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Nachhilfe, noch zu erledigende Sachen und nagende Sachen

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Tagesordnungspunkt 1: Nachhilfe

Irgendwie muss ich mir mein Noch-Studentendasein finanzieren, also gebe ich mal wieder ein bisschen Nachhilfe. Derzeit gebe ich vertretungsweise Nachhilfe bei einem Zweitklässler – in Deutsch und in Mathe. Bei unserem Kennenlern-Treffen ereignete sich folgende süße Geschichte:

Du hast gesagt, du studierst Politik. Was ist das?

*überleg* Kennst du Angela Merkel?

Ja.

Die macht Politik.

Aber du willst das nicht machen, oder? Das ist nicht so gut.

Nein, lieber nicht.

Der Kleine ist wirklich lieb… außer er hat irgendwann keine Lust mehr, zu arbeiten. Bei der letzten Stunde lief es so granatenmäßig, dass der Vater irgendwann reinkam und seinem Sohn einen ellenlangen Vortrag gehalten hat. Der Kleine hat komplett zugemacht und war nicht mehr zum Mitarbeiten zu bewegen. Der Vater überlegt bereits laut, ob Nachhilfe unter den Umständen überhaupt noch Sinn ergibt.

Generell habe ich irgendwie den Eindruck, dass es bei vielen Schülern keinen Sinn ergibt. Bei vielen ist es einfach eine Frage des Konzentrieren-Wollens. Und dann flatterte mir vor kurzem noch eine Anfrage ins E-Mail-Postfach, ob ich eine Viertklässlerin in Deutsch und Mathe übernehmen könne. Unter dem Reiter „Probleme“ stand dann „keine Probleme, soll nur Wiederholung sein“. Wtf? Was sind das denn bitte für Eltern?

Tagesordnungspunkt 2: Noch zu erledigende Sachen

Vor kurzem kaufte ich mir wieder einmal ein Buch, und zwar „Die Bucket List – 500 Dinge, die man im Leben getan haben muss“ von Elise de Rijck. Erstaunlich viel von der Liste habe ich bereits getan. Zu einigen Punkten möchte ich jetzt was erzählen.

Punkt 19 – Ein Menschenleben retten

Hab ich bis jetzt nur indirekt gemacht, aber ich denke, Blutspenden zählt auch. Man wird an der Stelle im Buch gefragt, wie es sich anfühlt, ein Held zu sein. So heldenmäßig fühle ich mich gar nicht. Und ansonsten… bei meiner ersten Blutspende hab ich direkt mal den Adler gemacht, weil 530 ml Verlust für mich doch etwas viel waren. Das ist mir bis jetzt aber nur zwei Mal passiert, also what shall’s.

Punkt 30 – Unter den Sternen schlafen

Abschlusszelten nach der elften Klasse, auf einer Wiese mitten im Nirgendwo ca. 10 Kilometer von der Schule entfernt. Ich hatte kein Zelt, wollte aber (warum auch immer) trotzdem dabei sein, also pennte ich mit Schlafsack unterm Sternenhimmel. Irgendwer hatte aus irgendeinem Grund, den ich gerade nicht nachvollziehen kann, einen Pizzakarton dabei, und wir schrieben da ein Gedicht als Abschiedsgeschenk an unsere Klassenlehrerin drauf. Nebenbei habe ich furchtbar einen Jungen angeschmachtet, der aber nichts von mir wissen wollte, und hörte nonstop „Mach die Augen zu“ von den Ärzten.

Punkt 418 –  „Danke“ sagen lernen in allen Sprachen der Länder, in denen du schon gewesen bist.

Danke, thank you, merci, dziekuje, gracias, dank u wel, tack und seit neuestem auch kiitos (dazu später mehr).

