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Hochzeitsforum

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Ich verfolge ja die Devise: Ich versuche, vieles zu wissen, und wenn ich etwas nicht weiß, suche ich mir jemanden, der es mir sagt. Als ich mich letztes Jahr dafür entschied, zu heiraten, wusste ich über vieles, wie ich es machen wollte, aber ich wusste nicht, wo man Einladungskarten herbekommt. Also suchte ich mir ein Hochzeitsforum im Internet und fragte da nach.

Nachdem ich die gewünschte hilfreiche Information bekommen hatte, postete ich noch zwei oder drei Beiträge – und dann gar nichts mehr. Warum, fragt ihr euch vielleicht. Ich sage es euch.

Im Wesentlichen hatte ich zwei Probleme. Das erste Problem ist gemeinhin als „Bridezilla“ bekannt. Die beste Freundin kommt zum Anprobe-Termin zwei Minuten zu spät, weil sie ein Real Life hat? Was für eine egoistische Zicke! Ein Stückchen Tüll ragt beim Kleid dahin, wo es nicht hinsollte? Bei welchem Saftladen habe ich denn mein Kleid gekauft?!? Und wenn auf der Torte ein Marzipanröschen zu viel prangt, ist die Hölle los.

Das zweite Problem ist der – ich fasse es jetzt mal so zusammen – Umgang mit den jeweiligen Partnern. Es ist in dem Forum grundsätzlich üblich, statt „Zukünftiger“ nur „Z“ zu schreiben. Es wirkt immer so, als wäre der Mann die zehn anderen Buchstaben nicht wert, zumal viele Userinnen (denn natürlich sind es nur Userinnen) offen zugeben, dass der Partner bei der Hochzeitsplanung nicht viel zu sagen hat. „Der hat ja nun mal keine Ahnung von Dekoration oder Musik!“ Der Höhepunkt war dann eine Frau, die mit ihrem Mann schon zwei Kinder hatte – eines davon war ein Säugling – und ihn bestürmte, noch ein drittes zu zeugen. „Ja, ich weiß, wir sind grad mit dem Winzling so beschäftigt, aber ich will doch so gern eine Prinzessin!“ Ich hoffe, der Mann merkt noch rechtzeitig, dass er die Prinzessin bereits im Haus hat, wenn ihr versteht, was ich meine.

Und dann gab es noch ein ganz komisches Erlebnis. Mein Mann hat einmal gesagt, dass manche Frauen nur um der Hochzeit willen heiraten wollen. Daran musste ich denken, als ich im Forum von einer Frau las, deren Mann ihr drei Wochen nach der Hochzeit gestand, dass er sie auf dem Junggesellenabschied im besoffenen Zustand mit einer Prostituierten betrogen hatte. Sie schrieb davon, wie sehr sie das verletzt hatte – um nahtlos von den Planungen der Flitterwochen zu berichten. Was sollte das denn bitte? Wenn mein Partner so was mit mir anstellt, dann denke ich doch nicht mehr daran, mit ihm in die Flitterwochen zu fahren. Oder ich gebe gleich offen zu, dass ich das Ganze nur gemacht habe, um mich einen Tag lang wie eine Königin zu fühlen. Versteht ihr das?

Mit ratlosen Grüßen

Die Kitschautorin

PS: Der eine oder andere fragt sich jetzt vielleicht, warum ich über so etwas Irrelevantes geschrieben habe. Ich komme aber einfach nicht damit klar, dass manche Frauen wegen Kleinigkeiten so austicken und ihre Partner so respektlos behandeln.

Man hat mir nichts geklaut

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Die wichtigste Info zur Polenreise, die vor allem meine Oma interessieren dürfte, gleich vorweg. Jetzt kommt der Rest.

Montag

In Garbsen hielten wir nach knapp zwei Stunden Fahrt das erste Mal. Auf der Toilette (die gleichzeitig auch Dusche war) lagen einfach mal ein paar Socken herum, ich habe keine Ahnung, wieso. An Marienborn fuhren wir vorbei und mir fiel wieder einmal auf, dass man kaputte Gebäude erblickt, sobald man die ehemalige innerdeutsche Grenze überquert hat. Am Rastplatz Börde-Süd hielten wir das zweite Mal. Wenn ich früher lange Fahrten unternommen habe, zum Beispiel zu Verwandten, bin ich ganz viel über die Rastplätze gelaufen. An dem Tag latschte ich herum und sah einfach mal, dass einer ungeniert in den Busch gepinkelt hat. Schwein.

Zwischendurch bemerkte Dozent 2, dass wohl keiner polnisches Geld dabeihabe. Ich und einige andere verneinten. Antwort: “Dann sind Sie wohl schlauer als wir.” Smiley mit geöffnetem Mund

Ein paar Kilometer später bot ich Dozent 1 selbstgebackene Brownies aus meinem Proviant an, er lehnte dankend ab. “Schade, ich hatte gehofft, einen Brownie-Bonus auf meine Bachelorarbeit zu bekommen.” “Da müssen Sie schon mit mehr kommen. Ab 300 Euro sind Sie dabei.” Ich überlege es mir.

Zu den Klängen von “Ya na mori”, die aus meinem MP3-Player stammten, überquerten wir die Grenze nach Polen. Für uns interessierte sich niemand, aber auf der anderen Seite der Autobahn standen Grenzer, die einzelne Vehikel herausgewunken haben. Apropos Vehikel – ich sah auf der Autostrada 4 sehr interessante Sachen, zum Beispiel ein Auto, bei dem die Heckscheibe aus ein wenig Plastikfolie bestand… Ansonsten bemerkte ich noch, dass weite Teile von Polen auch nicht anders aussehen als Ostdeutschland.

Gegen 21 Uhr abends kamen wir nach 14 Stunden Fahrt am Hotel an. Mit dem Etablissement, das nach polnischem Standard drei Sterne trug, war ich sehr zufrieden. Ich hatte ein Doppelzimmer für mich allein und in drei Minuten Entfernung gab es eine Pizzeria, bei der “klein” schon größer und billiger als zu Hause war. Und im Hotel gab es gratis WLAN. Lief bei mir! Die Pizza Don Corleone war so gut, dass ich glaubte, davon zu träumen. Nebenbei habe ich mich nett mit dem Sohn von Dozent 1 unterhalten, der auch dabei war.

Dienstag

Aufgewacht bin ich um 10 vor 6 dadurch, dass die Sonne in mein Fenster schien, es gab nämlich keine Jalousien. Aber ich konnte ja wieder einschlafen, also was soll’s. Ich habe übrigens geträumt, jemand klaut mein Portmonee und bedroht mich dann mit einem Messer. Habe dann den Rest der Reise wie ein Luchs auf meine Sachen aufgepasst.

Im Hotel (es geht übrigens um das Hotel Demel) war es entgegen gewisser Berichte gar nicht so laut und ich habe die Ohrenstöpsel umsonst mitgenommen. Das Frühstück war auch sehr lecker.

Wir haben mit Studenten der örtlichen Universität gearbeitet, danach habe ich ausgiebig die Altstadt erkundet und während des Abendessens ausgiebig mit der polnischen Dozentin geredet. Und mit einer kroatischen Erasmus-Studentin. Die wollte nicht neben Dozent 1 an der Ecke sitzen, weil das laut Aberglauben bedeutet hätte, dass sie nie heiraten wird. Aber Dozent 1 hatte so oder so seinen Spaß, der konnte mit zwei anderen Studenten nämlich in seiner Muttersprache reden. Der Weg zurück ins Hotel war sehr witzig, erst haben wir ewig nach der Straßenbahn-Haltestelle gesucht und dann war da ein Pole, der uns wohl erklären wollte, mit welcher Linie wir fahren und wie lange wir warten mussten. Problem: Er hat mit uns stumpf Polnisch gesprochen und das beherrschte keiner.

Mittwoch

Beim Aufwachen habe ich mich gefragt, ob man vergebene Leute daran erkennt, dass sie, auch wenn sie ein Doppelbett für sich allein haben, trotzdem auf einer Seite davon schlafen. Nachdem ich mich aus dem Bett, in den Frühstücksraum und zurück ins Zimmer geschafft habe, ging es los Richtung Auschwitz-Birkenau. Ich möchte an dieser Stelle den Leuten dafür danken, die mir Sonnencreme gespendet haben, ansonsten sähe ich jetzt vermutlich aus wie ein Steak. Und ich kann nicht glauben, dass ich mir über die Knallsonne mehr Sorgen gemacht habe als über das Lager an sich. Der kanadische Student, der zurzeit Praktikum in der Gedenkstätte macht, meinte, ich hätte später sicher noch einen Betroffenheitsmoment.

Im Lager haben wir aber schon komische Sachen erlebt. Leute, die Selfies vor dem Eingangstor oder an der Wand machen, wo viele Häftlinge abgeknallt wurden, ein Niederländer, der die Führerin fragte, warum die Deutschen die Juden eigentlich so gehasst haben… Manche Leute aus meiner Gruppe wollten ihm erst mal einige Zusatzstunden Geschichtsunterricht verpassen, was ich gut verstehen kann.

