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Bedeutungsschwanger, Teil 1

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Vor einigen Jahren begann ich eine Reihe über eine junge Frau namens Sara und stellte die entstandenen Teile auf neon.de hoch. Da ich den Account vor einiger Zeit gelöscht habe, wird die Geschichte nach und nach hier zu lesen sein. “Bedeutungsschwanger” ist der vierte Teil der Reihe. Viel Spaß beim Lesen.

Allons, enfants de la patrie,
le jour de la gloire est arrivé!
Contre nous de la tyrannie,
l’étendard sanglant est levé!
Wie oft wacht man morgens auf und hat das Bedürfnis, jemandem ein Kissen oder sonst irgendetwas an den Kopf zu schmeißen? Ich hatte es in den drei Tagen, die ich hier wohnte… nun ja, schon drei Mal gehabt. Und das, obwohl es Hochsommer war und wir alle keine Vorlesungen hatten. Aber Aurélie musste ja unbedingt ein Praktikum ableisten. Und deswegen wurde ich jetzt jeden Morgen mit der französischen Nationalhymne geweckt.
Meine Uroma wurde, soweit ich wusste, in Königsberg geboren. Trotzdem brüllte ich nicht jeden Morgen meinen guten Freundinnen um die Ohren, dass Russland unser geheiligtes und geliebtes Land sei.
Nachdem ich es im Studentenwohnheim nicht mehr ausgehalten hatte, dachte ich, es wäre eine gute Idee, zu Anna und Aurélie zu ziehen. Tja, falsch gedacht, konnte man da nur sagen. Wie viele Strophen hatte die Marseillaise eigentlich? Das war ja nicht auszuhalten!
„Mann, ey!“, rief ich laut und genervt und quälte mich in meiner Nachtkleidung aus dem Bett. Die bestand aus einem mir viel zu großen Männer-T-Shirt und einem weißen, eng sitzenden Slip. Nein, das T-Shirt gehörte nicht mir, sondern meinem Freund Lukas. Heute Abend wollten wir zusammen ausgehen – aber so, wie es grad aussah, würde das wohl nichts werden. Vor lauter Müdigkeit würde ich ihm wohl auf dem Hinweg vom Roller sacken. Musste Aurélie mich wirklich in aller Herrgottsfrühe wecken? Ich riss die Zimmertür auf und wankte in die Küche.
Dort wurde ich von einer arbeitenden Kaffeemaschine und meiner anderen guten Freundin begrüßt. Anna schien mindestens genauso verschlafen zu sein wie ich. Deswegen auch der Kaffee. „Morgen“, gähnte sie und streckte ihre Arme so weit aus, dass sie ihre Faust fast gegen das Fenster gehauen hätte.
„Boah, das ist ja echt nicht auszuhalten“, stöhnte ich und holte Milch und Kakaopulver aus dem Kühlschrank. „Hat sie das immer schon gemacht?“
„Eigentlich schon“, antwortete Anna. „Die ist so stolz auf ihre Wurzeln… wenn sie wenigstens singen könnte.“
In dem Moment drang ein besonders schiefer Ton in unsere Ohren. Ungefähr eine halbe Minute später stand Aurélie im Bademantel und mit Handtuchturban im Türrahmen. „Guten Morgen! Habt ihr auch so toll geschlafen wie ich?“
Mit den Blicken, die wir ihr darauf zuwarfen, hätte man sie töten können.

