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Schlagwort-Archive: Tante Marie

Bedeutungsschwanger, Teil 9

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Lea saß auf einem der Stühle im Waschraum und hielt sich den Bauch. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte ich besorgt.
Gequält lächelte meine Schwester und sagte: „Jaja, alles gut. Ich hab mich wohl nur übergessen. Ich geh jetzt nur einmal“, sie zeigte auf die Kabinentüren, „und dann geht es mir sofort wieder besser.“
„Na, wenn du meinst. Ich geh schon mal wieder, okay?“
„Ja, bis gleich.“
Wieder im Saal setzte ich mich zu Gero an den Tisch, wo sein Vater gerade einige interessante Geschichten erzählte, unter anderem, wie ihm Lea vorgestellt wurde.
„Ich weiß noch genau, wie du sie zum ersten Mal mit nach Haus gebracht hast“, meinte er. „Ihr habt zusammen mit uns Mittag gegessen und dann bist du ganz schnell mit ihr auf dein Zimmer gegangen. Konntest wohl gar nicht abwarten.“ Er boxte seinen Sohn leicht in die Rippen. „Und dann hast du dich hinterher noch so beschwert, dass deine Mutter so oft ins Zimmer gekommen ist, zum Gucken.“
„Ja, das stimmt.“ Gero lächelte. „Apropos, wo ist Lea eigentlich? Sie wollte doch nur kurz auf Toilette gehen.“
„Ja, da habe ich sie auch vorhin getroffen“, erklärte ich. „Sie hatte wohl irgendwie Bauchschmerzen. Aber eigentlich…“ Ich schaute auf die Uhr. „Ich schau wohl besser mal nach ihr.“
„Ja, bis gleich.“
Auf der Damentoilette fand ich sie dann. Wohl irgendwie Bauchschmerzen war für ihren Zustand noch viel zu wenig gesagt. Sie hing da auf der Toilette, mit heruntergeklapptem Deckel übrigens, und die Kabinentür war nicht mal zu. Sie stöhnte und hatte zugekniffene Augen.
„Großer Gott, Lea, was ist los?“, fragte ich.
„Ach, nichts“, bemühte sie sich, hervorzubringen, „geht schon gleich wieder.“
„Das nehm ich dir keine Sekunde ab.“
„Mir ist kalt!“
„Okay, dann müssen wir…“
„Oh, jetzt ist mir heiß!“
„Warte, dann gehen wir zum Waschbecken und…“
„Warte, jetzt ist mir weder heiß noch kalt!“, stöhnte Lea.
„Wie jetzt?“, antwortete ich verwirrt. Während ich noch darüber sinnierte, ob einem Menschen gleichzeitig heiß und kalt sein konnte, ließ sie einen Schrei los, der dermaßen laut war, dass er in punkto Dezibel sogar Paul als Baby übertraf.
Paul als Baby…
Oh. Mein. Gott.
„Du wartest hier“, befahl ich Lea, was ja besonders sinnig war, da sie sowieso nicht viel Anderes tun konnte, und rannte zu Mama. „Mama! Du musst sofort kommen! Lea ist soweit!“
Meine Mutter riss die Augen auf. „Du meinst, sie kriegt…?“
„Ja, genau!“
Sofort sprangen Mama, Papa, Gero und noch viele andere Gäste auf und rannten zur Damentoilette, um nach ihr zu sehen.