Am Abend ging es wieder in die Pizzeria nahe des Hotels und dort habe ich einige lustige Sachen erlebt… inklusive eines Spiels, das ich vorher selber nicht kannte und trotzdem gewonnen habe (“Tot, töter, am tötesten”), und die Dozenten haben auch mitgespielt. Ist das nicht cool – Dozenten, die so was mitmachen?

Donnerstag

An diesem Tag ist nicht so viel passiert. Ich schrieb ja, dass die Fahrt um einen Tag verkürzt werden musste, die Dozenten mussten die Planung also umschmeißen. Was sie nicht bedacht haben: Donnerstag war Fronleichnam und im hochkatholischen Polen haben da unglaublich viele Sachen geschlossen. Unter anderem die Programmpunkte Schindler-Fabrik und Alte Synagoge. Das nenne ich mal gelebte Interreligiösität.

Letzten Endes sind wir durch Kazimierz gelaufen und dort habe ich mich dann einem kleinen Grüppchen angeschlossen, das in eine Kneipe hinter der Izaak-Synagoge wollte. Ich habe dort einen sehr guten Virgin Mojito getrunken, die anderen haben sich an Honig- und Haselnusswodka gehalten. Wir kamen zu spät zum abendlichen Treffpunkt mit dem Rest, weil unbedingt noch im Alkladen eingekauft werden musste. Ich habe für ein Mädel Kippen gekauft (“damit ich mich nicht anstellen muss”) und für meinen Freund ein bisschen Honigwodka.

Zu Abend aß ich georgische Pfannkuchen (sehr, sehr lecker) und auf dem Rückweg war es wieder mal sehr lustig, weil die Straßenbahn rasanter fährt als die in Rostock und nebenbei noch Tickets gekauft werden mussten. Ich habe Leuten Zlotys für den Automaten geliehen und es in Euro wiederbekommen.

Übrigens, am Neuen Platz bekommt man Baguettes, die so groß sind wie ein Unterarm und nur 6 Zloty kosten. Das hätte ich mal der Caféteria-Dame vom Gymnasium sagen wollen, die einem für ein handgroßes Teil ein Euro zwanzig abknüpfen wollte.

Freitag

Die Fahrt war ganz in Ordnung. Blöd ist nur, wenn man grad dringend schlafen will und die Dozenten dann mit einer Gruppenarbeit kommen. Der Busfahrer, der uns die letzten vier Stunden kutschierte, kutschierte uns bei der Ankunft dann zunächst mal dorthin, wo Busse gar nicht reinfahren dürfen, inklusive eines Einbiegeversuchs zum Taxistand, in der falschen Richtung übrigens. Ansonsten ist aber nichts passiert.

Als ich gegen zwanzig nach neun zu Hause ankam, wusste ich nicht, ob ich glücklich oder traurig sein sollte. Eins steht aber fest: Ich werde auf jeden Fall wieder dahin reisen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Gott und moralische Werte

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Vor einem Jahr habe ich bei der Einführungswoche ein Gratisbuch mit dem Titel “Glaube im Kreuzverhör” abgestaubt. Und auch wenn ich mittlerweile den Weg zum christlichen Glauben gefunden habe, gibt es darin einige Stellen, die ich einfach nicht verstehe. Der Autor, Lee Strobel, trifft sich u.a. mit William Lane Craig, der fünf Begründungen für den christlichen Glauben liefert, und Begründung Nummer drei ist, gelinde gesagt, fragwürdig:

“Nein, ich habe nicht gesagt, dass man an Gott glauben muss, um ein moralisch integres Leben zu führen. Die Frage ist vielmehr: ‘Wenn es Gott nicht gibt, gibt es dann objektive moralische Werte?’, und die Antwort lautet: ‘Nein.’” […] “Wenn es Gott nicht gibt, sind moralische Werte lediglich ein Produkt soziobiologischer Evolution. […] Aus atheistischer Sicht gibt es Taten, wie beispielsweise Vergewaltigung, die – gelinde gesagt – sozial nicht gerade vorteilhaft sein mögen und deshalb im Laufe der Entwicklung der Menschheit tabuisiert wurden. Das beweist aber noch längst nicht, dass Vergewaltigung wirklich falsch ist. Es ist sogar vorstellbar, dass Vergewaltigung als etwas für die Arterhaltung Vorteilhaftes entstanden sein könnte. Ohne Gott gibt es daher kein absolutes Richtig oder Falsch, das sich unserem Gewissen aufdrängt.”

Dieser Umkehrschluss hat Lücken, in denen zehn Nilpferde Platz finden. Auch wenn Herr Craig beteuert, man müsse nicht an Gott glauben, um ein moralisch integeres Leben zu führen, legen seine Ausführungen diesen Schluss nahe. Es kann auch dann objektive moralische Werte geben, wenn Menschen nicht an einen Gott glauben, und sie sind nicht bloß evolutionsbegründet.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Berlin, Berlin, ich fuhr nach Berlin

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Mittwoch und Donnerstag war ich in meiner Eigenschaft als Teilnehmerin der Veranstaltung “Exploring the past – Learning from the present – Developing the future” auf zweitägiger Exkursion in Berlin und Umgebung. Nach einer schlafarmen Nacht, einem Sprint zum Bahnhof, weil der Bus ausnahmsweise überpünktlich war, und einer siebenstündigen Busfahrt…

Moment, hat sie gerade siebenstündig gesagt? Ja, hat sie. Der Busfahrer hielt alle sechzig Minuten für dreißig Minuten an, warum auch immer. Aber seine und die Nikotinabhängigkeit eines Dozenten wird sicher eine Rolle gespielt haben.

Quelle: Photobucket / bawanaal

Also, nach all diesen Unannehmlichkeiten kam ich am Jüdischen Museum an, wo wir auf Studenten der University of Victoria (für alle Googlefaulen: Kanada) trafen, mit denen wir die Exkursion gemeinsam durchführten. Das Jüdische Museum war sehr interessant. Man erfuhr etwas über die jüdische Geschichte vor und nach dem Holocaust, wovon man ja nie was hört – immer nur vom Holocaust. Dazu sei aber noch gesagt: Mich haben vor allem die dargestellten einzelnen Schicksale der Verfolgten berührt. Wahrscheinlich ist das auch die richtige Art, sich an den Holocaust zu erinnern. Ansonsten sieht man immer nur die Masse und dann kann man all das leichter wegschieben.

Nach der Nachbesprechung mit den Kanadiern, bei der ich übrigens gemerkt habe, wie gern ich Englisch spreche, war der offizielle Teil zu Ende und ich nutzte meine freie Zeit, um mich mit einem Freund (dem mit dem Hasen-Spitznamen) zu treffen. Eigentlich wollte ich euch an der Stelle zwei kleine Videos zeigen, aber das eine lässt mich VLC leider nicht bearbeiten und bringt stattdessen meinen Laptop zum Hängen. Also seht ihr hier jetzt ein kleines Video (Mein erstes auf Youtube! Bitte lest euch auch die Beschreibung durch.): https://www.youtube.com/watch?v=6JQGUz1lYL8

Am nächsten Morgen ging es zur Gedenkstätte Sachsenhausen. Das, was ich da gesehen habe, war wirklich schlimm. Das Spezialgefängnis mit den Einzelzellen. Das Krematorium. Aber was ich auch schlimm fand: Die DDR hat fast alle Baracken plattgemacht, um ihren eigenen Gedenkplatz mit Massenkundgebungen und allem haben zu können. Auf dem natürlich nur an die politischen Gefangenen erinnert wurde. Jetzt verstehe ich jedenfalls, was mein Vater gesagt hatte, der das Lager in der Schulzeit zwangsbesichtigen musste und meinte, es gebe dort nicht mehr so viel. Mein Dozent meinte dazu: “Some way of memoralisation.” Ach ja: Oranienburg war übrigens voll mit NPD-Wahlplakaten. Und wieder:

Von der Gedenkstätte ging es für uns deutsche Studenten direkt zurück in die Heimat. Sie liegt von Berlin ungefähr dreißig bis vierzig Kilometer entfernt. Der Rückweg führte dann aber auf einmal über Hamburg, wodurch wir wieder einmal sieben Stunden unterwegs waren. (Dabei will man nach solch anstrengenden zwei Tagen einfach nur nach Hause!)

Von Busfahrten habe ich erst einmal genug. Was ich aber toll fand: Ich hatte in diesen zwei Tagen Kontakt zu so vielen tollen Leuten. Zum ersten Mal in meinem Leben hat mir eine Studienfahrt Spaß gemacht. Es war nicht so wie früher, wo ich mich immer total sozial isoliert gefühlt habe. Ich hatte Kommilitonen, mit denen ich gern geredet habe (andersrum wohl auch). Der Kontakt zu den Kanadiern hat mir auch gut gefallen. Ich hoffe, ich kann ihn aufrecht erhalten. Und nicht zuletzt war es klasse, dass ich meine beiden Lieblingsdozenten mal von einer menschlichen Seite erleben konnte.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

PS: Als wir am Busbahnhof meiner Heimatstadt standen, bat der Dozent uns, dem Unipräsidenten mitzuteilen, wie toll die Exkursion war, damit er und sein Kollege dann wirklich mal 50000 bis 60000 Euro im Monat bekämen. Eine Studentin entgegne, dann könne er Auschwitz ja selber bezahlen. (Gemeint war damit die nächste geplante Exkursion.)