Am Nachmittag fuhr ich in mein angestammtes Zuhause, was wahrscheinlich neunzig Prozent aller Studenten, die nicht mehr bei ihren Eltern wohnten, regelmäßig taten. Es gab Leute aus meinem alten Abijahrgang, die dafür ein paar hundert Kilometer Fahrt auf sich nehmen mussten. Aus Berlin, München, Braunschweig mussten sie anreisen. Ich hingegen nahm nur eine knappe Stunde Fahrt auf mich.
Zu Hause war zur Zeit richtig viel los. Meine Schwester Lea war inzwischen hochschwanger und würde Anfang nächsten Monats wahrscheinlich entbinden. Es musste wahnwitzig viel Babyzeug eingekauft und Leas altes Zimmer umgestaltet werden. Gero sollte in Zukunft auch bei uns im Haus wohnen – und bald würde auch noch ein ganz neuer Erdenbürger dazukommen.
Klar, dass da so einiges abging. Beim Essen wurde es jedenfalls, das kann ich ganz sicher sagen, nicht langweilig.
Als ich ankam, war es schon fast fertig. Wie ich schon an der Tür riechen konnte, hatte Oma diesmal gekocht. Deswegen öffnete auch nicht sie mir die Tür, sondern Lea mit ihrem dicken Bauch. „Hallo, Schwesterchen!“, begrüßte sie mich und versuchte, mich zu umarmen, was nur bedingt klappte. „Es gibt gleich Essen.“
In der Küche saßen bereits Gero und meine Eltern. Ich ließ mich auf einem der drei übrigen Stühle nieder. „Wo ist denn Paul?“, fragte ich.
„Gute Frage“, entgegnete Mama. „Er wollte eigentlich zum Mittagessen von seinem Freund zurück sein.“ Sie sah auf die Uhr. „Also, so langsam…“
Oma hatte das Essen fertig gekocht und stellte die Töpfe nach und nach auf den Tisch. „Das passiert ihm in letzter Zeit immer häufiger. Ständig kommt er zu spät!“
„Na, wie geht denn der Umbau voran?“, erkundigte ich mich bei Lea und Gero und nahm einen Löffel von meiner Suppe.
„Ach, hör mir doch auf!“, brummte Lea, verdrehte die Augen und füllte sich nun ihrerseits den Mund mit Essen. „Wir wären bestimmt schon fertig, wenn es nicht gewisse Leute gäbe, die Entscheidungen immer wieder verzögern würden.“ Sie funkelte Gero böse an. „Was denn?“, rief der Angesprochene. „Ich finde es nun einmal total überholt, solche blöden Klischeefarben für Kinderzimmer zu benutzen. Du kannst doch nicht ernsthaft verlangen, dass das Babyzimmer rosa gestrichen wird!“
„Wieso nicht?“, entgegnete Lea. „Ich finde das total schön. Und unser Kind sicher auch.“
„Das wird eher gegen die Tapete reihern“, brummte er und zog die Augenbrauen hoch.
„Gero!“, entfuhr es mehreren Leuten am Tisch. „Jetzt regt euch doch nicht so auf! Was ist denn so falsch an Rosa? Zur Not könnt ihr die Wände ja abwechselnd streichen.“ Wie üblich versuchte meine Mutter, die Gemüter zu beruhigen. Dies schaffte sie zunächst auch, aber der Erfolg war nur von kurzer Dauer, da meine Großmutter irgendwann das Wort ergriff.
Sie war jemand mit sehr traditionellen Wertvorstellungen. In einer Zeit groß geworden, als Männer ihren Frauen noch verbieten konnten, zu arbeiten, und über ihr Vermögen verfügen durften. In einem Dorf aufgewachsen, in dem man selbstverständlich katholisch zu sein und vor jeglichen auf Kinder hinauslaufenden Aktivitäten erst zu heiraten hatte. Dass Lea so urplötzlich schwanger geworden war, war eine Katastrophe für sie – und das erklärte auch, was sie jetzt sagte:
„Habt ihr eigentlich schon über einen Termin für die Hochzeit nachgedacht?“ Ihre Stimme klang ganz normal.
Lea und Gero hoben allerdings ihre Köpfe und sahen sich an. Man sah förmlich in ihren Gesichtern, dass das Wort „Hochzeit“ noch nie Eingang in ihre Gedanken gefunden hatte. Dementsprechend echoten sie: „Für die Hochzeit?“
„Ja, natürlich! Jetzt, wo ihr ein Kind erwartet, müsst ihr doch heiraten!“
„Was hat denn das bitte damit zu tun?“, fragte Lea. „Heiraten ist doch heutzutage total überholt. Ein Relikt aus einer total anderen Zeit!“
„Es ist überhaupt nicht überholt! Es ist richtig und notwendig, dass ihr heiratet. Eure Beziehung soll doch Hand und Fuß haben! Und überhaupt, was sollen denn die Leute denken?“
Ein Satz, bei dem Lea – wie auch ich übrigens – traditionell ausflippten. Meine Schwester echauffierte sich: „Wenn Gero mich verlassen will, ist es egal, ob wir verheiratet sind oder nicht. Und es ist mir scheißegal, was die Leute denken!“
„Lea!“, entfuhr es meiner Mutter ob des Schimpfwortes.
„Ich halte doch nicht an irgendwelchen vertrockneten Wertvorstellungen von irgendwem fest“, fuhr Lea fort. „Und wenn wir uns wirklich lieben, brauchen wir nicht unbedingt verheiratet zu sein!“
„Ihr tut ja so, als hättet ihr die Weisheit mit Löffeln gefressen! Absicherung ist euch wohl gar nichts wert?“, rief meine Oma. Woraufhin Lea stöhnte und Gero noch weiter auf seinem Stuhl in sich zusammensank. Der Arme. Er sagte auch nichts, obwohl er zweifellos dieselbe Meinung wie Lea hatte.
„Ich muss dir wirklich sagen, dass –“, setzte meine Schwester zu einer erneuten Verteidigungsrede an, wurde aber genau in diesem Moment von der Türklingel unterbrochen. „Oh, wer könnte das denn sein?“, fragte sich meine Mutter. „Ich mach mal auf.“
Ich hörte, wie die Tür aufging und Mama ein „Hey, Mama, sorry, dass ich zu spät bin“ entgegenkam. Es wurden Schuhe abgestreift und dann stand er in der Tür, mein Bruder.
Er sah aus wie die nervigen Halbwüchsigen, die morgens immer lautstark Handymusik durch die Straßenbahn jagten. Auf dem Kopf trug er ein dunkelblaues Cap, am Körper eine viel zu große Sweatjacke und eine Hose, die so weit war, dass sie eigentlich auf dem Boden hätte hängen müssen. „Hi, Leute!“ Jetzt klingelte auch noch sein Handy. Und natürlich war es einer von den Tönen, die ich in der Bahn immer vermeiden wollte. „Hey, Alter… ne, ich kann grad nicht… ja, ruf mal gleich zurück… ja, ciao, Mann.“ Er legte auf und steckte das Handy zurück in seine Tasche.
„Wo kommst du denn so spät her? Wir hatten ausgemacht, dass du pünktlich zum Essen kommst“, regte sich Mama auf. „Und wer hat dir überhaupt erlaubt, Klingeltöne auf dein Handy herunterzuladen?“
„Mann, stress nich‘!“, meckerte Paul und wollte sich an den Tisch setzen, doch bevor er das tun konnte, wurde er von Oma aufgehalten.
„Junger Mann“, sagte sie, „sprich nicht so mit deiner Mutter! Auch du hast gewisse Regeln einzuhalten.“
„Oh Mann, auf das Gemecker hab ich keinen Bock“, brummte mein kleiner Bruder, schnappte sich den bereits vorbereiteten Teller mit Suppe und verzog sich.
Meine Mutter guckte ratlos alle im Raum Anwesenden an, zuletzt mich. „Herzlichen Glückwunsch, Mutter, dein Sohn ist in der Pubertät“, bemerkte ich, klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter und ging ebenfalls.

