tür. „Ich weiß jetzt, warum Anna sich in letzter Zeit so merkwürdig verhält. Sie ist verknallt. Und zwar in Kati!“
„Ja, und?“ Lukas zeigte sich nicht besonders überrascht. „Das hab ich mir schon gedacht.“
„Ja, aber Kati will auch was von ihr!“
„Das ist ja toll. Hoffen wir mal für die beiden, dass das klappt. Übrigens, der Termin für die erste Bandprobe steht fest. Wir treffen uns übermorgen im Probenraum. Willst du mitkommen?“
Schlagartig schraubte mein Herz seine Frequenz nach oben. „Oh, äh, auf jeden Fall? Sind denn… alle dabei?“
„Ja, klar. Ich bin wirklich gespannt, wie die erste Probe mit Kiki läuft.“ Er lächelte mich an.
„Ich auch“, murmelte ich.
„Was?“
„Ach, nichts. – Wann sind die Nudeln fertig?“
„Hier, ich glaube, sie sind schon fertig…“ Er hielt mir eine Nudel zum Probieren hin. Als ich mein OK gegeben hatte, goss er sie ab und in einen Teller, samt der dazugehörigen Soße. Ziemlich hungrig begann ich sofort zu essen.

Bedeutungsschwanger, Teil 2

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Den Nachmittag verbrachte ich damit, laut Musik zu hören. Hauptsächlich deshalb, weil mein Bruder dasselbe tat. Laute Musik war im Prinzip das Einzige, was gegen laute Musik half. Auch wenn meine Eltern das nicht einsehen wollten und es weiterhin mit Ermahnungen versuchten. Wenigstens gaben die restlichen Familienmitglieder Ruhe.
Irgendwann brüllte ich „Tschau!“ ins Zimmer meines Bruders, verabschiedete mich von allen anderen Familienmitgliedern herzlich und ging zurück zum Bahnhof. Ich war ziemlich gut drauf.
Ich wollte mich nämlich mit Lukas treffen. Das war zuletzt irgendwie untergegangen, im Uni-Stress et cetera. Jetzt hatten wir endlich frei. Aber das war nicht der einzige Grund, warum wir uns treffen wollten.
Er hatte mich vor drei Tagen aufgeregt angerufen und gesagt, es gäbe wunderbare Neuigkeiten. Und dass er mich zum Essen einladen wollte. Ich konnte mir nun überhaupt nicht vorstellen, worum es ging, aber ich freute mich auf jeden Fall auf einen schönen Abend mit meinem Freund.
Vor dem Rendezvous machte ich noch einen Zwischenstopp in der WG, um mich ein wenig aufzuhübschen. Ich wollte ja gut aussehen. Ich lief die knapp über siebzig Stufen hoch, öffnete die Tür und ließ die Tasche auf den Boden fallen. Im selben Augenblick streckte Anna den Kopf durch ihre Zimmertür. „Hi, Sara! Na, wie geht’s?“ Mir fielen sofort ihr Elan und ihre gute Laune auf, die in ihrer Stimme lagen. Dann schritt sie auch noch aus der Tür und drehte sich einmal im Kreis. „Na, wie findest du mein neues Outfit?“
Mir blieb der Mund offen stehen. „Wow, du siehst unglaublich aus!“
