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Krümelmonster, Teil 25

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Ich fühlte mich irgendwie besser. Normalerweise bin ich morgens immer ziemlich müde, doch an diesem Tag erledigte ich selbst das Zähneputzen voller Energie und durch den Schnee, der mittlerweile wieder zentimeterdick über Frankfurts Straßen lag, ging ich zielstrebig zur S-Bahn.

An diesem Morgen erwartete alle Studenten eine Veranstaltung mit allen Kandidaten zur Studentenparlamentswahl (doofes Wort). Dort würden sie sich vorstellen und uns versuchen, davon zu überzeugen, dass wir sie wählen sollten. Naja, wieso auch nicht, wenn deswegen die Staatsphilosophievorlesung flachfiel.

Im Audimax saßen schon alle meine Freunde sowie meine Schwester mit ihrem Freund. Lea streichelte mal wieder über ihren Bauch, während sie mit Gero sprach. Freddy redete mit Aurélie, und neben Anna war noch ein Platz frei. Sie trug einen Riesenschal, wahrscheinlich von ihrer Oma.

„Morgen, Leute.“ Ich pflanzte mich auf die hässlichfarbene Sitzschale. „Na, was habt ihr am Wochenende gemacht?“

„Freddy und ich waren im Kino“, berichtete Aurélie. „Shutter Island. Der war vielleicht gruselig… oh Mann!“ Sie schüttelte sich und lachte. „Mir hat er aber gefallen“, warf Freddy ein. „Toll, dass wir dahin gegangen sind!“ Nasereiben, Küsschen.

„Ich bin in eine Kunstausstellung gegangen“, teilte Anna mit und packte einen Flyer aus, den sie uns allen zeigte. Bewunderndes Gemurmel. „Ich fand diese Bilder wirklich unglaublich. So einfach und doch so wunderschön.“

„Ja, ich finde, die sehen gut aus. Obwohl ich nichts von Kunst verstehe“, gab Gero zu.

„Und, was hast du noch so am Wochenende gemacht?“, fragte Anna. Bevor ich meine Version des Wochenendes aufsagen konnte, platzte meine Schwester bereits heraus: „Sie hat sich mit einem Kerl getroffen!“

„Was, du hast dich mit Lukas getroffen?“, kreischten Anna und Aurélie so laut, dass es noch die Wahlkandidaten hören mussten, die sich mittlerweile vor der großen Tafel aufgestellt hatten.

„Wer ist Lukas?“, wollte Freddy wissen.

„Er hat sie wiederbelebt, nachdem sie umgekippt ist“, setzte Aurélie ihren Freund in Kenntnis. „So ein großer, dunkelhaariger Kerl, der in ‘ner Band spielt. Medizinstudent. Sieht ziemlich gut aus.“ Der letzte Satz klang sehr lauernd.

Allerdings fuhr da schon Gero dazwischen: „Sag mal, Sara, ist dieser Lukas zufällig ausgebildeter Krankenpfleger und hat immer ein Palästinensertuch um?“

„Ja, wieso?“

„Den kenne ich, ich hab mit ihm zusammen Abi gemacht!“, erklärte Gero.

„Ach so…“

„Und, wie läuft es mit ihm?“, erkundigte sich Lea.

„Es läuft gar nichts“, rief ich genervt. „Können wir jetzt bitte den Kandidaten zuhören? Ich will wissen, was sie zu sagen haben.“

Obwohl das im Grunde irrelevant war. Der Nachwuchs der großen Parteien betete brav runter, was ihre politischen Eltern ausgebrütet hatten, die Spaßorganisation konnte man eh nicht ernst nehmen, außerdem verkündeten alle immer „bessere Studienbedingungen für alle!“.

Nach der Veranstaltung standen wir alle noch vor der Tür herum und redeten. „Eigentlich müssen wir mal wieder alle zusammen was machen“, fand Aurélie. Alle stimmten ihr zu, also verabredeten wir uns für den nächsten Tag im Grüneburgpark.

 

Dort hatten wir einen Riesenspaß. Und das meine ich sogar ernst. Der Schnee lag hier immer noch ziemlich dick, und ohne Vorwarnung begann Freddy eine Superschneeballschlacht. Alle bewarfen sich gegenseitig mit Schneebällen, bis wir selber fast aussahen wie Schneemänner. Oder Schneefrauen. „Hey, ich hab Schonzeit, ich erwarte ein Baby!“, versuchte Lea, sich zu retten. Vergeblich. Batsch, schon bekam sie die nächste Ladung ab.