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Meine letzten vier Tage

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Die Woche fing sehr gut und sehr aufregend an. Montagmittag konnte ich endlich die Hausarbeit abliefern, die mir das Wochenende versaut hatte. Und abends ging es in die Stadt, die es nicht gibt, und ich sah mir meinen  zweitliebsten Rockstar an, den ich seit meiner Grundschulzeit vergöttere. Ihr wollt mir nicht glauben? Dann seht selbst:

https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/13952799507/

Die Musik war klasse. Ich muss sie mir unbedingt noch besorgen – das Tour-T-Shirt habe ich bereits. Und ich schwöre es euch: Er hat mich angelächelt. Als er eine Country-Rock-Version von “Don’t you want me” (Human League) anstimmte und ich eine der in diesem Augenblick relativ wenigen begeistert mittanzenden Menschen im Publikum war. Ich bin glücklich.

Mittwochvormittag konnte ich mir im Rahmen des Seminars “Praktische Filmanalyse” den Film “Die zwölf Geschworenen” ansehen. Und ich kann ihn nur weiterempfehlen. Die Atmosphäre, die während der Beratungssitzung herrschte, war bedrückend. Es war bedrückend, wie sich bis fast ganz zum Schluss einige Leute der Wahrheit verschließen wollten und ihre Beschränktheit zeigen. Der Film war spannend. Ich würde ihn durchaus noch mal ansehen.

Zum Abschluss noch was zum Lachen: Ich bin heute, wie immer, wenn ich mehrere Tage hintereinander keine Uni habe, zu meinem Freund gefahren. Im Hauptbahnhof meiner Stadt wunderte ich mich darüber, dass, als ich ankam, kein einziger Zug Verspätung hatte. Zwei Sekunden später das hier:

https://www.flickr.com/photos/100511533@N08/14139492505/in/photostream/

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

PS: Danke für die aufmunternden Worte, die auf meinen letzten Blogeintrag folgten. Soll ich den vierten Teil der Sara-Reihe hochstellen?

Krümelmonster, Teil 3

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Nachdem Aurélie gegangen war, wollte ich nur noch Ruhe und Frieden. Ich hatte bereits so einen stressigen Tag gehabt, und jetzt kamen auch noch ihre Probleme dazu. Es war wie in diesem Beatsteaks-Song, den Lea so gerne mochte: I got a whole bag of trouble to be taken away.

Am besten entspannen konnte ich immer, wenn ich meine Lieblingsmusik hörte. Ich drehte Muse auf, stellte den Repeat-Modus ein und schmiss mich aufs Bett.

Far away

The ship is taking me far away

Far away from the memory

Of the people who care if I live or die…

Auf einmal wummerte es an der Zimmertür und ich wachte auf. Wie, ich wachte auf? War ich etwa eingenickt? Musste wohl so sein. Wer wummerte an meiner Tür? Ich ahnte schon, wer es war, und als ich die Tür aufschloss, bestätigte sich meine Vermutung.

Kati hätte fast auf meinem Kopf weitergeklopft. „Hey, dreh mal deinen Scheiß leiser, du bist hier nicht alleine!“

Sie klang wie meine Mutter. „Was? Ich kann dich nicht hören!“

„Ich sagte: Dreh deinen Scheiß leiser!“

„Tut mir Leid, ich kann dich nicht verstehen. Aber sprich mit meiner Hand, wenn das Gesicht dich nicht verstehen kann!“ Ich hielt der Tusse meine Hand entgegen und rollte nach einigen Sekunden die Finger an. „Oh, tut mir Leid, sie wollen dir wohl nicht zuhören. Kein Wunder!“

Mit den Worten knallte ich Kati die Tür vor der Nase zu und erfreute mich an ihrem Wutschnauben, das ich noch durch die Tür hörte.

