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Schlagwort-Archive: neue bewohner

Eine kleine Geschichte

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Eine neunzehnjährige Verkäuferin und ein achtzehnjähriger Landmaschinenmechaniker verlieben sich ineinander. Sie ziehen zusammen. Zwei Jahre später muss er seinen Wehrdienst antreten. Es ist Oktober 1990. Die neuen Uniformen lassen auf sich warten, deswegen muss er anfangs in Jogginghosen herumlaufen.

Die beiden vermissen sich sehr und schreiben sich zahlreiche Briefe. Ungefähr neun Monate, nachdem er seinen Wehrdienst angetreten hat, bringt sie eine Tochter zur Welt. Irgendwann ist der Wehrdienst vorbei. Er muss sich eine Arbeit suchen. Aufgrund der Wende findet er schließlich im anderen Teil Deutschlands eine Stelle. Zunächst arbeitet er in seinem erlernten Beruf, später als Tiefbauarbeiter.

Einige Monate später zieht sie mit der mittlerweile einjährigen Tochter hinterher. Der Anfang ist nicht leicht, obwohl sie eine Arbeit im örtlichen Supermarkt findet, damals noch der einzige des Ortes. Es gibt in dem kleinen niedersächsischen Dorf nicht so viele Ostdeutsche und als Neulinge werden die drei neugierig beäugt. Doch schließlich leben sie sich ein. 1998 kommt ein Sohn zur Welt. Die Tochter macht 2009 nach zwölf Jahren Abitur, wird Übersetzerin und studiert später Politik und Erziehungswissenschaft. Ihren Verlobten trifft sie im Gymnasium. Sie wird sich später sehr freuen, dass ihre Eltern nach Niedersachsen ziehen konnten, sonst wäre das alles nicht passiert.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Bedeutungsschwanger, Teil 1

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Vor einigen Jahren begann ich eine Reihe über eine junge Frau namens Sara und stellte die entstandenen Teile auf neon.de hoch. Da ich den Account vor einiger Zeit gelöscht habe, wird die Geschichte nach und nach hier zu lesen sein. “Bedeutungsschwanger” ist der vierte Teil der Reihe. Viel Spaß beim Lesen.

Allons, enfants de la patrie,
le jour de la gloire est arrivé!
Contre nous de la tyrannie,
l’étendard sanglant est levé!
Wie oft wacht man morgens auf und hat das Bedürfnis, jemandem ein Kissen oder sonst irgendetwas an den Kopf zu schmeißen? Ich hatte es in den drei Tagen, die ich hier wohnte… nun ja, schon drei Mal gehabt. Und das, obwohl es Hochsommer war und wir alle keine Vorlesungen hatten. Aber Aurélie musste ja unbedingt ein Praktikum ableisten. Und deswegen wurde ich jetzt jeden Morgen mit der französischen Nationalhymne geweckt.
Meine Uroma wurde, soweit ich wusste, in Königsberg geboren. Trotzdem brüllte ich nicht jeden Morgen meinen guten Freundinnen um die Ohren, dass Russland unser geheiligtes und geliebtes Land sei.
Nachdem ich es im Studentenwohnheim nicht mehr ausgehalten hatte, dachte ich, es wäre eine gute Idee, zu Anna und Aurélie zu ziehen. Tja, falsch gedacht, konnte man da nur sagen. Wie viele Strophen hatte die Marseillaise eigentlich? Das war ja nicht auszuhalten!
„Mann, ey!“, rief ich laut und genervt und quälte mich in meiner Nachtkleidung aus dem Bett. Die bestand aus einem mir viel zu großen Männer-T-Shirt und einem weißen, eng sitzenden Slip. Nein, das T-Shirt gehörte nicht mir, sondern meinem Freund Lukas. Heute Abend wollten wir zusammen ausgehen – aber so, wie es grad aussah, würde das wohl nichts werden. Vor lauter Müdigkeit würde ich ihm wohl auf dem Hinweg vom Roller sacken. Musste Aurélie mich wirklich in aller Herrgottsfrühe wecken? Ich riss die Zimmertür auf und wankte in die Küche.
Dort wurde ich von einer arbeitenden Kaffeemaschine und meiner anderen guten Freundin begrüßt. Anna schien mindestens genauso verschlafen zu sein wie ich. Deswegen auch der Kaffee. „Morgen“, gähnte sie und streckte ihre Arme so weit aus, dass sie ihre Faust fast gegen das Fenster gehauen hätte.
„Boah, das ist ja echt nicht auszuhalten“, stöhnte ich und holte Milch und Kakaopulver aus dem Kühlschrank. „Hat sie das immer schon gemacht?“
„Eigentlich schon“, antwortete Anna. „Die ist so stolz auf ihre Wurzeln… wenn sie wenigstens singen könnte.“
In dem Moment drang ein besonders schiefer Ton in unsere Ohren. Ungefähr eine halbe Minute später stand Aurélie im Bademantel und mit Handtuchturban im Türrahmen. „Guten Morgen! Habt ihr auch so toll geschlafen wie ich?“
Mit den Blicken, die wir ihr darauf zuwarfen, hätte man sie töten können.