Lea lag auf dem Festtisch und schrie sich die Seele aus dem Leib. Zu zweit war sie aus der Toilette hierhin begleitet worden. Mama versuchte, ihr mit ihrem medizinischen Wissen beizustehen, bis der Notarzt kam, und gab ihr Tipps zur richtigen Körperhaltung und Atmung. Papa, der ja schon bei drei Geburten dabei gewesen war, sah ziemlich nervös aus und streichelte seiner ältesten Tochter die Stirn. Gero rannte wie ein aufgescheuchtes Huhn immer zwischen dem Tisch und der Saaltüre hin und her und rief: „Wann kommt denn jetzt endlich der Notarzt!“ Worauf Oma entgegnete: „Jetzt sei doch nicht so unruhig, junger Mann! Die kommen schon, so schnell sie können.“ Aus dem Hintergrund raunten die Gäste diverse Sachen wie Oh mein Gott, gleich ist es soweit oder Jetzt werden wir Großeltern!.
Nach einer halben Ewigkeit betraten zwei bärtige Typen, von denen der eine beträchtliches Übergewicht hatte, den Saal. Sie schauten sich Leas Werte an. „Wir schaffen es nicht mehr ins Krankenhaus, das Baby muss hier zur Welt kommen!“, informierte der Notarzt. „Das Baby kommt jetzt!“
„Pressen!“, wurde Lea immer wieder befohlen, und sie kam dem Befehl nach, mit lauten Schreien. „Ich hab eine Schulter! So, und jetzt schön weiter pressen, dann flutscht das Kleine nur so raus! Pressen!“
Immer lauter, ein letzter Schrei und schon hörten wir alle, wie ein kleiner Schreihals sich ordentlich die Lungen füllte. Das Baby wurde in eine Decke gewickelt und der Notarzt gratulierte: „Es ist da, Sie haben ein Mädchen!“ Alle applaudierten und lagen sich in den Armen ob des kleinen Mädchens, das da gerade zur Welt gekommen war.

Die Kleine und ihre Mutter wurden ins Krankenhaus gefahren, um zu sehen, ob gesundheitlich alles in Ordnung war. Natürlich waren sowohl Lea als auch das Baby kerngesund.
„Oh, ich finde, die Kleine sieht genauso aus wie ich!“, freute sich Oma.
„Eigentlich finde ich eher, dass sie wie ich aussieht.“
„Oder wie Gero.“
„Oder wie Tante Marie?“
„Boah, das hat ja ewig gedauert, bis dieses Baby auf der Welt war“, meckerte Paul und bekam dafür von Mama einen kleinen Stups.
„Ich hoffe nur, ihr lasst die Kleine auch taufen“, bemerkte Oma. Worauf Lea nur genervt erwiderte: „Mann, Oma!“
„Wie soll das Baby denn heißen?“, fragten viele der Anwesenden. Und die Krankenschwester, die wenig später ins Zimmer kam. Lea lächelte und sagte: „Sara Elisabeth.“
Ich lächelte. Oma auch.

