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Warum ich ein Problem damit habe, wenn jemand sagt, der Osten habe ein Naziproblem

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Vorab: Nein, es geht mir nicht darum, dass da jemand fiese Sachen über die Region Deutschlands äußert, in der ich mein erstes Lebensjahr verbracht habe und in dem meine Familie immer noch wohnt. Ich leugne auch nicht, dass im Osten haufenweise Nazis rumlaufen.

Ich will nur erklären, warum ich ein Problem damit habe, wenn jemand sagt, der Osten habe ein Naziproblem. Zweifellos hat er das, aber das hat der Westen auch. Mein alter Politiklehrer erzählte von Kneipen, in denen die Jalousien heruntergelassen und danach NS-Kampflieder gesungen werden. In dem Ort, in dem ich wohne, hat man 2015 versucht, die Unterkunft meiner damaligen Deutschschüler anzuzünden. Und seit neuestem wohnt überm Babysachen-Laden jemand, der die Reichskriegsflagge auf dem Balkon hat. Ich frage mich, ob es damit zusammenhängt, dass man hier im Ort seit neuestem außerdem ständig irgendwelche Naziaufkleber auf Laternenmasten und Derartigem sieht.

Wenn man sagt, im Osten sind doch lauter Nazis, ignoriert man, dass das im Westen auch so ist. Auch hier kriegt die AfD viel zu viele Stimmen. Auch hier wird das gesellschaftliche Klima immer ekliger. Auch hier passieren fremdenfeindliche Straftaten. All das wird mit so einer Aussage herabgespielt. Und man kümmert sich nicht um das, was hinter der ganzen Fremdenfeindlichkeit steht. Deswegen ist das so gefährlich.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Man hat mir nichts geklaut

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Die wichtigste Info zur Polenreise, die vor allem meine Oma interessieren dürfte, gleich vorweg. Jetzt kommt der Rest.

Montag

In Garbsen hielten wir nach knapp zwei Stunden Fahrt das erste Mal. Auf der Toilette (die gleichzeitig auch Dusche war) lagen einfach mal ein paar Socken herum, ich habe keine Ahnung, wieso. An Marienborn fuhren wir vorbei und mir fiel wieder einmal auf, dass man kaputte Gebäude erblickt, sobald man die ehemalige innerdeutsche Grenze überquert hat. Am Rastplatz Börde-Süd hielten wir das zweite Mal. Wenn ich früher lange Fahrten unternommen habe, zum Beispiel zu Verwandten, bin ich ganz viel über die Rastplätze gelaufen. An dem Tag latschte ich herum und sah einfach mal, dass einer ungeniert in den Busch gepinkelt hat. Schwein.

Zwischendurch bemerkte Dozent 2, dass wohl keiner polnisches Geld dabeihabe. Ich und einige andere verneinten. Antwort: “Dann sind Sie wohl schlauer als wir.” Smiley mit geöffnetem Mund

Ein paar Kilometer später bot ich Dozent 1 selbstgebackene Brownies aus meinem Proviant an, er lehnte dankend ab. “Schade, ich hatte gehofft, einen Brownie-Bonus auf meine Bachelorarbeit zu bekommen.” “Da müssen Sie schon mit mehr kommen. Ab 300 Euro sind Sie dabei.” Ich überlege es mir.

Zu den Klängen von “Ya na mori”, die aus meinem MP3-Player stammten, überquerten wir die Grenze nach Polen. Für uns interessierte sich niemand, aber auf der anderen Seite der Autobahn standen Grenzer, die einzelne Vehikel herausgewunken haben. Apropos Vehikel – ich sah auf der Autostrada 4 sehr interessante Sachen, zum Beispiel ein Auto, bei dem die Heckscheibe aus ein wenig Plastikfolie bestand… Ansonsten bemerkte ich noch, dass weite Teile von Polen auch nicht anders aussehen als Ostdeutschland.