Am Wochenende fuhr ich mit dem Zug nach Hause. Ich hatte mit Lea verabredet, dass sie mich vom Bahnhof abholte. Als ich etwas zu spät ankam – der Regionalzug war ständig zu spät! –, stand Lea bereits am Gleis und wartete auf mich. Sie hatte einen dicken Burger in der Hand und das erste, was sie zu mir sagte, war: „Mmm, Fara!“ Sollte wohl so was heißen wie Hallo, Sara. Ich verstand es nicht.

Nachdem sie mich mit nur einem Arm umarmt hatte, gingen wir nebeneinander zum Auto. Immer noch kauend erklärte sie mir, dass sie unheimlichen Appetit hatte und deswegen mit etwas zu essen angekommen war.

Verständlich. Als sie dann auch noch während der Fahrt ständig an einem Riesenmuffin nagte, fand ich das Ganze aber langsam bedenklich.

„Ist es wirklich so schlimm? Du überfährst gleich noch ’nen Fahrradfahrer!“, rief ich.

„Wenn es nicht so schlimm wäre, würde ich auf darauf verzichten. Reich mir mal den Becher im Fußraum“, befahl sie mir. Stirnrunzelnd hielt ich ihr den mit einem Strohhalm versehenen Becher hin und sie schlürfte.

Zu Hause angekommen, stellte sie fest, dass sie ihren Hausschlüssel vergessen hatte, also klingelte sie, immer noch schlürfenderweise.

Oma öffnete Lea und mir die Tür. Und was mich wirklich verwunderte: Sie steckte in einem weiten Rock und einem blauen T-Shirt, beide waren mit Farbe besprenkelt.

„Hallo, Sara! Schön, dass du wieder zu Hause bist!“, rief sie sogleich und umarmte mich herzlich.

Was war denn jetzt los? Das hatte sie früher nie getan.

„Du musst gleich ins Wohnzimmer kommen und dir mein neues Bild ansehen.“

„Wie? Was für ein Bild hast du dir denn gekauft?“

„Selbst gemalt, du Dummerle! Guck mal!“ Oma führte mich ins Wohnzimmer und zeigte auf eine Staffelei mit Leinwand. Darauf waren Sonnenblumen in einer blauen, bauchigen Vase zu sehen. Das Ganze hatte irgendwie etwas Impressionistisches an sich. Früher im Kunstunterricht wurde uns ein Bild gezeigt, das mit der so genannten Kommatechnik gemalt wurde. Daran musste ich denken, als ich dieses Bild sah.

Dadurch wurden auch die Farbspritzer auf Omas Klamotten erklärt, die im Übrigen hauptsächlich gelb und blau waren.

„Sieht schön aus“, sagte ich. Oma bedankte sich.

Dann ging sie Richtung Küche. „Komm, es gibt gleich Essen. Heute hat dein Vater gekocht!“ Wie ungewöhnlich. Es roch irgendwie nach Suppe, aber auch nach Milch, genau konnte ich das nicht sagen.

Als ich in der Küche stand, erlebte ich die nächste große Überraschung. Mama saß da. Das war zunächst nicht weiter neu, aber sie hatte ultraviolette Haare, die kürzer waren als meine, und meine Haare gehen mir nur bis zu den Ohrläppchen. Dazu trug sie noch so lange, filigrane Ohrringe mit Federn dran.

„Hallo, Mama, du siehst ja ganz anders aus…“, begrüßte ich sie total verdattert.

„Ja, nicht?“ Sie lachte. Ich hatte schon länger Lust auf eine Typveränderung. Und da geh ich neulich an so einem Frisörsalon vorbei und denke mir: Warum nicht? Die Ohrringe gab’s im Laden nebenan.“

„Sieht schön aus…“, sagte ich. Mama bedankte sich.

„So“, Papa setzte sich zu uns an den Tisch, „ich hoffe, die Milchsuppe, die ich gemacht hatte, schmeckt euch! Ich hab das Rezept mal im Kochbuch gesehen.“

Milchsuppe? Das klang höchst ungewöhnlich. Vielleicht so etwas wie Milchreis. Doch als ich den ersten Löffel nahm, wurde ich überrascht. Das Ganze schmeckte herzhaft… und ziemlich gut. Ich aß noch einen Teller und nahm dazu ein bisschen der Tofuwurst, die extra für mich gekauft wurde.

„Schmeckt echt gut“, sagte ich. Papa bedankte sich.

„Sag mal, wann wollte dein Freund noch mal vorbeikommen?“, fragte Oma. Lea antwortete, in einer Stunde wolle er da sein.

„Prima, dann kann er mir ja gleich bei diesem doofen Internetanschluss helfen.“

„Du kriegst Internet?“, fragte ich total erstaunt. Ich hatte bis jetzt nicht mal gewusst, dass Oma einen Computer hatte.