In der Tat konnte ich es einfach nicht glauben. Anna hatte ihr Erscheinungsbild komplett verändert. Normalerweise immer in der klassischen Sweatjacke-Jeans-Kombination gekleidet, war sie jetzt in ein rosafarbenes, ärmelloses Kleid und Ballerinas verpackt. Und das war nicht alles. Statt die Haare wie üblich in ein Haargummi nach hinten zu binden, waren sie offen. So fiel mir erst auf, wie lange Haare Anna eigentlich hatte. Sogar ihre Brille hatte sie weggelassen. Trug sie Kontaktlinsen? Jedenfalls musste Anna ihre Augen nicht zusammenkneifen, um mich zu sehen.
Wieso hatte sie sich so verändert? „Wow, du hast deinen Stil komplett verändert… was ist los?“
„Ach, ich fühle mich so glücklich, ich könnte die Welt umarmen!“, freute sich Anna und tänzelte auf dem Flurteppich herum. Das war für sie höchst ungewöhnlich. Nicht, dass sie sonst immer rumlief wie sieben Tage Regenwetter, aber explosiv gute Laune kam nun auch nicht gerade oft vor…
„Was ist denn los?“
„Ich habe gleich ein Date!“
Anna ein Date? Das war aber nun wirklich ungewöhnlich. In den fast zehn Jahren, die ich sie nun schon kannte, hatte sie sich noch kein einziges Date gehabt. Sie war nicht mal verliebt gewesen. Klar, ein bisschen verknallt schon, aber nie war es was Richtiges gewesen. Ich hatte ja auch sehr lange liebestechnisch nichts am Laufen gehabt, aber ich war ja immerhin tausend Mal verliebt gewesen…
„Ich freue mich schon so. Sehe ich eigentlich hübsch aus? Oder soll ich doch noch mal ein anderes Teil anprobieren?“
„Du siehst toll aus. Aber mit wem hast du dich denn verabredet?“
Annas Gesichtsausdruck rutschte ins Eigenartige. So zwischen geheimnisvoll und glücklich. „Ist ein Geheimnis!“, sagte sie dann auch dazu passend. „Ich will das erst sagen, wenn was draus wird.“
„Wieso? Hast du eine Affäre mit einem Politiker und keiner soll’s erfahren?“
„Nee, aber es ist eben mein Geheimnis.“ Ihr Lächeln verschwand kurz, um gleich darauf wiederzukommen. „So, ich muss gleich los, ich hoffe –“ In diesem Augenblick klingelte ihr Handy. „Ja? – Ja, ich bin’s, was gibt’s?“ Sie verschwand in ihrem Zimmer…
Wieso zur Hölle verschwand sie zum Telefonieren in ihr Zimmer? Das hatte sie doch sonst auch nicht für nötig gehalten. Was hatte das nur wieder alles zu bedeuten?
Kopfschüttelnd ging ich in mein Zimmer, zog mein kleines schwarzes Kleid mit den Pailletten drauf an und schminkte mein Gesicht ein bisschen. Gerade, als ich mein Spiegelbild ein letztes Mal betrachten wollte, flog die Tür plötzlich auf und Anna stürmte herein. „So, ich muss jetzt los. Ich freu mich schon so auf sie! Äh, ich meine, auf die Person. Bis dann!“ Drückte mir einen Schmatzer auf die Wange und verschwand genauso schnell, wie sie gekommen war.
Meine beste Freundin verhielt sich so irre wie noch nie. Ich hatte aber auch nicht mehr viel Zeit, um darüber nachzudenken, denn schon klingelte Lukas an der Haustür, um mich abzuholen.