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Krümelmonster, Teil 17

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Am nächsten Morgen wurde ich wieder von der Sonne im Auge geweckt. Doch diesmal war es keine stechende Sonne, sondern eine freundliche Sonne. Vorsichtig zog ich die Jalousien hoch. Hinter mir drehte sich Lea grunzend im Bett um. Ich setzte mich auf die Fensterbank und beobachtete die Sonne. Sie ging gerade auf und war schön orange gefärbt. Ich beobachtete gern Sonnenaufgänge. Wann hatte ich mir das letzte Mal Zeit dafür genommen? Ich war zu beschäftigt gewesen.
Jetzt starrte ich in die orangefarbene Sonne und dachte nach. Hannes hatte gesagt, er hatte nicht gewusst, wie er sich entscheiden sollte. Wusste ich das? Nein, wusste ich nicht. Was sollte ich tun?
Plötzlich zuckte ich zusammen, denn hinter mir ertönte ein lautes Gähnen. Es war eindeutig weiblich gefärbt. Als ich mich umsah, bemerkte ich, dass es meiner großen Schwester gehörte. Wem auch sonst? Ich wurde langsam paranoid, nach dieser CD-Geschichte. Ich spürte einen Stich im Herzen.
Diese Kati verteidigte ihren Hannes wirklich mit allen Mitteln, sie schreckte vor nichts zurück. Und das, obwohl er ein Schürzenjäger war, dieses Wort benutzte Oma manchmal für solche Männer. Er schaute allem hinterher, was Brüste hatte. Anna hatte ja mal erwähnt, dass er sogar einige Dozentinnen verführt hatte. Und da wollte Kati ihn wirklich noch haben? Das konnte ich, genauer betrachtet, nicht verstehen. Und wieso dachte ich überhaupt noch über ihn nach? Gut, er sah unheimlich gut aus, war wahnsinnig charmant, hatte einen tollen Humor –
„Guten Morgen! Na, wie geht’s dir?“, fragte Lea und schwang ihre Beine aus dem Bett.
„Dumme Frage. Gehen wir jetzt zur Uni?“
„Das bezog sich eigentlich eher auf dein körperliches Wohlbefinden.“ Lea suchte ihre Klamotten zusammen.
„Seit wann drückst du dich so verschwurbelt aus? Mir geht’s super, danke.“
Lea streifte das Top ab, in dem sie geschlafen hatte, und wusch sich am Becken. Nebenbei unterhielten wir uns.
„Jetzt sag mal, wer war eigentlich dieser Typ, der dich gestern entführt hat?“, fragte sie ungeniert nach. Ich zuckte zusammen. „Nun sag schon, wer ist das?“
„Hannes. Er wohnt im Zimmer neben mir.“
„Ach wirklich? Darauf wäre ich ja nicht gekommen“, versetzte Lea und lehnte sich dabei auf den Beckenrand.
„Mehr gibt es auch nicht über ihn zu sagen.“
„Wirklich nicht?“
„Nein, wirklich nicht!“, antwortete ich gereizt.
„Ja, sicher“, antwortete Lea. Ihr war anzusehen, dass sie mir nicht glaubte. Sie begann, sich ihr nach Parfüm stinkendes Zeug wieder abzuwaschen. „Also, wer ist Hannes?“
Manchmal hasste ich ihre Neugier einfach. „Also gut, er hat mich angequatscht, wir haben uns im Duschraum wiedergetroffen und miteinander geschlafen und ich hab mich in ihn verknallt, obwohl er ein verdammter Casanova ist und nichts von mir wissen will! So, bist du jetzt glücklich?“
Erschrocken ließ Lea ihr Deo fallen. Mit einem Ausbruch meinerseits hatte sie wohl nicht gerechnet. „Was? Und das hast du mir nicht erzählt?“
„Nein, du hattest doch viel schlimmere Probleme. Übrigens solltest du dich abtrocknen, sonst erkältest du dich noch.“
„So ein Quark!“, wies sie meinen Einwand beiseite, trocknete sich aber dennoch schnell ab und zog sich an. Dann setzte sie sich neben mich auf die Fensterbank.