Irgendwann lag Aurélie auf dem Boden und strampelte einen Engel in den Schnee. Mit dem Finger schrieb sie fett das Wort Schneeengel daneben. Einleuchtend.

Gero wäre fast mit der Zunge an einer der Laternen festgefroren, aber Anna konnte ihn mit ihrem heißen Kakao wieder retten. „Oh Mann, was machst du denn für Sachen?“, brummte sie.

„Eie Ahun“, versuchte Gero, zu antworten. Sollte wohl heißen Keine Ahnung.

Als er wieder frei war, setzten wir uns alle auf eine Bank. Jetzt kriegten wir alle was vom Kakao. Jeder hatte seinen Becher dabei. Auf Geros Becher stand Geek.

„Sag mal, was heißt dieses Geek eigentlich? Es scheint ja jeder Mann eine solche Tasse zu besitzen“, bemerkte ich.

„Kann schon sein. Grob gesagt lässt sich das Wort mit Computernerd übersetzen“, erläuterte der Freund meiner Schwester.

Anna räusperte sich. „Tut uns übrigens Leid, dass wir dich gestern so genervt haben. Das wollten wir nicht.“

„Schon gut. Kann ich auch was vom Kakao haben?“ Ich hielt ihr meinen schlichten schwarzen Becher hin. Sie goss mir etwas ein. „Boah, ist der heiß!“, schrie ich. Ich wedelte mit meinen Armen und rief immer wieder Laute wie „Oh!“ und „Au!“ Anna beugte sich über mich und plötzlich tauchte auf dem Boden vor mir ein Schatten auf, nachdem sich Schritte mir laufartig genähert hatten.

„Alles in Ordnung?“

Das war Lukas! Ich schaute ihn verdattert an. Hilfe, mir hingen Kakao-Spucke-Fäden aus dem Mund! Wie peinlich. Ich zerrte mein Taschentuch aus der Tasche und wischte mir den Mund ab. „Alles in Ordnung, der Kakao war etwas zu heiß.“

„Na, dann. Genug Eis zum Kühlen gibt’s hier ja“, lachte er. Sein Gesicht hellte sich plötzlich auf. „Hey, Gero, was machst du denn hier? Wir haben uns ja lange nicht gesehen!“ Die beiden umarmten sich kurz, mit Patschehänden auf die Rücken. So, wie Männer das eben tun. Ich habe mal gehört, dass Männer das Patschen machen, um Distanz zu zeigen und zu sagen: Ich bin kein Weichei.

Lukas und Gero palaverten fröhlich herum und tauschten sich über ihre Leben aus. „Was machst du denn hier?“ war dabei nur eine der Fragen, die Gero an ihn hatte. „Ich wohne doch hier in der Nähe“, gab Lukas zur Antwort. Stimmte ja. Ich hatte diesen Park vom Fenster aus gesehen, als ich ihn besucht hatte.

„Ich musste einfach mal raus aus meiner Bude. Konnte Medizin einfach nicht mehr sehen“, raunte er. „Bei so einem Wetter bekommt man auch Lust auf einen schönen Schneespaziergang.“

Gero stand auf. Ich konnte sehen, wie er uns zuzwinkerte.

Anna grinste auch. „Weißt du, worauf wir Lust bekommen bei so einem Wetter?“

„Keine Ahnung.“ Lukas zuckte mit den Schultern. Hinter ihm formte Gero einen Schneeball… der direkt an Lukas‘ Hinterkopf landete. „Ich weiß es!“, antwortete Gero. „Auf eine zünftige Schneeballschlacht!“

Die dann auch prompt folgte. Wir lachten und jauchzten, aber nur so lange, bis uns die nächste Ladung gefrorenes Wasser traf. Lea traf Aurélie, sie traf Gero, der traf mich, ich warf Anna ab, die traf Freddy und er bewarf Lukas. Und das alles geschah innerhalb von drei Sekunden. Alle bewarfen sich gegenseitig mit Schnee. Doch auf einmal rappelte sich Lukas auf und sah mich an. Dann schnappte er sich meine Hand und rannte los.

„Hey, wo wollt ihr denn hin?“

„Keine Ahnung!“

„Zu mir nach Hause!“ Und wir ließen die anderen zurück, die mindestens genauso irritiert waren wie ich.