Er hatte sich einen Anzug angezogen, worüber ich mich sehr freute. In Anzügen sah er nämlich unheimlich gut aus. Ob das der einzige Grund war, aus dem er jetzt in Schwarz und Weiß und Krawatte steckte?
Vorm Restaurant stiegen wir von seinem Roller runter. „Ist irgendwas?“, fragte Lukas. „Du siehst so konfus aus.“
„Schon gut, reden wir gleich drüber.“
Das Restaurant war ziemlich schick. Ich war fast ein bisschen eingeschüchtert.
„Wie war denn dein Tag, Sara?“, fragte Lukas mich, als wir uns auf den Stühlen niederließen.
„Ach, frag nicht.“
„Wieso, was war denn los?“
„Meine Familie spielt verrückt und Anna dreht durch vor Liebe.“
„Was haben sie denn gemacht?“
Ich trank einen Schluck Orangensaft. „Die werdenden Eltern streiten sich über jeden Scheiß zur Zeit. Sogar über so lächerliche Sachen wie die Wandfarbe fürs Kinderzimmer. Lea will Rosa, Gero ist dagegen. Und was alles noch schlimmer macht: Oma will unbedingt, dass die beiden heiraten.“ Ich sprach das Wort so aus, als hielte ich das für etwas total Schlimmes.
„Was ist denn daran so schlimm?“, fragte Lukas und zuckte mit den Achseln.
„Keine Ahnung“, antwortete ich und zuckte nun meinerseits mit den Achseln. „Die beiden sind vielleicht auch nicht so unbedingt fürs Heiraten… Aber vielleicht hätten sie sich noch dazu entschlossen, wenn Oma jetzt nicht so angekommen wäre. So waren sie natürlich dagegen. Du weißt ja, besonders Lea hasst es, wenn man ihr etwas aufzwingen will.“
„Naja, um ehrlich zu sein, hätte ich das schon erwartet bei deiner Oma“, gab er zu. „Sie kommt halt noch aus einer Generation, in der das so üblich war. Und jetzt muss ihrer Meinung nach das Kind wohl legitimiert werden.“
„Tjaja, da hast du wohl Recht“, pflichtete ich ihm bei. „Jedenfalls gab es zu Hause einen Riesenzoff. Und was alles nicht besser gemacht hat, war Pauls verspätetes Erscheinen beim Essen. Der Kleine kommt wohl grad in die Pubertät und so, jedenfalls soll so was in letzter Zeit häufiger vorkommen. Und er läuft jetzt rum wie einer dieser Unterstufengangster.“
„Buah, schrecklich!“ Lukas verzog sein Gesicht.
„Ja, das kannst du wohl sagen. Und natürlich hat er auch so ein Monsterhandy. All das hat natürlich nicht dazu beigetragen, die Stimmung zu heben.“
„Kann ich mir lebhaft vorstellen.“
Jetzt brachte uns die Kellnerin die Vorspeise. Sie schmeckte sehr gut. „Ich freue mich, dass du mich zum Essen eingeladen hast. Haben wir schon länger nicht gemacht“, sagte ich und lächelte ihn an. Er nahm meine Hand. „Ja, und es ist nicht einfach so. Ich habe tolle Neuigkeiten!“
„Echt? Welche denn?“
„Es ist so unglaublich!“
„Na, was denn? Nun erzähl schon!“, forderte ich Lukas ungeduldig und lächelnd auf.
Er schien zu zögern. Schließlich entschloss er sich aber doch dazu, es mir zu erzählen. „Erinnerst du dich noch daran, wie ich mit diesem Typen gesprochen habe, dem der Club in der Rosenstraße gehört?“
„Ja, warum?“
„Er fand uns total cool und wir werden bald regelmäßig dort auftreten! Jeden Freitagabend!“
„Wow, das ist ja toll!“ Ich freute mich für ihn.
„Und das ist noch nicht alles: Wir haben endlich einen neuen Bassisten!“
Jetzt hechtete ich so halb über den Tisch, um ihn zu drücken. Dabei hätte ich fast meinen Orangensaft umgestoßen. Lachend setzte ich mich wieder hin. „Das sind ja wirklich gute Neuigkeiten!“
„Hast du nicht Lust, zur ersten Probe vorbeizukommen? Ich bin mir sicher, du würdest dich mit ihr verstehen.“
„Mit ihr?“ Ich war verwundert.
„Ja. Es ist eine Sie.“
„Gibt ja nicht viele Frauen, die Bass spielen, oder? Wie heißt sie denn?“
„Kiki.“
Kiki, bei dem Namen klingelte irgendwas in meinem Kopf, ich konnte aber nicht genau sagen, was.
„Entschuldigst du mich bitte kurz? Ich muss eben für kleine Jungs“, sagte Lukas plötzlich. Zerstreut antwortete ich: „Jaja, geh nur.“ Dann setzte ich meine Gedanken fort…
Kiki, wieso kam mir dieser Name bekannt vor?
War es jemand, den er aus der Schule kannte? Aus der Uni? Eine Verwandte?
Lukas kam zurück und rieb sich freudig die Hände. „Du glaubst mir gar nicht, wie sehr ich mich auf die erste Probe freue! Echt super, dass ich Kiki wieder getroffen habe. Und was wir uns nicht alles zu erzählen hatten! Nach all der Zeit.“
Und da fielen mir die Tomaten von meinen Augen.
Kiki war seine Exfreundin.
Im Gegensatz zu mir hatte er vor mir schon Beziehungen gehabt, und ich wusste das. Es hatte mich im Grunde nie besonders interessiert. Aber jetzt wurde ich doch unruhig…
„Wieso hast du mir nicht gesagt, dass Kiki deine neue Bandkollegin ist?“
„Wieso sollte ich?“ Er schien unsicher.
„Wieso solltest du“, echote ich. „Vielleicht, weil es mich doch ein klein bisschen interessiert, wenn du mit deiner Exfreundin ZUSAMMENSPIELST?“
„Bitte beton das Wort nicht so!“
„Wie denn sonst?“
„Sara!“, rief er. Er ergriff meine Hand. „Bitte. Sie ist nur eine gute Freundin. Da passiert nicht. Sie hat doch selbst einen Freund. Ich würde doch nie eine andere wollen als dich!“
„Wirklich?“
„Ja, wirklich. Ich liebe dich doch, wie könnte ich da je was mit einer anderen anfangen?“