Krümelmonster, Teil 29

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Der Mann stand vor mir. Im entfernten Licht der Straßenlaterne enthüllte sich mir endlich seine Identität. Lukas. Er hatte mich gesucht.

„Was ist passiert?“, fragte er erschrocken.

„Ich bin gestürzt. Diese doofen Schuhe“, schniefte ich und wischte mir über das Gesicht. Mit dem Erfolg, dass ich Make-up in den Händen hatte. Na super.

„Kannst du aufstehen?“

„Ich glaube nicht“, sagte ich. Lukas nahm mich unter den Schultern und hob mich hoch. „Du solltest jetzt nicht dein rechtes Bein belasten“, riet er mir. „Hier hast du ein Taschentuch.“ Er gab es mir und hob meinen rechten Schuh auf. Kritisch musterte er ihn. „Ich hab sowieso nie verstanden, warum Frauen so etwas tragen.“

„Weil sie gut aussehen wollen. Für die Männer zum Beispiel.“

„Und du hast dir ganz viel Mühe gegeben.“

„Wie kommst du darauf?“ Ich schnäuzte mich laut ins Taschentuch.

„Na ja, du trägst solche Schuhe, obwohl sie brandgefährlich sind, du hast ein aufwändiges Make-up und beim Frisör warst du wohl auch.“

„Ja, und es war alles umsonst! Du willst mich ja gar nicht mehr haben.“

Jetzt war er damit dran, zu fragen: „Wie kommst du darauf?“

„Du hast mich einfach weggeschickt!“

„Aber doch nur, weil das Konzert anfing.“ Er streichelte mir über die Schulter. „Glaub mir, wenn wir einen Termin nicht punktgenau einhalten, können die aus der Band ganz schön stinkig werden. Besonders Tobias.“ Ich zitterte. Und das lag immer noch nicht an der Kälte. „Aber es war nicht nur, weil du mich weggeschickt hast. Ich habe mich dir gegenüber so fies verhalten. Da konntest du ja gar nichts mehr von mir wollen. Es muss wirklich so ausgesehen haben, als wollte ich nur Hannes und nicht dich. Aber das stimmt nicht“, sagte ich.

„Meinst du das wirklich ernst?“

Ich war mindestens so aufgeregt wie bei der Notenvergabe fürs Abitur. „Ja“, flüsterte ich. Und ich zitterte weiter fürchterlich.

„Wird dir kalt?“

„Ich glaube schon…“

Lukas zog sein Sakko aus und legte es mir um die Schultern. „Besser?“

„Darf ich dich was fragen?“

„Das hast du hiermit schon getan“, antwortete ich schief grinsend.

Lukas grinste zurück. „Warum bist du einfach weggelaufen?“

„Weil du dieses doofe Lied gespielt hast.“ Ich sah auf den Boden. „Mit einem noch blöderen Text.“

„Das hat sich Kati für dich gewünscht.“

„Wie, sie war das?“

„Nein“, erklärte er, „eigentlich wollte sie nur, dass ich dir sage, was ich wirklich für dich empfinde. Ich habe dir in die Augen gesehen, als ich es dir… na ja… gesagt habe.“

„Ja? Aber was wolltest du mir damit sagen?“, stotterte ich. Er beugte sich vor und flüsterte mir etwas ins Ohr. Was sagte er da?

„Ich liebe dich.“

Jetzt konnte ich nicht mehr anders, ich musste ihn küssen. Mehrere Minuten standen wir da und küssten uns, unsere Lippen und unsere Zungen berührten sich, und ich strich leicht durch seine Haare.

Eine halbe Ewigkeit später humpelte ich an seiner Seite zurück zum Ball. „Weißt du, was mir aufgefallen ist?“, fragte Lukas.

„Was denn?“

„Na ja, das Tuch, das ich umhatte… Es roch nach dir.“

„Ach, ich hab es doch mit zu mir genommen, als du es bei dem Auftritt vergessen hast.“

„Ich hatte es danach die ganze Nacht bei mir“, verriet Lukas mir.

„Ach, du bist süß“, rief ich und küsste ihn gleich noch mal.

„Ja“, rief auf einmal jemand ganz laut. Verwundert lösten wir uns voneinander – und da liefen nacheinander Aurélie, Anna, Kati und Tobias auf uns zu.

„Mensch, Sara, wieso bist du denn gerade einfach weggelaufen? Es tut mir wirklich Leid, dass ich so doof zu dir war. Ich hab jetzt auch gemerkt, warum du so abgelenkt warst“, lachte sie.

„Ja, der Grund steht neben mir“, antwortete ich. Wir lächelten uns an.

„Aber jetzt komm endlich rein! Wir müssen tanzen!“, befahl Anna und zog an meiner freien Hand. „Hey, vorsichtig! Sie ist gerade gestürzt, sie kann jetzt noch nicht so schnell laufen“, rief Lukas.

„Aber warum ist denn dein Make-up so im Eimer? Komm mit, ich helf dir, es aufzufrischen.“ Jetzt wollte Kati mich zurück ins Unigebäude ziehen.

„Hey, nicht so schnell!“, versuchte ich, sie zu beruhigen. „Das Make-up ist gerade echt nicht so wichtig.“
„Na klar“, lachte Kati. „Na dann, bis gleich, ihr Turteltauben!“

„Nix da ‚bis gleich‘!“, meldete sich da Tobias lautstark zu Wort. „Wir müssen jetzt wieder anfangen, zu spielen! Die Leute warten schon!“

„Tobi?“

„Ja?“

„Du singst doch drei der Lieder. Können wir die nicht einfach vorziehen?“

„Na gut. Aber nur ausnahmsweise.“ Skeptisch sah er uns an und verzog sich dann auf seinen Platz auf der Bühne.

Die Band fing unter dem tosenden Applaus der Gäste wieder an zu spielen. Anna tanzte mit dem Unbekannten, Aurélie mit Freddy, und ich tanzte mit Lukas. Ganz vorsichtig natürlich, aber es klappte wieder. Wir machten sowieso hauptsächlich Engtanz. Und es gefiel mir unheimlich gut. Wir hatten nur Augen füreinander, auch, als er nach drei Liedern auf die Bühne zurückmusste.

Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass Hannes uns beobachtet hatte. Er wollte auf mich zugehen, doch kurz, bevor er mich hatte, schnappte Kati ihn sich einfach und wirbelte ihn herum. Ich lachte, sie lachte zurück und zeigte mir das Peace-Zeichen.

Die nächsten Tage konnten Lukas und ich nicht voneinander lassen. Ich war richtig traurig, als wir uns am 24. Dezember gegen Mittag verabschiedeten, weil wir getrennt voneinander Weihnachten feierten. Jeder bei seinen Eltern.

„Sei nicht traurig“, tröstete Lukas mich, „in drei Tagen sehen wir uns doch schon wieder.“

„Ja, das ist wahr. Treffen wir uns hier am Bahnhof?“
„Ja, ich hole dich vom Zug ab. Bis dann, Sara, ich glaube, mein Zug fährt gerade ein.“

„Bis dann!“ Nach einem dicken Abschiedskuss musste ich ihn gehen lassen und steuerte mein Gleis an.

Als ich zu Hause ankam, steckten alle schon in den Vorbereitungen für den Kirchbesuch. Oma war katholisch, aber sie hatte es weitgehend aufgegeben, uns in die Kirche zu zerren. Bis auf Heiligabend, da mussten wir alle los. Da gab es keinen Weg dran vorbei. Normalerweise finde ich das ziemlich nervig und schimpfe mindestens genauso darüber wie mein kleiner Bruder Paul. Doch an diesem Abend brachte ich alles ganz fröhlich hinter mich.

Nach dem Kirchbesuch gab es die Geschenke. Alle freuten sich riesig über das, was ich ihnen gekauft hatte. Papa fand, das Bild würde prima in seine Kanzlei passen. Oma freute sich über die Malsachen, Paul über das Spielzeugauto, Mama über das Buch und Lea und Gero freuten sich über die Babysachen.

„Du hast noch keins von deinen Geschenken aufgemacht“, rief Paul.

„Stimmt.“ Wieso eigentlich nicht? Ein Paket nach dem anderen wurde von mir geöffnet. Oma schenkte mir einen schicken Terminkalender („Damit du deine Uni nicht vergisst!“), von meinen Eltern bekam ich einen schön warmen Pullover, Lea schenkte mir eine CD und Paul übergab mir ein selbst gemaltes Bild. Es sah wunderschön aus.

Später am Abend saßen wir alle noch bei einem Glas Wein, oder in Leas und Pauls Fall Mineralwasser, und Weihnachtsliedern beisammen und unterhielten uns.

„Ich habe euch neutrale Babysachen gekauft, weil ich nicht wusste, ob ihr einen Jungen oder ein Mädchen kriegt“, sagte ich.

„Das ist voll in Ordnung“, meinte Gero. Und Paul wollte natürlich wissen: „Was ist es denn jetzt? Hoffentlich bekommt ihr einen Jungen!“

„Paul, du musst jetzt langsam ins Bett. Es ist schon viel zu spät“, ermahnte Mama ihn und wollte mit ihm nach oben in sein Zimmer gehen.