 

Der Lauf dauerte nicht lange, aber hinterher waren wir ganz schön kaputt. „Wow, du hattest ja ein ganz schönes Tempo drauf!“, japste ich. „Du hättest mich aber überholt, wenn ich dich losgelassen hätte“, bemerkte Lukas, nicht weniger außer Atem. „Ach Quatsch, so sportlich bin ich doch gar nicht“, winkte ich ab.

„Siehst aber so aus“, rief er, bevor er in seinem Zimmer verschwand. Er zog seine Jacke und das Tuch aus. „Wahrscheinlich sollte ich duschen. Ich bin wohl ziemlich verschwitzt. Willst du so lange hier im Zimmer warten?“

„Kein Problem.“

Mit einem Riesenhandtuch und ein paar frischen Klamotten verschwand Lukas im Badezimmer. Ich sah mir sein Zimmer genau an. Er hatte viele Plakate und Poster an seinen Wänden hängen. Von Filmen und so. Reservoir Dogs, Inglourious Basterds, Pulp Fiction, From Dusk till Dawn. Er war wohl ein Tarantino-Fan… das fand ich gut. Außerdem entdeckte ich noch Matthew Bellamy und seine Jungs! Ich konnte es kaum glauben – es gab noch Menschen außer mir, die Muse toll fanden? Bisher hatte es immer nur geheißen: Muse? Kenn ich nicht.

Sein Bücherregal war auch ziemlich groß. Eigentlich hatte er einen ganzen Schrank voller Bücher. Ich fand neben einem Haufen medizinischer Fachliteratur viele Bücher über Musiker, aber auch viele Bücher, die ich nicht kannte. Ganz oben im Regal standen Bücher von Charles Bukowski.

Ich setzte mich zurück aufs Bett. Im Fernen hörte ich Klappergeräusche. Mir fiel auf, dass ich Durst hatte. Er hatte nichts zu trinken bei sich im Zimmer herumstehen. Nur ein paar Geschenkdosen von alkoholischen Getränken als Dekoration. Also ging ich in die Küche und goss mir Leitungswasser ein. Auf einmal hörte ich jemanden laut fluchen. Ich ging in den Flur gucken und erblickte, wie die Badtür aufgeschlossen wurde… und Lukas nur mit einem Handtuch bekleidet erschien. Vor Schreck wäre ich fast nach hinten gestolpert. Auf einmal fühlte ich auf schreckliche Weise in eine mir allzu bekannte Situation versetzt. Ich, Hannes, fast nackt, in der Gemeinschaftsdusche. Was für ein scheußliches Wort!

„Ich, ähm, hab nur was vergessen…“, stotterte er und holte irgendwas aus seinem Wäscheschrank. Ich konnte gar nicht sehen, was er holte, eigentlich wollte ich es auch gar nicht wissen.

Er war schnell wieder im Bad, aber trotzdem fand ich mich grübelnd und mit dem Kopf in den Handflächen auf dem Bett wieder. Was sollte ich hiervon halten? Alles war wieder genauso wie an dem denkwürdigen Abend, an dem man mich erst entjungferte und dann schnöde sitzen ließ. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich diesmal angezogen war.

Lukas kam, jetzt komplett bekleidet, ins Zimmer. „Tja, tut mir Leid, normalerweise passiert mir so etwas nicht. Aber manchmal kriegt mich eben mein schlechtes Gedächtnis… voll in die Eier. Was ist denn los? Hast du irgendwas?“

Ich zuckte zusammen. „Was? Oh, äh, alles in Ordnung. Nichts Besonderes.“

„So siehst du aber nicht aus. Willst du’s mir erzählen? Musst du natürlich nicht.“

Ich stöhnte. „Ich hab mich von diesem Arschloch von Hannes entjungfern lassen und er ließ mich sitzen!“ Sogleich dachte ich: Oh mein Gott! Was hatte ich denn da gemacht? Lukas stand mit offenem Mund da. „Wie, du hast mit ihm geschlafen?“

„Ja! Und warum hab ich es dir überhaupt gesagt?“

„Ist doch in Ordnung“, versuchte er mich zu beruhigen. „Aber was hast du gesagt? Er ließ dich sitzen?“

Ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Wie ich Hannes kennen lernte, wie wir uns in meinem Zimmer unterhalten hatten, wie wir uns in der Gemeinschaftsdusche getroffen und in seinem Zimmer miteinander geschlafen hatten. Dass es wunderbar gewesen war und Hannes mich danach total ignoriert, sogar mit Kati einen auf glückliches Paar gemacht hatte.

