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Schlagwort-Archive: moralische Werte

Der politische Fragebogen

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(gesehen in der ZEIT, 2. Oktober 2019)

1. Welches Tier ist das politischste?

Da halte ich es mit Ulrich Matthes und sage: die Ameise. Weil sie einen Staat aufbaut.

2. Welcher politische Moment hat Sie geprägt – außer dem Kniefall von Willy Brandt?

Vermutlich der Besuch des damaligen polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk in meinem Gymnasium, bei dem er nur sehr vage Antworten auf die Schülerfragen gab.

3. Was ist Ihre erste Erinnerung an Politik?

Ich glaube, die Ehre gebührt meiner Mutter, die sagte, sie würde SPD wählen, weil sie dann mehr Kindergeld bekäme.

4. Wann und warum haben Sie wegen Politik geweint?

Niemals.

5. Haben Sie eine Überzeugung, die sich mit den gesellschaftlichen Konventionen nicht verträgt?

Nicht dass ich wüsste.

6. Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, mächtig zu sein?

Könnte sein, dass ich nach den Anti-ACTA-Demonstrationen das Gefühl hatte.

7. Und wann haben Sie sich besonders ohnmächtig gefühlt?

Als Donald Trump gewählt wurde.

8. Wenn die Welt in einem Jahr untergeht – was wäre bis dahin Ihre Aufgabe?

Meinen Lieben bis dahin eine möglichst schöne Zeit zu bereiten.

9. Sind Sie lieber dafür oder dagegen?

10. Welche politischen Überzeugungen haben Sie über Bord geworfen?

Ich halte die Linkspartei nicht mehr für prinzipiell unwählbar.

11. Könnten Sie jemanden küssen, der aus Ihrer Sicht falsch wählt?

Was heißt „falsch“? Es gibt gewisse Grenzen. Es gibt Parteien, die wären okay, bei manchen käme es drauf an, und andere wie die AfD wären ein KO-Kriterium.

12. Haben Sie mal einen Freund oder eine Freundin wegen Politik verloren? Und wenn ja – vermissen Sie ihn oder sie?

Verloren nicht, aber es gab heftige Streits.

13. Welches Gesetz haben Sie mal gebrochen?

Ich wäre schön dämlich, das hier aufzuschreiben, aber ich bin nicht schlimmer als der Kerl, der über meinem PC-Tisch hängt.

14. Waren Sie in Ihrer Schulzeit beliebt oder unbeliebt, und was haben Sie daraus politisch gelernt?

Unbeliebt. Und ich habe daraus gelernt, dass man sich für Schwächere einsetzen muss.

15. Welche politische Ansicht Ihrer Eltern war Ihnen als Kind peinlich?

Damals hatte ich noch keinen Blassen von Politik.

16. Nennen Sie eine gute Beleidigung für einen bestimmten politischen Gegner.

„Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!“ (Joschka Fischer zu Richard Stücklen)

17. Welche Politikerin, welcher Politiker hat Ihnen zuletzt leidgetan?

Kein(e) Bestimmte(r).

18. Welche Politikerin, welcher Politiker müsste Sie um Verzeihung bitten?

Jens Spahn, weil es in Krankenhäusern, auf Geburtsstationen und mit der medizinischen Versorgung auf dem Land so furchtbar aussieht.

19. Welche Politikerin, welcher Politiker sollte mehr zu sagen haben?

Keine Ahnung…

20. Welche politische Phrase möchten Sie verbieten?

Alles, was Maybrit Illner in ihrem „Politiker-Deutsch“-Wörterbuch so behandelt…

21. Finden Sie es richtig, politische Entscheidungen zu treffen, auch wenn Sie wissen, dass die Mehrheit der Bürger dagegen ist?

Kommt drauf an.

22. Was fehlt unserer Gesellschaft?

Wärme.

23. Welches grundsätzliche Problem kann Politik nie lösen?

Dass Menschen egoistisch und scheiße sind.

24. Sind Sie Teil eines politischen Problems?

Auch da halte ich es mit Ulrich Matthes und sage: mein ökologischer Fußabdruck.