„Ja, denkst du denn, ich will hinterm Mond leben, nur weil ich seit einigen Jahren in Rente bin?“ Oma lachte. „Ich finde es wirklich interessant, was es da so alles gibt. Ich kann mir sogar Rezepte aus dem Internet aufschreiben, wenn diese Verbindung endlich mal steht.“

Ich sagte eine Weile erst mal nichts mehr. Ich war zu überrascht von all den Vorfällen, die sich hier ohne mein Wissen ereignet hatten. Ich krieg echt nichts mehr mit, dachte ich nur noch.

Lea war immer noch total hungrig. Sie aß ganze drei Teller der Milchsuppe und hatte sich dabei Unmengen an Salami hereingeschnippelt. Zuerst guckten unsere Eltern und unsere Oma nur ganz verwundert. Doch nach dem fünften Glas Apfelsaft sagte Mama: „Was ist denn heute mit dir los? Du frisst ja wieder wie ’ne siebenköpfige Raupe.“

„Haha, unheimlich komisch. Und ich dachte, ich wär den Spruch endlich los“, brummte Lea. Meine Güte, was war das denn? Sonst war sie doch nicht so schlecht drauf.

Das dachte auch unser Vater, denn er rief: „Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“

Und Oma fügte hinzu: „Wenn du weiter so das Essen in dich reinschlingst, wirst du noch krank, Kind!“

„Was kann ich denn dafür, wenn ich so viel Appetit habe?“, brauste Lea auf. „Kann ich doch nichts für.“

Oma vermutete, dass meine Schwester krank war, und empfahl ihr, zum Arzt zu gehen. „Das geht doch schon seit Tagen so. Warte mal, ich hab hier irgendwo noch Pillen gegen Verstopfung…“ Sie stand auf.

„Wieso glaubt eigentlich jeder hier, dass mit mir irgendwas nicht in Ordnung ist? Alles ist super!“, schrie Lea und verließ fluchtartig die Küche. Natürlich nicht, ohne die Küchen- und kurz darauf auch die Zimmertür zuzuknallen. Wenig später war aus ihrem Zimmer laute Musik zu vernehmen. Irgendetwas Rockiges.

„Wisst ihr, was mit ihr los ist?“, fragte Mama. Wir anderen schüttelten die Köpfe. Zirka fünf Minuten später ging ich zu ihr ins Zimmer. Es war allerdings die Tür abgeschlossen.

„Komm, Lea, lass mich rein!“, rief ich gegen die laute Musik an und klopfte gegen die Tür. Zuerst blieb die Tür verschlossen.

„Komm, Lea, ich bin’s, Sara!“

Sie machte auf. Ich stand in ihrem Zimmer, in dem mehrere Packungen dieser sauren Fäden herumlagen, oder wie man dieses Fruchtgummi noch gleich nannte. Die liebte Lea.

Meine Schwester schmiss sich mit dem Gesicht nach vorne auf ihr Bett. Nach einigen Minuten fing sie merkwürdig an zu zucken. Ich schloss schnell die Tür.

„Lea, was hast du denn?“, fragte ich sie. Keine Antwort. Ich strich ihr über den Rücken.

„Lea?“

Jetzt drehte sie sich um und ich sah, dass sie weinte. „Ich will nicht sterben!“

„Hey, wieso das denn? Du musst bestimmt nicht sterben, keine Angst!“

Immer noch schluchzend setzte sie sich auf und erzählte mir die Geschichte.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 6

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Die besten Ideen bekommt man immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Wer hatte das noch mal gesagt? Es wollte mir nicht mehr einfallen. Aber das war ja eigentlich auch egal. Voller Tatendrang fuhr ich, so schnell ich konnte, nach Hause und stürmte in Leas Zimmer.

„Hey, was soll das, ich lackiere mir grade die Fußnägel!“, beschwerte sich Lea. Aber das kümmerte mich nicht im Geringsten.

„Ich habe den perfekten Plan, wie wir unsere Familie wieder zur Vernunft bringen.“

„Familie! Hör mir damit auf! Du kannst froh sein, dass du für eine Weile abgehauen bist. Gemütlicher ist es hier nicht gerade geworden“, berichtete sie.

Ich rief: „Hör doch mal. Ich habe eine Idee. Wie würde es Oma und unseren Eltern denn gehen, wenn wir auf einmal weg wären?“

„Hä, wie meinst du das denn?“

„Du weißt doch, dass ich mir bald einen Job suchen sollte, wenn ich mit der Schule fertig bin. Und du hast selbst gesagt, dass du lieber ausziehst, als den Krach hier noch weiter mitzumachen.“

„Du meinst, wir sollen hier ausziehen? Und was soll das bringen?“

„Nein, nicht nur einfach ausziehen. Ich hab da nämlich so eine Idee…“

Der Plan, den ich gefasst hatte, musste schnell realisiert werden. Nachdem Lea anfangs skeptisch gewesen war, hatte ich sie schnell für mich gewinnen können und sie hatte mir bei der Endausarbeitung des Plans geholfen.

In meinem Auftrag hatte sie bei der Nummer angerufen, die ich mir aufgeschrieben hatte, und uns die Wohnung für einen Monat besorgt. In der Zwischenzeit hatte ich mir den Job beim Fastfoodrestaurant geholt. Lea konnte coolerweise auch mit anfangen.