„Diese Tussi!“, erregte sich Lukas.

„Nein, Kati ist in Ordnung“, verteidigte ich sie. „Der wirklich Schlimme ist Hannes. Es ist jetzt schon etwas her… und trotzdem tut es mir so weh, was er gemacht hat. Es ist wie ein Stachel, der in mir drinsitzt.“

„Das Gefühl kenn ich gut“, seufzte Lukas. „Aber glaub mir, das geht irgendwann vorbei. Ähm, tut mir Leid, aber ich hab nachher noch eine Bandprobe und muss mich darauf noch vorbereiten. Wärst du mir sehr böse, wenn ich dich jetzt rausschmeiße?“

„Äh, nein, auf keinen Fall…“, stammelte ich.

Lukas begleitete mich noch zur Tür. „Also, man sieht sich bestimmt morgen in der Uni. Auf Wiedersehen!“

„Ja, tschüs…“

Und schon war ich draußen und die Tür war hinter mir zugeklappt. Er hatte beim Abschied ziemlich kalt geklungen. Obwohl er gelächelt hatte. Hatte er dabei nicht seine Augen unbewegt gelassen? Ich hatte mal gehört, dass es ein Zeichen für ein unechtes Lächeln war. Ein unechtes Lächeln? Aber warum? Hatte ich etwas falsch gemacht?

Bücher und ich

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Ich liebe Bücher. Ich arbeite langsam daran, mir eine eigene Privatbibliothek aufzubauen. Ich frage mich oft, was man über mich rausfinden könnte, wenn man meine Büchersammlung sähe. Man sagt ja, dass die Bücher, die man liest, viel über einen aussagen. In meiner Sammlung findet man alles Mögliche. Romane und Nonfiktionales, Klassiker und moderne Werke, Bücher, die aus der Unibibliothek abgesondert wurden und die ich umsonst mitgenommen habe, lustige, traurige Bücher, Erwachsenenkram, Jugend- und ein, zwei Kinderbücher. Es ist so viel, dass sich mein eines Brett im Flurschrank bereits leicht durchbiegt. (Ich hab da nicht alles reingepackt, aber das Material des Schranks ist wohl nicht besonders hochwertig.)

In meinen Regalen stehen zurzeit enorm viele Bücher, die ich noch nicht gelesen habe. Das sind auch ganz unterschiedliche Bücher. „The graves are not yet full“ von Bill Berkeley oder David Humes „Untersuchung über den menschlichen Verstand“ zum Beispiel. Letzteres habe ich mitgenommen, als ich den Kurztrip nach Dortmund machen musste wegen der schriftlichen Übersetzerprüfung in Englisch, in der guten Absicht, es endlich durchzukriegen. Hat nicht geklappt, ich hatte keinen Nerv dafür. Ich hab nur ungefähr fünf Seiten geschafft und bin somit auf Seite 70 oder so, seit einem Dreivierteljahr. Ich weiß, dass ich ganz viele nicht ausgelesene Bücher habe (und dass die Bücherorgien-Serie darauf wartet, endlich beendet zu werden), und trotzdem bestelle ich mir immer neues Zeug, das ich dann zuerst lese – aber nur die relativ leichte Kost. Ein oder zwei Mal war ich auch noch im traditionellen Buchladen. In einem knappen Monat geht es wieder einmal zu meinen Großeltern. Ich hoffe, dass ich während der Fahrt das eine oder andere Buch durchkriege.