Es gibt auch einige Punkte, die ich sofort als „niemals zu erledigen“ abstreichen konnte, zum Beispiel Punkt 499 – „Gesund alt werden“. Was mich zum nächsten Tagesordnungspunkt bringt…

Tagesordnungspunkt 3 – Nagende Sachen

Ich hab es bis jetzt nur einmal im Blog erwähnt, aber ich leide an einer verkrümmten Wirbelsäule. Zurzeit habe ich einen besonders heftigen Anfall. Ich hoffe, dass ich mit Muskelrelaxans und Massagen lange genug durchhalte, bis ich in zwei Wochen endlich zum Orthopäden kann. Und verfluche Gott dafür, dass er mir die Skoliose gegeben hat.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

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Katze, Schokolade, Motorrad

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(Vielen Dank an Bammy für den Titel. 🙂 )

Am Straßenrand lag etwas, das vor Urzeiten mal eine Katze gewesen sein musste, lange, bevor Liane mit dem Auto an der Stelle vorbeifuhr. Sie sah die Ex-Katze, verzog angewidert das Gesicht und schaltete in den vierten Gang, um weiter ihren Weg zu machen.
War der Gang richtig eingeschaltet? War er, denn der Motor des Autos meckerte nicht. Gut. Als Liane noch in der Fahrschule gewesen war, hatte sie ihren Fahrlehrer des Öfteren damit zur Weißglut gebracht, dass sie sich verschaltete. Bei 20 Stundenkilometern den vierten Gang reinzuhauen, war nicht so gut. Auf der Autobahn aus Versehen den zweiten Gang einzulegen, auch nicht.
Selbst als sie schon lange den Führerschein in der Tasche hatte, saß immer noch die mächtige Angst in ihr, sich zu verschalten und dem Motor auf die Weise etwas anzutun. Ihr Fahrlehrer hatte ihr mal von einem Schüler erzählt, der ein Problem mit der Motoraufhängung und somit einen fünfstelligen Schaden verursacht hatte. Das wollte sie gerne vermeiden.
Sie war überhaupt ein sehr ängstlicher Mensch. Deswegen hatte sie den Führerschein auch erst sehr spät in Angriff genommen und auch sehr lange dafür gebraucht, um ihn zu kriegen. Seit sie ihn aber hatte, fuhr sie umso lieber. Sie war stolz, ein weiteres Hindernis ihres Lebens aus dem Weg geräumt zu haben.
Die Angst durfte nicht siegen, das hatten ihr immer wieder die unterschiedlichsten Leute gesagt. Diese Leute hätte sie früher in ihrem Leben gebraucht. Sie hatte zwar ein einigermaßen passables Abitur hinbekommen, aber dann aus lauter Angst, an der Uni zu versagen, eine Ausbildung begonnen. Klar, sie hatte genug Geld, aber das konnte sie auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie gnadenlos unterfordert, mit den Mitschülern ständig im Streit und insgesamt überhaupt sehr unglücklich war.
Während Liane die Straße weiter entlangfuhr, dachte sie nach. Sie redete sich selbst gern ein, dass ein Nichtkönnen sie noch nie von irgendwas abgehalten hatte. Und dann musste sie an eine Szene aus der Fahrschule denken. Als sie bereits kurz vor der praktischen Prüfung stand, verriet sie ihrem Fahrlehrer, dass sie gerne mal Motorrad fahren lernen würde. „Das packst du charakterlich überhaupt nicht“, hatte der Fahrlehrer gesagt. „Weißt du eigentlich, wie oft man sich in den ersten Stunden mit dem Motorrad auf die Schnauze legt? Da gibst du total schnell auf.“ „Kann schon sein, dass das anstrengend ist“, entgegnete Liane, „aber mein Vater hat mich früher immer mitgenommen auf dem Motorrad und das war so schön.“ Der Fahrlehrer nickte und wies sie an, die Spur zu wechseln.
Nun, mit dem Motorradführerschein würde sie wohl noch warten müssen. Es wäre jetzt jedenfalls gegen alle Vernunft, sich die Straße auch noch auf zwei Rädern erobern zu wollen, während noch mindestens ein Jahr Studium auf sie wartete. Sie konnte es immer noch nicht glauben, dass sie tatsächlich an der Uni immatrikuliert war, obwohl das schon ewig lange so war. Würde sie jemals fertig werden?
Liane fuhr auf den Parkplatz ihres örtlichen Supermarktes, stellte den Motor aus, lehnte sich über ihr Lenkrad und seufzte.
So oft fragte sie sich, ob sie im Leben auf dem richtigen Weg war, und so oft tendierte sie dazu, diese Frage mit Nein zu beantworten. Ohne jemals zu wissen, was denn der richtige Weg war.
Sie seufzte laut, schnappte sich den Einkaufskorb, schloss ihr Auto ab und ging in den Supermarkt. Eine Frau pries mit falschem Lächeln die neueste Kreation aus Schokolade an. Liane nahm eine Probe und ging weiter. Sie musste daran denken, wie sie mal einen Ausbeuterjob im Supermarkt gehabt hatte, den sie nach zwei Tagen gekündigt hatte. Ob die Frau hier wohl besser bezahlt wurde?
Der Signalton, der eine Durchsage ankündigte, riss sie aus ihrer Lethargie. Sie musste schnell noch alle Zutaten fürs Abendessen besorgen, damit sie noch rechtzeitig vor ihrer Lieblingsserie mit dem Essen fertig war.
Brauchte man ein Ziel im Leben? Viele Menschen lebten einfach nur so vor sich hin. Und waren damit unglücklich.
Liane seufzte, packte ihre Einkäufe in den Korb und danach aufs Band und freute sich, dass sie wenigstens eine Lieblingsserie im Fernsehen hatte, weil das hieß, dass sie etwas hatte, worauf sie sich freuen konnte.