25. Nennen Sie ein politisches Buch, das man gelesen haben muss.

Naja, was heißt „muss“… aber wenn es zählt: „Amon – Mein Großvater hätte mich erschossen“ von Jennifer Teege.

26. Bitte auf einer Skala von eins bis zehn: Wie verrückt ist die Welt gerade? Und wie verrückt sind Sie?

12.

27. Der beste politische Witz?

Neulich haben mein Mann und ich einen sehr lustigen Abend damit verbracht, uns haufenweise DDR-Witze vorzulesen. Stellvertretend verlinke ich hier einen.

28. Was sagt Ihnen dieses Bild?

Ich kann das gerade nicht formulieren. Ich finde es nur sehr bemerkenswert, was aus zwei der drei Männer geworden ist.

29. Wovor haben Sie Angst – außer dem Tod?

Klimawandel.

30. Was macht Ihnen Hoffnung?

Dass es so viele junge Menschen gibt, die sich gegen den Klimawandel einsetzen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

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Kurz kommentiert (mehr oder weniger), Teil 41

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https://www.welt.de/debatte/kommentare/article186559238/Hape-Kerkeling-Was-er-mit-der-Kita-Krise-zu-tun-hat.html?wtrid=onsite.onsitesearch

Man kann sicher darüber streiten, ob Kindergärten, Kindertagesstätten und Co. unabdingbar für das Wohl eines Kindes sind. Ich störe mich nur ein wenig am Ton dieses Artikels, der auf inadäquate Weise einen sehr guten Kinofilm, „Der Junge muss an die frische Luft“, mit der Realität der ErzieherInnen hierzulande verknüpft wird. Zwar äußert Frau Becker sich am Anfang positiv über die Ankündigung des Familienministeriums, 300 Millionen Euro für Kitas bereitzustellen, schränkt sich sogleich aber mit einem großen Aber ein. Es klingt, da kann ich mir nicht helfen, ein wenig so wie diese alten Menschen, die auf Familienfeiern immer verkündeten „wir hatten XY früher auch nicht und es hat uns nicht geschadet!“. Beim Schreiben dieses Blogartikels fällt mir gerade sogar auf, dass ich das im Bezug auf Kindergärten, Kindertagesstätten und Co. neulich tatsächlich gehört habe. (Von Menschen, die stockkonservativ sind und sich wünschen würden, alle würden so leben wie sie, aber das nur so nebenbei.)

Ich verstehe auch nicht, warum Hape Kerkeling dafür herhalten muss, denen, die Kindergärten etc. nicht so positiv gegenüberstehen, Vorschub zu leisten. Ich weiß nicht, ob er dafür so geeignet ist, immerhin hat sich dessen Mutter (wie im Welt-Artikel ganz richtig erwähnt wird) das Leben genommen, als er neun Jahre alt war. Dass er psychisch da einigermaßen heil herausgekommen ist, ist ein Wunder. So einen Menschen als Beispiel dafür zu nehmen, dass es gelernte Erzieher nicht unbedingt braucht, erscheint mir nicht richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Bahn, Bibel und bunte Heftchen

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Tagesordnungspunkt 1: Die Bahn

Montag, 10 h 41: Ich sollte eigentlich unterwegs Richtung Kreisstadt sein, da ich dort etwas Wichtiges erledigen muss. Ich sitze aber immer noch am Bahnhof meines Wohnortes, da es auf der Strecke eine Stellwerksstörung gibt. Auf der Bahnhofsanzeige und in der Durchsage heißt es nur: „Aufgrund einer Stellwerksstörung verzögern sich alle Züge auf unbestimmte Zeit. Wir informieren Sie über Anschlussmöglichkeiten.“ Der Bus in die Kreisstadt ist da schon weg.

11 h 00: Der Zug fährt, ohne dass man uns irgendwie informiert hat.

11 h 30: Bin bei der wichtigen Erledigung angekommen. Werde dort angemeckert, weil ich nicht früher gekommen bin, muss deswegen Mittwoch noch mal wiederkommen.