Berlin, Berlin, ich fuhr nach Berlin

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Mittwoch und Donnerstag war ich in meiner Eigenschaft als Teilnehmerin der Veranstaltung “Exploring the past – Learning from the present – Developing the future” auf zweitägiger Exkursion in Berlin und Umgebung. Nach einer schlafarmen Nacht, einem Sprint zum Bahnhof, weil der Bus ausnahmsweise überpünktlich war, und einer siebenstündigen Busfahrt…

Moment, hat sie gerade siebenstündig gesagt? Ja, hat sie. Der Busfahrer hielt alle sechzig Minuten für dreißig Minuten an, warum auch immer. Aber seine und die Nikotinabhängigkeit eines Dozenten wird sicher eine Rolle gespielt haben.

Quelle: Photobucket / bawanaal

Also, nach all diesen Unannehmlichkeiten kam ich am Jüdischen Museum an, wo wir auf Studenten der University of Victoria (für alle Googlefaulen: Kanada) trafen, mit denen wir die Exkursion gemeinsam durchführten. Das Jüdische Museum war sehr interessant. Man erfuhr etwas über die jüdische Geschichte vor und nach dem Holocaust, wovon man ja nie was hört – immer nur vom Holocaust. Dazu sei aber noch gesagt: Mich haben vor allem die dargestellten einzelnen Schicksale der Verfolgten berührt. Wahrscheinlich ist das auch die richtige Art, sich an den Holocaust zu erinnern. Ansonsten sieht man immer nur die Masse und dann kann man all das leichter wegschieben.

Nach der Nachbesprechung mit den Kanadiern, bei der ich übrigens gemerkt habe, wie gern ich Englisch spreche, war der offizielle Teil zu Ende und ich nutzte meine freie Zeit, um mich mit einem Freund (dem mit dem Hasen-Spitznamen) zu treffen. Eigentlich wollte ich euch an der Stelle zwei kleine Videos zeigen, aber das eine lässt mich VLC leider nicht bearbeiten und bringt stattdessen meinen Laptop zum Hängen. Also seht ihr hier jetzt ein kleines Video (Mein erstes auf Youtube! Bitte lest euch auch die Beschreibung durch.): https://www.youtube.com/watch?v=6JQGUz1lYL8

Am nächsten Morgen ging es zur Gedenkstätte Sachsenhausen. Das, was ich da gesehen habe, war wirklich schlimm. Das Spezialgefängnis mit den Einzelzellen. Das Krematorium. Aber was ich auch schlimm fand: Die DDR hat fast alle Baracken plattgemacht, um ihren eigenen Gedenkplatz mit Massenkundgebungen und allem haben zu können. Auf dem natürlich nur an die politischen Gefangenen erinnert wurde. Jetzt verstehe ich jedenfalls, was mein Vater gesagt hatte, der das Lager in der Schulzeit zwangsbesichtigen musste und meinte, es gebe dort nicht mehr so viel. Mein Dozent meinte dazu: “Some way of memoralisation.” Ach ja: Oranienburg war übrigens voll mit NPD-Wahlplakaten. Und wieder:

Von der Gedenkstätte ging es für uns deutsche Studenten direkt zurück in die Heimat. Sie liegt von Berlin ungefähr dreißig bis vierzig Kilometer entfernt. Der Rückweg führte dann aber auf einmal über Hamburg, wodurch wir wieder einmal sieben Stunden unterwegs waren. (Dabei will man nach solch anstrengenden zwei Tagen einfach nur nach Hause!)