Qualifikationen

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Quelle: weknowmemes.com. Das ist übrigens das Hintergrundbild meines Tablets. Toll, nicht? ^_^

Gelegentlich arten Gespräche mit guten Freunden ja etwas aus. Heute war es nun so, dass ich eigentlich bloß einen Artikel über Änderungen im Maschinenbaustudium diskutieren wollte und plötzlich fand ich mich bei der Erstellung einer Liste über frühere Tätigkeiten der Mitglieder der Bundesregierung wieder. 😀

Ich habe ja nun studiere ja nun Politikwissenschaft. Und eine der häufigsten Fragen an mich ist, ob ich damit denn Politikerin werden will. Will ich nicht und die meisten Bundestagsabgeordneten haben in ihrem früheren Leben auch etwas anderes gemacht. Interessehalber schaute ich mal nach, wer aus der Bundesregierung was gelernt hat. Ergebnis: Wir haben eine Physikerin, einen Lehrer, eine Germanistin / Politikwissenschaftlerin (na, immerhin), eine Medizinerin, eine Finanzwirtin, zwei Soziologen, eine Mathematikerin, einen Wirtschaftspädagogen und ganze sieben Juristen.

Ich fragte mich (und meinen guten Freund), was bspw. eine Medizinerin dazu qualifiziert, Verteidigungsministerin zu werden. Antwort des guten Freundes: vielleicht der Job, den man vorher hatte. Ich habe jetzt also mal gecheckt, was die letzten Jobs der Kabinettsmitglieder waren, bevor sie ihr jetziges Amt bekamen. Ich habe jeweils den letzten Job außerhalb der Politik (willkürliche Definition: alles, was irgendwie halbwegs wichtig klang) und das letzte politische Amt aufgeführt.

http://pastebin.com/wyyxZZ7Y

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf komplette Korrektheit. Es war auch nicht immer ganz einfach zu trennen, weil Politik und Nichtpolitik teilweise parallel betrieben wurden (Thomas de Maizière ist nebenbei auch noch Honorarprofessor). Nichtsdestotrotz möchte ich jetzt einige Gedanken zu dieser Liste loswerden.

Ich konnte nicht bei besonders vielen Leuten einen Zusammenhang zwischen dem „Vorleben“ und ihrer Laufbahn als Politiker sehen. De Maizière zähle ich da als Oberleutnant der Reserve jetzt mal nicht. Nur bei Heiko Maas (Justiz) und Johanna Wanka (Kultur) passt es irgendwie richtig gut. Und warum hat nicht Gerd Müller das Ressort bekommen, das jetzt Christian Schmidt hat? Er war da vorher parlamentarischer Staatssekretär!

Wenn jemand Anmerkungen oder Fragen oder kleinliche Kritik an der Liste hat, ab damit in die Kommentare, ich freue mich.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Weltschmerz, lachhaft, Widerruf

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(Vielen Dank an dvda für den Titel. 🙂 )