12 h 00: Ich habe noch einige andere Dinge erledigt und möchte den Rückweg antreten. Laut DB-Navigator fährt der nächste Zug zwar eigentlich schon um 12 h 14, was etwas zu knapp ist, allerdings verspäte sich der Zug um 15 Minuten wegen der Stellwerksstörung. Das wäre dann okay, ich gehe also zum Bahnhof.

12 h 15: Der Zug fährt mir vor der Nase weg.

12 h 50: Ich sehe, dass der Gegenzug beträchtliche Verspätung aufgrund der Stellwerksstörung hat. Für meine Verbindung – 13 h 14 – wird nichts angezeigt.

13 h 30: Der Zug taucht nicht auf. Informationen über den Verbleib bekommen wir keine, weder per Durchsage noch per Anzeige. Aber immerhin ist der DB-Informationsmitarbeiter von seiner Mittagspause zurückgekehrt. Ich gehe also, mit ein paar anderen zusammen, hin.

13 h 35: Der DB-Mitarbeiter hat absolut keine Ahnung, wann überhaupt wieder Züge fahren werden. An den u.a. durch den DB-Navigator angekündigen Schienenersatzverkehr glaubt er nicht. Ich habe genug und kaufe mir bei ihm ein Linienbusticket. Dann gehe ich zum Busplatz.

13 h 45: Der Schienenersatzverkehrsbus taucht auf. Da nur drei Leute am Busplatz sitzen, geht der Busfahrer zum Gleis, an dem eigentlich mein Zug hätte fahren sollen, und holt die Reisenden.

13 h 53: Die Reisenden, die noch am Bahnsteig waren, wurden anscheinend nicht durch Durchsage oder Anzeige darüber informiert, dass der SEV-Bus da ist.

13 h 55: Der Bus fahrt los.

14 h 35: Bin zu Hause angekommen und stinkwütend. Wenigstens besitze ich seit letztem Jahr den Führerschein Klasse B, sonst wäre ich noch häufiger auf diesen Sauverein angewiesen…

(Puh, das ist doch etwas länger geworden als geplant. Egal.)

Tagesordnungspunkt 2: Die Bibel

Ich antwortete auf Twitter auf diesen Tweet von Birgit Kelle, der durch einen mir bekannten Twitterer in meine Timeline geraten war:

Meine Meinung zu gleichgeschlechtlicher Liebe ist hinreichend bekannt. Folgerichtig antwortete ich auf den obigen Tweet mit „Mit Verlaub, das ist Blödsinn“. In Folge kam es zwischen mir und verschiedenen anderen Twitterern zu einer großen Diskussion, in der mir u.a. Relativismus vorgeworfen wurde, weil ich eine nicht homophobe Bibelauslegung bevorzuge. (Wer mehr darüber lesen will, hier steht was Interessantes dazu.)

Unabhängig davon, wie man zu gleichgeschlechtlicher Liebe steht oder nicht: Dass ich Relativismus in Bezug auf die Bibel betreibe, ist Blödsinn. Es ist eine mögliche Bibelauslegung. Im Übrigen selektieren diejenigen, die mir Relativismus vorgeworfen haben, genauso. Keiner kann alle Gesetze aus der Bibel befolgen. Ich berichtete ja schon einmal darüber, dass A. J. Jacobs das ein Jahr lang versucht hat, und er wurde halb verrückt dabei.

Aber wenn es wenigstens nur das gewesen wäre. Einer der Diskutanten verlinkte eine Rezension zum Buch „Streitfall Liebe“ von Valeria Hinck, in dem sich gegen die Ausgrenzung von Homosexuellen gewandt wird. Der Rezensent gab zu verstehen, dass er Homosexualität für eine Krankheit hält. Ich habe die Diskussion mit diesem Menschen daraufhin eingestellt.

Und es ging noch weiter: Derselbe Twitter-User verlinkte einen Blogartikel, in dem Homosexualität als Sünde dargestellt wurde. Ich hatte dazu einige Anmerkungen:

Zunächst einmal möchte ich anmerken, dass im dritten Buch Mose nur Geschlechtsverkehr unter Männern erwähnt wird. Was aber ist mit Geschlechtsverkehr unter Frauen? Außerdem liegt bei 1. Korinther 6,9 der Fokus eher auf Verkehr mit Minderjährigen / Prostituierten und nicht unter gleichgestellten Partnern, die sich freiwillig und auf Augenhöhe aneinander binden. Darüber hinaus möchte ich noch anmerken, dass die Neues-Leben-Bibelübersetzung nicht immer ganz genau ist, sondern zu Vereinfachungen und zur Emphase neigt.