In meinem Regal steht auch irgendein Werk von Peter Scholl-Latour, das ich noch nicht gelesen habe und dessen Titel ich grad nicht mehr zusammenkriege. Ich besitze es seit bestimmt fünf Jahren. Meine Mutter wollte es wegwerfen, aberich habe es vorm Müll gerettet, denn Bücher wirft man nicht weg. (Dazu hier noch ein schöner Text: http://www.klopfers-web.de/kol19.php)

Als ich noch in einem kleinen Dorf in der Nähe von hier lebte, traf man mich fast jeden Sonntag in der Bücherei an. Irgendwann erzählte die Bibliothekarin, dass sie dort 4500 Bücher hätten – davon habe ich bestimmt ungefähr die Hälfte gelesen. Alles, was mich interessierte – der Rest war dann langweilige Hausfrauenliteratur und Kinderbücher. Davon hat mich fast nichts interessiert. Ich habe schon recht früh zu den Büchern für Jugendliche ab 14 Jahren und zu den Erwachsenenbüchern, die keine langweilige Hausfrauenliteratur waren, gegriffen. Ich weiß auch noch, wie die Bibliothekarin uns (meine damalige Grundschulklasse) durch den Raum führte (es ist wirklich nur ein ziemlich kleiner Raum) und, als wir vor der Jugendliteratur standen, sagte: „Das interessiert euch jetzt noch nicht.“ Ich finde es blöd, so etwas zu sagen. Wenn man sich für „höhere“ Literatur interessiert, sollte das einem Kind nicht verboten werden.

Manche Bücher habe ich mir dort auch ganz oft ausgeliehen. Eins davon habe ich mir jetzt gekauft, für einen Cent plus Versandkosten. „Stern oder Schnuppe“ von Wilhelm Topsch. Es geht um ein vierzehnjähriges Mädchen, dessen Eltern sich trennen und die deswegen von Hamburg in ein Kuhkaff ziehen muss. Beim Zurechtkommen auf einer neuen Schule helfen ihr ihr Computer und später auch der Kerl aus der Computer-AG. Das Buch ist wahnsinnig witzig. Besonders empfohlen sei hier die Stelle, an der sie ihre Mutter mit einem fremden Kerl trifft. Seid ihr neugierig? Dann kauft euch das Buch!

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Bis die Sonne aufgeht

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Dieser Text entstand unter Mitarbeit von ein paar anderen schlaflosen Forenusern von Klopfers Web. Danke an Cyberbird, Jade, Freaki und gillie.

Es war einmal ein Mädchen, das allein in ihrem Zimmer saß. Ihr Blick wanderte langsam, suchend durch den kargen Raum. An einem der ihr so bekannten Objekte blieb ihr suchender Blick hängen. Sie nahm ihren Taschenspiegel in die Hand und betrachtete ihn… Im Spiegel sah sie, dass sie einen unfassbar großen Pickel auf der Stirn hatte. Warum passiert so was immer, wenn etwas Wichtiges ansteht?, dachte sie, den Pickel vorsichtig betastend. Langsam ließ sie den Spiegel wieder sinken, um dann zur Schminkkiste zu greifen und den Lippenstift herauszugreifen, den sie beim ersten Date mit ihrem Freund getragen hatte.

Der Lippenstift war sehr alt und zerliebt, auch wenn sie wusste, dass ihr diese Farbe nicht stand. Trotzdem griff sie immer wieder zu dem alten Stück, war es doch ihr Liebster. Also trug sie den Lippenstift bedächtig und mit Vorfreude auf, um dann anschließend ein bisschen Abdeckpuder auf dem überriesigen Stirnpickel aufzutragen. Nicht das Beste, aber ausgehfertig, dachte sie, während sie behäbig, aber entschlossen von dem viel zu weichen Bett aufstand. Unentschlossen stand sie vor dem großen, sperrigen Kleiderschrank und versuchte, sich für eine Auswahl von Kleidern zu entscheiden, von der sie schließlich das grau-schwarz-geringelte Kleid wählte, da es ihre Figur so elegant umspielte, begleitet von weißen Strümpfen und Absatzschuhen. Müde und mit einer flinken Trägheit schlüpfte sie in ihre neue Kleidung, mit verstohlenen und leicht zweifelnden Blicken in Richtung des großen Spiegels an der Wand. Seufzend betrachtete sie ihr Werk. So richtig gefiel ihr nicht, was sie sah, und so suchte sie ihre Schmuckschatulle. Sie suchte sich ihre kleinen Diamantohrringe aus der Schatulle, steckte sie an und sie fragte sich, ob ihr Date, das zufällig ein Studienfreund ihres Exfreundes war, sie auch hübsch finden würde. Zwar hatte sie sich ein wenig Selbstbewusstsein in letzter Zeit angeeignet, hauptsächlich durch die eindeutigen Blicke einiger Männer, aber die Trennung hatte sie doch sehr mitgenommen und Zweifel hinterlassen.