„Ich bin doch kein kleines Baby mehr“, meckerte er.

„Einmal darf er doch länger aufbleiben, oder? Schließlich wird er nicht alle Tage Onkel“, bestimmte Papa. Worauf Paul sich wieder setzen durfte.

„Also“, begann Lea, „wir haben vor zwei Wochen einen Test beim Arzt gemacht und der hat uns das Geschlecht des Babys verraten.“ Sie sah ihn an. „Willst du oder soll ich?“

„Du kannst.“

„Also, es wird ein Mädchen!“

Alle freuten sich. Bis auf Paul, der schmollte ein bisschen. „Hurra, es wird ein Mädchen!“, freute sich Mama und wir freuten uns mit ihr.

„Wir wissen auch schon, wie es heißen soll und wer Patentante wird!“, rief Gero.

„Ja, wie denn? Wer denn?“, erkundigte ich mich neugierig.

„Na ja, eigentlich haben wir uns überlegt, dass du die Patentante wirst und dass wir das Kind nach dir benennen“, verriet Gero.

„Oh mein Gott“, rief ich. Auf einmal wurde mir ganz blümerant. Ich merkte nur noch, wie meine Schwester rief: „Sara? Oh nein, nicht schon wieder!“ und vom Sofa ganz schnell zu mir stürzte.

Existierende und ehemalige Staaten

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Ich war über Weihnachten mit meinem Freund bei meinen Eltern. Es war sehr schön, aber auch sehr anstrengend. Dafür gab es mehrere Gründe. Einer davon: Wetter und Lichtverhältnisse. Es zieht ganz schön runter, wenn es die ganze Zeit regnet und nie richtig hell wird bzw. um drei schon wieder ganz dunkel ist. Ein anderer: die Sprachbarrieren. Ich wünsche mir manchmal, dass ich nicht dauernd irgendwelchen Leuten sagen muss: “Jag kan inte tala svenska.” Gott sei Dank können die alle Englisch.

Ich war einige Male in Begleitung meines Vaters einkaufen. Es ist unglaublich, was es in den dortigen Supermärkten alles (nicht) gibt. Jogurt in Milchkartons, Eintopf in wurstförmigen Pellen und wenn man ungesalzene Butter will, muss man richtig lange suchen. Ich habe dort aber richtig lecker gegessen. Danach lag ich oft halbkomatös auf dem Sofa und habe ein wenig gelesen. “Wohin geht die Liebe, wenn sie durch den Magen durch ist?” zum Beispiel. Das Buch hat mich gut unterhalten (bis auf die letzten beiden Kapitel, die aber sehr gut geschrieben sind, sowie das Kapitel über moderne Technologien, das mir ein wenig zu ablehnend herüberkommt). Kann man sich ruhig kaufen.

Am 24. gab es Geschenke. Ich habe so viele Süßigkeiten bekommen, dass ich nicht weiß, wie ich das jemals wieder aufessen soll. Erstaunlich, dass mein Koffer mit dem ganzen Zeugs nicht die Obergrenze am Flughafen geknackt hat. Am 25. war ich zum zweiten Mal in meinem Leben in einem Weihnachtsgottesdienst. Weil ich gerne verstehe, was mir erzählt wird, war ich in der Deutschen Kirche Stockholm. Die kannte ich zwar schon von Fotos, aber als ich drinsaß, war ich beeindruckt von all der Pracht. So viel Gold und Schmuck hatte ich noch nie in einer Kirche gesehen. Der Gottesdienst war wirklich schön, aber ich fand es schade, dass ich die Lieder noch nicht kannte. Bis auf das Schlusslied natürlich, das, wie mir gesagt wurde, in keinem lutherischen Weihnachtsgottesdienst fehlen darf: “Oh du fröhliche”.

Gegessen habe ich immer zusammen mit meiner Familie. Mein Vater erzählte da einige, ähm, interessante Geschichten. Wie er mal mit meinem Opa zusammen in Tschechien war, dort eine AC/DC-Platte gekauft und eine Heidenangst hatte, damit erwischt zu werden. Oder wie Helmut Schmidt den Weihnachtsmarkt in der Kreisstadt besuchte, weswegen massenweise Stasi-Menschen im Dorfpark herumlungerten. Der war nämlich auf dem Weg. Mein Vater war auf dem Weg zur Schule, auf einmal hielt ihn einer der Typen an und sagte: “Hier kannst du nicht weitergehen.” Er musste wieder umdrehen. Übrigens war er damals elf Jahre alt.

Als ich die Stasi-Weihnachtsmarkt-Geschichte im IRC erzählte, kam aber jemand an, der die DDR ganz knorke findet. Und ich kann es einfach nicht verstehen. Wie kann jemand diesen Unrechtsstaat nur toll finden? Sicher, einige Aspekte daran waren nicht verkehrt. Aber den ganzen Staat? Niemals. Arbeiten wir daran, dass es so was nie wieder gibt. Dort kann man nicht anständig leben.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Krümelmonster, Teil 3

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Nachdem Aurélie gegangen war, wollte ich nur noch Ruhe und Frieden. Ich hatte bereits so einen stressigen Tag gehabt, und jetzt kamen auch noch ihre Probleme dazu. Es war wie in diesem Beatsteaks-Song, den Lea so gerne mochte: I got a whole bag of trouble to be taken away.

Am besten entspannen konnte ich immer, wenn ich meine Lieblingsmusik hörte. Ich drehte Muse auf, stellte den Repeat-Modus ein und schmiss mich aufs Bett.

Far away

The ship is taking me far away

Far away from the memory

Of the people who care if I live or die…

Auf einmal wummerte es an der Zimmertür und ich wachte auf. Wie, ich wachte auf? War ich etwa eingenickt? Musste wohl so sein. Wer wummerte an meiner Tür? Ich ahnte schon, wer es war, und als ich die Tür aufschloss, bestätigte sich meine Vermutung.

Kati hätte fast auf meinem Kopf weitergeklopft. „Hey, dreh mal deinen Scheiß leiser, du bist hier nicht alleine!“

Sie klang wie meine Mutter. „Was? Ich kann dich nicht hören!“

„Ich sagte: Dreh deinen Scheiß leiser!“

„Tut mir Leid, ich kann dich nicht verstehen. Aber sprich mit meiner Hand, wenn das Gesicht dich nicht verstehen kann!“ Ich hielt der Tusse meine Hand entgegen und rollte nach einigen Sekunden die Finger an. „Oh, tut mir Leid, sie wollen dir wohl nicht zuhören. Kein Wunder!“

Mit den Worten knallte ich Kati die Tür vor der Nase zu und erfreute mich an ihrem Wutschnauben, das ich noch durch die Tür hörte.

Am Wochenende fuhr ich mit dem Zug nach Hause. Ich hatte mit Lea verabredet, dass sie mich vom Bahnhof abholte. Als ich etwas zu spät ankam – der Regionalzug war ständig zu spät! –, stand Lea bereits am Gleis und wartete auf mich. Sie hatte einen dicken Burger in der Hand und das erste, was sie zu mir sagte, war: „Mmm, Fara!“ Sollte wohl so was heißen wie Hallo, Sara. Ich verstand es nicht.

Nachdem sie mich mit nur einem Arm umarmt hatte, gingen wir nebeneinander zum Auto. Immer noch kauend erklärte sie mir, dass sie unheimlichen Appetit hatte und deswegen mit etwas zu essen angekommen war.

Verständlich. Als sie dann auch noch während der Fahrt ständig an einem Riesenmuffin nagte, fand ich das Ganze aber langsam bedenklich.

„Ist es wirklich so schlimm? Du überfährst gleich noch ’nen Fahrradfahrer!“, rief ich.

„Wenn es nicht so schlimm wäre, würde ich auf darauf verzichten. Reich mir mal den Becher im Fußraum“, befahl sie mir. Stirnrunzelnd hielt ich ihr den mit einem Strohhalm versehenen Becher hin und sie schlürfte.

Zu Hause angekommen, stellte sie fest, dass sie ihren Hausschlüssel vergessen hatte, also klingelte sie, immer noch schlürfenderweise.

Oma öffnete Lea und mir die Tür. Und was mich wirklich verwunderte: Sie steckte in einem weiten Rock und einem blauen T-Shirt, beide waren mit Farbe besprenkelt.

„Hallo, Sara! Schön, dass du wieder zu Hause bist!“, rief sie sogleich und umarmte mich herzlich.

Was war denn jetzt los? Das hatte sie früher nie getan.

„Du musst gleich ins Wohnzimmer kommen und dir mein neues Bild ansehen.“

„Wie? Was für ein Bild hast du dir denn gekauft?“

„Selbst gemalt, du Dummerle! Guck mal!“ Oma führte mich ins Wohnzimmer und zeigte auf eine Staffelei mit Leinwand. Darauf waren Sonnenblumen in einer blauen, bauchigen Vase zu sehen. Das Ganze hatte irgendwie etwas Impressionistisches an sich. Früher im Kunstunterricht wurde uns ein Bild gezeigt, das mit der so genannten Kommatechnik gemalt wurde. Daran musste ich denken, als ich dieses Bild sah.