Über eine Rückmeldung würde ich mich sehr freuen.

Freundliche Grüße

Ich bekam auch postwendend eine Antwort. Der Blogartikel-Autor warf mir vor, ich wolle Gottes Wort aus der Welt schaffen und legte indirekt nahe, dass es mit meiner Nächstenliebe nicht gut bestellt sei, weil ich mich sicher nicht trauen würde, die iranische Botschaft zu diesem Thema anzumailen. Ich antwortete, dass ich eine andere Bibelinterpretation (also eine nicht homophobe) für möglich halte, und verbat mir irgendwelche Mutmaßungen zu meiner Nächstenliebe. In der nächsten Antwort wurde der Relativismusvorwurf seinerseits dann auf die Spitze getrieben, indem gesagt wurde, dass die Nazis ja auch derart gearbeitet hätten. Da stellte ich die Diskussion meinerseits dann ein. Der Blogartikel-Autor hat mir danach noch drei E-Mails geschrieben, in denen er mich indirekt als scheinheilig bezeichnete, sagte, ich sei auf dem falschen Weg, das mit der Nächstenliebe wiederholte und mir vorwarf, ich sei

vom Ich-zentrierten Stolz verführt.

Ich bin gespannt, ob noch weitere E-Mails kommen, beantworten werde ich sie nicht.

Tagesordnungspunkt 3: Bunte Heftchen

Eine sehr liebe Person hat mir aus Schottland ein deutschsprachiges christliches buntes Heftchen mitgebracht, auf das ich hier eingehen möchte. John Blanchard – „Von größter Bedeutung“. Nun denn.

Ich muss sagen, dass ich gegen das Heftchen nicht unbedingt was habe. Der Autor hat zwar zu vielen Themen eine andere Meinung als ich, aber das kann ich akzeptieren. Nur zwei Sachen will ich anmerken: Auf Seite 4 werden Evolution und Gottglaube entgegengesetzt. Ich glaube nicht, dass sich das widersprechen muss, ich bspw. bin gläubig und halte die Evolution für wahr.

Darüber hinaus findet sich auf Seite 7 Folgendes:

In 2000 Jahren konnte kein Experte auf irgendeinem Gebiet auch nur eine Aussage der Bibel widerlegen.

Nun ja…

So, das war’s mit Bloggen für heute. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, und Respekt an jeden, der das alles hier gelesen hat.^^

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Advocatus diaboli

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Neulich las ich, auf Empfehlung einer sehr netten Klosterschwester, das Buch „Wenn dir das Lachen vergeht“ von Willibert Pauels. Willibert Pauels ist Büttenredner im Kölner Karneval und katholischer Diakon. Und er hat jahrelang mit Depressionen gekämpft. Ich kann das Werk nur empfehlen. Jeder, der Informationen über diese psychische Krankheit sucht bzw. mehr darüber wissen will, ist damit gut beraten. Dennoch gab es da einige Stellen, die ich hier jetzt mal besprechen will.

Normalerweise sage ich ja immer etwas scherzhaft, dass ich Niedersächsin mit mecklenburgischem Migrationshintergrund bin. Genauso gut könnte ich jedoch sagen, ich bin Lutheranerin mit atheistischem Migrationshintergrund. Und das macht sich bei gewissen religiösen Texten immer bemerkbar.

Herr Pauels ist zum Beispiel der Meinung, dass eine atheistisch-materialistische Weltsicht, in der es keinen Geist gibt, sondern nur Materie, eine tiefe Trostlosigkeit zur Folge habe. Und da frage ich mich: Muss es das automatisch? Es gibt viele Atheisten, die mit sich und ihren Ansichten total zufrieden sind. Die eben nicht in eine große Sinnkrise geraten.