Am Nachmittag fuhr ich in mein angestammtes Zuhause, was wahrscheinlich neunzig Prozent aller Studenten, die nicht mehr bei ihren Eltern wohnten, regelmäßig taten. Es gab Leute aus meinem alten Abijahrgang, die dafür ein paar hundert Kilometer Fahrt auf sich nehmen mussten. Aus Berlin, München, Braunschweig mussten sie anreisen. Ich hingegen nahm nur eine knappe Stunde Fahrt auf mich.
Zu Hause war zur Zeit richtig viel los. Meine Schwester Lea war inzwischen hochschwanger und würde Anfang nächsten Monats wahrscheinlich entbinden. Es musste wahnwitzig viel Babyzeug eingekauft und Leas altes Zimmer umgestaltet werden. Gero sollte in Zukunft auch bei uns im Haus wohnen – und bald würde auch noch ein ganz neuer Erdenbürger dazukommen.
Klar, dass da so einiges abging. Beim Essen wurde es jedenfalls, das kann ich ganz sicher sagen, nicht langweilig.
Als ich ankam, war es schon fast fertig. Wie ich schon an der Tür riechen konnte, hatte Oma diesmal gekocht. Deswegen öffnete auch nicht sie mir die Tür, sondern Lea mit ihrem dicken Bauch. „Hallo, Schwesterchen!“, begrüßte sie mich und versuchte, mich zu umarmen, was nur bedingt klappte. „Es gibt gleich Essen.“
In der Küche saßen bereits Gero und meine Eltern. Ich ließ mich auf einem der drei übrigen Stühle nieder. „Wo ist denn Paul?“, fragte ich.
„Gute Frage“, entgegnete Mama. „Er wollte eigentlich zum Mittagessen von seinem Freund zurück sein.“ Sie sah auf die Uhr. „Also, so langsam…“
Oma hatte das Essen fertig gekocht und stellte die Töpfe nach und nach auf den Tisch. „Das passiert ihm in letzter Zeit immer häufiger. Ständig kommt er zu spät!“
„Na, wie geht denn der Umbau voran?“, erkundigte ich mich bei Lea und Gero und nahm einen Löffel von meiner Suppe.
„Ach, hör mir doch auf!“, brummte Lea, verdrehte die Augen und füllte sich nun ihrerseits den Mund mit Essen. „Wir wären bestimmt schon fertig, wenn es nicht gewisse Leute gäbe, die Entscheidungen immer wieder verzögern würden.“ Sie funkelte Gero böse an. „Was denn?“, rief der Angesprochene. „Ich finde es nun einmal total überholt, solche blöden Klischeefarben für Kinderzimmer zu benutzen. Du kannst doch nicht ernsthaft verlangen, dass das Babyzimmer rosa gestrichen wird!“
„Wieso nicht?“, entgegnete Lea. „Ich finde das total schön. Und unser Kind sicher auch.“
„Das wird eher gegen die Tapete reihern“, brummte er und zog die Augenbrauen hoch.
„Gero!“, entfuhr es mehreren Leuten am Tisch. „Jetzt regt euch doch nicht so auf! Was ist denn so falsch an Rosa? Zur Not könnt ihr die Wände ja abwechselnd streichen.“ Wie üblich versuchte meine Mutter, die Gemüter zu beruhigen. Dies schaffte sie zunächst auch, aber der Erfolg war nur von kurzer Dauer, da meine Großmutter irgendwann das Wort ergriff.
Sie war jemand mit sehr traditionellen Wertvorstellungen. In einer Zeit groß geworden, als Männer ihren Frauen noch verbieten konnten, zu arbeiten, und über ihr Vermögen verfügen durften. In einem Dorf aufgewachsen, in dem man selbstverständlich katholisch zu sein und vor jeglichen auf Kinder hinauslaufenden Aktivitäten erst zu heiraten hatte. Dass Lea so urplötzlich schwanger geworden war, war eine Katastrophe für sie – und das erklärte auch, was sie jetzt sagte:
„Habt ihr eigentlich schon über einen Termin für die Hochzeit nachgedacht?“ Ihre Stimme klang ganz normal.
Lea und Gero hoben allerdings ihre Köpfe und sahen sich an. Man sah förmlich in ihren Gesichtern, dass das Wort „Hochzeit“ noch nie Eingang in ihre Gedanken gefunden hatte. Dementsprechend echoten sie: „Für die Hochzeit?“
„Ja, natürlich! Jetzt, wo ihr ein Kind erwartet, müsst ihr doch heiraten!“
„Was hat denn das bitte damit zu tun?“, fragte Lea. „Heiraten ist doch heutzutage total überholt. Ein Relikt aus einer total anderen Zeit!“
„Es ist überhaupt nicht überholt! Es ist richtig und notwendig, dass ihr heiratet. Eure Beziehung soll doch Hand und Fuß haben! Und überhaupt, was sollen denn die Leute denken?“
Ein Satz, bei dem Lea – wie auch ich übrigens – traditionell ausflippten. Meine Schwester echauffierte sich: „Wenn Gero mich verlassen will, ist es egal, ob wir verheiratet sind oder nicht. Und es ist mir scheißegal, was die Leute denken!“
„Lea!“, entfuhr es meiner Mutter ob des Schimpfwortes.
„Ich halte doch nicht an irgendwelchen vertrockneten Wertvorstellungen von irgendwem fest“, fuhr Lea fort. „Und wenn wir uns wirklich lieben, brauchen wir nicht unbedingt verheiratet zu sein!“
„Ihr tut ja so, als hättet ihr die Weisheit mit Löffeln gefressen! Absicherung ist euch wohl gar nichts wert?“, rief meine Oma. Woraufhin Lea stöhnte und Gero noch weiter auf seinem Stuhl in sich zusammensank. Der Arme. Er sagte auch nichts, obwohl er zweifellos dieselbe Meinung wie Lea hatte.
„Ich muss dir wirklich sagen, dass –“, setzte meine Schwester zu einer erneuten Verteidigungsrede an, wurde aber genau in diesem Moment von der Türklingel unterbrochen. „Oh, wer könnte das denn sein?“, fragte sich meine Mutter. „Ich mach mal auf.“
Ich hörte, wie die Tür aufging und Mama ein „Hey, Mama, sorry, dass ich zu spät bin“ entgegenkam. Es wurden Schuhe abgestreift und dann stand er in der Tür, mein Bruder.
Er sah aus wie die nervigen Halbwüchsigen, die morgens immer lautstark Handymusik durch die Straßenbahn jagten. Auf dem Kopf trug er ein dunkelblaues Cap, am Körper eine viel zu große Sweatjacke und eine Hose, die so weit war, dass sie eigentlich auf dem Boden hätte hängen müssen. „Hi, Leute!“ Jetzt klingelte auch noch sein Handy. Und natürlich war es einer von den Tönen, die ich in der Bahn immer vermeiden wollte. „Hey, Alter… ne, ich kann grad nicht… ja, ruf mal gleich zurück… ja, ciao, Mann.“ Er legte auf und steckte das Handy zurück in seine Tasche.
„Wo kommst du denn so spät her? Wir hatten ausgemacht, dass du pünktlich zum Essen kommst“, regte sich Mama auf. „Und wer hat dir überhaupt erlaubt, Klingeltöne auf dein Handy herunterzuladen?“
„Mann, stress nich‘!“, meckerte Paul und wollte sich an den Tisch setzen, doch bevor er das tun konnte, wurde er von Oma aufgehalten.
„Junger Mann“, sagte sie, „sprich nicht so mit deiner Mutter! Auch du hast gewisse Regeln einzuhalten.“
„Oh Mann, auf das Gemecker hab ich keinen Bock“, brummte mein kleiner Bruder, schnappte sich den bereits vorbereiteten Teller mit Suppe und verzog sich.
Meine Mutter guckte ratlos alle im Raum Anwesenden an, zuletzt mich. „Herzlichen Glückwunsch, Mutter, dein Sohn ist in der Pubertät“, bemerkte ich, klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter und ging ebenfalls.