Der günstigste Zeitpunkt zur Vollendung des Plans war einige Tage später, am frühen Nachmittag, wenn Paul bei seinem Kumpel war, Mamas Mittagspause bereits geendet hatte, Papa noch in seiner Kanzlei arbeitete und Oma gerade zum Reha-Sport unterwegs war. Und es musste wirklich verdammt schnell gehen. In der Eile, in der Lea und ich unsere Sachen packten, fielen wir ein Dutzend Mal übereinander, rempelten uns an oder fauchten uns an.

„Wo ist mein grünes T-Shirt?“, rief ich beispielsweise.

„Woher soll ich das wissen?“

„Hast du es dir nicht mal ausgeliehen? Und nicht zurückgegeben? Hab ich mir ja gleich gedacht.“

„Ich hab dein blödes T-Shirt nicht. Aber was ist mit meinem pinken Lippenstift?“

„Lenk nicht ab! Außerdem würde ich so eine Farbe nie im Leben benutzen.“

„Ach was, ich glaube du hast aaaaaaaaaah…“ Lea fiel über einen der Kartons, die uns ihr Freund besorgt hatte, mit dem Gesicht steil in einen anderen Karton herein. Mühsam rappelte sie sich auf und zog das gesuchte Teil aus dem Karton. „Hier ist dein blödes T-Shirt. Und jetzt beeil dich, sonst sind wir nie fertig, bevor Oma kommt.“

Wir rannten hin und her.

Schlussendlich standen wir vor dem Transporter, der uns ebenfalls von Leas Freund zur Verfügung gestellt worden war, und sahen uns an.

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee war?“

„Aber klar. Jedenfalls ist doch sicher, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Extreme Situationen erfordern extreme Maßnahmen.“

Lea setzte sich ans Steuer, ich auf den Beifahrersitz und weg waren wir.

Natürlich nicht, ohne einen Brief da zu lassen. Er ging folgendermaßen:

Hallo Mama, hallo Papa, hallo Oma.

Wenn ihr diesen Brief lest, sind wir schon weg. Wir haben beschlossen, auszuziehen, weil wir es hier einfach nicht mehr aushalten. Wir werden ab und zu vorbeikommen, um im Haushalt zu helfen. Aber zu euch zurückkommen werden wir erst, wenn ihr aufhört, euch ständig zu streiten.

Lea und Sara.

„Meine Güte, ich bin so kribbelig, ich weiß gar nicht, was ich machen soll!“, rief Lea, als wir uns in der karg wirkenden Wohnung auf den Badezimmerboden setzten.

„Blas die Luftmatratzen auf“, befahl ich ihr. Die hatten wir als Notbetten mitgenommen. In der Zeit, in der Lea sich die Seele aus dem Leib prustete, telefonierte ich mit der Band.

„Hallo, Larry am Rohr?“, meldete sich der Sänger, der, wie ich neulich gehört hatte, dringend seine Miete bezahlen musste.

„Hey, hier ist Sara. Die von neulich Abend. Ihr sucht doch dringend eine Auftrittsmöglichkeit, oder?“

„Korrekt. Und du hast eine, oder was?“

„Genau. Ich habe mit einem Mädel aus meinem Jahrgang gesprochen, das für die Abiballband zuständig ist. Zufällig habe ich ihre Telefonnummer. Soll ich sie dir geben?“

„Sieht das Mädel gut aus?“ Lachen am anderen Ende der Leitung. „Nein, war nur Ulk. Gib sie mir mal. Ich hab was zu schreiben.“

„3-4-4-6-7. Das ist sie. Dann melde dich mal bei ihr, wir suchen wirklich dringend eine Abiballband.“

„Supi. Dann bis die Tage.“

„Auf Wiedersehen.“

Es war das Letzte, was ich sagen konnte, bevor irgendjemand an der Tür Sturm klingelte, mehrmals laut anklopfte und schrie: „Macht sofort die Tür auf! Ich weiß, dass ihr da drin seid!“

Oh oh. Das war nicht nur irgendjemand, das war unser Vater. Jetzt endlich hatte er seinen Hintern aus dem Sessel gekriegt, auf dem er immer Zeitung las und sich aus allem heraushielt. Aber ich wusste, dass das jetzt nicht unbedingt gut war.

Lea und ich sahen uns an. Ein bisschen war es wie damals, als wir uns in Paris im Klo eingeschlossen hatten und Frau Lacombe nach mir gerufen hatte.

Einen Augenblick lang war es ganz still.

Dann wieder Türenklopfen und laute Rufe: „Lea, Sara, macht sofort die Tür auf!“ Diesmal von unserer Mutter.

„Sollen wir jetzt aufmachen oder nicht?“, flüsterte ich.

„Natürlich, genau darauf haben wir doch gewartet“, erwiderte meine Schwester und zog mich entschlossen zur Wohnungstür.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 3

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Ich war unheimlich erleichtert, als ich am Nachmittag endlich die Bücher zuklappen und zum Treffen mit meinen besten Freundinnen fahren konnte.