Oder kannst du deinem Kind in die Augen schauen und ihm erklären: Du, Kind, bist letztlich nichts anderes als ein Zellhaufen, der biochemisch reagiert. Und wenn ich dich lieb habe, Kind, ist auch das letztlich nichts anderes als eine biochemische Reaktion in meinem limbischen Gehirnlappen.

Man korrigiere mich, wenn ich falsch lege, aber ich interpretiere diese Stelle so, als würde er allen Atheisten unterstellen, sie könnten so etwas wie Liebe gar nicht empfinden, weil sie schließlich nicht an Gott glauben und deswegen keine Ahnung davon haben. Meine Eltern sind Atheisten und ich habe nie das Gefühl gehabt, sie würden mich oder meinen Bruder nicht lieben, nur weil ihnen laut ihrer Ansicht kein Gott Liebe ins Herz gepflanzt hat.

An einer anderen Stelle geht Herr Pauels auf die Bedeutung des Karnevals in der katholischen Welt ein. In diesem Zusammenhang schreibt er wie folgt:

Im Übrigen gehört die angebliche Leib- und Sinnenfeindlichkeit der Kirche zu den großen, aber unausrottbaren Irrtümern. Der ausgelassenste, der rauschhafteste Karneval wird in den katholischen Ländern Mittel- und Südamerikas gefeiert. Unvorstellbar etwa, dass der erotischste Tanz, der Tango, im nordamerikanischen Bible Belt erfunden worden wäre. Oder in Dschalalabad… Unvorstellbar.

Das erinnert mich daran, als ich sechs Jahre alt war. Meine Mutter hatte mir total verboten, von den Süßigkeiten im Küchenschrank zu naschen. Und genau deswegen habe ich es mit Freude getan. :3

Über Papst Benedikt schreibt er auch. Er sagt, dass die jungen Leute, die Benedikt beim Weltjugendtag zujubelten, verstanden hätten, dass es um „solche Fragen“ (gemeint sind die, naja, sehr traditionellen Positionen, die der emeritierte Papst vertritt) in der Religion nur am Rande geht. Und er zitiert sich selbst aus einer alten Zeitungskolumne:

Es war köstlich zu beobachten, mit welcher Verbissenheit kritische Medien immer wieder versuchten, die Themen Sexualmoral und Frauenpriestertum in den Mittelpunkt zu stellen, und von den Jugendlichen (die zum allergrößten Teil nicht die rigorose Sexualmoral der katholischen Kirche befolgen) ebenso regelmäßig als Antwort bekamen: Das ist mir doch egal…

Liebe Kritiker, kapiert doch endlich: All diese Punkte, die ihr mit empörter Aufgeregtheit, zum Teil auch berechtigt, thematisiert, sind aus der Perspektive einer gesunden Religiösität Randthemen.

Es ist also ein Randthema, wenn über die Hälfte der Weltbevölkerung diskriminiert wird? Wenn man gläubige Menschen nicht dazu zulässt, das Wort Gottes zu verkünden, nur weil ihnen nichts zwischen den Beinen baumelt? Wenn man junge Menschen davon abhält, ein gesundes Geschlechtsleben zu entwickeln, aufgrund total überkommener Moralvorstellungen? Wenn mein guter Freund seine große Liebe nicht heiraten darf, weil die ein Mann ist?

Da kann er noch so lange Papst Benedikt zitieren, dass jeder von Gott geliebt ist. Nach solchen Zitaten wie dem da oben glaubt man das auch nicht mehr unbedingt.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Wie katholisch ist Kitschi

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Inzwischen dürfte auch der Letzte mitbekommen haben, dass ich mich sehr für Religionen interessiere. Heute begab es sich nun, dass ich den Kirchenboten durchblätterte. Eigentlich hatte ich etwas ganz Anderes gesucht, aber ich blieb an einem Selbsttest hängen, der sich da nannte „Sind Sie eigentlich noch katholisch?“.

Nun bin ich ja nicht katholisch, sondern lutherisch. Aber gerade deswegen könnte es mal ganz interessant werden für mich, dachte ich und sah mir die Sache mal genauer an.