Von Busfahrten habe ich erst einmal genug. Was ich aber toll fand: Ich hatte in diesen zwei Tagen Kontakt zu so vielen tollen Leuten. Zum ersten Mal in meinem Leben hat mir eine Studienfahrt Spaß gemacht. Es war nicht so wie früher, wo ich mich immer total sozial isoliert gefühlt habe. Ich hatte Kommilitonen, mit denen ich gern geredet habe (andersrum wohl auch). Der Kontakt zu den Kanadiern hat mir auch gut gefallen. Ich hoffe, ich kann ihn aufrecht erhalten. Und nicht zuletzt war es klasse, dass ich meine beiden Lieblingsdozenten mal von einer menschlichen Seite erleben konnte.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

PS: Als wir am Busbahnhof meiner Heimatstadt standen, bat der Dozent uns, dem Unipräsidenten mitzuteilen, wie toll die Exkursion war, damit er und sein Kollege dann wirklich mal 50000 bis 60000 Euro im Monat bekämen. Eine Studentin entgegne, dann könne er Auschwitz ja selber bezahlen. (Gemeint war damit die nächste geplante Exkursion.)

Krümelmonster, Teil 29

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Der Mann stand vor mir. Im entfernten Licht der Straßenlaterne enthüllte sich mir endlich seine Identität. Lukas. Er hatte mich gesucht.

„Was ist passiert?“, fragte er erschrocken.

„Ich bin gestürzt. Diese doofen Schuhe“, schniefte ich und wischte mir über das Gesicht. Mit dem Erfolg, dass ich Make-up in den Händen hatte. Na super.

„Kannst du aufstehen?“

„Ich glaube nicht“, sagte ich. Lukas nahm mich unter den Schultern und hob mich hoch. „Du solltest jetzt nicht dein rechtes Bein belasten“, riet er mir. „Hier hast du ein Taschentuch.“ Er gab es mir und hob meinen rechten Schuh auf. Kritisch musterte er ihn. „Ich hab sowieso nie verstanden, warum Frauen so etwas tragen.“

„Weil sie gut aussehen wollen. Für die Männer zum Beispiel.“

„Und du hast dir ganz viel Mühe gegeben.“

„Wie kommst du darauf?“ Ich schnäuzte mich laut ins Taschentuch.

„Na ja, du trägst solche Schuhe, obwohl sie brandgefährlich sind, du hast ein aufwändiges Make-up und beim Frisör warst du wohl auch.“

„Ja, und es war alles umsonst! Du willst mich ja gar nicht mehr haben.“

Jetzt war er damit dran, zu fragen: „Wie kommst du darauf?“

„Du hast mich einfach weggeschickt!“

„Aber doch nur, weil das Konzert anfing.“ Er streichelte mir über die Schulter. „Glaub mir, wenn wir einen Termin nicht punktgenau einhalten, können die aus der Band ganz schön stinkig werden. Besonders Tobias.“ Ich zitterte. Und das lag immer noch nicht an der Kälte. „Aber es war nicht nur, weil du mich weggeschickt hast. Ich habe mich dir gegenüber so fies verhalten. Da konntest du ja gar nichts mehr von mir wollen. Es muss wirklich so ausgesehen haben, als wollte ich nur Hannes und nicht dich. Aber das stimmt nicht“, sagte ich.

„Meinst du das wirklich ernst?“

Ich war mindestens so aufgeregt wie bei der Notenvergabe fürs Abitur. „Ja“, flüsterte ich. Und ich zitterte weiter fürchterlich.