Treffpunkt war der Platz des 20. Juli. Hier wollten wir uns treffen und zusammen in der nächsten Eisdiele einen Becher essen. Doch als ich an der großen Stauffenberg-Statue in der Mitte des Platzes ankam, saß unter ihr nur Anna.

„Wo ist Aurélie?“

„Hat mir vor fünf Minuten per SMS abgesagt. Angeblich ein Zahnarzttermin. Aber daran glaube ich irgendwie nicht.“

„Du meinst, sie könnte…?“

„Ja, genau.“

Wir gingen in die Eisdiele. Während wir auf unsere Eisbecher warteten, besprachen wir die Lage.

„Findest du es nicht auch merkwürdig, dass Aurélie sich gestern mit Freddy getroffen hat, ohne uns was zu sagen?“

„Eigentlich schon. Aber vielleicht hatte sie auch einfach denselben Gedanken wie wir. Und immerhin findest du ja Freddy ziemlich seltsam, da brauchst du mir gar nichts zu erzählen. Kein Wunder, dass sie uns da nichts erzählt hat.“

„Schon gut. Ich sag ja auch gar nichts dagegen, aber…“ Hilflos zuckte Anna mit den Schultern. „Wieso erzählt sie uns nichts davon? Hat sie irgendwelche Geheimnisse vor uns oder was?“

Die Eisbecher kamen. Während ich den ersten Löffel meines Erdbeer-Spezials nahm, gab ich zu bedenken: „Muss sie uns denn alles erzählen? Ich kläre dich doch auch nicht im Detail darüber auf, was ich tue, wenn du nicht da bist!“

„Na ja, eigentlich –“, wollte Anna einwerfen, doch ich hörte nicht zu, weil ich in diesem Augenblick zwei Menschen in die Pommesbude gegenüber gehen sah. Es waren ein Mädchen und ein Junge. Das Mädchen hatte braune Haare und trug eine rote Baskenmütze und der Junge hatte orangefarbene Stoppelhaare sowie ein schwarzes Metallica-T-Shirt.

Aurélie und Freddy! Ich glaubte es nicht.

Schnell zerrte ich Anna herunter, denn die beiden schauten gerade Richtung Eisdiele.

„Ich glaube es nicht!“

„Wieso, was ist denn los?“ Anna wollte sich wieder normal hinsetzen, doch ich zerrte sie wieder herunter.

„Da drüben! In der Pommesbude!“

„Hm?“ Vorsichtig richteten wir uns auf und lugten über den Rand unserer Sitzbank auf die andere Straßenseite.

Dort sahen wir, wie Freddy und Aurélie sich angeregt unterhielten. Sie gestikulierten beim Reden wild mit ihren Händen und ab und zu lachte Aurélie.

„Ich fass es nicht!“ Wütend drehte Anna sich um, was bei ihr eher selten vorkam, und rammte ihren Löffel in den Eisbecher. „Uns sagt sie, sie ist beim Zahnarzt, und dann trifft sie sich mit diesem Typen!“ Sie schlang einige Löffel hastig herunter.

„Hey, du redest von meinem besten Kumpel!“, rief ich. „Aber eigentlich hast du Recht. Langsam kommt mir die Sache auch spanisch vor. Und dass sie sich heimlich treffen, anstatt uns davon zu erzählen, kommt mir sogar portugiesisch vor.“

„Mir geht es genauso.“ Anna sah sorgenvoll zu den beiden hinüber. „Du, Sara?“

„Was?“

„Denkst du, was ich denke?“

„Was denkst du denn?“

„Glaubst du, die beiden haben etwas miteinander?“

Das Ganze erschien mir so abwegig, dass ich nicht anders konnte, als lauthals loszulachen. Als die anderen Gäste mich anstarrten, versuchte ich mich wieder einzukriegen. Das allerdings mit wenig Erfolg.

„Das wäre immerhin ein Grund, warum die beiden so heimlich tun“, gab Anna zu bedenken.

„Aber die beiden passen doch überhaupt nicht zusammen. Oder weißt du irgendwas von französischen Wurzeln bei Freddy?“, versetzte ich. Leider war Aurélie ihre Frankreich-Manie nach der Parisfahrt trotz Wein-Vollrausch nicht los geworden.

„Keine Ahnung. Ich wüsste allerdings einen anderen Grund…“

„Und der wäre?“

„Na ja… du weißt doch, ich kann nicht so viel mit ihm anfangen… Ich finde ihn aber nicht dumm, wirklich!“, beteuerte Anna.

„Schon gut.“ Ich schaute auf die Uhr, die mit italienischen Zahlwörtern beschrieben war, und nahm einen Löffel meines Erdbeer-Spezials. „Wir fragen sie morgen nach der Prüfung einfach mal. Und vielleicht liegen wir mit unserer Vermutung ja auch total falsch. Bestimmt gibt er ihr auch einfach nur Nachhilfe.“

„Ja, in Französisch.“ Sie zog eins ihrer unteren Augenlider nach unten.