Nun hatte ihr Studienkollege ein Blind Date für sie arrangiert, was sie allerdings davon halten sollte, wusste sie nicht. Doch sagte sie sich, dass es ja vielleicht auch Spaß machen könnte, sofern ER sich galant verhielt. Stumm stand sie nun da und dachte darüber nach, was sie nun erwarten würde, eigentlich war sie nicht der Mensch für solche Blind Dates. Langsam, aber sicher stieg Nervosität in ihr auf, während sie sich auf den Weg zum Auto machte, um sich zum Treffpunkt zu begeben, der in einer ihr nicht unbekannten Straße lag. Diese Straße war im Allgemeinen bekannt unter den vergnügungssüchtigen Jugendlichen der Stadt, was sie um einiges verunsicherte, wenn sie zu lange darüber nachdachte. Trotzdem machte sie sich auf den Weg zum Treffpunkt, sie konnte die Männer schließlich nicht sitzen lassen.

Und vielleicht würde es ja doch noch ein toller Abend werden, trotz ihrer Bedenken vor dem Mann, den sie gleich treffen würde, und als sie die Kneipe betrat, starrte sie voller Erstaunen und gleichzeitiger Anziehung auf den Studienfreund ihres Ex.

Es waren seine wundervoll melancholischen Augen, die sie langsam taumelnd in ihren Bann zogen. Mit stockendem Atem und zitternden Händen bewegte sie sich auf den Mann zu, der sie mit einem charmanten Grinsen begrüßte und sagte: „Hallo, ich freue mich, dich wiederzusehen, du siehst heute wirklich wundervoll aus.“ Ihre Knie wurden weich und noch bevor sie das erste Wort aus ihrer rauen, zugeschnürten Kehle pressen konnte, nahm er ihr ihren roten Mantel ab und schob ihr den verwelkt knarzenden Stuhl zurecht.  „Hallo, und d-danke“, stotterte sie leise und wurde dabei leicht rot, bevor sie sich auf den Stuhl setzte und leicht verschämt nach der Karte fragte, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen, was sicher einen Ohnmachtsanfall zur Folge gehabt hätte, da er so einen intensiven Blick hatte.

Sie spürte den Blick auf sich ruhen und für einen Moment war es, als wäre sie ihm komplett ausgeliefert, seinem Blick, seinem Atem, seine Worte umgaben sie. Ich bin doch sonst nicht so, dachte sie und wagte einen Blick über die Karte, der sofort von ihrem Verehrer erwidert wurde, woraufhin sie sich wieder hinter ihrer Karte versteckte, um so zu tun, als würde  sie sich für etwas zu essen und zu trinken entscheiden. Gedankenverloren biss sie sich auf ihre Unterlippe und versuchte verzweifelt, ruhig zu bleiben, ihr Bein wippte ruckartig und unbemerkt.

Sie dachte daran, wie er sie schon früher angezogen hatte, als sie noch mit ihrem Freund zusammen gewesen war. Natürlich mied sie ihn damals, als sie noch unter den starken Fittichen ihres Freundes stand, aber würde sie sich jetzt noch zurückhalten müssen oder können? Unbewusst strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, ‚will ich mich überhaupt zurückhalten?‘ „Ich finde es wirklich schön, dass du heute Abend gekommen bist und mich nicht versetzt hast“, unterbrach er ihre Gedanken. „Wie könnte ich dich versetzen?“, platzte es unbewusst aus ihr heraus und noch während sie einen kurzen Anflug von Scham verspürte, trafen sich ihre Blicke. Sie versuchten, in den Blicken des jeweils anderen zu lesen, und sie wusste nicht, was sie denken sollte. Denn so wunderbar fesselnd sein Blick auch war, so meinte sie, eine Unsicherheit, ja beinahe schon eine Abscheu in seinen Blicken zu spüren. Das Gefühl, ihm nicht gerecht zu werden, nahm in ihr Überhand, denn sie war ohnehin niemand, der über großes Selbstbewusstsein verfügte, und bei ihm versagte ihr kläglich aufgebautes Selbstvertrauen natürlich völlig. Jetzt war der Punkt erreicht, da eine lautstarke Wand der Stille zwischen beiden hing und sie komplett ihren Gedanken und seinen Blicken ausgeliefert war. Das Schweigen schien beide zu bedrücken. Es wurde aber unterbrochen von der Kellnerin, die jetzt herangetreten war, und die junge Frau bestellte zerstreut eine Lasagne. „Nichts zu trinken?“, fragte die Kellnerin. Erschrocken fuhr die junge Dame wieder hoch, da sie in Gedanken schon wieder ganz woanders gewesen war. „Nein, danke.“ Dann war ihr Begleiter dran. Er bestellte ein Steak und dazu, mit Blick auf sein Date, eine Flasche Wein. Wein? Was hatte er vor?