Dadurch wurden auch die Farbspritzer auf Omas Klamotten erklärt, die im Übrigen hauptsächlich gelb und blau waren.

„Sieht schön aus“, sagte ich. Oma bedankte sich.

Dann ging sie Richtung Küche. „Komm, es gibt gleich Essen. Heute hat dein Vater gekocht!“ Wie ungewöhnlich. Es roch irgendwie nach Suppe, aber auch nach Milch, genau konnte ich das nicht sagen.

Als ich in der Küche stand, erlebte ich die nächste große Überraschung. Mama saß da. Das war zunächst nicht weiter neu, aber sie hatte ultraviolette Haare, die kürzer waren als meine, und meine Haare gehen mir nur bis zu den Ohrläppchen. Dazu trug sie noch so lange, filigrane Ohrringe mit Federn dran.

„Hallo, Mama, du siehst ja ganz anders aus…“, begrüßte ich sie total verdattert.

„Ja, nicht?“ Sie lachte. Ich hatte schon länger Lust auf eine Typveränderung. Und da geh ich neulich an so einem Frisörsalon vorbei und denke mir: Warum nicht? Die Ohrringe gab’s im Laden nebenan.“

„Sieht schön aus…“, sagte ich. Mama bedankte sich.

„So“, Papa setzte sich zu uns an den Tisch, „ich hoffe, die Milchsuppe, die ich gemacht hatte, schmeckt euch! Ich hab das Rezept mal im Kochbuch gesehen.“

Milchsuppe? Das klang höchst ungewöhnlich. Vielleicht so etwas wie Milchreis. Doch als ich den ersten Löffel nahm, wurde ich überrascht. Das Ganze schmeckte herzhaft… und ziemlich gut. Ich aß noch einen Teller und nahm dazu ein bisschen der Tofuwurst, die extra für mich gekauft wurde.

„Schmeckt echt gut“, sagte ich. Papa bedankte sich.

„Sag mal, wann wollte dein Freund noch mal vorbeikommen?“, fragte Oma. Lea antwortete, in einer Stunde wolle er da sein.

„Prima, dann kann er mir ja gleich bei diesem doofen Internetanschluss helfen.“

„Du kriegst Internet?“, fragte ich total erstaunt. Ich hatte bis jetzt nicht mal gewusst, dass Oma einen Computer hatte.

„Ja, denkst du denn, ich will hinterm Mond leben, nur weil ich seit einigen Jahren in Rente bin?“ Oma lachte. „Ich finde es wirklich interessant, was es da so alles gibt. Ich kann mir sogar Rezepte aus dem Internet aufschreiben, wenn diese Verbindung endlich mal steht.“

Ich sagte eine Weile erst mal nichts mehr. Ich war zu überrascht von all den Vorfällen, die sich hier ohne mein Wissen ereignet hatten. Ich krieg echt nichts mehr mit, dachte ich nur noch.

Lea war immer noch total hungrig. Sie aß ganze drei Teller der Milchsuppe und hatte sich dabei Unmengen an Salami hereingeschnippelt. Zuerst guckten unsere Eltern und unsere Oma nur ganz verwundert. Doch nach dem fünften Glas Apfelsaft sagte Mama: „Was ist denn heute mit dir los? Du frisst ja wieder wie ’ne siebenköpfige Raupe.“

„Haha, unheimlich komisch. Und ich dachte, ich wär den Spruch endlich los“, brummte Lea. Meine Güte, was war das denn? Sonst war sie doch nicht so schlecht drauf.

Das dachte auch unser Vater, denn er rief: „Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“

Und Oma fügte hinzu: „Wenn du weiter so das Essen in dich reinschlingst, wirst du noch krank, Kind!“

„Was kann ich denn dafür, wenn ich so viel Appetit habe?“, brauste Lea auf. „Kann ich doch nichts für.“

Oma vermutete, dass meine Schwester krank war, und empfahl ihr, zum Arzt zu gehen. „Das geht doch schon seit Tagen so. Warte mal, ich hab hier irgendwo noch Pillen gegen Verstopfung…“ Sie stand auf.

„Wieso glaubt eigentlich jeder hier, dass mit mir irgendwas nicht in Ordnung ist? Alles ist super!“, schrie Lea und verließ fluchtartig die Küche. Natürlich nicht, ohne die Küchen- und kurz darauf auch die Zimmertür zuzuknallen. Wenig später war aus ihrem Zimmer laute Musik zu vernehmen. Irgendetwas Rockiges.

„Wisst ihr, was mit ihr los ist?“, fragte Mama. Wir anderen schüttelten die Köpfe. Zirka fünf Minuten später ging ich zu ihr ins Zimmer. Es war allerdings die Tür abgeschlossen.

„Komm, Lea, lass mich rein!“, rief ich gegen die laute Musik an und klopfte gegen die Tür. Zuerst blieb die Tür verschlossen.

„Komm, Lea, ich bin’s, Sara!“

Sie machte auf. Ich stand in ihrem Zimmer, in dem mehrere Packungen dieser sauren Fäden herumlagen, oder wie man dieses Fruchtgummi noch gleich nannte. Die liebte Lea.

Meine Schwester schmiss sich mit dem Gesicht nach vorne auf ihr Bett. Nach einigen Minuten fing sie merkwürdig an zu zucken. Ich schloss schnell die Tür.

„Lea, was hast du denn?“, fragte ich sie. Keine Antwort. Ich strich ihr über den Rücken.

„Lea?“

Jetzt drehte sie sich um und ich sah, dass sie weinte. „Ich will nicht sterben!“

„Hey, wieso das denn? Du musst bestimmt nicht sterben, keine Angst!“

Immer noch schluchzend setzte sie sich auf und erzählte mir die Geschichte.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 8

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Der Stress nahm wirklich kein Ende. Ich fragte mich, was ich eigentlich verbrochen hatte, dass die da oben im Himmel – vorausgesetzt, es gab sie wirklich – mich derartig straften. Erst musste ich alle Abiturprüfungen innerhalb von einer Woche ablegen, dann verliebten sich zwei meiner Freunde ineinander und kamen miteinander auf keinen grünen Zweig, und dann zoffte sich meine Familie so häufig, dass es nicht mehr auszuhalten war. Wenn wenigstens das ultimative klärende Gespräch nicht heute stattfinden würde, dachte ich, als ich vor dem Haus mit den weißen Wänden stand, das meinen Eltern gehörte. Ich wusste, es würde unangenehm werden. Lea und ich würden uns anhören müssen, warum wir urplötzlich ausgezogen waren. Auf jeden Fall würde es stark auf meine gebeutelte Stimmung drücken.

Obwohl ich wusste, dass das Gespräch irgendwann einmal sein musste, betrat ich nur widerwillig das Haus.

Meine Familie wartete bereits. Jeder von ihnen sah aus, als wäre er gerade lieber ganz woanders. Ich wusste, dass Lea von ihrem Freund hierher gebracht worden war. Das war vermutlich auch der Grund, warum sie sehnsüchtig aus dem Fenster starrte. Papa bewegte seine Hände unruhig hin und her. Bestimmt vermisste er seine Zeitung, hinter die er sich so gerne rettete. Oma hatte die Arme verschränkt und auch Mama sah nicht gerade glücklich aus.

„Hallo, Sara“, begrüßte mich Papa. „So, äh, dann sind wir ja alle da.“

„Ich möchte, dass jetzt jeder nacheinander sagt, was ihn an der Situation stört, und was er sich wünscht. Damit wir uns endlich besser verstehen“, sagte Mama. „Wer fängt an?“

Betretenes Schweigen.

„Gut, dann fange ich halt an“, seufzte Mama. „Als ich vor einem Jahr wieder angefangen habe zu arbeiten, war es nicht leicht. Aber schließlich haben wir uns doch geeinigt. Wir haben gesagt, dass jeder hier seine Aufgaben hat und wie wir das mit dem Essen regeln und so weiter. Aber irgendwie hält sich keiner mehr daran. Das finde ich nicht gut.“

Sie wandte sich an Oma. „Es kann sein, dass ich mich, seit ich arbeite, mich ab und zu verzettele. Vielleicht muss ich noch lernen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Aber ich erwarte von dir – wie auch von allen anderen –, dass du mir dabei hilfst.“

Als Nächstes wollte Oma sprechen. Ich hatte gedacht, sie würde ihre Redezeit nutzen, um lauter Vorwürfe gegen ihre Schwiegertochter und den Rest der hier Anwesenden zu erheben, aber das tat sie nicht. Sie bemühte sich um einen ruhigen und sachlichen Ton.

„Mir gefällt der Gedanke nicht, dass du“ – sie sah Mama an – „in deiner Praxis arbeitest und wir müssen uns hier um alles alleine kümmern. Ich gebe ja zu, dass ich vielleicht etwas neidisch bin, weil mir damals einige Möglichkeiten genommen wurden. Aber zum Teil müssen wir ja auch unheimlich viel machen. Ich sitze zum Beispiel jeden Tag mit dem Kleinen in der Küche und mache die Hausaufgaben. Das nimmt eine unglaubliche Menge an Zeit weg. Ich mach das, wenn’s sein muss, aber ich möchte auch, dass hier gewisse Regeln eingehalten werden. Damit ich nicht schon wieder auf meinen Fernsehabend verzichten muss, nur weil sich irgendjemand aus dem Staub macht.“ Jetzt sah sie Lea und mich an.