„Sehr witzig.“

Zu Hause war es nicht gerade gemütlicher geworden. Oma saß mit Paul am großen Esszimmertisch und erledigte dort mit ihm die Mathe-Hausaufgaben. Unsere Oma ist eine Frau, die sehr schnell – warum auch immer – ihre Geduld verliert. Als ich wieder nach Hause kam, versuchte sie gerade, Paul Subtraktionsübungen zu erklären.

Nun ist es ja verständlich, dass ein Siebenjähriger keine Lust darauf hat, stupide Rechnungen zu machen, vor allem, wenn der Lieblingskumpel gleich vorbeikommt. Oma brachte das allerdings sofort auf hundertachtzig.

„Paul, wie viel sind sieben minus zwei?“

„Weiß nicht“, sagte Paul ungnädig und schaute aus dem Fenster auf die Straße, in die Richtung, aus der gleich sein Kumpel kommen musste.

„Paul! Pass auf, hier spielt die Musik! Du sollst dich jetzt nicht um Chris kümmern, sondern um deine Hausaufgaben! Es gibt kein Spielen, bis du hiermit fertig bist!“

„Ach, menno“, brummte Paul und aus dem Wohnzimmer kam ein müdes „Elisabeth!“. Von meinem Vater.

Ich fand, wenn er nicht damit zufrieden war, wie seine Mutter mit seinem Sohn umging, sollte Papa mehr tun, als einmal hinter seiner dämlichen Tageszeitung hervorzugucken und „Elisabeth!“ zu rufen. Doch ich sagte es ihm nicht.

Mama traute sich auch nicht, etwas einzuwenden. Vielleicht klammerte sie sich auch einfach nur an ihren letzten Rest Selbstbeherrschung. Jedenfalls zog sie nur die Augenbrauen hoch, während sie sich weiter um ihre Praxisunterlagen kümmerte. Das fand ich irgendwie auch nicht gut.

Ich wollte ins Zimmer gehen, aber dann bekam ich noch mit, wie Oma Paul danach fragte, wie viel denn nun sieben minus zwei seien, Paul wieder entgegnete, er wisse es nicht, und Oma daraufhin endgültig die Nerven verlor. Und wie immer, wenn das passierte, gab sie ihrer Schwiegertochter die Schuld.

„Das kann doch nicht wahr sein, Paul! Weil wir dir erlaubt haben, nachher noch mit Chris zu spielen, hast du keine Lust, die Hausaufgaben zu machen! Wenn es nach mir ginge, dürftest du ihn heute gar nicht mehr sehen. Aber deine Mutter hat es dir ja erlaubt.“

An dieser Stelle sah Mama kurz auf, versuchte aber, sich unbeeindruckt zu geben.

„Ja, genau, Monika! Kümmer du dich doch um deinen Sohn, anstatt dich hinter deinen Unterlagen zu verstecken! Ich habe keinen Nerv mehr dafür! Dein Sohn respektiert einfach nicht, was ich für ihn tue. Das hat er von dir!“

„Was soll das denn bedeuten?“, fragte Mama pikiert.

Na toll. Der nächste Familienstreit rollte über uns. Bevor Paul das noch mal mitmachen musste, schnappte ich mir ihn und seine Schulsachen und wir verzogen uns in sein Zimmer.

Jetzt teilte sich mein Inneres in zwei Teile. Der eine Teil saß mit Paul am Schreibtisch und erklärte ihm mit Hilfe von seinen Murmeln, wie er rechnen musste. Der andere Teil dachte über die familiäre Situation nach und lauschte dem Gebrummel der Altvorderen aus dem Esszimmer.

Im Grunde war jetzt wieder alles wie vor einem Jahr. Oma brachte Mama gegen sich auf und hielt sie für eine durchgeknallte, selbstsüchtige Kuh, brachte dabei immer wieder dieselben Argumente ein. Papa war zu schüchtern und zu desinteressiert, um sich gegen Oma aufzulehnen und nahm deswegen ihre Position ein. Mama fühlte sich von allen allein gelassen und wurde trotzig wie ein kleines Kind. Und wir Kinder mussten es ausbaden. Lea vernachlässigte die Uni und den Haushalt, Paul die Schule, und ich traf mich lieber mit hinterhältigen Burschen, anstatt eine ordentliche Abiturvorbereitung hinzulegen. Alles genau wie vor einem Jahr. Wieso nur? Hatte es sich für Mama überhaupt gelohnt, wieder mit der Arbeit anzufangen, wenn doch eh alles beim Alten geblieben war? Und gab es tieferliegende Gründe für den Streit?

Oma war in einer Zeit groß geworden, in der Frauen noch längst nicht so viele Rechte hatten wie heute. So viel ich wusste, hatte Oma nur einen Realschulabschluss machen dürfen. Hatte sie nicht auch mal erzählt, dass Opa ihr damals verboten hatte, einen Job anzunehmen? War das am Ende der Grund, warum sie so verbittert war?

„Fertig!“, rief Paul mitten in meine Überlegungen hinein und er sprang auf, rannte zur Tür, die gerade geklingelt hatte.

Super. Ich war im Augenblick sowieso zu nachdenklich, um ihm noch weiter zu helfen.