„Du hast wirklich mit einem Jungen geschlafen, den du kaum kannst? Aber das war doch dein erstes Mal!“
Trübsinnig antwortete ich: „Das hat mich auch nicht davon abgehalten, mit ihm in die Kiste zu steigen.“
„Habt ihr denn wenigstens verhütet?“
„Ja, haben wir. Sogar zweifach.“
„Das hätten Gero und ich auch machen sollen“, seufzte Lea. „Dann würde ich jetzt kein Baby in mir tragen. Ich bereue es mittlerweile auch, dass ich einfach so mit ihm geschlafen habe. Obwohl wir ja schon so lange zusammen sind.“
„Wirklich?“
„Ja. Ich weiß noch überhaupt nicht, wie ich mich entscheiden soll, alles stürzt auf mich ein. Und das lag nur daran, dass wir irgendwie nicht vernünftig aufgepasst haben. Na ja, worüber haben wir gerade gesprochen? Ich kann dir jedenfalls nur raten, aufzupassen, mit wem du schläfst und wann du das tust.“
„Ja, wahrscheinlich hast du Recht. Ich komme mir jedenfalls unheimlich idiotisch vor“, rief ich.
„Das kann ich mir vorstellen. Aber solltest du nicht auch langsam ins Bad gehen? Sonst verpasst du schon wieder eine Vorlesung.“
„Ich habe dieses Semester erst zwei verpasst“, entgegnete ich, verzog mich aber dennoch zur Körperhygiene.
Unterwegs redeten wir weiter. Wir redeten über vieles, über unsere Familie, über Hannes und Kati, über Leas Baby. Aber eines hatte ich noch nicht herausgefunden.
Ich fragte sie: „Wo bist du eigentlich gewesen? Du bist ja gestern Abend erst ziemlich spät bei mir angekommen.“
„Ach… Ich bin gestern Abend zu Fuß durch die ganze Stadt gelaufen und habe auf irgendein Zeichen gewartet, das mir zeigt, ob ich das Baby behalten soll oder nicht.“
„Und, hast du ein Zeichen bekommen?“
„Nein, irgendwie nicht. Das Komische war, ich bin irgendwann einfach vor Geros Wohnung gelandet. Ich wollte nicht mit ihm reden, ich hab mich nicht getraut… und bin dann einfach wieder weggegangen.“ Traurig schaute sie aus dem Fenster des Busses.
Ich legte den Arm um sie. „Es ist ganz natürlich, dass du Angst vor einem Gespräch hast. Aber irgendwann musst du mit ihm sprechen. Es ist auch sein Kind!“
„Und mein Körper!“
„Die Entscheidung liegt definitiv bei euch beiden. Und ich würde besonders dir raten, nichts zu überstürzen.“ Verzweifelt suchte ich nach irgendetwas, das ich meiner großen Schwester raten konnte. Mir fiel nur eins ein. „Kannst du dich an Oma erinnern?“
„Ja, ganz toll.“ Lea schnaubte. „Als sie erfahren hat, dass ich schwanger bin, ist sie ausgerastet. Die fiesesten Sachen hat sie mir an den Kopf geworfen.“
„Ja, aber sie hatte auch einen Grund dafür!“
„Und welcher wäre das, bitte?“
„Sie ist selber mit 17 schwanger geworden!“
„Wie?“ Überrascht schaute Lea mich an. „Mit 17?“
„Na, als sie Tante Marie erwartet hat!“
„Na klar, wieso ist mir das nie aufgefallen? Darüber habe ich eigentlich nie nachgedacht. Das muss ja hart für sie gewesen sein.“
„Ja, genau. Sie musste ein Kind mit einem Mann aufziehen, den sie gerade mal ein paar Monate kannte. Es war bestimmt nicht einfach, aber es hat geklappt.“
Wir kamen an der Uni an. An der Mensa trennten sich unsere Wege. Sie musste nach rechts, ich nach links.
Bevor wir uns trennten, sagte ich noch zu ihr: „Besprech das mit ihm. Bei Oma hat es funktioniert. Ihr müsst gemeinsam herausfinden, ob ihr das auch schaffen könnt.“