Ich wollte unbedingt etwas dazu sagen.

„Das haben wir ja nur gemacht, damit ihr endlich aufhört, euch zu streiten. Natürlich haben wir uns da falsch verhalten, aber Lea und ich wussten uns einfach nicht anders zu helfen. Ich wünsche mir jedenfalls nur, dass wir uns wieder besser verstehen, und ich bin auch bereit, mich dafür wieder mehr um den Haushalt zu kümmern. Wenn das bedeutet, dass ich auch mal meine Ruhe habe.“

„Wie siehst du das, Lea?“, fragte Papa.

„Also, ich habe dem, was meine Schwester gesagt hat, nichts mehr hinzuzufügen“, antwortete sie, verschränkte die Arme und lehnte sich im Stuhl zurück.

„Tja. Und was machen wir jetzt?“

Papas Frage hing schwer wie Blei in der Luft. Was sollten wir jetzt machen? Das fragten wir uns alle. Doch niemand von uns hatte eine Antwort.

„Das mit dem Plan“, wagte Mama einen Anfang, „war doch eine gute Idee. Doch der beste Plan bringt nichts, wenn man sich nicht an ihn hält.“

Beiläufiges Nicken.

„Vielleicht haben wir noch nicht gut genug geplant“, warf Lea ein. „Das mit Saras Abitur zum Beispiel. Das haben wir gar nicht berücksichtigt. Oder dass Papa immer sehr lange arbeitet.“

„Stimmt“, antwortete Mama nachdenklich. Einen Augenblick lang waren wir alle sehr nachdenklich. Ich schätze, jeder brütete fieberhaft an der Super-Idee, mit der auf einen Schlag alle unsere Probleme gelöst wären.

Dann hatte ich ein paar gute Ideen.

Eine Stunde später stand der Plan. Mehr oder weniger jedenfalls.

Im Wesentlichen bestand er daraus, dass Oma mehr Zeit für ihre eigenen Aktivitäten hatte, damit sie sich nicht mehr so unzufrieden fühlte. Ab sofort sollte Lea Paul von der Schule abholen und mit ihm Hausaufgaben machen. Das Abendessen sollte Papa zubereiten. Außerdem würden wir, so oft es ging, etwas mit Paul unternehmen.

„So gefällt die Planung mir richtig gut“, sagte Mama zufrieden. „Wenn alles vernünftig eingehalten wird, hat jeder genug Zeit für sich. Und alle sind glücklich. Jetzt kann ich endlich meinen Tai-Chi-Kurs an der Volkshochschule machen.“

„Muss das sein?“, nölte Lea.

„Monika“, entfuhr es Papa und Oma gleichzeitig.

Ich verzog mich, ich musste noch meinen Job kündigen. Für den hatte ich jetzt nämlich keine Zeit mehr – und irgendwie auch keine Lust.

Als Lea und ich festgestellt hatten, dass sich unsere familiäre Lage beruhigt hatte – sprich: wir uns nicht mehr pausenlos zofften –, waren wir bereit, wieder zu Hause zu wohnen. Endlich wieder komfortabel leben und sich nicht mehr um jeden Cent abstrampeln müssen. Ich war glücklich.

Wenn da nur nicht das Problem mit Freddy und Aurélie gewesen wäre. Es mag sich wie ein dummes Klischee anhören, aber ich verbrachte einige schlaflose Nächte damit, darüber nachzudenken, wie wir die verfahrene Situation nur lösen könnten. Es war, als wären wir in einem Stau und kämen nicht vorwärts. Es sah so aus, als wären wir falsch herum in eine Einbahnstraße gefahren und kämen mit dem Konsequenzen, dem Unfall, wenn man so will, nicht zurecht.

Doch irgendwann wusste ich, dass mir all die Straßenverkehr-Vergleiche nichts brachten. Es musste eine Lösung her.

Alleine mit mir konnte ich es nicht mehr ausmachen. Und deswegen verabredete ich mich wieder am Platz des 20. Juli, diesmal war statt Aurélie aber Lea dabei. Ich dachte mir, vielleicht wäre es ganz klug, jemand Außenstehenden einzuweihen. Mal abgesehen davon, war Lea von uns mit Abstand die Erfahrenste in Liebesdingen.

Nachdem wir ihr alles lang und breit erklärt hatten, war aber auch sie erst einmal ratlos. Na toll.

„Das hat Freddy ja toll gemacht“, regte Lea sich auf. „Wieso musste er auch mit dieser Tussi rummachen? Da war das ja klar.“

„Er hat nicht mit ihr rumgemacht, er hat lediglich den ganzen Abend eng mit ihr getanzt und Aurélie dabei ignoriert“, stellte Anna richtig.

„Das ist in dem Fall jawohl egal“, gab ich zu bedenken. „Die Wirkung war jedenfalls die gleiche.

„Jaa, ihr habt ja Recht.“ Seufzend guckte Anna auf ihr Handy und danach in die Ferne. Vermutlich in die Richtung, wo die Pommesbude lag.

Ich schaute nach oben und sah direkt ins Gesicht der Stauffenberg-Statue. Trotz seiner Augenklappe wirkte der Typ so verdammt selbstsicher, als wüsste er genau, was er tat. Wir wussten leider überhaupt nicht, was wir tun sollten, und waren ziemlich verzweifelt. Auch wenn unser Problem garantiert nicht so schlimm war wie das von Stauffenberg. Trotzdem musste es gelöst werden.

„Na toll“, hielt ich fest. „Freddy und Aurélie lieben sich, kriegen es aber einfach nicht hin, auch nur einen Schritt aufeinander zuzugehen. Irgendwas müssen wir doch tun.“

„Ach, auch schon gemerkt?“, maulte Anna. „Mal was anderes, habt ihr das mit dieser Abiballband jetzt eigentlich hinbekommen?“

„Ja. Aber wie kann dich das jetzt interessieren?“

Anna stöhnte.

„Wir müssen uns ablenken“, bestimmte Lea. „Wie wäre es mit einem Singstar-Abend?“

„Na, wenn du meinst. Beim letzten Mal war es doch ganz lustig… Moment mal, ich hab’s!“

Verwundert starrten Lea und ich Anna an. „Wie meinst du das?“

„Na, ich hab den perfekten Einfall, wie wir Freddy und Aurélie zusammenbringen! Passt auf…“

Und wir steckten die Köpfe zusammen, lauschten und staunten.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 3

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Ich war unheimlich erleichtert, als ich am Nachmittag endlich die Bücher zuklappen und zum Treffen mit meinen besten Freundinnen fahren konnte.

Treffpunkt war der Platz des 20. Juli. Hier wollten wir uns treffen und zusammen in der nächsten Eisdiele einen Becher essen. Doch als ich an der großen Stauffenberg-Statue in der Mitte des Platzes ankam, saß unter ihr nur Anna.

„Wo ist Aurélie?“

„Hat mir vor fünf Minuten per SMS abgesagt. Angeblich ein Zahnarzttermin. Aber daran glaube ich irgendwie nicht.“

„Du meinst, sie könnte…?“

„Ja, genau.“

Wir gingen in die Eisdiele. Während wir auf unsere Eisbecher warteten, besprachen wir die Lage.

„Findest du es nicht auch merkwürdig, dass Aurélie sich gestern mit Freddy getroffen hat, ohne uns was zu sagen?“

„Eigentlich schon. Aber vielleicht hatte sie auch einfach denselben Gedanken wie wir. Und immerhin findest du ja Freddy ziemlich seltsam, da brauchst du mir gar nichts zu erzählen. Kein Wunder, dass sie uns da nichts erzählt hat.“

„Schon gut. Ich sag ja auch gar nichts dagegen, aber…“ Hilflos zuckte Anna mit den Schultern. „Wieso erzählt sie uns nichts davon? Hat sie irgendwelche Geheimnisse vor uns oder was?“

Die Eisbecher kamen. Während ich den ersten Löffel meines Erdbeer-Spezials nahm, gab ich zu bedenken: „Muss sie uns denn alles erzählen? Ich kläre dich doch auch nicht im Detail darüber auf, was ich tue, wenn du nicht da bist!“

„Na ja, eigentlich –“, wollte Anna einwerfen, doch ich hörte nicht zu, weil ich in diesem Augenblick zwei Menschen in die Pommesbude gegenüber gehen sah. Es waren ein Mädchen und ein Junge. Das Mädchen hatte braune Haare und trug eine rote Baskenmütze und der Junge hatte orangefarbene Stoppelhaare sowie ein schwarzes Metallica-T-Shirt.

Aurélie und Freddy! Ich glaubte es nicht.

Schnell zerrte ich Anna herunter, denn die beiden schauten gerade Richtung Eisdiele.

„Ich glaube es nicht!“

„Wieso, was ist denn los?“ Anna wollte sich wieder normal hinsetzen, doch ich zerrte sie wieder herunter.