Gegen 21 Uhr abends kamen wir nach 14 Stunden Fahrt am Hotel an. Mit dem Etablissement, das nach polnischem Standard drei Sterne trug, war ich sehr zufrieden. Ich hatte ein Doppelzimmer für mich allein und in drei Minuten Entfernung gab es eine Pizzeria, bei der “klein” schon größer und billiger als zu Hause war. Und im Hotel gab es gratis WLAN. Lief bei mir! Die Pizza Don Corleone war so gut, dass ich glaubte, davon zu träumen. Nebenbei habe ich mich nett mit dem Sohn von Dozent 1 unterhalten, der auch dabei war.

Dienstag

Aufgewacht bin ich um 10 vor 6 dadurch, dass die Sonne in mein Fenster schien, es gab nämlich keine Jalousien. Aber ich konnte ja wieder einschlafen, also was soll’s. Ich habe übrigens geträumt, jemand klaut mein Portmonee und bedroht mich dann mit einem Messer. Habe dann den Rest der Reise wie ein Luchs auf meine Sachen aufgepasst.

Im Hotel (es geht übrigens um das Hotel Demel) war es entgegen gewisser Berichte gar nicht so laut und ich habe die Ohrenstöpsel umsonst mitgenommen. Das Frühstück war auch sehr lecker.

Wir haben mit Studenten der örtlichen Universität gearbeitet, danach habe ich ausgiebig die Altstadt erkundet und während des Abendessens ausgiebig mit der polnischen Dozentin geredet. Und mit einer kroatischen Erasmus-Studentin. Die wollte nicht neben Dozent 1 an der Ecke sitzen, weil das laut Aberglauben bedeutet hätte, dass sie nie heiraten wird. Aber Dozent 1 hatte so oder so seinen Spaß, der konnte mit zwei anderen Studenten nämlich in seiner Muttersprache reden. Der Weg zurück ins Hotel war sehr witzig, erst haben wir ewig nach der Straßenbahn-Haltestelle gesucht und dann war da ein Pole, der uns wohl erklären wollte, mit welcher Linie wir fahren und wie lange wir warten mussten. Problem: Er hat mit uns stumpf Polnisch gesprochen und das beherrschte keiner.

Mittwoch

Beim Aufwachen habe ich mich gefragt, ob man vergebene Leute daran erkennt, dass sie, auch wenn sie ein Doppelbett für sich allein haben, trotzdem auf einer Seite davon schlafen. Nachdem ich mich aus dem Bett, in den Frühstücksraum und zurück ins Zimmer geschafft habe, ging es los Richtung Auschwitz-Birkenau. Ich möchte an dieser Stelle den Leuten dafür danken, die mir Sonnencreme gespendet haben, ansonsten sähe ich jetzt vermutlich aus wie ein Steak. Und ich kann nicht glauben, dass ich mir über die Knallsonne mehr Sorgen gemacht habe als über das Lager an sich. Der kanadische Student, der zurzeit Praktikum in der Gedenkstätte macht, meinte, ich hätte später sicher noch einen Betroffenheitsmoment.

Im Lager haben wir aber schon komische Sachen erlebt. Leute, die Selfies vor dem Eingangstor oder an der Wand machen, wo viele Häftlinge abgeknallt wurden, ein Niederländer, der die Führerin fragte, warum die Deutschen die Juden eigentlich so gehasst haben… Manche Leute aus meiner Gruppe wollten ihm erst mal einige Zusatzstunden Geschichtsunterricht verpassen, was ich gut verstehen kann.

Am Abend ging es wieder in die Pizzeria nahe des Hotels und dort habe ich einige lustige Sachen erlebt… inklusive eines Spiels, das ich vorher selber nicht kannte und trotzdem gewonnen habe (“Tot, töter, am tötesten”), und die Dozenten haben auch mitgespielt. Ist das nicht cool – Dozenten, die so was mitmachen?