„Wird dir kalt?“

„Ich glaube schon…“

Lukas zog sein Sakko aus und legte es mir um die Schultern. „Besser?“

„Darf ich dich was fragen?“

„Das hast du hiermit schon getan“, antwortete ich schief grinsend.

Lukas grinste zurück. „Warum bist du einfach weggelaufen?“

„Weil du dieses doofe Lied gespielt hast.“ Ich sah auf den Boden. „Mit einem noch blöderen Text.“

„Das hat sich Kati für dich gewünscht.“

„Wie, sie war das?“

„Nein“, erklärte er, „eigentlich wollte sie nur, dass ich dir sage, was ich wirklich für dich empfinde. Ich habe dir in die Augen gesehen, als ich es dir… na ja… gesagt habe.“

„Ja? Aber was wolltest du mir damit sagen?“, stotterte ich. Er beugte sich vor und flüsterte mir etwas ins Ohr. Was sagte er da?

„Ich liebe dich.“

Jetzt konnte ich nicht mehr anders, ich musste ihn küssen. Mehrere Minuten standen wir da und küssten uns, unsere Lippen und unsere Zungen berührten sich, und ich strich leicht durch seine Haare.

Eine halbe Ewigkeit später humpelte ich an seiner Seite zurück zum Ball. „Weißt du, was mir aufgefallen ist?“, fragte Lukas.

„Was denn?“

„Na ja, das Tuch, das ich umhatte… Es roch nach dir.“

„Ach, ich hab es doch mit zu mir genommen, als du es bei dem Auftritt vergessen hast.“

„Ich hatte es danach die ganze Nacht bei mir“, verriet Lukas mir.

„Ach, du bist süß“, rief ich und küsste ihn gleich noch mal.

„Ja“, rief auf einmal jemand ganz laut. Verwundert lösten wir uns voneinander – und da liefen nacheinander Aurélie, Anna, Kati und Tobias auf uns zu.

„Mensch, Sara, wieso bist du denn gerade einfach weggelaufen? Es tut mir wirklich Leid, dass ich so doof zu dir war. Ich hab jetzt auch gemerkt, warum du so abgelenkt warst“, lachte sie.

„Ja, der Grund steht neben mir“, antwortete ich. Wir lächelten uns an.

„Aber jetzt komm endlich rein! Wir müssen tanzen!“, befahl Anna und zog an meiner freien Hand. „Hey, vorsichtig! Sie ist gerade gestürzt, sie kann jetzt noch nicht so schnell laufen“, rief Lukas.

„Aber warum ist denn dein Make-up so im Eimer? Komm mit, ich helf dir, es aufzufrischen.“ Jetzt wollte Kati mich zurück ins Unigebäude ziehen.

„Hey, nicht so schnell!“, versuchte ich, sie zu beruhigen. „Das Make-up ist gerade echt nicht so wichtig.“
„Na klar“, lachte Kati. „Na dann, bis gleich, ihr Turteltauben!“

„Nix da ‚bis gleich‘!“, meldete sich da Tobias lautstark zu Wort. „Wir müssen jetzt wieder anfangen, zu spielen! Die Leute warten schon!“

„Tobi?“

„Ja?“

„Du singst doch drei der Lieder. Können wir die nicht einfach vorziehen?“

„Na gut. Aber nur ausnahmsweise.“ Skeptisch sah er uns an und verzog sich dann auf seinen Platz auf der Bühne.

Die Band fing unter dem tosenden Applaus der Gäste wieder an zu spielen. Anna tanzte mit dem Unbekannten, Aurélie mit Freddy, und ich tanzte mit Lukas. Ganz vorsichtig natürlich, aber es klappte wieder. Wir machten sowieso hauptsächlich Engtanz. Und es gefiel mir unheimlich gut. Wir hatten nur Augen füreinander, auch, als er nach drei Liedern auf die Bühne zurückmusste.

Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass Hannes uns beobachtet hatte. Er wollte auf mich zugehen, doch kurz, bevor er mich hatte, schnappte Kati ihn sich einfach und wirbelte ihn herum. Ich lachte, sie lachte zurück und zeigte mir das Peace-Zeichen.