Krümelmonster, Teil 1

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Vor einigen Jahren begann ich eine Reihe über eine junge Frau namens Sara und stellte die entstandenen Teile auf neon.de hoch. Da ich den Account vor einiger Zeit gelöscht habe, wird die Geschichte nach und nach hier zu lesen sein. “Krümelmonster” ist der dritte Teil der Reihe. Viel Spaß beim Lesen.

Es hatte lange gedauert, bis wir uns zu diesem Schritt durchgerungen hatten, aber schließlich hatten wir uns dafür entschieden.

Vielleicht sollte ich erst einmal erklären, worum es überhaupt geht. Falls irgendeiner diesen Quatsch, den ich hier zusammenschreibe, mal liest.

Na ja. Ich studiere mittlerweile Politik an der Frankfurter Universität, und da ich keine Lust habe, ständig zu pendeln, und außerdem durch meinen Nebenjob im Studentencafé ziemlich gut verdiene, kam die Idee auf, dass ich von zu Hause ausziehe.

Meine beste Freundin Anna hat es schon im Sommer dort hin verschlagen. Sie ist auch, das glaube ich zumindest, die Selbstständige von uns dreien. Zusammen mit Aurélie bewohnt sie eine Wohnung in der Innenstadt. Ich wäre gerne zu ihnen gezogen, aber das ging nicht. Die Miete war mir etwas zu teuer.

Dafür wanderten meine Kisten in ein Studentenwohnheim, das ganz in ihrer Nähe lag. Benannt nach irgendeinem ehemaligen Bundestagspräsidenten. Oder so ähnlich. Es war mir wichtig, dass es sich nicht um ein religiöses Wohnheim handelte, denn die hatten traditionell immer sehr strenge Besuchsregeln. Darauf hatte ich keine Lust. Ich wollte noch spät in der Nacht mit Aurélie, Anna und Freddy in der Küche sitzen, was trinken und diskutieren, ohne auf die Uhr schauen zu müssen.

Zu Hause wäre das auch nicht gegangen. Oma machte mich in so einem Fall immer lautstark darauf aufmerksam, dass ich doch bitte leise sein solle, schließlich wolle sie schlafen. Trotzdem hatte ich sie dann einmal beim Fernsehen beobachtet. Spätnachrichten.