„Und was machst du zurzeit so?“
„Och, es läuft ganz gut, ich hab vor kurzem endlich mein Ref angefangen.“
„Dann viel Erfolg.“
„Danke. Und was machst du zurzeit so?“
„Naja, ich muss morgen zum Arzt…“
„Dann hoffe ich mal, dass du nicht so lange warten musst. Ich bin ja jetzt privatversichert, da geht’s.“
„Privatversichert?“
„Als Beamtin auf Widerruf geht das.“
Nina seufzte laut. Ihre Oma hatte ihr neulich schon wieder in den Ohren gelegen. Nimm dir mal ein Beispiel an deiner Freundin!
„Oh, ich glaube, jemand hat gerade an meiner Tür geklingelt. Ich gehe mal eben hin.“
„Alles klar, bis dann!“
„Bis dann“, sagte Nina in einem möglichst neutralen Ton und legte auf.
Natürlich war niemand da, der an der Tür geklingelt hatte. Wer sollte auch an einer Tür einer Wohnung klingeln, die ab morgen leer stehen würde? Das Einzige, was sich noch in der Wohnung befand, waren eine Matratze, eine Kiste mit Habseligkeiten und die Noch-Mieterin selbst. Das heißt, eine Hälfte der Noch-Mieter. Aber Johannes war schon lange weg. Und er würde auch niemals wiederkommen. Er hatte alle seine Sachen abholen lassen, während Nina bei der Arbeit gewesen war. So schlau war er.
Nina war nicht so schlau gewesen. In einer Beziehung alleine sein, das konnte jeder. Trost bei jemandem suchen, das war normal. Sich von dem Trostspender küssen lassen, während der Partner gerade den Raum betrat, das war nicht normal.
Sie seufzte und schaute aus dem dunklen Fenster. Mit Kerstin hatte sie sich immer gut verstanden. Früher hatten sie sogar häufiger etwas zusammen unternommen… und dann zog Kerstin in eine andere Stadt und man hatte immer weniger Kontakt. Bei guten Freunden war das egal. Aber Nina merkte irgendwann, dass es ihr nicht guttat, wenn sie eine Freundin hatte, die geradewegs an ihr vorbeizischte. Leben mit langjährigem Partner, Studium beendet und baldige Verbeamtung. Und sie? Sie hatte ein Studium, das nicht voranging, einen Job, den sie hasste, und eine Beziehung, die sie in den Sand gesetzt hatte.
Wenn sie mal ehrlich war, hatte sie Kerstin auch nur deswegen angerufen, weil ihr langweilig war. Und weil der Computer schon in ihrem neuen Zimmer stand. Sonst hätte sie im Internet gesurft.
Vielleicht würde sie sich ja besser fühlen, wenn morgen ihr Vater kam und mit ihr die letzten Sachen holte. So aber war alles trostlos und leer. Die leere Vierzimmerwohnung, die sie früher mit Johannes bewohnt hatte. Ihr Herz sowieso. Alles war so schwarz wie die Nacht vor ihrem Fenster.
Ihr kam eine Szene aus der Serie in den Sinn, die sie und Johannes früher oft zusammen geguckt hatten. Die weibliche Hauptperson war aus ihrem Job gefeuert worden. Nachdem sie sich über die lachhafte Abfindung beklagt hatte, war sie von ihrem Ehemann in den Arm genommen und getröstet worden. Wie oft hatte Nina sich und Johannes mit den beiden verglichen? Wie oft hatte er sie in den Arm genommen, als sie traurig gewesen war?
Traurig guckte sie zu Boden und wollte fast weinen, da kam ihr ein trotziger Gedanke. Du weißt doch genau, dass er irgendwann gar keinen Bock mehr hatte, dich zu trösten. Da soll sich der Kerl mal nicht wundern, wenn du irgendwann in Christians Armen gelandet bist. Schön, Johannes hätte euch nicht unbedingt dabei sehen müssen. Aber hey, wenn alles in Ordnung gewesen wäre, wäre das nicht passiert.
Sie hob den Kopf.
Ich hab ihm sicher irre wehgetan.
Sie senkte den Kopf wieder.
Wie oft hat er dir wehgetan?
Sie schaute aus dem Fenster.
Spielt das eine Rolle?
Sie stand auf und ging durch die leere Wohnung. Dort hatten sie sich zusammen über Rechnungen gestritten. Dort hatten sie Sex auf seinem Sofa gehabt, bis sie einen Beinkrampf bekam. Dort hatte er sie in den Arm genommen nach ihrer verhauenen Prüfung. Und dort hatte er sie angeschrien, weil sie seine Pommes ein paar Minuten zu lang im Ofen gehabt hatte.
Nina seufzte laut. Was Weltschmerz anging, war sie schon immer gut gewesen. Nicht, dass das gut war. Eigentlich brachte es entsetzlich wenig. Aber hey, vielleicht konnte sie so immer noch Schriftstellerin werden.
Ihre Eltern wären natürlich dagegen, die würden lieber sehen, dass sie endlich ihr Studium beendete. Dafür hatte sie ja jetzt genug Zeit.
Sie konnte kaum erwarten, dass ihr neues Leben endlich anfing. Aber wer weiß, vielleicht erwartete sie in ihrem neuen WG-Zimmer drei Kilometer weiter ja letztlich auch nur die gleiche Lebensscheiße wie immer. Sie legte sich auf die Matratze in der fast leeren Wohnung und wartete darauf, dass die Sonne aufging und ihr Vater sie abholte.