Die nächsten Tage konnten Lukas und ich nicht voneinander lassen. Ich war richtig traurig, als wir uns am 24. Dezember gegen Mittag verabschiedeten, weil wir getrennt voneinander Weihnachten feierten. Jeder bei seinen Eltern.

„Sei nicht traurig“, tröstete Lukas mich, „in drei Tagen sehen wir uns doch schon wieder.“

„Ja, das ist wahr. Treffen wir uns hier am Bahnhof?“
„Ja, ich hole dich vom Zug ab. Bis dann, Sara, ich glaube, mein Zug fährt gerade ein.“

„Bis dann!“ Nach einem dicken Abschiedskuss musste ich ihn gehen lassen und steuerte mein Gleis an.

Als ich zu Hause ankam, steckten alle schon in den Vorbereitungen für den Kirchbesuch. Oma war katholisch, aber sie hatte es weitgehend aufgegeben, uns in die Kirche zu zerren. Bis auf Heiligabend, da mussten wir alle los. Da gab es keinen Weg dran vorbei. Normalerweise finde ich das ziemlich nervig und schimpfe mindestens genauso darüber wie mein kleiner Bruder Paul. Doch an diesem Abend brachte ich alles ganz fröhlich hinter mich.

Nach dem Kirchbesuch gab es die Geschenke. Alle freuten sich riesig über das, was ich ihnen gekauft hatte. Papa fand, das Bild würde prima in seine Kanzlei passen. Oma freute sich über die Malsachen, Paul über das Spielzeugauto, Mama über das Buch und Lea und Gero freuten sich über die Babysachen.

„Du hast noch keins von deinen Geschenken aufgemacht“, rief Paul.

„Stimmt.“ Wieso eigentlich nicht? Ein Paket nach dem anderen wurde von mir geöffnet. Oma schenkte mir einen schicken Terminkalender („Damit du deine Uni nicht vergisst!“), von meinen Eltern bekam ich einen schön warmen Pullover, Lea schenkte mir eine CD und Paul übergab mir ein selbst gemaltes Bild. Es sah wunderschön aus.

Später am Abend saßen wir alle noch bei einem Glas Wein, oder in Leas und Pauls Fall Mineralwasser, und Weihnachtsliedern beisammen und unterhielten uns.

„Ich habe euch neutrale Babysachen gekauft, weil ich nicht wusste, ob ihr einen Jungen oder ein Mädchen kriegt“, sagte ich.

„Das ist voll in Ordnung“, meinte Gero. Und Paul wollte natürlich wissen: „Was ist es denn jetzt? Hoffentlich bekommt ihr einen Jungen!“

„Paul, du musst jetzt langsam ins Bett. Es ist schon viel zu spät“, ermahnte Mama ihn und wollte mit ihm nach oben in sein Zimmer gehen.

„Ich bin doch kein kleines Baby mehr“, meckerte er.

„Einmal darf er doch länger aufbleiben, oder? Schließlich wird er nicht alle Tage Onkel“, bestimmte Papa. Worauf Paul sich wieder setzen durfte.

„Also“, begann Lea, „wir haben vor zwei Wochen einen Test beim Arzt gemacht und der hat uns das Geschlecht des Babys verraten.“ Sie sah ihn an. „Willst du oder soll ich?“

„Du kannst.“

„Also, es wird ein Mädchen!“

Alle freuten sich. Bis auf Paul, der schmollte ein bisschen. „Hurra, es wird ein Mädchen!“, freute sich Mama und wir freuten uns mit ihr.

„Wir wissen auch schon, wie es heißen soll und wer Patentante wird!“, rief Gero.

„Ja, wie denn? Wer denn?“, erkundigte ich mich neugierig.

„Na ja, eigentlich haben wir uns überlegt, dass du die Patentante wirst und dass wir das Kind nach dir benennen“, verriet Gero.

„Oh mein Gott“, rief ich. Auf einmal wurde mir ganz blümerant. Ich merkte nur noch, wie meine Schwester rief: „Sara? Oh nein, nicht schon wieder!“ und vom Sofa ganz schnell zu mir stürzte.