Krümelmonster, Teil 14

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„Na, wenn du meinst…“ Oma sah mich mehr als skeptisch an. „Warum bist du denn so plötzlich hergekommen? Ist irgendetwas passiert? Brauchst du Geld von uns? Wie viel?“

„Nein“, wehrte ich ab, „finanzmäßig ist alles in Ordnung.“

„Was ist es denn? Ist es wegen Lea?“

Ruckartig hob ich mein Gesicht. Einen Augenblick lang musste ich selbst überlegen. War es wegen Lea? War es wegen Hannes? War es wegen Aurélie? Wirkte nicht alles irgendwie zusammen? Und was sollte ich ihnen davon erzählen? Ich wollte meiner Mutter und meiner trotz aller Entwicklungen doch noch relativ strengen Oma nicht von einem One-Night-Stand erzählen. Und ich wusste auch nicht, was Lea ihnen bereits über ihre Schwangerschaft gesagt hatte. Ob sie überhaupt schon davon wussten. Wie bereits erwähnt war ich mir nicht wirklich sicher, ob Lea sie informiert hatte oder bloß so getan hatte. Und wenn ich ihnen von Aurélie erzählte, wollten Mama und Oma sicher gleich den ganzen Rest wissen.

Schließlich ließ ich mich zu einem lahmen „Ach, ist nicht so wichtig“ hinreißen. Das hätte mir nicht mal ein Taubblinder abgenommen.

Oma wollte bereits etwas erwidern, doch da klingelte bereits das in der Küche deponierte Telefon. „Oh, das ist bestimmt Martin, der mir sagen will, wann ich ihn abholen soll!“, rief Mama und rannte aus dem Wohnzimmer.

Die Tür fiel zu.

„Mama muss Papa abholen?“, fragte ich.

„Ja, das eine Auto ist in der Werkstatt und dein Vater ist mit dem Bus zur Arbeit gefahren. Also, was ist mit dir los? Ich sehe doch, dass du irgendetwas hast.“

Ich drehte und wand mich. „Eigentlich weiß ich nicht, ob ich es dir erzählen möchte“, gestand ich nach ein paar Sekunden.

„Na gut, musst du ja nicht. Soll ich dir einen Tee aus der Küche holen?“, bot Oma mir an.

„Ja, bitte.“

Oma ging aus dem Zimmer. Ich schaute aus dem Fenster auf den großen Garten, in dem wir als Kinder oft gespielt hatten. Lea und ich hatten Äpfel aus dem Garten gesammelt, im Baumhaus gehockt, geschaukelt und später auch Paul gezeigt, wie man Sandburgen baute. Ja, das waren noch Zeiten, wo wir einfach spielen konnten, ohne uns um irgendetwas Wichtigeres als das Einmaleins kümmern zu müssen. Wo wir uns noch nicht um solche Sachen wie Liebe kümmern mussten. Wo Freunde nach einem „Blöde Kuh!“ kapiert hatten, was Sache war, und wieder zur Räson kamen. Wo man nicht fürchten musste, plötzlich schwanger und dann noch vom Langzeitfreund verlassen zu werden. Ich seufzte.

„Hier ist dein Tee. Ich hoffe, er schmeckt dir noch. Er ist etwas kalt geworden, fürchte ich.“ Ich hatte gar nicht bemerkt, dass Oma wieder im Raum war. Sie setzte sich in den großen Sessel, in dem normalerweise mein Vater saß und Zeitungen las.

„Ich kann einfach nicht mehr“, seufzte ich und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. „Lea liegt da im Krankenhaus und ihr ganzes Leben ist total verändert. Ich weiß nicht, wie sie sich entscheiden will! Will sie das Baby behalten oder nicht? Bleibt Gero bei ihr oder nicht? Ich habe Angst! Und all das versteht Aurélie nicht. Die stürmt heute zu mir ins Café und brüllt mich vor versammelter Mannschaft an, warum ich ihr denn nicht bei ihren bescheuerten Liebesproblemen helfe. Die hat sie doch nicht mehr alle!“ Ich stöhnte. Ich konnte auch nicht glauben, dass ich meiner alten Großmutter das alles gesagt hatte.

„Wer war noch mal Aurélie?“, fragte Oma stirnrunzelnd.

„Die eine von meinen Freundinnen. So groß wie Mama, braune Haare, braune Augen.“

„Ach so.“

„Die hatte ein paar Probleme mit ihrem Freund und das nur, weil sie nicht einsieht, dass sie einige Dinge grundfalsch gemacht hat. Aber das wäre nicht so schlimm, wenn sie nicht behauptet hätte, dass ich total egoistisch wäre und ihr nicht helfen würde, weil ich ja mein dämliches Handy nicht angemacht hätte. So ein Mist!“ Ich haute aufs Sofakissen.