„Da drüben! In der Pommesbude!“

„Hm?“ Vorsichtig richteten wir uns auf und lugten über den Rand unserer Sitzbank auf die andere Straßenseite.

Dort sahen wir, wie Freddy und Aurélie sich angeregt unterhielten. Sie gestikulierten beim Reden wild mit ihren Händen und ab und zu lachte Aurélie.

„Ich fass es nicht!“ Wütend drehte Anna sich um, was bei ihr eher selten vorkam, und rammte ihren Löffel in den Eisbecher. „Uns sagt sie, sie ist beim Zahnarzt, und dann trifft sie sich mit diesem Typen!“ Sie schlang einige Löffel hastig herunter.

„Hey, du redest von meinem besten Kumpel!“, rief ich. „Aber eigentlich hast du Recht. Langsam kommt mir die Sache auch spanisch vor. Und dass sie sich heimlich treffen, anstatt uns davon zu erzählen, kommt mir sogar portugiesisch vor.“

„Mir geht es genauso.“ Anna sah sorgenvoll zu den beiden hinüber. „Du, Sara?“

„Was?“

„Denkst du, was ich denke?“

„Was denkst du denn?“

„Glaubst du, die beiden haben etwas miteinander?“

Das Ganze erschien mir so abwegig, dass ich nicht anders konnte, als lauthals loszulachen. Als die anderen Gäste mich anstarrten, versuchte ich mich wieder einzukriegen. Das allerdings mit wenig Erfolg.

„Das wäre immerhin ein Grund, warum die beiden so heimlich tun“, gab Anna zu bedenken.

„Aber die beiden passen doch überhaupt nicht zusammen. Oder weißt du irgendwas von französischen Wurzeln bei Freddy?“, versetzte ich. Leider war Aurélie ihre Frankreich-Manie nach der Parisfahrt trotz Wein-Vollrausch nicht los geworden.

„Keine Ahnung. Ich wüsste allerdings einen anderen Grund…“

„Und der wäre?“

„Na ja… du weißt doch, ich kann nicht so viel mit ihm anfangen… Ich finde ihn aber nicht dumm, wirklich!“, beteuerte Anna.

„Schon gut.“ Ich schaute auf die Uhr, die mit italienischen Zahlwörtern beschrieben war, und nahm einen Löffel meines Erdbeer-Spezials. „Wir fragen sie morgen nach der Prüfung einfach mal. Und vielleicht liegen wir mit unserer Vermutung ja auch total falsch. Bestimmt gibt er ihr auch einfach nur Nachhilfe.“

„Ja, in Französisch.“ Sie zog eins ihrer unteren Augenlider nach unten.

„Sehr witzig.“

Zu Hause war es nicht gerade gemütlicher geworden. Oma saß mit Paul am großen Esszimmertisch und erledigte dort mit ihm die Mathe-Hausaufgaben. Unsere Oma ist eine Frau, die sehr schnell – warum auch immer – ihre Geduld verliert. Als ich wieder nach Hause kam, versuchte sie gerade, Paul Subtraktionsübungen zu erklären.

Nun ist es ja verständlich, dass ein Siebenjähriger keine Lust darauf hat, stupide Rechnungen zu machen, vor allem, wenn der Lieblingskumpel gleich vorbeikommt. Oma brachte das allerdings sofort auf hundertachtzig.

„Paul, wie viel sind sieben minus zwei?“

„Weiß nicht“, sagte Paul ungnädig und schaute aus dem Fenster auf die Straße, in die Richtung, aus der gleich sein Kumpel kommen musste.

„Paul! Pass auf, hier spielt die Musik! Du sollst dich jetzt nicht um Chris kümmern, sondern um deine Hausaufgaben! Es gibt kein Spielen, bis du hiermit fertig bist!“

„Ach, menno“, brummte Paul und aus dem Wohnzimmer kam ein müdes „Elisabeth!“. Von meinem Vater.

Ich fand, wenn er nicht damit zufrieden war, wie seine Mutter mit seinem Sohn umging, sollte Papa mehr tun, als einmal hinter seiner dämlichen Tageszeitung hervorzugucken und „Elisabeth!“ zu rufen. Doch ich sagte es ihm nicht.

Mama traute sich auch nicht, etwas einzuwenden. Vielleicht klammerte sie sich auch einfach nur an ihren letzten Rest Selbstbeherrschung. Jedenfalls zog sie nur die Augenbrauen hoch, während sie sich weiter um ihre Praxisunterlagen kümmerte. Das fand ich irgendwie auch nicht gut.

Ich wollte ins Zimmer gehen, aber dann bekam ich noch mit, wie Oma Paul danach fragte, wie viel denn nun sieben minus zwei seien, Paul wieder entgegnete, er wisse es nicht, und Oma daraufhin endgültig die Nerven verlor. Und wie immer, wenn das passierte, gab sie ihrer Schwiegertochter die Schuld.

„Das kann doch nicht wahr sein, Paul! Weil wir dir erlaubt haben, nachher noch mit Chris zu spielen, hast du keine Lust, die Hausaufgaben zu machen! Wenn es nach mir ginge, dürftest du ihn heute gar nicht mehr sehen. Aber deine Mutter hat es dir ja erlaubt.“

An dieser Stelle sah Mama kurz auf, versuchte aber, sich unbeeindruckt zu geben.

„Ja, genau, Monika! Kümmer du dich doch um deinen Sohn, anstatt dich hinter deinen Unterlagen zu verstecken! Ich habe keinen Nerv mehr dafür! Dein Sohn respektiert einfach nicht, was ich für ihn tue. Das hat er von dir!“

„Was soll das denn bedeuten?“, fragte Mama pikiert.

Na toll. Der nächste Familienstreit rollte über uns. Bevor Paul das noch mal mitmachen musste, schnappte ich mir ihn und seine Schulsachen und wir verzogen uns in sein Zimmer.

Jetzt teilte sich mein Inneres in zwei Teile. Der eine Teil saß mit Paul am Schreibtisch und erklärte ihm mit Hilfe von seinen Murmeln, wie er rechnen musste. Der andere Teil dachte über die familiäre Situation nach und lauschte dem Gebrummel der Altvorderen aus dem Esszimmer.

Im Grunde war jetzt wieder alles wie vor einem Jahr. Oma brachte Mama gegen sich auf und hielt sie für eine durchgeknallte, selbstsüchtige Kuh, brachte dabei immer wieder dieselben Argumente ein. Papa war zu schüchtern und zu desinteressiert, um sich gegen Oma aufzulehnen und nahm deswegen ihre Position ein. Mama fühlte sich von allen allein gelassen und wurde trotzig wie ein kleines Kind. Und wir Kinder mussten es ausbaden. Lea vernachlässigte die Uni und den Haushalt, Paul die Schule, und ich traf mich lieber mit hinterhältigen Burschen, anstatt eine ordentliche Abiturvorbereitung hinzulegen. Alles genau wie vor einem Jahr. Wieso nur? Hatte es sich für Mama überhaupt gelohnt, wieder mit der Arbeit anzufangen, wenn doch eh alles beim Alten geblieben war? Und gab es tieferliegende Gründe für den Streit?

Oma war in einer Zeit groß geworden, in der Frauen noch längst nicht so viele Rechte hatten wie heute. So viel ich wusste, hatte Oma nur einen Realschulabschluss machen dürfen. Hatte sie nicht auch mal erzählt, dass Opa ihr damals verboten hatte, einen Job anzunehmen? War das am Ende der Grund, warum sie so verbittert war?

„Fertig!“, rief Paul mitten in meine Überlegungen hinein und er sprang auf, rannte zur Tür, die gerade geklingelt hatte.

Super. Ich war im Augenblick sowieso zu nachdenklich, um ihm noch weiter zu helfen.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 2

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Kurze Zeit später standen wir vor einem Haus in der Berliner Straße. Ich drückte auf die Klingel mit dem Namen Steiner.

„Wieso willst du ausgerechnet zu dem?“, fragte Anna und schaute sich nach allen Seiten um, als würde sie befürchten, jemand könnte sie hier sehen. Mit dem war Freddy gemeint. Seit der Parisfahrt war er mein Kumpel geworden und auch wenn Anna und Aurélie, meine zweitbeste Freundin, sich an ihn gewöhnt hatten, fanden sie ihn immer noch ein bisschen, na ja, seltsam.

„Willst du ’ne gute Abinote oder nicht?“, fragte ich sie.

„Ja schon, aber…“

„Nichts da! Du kommst jetzt mit!“ Jetzt ging jemand an die Gegensprechanlage. „Hallo?“, hörte ich von Frau Steiner. Das war Freddys Oma, bei der er lebte, seit seine Eltern gestorben waren.

„Hallo, Frau Steiner! Wir sind es, Sara und Anna! Wir möchten gerne zu Frederik.“

„Kommt herauf!“ Sie öffnete die Haustür und wir traten ein.

Wenig später standen wir in der Wohnung.

„Das ist aber eine Freude! Ich habe ein paar Kekse gemacht, wollt ihr welche probieren?“

Frau Steiner war eine liebe Oma, ganz anders als meine. „Vielen Dank, wir nehmen gern welche!“, sagten wir und gingen in die Küche, um uns ein paar der leckeren Schokoladenkekse zu holen.