Abgefragt wird, ob man dem katholischen Glaubensbekenntnis und seinen Teilen zustimmt (stimme zu / stimme nicht zu / weiß nicht), welche Kirchengebote man befolgt (mache ich / mache ich nicht / teilweise), ob man bestimmte Botschaften Jesu lebt (ja / nein / manchmal), welche Gebete man auswendig kann (ja / nein / ungefähr) und welchen katholischen Positionen man zustimmt (ja / nein / weiß nicht).

Beim Glaubensbekenntnis sah es noch ganz „gut“ aus. 8 von 16 Positionen konnte ich zustimmen. Vieles weiß ich nicht bzw. kann es mir nicht vorstellen. Was ich aber ganz sicher weiß: Ich glaube nicht an die „heilige katholische Kirche“, die „mehr Wahrheit in sich trägt als andere christliche Kirchen“.

Mit den Kirchengeboten hatte ich echte Probleme. Zählen Beichten nur, wenn ich sie einem Geistlichen anvertraue? Ich meine – ich weiß, dass ich das nicht muss, aber ich frage mich jetzt für die katholische Seite. Und was genau ist damit gemeint, wenn da steht „du sollst der Kirche in ihren materiellen Erfordernissen beistehen“? Ich bezahle Kirchensteuer und werfe ein paar Cent in den Beutel, wenn ich ein Kirchengebäude besichtigt habe, reicht das? Frage 3 war ganz interessant. Anscheinend ist es Pflicht eines gläubigen Katholiken, zur Todesgefahr die heilige Kommunion zu empfangen. In der Lage war ich Gott sei Dank (no pun intended) noch nie und werde es hoffentlich auch so bald nicht sein.

Die Botschaft Jesu befolge ich so naja. 77mal vergeben fällt mir schwer. Es gibt in meinem Leben bestimmte Dinge, die ich nicht verzeihen kann. Notleidenden helfe ich auch nicht immer. Und das mit dem Balken im eigenen Auge kennt ihr ja sicher. Aber was ich sehr gerne mache: Kranke besuchen. Ich weiß, wie bescheuert man sich fühlt, wenn man im Krankenhaus liegt und Angst hat, deswegen versuche ich immer, Leute zu besuchen, die sich gerade in einem solchen Haus befinden.

Von den Gebeten kann ich nur eins auswendig und den genannten Rest fast gar nicht. Das Vaterunser kann ich aber seit der Grundschule auswendig. (Lustigerweise. Damals habe ich ja gar nicht an Gott geglaubt.)

Die letzte Kategorie… war sehr geeignet dafür, mich daran zu erinnern, warum ich nicht der katholischen Kirche beigetreten bin. Das Abendmahl halte ich „nur“ für ein Erinnerungsmahl, der Papst ist für mich nicht das Oberhaupt aller Christen, meiner Meinung nach dürfen auch ruhig Frauen Priester werden, ich halte die Kommunion nicht für wichtiger als die Predigt, Ehen sind nicht unauflöslich und, das ist für mich fast am wichtigsten, ich halte Homosexualität NICHT für eine Sünde.

Und jetzt zur Auflösung…

Nein, wir sind nicht beim „großen Psychotest“ der Frauen- oder Fernsehzeitschrift. Hier gibt es keine Lösung nach Punkten. Ob Sie katholisch sind, glauben, empfinden, feiern, denken – das können nur Sie entscheiden – obwohl ein Abo der Kirchenzeitung durchaus dafür spricht! […]

Hm.

Irgendwie hat mich diese Auflösung enttäuscht – und dann auch wieder nicht. Man kann sagen, wenn Katholiken dieses und jenes glauben oder nicht, dann sind sie keine Katholiken mehr. Man kann auch sagen, Glaube lebt von Veränderungen. Ich kann dazu nur sagen: Einige Dinge müssen sich in der katholischen Kirche auf jeden Fall ändern.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Kurz kommentiert (mehr oder weniger), Teil 39