Fast alle meine Sachen sowie die gesamten Möbel waren schon in meinem Zimmer verstaut und aufgebaut, nur eine Kiste mit Büchern fehlte noch.

Lea und ich holten sie gemeinsam ab. Während der Fahrt unterhielten wir uns miteinander.

„Wieso ziehst du nicht auch aus?“

„Ach, weißt du, es klingt zwar komisch, aber irgendwie würde mir unsere verrückte Familie doch fehlen“, sagte Lea und bog links ab. „Außerdem würden die doch im Dreieck springen. Wenn ich auch noch weg bin, kümmert sich ja keiner mehr um den Haushalt. Paul ist ja auch noch zu jung dafür mit seinen neun Jahren.“

Da konnte ich ja nur lachen.

Wir waren schon fast da, als uns ein dämlicher Mercedesfahrer die Vorfahrt nahm. Ich konnte nicht genau erkennen, welcher Idiot da am Steuer saß, aber das Auto kam mir verflucht bekannt vor. Woher nur?

Lea und ich hielten vor dem Gebäude, in dem bestimmt die Hälfte aller Studenten untergebracht war, und packten die Kiste mit den Büchern aus. Neben uns stand ein silberner Mercedes, so einer wie der, der uns vorhin fast über den Haufen gefahren hätte. So was aber auch.

Ich hatte ein Zimmer im ersten Stock bezogen. Da die Kiste ziemlich schwer war, mussten Lea und ich sie zu zweit tragen, was ziemlich viel Platz in Anspruch nahm. So kam es, dass wir im Flur mit einer Person aneinander stießen.

„Hoppla, wer hat es denn da so eilig?“, wollte der Typ wissen.

Lea und ich stellten die Kiste kurz auf dem Flurboden ab. „Hallo“, sagte ich, „ich bin Sara und bin heute hier eingezogen.“

„Hallo.“ Der Mensch reichte mir die Hand. „Ich bin Hannes. In welchem Zimmer wohnst du?“

„Ich wohne im Zimmer 214.“

„Na so was, ich bin im Zimmer 215! Dann sieht man sich ja bestimmt noch später, was?“

„Ja, bis später!“

Lea und ich trugen die Bücherkiste ins Zimmer und packten die Bücher ins Regal. Es dauerte ganz schön lange, da ich viele Bücher besitze.

Irgendwann waren wir fertig – fix und fertig. In den letzten Tagen hatten wir, zusammen mit verschiedenen Helfern, unzählige Kartons geschleppt und Möbel aufgebaut. Das Ergebnis war ein wohnlicher Raum – und unsere Erschöpfung.

Zur Entspannung wollten wir ein bisschen Musik anmachen. Gott sei Dank hing die Stereoanlage bereits am Stromnetz. Nach einigem Hin und Her hatten Lea und ich uns auf die neue Scheibe von Placebo geeinigt.

Vermutlich hatten wir etwas zu laut aufgedreht, oder die Wände waren zu hellhörig. Das Erste, was passierte, war jedenfalls, dass zwei Menschen in unser Zimmer stürmten. Noch auf dem Flur vernahm ich ihre Stimmen. Die eine gehörte Hannes und rief: „Komm, Kati, das bringt doch nichts!“ Die andere war eindeutig weiblich und schrie: „Wer auch immer das ist, der kriegt was zu hören!“

Und da hatte ich sie. Die Begegnung der dritten Art. Die schienen ja neuerdings echt beliebt zu sein bei den Drehbuchautoren meines Lebens. In meinem Zimmer stand Hannes. Und er hatte Kati bei der Hand.

Plötzlich passte alles zusammen. Der silberne Protzmercedes, den sie von ihrem Vater zum Abitur bekommen hatte. Die Rufe vom Flur. Und ihre dämliche Bemerkung vom Abiball, dass sie nach Frankfurt ziehen würde und mich dann garantiert los sei. Da wusste sie noch nicht, dass wir uns wieder begegnen würden.