Butterkeks, Doppelkupplungsgetriebe, Apostasie

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(Vielen Dank an Klopfer für diesen tollen Titel. Ernsthaft, wtf? :D)

Freitag, 13 Uhr. Endlich hatte sie es geschafft. Eine Arbeitswoche war vorbei. Und die war diesmal so anstrengend gewesen wie noch nie. Den blöden Antrag zur Projektverlängerung fertigschreiben, unzählige Fälle bearbeiten und gerade noch die Sitzung mit ihren Vorgesetzten. Wer würde es ihr da übelnehmen, wenn sie etwas Entspannung brauchte?
Gerade so unauffällig, wie es möglich war, räumte sie die Hinterlassenschaften der Sitzung weg, damit sie sich endlich davonmachen konnte. Die Butterkekse in den Schrank, die Gläser in die Spülmaschine und ihre Akten in die Tasche. Sie überlegte kurz, ob die Spülmaschine so voll war, dass sie sie anstellen musste, und entschied sich dann dagegen. Und außerdem musste sie ja einen Zug kriegen. Schnell schloss sie ihr Büro ab und huschte davon.
Ungeduldig wartete sie auf den Bus, der sie zum Bahnhof brachte. Natürlich hätte sie auch ein Taxi nehmen können, aber an diesem Wochenende würde sie noch genug Geld ausgeben, da musste das nicht auch noch sein. So gab es halt zwanzig Minuten Fahrt und drei merkwürdige Gespräche mit Fahrgästen extra, bevor sie sich und ihren Rollkoffer zu Gleis 11 dirigieren konnte.
Unten angekommen konnte sie sich direkt wieder ärgern. Schaffte es die Deutsche Bahn eigentlich nie, ihre Züge mal pünktlich ankommen zu lassen? Gerade jetzt, wo es so wichtig war! Sie wartete eine gefühlte Ewigkeit, bis der Zug in die große Stadt endlich einfuhr und sie sich auf den blauartigen Sitzpolstern niederlassen konnte.
Und während der Zug davonfuhr, konnte sie all die Gedanken der letzten Woche langsam hinter sich lassen und darauf konzentrieren, was noch vor ihr lag. Sie wollte einen Freund besuchen, den sie länger nicht gesehen hatte. Seit sie berufstätig war, schafften sie es kaum noch, sich zu sehen, aber wenn, war es immer toll. Sie genoss seine Gesellschaft, die eine der wenigen Sachen war, die ihr Leben noch in irgendeiner Weise interessant machten.
Sie schrieb ihm kurz, dass sie im Zug saß und in gut vier Stunden ankäme, und ließ sich dann wieder in den Sitz sinken. Abgesehen vom Fahrkartenkontrolleur sprach sie mit niemandem und niemand mit ihr. Sie hatte es so an sich, sich abzuschirmen. Mit niemandem zu kommunizieren, mit dem es nicht unbedingt nötig war. Die meisten Menschen waren es eh nicht wert, dachte sie im Grunde. Sie war sich selbst der nächste Gesprächspartner, abgesehen von einigen wenigen Freunden vielleicht.
Ohne dass sie es wirklich registrierte, sank die Sonne immer weiter nach unten. Als sie schließlich den Zug verließ, war sie gar nicht mehr zu sehen. Sie schritt durch das Glasgebäude, in ihrer altgewohnten Ich-habe-zu-tun-bitte-sprechen-Sie-mich-nicht-an-Haltung, und setzte sich in die S-Bahn. Sie betrachtete all die Menschen, die dort saßen, ohne ihnen in die Augen zu sehen. Mit ihrem anthrazitfarbenen Hosenanzug stach sie schon etwas heraus, aber es gab andere Menschen, die mehr herausstachen als sie.
Schließlich kam ihre Station. Ihr Handy vibrierte zwei Mal, aber sie ging erst einige Meter, bevor sie dazu kam, nachzusehen, wer da etwas von ihr wollte.
Tut mir echt voll leid, aber ich muss noch was ganz Dringendes erledigen. Machts dir was aus, wenn wir uns ne halbe Stunde später treffen? Bis später, D.
Das konnte doch nicht wahr sein, oder? Das war doch nicht wahr, oder? Sie hatte eine total harte Arbeitswoche hinter sich, fuhr vier Stunden, um ihn zu sehen, und dann das? Was bildete der sich eigentlich ein?
Sie war so sauer, dass sie ignorierte, eigentlich noch zwei Straßen weiter zu müssen, und ging kurzerhand durch die nächstbeste Tür. Was zufällig die Tür einer Kneipe war.
Das Interieur war nicht gerade einladend, aber das war ihr dann auch egal. Sie sank auf einen Hocker am Tresen. „Na, auf Geschäftsreise?“, fragte sie der Wirt, und sie watschte ihn sogleich ab. „Das geht Sie nichts an. Ich hätte gerne ein großes Helles mit Schuss, bitte.“