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Zurzeit bin ich wieder häufiger in der Stadt unterwegs, in der ich lange gelebt habe, weil ich dort jetzt arbeite. Und in der Nähe meiner Arbeitsstelle habe ich an einer Bushaltestelle neuartige Kondomwerbung entdeckt. Diese Werbung gibt es auch an vielen anderen Bushaltestellen der viertgrößten Stadt Niedersachsens und sogar in meiner bescheidenen Heimat. Und in Hannover gibt es die Werbung auch, denn der Vorsitzende der Jungen Alternative Niedersachsen hat sie dort gesehen.

http://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Niedersachsen/AfD-Nachwuchs-will-Sex-Plakate-verbieten-lassen

Ich las diese Nachricht und dachte: Was, bitte, soll das? Sexuelle Aufklärung lebt doch von Offenheit. Wie will Herr Hauptstein das denn bitte anders machen? Und warum muss man unbedingt dagegen klagen? Ich frage mich, was vom AfD-Nachwuchs noch alles kommt.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Bedeutungsschwanger, Teil 7

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Ich hatte großes Glück, dass ich die nächsten Tage nichts zu erledigen hatte. So konnte ich es mir erlauben, vier Tage in Folge mein Mobiltelefon einfach mal ausgeschaltet zu lassen. Anna hatte ich die Order gegeben, Lukas am Telefon abzuwimmeln. Besonders gut geheißen hatte sie das natürlich nicht. Sie meinte ja immer noch, ich müsse mit ihm persönlich sprechen. Pf, die hatte ja keine Ahnung. „Wenn du nicht mit ihm sprichst, wirst du das nie klären können! Ich dachte, du liebst ihn?!“, mahnte sie. „Was weißt denn du?“, gab ich zurück.
Diese vier Tage waren ausgefüllt von Internet, Pizzabestellungen und Gammeloutfits. Die Wohnung hatte ich während dieser Zeit ja nicht verlassen. Man kann sich denken, was das für den WG-Haushalt bedeutet hatte, zumal wir ja unterbesetzt waren. Am ersten Tag erledigte Anna noch alle anfallenden Tätigkeiten bereitwillig.
Am zweiten nicht mehr ganz so gern. Am dritten war ihr ärgerliches Brummen deutlich bis in mein Zimmer zu hören. Am vierten schließlich stapfte sie abends in mein Zimmer, nachdem wir den ganzen Tag kein Wort miteinander geredet hatten.
„Hör mal, Mädel. Wenn Kati fremdknutschen würde, wäre ich auch sauer. Ich würde mich gewiss auch ausheulen und ‘ne Weile in meinem Zimmer verkriechen. Es geht aber nicht, dass du dich völlig hängen lässt und mich auch noch damit reinziehst, indem du mich die ganze Drecksarbeit erledigen lässt! Wenn du bis morgen Mittag nicht einkaufen warst, steig ich aus! Die Liste findest du in der Küche.“ Mit diesen Worten rauschte sie ab und verschwand in ihrem Zimmer.
Meine Güte!
Es war hell draußen und der Supermarkt um die Ecke hatte noch geöffnet, also ging ich hin.
Die Luft war angenehm. Es tat gut, mal die miefige Wohnung für einen Spaziergang zu verlassen. Ortswechsel waren wohl ganz hilfreich. Irgendwie hob die an frischer Luft zu erledigende Besorgung sogar ansatzweise meine Laune.
Fünfzehn Minuten später und um sieben Haushaltsprodukte reicher verließ ich das Geschäft wieder. Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Als ich die Augen wieder öffnete, stand plötzlich jemand vor mir.
„Sara! Welch freudige Überraschung.“
Ich riss die Augen auf. Mein unerwartetes Gegenüber war Hannes!
„Hannes! Wow, ich hab dich ja schon ewig nicht mehr gesehen. Hallo!“
„Ja, hey, darf ich dich ein Stück begleiten?“
„Warum nicht?“
Wir gingen die Straße runter.
„Was machst du so zurzeit? Du warst ja ziemlich selten in der Uni, kann das sein?“