In der Grundschulzeit hatten wir uns öfter mal gesehen – zwangsweise, weil unsere Mütter immer wollten, dass wir miteinander spielten. Dabei rissen wir uns eher die Haare heraus, als ihrer Aufforderung nachzukommen. Und in der neunten Klasse wurde richtig deutlich, wie unterschiedlich wir waren. Während ich anfing, Kufiyas zu tragen und mir außerdem die Haare knallrot färbte, schnappte sie sich einen Freund, der in der Jungen Union war, und trug nur noch Designerklamotten. Sogar ihre Sportsachen waren von Dolce & Gabbana.

Sofort schnappte Katharina nach Luft, als sie mich sah. Hatte ich schon erwähnt, dass sie früher immer Asthma vorgeschoben hatte, um nicht zum Sportunterricht zu müssen?

„Das kann doch nicht sein, das… das ist unmöglich…“

Sekundenlang standen wir da und schauten uns schockiert an, bis Hannes endlich den Mund aufmachte. „Ihr kennt euch?“

„Ich wünschte, ich würde sie nicht kennen“, schnaubte Katharina.

Lea klärte ihn auf. „Die beiden waren in einer Stufe.“

„Das halte ich nicht aus!“, kreischte Katharina und tat so, als bekäme sie keine Luft mehr. „Wo ist mein Asthmaspray?“, rief sie und verschwand in dem Zimmer, das meinem gegenüber lag, gefolgt von Hannes, der nur noch antworten konnte: „Aber Kati…“

„Auf den Schock muss ich jetzt erst mal einen trinken. Los, komm mit“, forderte ich Lea auf und zog sie, ohne ihre Antwort abzuwarten, nach unten.

Es kam wirklich nicht oft vor, dass ich bei meinen guten Freundinnen vorbeischneite, ohne mich vorher anzukündigen. Aber im Augenblick fühlte ich mich einfach saudumm. Dass Lea und ich zwei Mal in die falsche S-Bahn stiegen und außerdem einmal in die falsche Richtung fuhren, machte es nicht gerade besser.

Ich brauchte unbedingt einen Netzplan.

Irgendwann kamen wir an. Als man uns mit der Sprechanlage nach oben durchließ, überflog ich die dreißig Treppenstufen bis zur Wohnung.

„Hallo, ihr beiden, das ist aber –“

„Oh, ich glaube, ich dreh gleich durch!“ Fix und fertig ließ ich mich auf den erstbesten Hocker fallen, den ich fand. „Manchmal denke ich, mein Leben ist eine Komödie!“

„Was meinst du denn damit schon wieder?“ Anna, die uns aufgemacht und außerdem gar nicht mit uns gerechnet hatte, schüttelte den Kopf. „Komm, ich mach euch erstmal Kaffee. Ist ’ne ganz tolle Sorte: Cappucino mit Schokolade.“

Typisch Anna. Die Ruhe in Person.

Das Zeug, das sie uns zusammengebraut hatte, schmeckte aber gar nicht mal so übel.

„So, und jetzt erzählst du mal ganz in Ruhe, was bis jetzt passiert ist.“

Lea begann. „Also, wir wollten ja heute den Umzug abschließen und dann…“

Da kam Aurélie ins Zimmer. Als sie uns sah, war sie ganz aus dem Häuschen und gab uns Küsschen links und rechts.

„Und, wie war euer Umzug? Wie ist es gelaufen? Ist dein Zimmer schon fertig?“

„Ja, alles ganz gut. Mal gucken, wann ihr vorbeikommen könnt“, antwortete ich auf Aurélies viele Fragen.

Nun erzählte Lea weiter: „Also, wir waren heute fertig und dann haben wir eine CD gehört.“

„Und auf einmal stand sie in meinem Zimmer“, ergänzte ich schockiert.

„Wer denn?“, erkundigte sich Aurélie.

„Und warum überhaupt?“, schob Anna ein.