Der Wirt zuckte mit den Augenbrauen und erledigte ihre Bestellung. Sie lehnte sich missmutig über den Tresen und wünschte, sie wäre zu Hause geblieben. Der Liebesfilm, den sie vor drei Wochen aufgenommen hatte, wäre eine viel angenehmere Gesellschaft gewesen als ein Typ, der sie einfach versetzte.
„Alles Idioten hier“, rief ein Typ in der Ecke laut, wofür er vom Wirt gemaßregelt wurde, mit recht unfreundlichen Worten. Irgendwie hatte der Besoffene da hinten Recht, dachte sie und musterte die anderen Gäste.
Da ging die Tür auf. Ein Kerl mit langen Haaren und Bart kam herein, bestellte ein Bier und setzte sich auf den Hocker neben sie. Ernsthaft? Neben sie? Wo noch so viele andere Plätze frei waren? Sie starrte auf das dunkle Holz des Tresens und hoffte, dass der Typ sie  nicht ansprechen würde.
„Was guckst du denn so missmutig?“
Tja, die Hoffnung war soeben gestorben. „Alles in Ordnung“, brummte sie. „Was macht so ’ne schöne Frau wie du an so ’nem Ort?“
„Sich die Birne wegsaufen“, antwortete sie, ohne hinzusehen, und holte ihr Handy aus der Tasche. Da war ja noch eine Nachricht.
Hallo, wie geht es dir? Papa und ich gehen gleich essen. Ruf doch mal wieder an! Grüße, Mama.
Das würde sie vielleicht sogar tun, wenn sie nur wüsste, was sie sagen sollte. So aufregend war ihr Leben nicht. Viel arbeiten, gelegentlich Freunde treffen. Sie schnaubte. Wenn die nicht gerade Anderes vorhatten.
„Ist wirklich alles in Ordnung?“, wollte ihr Sitznachbar wissen. „Wie würdest du dich denn fühlen, wenn du dich ewig auf ein Treffen mit deinem Kumpel freust und dann versetzt er dich einfach?“, rief sie und war im nächsten Augenblick selber erstaunt über diesen Ausbruch.
„Wohl nicht besonders gut“, entgegnete der Typ. Der Wirt stellte die Biere vor die beiden. Sie nahm sogleich einen großen Schluck. „Was hat er denn gesagt?“
Sie schnaubte wieder. „Er muss was total Wichtiges erledigen und ob es mir was ausmachen würde, wenn wir uns ’ne halbe Stunde später treffen. So ein Scheiß!“
„Moment, hast du nicht gerade gesagt, er hat dich versetzt?“, erkundigte sich der Typ verwirrt.
„Ja, und?“, war die Antwort.
Der Kerl lachte auf. „Mädel, ich hab keine Ahnung, was bei dir schiefgelaufen ist, aber bei dir muss was mächtig schiefgelaufen sein.“ Er trank von seinem Bier.
„Moment mal, was bil…“, wollte sie zu einer Riesenverteidigung ansetzen, als er sie unterbrach. „Schon klar, du bist wohl am liebsten allein und musst das auch jedem zeigen. Schon klar.“ Und er trank wieder.
Sie klappte den Mund auf und zu wie ein Fisch, der auf dem Trockenen lag. Erst viel später fiel ihr eine Antwort ein. „Bist du Jesus oder so? Glaubst du, in Menschen hineinsehen zu können?“
„Nein“, lachte er, „auch wenn ichs lange versucht hab. Ich hab mich sogar für Theologie eingeschrieben.“
„Theologie, Hilfe“, stöhnte sie. „Warum studiert man so was?“
„Damals hielt ich es jedenfalls für ’ne gute Idee. Nach 13 Semestern hab ich es sogar geschafft, mich für die Abschlussarbeit anzumelden.“
„Wow, total schnell“, meinte sie und zuckte mit den Augenbrauen.
„Hat am Ende aber nichts gebracht. Ich musste einsehen, dass Apostasie in den abrahamitischen Religionen nicht so das affengeile Thema ist.“
„Und stattdessen nervst du jetzt Frauen in Kneipen“, lachte sie auf und stierte wieder auf ihr Handy.
„Ich nerve niemanden, der nicht dazu einlädt“, sagte er, zwinkerte ihr zu und trank dann weiter von seinem Bier.
Sie sah auf ihre Armbanduhr und erschrak. In einem Zug trank sie den Rest ihres Bieres aus, unterdrückte einen riesigen Rülpser, so gut es ging, und knallte dem Wirt ihr Geld auf den Tresen. Dann eilte sie aus der Kneipe.
Eine Straße weiter sah sie aus dem Augenwinkel eine große Werbetafel für den neuesten koreanischen Kleinwagen mit Hybridantrieb und Doppelkupplungsgetriebe. Na, das wäre ja was für ihren Vater, der war total autoverrückt. Sie nahm sich vor, bald ihre Mutter zu fragen, ob er immer noch Autozeitschriften auf dem Klo las. Aber erst morgen. Erst musste sie zu ihrem Kumpel und ihm von dem Irren aus der Kneipe erzählen.