„Das hat sie bestimmt nicht böse gemeint. Weiß sie denn überhaupt, dass du bei deiner Schwester im Krankenhaus warst?“

„Nein. Woher sollte sie auch? Ich hab sie ja schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen. Und mein Handy hatte ich ja nicht angemacht! Das war doch verboten im Krankenhaus.“

„Ich bin mir sicher, dass deine Freundin nicht so sauer reagiert hätte, wenn sie gewusst hätte, dass du bei Lea warst.“

„Ja, vielleicht.“ Ich sah an die Decke. „Aber was machen wir mit Lea? Sie ist da ja in einen ganz großen Mist hineingeraten…“

„Das kannst du wohl sagen“, antwortete Oma. „Ich hab ja gleich gesagt, dass die beiden nicht einen Moment aufpassen können. Ich hab Lea ja gesagt, dass sie zu deiner Mutter gehen soll, als sie diesen Durchfall hatte. Da kann das ja nichts werden.“

„Moment mal, was meinst du damit?“ Ich war etwas unorientiert.

„Du weißt doch noch, dass Lea vor ein paar Monaten immer Durchfall hatte? Das lag wohl daran, dass sie die Pille nicht vertragen hatte. Aber davon wollte deine Schwester nichts wissen. Warum auch immer.“

„Ach so…“

„Warum ist Lea jetzt genau in Ohnmacht gefallen? Das hab ich immer noch nicht so genau verstanden. Und wieso ist Lea nicht zu deiner Mutter gegangen, sondern zu irgend so einem komischen Arzt in Frankfurt? Sie wollte sich wohl die Moralpredigt ersparen. Schön ausgedacht!“

„Nein“, versuchte ich, Oma etwas zu bremsen, „Lea dachte, sie hätte Diabetes. Weil sie doch pausenlos essen und trinken musste und ihr immer so schwindlig war. Und sie ist nach Frankfurt gefahren, weil sie euch nicht damit verrückt machen wollte.“

„Diabetes?“ Oma schaute verwirrt drein. „Wie kommt sie denn darauf?“

„Weil du ihr doch erzählt hast, dass Opa damals daran gestorben ist und weil Geros Mutter gesagt hat, dass man Diabetes auch vererben kann.“

„Ach herrje.“ Jetzt war es Oma, die ihr Gesicht in den Händen vergrub und seufzte. „Was hab ich ihr da bloß wieder gesagt? Wir haben sie doch extra durchchecken lassen. Dich auch! Weil wir wissen wollten, ob es euch auch erwischt hat. Auch deinen kleinen Bruder haben wir extra untersuchen lassen. Und keiner von euch hat je Diabetes gekriegt.“ Oma schaute mich an. „Und nur deswegen ist überhaupt rausgekommen, dass Lea ein Kind erwartet?“

In diesem Moment hielt Mama ihren Kopf in die Zimmertür. „Ich fahre jetzt los und hole Martin ab.“

„In Ordnung.“

Und weg war Mama wieder.

„Ich hoffe nur, dass deine Schwester sich richtig entscheidet“, sagte Oma und stand auf. Unruhig wanderte sie im Zimmer auf und ab.

„Ich weiß noch überhaupt nicht, wie sie sich entscheiden will. Davon hat sie mir noch nichts gesagt. Ist vielleicht auch etwas früh…“

„Guck mal“, rief Oma auf einmal hatte ein altes Fotoalbum herausgekramt. Sie zeigte auf ein altes Bild, das noch in Schwarzweiß gehalten war. Darauf waren eine junge Frau und ein kleines Baby zu sehen. Neben dem Bild stand Marie und ich.

„Ist das eins von deinen Geschwistern?“ Oma hatte viele Geschwister gehabt, das hatte sie mir mal erzählt.

„Nein, das ist deine Tante Marie.“

„Papas Schwester?“, fragte ich ungläubig. Tante Marie war Papas ältere Schwester und schon Ende fünfzig.

„Bei ihrer Geburt war ich gerade mal achtzehn Jahre alt. Ich war damals ein junges, lebhaftes Ding, genauso wie deine Schwester.“

Natürlich, aber warum war mir das nie aufgefallen? Ich wusste doch, dass Oma und Opa sehr früh geheiratet hatten und ein paar Monate später meine Tante zur Welt gekommen war.