„Naja, ich hatte sehr viel für die Uni nachzuarbeiten. Vor allem, nachdem ich urplötzlich feststellen durfte, dass meine Arbeit einfach gelöscht wurde.“
Ich senkte das Gesicht Richtung Bürgersteig. „Tut mir Leid.“
„Hey, das ist schon in Ordnung! Richtige Arschlöcher brauchen wahrscheinlich mal einen Denkzettel. Ich war nicht gerade ein Gentleman euch beiden gegenüber.“
„Das kann man wohl sagen“, bemerkte ich.
„Was ist denn aus euch so geworden? Bist du immer noch mit Lukas zusammen?“
Ich seufzte. „Ja, noch bin ich mit ihm zusammen.“
„Was ist denn los? Habt ihr Probleme?“
„Naja…“ Ich bemühte mich um mein Lächeln. „Es geht schon alles in Ordnung.“
„Das hoffe ich doch.“
Mittlerweile waren wir an meinem Haus angelangt. „Was hast du eigentlich am Freitag vor?“
„Da gehe ich auf eine Hochzeit.“
„Echt? Wer heiratet denn?“
„Meine Schwester.“
„Wow, da kann man ja nur gratulieren!“
„Meiner Schwester schon. Mir eher weniger.“ Ich grinste schief.
Hannes nickte. „Verstehe. Hör zu, es war wirklich klasse, dich wieder zu treffen. Und ich bin mir sicher, ihr kriegt eure Probleme bald wieder geregelt. Was auch immer es ist.“
„Danke.“ Hannes und ich umarmten uns.
„Hey, was soll das denn?“, rief plötzlich eine mir sehr bekannte Männerstimme ein paar Meter von mir entfernt.
„Was soll was?“, rief Hannes zurück.
„Was hat meine Freundin in deinem Arm zu suchen?“, fragte Lukas schreienderweise. Er wirkte gar nicht nett. Seine Äußerung gefiel mir aber genauso wenig. Bevor ich etwas erwidern konnte, schoss Hannes schon zurück. „Ich hab nur versucht, Sara etwas zu trösten! Sie sagte, ihr hättet Probleme.“
Lukas nickte. „Das sieht dir ähnlich. Machst dich genau dann an sie ran, wenn es mal nicht so toll läuft. Wie du sie trösten willst, kann ich mir lebhaft vorstellen. Und was gehen dich eigentlich unsere Beziehungsprobleme an?“
„Was willst eigentlich grade du den Moralapostel hier spielen?“, rief ich, doch man hörte mich schon gar nicht mehr.
„Jetzt halt aber mal die Luft an!“, schrie Hannes. „Nur weil ich ihr einmal wehgetan habe, denkst du, ich mach das noch mal? Ich mache nichts mehr, was sie irgendwie verletzen könnte!“
„Was willst du damit sagen?“, knurrte Lukas und kniff die Augen zusammen.
„Oh, gar nichts.“ Hannes wollte sich davon machen und rempelte Lukas im Vorbeigehen ein klein bisschen an.
„Hey, mach das nie wieder!“, brüllte Lukas prompt. Hannes tat es wieder. Und schneller, als ich ‚Beziehungsprobleme‘ sagen konnte, gab es vor meinen Augen die schlimmste Prügelei, die ich je in meinem Leben beobachten durfte. Zwei Studenten in den Zwanzigern kloppten sich fieser, als ich es bei den Schulrowdys in neun Jahren weiterführender Schule je beobachten durfte. Und da hatte ich keinen Bock mehr. „Wisst ihr was? Macht euren Kram untereinander aus“, sagte ich zu dem ineinander verkeilten und keilenden Knäuel auf dem Boden und ging endlich in die WG, um die Einkäufe zu verstauen.

Das Erstaunliche war, ich fühlte mich danach echt gut. Zumindest fühlte sich alles so an, als ginge mich alles nichts mehr an. Nichts betraf mich. Ich schmiss mit Freuden den Haushalt, nachdem Anna das zuvor übernommen hatte. Ich erledigte wieder ein paar Schichten im Studentencafé. Es ging voran. Die S-Bahn brachte mich am Donnerstag nach Hause. Pfeifend lief ich die Treppenstufen hoch, schloss die Wohnungstür auf und deponierte meine Sachen in der Küche.
Irritiert stellte ich fest, dass meine Zimmertür offen war. Hatte ich sie nicht zugemacht, als ich heute Morgen gegangen war?