Irgendwo hatte sie mal gehört, wenn das Gegenüber Wein bestellt, will es Sex. Doch das war ganz und gar absurd. Der Typ sah so brilliant aus, dass er jede Frau haben konnte, wieso sollte er sich für sie entscheiden? Sie hatte einen rausgewachsenen Haarschnitt, ihre Lippen waren aufgesprungen, an den Oberschenkeln saßen mindestens zehn Kilo zu viel und ihre Brüste waren zu klein. Mal abgesehen davon, dass er sich mit seiner Größe sicher nicht auf eine ein Meter siebzig große Frau einlassen würde.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis die Kellnerin mit dem Wein kam. In der Zwischenzeit wichen sie ihren Blicken gegenseitig aus, und sie überlegte fieberhaft, wie sie ein Gespräch beginnen sollte. Schließlich war er es, der mit einem Kompliment über ihr Aussehen das Schweigen brach. „Du siehst wirklich toll aus. Noch schöner, als ich dich in Erinnerung hatte“, bemerkte er und hob sein soeben gefülltes Weinglas zum Anstoßen. Verlegen lächelte sie. „Danke.“ In Wirklichkeit begann sie sich aber zu ärgern. Sie war tatsächlich reingefallen. Sie war bei weitem nicht die Erste, die seinem Charme und seinem Aussehen erlegen war. Der Mann war ein stadtbekannter Frauenheld. Da sah man mal wieder, dass solche Gefühle überhaupt nicht logisch waren. Welche Gefühle? Anziehung. Leidenschaft? Verknalltheit. Das ganz sicher. Seinetwegen wäre ihre letzte Beziehung fast schon zwei Jahre eher in die Brüche gegangen. Sie  konnte sich von ihm losreißen. Wer wollte schon so einen? Bei ihm musste sie sich ja sicher sein, nach vier Monaten nicht mehr zu zählen. Aber zählte das jetzt noch?

„Du kannst dir sicher denken, warum ich dich treffen wollte“, sagte er und setzte das Glas ab.

„Nein. Nein, kann ich nicht“, gab sie zu. „Ich wusste ja nicht mal, dass du das Blind Date bist. Obwohl ich es mir so eingeredet hab.“

„Wie? Sebastian hat dir nichts davon gesagt?“

„Nein, hat er nicht. Aber offensichtlich muss ich mit ihm noch ein Hühnchen rupfen. Was bildet er sich ein, in meine Privatangelegenheit einzugreifen? Das geht gar nicht. Ich wollte dich nie wiedersehen. Und jetzt bist du auf einmal hier!“

„Wolltest du wirklich nicht?“, entgegnete er und betrachtete sie mit diesem Blick, den sie schon früher gehasst hatte. Der bedeutete, dass er ganz genau wusste, was sie in Wahrheit dachte. Er war gut in so was. „Denkst du, ich hab damals nicht gemerkt, was du von mir denkst? Das war doch offensichtlich.“

„Ach, meinst du?“ Sie war jetzt nicht mehr nervös, sondern langsam ziemlich wütend. „Weißt du, wie fies so was ist? Du hast doch gar keine Ahnung! Und schmeißt dich auch noch an mich ran! Das war doch das Letzte!“

„Erzähl mir nicht, dass du so unschuldig warst! Alles ging doch von dir aus!“ Mittlerweile wurden sie von allen Restaurantgästen angestarrt. „Erzähl doch keinen Quatsch.“ Sie schenkte sich noch mehr Wein ein und trank ihn in einem Rutsch aus. „Dir liegt so was doch im Blut. Du kannst doch gar nicht anders.“ So laut, dass es fast schon klirrte, setzte sie ihr Weinglas ab. „Und weißt du was? Darauf kann ich gut verzichten! Ich brauche dich nicht! Und dein bescheuertes Verhalten auch nicht!“ Sie sprang auf, riss dabei fast den Tisch um und stürmte davon. Ihr Weg führte sie geradewegs in die Waschräume für Damen. Sie setzte sich in eine leere Kabine, schloss die Tür und vergrub ihren Kopf in ihren Händen. Wie gern wäre ich jetzt in Paris oder an irgendeinem anderen Ort, der ganz weit weg ist, dachte sie.