Noch mit vollen Backen verließen wir die Küche wieder, um Freddy in seinem Zimmer aufzusuchen, als wir plötzlich eine Begegnung der dritten Art hatten. Anna stand ein paar zögerliche Schritte hinter mir, doch auch ihr entging nicht, was da vor uns war. Oder besser gesagt, wer.

Es war unsere gute Freundin Aurélie.

Ein Drehbuchautor oder Filmemacher hätte diese Szene vermutlich nicht besser gestalten können. Anna, Aurélie und ich standen im Flur herum und starrten uns gegenseitig mauloffen an. Das wäre vermutlich ewig so weitergegangen, wenn nicht irgendwann Aurélie gesagt hätte: „Ich konnte nicht in… Ruhe lernen…“

Dann verschwand sie hinter der Klotür.

Anna und ich sahen uns an.

„Nicht nachfragen. Einfach nicht nachfragen“, sagte ich zu ihr und dann gingen wir in Freddys Zimmer, um ihn zu begrüßen.

Einige Stunden später und um einige naturwissenschaftliche Fakten schlauer fuhr ich mit der Straßenbahn nach Hause. Ich war im Lernen fürs Abitur ein großes Stück weitergekommen. Jetzt musste ich eigentlich nur noch wiederholen, nichts Neues mehr lernen. So gut hatte es geklappt. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass Freddy ein großes Biotalent besaß.

Bestens gelaunt schloss ich die Wohnungstür auf. Ich war mir sicher, dass meine Eltern und meine Oma es verstehen würden, dass ich heute so plötzlich abgehauen war. Sie sagten doch selbst ständig, dass ein gutes Abitur wichtig für meine Zukunft sei. Wenn ich ihnen erklärte, dass ich mit Freddy und meinen Freundinnen gelernt hatte, würden sie es schon verstehen.

Vielleicht hatte ich das ein wenig zu rosig gesehen. Als ich den Flur betrat, standen meine Mutter und meine Oma jedenfalls schon da und schauten mich finster an.

„Wo warst du?“, fragte Oma und hörte sich dabei an wie eine dieser strengen Lehrerinnen aus Hanni und Nanni. Ich hatte das früher immer verschlungen, bis –

„Antworte mir bitte!“

Ich musste mich beherrschen, um meine Jacke ruhig und gelassen an den Haken zu hängen. „Ich war bei Freddy.“

„Du warst bei Freddy? Ich glaube es nicht!“ Jetzt wandte meine Oma sich wütend an meine Mutter und fixierte sie mit ihren Augen, die hinter ihrer dicken Brille versteckt waren. „Ich habe es ja gesagt! Seit sie in Paris war, trifft sie sich nur noch mit diesem Typen! Ich habe ja gesagt, dass das keine gute Entscheidung war, sie dort mitfahren zu lassen!“

„Was willst du denn damit sagen?“, riefen meine Mutter und ich gleichzeitig. Verblüfft starrten wir uns an.

„Nichts“, gab Oma zurück. „Ich will damit nur sagen, dass Sara sich nicht verzetteln soll. Man hat ja bei Lea gesehen, wohin das führt.“

„Das ist nicht wahr!“, wollte ich meine Schwester verteidigen. „Es liegt nicht an ihrem Freund, dass sie letztes Jahr fast durch die Pädagogikprüfung gefallen wäre. Sie hat gelernt wie ’ne Blöde.“

„Nicht in diesem Ton, Sara!“

„Ist doch wahr! Jedenfalls war sie bei der Prüfung echt tierisch nervös. Ihren Freund hat sie in der Zeit kaum gesehen. Es liegt nicht an ihm.“

Meine Mutter wollte schon zustimmen, doch da fuhr Oma mich an: „Ach, hör mir doch auf! Dich nach Paris fahren zu lassen, war auf jeden Fall eine absolute Fehlentscheidung! Wozu hat das denn geführt bei dir? Anstatt fürs Abitur zu lernen, hängst du nur noch mit diesem Burschen herum. Und du sagst mir, du lernst immer fleißig? Dass ich nicht lache!“

„Ich habe –“, setzte ich an, doch Mama kam mir zuvor.

„Elisabeth“ – gemeint war meine Oma – „bitte werde jetzt nicht ungerecht. Es stimmt, Sara hat einige ihrer Pflichten vernachlässigt, aber –“

„Nichts aber! Du wusstest ganz genau, dass Sara auf der Parisreise Blödsinn machen wird, und hast es ihr trotzdem erlaubt! Und die Geschichte gibt ihr Recht! Sie hat sich mit diesem Burschen eingelassen!“

„Das stimmt überhaupt nicht!“ Ich wollte auch endlich mal etwas sagen dürfen. „Freddy ist mein guter Freund, aber nicht mein Freund! Bitte versteht das endlich. Außerdem haben wir zusammen gelernt, was ich hier ja nicht konnte.“

„Lernen! Dass ich nicht lache!“ Oma schnaubte und sah zur Decke.

„Elisabeth, jetzt wirst du aber wirklich ungerecht!“

„Ich? Ungerecht? Ich weise nur deine Tochter darauf hin, dass sie gewisse Pflichten hat. Darin hast du jawohl versagt. Oder warum lernt Sara nicht mehr für ihr Abitur und vergisst, den Haushalt zu machen? Warum hat Lea schon wieder die Uni geschwänzt? Warum hat Paul schon wieder seine Hausaufgaben nicht gemacht? Warum?“

Aufgebracht rief meine Mutter: „Ich lasse nicht auf mir sitzen, dass ich alles vergesse, seit ich wieder arbeite! Das stimmt nicht! Abgesehen von den paar Kleinigkeiten funktioniert doch alles wirklich prima!“

Da konnte ich ihr im Grunde nur zustimmen, auch wenn Mama manchmal etwas gestresster wirkte.

„In Wahrheit suchst du doch nur einen Grund, dass ich wieder aufhöre, zu arbeiten, und die brave Hausfrau gebe, die du so gerne hättest! Aber du hast Pech gehabt, so eine Frau bin ich nicht!“

In diesem Moment kam mein Vater aus seiner Anwaltskanzlei nach Hause. Er hängte seinen Mantel und seinen Schal an den Haken, streifte seine Schuhe ab und fragte: „Hallo Mutter, hallo Liebes! Wann gibt’s Essen?“

Manche Leute scheinen einfach ein Gefühl für perfektes Timing zu haben. Ich rannte schnell in mein Zimmer und drehte die Anlage auf, bevor ich mitkriegte, wie er von seiner Ehefrau einen auf den Deckel bekam.

Am nächsten Morgen suchte ich verzweifelt nach meinem Pullover. Es war mein Lieblingspullover, der schwarze Kapuzenpulli in Größe L, denn er war so schön kuschlig. Leider war er unaufffindbar. Wo konnte er nur sein?

Da fiel mir etwas ein. Die Wäscheständer standen bei Regen doch immer im Wohnzimmer. Also ging ich dorthin. Mir fiel auf, dass die Jalousien heruntergelassen waren, deswegen stellte ich die Lampe an.

Und erntete damit lautes Geschimpfe. „Verdammt, kann man denn nirgendwo in Ruhe schlafen?“ Die Stimme gehörte einem männlichen Wesen. Meinem Vater.

„Wieso schläfst du denn auf der Couch?“, wollte ich von ihm wissen. Er rieb sich die Augen und meinte: „Ist gut für den Rücken.“

Skeptisch dachte ich: Wahrscheinlich hat er einfach gestern von Mama mehr als nur einen auf den Deckel gekriegt. Ich ließ ihn in Ruhe und holte nur schnell meinen Pullover, denn auf weitere Familienstreits war ich nicht gerade scharf.

Beim Frühstück kam es nicht zu einem neuen Streit. Wirklich gemütlich war die Atmosphäre aber auch nicht gerade. Und da Paul, der uns sonst bei Laune hielt, schon in der Schule war, war es noch schlimmer.

Nur, um etwas zu sagen, bemerkte Papa, dass ihm der Reis, den Mama ihm gestern Abend noch zubereitet hatte, ausgezeichnet geschmeckt hatte. Worauf Mama ihn böse anfunkelte. Ich konnte mir gut vorstellen, warum.

Bevor die Situation zu eskalieren drohte, erzählte Lea von einer Vorlesung an der Uni. Sie studierte Anglistik und ihr Professor hatte neulich einen super Witz über Shakespeare gerissen, den sie uns unbedingt mitteilen musste.

„Also warst du mal wieder in der Uni, ja?“, murmelte Oma.

„Elisabeth!“, entfuhr es Mama schockiert.

„Ist schon gut, ich hab halt ’nen lockeren Stundenplan.“

„Und was hast du heute noch so vor?“, wendete sich Mama nun an mich.

„Ich lerne noch mal abschließend für die Prüfung morgen und dann treffe ich mich mit Anna und Aurélie.“

„Wenn du meinst, dass das ausreicht…“ Schon wieder musste Oma einen ihrer Kommentare abgeben. Mama schaute sie nicht gerade freundlich an. Na herrlich.

„Ja, es reicht aus. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich muss ins Bad.“