Donnerstag

An diesem Tag ist nicht so viel passiert. Ich schrieb ja, dass die Fahrt um einen Tag verkürzt werden musste, die Dozenten mussten die Planung also umschmeißen. Was sie nicht bedacht haben: Donnerstag war Fronleichnam und im hochkatholischen Polen haben da unglaublich viele Sachen geschlossen. Unter anderem die Programmpunkte Schindler-Fabrik und Alte Synagoge. Das nenne ich mal gelebte Interreligiösität.

Letzten Endes sind wir durch Kazimierz gelaufen und dort habe ich mich dann einem kleinen Grüppchen angeschlossen, das in eine Kneipe hinter der Izaak-Synagoge wollte. Ich habe dort einen sehr guten Virgin Mojito getrunken, die anderen haben sich an Honig- und Haselnusswodka gehalten. Wir kamen zu spät zum abendlichen Treffpunkt mit dem Rest, weil unbedingt noch im Alkladen eingekauft werden musste. Ich habe für ein Mädel Kippen gekauft (“damit ich mich nicht anstellen muss”) und für meinen Freund ein bisschen Honigwodka.

Zu Abend aß ich georgische Pfannkuchen (sehr, sehr lecker) und auf dem Rückweg war es wieder mal sehr lustig, weil die Straßenbahn rasanter fährt als die in Rostock und nebenbei noch Tickets gekauft werden mussten. Ich habe Leuten Zlotys für den Automaten geliehen und es in Euro wiederbekommen.

Übrigens, am Neuen Platz bekommt man Baguettes, die so groß sind wie ein Unterarm und nur 6 Zloty kosten. Das hätte ich mal der Caféteria-Dame vom Gymnasium sagen wollen, die einem für ein handgroßes Teil ein Euro zwanzig abknüpfen wollte.

Freitag

Die Fahrt war ganz in Ordnung. Blöd ist nur, wenn man grad dringend schlafen will und die Dozenten dann mit einer Gruppenarbeit kommen. Der Busfahrer, der uns die letzten vier Stunden kutschierte, kutschierte uns bei der Ankunft dann zunächst mal dorthin, wo Busse gar nicht reinfahren dürfen, inklusive eines Einbiegeversuchs zum Taxistand, in der falschen Richtung übrigens. Ansonsten ist aber nichts passiert.

Als ich gegen zwanzig nach neun zu Hause ankam, wusste ich nicht, ob ich glücklich oder traurig sein sollte. Eins steht aber fest: Ich werde auf jeden Fall wieder dahin reisen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Die Mitte der Gesellschaft

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In meinem Lieblingsforum vertrat neulich ein Nutzer folgende Meinung:

Vielmehr wird gesamtgesellschaftlich mit dem „Rechtsextremismus“- und „Kampf gegen Räääächts“-Gedöns hervorragend vom Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft abgelenkt.

Die Organisatorin der Ausstellung über Neofaschismus, über die ich vor einiger Zeit einen Radiobeitrag anfertigte, sagte etwas Ähnliches. Mich brachte das Ganze zum Grübeln. Ich war nun schon auf mehreren Demos gegen Rechtsextremismus, aber das kann nicht die alleinige Lösung sein. Ich wusste: Die Leute, mit denen ich gesprochen hatte und die fremdenfeindliche Äußerungen getätigt hatten – eine Freundin, die gegen Zigeuner wetterte, der antiislamische Onkel meines Freundes –, waren keine Nazis. Aber was soll man da tun?

Ich schrieb dem Urheber des obigen Zitats eine Nachricht und er antwortete recht ausführlich. Als einen Lösungsansatz führte er an, dass Deutsche mehr Kontakt mit Minderheiten bekommen müssen. Das konnte ich sofort nachvollziehen. Der Onkel meines Freundes kennt keine Moslems und war noch nie in einer Moschee. Und überhaupt: Man hegt doch immer Phobien gegenüber Sachen, die man nicht kennt.