Ich legte eine Kunstpause ein, bevor ich weitersprach. „Es war unsere liebe Katharina. Sie ist mit meinem Zimmernachbarn zusammen und hat sich über den ‚Krach’ bei uns beschwert.“

„Katharina?“

„Oh mein Gott“, raunte Aurélie und schnappte sich einen Apfel aus der Obstschale.

„Das kannst du laut sagen.“ Ich beugte mich nach vorne. „Könnt ihr euch noch an die Parisgeschichte erinnern? Das war echt voll link, wie sie Alex alles zugeschoben hat.“

„Da hast du Recht“, sagte Lea. Alex war ein Kumpel von ihr. „Katharina hat sich schön fein rausgewieselt und Alex hat den ganzen Ärger mit den Lehrern gekriegt.“

„Also, ich lege keinen gesteigerten Wert darauf, ihr noch einmal zu begegnen.“

„Ich auch nicht“, kam es von den anderen dreien.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 6

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Die besten Ideen bekommt man immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Wer hatte das noch mal gesagt? Es wollte mir nicht mehr einfallen. Aber das war ja eigentlich auch egal. Voller Tatendrang fuhr ich, so schnell ich konnte, nach Hause und stürmte in Leas Zimmer.

„Hey, was soll das, ich lackiere mir grade die Fußnägel!“, beschwerte sich Lea. Aber das kümmerte mich nicht im Geringsten.

„Ich habe den perfekten Plan, wie wir unsere Familie wieder zur Vernunft bringen.“

„Familie! Hör mir damit auf! Du kannst froh sein, dass du für eine Weile abgehauen bist. Gemütlicher ist es hier nicht gerade geworden“, berichtete sie.

Ich rief: „Hör doch mal. Ich habe eine Idee. Wie würde es Oma und unseren Eltern denn gehen, wenn wir auf einmal weg wären?“

„Hä, wie meinst du das denn?“

„Du weißt doch, dass ich mir bald einen Job suchen sollte, wenn ich mit der Schule fertig bin. Und du hast selbst gesagt, dass du lieber ausziehst, als den Krach hier noch weiter mitzumachen.“

„Du meinst, wir sollen hier ausziehen? Und was soll das bringen?“

„Nein, nicht nur einfach ausziehen. Ich hab da nämlich so eine Idee…“

Der Plan, den ich gefasst hatte, musste schnell realisiert werden. Nachdem Lea anfangs skeptisch gewesen war, hatte ich sie schnell für mich gewinnen können und sie hatte mir bei der Endausarbeitung des Plans geholfen.

In meinem Auftrag hatte sie bei der Nummer angerufen, die ich mir aufgeschrieben hatte, und uns die Wohnung für einen Monat besorgt. In der Zwischenzeit hatte ich mir den Job beim Fastfoodrestaurant geholt. Lea konnte coolerweise auch mit anfangen.

Der günstigste Zeitpunkt zur Vollendung des Plans war einige Tage später, am frühen Nachmittag, wenn Paul bei seinem Kumpel war, Mamas Mittagspause bereits geendet hatte, Papa noch in seiner Kanzlei arbeitete und Oma gerade zum Reha-Sport unterwegs war. Und es musste wirklich verdammt schnell gehen. In der Eile, in der Lea und ich unsere Sachen packten, fielen wir ein Dutzend Mal übereinander, rempelten uns an oder fauchten uns an.

„Wo ist mein grünes T-Shirt?“, rief ich beispielsweise.

„Woher soll ich das wissen?“

„Hast du es dir nicht mal ausgeliehen? Und nicht zurückgegeben? Hab ich mir ja gleich gedacht.“

„Ich hab dein blödes T-Shirt nicht. Aber was ist mit meinem pinken Lippenstift?“

„Lenk nicht ab! Außerdem würde ich so eine Farbe nie im Leben benutzen.“

„Ach was, ich glaube du hast aaaaaaaaaah…“ Lea fiel über einen der Kartons, die uns ihr Freund besorgt hatte, mit dem Gesicht steil in einen anderen Karton herein. Mühsam rappelte sie sich auf und zog das gesuchte Teil aus dem Karton. „Hier ist dein blödes T-Shirt. Und jetzt beeil dich, sonst sind wir nie fertig, bevor Oma kommt.“

Wir rannten hin und her.

Schlussendlich standen wir vor dem Transporter, der uns ebenfalls von Leas Freund zur Verfügung gestellt worden war, und sahen uns an.

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee war?“

„Aber klar. Jedenfalls ist doch sicher, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Extreme Situationen erfordern extreme Maßnahmen.“

Lea setzte sich ans Steuer, ich auf den Beifahrersitz und weg waren wir.

Natürlich nicht, ohne einen Brief da zu lassen. Er ging folgendermaßen:

Hallo Mama, hallo Papa, hallo Oma.

Wenn ihr diesen Brief lest, sind wir schon weg. Wir haben beschlossen, auszuziehen, weil wir es hier einfach nicht mehr aushalten. Wir werden ab und zu vorbeikommen, um im Haushalt zu helfen. Aber zu euch zurückkommen werden wir erst, wenn ihr aufhört, euch ständig zu streiten.

Lea und Sara.

„Meine Güte, ich bin so kribbelig, ich weiß gar nicht, was ich machen soll!“, rief Lea, als wir uns in der karg wirkenden Wohnung auf den Badezimmerboden setzten.

„Blas die Luftmatratzen auf“, befahl ich ihr. Die hatten wir als Notbetten mitgenommen. In der Zeit, in der Lea sich die Seele aus dem Leib prustete, telefonierte ich mit der Band.

„Hallo, Larry am Rohr?“, meldete sich der Sänger, der, wie ich neulich gehört hatte, dringend seine Miete bezahlen musste.

„Hey, hier ist Sara. Die von neulich Abend. Ihr sucht doch dringend eine Auftrittsmöglichkeit, oder?“

„Korrekt. Und du hast eine, oder was?“

„Genau. Ich habe mit einem Mädel aus meinem Jahrgang gesprochen, das für die Abiballband zuständig ist. Zufällig habe ich ihre Telefonnummer. Soll ich sie dir geben?“

„Sieht das Mädel gut aus?“ Lachen am anderen Ende der Leitung. „Nein, war nur Ulk. Gib sie mir mal. Ich hab was zu schreiben.“

„3-4-4-6-7. Das ist sie. Dann melde dich mal bei ihr, wir suchen wirklich dringend eine Abiballband.“

„Supi. Dann bis die Tage.“

„Auf Wiedersehen.“

Es war das Letzte, was ich sagen konnte, bevor irgendjemand an der Tür Sturm klingelte, mehrmals laut anklopfte und schrie: „Macht sofort die Tür auf! Ich weiß, dass ihr da drin seid!“

Oh oh. Das war nicht nur irgendjemand, das war unser Vater. Jetzt endlich hatte er seinen Hintern aus dem Sessel gekriegt, auf dem er immer Zeitung las und sich aus allem heraushielt. Aber ich wusste, dass das jetzt nicht unbedingt gut war.

Lea und ich sahen uns an. Ein bisschen war es wie damals, als wir uns in Paris im Klo eingeschlossen hatten und Frau Lacombe nach mir gerufen hatte.

Einen Augenblick lang war es ganz still.

Dann wieder Türenklopfen und laute Rufe: „Lea, Sara, macht sofort die Tür auf!“ Diesmal von unserer Mutter.

„Sollen wir jetzt aufmachen oder nicht?“, flüsterte ich.

„Natürlich, genau darauf haben wir doch gewartet“, erwiderte meine Schwester und zog mich entschlossen zur Wohnungstür.

Geschützt: Sachen, die ich gefunden habe

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Geschützt: Kurz kommentiert (mehr oder weniger), Teil 1

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