Stille. Unendliche Stille. In der Klokabine hörte man weder den Restaurant- noch den Toilettenbetrieb. Außer ihr war niemand da. Es war ganz still, ihr Kopf war dafür umso lauter. Gedanken schossen ihr in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf. Was sollte sie hier? Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Er kannte sie doch eigentlich gar nicht. Und dann auch wieder doch. Er hatte ihre Gedanken genau erraten. Entmutigt bewegte sie ihren Kopf nach oben und sah, wie an die Tür ein paar undeutliche Striche gemalt waren. Es sah nach Wellen im Schwimmbad aus. Sie war früher eine gute Schwimmerin gewesen. Irgendwann hatte das nachgelassen, wann genau eigentlich? Es war ziemlich genau zwei Jahre her, ungefähr, seit – ja, seit sie mit ihm im Schwimmbad gewesen war. Neben ihm, der so schnell durchs Wasser schwebte, als hätte er schon immer dort gelebt, war sie sich vorgekommen wie ein unförmiger, hässlicher Klotz.

Sie merkte gar nicht, wie ihr Tränen aus den Augen rollten, über die Wangen, den Hals runter, und im Kleid versickerten. Dieses blöde Teil! Sie hätte es sich am liebsten runtergerissen. Irgendwann stand sie auf und blickte in den Spiegel über den Waschbecken. Sie sah furchtbar aus mit all dem zerlaufenen Makeup. Sie wischte sich mit rauen Zügen das Geschmiere aus dem Gesicht und beschloss, einen Zehner auf den Tisch zu schmeißen und dann nach Hause zu gehen. Zurück in ihr einsames Zimmer. Sie schniefte und warf das vollgeschmierte Klopapier weg. Dann steuerte sie den Essbereich wieder an. Zu ihrer Überraschung saß er immer noch da. Er starrte ins Leere. Außer ihnen waren keine anderen Gäste mehr da. Als er merkte, dass sie da war, guckte er sie stumm an. Aus seinem Blick war alles und nichts zu lesen. Sie setzte sich wieder hin. „Tut mir Leid, dass ich hier einfach so weggelaufen bin.“ Nur, um etwas zu tun zu haben, schaufelte sie sich die restliche Lasagne rein. „Wir sind vermutlich beide nicht gerade unschuldig.“ „Wie Recht du hast“, pflichtete er ihr bei. „Und was machen wir jetzt?“ Zwei Gläser Wein waren noch übrig, die sie beide rasch austranken. „Wir sollten vielleicht… zu einem von uns… nach Hause gehen. Reden. Was meinst du?“ „Gute Idee“, antwortete sie. Die Rechnung bezahlte er. Der Fußmarsch durch die Stadt, zu seiner Wohnung, wurde schweigend zurückgelegt. Beide hatten wahrscheinlich sehr viel Gedankenmüll im Kopf, der verwertet oder entsorgt werden musste. Nach einiger Zeit standen sie vor der Haustür. Galant, wie er nun einmal war, hielt er ihr sie auf. Die Wohnung lag im dritten Stock. Um die Zeit schliefen natürlich schon alle anderen Hausbewohner. Vor der Wohnungstür schließlich stotterte er im Flüsterton: „Wi… willst du nicht mi… mit reinkommen?“ Es rührte sie, wenngleich sie nicht ganz genau wusste, was davon zu halten war. Er war gut darin, Frauen etwas vorzuspielen, und sie wusste das. Aus diesem Grund war sie ja hier gelandet. Doch war das Ganze echt? War es nun Show oder nicht? Das vermochte sie nicht zu sagen. Schon lange wusste sie, dass man sich nie sicher sein konnte. Nie. Aber war das in der Liebe nicht so? Sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen, soweit das eben möglich war, zog ihn zu sich runter, soweit das eben möglich war, und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss. Er schlang ihre Arme um sie und hob sie dabei ein bisschen hoch, und sie wuschelte durch seine Haare. Als sie wieder von ihm abließ, lächelte er sie an. Dann gingen sie in seine Wohnung.

ENDE