Ein weiterer Lösungsansatz: Überwindung von strukturellem Rassismus. Im Besonderen ist damit „Racial Profiling“ gemeint. In zwei Paragrafen des Bundespolizeigesetzes steht, dass „verdachtsunabhängige Personenkontrollen“ durchgeführt werden dürfen, um die unerlaubte Einreise von Ausländern nach Deutschland zu verhindern. Die Folge: Leute, die wie Ausländer aussehen, werden verstärkt kontrolliert. Obwohl das so nicht im Gesetz steht. Und diskriminierend ist. Wer mehr darüber lesen will: http://www.sueddeutsche.de/politik/racial-profiling-bei-der-polizei-menschenrechtler-wollen-verbot-rassistischer-personenkontrollen-1.1706061

Besonders erschütternd fand ich eine Geschichte, die der Forenuser kürzlich mitbekam und die ich hier einmal wiedergeben möchte:

Als mein afrikanischer Student neulich überfallen wurde, hat sich die Polizei einen Scheißdreck dafür interessiert. Erst als er darauf hinwies, dass noch eine StudentIN, schon dem Namen nach weiß, betroffen war, wurden auf einmal alle Kräfte mobilisiert, um nach dem bis heute flüchtigen und bewaffneten Täter zu suchen. Während der Verhöre wurde mein schwarzer Student die ganze Zeit nur dumm angemacht und man hat mit ihm nur das Nötigste gemacht, während mit meiner weißen Studentin ordentlich umgegangen wurde und sie sich (obwohl nicht direkt involviert) sogar Fotos von bekannten Kriminellen anschauen durfte.

Er selber ist schwarzer Deutscher und durfte deswegen schon einiges durchmachen. Er wurde schon als Werte vernichtender Asylant beschimpft. Und wenn er in Leipzig (einer Stadt mit ziemlich geringem Ausländeranteil) durch die Straßen geht, krallen sich die Leute an ihren Wertsachen fest.

Natürlich ist es wichtig, Rechtsextreme genau zu beobachten. Aber das Gleiche gilt auch für die Mitte der Gesellschaft. Für die Leute ohne Springerstiefel, Glatze oder Baseballschläger.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Land unter, Gehirn auch

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Ich bin so sauer, ich muss was loswerden. Gerade erfuhr ich von Merit-Seto aus meinem Lieblings-IRC-Channel #fernsehkritik-tv, wie die Hochwasser-Hilfe der Baumarkt-Kette “toom” aussieht. Sie verkaufen Sandsäcke für teuer Geld. Ein kleiner kostet drei Euro fünfzig, ein großer vier Euro fünfzig. Ich finde das schon ziemlich bescheiden, aber richtig wütend wurde ich, als ich Folgendes las:

https://www.facebook.com/toom/posts/579631338743567?comment_id=6437026&offset=0&total_comments=5

Was zur Hölle…? (Falls der Post irgendwann gelöscht werden sollte: Eine junge Dame bittet toom um Unterstützung gegen das Hochwasser. Antwort: Für Geschädigte 10 Prozent Rabatt aufs gesamte Sortiment. In zwei Dresdner Filialen.) In Dresden gibt es viele Restaurants, die Essen verschenken, es gibt Unternehmen, die Sandsäcke und Schaufeln spenden, es gibt auch enorm viele ehrenamtliche Helfer – und toom denkt nur ans Geld. Das ist doch ein Schlag ins Gesicht für alle Opfer.

Mit ärgerlichen Grüßen

Die Kitschautorin

P.S.: Hier kann man Geld an die Hochwasseropfer spenden: https://www.drk.de/spenden/online-spenden.html

Nachtrag vom 5. Juni 2013: Toom hat inzwischen eingelenkt und will in Dresden und Halle verschiedene Hilfsmaterialien spenden, unter anderem Schaufeln, Gummistiefel und Hochdruckreiniger. Geht doch. ^_^

Geschützt: Heute in der Redaktionskonferenz

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