„Man hat damals sehr früh Kinder gekriegt“, erzählte Oma, „aber ich wollte eigentlich noch gar keins.“ Sie stellte das Fotoalbum zurück ins Regal. „Ich musste mich auch ziemlich früh entscheiden, ob ich das Kind bekommen wollte oder nicht. Ich wollte Marie haben und habe das auch nie bereut. Aber es war ein ganz schön harter Kampf, das kann ich dir sagen. Denk ja nicht, dass es leicht ist, in dem Alter ein Kind zu erziehen!“

„Das hätte ich auch nie gedacht“, entgegnete ich.

„Wir wollen nur hoffen, dass deine Schwester und ihr Freund die richtige Entscheidung treffen“, gab Oma zu bedenken.

„Davon bin ich überzeugt“, entgegnete ich.

„Jaja, aber wird Gero Lea auch dann behalten wollen, wenn sie das Baby behält? Das weiß man bei diesen jungen Männern doch nie.“

„Ja, aber Opa ist doch auch bei dir geblieben. Und Gero machte nicht eben den Anschein, als wollte er Lea verlassen. Ich habe mit ihm gesprochen. Er liebt Lea sehr und stiehlt sich bestimmt nicht so einfach aus der Verantwortung.“

Die Tür ging auf und Papa kam rein. „Hallo, Sara! Das ist ja eine Überraschung!“ Er herzte mich und dann seine Mutter. „Was treibt dich denn hierher, Sara?“

„Ach, ich war gerade in der Gegend…“, antwortete ich.

„Soso!“ Er lachte. „Ich koche nachher Abendessen, was möchtet ihr haben?“ Oma schaute mich an.

„Ich hätte gerne Napoli“, sagte ich.

„In Ordnung“, entgegnete er und ging.

„Meinst du wirklich, Gero hat die nötige geistige Reife?“, fragte Oma.

„Auf jeden Fall. Nicht alle sind so drauf wie Hannes“, sagte ich und bereute es gleich darauf.

„Hannes?“, fragte Oma und wusste von nichts. Das sollte auch so bleiben, aber ich wusste, dass ich bereits zu viel verraten hatte. „Wer ist das?“, erkundigte sie sich neugierig. „Hast du dich etwa auch mit einem Typen eingelassen?“

„Nein, wie denn?“, regte ich mich auf. „Es hat ja geendet, bevor es wirklich angefangen hat. Er wollte gar nichts mehr von mir wissen.“ Traurig schaute ich auf den Boden.

„Habt ihr euch miteinander getroffen?“

„Ja, und jetzt ignoriert er mich einfach… Dabei hätte ich es wissen müssen, er hatte schließlich eine Freundin und schaut dauernd anderen Mädchen hinterher… Ich komme mir so idiotisch vor!“ Und wieder haute ich mit meiner Hand aufs Sofakissen.

„Oh je.“ Oma setzte sich neben mich. „Die erste Liebe ist immer die schwierigste, was?“

„Ich bezweifle, dass es sich bei allen so schlimm anfühlt wie bei mir…“, murmelte ich.

„Nicht bei allen, aber bei den meisten. Es fühlt sich immer schlimm an, wenn der Traummann nichts mehr von einem wissen will.“ Das stimmte wohl. Ich kam mir vor wie eine blöde Dreizehnjährige, die noch gar keine Ahnung von der Liebe hatte. Die hatte Oma zweifellos, aber wollte ich mit ihr wirklich darüber reden? Ich wusste ja nicht mal, ob sie mich verstand oder mir irgendeinen Rat geben konnte.

„Es fühlt sich so an, als würde es nie vorbeigehen. Letztlich muss da jeder für sich herausfinden. Aber wenn ich dir einen Rat geben kann: Ignoriere diesen Hannes einfach. So ein Kerl hat es einfach nicht verdient, dass du dich mit ihm abgibst. Wenn du ihm lange genug aus dem Weg gehst, denkst du irgendwann von selbst nicht mehr an ihn.“

„Leichter gesagt als getan…“