Neulich im Internet

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Forendiskussionen

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Sechs Jahre „Kitschautorins Blog“

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Heute bekam ich eine Meldung von WordPress, dass mein Blog genau sechs Jahre besteht. Wow, das ist ganz schön viel. In der Zeit ist auch viel passiert. Ich habe mich sehr verändert. Ich lebe nicht mehr in WGs. Ich habe geheiratet. Ich bin religiös geworden. Ich habe mich nach einer furchtbaren Ausbildung getraut, ein Studium anzufangen. Ich habe das Ziel meines Blogs verändert.

Natürlich bin ich mit dem Blog auch schon auf die Schnauze geflogen. Meine Klassenkameradinnen aus der Sprachschule hatten den Blog mal gefunden und weil sie – meiner Meinung nach zu Recht – nicht besonders gut wegkamen, hat man mir gedroht, ich solle besser aufpassen. Ich habe den Mädels wirklich zugetraut, dass sie mich mit dem Blog beim Schulleiter anschwärzen, und habe deswegen einen Artikel („Eine teure Lektion“) gelöscht und mehrere verändert. Hätte ich damals gewusst, dass man Artikel mit Passwörtern schützen kann, ich hätte keine Änderungen vorgenommen. Was aber viel wichtiger ist als das: Ich habe mal Freunde mit einem Artikel sehr verletzt. Den habe ich dann bewusst gelöscht.

Aber ich habe durch den Blog auch viele tolle Sachen erlebt. Ich habe mir Eindrücke bewahren können, andere gute Blogs kennen gelernt (hallo, Littlemissbad!) und viele interessante Diskussionen geführt. Richtig viel Aktivität gab es hier, als ich im November 2011, nachdem Bushido den Integrationsbambi bekommen hatte, eine Zusammenstellung seiner Songzitate hier postete. Ein guter Bekannter von mir hatte den Artikel getweetet. Klar gab es auch viele stumpfe Beleidigungen, aber ich hatte interessante Gespräche über Raptexte und wie man diese interpretiert. Ich lerne gerne andere Meinungen kennen. Für die Diskussionen über meine Hinwendung zur evangelischen Kirche oder das Erinnern an den Holocaust gilt das Gleiche. Es sollte halt nur nicht ins Stumpfe ausarten.

Ich mag mein Blog immer noch. Auf die nächsten sechs Jahre!

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin!