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Krümelmonster, Teil 28

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„Weil ich mich in dich verliebt habe, Lukas.“

Jetzt war es raus. Er starrte mich an. Ich starrte ihn an. Eine ganze Weile lang. Dann wandte er sein Gesicht ab.

„Und das soll ich dir glauben? Wahrscheinlich hast du diese ganze Geschichte nur erfunden, weil du Hannes nicht haben kannst. Weil er jede Frau dieser Uni haben will, außer dir. Und weil ich gerade da bin, denkst du dir: Hey, ich nehme ihn als Ersatz!“

„Das ist nicht wahr!“, rief ich.

„Ja klar. Und als Nächstes friert die Hölle zu. Jetzt entschuldige mich bitte, ich muss hier ein Konzert geben mit meinen Leuten.“

Ich weiß nicht mehr, wie ich von der Bühne kam. Aber in dem Augenblick fühlte ich mich so niedergeschlagen wie noch nie.

Ich verzog mich in die hinterste Ecke des Ballsaales, der eigentlich die Aula war, und betrachtete den hässlichen Boden. Ich wünschte mich zehntausend Kilometer weit weg. Da hatte ich einmal in meinem Leben etwas riskiert – und eine Abfuhr bekommen! Ich hatte es gewusst, ich hätte heute gar nicht kommen brauchen. Missmutig sah ich auf und guckte den Leuten beim Tanzen zu. Hannes hatte wieder jemanden im Arm, Aurélie tanzte mit Freddy, sogar Anna tanzte mit irgendjemandem. Alle hatten jemanden, außer mir. Was war mit mir, verdammt? Wann kam ich endlich dran? Wieso bekam ich nicht den Menschen, den ich wollte?

Ich bekam zu viel. Ich stürzte nach draußen, vorbei an den Sekt trinkenden Mädels, den saufenden Jungs und den Suchtrauchern. Bis ich mit jemandem zusammenprallte.

„Hey, pass doch auf!“, beschwerte sich jemand – bis wir uns erkannten. Ich hätte Kati fast umgerannt.

„Du gehst in die falsche Richtung!“, bemerkte sie.

„Doch, ich gehe in genau die richtige Richtung.“

„Wieso das denn?“

„Weil ich mit Lukas gesprochen habe. Und es ist nicht das herausgekommen, was ich wollte.“

„Wirklich nicht? Ach, komm wieder mit rein, lass dir davon nicht die Laune vermiesen.“

„Zu spät! Und was befiehlst du mir da überhaupt wieder? Für dich ist es doch ein Leichtes, die Typen zu kriegen“, fuhr ich sie an, „du siehst super aus, dich will jeder haben!“

„Ich hab es ganz bestimmt nicht leicht. Wir haben darüber gesprochen.“ Kati sah mich eindringlich an. „Es bringt jedenfalls auch nichts, sich hängen zu lassen. Also, kommst du jetzt mit rein oder nicht?“

Ich hatte gar keine Wahl, sie hakte sich bei mir ein und zog mich mit sich. Als ich gerade im Gebäude war, blieb ich stehen. Ich ging ganz bestimmt nicht weiter.

Kati ließ sich ihren Sekt schmecken. „Schmeckt gut. Lukas sieht auch nicht besonders glücklich aus.“

„Ja, und ich bin daran schuld.“

„Jetzt hör aber auf, verdammt noch mal!“, regte sich Kati auf. „Willst du den Abend überhaupt noch retten? Bin gleich wieder da.“

„Wo willst du denn hin?“

„Mich frischmachen gehen.“ Und schon war sie weg.

Den halben Abend stand ich alleine hinten an der Wand und trank Sekt. Wieso ließen mich immer alle alleine? Jetzt reichte es mir aber! Ich wandte mich zum Ausgang.

„Hey, wo willst du denn hin? Du bist doch gerade erst gekommen!“, ertönte es auf einmal hinter mir. Ich stöhnte laut auf.

„So leicht entwischt du uns nicht wieder“, rief Aurélie fröhlich. Freddy, der neben ihr stand, hob die Hand zum Gruß.

„Was soll das denn heißen?“, fragte ich pikiert.

„Dass du uns in den letzten Tagen ja voll aus dem Weg gegangen bist.“
„Ich hatte eben viel um die Ohren!“, versuchte ich mich zu verteidigen. „Da konnte ich mich nicht ganz so intensiv um euch kümmern.“

„Wir waren dir ja wohl völlig egal!“

„Aurélie! Sara! Meine Güte“, ermahnte uns Freddy, doch es war bereits zu spät.

„Ich hab nun mal nicht so ein tolles Liebesleben wie du!“ Ich deutete auf die Knutschflecken an Aurélies Hals. Sie versuchte noch, diese mit der Stola zu verdecken, klappte aber nicht. „Und es hat null geklappt! Und dann darf ich mir auch noch Egoismus vorwerfen lassen! Ach, lass mich doch in Ruhe!“ Ich stürmte davon.

„Sara? Hey, warte! Es tut mir Leid! Sara?“, rief sie noch hinter mir her, doch es war mir egal.

Ich merkte ja nicht einmal die Richtung, in die ich lief. Allerdings erblickte ich Kati an der Bühne. Sie flüsterte Lukas etwas ins Ohr. Was machte sie denn da? Wollte sie nicht eigentlich zu mir zurückkommen?

Lukas nickte und richtete sich wieder auf. Es war so, als suchte er irgendetwas im Publikum. Dann machte er eine Ansage: „Hey, Leute! Wir spielen jetzt das letzte Lied vor der Pause, also viel Spaß beim Abrocken!“ Die ‚Leute‘ applaudierten. Ich nicht.

Die ersten Akkorde ertönten. Was sollte das denn jetzt? Er spielte ein Lied, das ich nur zu gut kannte.

Tonight we drink to youth
and holding fast to truth.
I don’t want to lose what I had as a boy
My heart still has a beat
but love is now a feat
As common as a cold day in LA
Sometimes when I’m alone, I wonder
is there a spell that I am under
keeping me from seeing the real thing?
Love hurts…
but sometimes it’s a good hurt
and it feels like I’m alive
Love sings
when it transcends the bad things
Have a heart and try me
‚cause without love I won’t survive

Bei den letzten beiden Zeilen sah er mir in die Augen. Es fühlte sich an, als würden die schrammelnden Gitarrenakkorde, die er erklingen ließ, mein Herz zerschneiden.

Und sie trieben meine Beine an. Richtung Ausgang. Ich stürzte davon, während meine Tränen zu laufen begannen. Auch ich lief davon, im schnellen Tempo. Niemand war mehr draußen. Alle waren drinnen.

Plötzlich stolperte ich und lag der Länge nach auf dem Boden. Mein rechter Schuh lag irgendwo, mein Gesicht tat unheimlich weh, genauso wie mein rechtes Fußgelenk. Ich heulte richtig laut los. Nie wieder würde ich solche Schuhe tragen! Verdammter Mist!

Ich versuchte, mich aufzurichten, um nach meinem rechten Schuh zu greifen, aber das gefiel meinem rechten Fußgelenk überhaupt nicht. Es schmerzte unheimlich. Ich weinte noch lauter. Und mir wurde langsam kalt.

Aus der Ferne hörte ich, wie die Ballgäste applaudierten und Schritte sich näherten. Schließlich tauchte am Ende des roten Teppichs, zirka zwanzig Meter von mir entfernt, ein Mann auf. Ich konnte ihn nicht genau erkennen. Er drehte sich nach allen Seiten um und rannte dann auf mich zu! Hilfe! Was hatte er vor?

Krümelmonster, Teil 26

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Ich musste mit jemandem darüber reden. Also schnappte ich mein Handy und rief Anna an. Niemand ging ran. Sie hatte ihr Handy wohl mal wieder aus. Also rief ich den nächsten Namen im Telefonbuch an. Sieben Mal piepte es… und dann hörte ich eine stupide Mailboxansage, aufgenommen von der Person, die ihn besaß, und Freddy. „Tut mir Leid, Aurélie ist gerade nicht zu erreichen. Ruft am besten gleich zurück, wenn ich wieder da bin… oder auch nicht!“ Albernes Gekicher. Oh Mann! Ich legte auf und scrollte mich nach oben zu meiner Schwester durch. Wenn die jetzt nicht konnte, dann…

„Hallo, wer ist da?“

„Ich bin’s, Sara. Du, ich muss unbedingt mit dir reden!“

„Was ist denn- Uaaah!“ Würgegeräusche. Ich verzog angewidert mein Gesicht. Wenig später vernahm ich Geros Stimme. „Hallo, wer ist da?“

„Sara hier, hallo. Was ist denn mit Lea los?“

„Na ja, ihr geht’s gerade nicht so gut. Soll ich ihr was ausrichten?“

„Sag ihr einfach, sie soll morgen um zwölf in die Mensa kommen“, sagte ich, legte auf und verzog mich voll genervt von der Welt nach Hause.

Da wollte ich mal mit anderen über meine Probleme reden und niemand hatte Zeit für mich! Das war doch echt unglaublich. Mit niemandem konnte ich darüber reden, keiner hatte Zeit für mich! Wieso hatten Anna und Aurélie eigentlich Handys, wenn sie sowieso nicht rangingen? Lea hatte natürlich auch keine Zeit für mich gehabt. Musste sie denn ausgerechnet dann kotzen, wenn ich sie anrief? Ja, ich wusste schon, sie konnte nichts dafür. Nichtsdestotrotz war ich total verärgert und genervt. Ich wollte einfach nur mit jemandem sprechen, musste aber natürlich warten, bis Lea sich am nächsten Tag in die Mensa schleppte. Na gut, schleppen war vielleicht übertrieben. Aber nach dem, was ich gestern gehört hatte, konnte es ja nicht so toll sein.

Das sagte ich ihr auch, und dass ich sie am Vortag per Handy kotzen gehört hatte. „Tut mir Leid, aber seit ich schwanger bin, passiert mir das ständig. War keine Absicht, das gestern. Was hast du denn?“ Sie haute sich einen ordentlichen Bissen ihres Salates rein.

„Du ernährst dich nur noch gesund, was?“, bemerkte ich, während ich auf ihr Essen deutete.

„Ja“, antwortete sie. „Muss ich ja. Aber was ist jetzt mit dir? Gero sagte, du klangst gestern ziemlich nachdenklich.“

„Ja, da hat er wohl Recht. Ich wollte gestern unbedingt jemanden haben zum Reden… aber niemand hatte Zeit.“

„Was war denn los, meine Güte?“

Ich nahm erst einmal einen großen Bissen meines Wraps, ehe ich erzählte, wieso. „Na ja, ich hab Lukas gestern erzählt, was mir mit Hannes passiert ist, und danach wirkte er irgendwie kalt. Und er hat mich ganz schnell rausgeworfen, weil er zu einer Bandprobe musste.“

„Du hast WAS?“ Lea kreischte so laut, dass sich einige Leute nach ihr umsahen. „Du hast es ihm doch nicht ernsthaft erzählt, oder?“

„Ähm… Doch“, gab ich unsicher zurück, „er stand gestern nur mit Handtuch vor mir und da war ich so schockiert, dass er es mir angesehen hat und fragte, was los war… da hab ich es ihm halt gesagt.“

„Das ist doch nicht wahr! Wie blöd kannst du sein?“, regte Lea sich auf.

„Du bezeichnest mich als blöd? Komm erst mal wieder runter!“

„Der Kerl ist eindeutig in dich verknallt und da erzählst du ihm deine Männergeschichte? Meinst du nicht, du hast ihm damit ein bisschen weh getan? Und ich wette“, Lea zeigte mit dem Zeigefinger auf mich, „dass er die Bandprobe nur vorgeschoben hat, weil er keinen Bock hatte, den Stachel noch tiefer reingeschoben zu kriegen.“ Sie sah sich nach allen Seiten um und trank dann ihr Wasser.

„Was? Denkst du wirklich, Lukas hat… Gefühle für mich?“

„Aber natürlich, das sieht doch jeder Blinde. Du triffst dich mit ihm, er unterhält dich stundenlang, ist besorgt um dein körperliches Wohl… und ich hab gesehen, wie er dich ansieht. Er lächelt dich ständig an und seine Augen kleben sozusagen an dir. Also, der steht auf dich, hundertprozentig.“

„Meinst du wirklich?“, fragte ich ungläubig.

„Na klar. Nur leider hast du ihm wohl signalisiert, dass du überhaupt nichts von ihm willst.“

„Wie kommst du denn darauf?“

„Ich weiß ja nicht, was du ihm genau gesagt hast… aber wenn es dasselbe ist, was du mir auch gesagt hast, dann sieht es verdammt schlecht aus.“

„Oh Gott…“ Ich vergrub mein Gesicht in den Händen.

„Das kannst du wohl sagen.“

Den Rest der Mahlzeit nahmen wir schweigend ein. Wir brauchten gleich lang für unser Essen. Nur dass Lea sich etwa drei Mal so viel bestellt hatte wie ich. Ich stocherte in meinem Essen herum und sah zu, wie es von der Gabel zurück auf den Teller fiel. Ich hatte keinen Appetit mehr. Das Essen kam mir eklig vor… genauso wie ich selbst.

Nach einer halben Ewigkeit, in der Lea längst zu ihrer Vorlesung verschwunden war, stand ich auf und nahm mein Tablett mit. Dabei musste ich aufpassen, dass es mir vor lauter Energielosigkeit nicht aus den Händen glitt.

Seufzend stellte ich es auf die Ablage… und zuckte fast zusammen. An der Eingangstür stand Lukas! Er schien sich mit irgendjemandem zu unterhalten und mich dabei komplett zu übersehen. Das konnte ich ihm nicht einmal verdenken…

„Hi!“, rief plötzlich jemand von hinten und tippte mir auf die Schulter. Ich drehte mich um.

„Ich hasse es furchtbar, erschreckt zu werden!“, fauchte ich Hannes an. „Mach das nie wieder!“

„Entschuldigung, das wollte ich nicht. Hör mal, kann ich mit dir reden?“

„Muss das sein?“, nölte ich. „Warum geht’s denn?“

Wir gingen etwas zur Seite. „Hör mal“, begann Hannes. „Mir ist klar geworden, dass ich mich wie ein kompletter Idiot verhalten habe und ich wollte dir sagen, wie Leid es mir tut.“ Er sah sich um. „Also, wie hast du dich entschieden?“

„Dass ich dich nicht will. Also mal ehrlich, glaubst du wirklich, dass ich jetzt noch eine Beziehung mit dir will, nach all dem, was du mir angetan hast? Und Kati auch!“

„Ich denke, ihr habt mir mehr als deutlich klar gemacht, dass ich ein Vollarsch war. Willst du denn wirklich keine Beziehung mit mir? Ich bin mir über meine Gefühle für euch beide klar geworden… und ich weiß jetzt, dass ich nur dich liebe.“

„Aber ich empfinde nichts für dich.“

Hannes seufzte. „Ja, daran kann ich wohl nichts ändern.“ Er sah mich an. „Denkst du, wir können trotzdem Freunde bleiben?“

Ich sah ihn an. „Ja, vielleicht können wir das.“

„Aber… gute Freunde umarmen sich doch, oder?“, äußerte er sich, und ehe ich mich’s versah, lag ich in seinen Armen. „Was soll das?“ Ich riss mich von ihm los und klebte ihm eine. Danach rannte ich Richtung Eingangstür. Lukas war nicht mehr da. Verdammt, ich hätte ihm so gerne noch einiges gesagt! An Uni war jetzt natürlich nicht mehr zu denken.

Zu Hause randalierte ich total. Ich schmiss meine Kissen durchs Zimmer und ließ mich irgendwann total fertig auf den Boden fallen. Meinen Arm streckte ich so weit aus, wie es eben ging, und drückte auf den Anschaltknopf meines Radioweckers. Das Radio startete. Der meganervige Ansager rief etwas ins Mikrofon:

„Und jetzt, meine lieben Freunde, kommt der meistgewünschte Song unserer Hörer: Platz 1 – Incubus mit Love hurts.“

Das konnte doch nicht wahr sein! Wollten die mich alle quälen? Schlagartig stand ich wieder auf den Beinen und schnappte mir das große Kopfkissen. Ich haute so lange damit auf den Radiowecker, bis ich es irgendwie schaffte, den Knopf wieder zu betätigen und das nervige Teil zum Schweigen zu bringen. Doch damit war mein Wutanfall noch lange nicht vorbei. Ich schlug um mich und fluchte dabei so laut, wie ich konnte: „Scheiße! Verdammt! Mist! Shit! Damn! Blast! Merde! Mince! Zut!“ Plötzlich klopfte es laut an der Tür. Wütend riss ich sie auf. „Was?“

„Du fluchst ja ganz schön laut. Was ist denn los mit dir?“, fragte Kati.

„Hat man das bis zu deinem Zimmer gehört? Komm ruhig rein“, murmelte ich und räumte schnell das größte Durcheinander beiseite.

„Nein, ich bin bei dir vorbeigekommen, weil ich dich fragen wollte, ob du mitkommst zum Weihnachtsball. Dann besorg ich die Karten.“

„Was soll ich da?“, rief ich verzweifelt. „Ich werde ja doch nur in meinem schönsten Kleid in der Ecke stehen und traurig zur Bühne starren. Ich will da auf gar keinen Fall hin.“

„Aber wieso denn nicht?“

„Ich sag besser gar nichts mehr, bevor ich noch einer Person weh tue.“ Ich ließ mich mit dem Gesicht nach unten aufs Bett fallen.
„Wem hast du denn weh getan?“

„Lukas.“

„Und womit, wenn ich fragen darf?“

„Ich will eigentlich gar nichts sagen. Es reicht ja schon, dass ich Lukas zu viel erzählt hab. Und ihm damit ‘nen Dorn ins Herz gebohrt hab.“

„Du tust mir schon nicht weh damit. Erzähl ruhig“, drängte Kati.

„Ich hab Lukas gesagt, was mir mit Hannes passiert ist und er hat mich ziemlich schnell aus dem Haus geworfen. Er wirkte überhaupt nicht glücklich, das kann ich dir sagen.“

Kati riss die Augen auf und atmete tief aus. „Schöne Scheiße, was?“
„Das kannst du aber laut sagen.“

„Und wieso hast du’s ihm gesagt?“

„Na, weil ich so geschockt war, als Lukas nur mit ‘nem Handtuch vor mir stand.“

„Aber wieso hat er das gemacht?“

„Weil er duschen musste, nach der Schneeballschlacht, die wir veranstaltet haben!“, rief ich und zog mir das Kissen über den Kopf.

Kati sagte erst einmal eine Weile gar nichts mehr. Schließlich stand sie auf. „Dann willst du also nicht mit auf den Weihnachtsball kommen?“

„Auf keinen Fall. Wie gesagt“, brummte ich durchs Kissen.

„Aber gerade jetzt wäre es doch gut, wenn du mitkommst! Es wird bestimmt wieder alles gut, wenn du ihm erklärst, was du über ihn denkst!“

„Ich denke nicht, dass er mich nach dem heutigen Tag jemals wieder sprechen will“, rief ich und setzte mich wieder auf.

„Und wieso das bitte nicht?“

„Weil er gesehen hat, wie Hannes mich umarmt hat?“

„Wie, er hat dich umarmt? Das hast du mit dir machen lassen?“

„Es kam so plötzlich! Hannes hat mich gefragt, wie ich mich entscheide. Da hab ich gesagt, ich will keine Beziehung mit ihm. Und er fragte, ob wir vielleicht Freunde bleiben könnten und da hab ich ja gesagt. Und er meinte, gute Freunde würden sich umarmen, und hat mich gepackt! Und Lukas hat alles gesehen.“

„Und was hast du dann gemacht?“

„Ich hab Hannes eine geklebt, was sonst? Was musste der mich auch umarmen? So ein Arsch!“ Ich fing an zu schluchzen und nahm mein Gesicht sofort wieder in meine Hände. Kati setzte sich sofort neben mich und nahm mich in den Arm, aber das konnte mich auch nicht davon abhalten, zu weinen über all den Mist, der mir passiert war.

Krümelmonster, Teil 24

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Die ganze Nacht hatte ich es bei mir und schaute es mir an. Es sah wirklich so aus wie meines. Nur die Farbe war leicht anders… oder etwa doch nicht? Immer wieder betrachtete ich es. Ein paar Mal roch ich sogar dran. Männerschweiß, Zigarettenrauch, Shampoo, Duschgel. Was für ein… angenehmer Geruch. Am nächsten Morgen, nachdem mein Wecker klingelte, griff ich sofort zum Handy und rief Kati an. Kurz bevor sich die Mailbox melden konnte, ging sie endlich ran.

„Hallo?“, murmelte sie verschlafen.

„Hallo, Kati, ich brauche unbedingt Lukas‘ Adresse!“

Kati stöhnte. „Was ist denn so wichtig daran, dass du mich wachklingelst?“ Ein ausgedehntes Gähnen war zu hören.

„Es ist wichtig!“, betonte ich. „Er hat gestern Abend beim Konzert sein Palästinensertuch vergessen und das muss ich ihm unbedingt zurückbringen!“

„Beim Konzert, hm?“ Auf einmal klang Kati ziemlich wach. „Habt ihr euch gedatet oder was?“

„Nein, ich bin mit Anna und Aurélie im Erdbeergrün gewesen und da hat er gespielt.“

„Ach so.“ Sie gähnte wieder. „Er wohnt in der Rostocker Straße 35. Aber überfall ihn nicht so wie mich. Gute Nacht.“ Und zack, hatte sie aufgelegt.

Hm. Rostocker Straße 35? Wo lag das?

Kati hatte mir als Tipp gegeben, ihn nicht zu überfallen. Deswegen ging ich erst nach der Uni zu ihm. Trotzdem öffnete mir an der Tür mit dem „Achtung, Gefahr!“-Schild ein verschlafener Typ in Unterhose. Hatte der nicht gestern mit Lukas auf der Bühne gestanden?

„Guten Morgen, schöne Frau, was führt dich zu uns?“

„Ähm…“ Ich sah auf die Uhr. „Ist Lukas da? Ich möchte ihm das hier zurückbringen.“ Ich hielt das Tuch hoch.

„Sekunde, ich hol ihn.“ Der Mensch ging Richtung offene Badezimmertür und brüllte: „Lukas!!! Damenbesuch für dich.“ Eine halbe Ewigkeit später erschien der Angesprochene, nicht mehr bekleidet als der, der mir die Tür aufgemacht hatte.

„Hallo, ähm… was gibt’s?“

„Hi, ähm… ich wollte dir das hier zurückbringen, das hast du gestern beim Konzert vergessen.“

Sein Gesicht hellte sich auf. „Mensch, das hab ich schon überall gesucht! Dankeschön!“ Er strahlte mich an. „Willst du kurz reinkommen?“

„Klar.“

Er schloss die Tür und bedeutete mir, in die Küche zu gehen. Danach verschwand Lukas kurz in seinem Zimmer. Als er wiederkam, war er komplett angezogen. Auch das Tuch hatte er sich wieder umgewickelt.

„Willst du ‘nen Kaffee?“

„Gerne.“

Er setzte ihn auf und ich schaute ihm stumm zu. Irgendwann setzte er sich hin und stellte mir eine Tasse hin. Ich sah sie mir an. Geek stand da drauf. Was auch immer das sein sollte.

„So ein Palästinensertuch haben nicht viele Männer, oder?“, begann ich das Gespräch.

„Ja, da bin ich wahrscheinlich eine echte Ausnahme.“ Er zog seine Augenbraue hoch. Ich musste lachen.

„So was tragen normalerweise nur Frauen. Da war ich ganz schön überrascht.“

„Du hast auch so eins, oder?“

„Woher weißt du das?“

„Übersinnliche Kräfte.“ Er trank seinen Kaffee. „Na ja, du läufst ganz schön häufig damit herum. Sieht ja sogar so aus wie meins.“

„Stimmt, das ist mir auch schon aufgefallen.“ Jemand lief an der Küche vorbei. „Du wohnst in einer WG?“

„Ja, das stimmt. Der Typ, der dir gerade aufgemacht, war mein Bassist.“

„Ach, deswegen kam er mir so bekannt vor.“

„Wohnst du auch in einer WG?“

„Nein, ich bin in einem Studentenwohnheim.“

„Naja, davon hört man nicht so tolle Geschichten.“ Lukas goss sich Kaffee nach.

„Das stimmt“, antwortete ich. „Ich bin froh, dass ich eine Küchenzeile für mich alleine habe. Ich habe gehört, dass in den Gemeinschaftsküchen immer die Sachen rumstehen, sodass man denken könnte, die Biostudenten haben ihre Experimente nach Hause mitgenommen.“

Jetzt lachte er. Er hatte ein wirklich schönes Lachen, das musste ich ja sagen. Und ich hörte es noch oft, während ich in der Küche bei ihm saß. Als ich gehen wollte, war es schon dunkel und das lag ganz bestimmt nicht nur an der Jahreszeit.

„Eine Frage hab ich aber noch“, sagte Lukas, als ich schon aus der Tür raus war. „Woher weißt du, wo ich wohne?“

„Übersinnliche Kräfte“, antwortete ich und streckte die Zunge raus.

Am Wochenende besuchte ich wieder meine Familie. Diesmal natürlich angekündigt. Und – oh Wunder – es öffnete mir Gero. Gehörte er jetzt schon dazu, dass er die Tür öffnen durfte? Interessant.

„Hey“, begrüßte er mich. „Deine Familie schmückt gerade das Haus.“

Das Haus. Schmücken. Das hatte ich als Kind unheimlich gern gemacht. Gleich nachdem ich meine Eltern und meine Oma begrüßt hatte, schnappte ich mir einen Karton mit Deko und begann, ihn über’s ganze Haus zu verteilen.

„Na, mein Kind, wie geht es dir? Isst und trinkst du auch immer schön?“, wollte Oma wissen.

„Ja, das mache ich, Oma. Ich will doch nicht noch mal Lea vor die Füße fallen. Apropos, wo ist sie eigentlich? Geht es ihr und dem Baby gut?“

„Sie ist bei der Vorsorgeuntersuchung“, erzählte Oma, während sie auf einen Stuhl stieg. „Es geht den beiden ausgezeichnet.“

„Das ist ja schön. Warte, ich helf dir“, rief ich und hing die lilafarbene Perlenkette über die Gardinenstange im Wohnzimmer.

„Du hast es gut, du bist körperlich noch fit und kannst so was noch machen. Ich mit meinen schwachen Knochen – da geht das nicht mehr.“ Oma holte ein neues Bild und zeigte es mir. „Hab ich gemalt. Was meinst du?“

„Sieht gut aus!“

„Dankeschön. Kannst du hier mal weitermachen? Ich muss eben nach dem Essen schauen.“

„Was gibt es denn?“, erkundigte ich mich.

„Hackbraten.“

„Gibt es auch eine vegetarische Alternative?“

„Vegetarisch? Wieso das denn?“

„Oma!“ Ich verdrehte den Kopf und hätte beinahe die Weihnachtsengelchen fallen lassen.

„Oh, natürlich, es gibt bestimmt was für dich. Da isst du schon so lange kein Fleisch mehr und ich kann es mir immer noch nicht merken. Furchtbar.“

Beim Essen grinste ich die ganze Zeit in mich hinein. Ich trank Cola und im Ohr hatte ich immer noch den ersten Song von gestern Abend.

„Warum bist du denn heute so fröhlich?“, wollte Mama wissen.

„Du grinst schon die ganze Zeit in dich hinein, das tust du doch sonst nicht“, wunderte sich auch Papa.

„Ach, einfach so“, antwortete ich… grinsend. „Die Uni läuft eben gut.“

„Na, dann.“ Papa fuhr damit fort, von seiner Arbeit zu erzählen. Er berichtete vom Mann einer Klientin, der ihn in seiner Kanzlei aufgesucht hatte und ihm ans Leder wollte, da der Irre keine Lust hatte, den Unterhalt zu bezahlen, den Papa für die Frau einfordern sollte.

„Ich hoffe, so etwas wird uns nie passieren“, seufzte Lea. „Sicher nicht“, tröstete Gero sie und drückte ihr einen Kuss auf den Babybauch. Er war noch nicht besonders dick, aber ein bisschen hatte Lea wohl zugenommen.

„Wie geht es dem Baby denn?“, erkundigte sich Mama und lud sich eine Scheibe Hackbraten auf den Teller.

„Es geht ihm ausgezeichnet“, lächelte Lea. Sie blickte auf ihren immer noch enthüllten Bauch.

„Wisst ihr denn schon, was es wird?“, fragte Papa. Er wollte bestimmt einen Jungen.

„Ein Baby“, entgegnete Gero. Alle lachten.

„Ja, aber was für ein Baby?“

„Wird nicht verraten“, antwortete Lea zwinkernd. „Erst an Weihnachten.“

„Da fällt mir ein“ – Mama kaute an ihrem Hackbraten herum – „kommst du nächstes Wochenende?“

„Nein, da kann ich nicht“, teilte ich mit. „Da hab ich einen Termin.“

„Was für einen denn?“, stocherte Lea, neugierig wie immer.

„Verrat ich dir nicht.“ Ich streckte ihr die Zunge raus und aß mein Ersatz-Essen weiter.

Ich verriet es ihr natürlich trotzdem, aber erst, als sie mich wieder zum Bahnhof fuhr. Ja, Auto fahren konnte sie noch! Das versicherte sie mir lautstark. Auf die Neuigkeit, dass ich jemanden kennengelernt hatte, reagierte sie genauso wie meine Freundinnen.

„Das war der, der mich wiederbelebt hat, als ich dir vor die Füße gekippt bin“, verriet ich ihr. „Ach, der war das“, murmelte Lea. „Ist er nett?“

„Aber unheimlich. Wir haben so viel gelacht, als ich ihm das Tuch wiedergebracht hab, unglaublich.“

„Was für ein Tuch?“, hakte Lea nach und bog links ab.

„Sein Palästinensertuch, das er immer trägt. Er hat es bei seinem Konzert verloren.“

„Soso, sein Konzert“, flötete sie. „Du warst schon extra auf seinem Konzert?“

„Nein“, beteuerte ich, „es war zufällig. Ich bin mit Anna und Aurélie ausgegangen.“

„Ja klar, zufällig“, entgegnete meine große Schwester, mit einem Unterton in der Stimme, der preisgab, dass sie mir nicht glaubte. Sie hielt vorm Bahnhofsgebäude. „Endstation!“ Sie stieg aus und machte mir die Tür auf. „Viel Spaß in der Uni, Kleine. Und viel Glück mit deinem Lukas, oder wie er heißt.“

Die letzten zehn Worte, die sie zu mir gesagt hatte, hallten noch lange in meinem Kopf nach. Viel Glück? Konnte ich das gebrauchen? Wofür?

Krümelmonster, Teil 23

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Mit mäßigem Erfolg. Zwar schaffte ich es, einige der Fakten in mein Hirn zu bimsen, doch es war dazu große Anstrengung nötig. Ein dunkler Schatten in Form des Gesichtes eines gewissen Medizinstudenten schwebte ständig vor meinen Augen herum.

Zu sehr interessierte mich der Typ, der angeblich Lukas hieß und ein Freund von Hannes war, Krankenpfleger, Medizinstudent. Spielte in einer Band. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Musiker gehabt. Ich erinnerte mich an ein Schulfest in der zehnten Klasse, bei dem ich mit Zahnspange im Mund ganz vorne in der ersten Reihe gestanden und den Sänger angehimmelt hatte. Der war damals der Schwarm der ganzen Schule gewesen, bis er geflogen war und –

Von fern ertönte mein Handy. Wo war es nur? Hoffentlich fand ich es rechtzeitig… ich wühlte alle meine Sachen durch, bis ich es endlich fand. Ich drückte auf den grünen Hörer.

„Sara Lehmann?“

„Sara, wieso meldest du dich mit Namen? Du hast doch gesehen, dass ich es bin“, bemerkte Anna in ihrer typischen Art.

„Nein, ich musste schnell machen, sonst hättest du nur die Mailbox gekriegt. Was gibt’s denn?“

„Aurélie will mal wieder was mit uns beiden machen“, informierte mich Anna. „Sie dachte da an einen DVD-Abend.“

„Hat ihr der eine neulich nicht schon gereicht?“

„Ich denke, die beiden sind nicht zum DVD-Gucken gekommen, wenn du verstehst, was ich meine“, versetzte Anna. Wir lachten beide.

„Aber klar würde ich gerne mal was machen“, rief ich. „Sag bloß, du hast es geschafft, sie von Freddy loszueisen?“

„Es war ihre Idee. Sie hat mittlerweile kapiert, dass man auch mal was getrennt machen kann, wenn man in einer Beziehung ist.“

„Coole Sache. Ja, habt ihr denn heute Abend Zeit?“

„Klar.“

Wir verabredeten uns für sechs Uhr in der WG. Als Aurélie mich an der Wohnungstür begrüßte, fiel mir etwas auf: Sie hatte ihre Naturhaarfarbe zurück. Dunkelbraun.

„Hey, Aurélie, du hast ja wieder braune Haare!“

„Ja, die gefallen mir wohl doch besser. Und Freddy auch“, antwortete sie und hängte meinen Mantel auf. „Was möchtest du trinken? Kaffee? Tee? Kakao?“

„Ach, am allerliebsten mag ich Kakao“, gab ich zurück und ließ mich auf einen Tisch in der Küche plumpsen. „Also läuft es zwischen euch beiden wieder?“

„Ja, eure Idee mit dem Einsperren war wirklich klasse. Dadurch haben Freddy und ich endlich mal wieder richtig miteinander gesprochen.“

„Wir helfen immer gern“, meinte Anna, die gerade die Küche betrat, und verbeugte sich.

„Nein, ernsthaft. Jetzt ist uns klar geworden, dass wir nicht aneinanderhängen dürfen und uns gegenseitig unsere Freiheiten lassen müssen.“

„Ist doch gut.“ Anna setzte sich hin. „So, und was genau wollen wir jetzt machen?“

„Ach, ich hätte Lust auf DVD-Gucken, wie gesagt“, äußerte sich Aurélie und goss sich selbst und mir einen Kakao ein.

„Hat dir das DVD-Gucken mit Freddy nicht gereicht? Oder seid ihr am Ende gar nicht dazu gekommen?“ Anna zwinkerte mir zu und trank einen Schluck Früchtetee.

„Öh… woher wisst ihr das?“ Aurélie wurde leicht rot. „Naja… wir müssen ja nicht DVDs schauen, wenn ihr nicht wollt. Ich hab gehört, in der Kneipe um die Ecke spielt eine Band. The Students.“

„Welche Kneipe?“, rief Anna.

„Spielt Lukas da nicht mit?“, rief ich gleichzeitig. Worauf meine Freundinnen gleichzeitig fragten: „Wer ist Lukas?“

„Unwichtig“, watschte ich sie ab. „Ähm, wie heißt denn jetzt die Kneipe um die Ecke?“

Erdbeergrün“, antwortete sie verwirrt. „Aber wer ist dieser Lukas?“

„Kommt mit“ – ich trank meine Tasse Kakao leer – „dann erzähle ich es euch.“

Unterwegs, während wir durch den Adventsschnee stapften, erzählte ich es ihnen dann. „Es war ganz witzig, ihr habt doch sicher erfahren, dass ich neulich umgekippt bin, und da dachte ich, das wäre Hannes, der mich wiederbelebt hätte. Aber dann hab ich Kati getroffen –“

„Wie, du hast Kati getroffen? Die alte Nervtussi?“, unterbrach mich Anna.

„Die würde ich nie freiwillig treffen, die dumme Zicke!“, ergänzte Aurélie.

„Naja, wir haben uns an Hannes gerächt, weil er uns beide sitzenließ. Jedenfalls –“

„Wie habt ihr euch gerächt? Was habt ihr gemacht?“, wurde ich schon wieder unterbrochen.

„Ich hab seine Hausarbeit gelöscht und Kati hat die Stereoanlage neu verka-“

„Was, du hast seine Hausarbeit gelöscht? Das hast du wirklich gemacht?“

„Soll ich euch jetzt eigentlich erzählen, wer Lukas ist, oder wollt ihr das gar nicht?“, rief ich verärgert.

„Oh, das tut uns sehr Leid. Erzähl uns die ganze Geschichte.“

Wir setzten uns an einen Tisch.

„Also, wie gesagt, ich bin umgefallen. Wer Hannes ist, hab ich euch ja schon erzählt.“ Die Mädels nickten. Die Kellnerin kam an und wir bestellten drei Colas. Als sie abzog, fuhr ich fort: „Nun ja, ich bin neulich umgekippt, weil ich nichts getrunken hatte, und da hat Hannes mich wiederbelebt. Das dachte ich jedenfalls. Dann hat er mich in sein Zimmer geschleppt und gesagt, wie Leid ihm das alles tut und dass er mich liebt.“

„Und was hast du gesagt?“, wollte Anna wissen.

„Dass ich erst mal darüber nachdenken muss, und dann bin ich schlafen gegangen. In meinem Zimmer. Tja, und dann hab ich Kati auf der Unitoilette getroffen, deswegen war ich beim Essen übrigens so lange weg. Sie war total fertig wegen der Geschichte mit Hannes und da haben wir uns gerächt.“

„Du hast die Hausarbeit gelöscht und Kati hat irgendwas mit der Stereoanlage gemacht“, bemerkte Aurélie.

„Sie neu verkabelt, genau. Es war echt witzig, wie Hannes ausgeflippt ist. Wir haben natürlich vorher sichergestellt, dass er die Arbeit nirgendwo anders gespeichert hat.“ Ich zog die Augenbrauen hoch und grinste diabolisch. Was meine Freundinnen zum schallenden Lachen brachte. „Das ist ja geil“, japste Anna. „Aber wer ist jetzt Lukas?“

„Passt auf.“ Ich hob meinen Zeigefinger. „Weil Kati und ich die Aktion ganz cool fanden, haben wir uns auf einen Kaffee verabredet. Und da hat sie mir erzählt – sie hat nämlich alles beobachtet –, dass mich dieser Freund von Hannes wiederbelebt hat, der auch dabei war. Und der heißt Lukas.“ Ich lehnte mich zurück und trank etwas von der Cola, die mittlerweile angekommen war.

„Wow.“ Aurélie atmete hörbar aus. „Wieso passiert mir nie so etwas?“

„Dein Liebeslieben ist ja wohl aufregend genug“, wehrte Anna ab. „Aber was weißt du alles von ihm?“

„Naja, Kati hat mir einiges über ihn erzählt. Er hat eine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht und studiert hier jetzt Medizin. Außerdem spielt er in einer Band.“

„Und wie sieht er aus?“

In dem Moment trat jemand ans Mikro heran, das auf der kleinen Eckbühne aufgebaut war und es erklangen einige Gitarrenakkorde.

„Hallo, Leute!“ Die Stimme kam mir bekannt vor. „Hier sind The Students und wir spielen jetzt die beste Musik überhaupt, nur für euch!“ Wir drehten uns um. Ich schluckte.

„Nun ja, eigentlich sieht er genauso aus wie der Typ, der da am Mikro steht“, sagte ich. „Wow, das ist er?“, rief Aurélie und fing an zu kreischen. „Still!“, wies Anna sie zurecht.

Die Leute klatschten und wir stimmten mit ein, ich war aber noch etwas zögerlich. Sehr zögerlich. Was nicht gerade zu meiner Lockerung beitrug, war, dass Lukas‘ Band ein Lied spielte, das mir auch sehr bekannt vorkam.

Tonight we drink to youth
and holding fast to truth.
I don’t want to lose what I had as a boy
My heart still has a beat
but love is now a feat
As common as a cold day in LA
Sometimes when I’m alone, I wonder
is there a spell that I am under
keeping me from seeing the real thing?
Love hurts…
but sometimes it’s a good hurt
and it feels like I’m alive
Love sings
when it transcends the bad things
Have a heart and try me
‚cause without love I won’t survive

Lukas hatte eine tolle Stimme und konnte auch die E-Gitarre super spielen. Ich sah ihn mir genauer an. Er trug eine lässig auf seinen Hüften hängende Jeans und ein eng sitzendes T-Shirt. Er schien nicht besonders muskulös zu sein, also nicht so wie Hannes, aber er war trotzdem ziemlich gut gebaut. Seine Füße trugen weiße Chucks, auf die irgendjemand was geschrieben hatte und um den Hals trug er ein Palästinensertuch, wie auch ich eins hatte. Irgendwann nahm er es allerdings ab. Ich konnte meine Augen gar nicht von Lukas lassen.

An diesem Abend spielte seine Band viele Lieder, bekannte Lieder und eigene Stücke. Besonders entzückt war ich von einem alten Rocksong, den ich mit meiner alten Klasse mal im Matheunterricht gesungen hatte, um den blöden Lehrer zu ärgern. Ich lächelte… und Lukas lächelte zurück!

„Sieht ja gut aus, der Typ!“, bemerkte Anna. „Ja, da hast du wohl Recht“, stimmte ich zu.

Ein paar Stunden später verabschiedeten sich die Students, unter dem dröhnenden Applaus der Kneipenbesucher. „Komm, wir gehen“, forderte Anna uns auf und wir machten uns daran, das Erdbeergrün zu verlassen. Die anderen beiden waren schon nach draußen gegangen, als ich mich noch mal umdrehte… und Lukas‘ Palästinensertuch sah, das er auf der Bühne zurückgelassen hatte! Schnell ging ich zur Bühne und steckte das schöne Tuch ein.

„Kommst du? Wir wollen endlich nach Hause!“, rief Anna nach mir. Ich huschte nach draußen.

Krümelmonster, Teil 22

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Noch lange saßen wir da und unterhielten uns über Gott und die Welt. Am nächsten Tag ging ich glücklich, aber müde durchs Leben und erledigte nach und nach alles, um das ich mich zu kümmern hatte. Zwischen Uni, Freundeskreis und schwangerer Schwester war das zum Beispiel die Besorgung der Weihnachtsgeschenke.

Seit zwei Wochen hingen die Lichterketten nun schon an den Kaufhäusern und in den Straßen. Wie viele Leute in der Zeit wohl schon alles für ihre Lieben besorgt hatten? Die Menschenmassen nahmen, während ich Stück für Stück die Geschenkeliste abarbeitete, jedenfalls kein Ende und das, obwohl ich mir eine relativ späte Zeit zum Weihnachtsshoppen ausgesucht hatte. Na ja, ich war nicht eher dazu gekommen.

Und so zog sich alles ziemlich lange hin, obwohl ich ganz genau wusste, was ich meinen Lieben kaufen wollte. Paul sollte ein Hot-Wheels-Auto bekommen, meine Mutter ein Buch von Dora Heldt. Papa wollte ich ein gerahmtes Bild schenken und Oma ein paar Malfarben. Anna würde sich hoffentlich über den Comicband freuen, den ich für sie ausgesucht hatte, und Aurélie würde an Weihnachten eine Schneekugel mit dem Eiffelturm unter der Tanne finden. Die werdenden Eltern bekamen von mir ein paar Babysachen, Strampler und so etwas, natürlich in neutralen Farben. Ich wusste ja das Geschlecht noch nicht.

Für all das brauchte ich eine halbe Ewigkeit. Als ich mich zum letzten Mal an der Kasse anstellte, rief plötzlich jemand von irgendwoher ganz laut: „Sara!!!“

Genervt drehte ich mich um. „Was ist denn?“

Es war Kati. Wieso traf ich Leute eigentlich immer zum falschen Zeitpunkt? Irgendwie wollte ich sie gerade nicht sehen. Nervös betrachtete ich die Schlange vor mir.

„Hi, Kati“, begrüßte ich sie wenig begeistert. „Auch Weihnachtsgeschenke kaufen?“

„Ja“, erwiderte sie. „Ich hab eigentlich schon alle… nur das für meinen Vater, das ist jedes Jahr eine neue Herausforderung.“ Sie hatte mit mir über ihren Vater gesprochen. Ich wusste noch ziemlich genau, was sie gesagt hatte, und nickte verständnisvoll.

„Also, was ich dir noch sagen wollte…“, setzte sie an, nachdem wir uns eine Weile angeschwiegen hatten, während wir so halb in der Kassenschlange standen. Nanu? Was wollte sie mir sagen?

„Also, ich kann… konnte dich ja überhaupt nicht leiden. Aber es war schon ziemlich witzig, wie wir uns an Hannes gerächt haben. Das hat mir unheimlich gut getan.“

„Ja, das war ziemlich gut“, musste ich zugeben, obwohl ich auch nicht so viel von ihr hielt.

„Und ich wollte dir sagen, dass es mir Leid tut, dass ich einfach in dein Zimmer gegangen bin und deine CD kaputt gemacht hab. Du hast ja eigentlich überhaupt nichts gemacht. Der wahre Übeltäter ist Hannes und an dem haben wir uns jetzt gerächt. Also… tut mir Leid.“

„Ach was“, winkte ich ab. „Ist doch Ehrensache.“

„Und ich hab noch was für dich“, rief sie und kramte in ihrer Handtasche herum.

„Wie… du für mich?“

Nach einer Weile hatte sie ein kleines, in Silberpapier eingewickeltes Teil hervorgekramt und drückte es mir in die Hand.

„Na, mach es schon auf! Ist für dich“, ermutigte Kati mich. Ungläubig riss ich das Silberpapier und die rote Schleife, die noch drumherum gewesen war, ab und zum Vorschein kam… die CD mit den französischen Liedern. Mit zwei Songs, die ich noch überhaupt nicht kannte. Und was am Wichtigsten war: Auf dem Cover hatten die drei Bandmitglieder unterschrieben! Ich konnte es nicht fassen. „Wie… die ist für mich? Aber wie konntest du sie so schnell… und warum ist die signiert?“

„Tja, manchmal hat Reich-Sein eben auch so seine Vorteile. Viel Spaß damit!“ Sie lächelte mich an und ging.

„Aber das wäre doch nicht nötig gewesen!“, rief ich ihr hinterher. Sie drehte sich noch um und rief: „Die hast du verdient!“ Und weg war sie.

Ich konnte es nicht glauben. Ich registrierte gar nicht, dass ich von einigen Leuten in der Schlange überholt wurde, und statt den verlangten sechzig Euro drückte ich der Kassiererin sechzehn Euro in die Hand, so durcheinander war ich.

Diese ganze vorweihnachtliche Episode brachte mich noch mehr zum Nachdenken. Wahrscheinlich war Kati doch nicht so ein schlechter Mensch, wie ich nach über vierzehn Jahren schlechten Erfahrungen mit ihr gedacht hatte. Trotz all dem Haare-Ziehen und Angeben. Und genau dies bewog mich, mich mit ihr nach der Uni mit ihr auf einen Kaffee zu treffen.

Als ich kam, saß sie bereits an einem Tisch am Fenster. Ihr Haar trug sie wie gewöhnlich mit einer Haarspange nach hinten geklemmt, in ihren Ohren steckten Perlenstecker und ihren Körper bedeckte ein dunkelblauer (marineblauer?) Pullover. Wenn man sie so sah, konnte man eigentlich denken, sie studiere BWL und nicht Pädagogik.

„Na, wie geht’s dir?“, begrüßte sie mich.

„Körperlich oder seelisch?“, fragte ich zurück. Doch wir wurden unterbrochen vom Kellner, der unsere Bestellungen aufnehmen wollte. Kati nahm Latte Macchiato, ich einen Orangensaft. „Ich will ja nicht so enden wie letzte Woche“, erklärte ich es Kati.

„Wie, was ist dir denn da passiert?“, fragte sie.

„Ach, bei dem ganzen Stress hab ich vergessen, was zu trinken. Das war letzten Samstag“, erzählte ich. „Da hat mich dann meine Schwester besucht, und schwupps! bin ich ihr vor die Füße gekippt –“

„Ach ja, richtig, das hab ich mitgekriegt“, rief Kati sogleich.

„Echt? Wie jetzt? Auf jeden Fall hat Hannes mich dann wiederbelebt –“

„So weit ist es also schon gekommen? Dieser gottverdammte Lügner!“

„Wieso bin ich ein Lügner? Dieser Latte macchiato ist wirklich der beste in der ganzen Stadt!“, schaltete sich der Kellner ein, der uns gerade die Getränke brachte. „Nein, ich hab nicht Sie gemeint, keine Sorge!“, beruhigte Kati ihn und machte sich sofort ans Schlürfen. „Na, dann bin ich ja beruhigt“, erwiderte der Kellner und ging davon.

Verwirrt fragte ich: „Wer ist ein Lügner?“

Schlürf.

„Kati, wer ist ein Lügner?“, wiederholte ich meine Frage.

Schlürf. Keine Reaktion.

„Kati, verdammt noch mal, was ist hier los?“

Die Angesprochene zuckte zusammen und hätte hierbei fast ihr Glas umgestoßen. „Ich wollte es dir eigentlich nicht sagen, aber…“ So, als hätte sie mir ein äußerst vertrauliches Geheimnis zu erzählen, sah sie sich erst nach beiden Seiten um und rückte dann bis auf fünf Zentimeter an mein linkes Ohr heran, um zu sagen: „Ich habe alles gesehen.“

„Wie, du hast alles gesehen?“

„Ich hab gesehen, wie du umgekippt bist, ich hab gesehen, wie Hannes behauptete, dich wiederbelebt zu haben und auch, wie er dich in sein Zimmer geschleppt hat, um dir all das romantische Zeug zu erzählen. Der wollte dich nur bei der Stange halten!“

„Moment mal, was meinst du damit?“

„Dass Hannes dir nur was vorgespielt hat, damit du dich nicht völlig von ihm abwendest. Erinnerst du dich daran, wie nach dem Aufwachen der andere Typ, der dabei war, zu dir gesagt hast, dass du Flüssigkeit brauchst?“

„Dunkel…“

„Der hat dich in Wahrheit wiederbelebt. Das war gar nicht Hannes. Der würde so was auch nie im Leben hinkriegen.“

Ich fühlte mich voll verarscht. Ich konnte gar nicht glauben, dass er es nicht gewesen sein sollte. Konnte ich Katis Version wirklich Glauben schenken?

„Das… ist doch alles gar nicht wahr“, stammelte ich. „Das erzählst du doch alles nur…“ Ich zeigte mit dem Finger auf sie. „Und am Ende krallst du dir Hannes!“

„Was soll das eigentlich?“, erregte sich Kati. „Da erzähle ich dir einmal im Leben die Wahrheit und dann kriege ich so was zu hören. Glaub doch, was du willst! Ich hab’s nicht nötig!“

„Nein, so hab ich das gar nicht gemeint. Aber… wieso hast du alles beobachtet?“

„Ich hatte ihn an dem Abend noch mal besucht. Ich bin dann kurz Richtung Toilette gegangen… und dann hörte ich nur einmal kurz deine Stimme und dann hab ich halt alles gesehen. Und ich wollte unbedingt wissen, was Hannes mit dir macht… da hast du schon Recht. Er ist so ein Arschloch!“ Traurig guckte Kati auf den Boden.

„Natürlich ist er das!“ Wütend guckten wir an die Decke. „Boah, ich bekomme glatt Lust, mich noch mal an ihm zu rächen!“, schnaubte sie. „Nein, das haben wir doch schon!“, antwortete ich. „Das brauchen wir nicht, denke ich.“

Eine Weile schwiegen wir beide. Nachdenklich starrte ich in meinen Orangensaft, den ich immer noch nicht angerührt hatte. Du brauchst Flüssigkeit.

„Der andere Typ hat mich also wiederbelebt?“, fragte ich schließlich. Kati nickte und guckte dabei genauso drein wie ich.

„Wer war das eigentlich?“

„Ach, das war Lukas. Ein alter Freund von Hannes. Hat nach dem Abi ‘ne Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht und studiert jetzt Medizin.“

„Lukas…“

„Ja, so heißt er.“

„Krankenpfleger? Und Medizinstudent? Deswegen konnte er mich wiederbeleben… Und er hat sofort gewusst, was mir fehlt.“ Ich trank mein Glas in einem Zug aus.

„Also, danke, dass du mir das gesagt hast“, sagte ich zerstreut. „Ich gehe mal kurz auf die Toilette.“

Dort saß ich dann und seufzte so laut, dass ich damit die Pieselgeräusche überdeckte. Ständig änderte sich mein Leben und ich kam kaum hinterher. Es war so, als hätte sich jemand oben im Himmel den magischen Stift zum Drehbuch meines Lebens geschnappt und würde die abenteuerlichsten Wendungen und Schnitte einbauen. Wahrscheinlich sollte ich mir den Stift zurückholen. Wieso dachte ich über so etwas eigentlich auf der Toilette nach?

Beim Händewaschen fiel mir etwas auf, das sich im Spiegel spiegelte. Ich drehte mich mal kurz um. So erfuhr ich, dass meine Uni in knapp zwei Wochen einen Weihnachts- beziehungsweise Adventsball anbot. Das an der Wand hängende Plakat versprach für einen Eintrittspreis von fünfzehn Euro pro Studinase „vorweihnachtlichen Glamour und die besten Cocktails der ganzen Stadt“ (was für eine inflationär gebrauchte Floskel). Stattfinden sollte das Ganze in der Uni und es wurde eine Band angekündigt.

Wer von den Verantwortlichen hatte eigentlich die bescheuerte Idee, so etwas im Winter zu veranstalten, wo doch klar war, dass bei dem Wetter Abendkleider zu tragen lauter Erkältungen auslösen würde?

Dies sagte ich auch Kati, als ich wieder da war. „Tja, dann sind die Hörsäle wenigstens nicht mehr so voll, weil alle Mädchen zu Haus bleiben“, lachte sie. „Aber wo hast du denn das mit dem Ball gesehen?“

„Auf dem Klo. Es gibt Cocktails und es spielt ‘ne Band.“

„Echt? Welche denn?“

„Keine Ahnung. Irgendwas mit Students, ich hab mir den Namen nicht gemerkt.“

„Ah, Lukas spielt in einer Band, die so heißt. Die sind ziemlich gut.“ Kati wischte sich über die Nase. „Na ja, ich muss gleich nach Hause, ich will noch für die Pädagogik-Prüfung lernen.“

„Ja, ich sollte wahrscheinlich auch mal wieder lernen“, gab ich zu. „Hab in letzter Zeit ziemlich wenig gemacht.“

Wir bezahlten und fuhren nach Hause. An der Tür zu Flur 2 trennten sich unsere Wege.

„Hättest du denn Lust, zum Weihnachtsball zu gehen?“, fragte Kati.

„Keine Ahnung, muss mal schauen. Ich meld mich bei dir, okay?“
Wir verabschiedeten uns und ich ging in mein Zimmer, um mich mit den Vorlesungsmitschriften und einer heißen Tasse Kakao ins Bett zu legen.

Krümelmonster, Teil 21

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Ich fühlte mich ganz verändert. Ich lief durch die Welt wie auf Zehenspitzen, ein bisschen, als schwebte ich über dem Boden.Vielleicht würde ich bald bereuen, was Kati und ich da gestern gemacht hatten. Vielleicht würde ich mich dann zum Teufel dafür wünschen, was ich da einfach unternommen hatte, es als kindlich und unüberlegt betrachten. Ich hatte ja nicht bedacht, dass Hannes, genauso wie Kati es nun schon mehrmals getan hatte, Rache nehmen und mir damit schaden könnte. War das alles wirklich richtig gewesen? In dem Moment wusste ich nur, dass es für mich richtig gewesen war, da ich mich jetzt viel besser fühlte und mit der Geschichte quasi abgeschlossen hatte. Erstaunlich eigentlich.

Mit Kopfhörern in den Ohren hatte ich meine Beine wie üblich gegen den Tisch vor mir gelehnt und schaute verträumt an die Decke. Verträumt ist vielleicht nicht das richtige Wort, ich ließ einfach meine Gedanken schweifen. Vor fünf Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich so etwas mal erleben würde. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie mein Leben zum jetzigen Zeitpunkt aussehen würde. Damals bekamen all meine Klassenkameradinnen ihre ersten festen Freunde, während ich mit Anna auf dem Schulhof in der Ecke herumstand und abgeklärt über all die Tussen urteilte. Zu der Zeit konnte ich noch nicht ahnen, wann ich meine erste Erfahrung mit der Liebe haben würde und dass sie so eine Enttäuschung werden würde. Aurélie hatten wir damals erst kennengelernt, kaum zu glauben, dass wir jetzt mit ihr befreundet waren. Wir hatten sie da für genauso ein blödes Huhn gehalten wie die anderen Mädchen aus unserer Klasse. Erst später hatten wir festgestellt, dass sie doch schwer in Ordnung war. Vor fünf Jahren hatte Lea in einer schweren spätpubertären Krise gesteckt und jeden Tag mit Auszug von zu Hause gedroht. Und was war? Ich zog eher aus als sie. Ich hätte vor fünf Jahren auch nie gedacht, dass Lea jetzt schwanger werden würde. So früh? Nie im Leben. Die Leute bekamen doch immer später Kinder.

Mitten in meine Gedanken hinein klingelte mein Handy. Ich zuckte zusammen, hatte nicht mitbekommen, wie spät es war und ob die Vorlesung schon angefangen hatte. Gott sei Dank noch nicht. Mein Handy meldete eine SMS von – Lea. Wieso schrieb sie mir eine SMS? Hätte sie nicht einfach zu meinem Hörsaal rübergehen können? Ach ja, stimmte ja, heute hatte sie ja nur Vorlesungen auf einem anderen Campus. Wäre vermutlich etwas zu viel, mal eben acht Kilometer hin und zurück zu rennen.

Hast du heute Abend Zeit? Ich muss etwas ganz Wichtiges mit dir besprechen!, schrieb sie. Ich wurde schlagartig aufgeregter. Was konnte dieses Wichtige sein, über dass sie mit mir reden wollte? Hatte es etwas mit ihrem Baby zu tun?

Wie wäre es mit heute Abend um acht? Bring Aurélie und Anna mit!

Ich war mir total unklar darüber, was Lea mit uns besprechen wollte. Konnte es mit ihrem Baby zu tun haben, wenn die beiden dabei sein durften? Warum nicht? Aurélie und Anna waren doch schließlich auch ihre Freundinnen. Ich simste hin und her mit Anna, die einen Raum über mir saß, soweit ich wusste, Aurélie, die heute erst um elf Uhr in der Uni sein musste, und meiner Schwester. Schließlich hatten wir uns auf halb neun – Anna konnte nicht früher – in der WG geeinigt, aber abschließen konnte ich mit dem Thema noch lange nicht. Falls ich vorher nur leicht verträumt war, so war ich jetzt stark abgelenkt und spielte in meinem Kopf unendlich viele Szenarien von dem durch, was ich an diesem Abend erleben würde.

Wieso erwartete mich von einem Moment auf den anderen wieder so etwas Schwerwiegendes? Furchtbar war das! Am laufenden Band passierten in meinem Leben auf wenige Tage komprimiert so furchtbar viele Dinge. Inzwischen ging ich fest davon aus, dass Lea uns dreien mitteilen wollte, ob sie das Baby behalten wollte oder nicht. Doch warum sollte sie diese Entscheidung so schnell fällen? Sie hatte doch erst vor kurzem festgestellt, dass sie schwanger war.

In raschen Rückblenden zog dieser Tag an meinem inneren Auge vorbei. Gero und ich im rasenden Krankenwagen, Lea bleich und ohnmächtig vom Schock auf der Liege, an Maschinen angeschlossen, Wiederbelebungsversuche. Gero und ich total aufgeregt vor lauter Panik und schließlich der Arzt, der uns auf seine verschwurbelte Art mitteilte, dass Lea im dritten Monat schwanger sei.

Im dritten Monat…

Wollte sie etwa abtreiben? Wenn ja, dann würde sie es bald tun müssen, rechnete ich aus. Ich konnte es mir irgendwie nicht vorstellen. Vielleicht wollte ich es mir auch einfach nicht vorstellen. Natürlich kam das Baby einfach zum total falschen Zeitpunkt. Die beiden steckten mitten im Lehramtsstudium und wollten nächstes Jahr den ersten Abschluss machen. Geld hatten sie auch kaum, unabhängig waren sie nicht wirklich. Und trotzdem war da in mir irgendwo ein kleiner Kern, der sich wünschte, dass sie ihr Kind trotzdem haben wollten.

„Sag mal, wieso bist du eigentlich so unaufmerksam?“, sprach mich das nervige blonde Mädel aus meiner Arbeitsgruppe an, nachdem ich mich halb nervös, halb wahnsinnig durch den Tag geschleppt hatte. „In den letzten paar Tagen hast du doch so gut mitgearbeitet.“

Sie klang wie Frau Heidemayer, die Lehrerin, die mir die gesamte Kursstufe zur Hölle gemacht hatte. „Wahrscheinlich geht das in deinen Kopf nicht rein, aber es gibt Menschen, die so etwas wie ernsthafte Probleme haben! Dass man da nicht aufpasst, ist vielleicht verständlich!“, fuhr ich sie an. Sie wich zurück. „Tschuldigung, kann ich doch nicht wissen! Wieso sagst du denn nichts?“

„Weil es niemanden etwas angeht!“

Ich versuchte, mich für den Rest der Sitzung zusammenzureißen, was mir nicht richtig gelang.

Dementsprechend nervös kam ich um kurz nach halb neun an der WG meiner guten Freundinnen Anna und Aurélie an. Allein. Lea wollte aus irgendwelchen Gründen getrennt von mir anreisen. War das überhaupt das richtige Wort? Was wusste ich denn?

Bevor ich ins Treppenhaus ging, atmete ich tief durch. Bei meiner Ankunft saßen alle bereits im Wohnzimmer. Die Glieder peinlich ordentlich sortiert. So, wie wir früher immer am Esstisch sitzen sollten, woran wir uns natürlich nie gehalten hatten. Gero war ebenfalls anwesend.

Eine Zeit lang saßen alle nur da und sagten kein Wort. Irgendwann räusperte sich Lea und setzte an: „Na ja, ich hab euch heute alle versammelt, weil Gero und ich mit euch reden müssen…“

„Ja, es geht um etwas sehr Wichtiges…“, fuhr Gero fort.

Nun gut, das wussten wir ja schon. „Worum geht es denn?“, fragte ich ungeduldig.

„Es geht um etwas, das unser ganzes Leben verändern wird. Na ja“ – Gero korrigierte sich – „eigentlich hat es unser Leben schon verändert.“ Lea nickte.

Also ging es um das Baby. Mein Herz klopfte noch schneller, wenn das überhaupt noch möglich war. Jetzt würde sich alles entscheiden.

„Anna, Aurélie, ihr habt es sicher schon mitbekommen – ich bin schwanger“, sprach Lea aus. Die Angesprochenen nickten. „Am Anfang war ich total verzweifelt.“

„Wir beide“, warf Gero ein.

„Ja, klar. Ich meine, wir beide sind erst 22 und jetzt hat es uns so überrascht.“ Lea seufzte. „Was soll man in so einer Situation schon machen? Es kam wirklich aus heiterem Himmel.“

„Also, eins habe ich noch nicht verstanden“, sagte Aurélie, „warum ist euch das eigentlich passiert? Habt ihr nicht verhütet oder wie?“

„Doch, ich habe die Pille genommen“, erklärte Lea, „aber sie hat nicht gewirkt. Wahrscheinlich habe ich sie nicht vertragen. Jedenfalls habe ich das nicht gewusst und deswegen hab ich das ja auch erst so spät gemerkt. Ich bin schon im dritten Monat!“

„Im dritten Monat?“, echote Aurélie erstaunt.

„Ja, und deswegen hab ich mich auch ganz schnell entscheiden müssen.“ Lea räusperte sich. „Willst du es ihnen sagen oder soll ich?“ Sie sah Gero an.

Ich versuchte, in ihren Gesichtern zu lesen. Neutral waren sie, ohne jedes Indiz für das, was gleich kommen würde. So sehr ich mich anstrengte, ich konnte kein Zeichen erkennen.

Im Zimmer war es so leise, dass man einer Feder beim Auf-den-Boden-Fallen hätte zuhören können. Keiner sagte ein Wort.

„Na ja… wie soll ich sagen“, ergriff Gero schließlich das Wort. Schlagartig zogen sich seine Mundwinkel nach oben, und bevor ich das irgendwie deuten konnte, rief er: „Wir wollen das Baby bekommen! Ich werde Vater!“

Wir brachen in Jubel aus. Lea und Gero umarmten sich, ich stürmte vor Freude allen Personen im Raum nacheinander in den Arm und konnte es vor Glück gar nicht fassen: „Du wirst Vater, das heißt, du wirst Mutter, das heißt, ich werde Tante! Super!“

Eilig langte Gero hinter die Sofaecke, um fünf Gläser und eine Flasche Sekt hervorzuholen. Alkoholfrei, damit Lea auch etwas davon trinken konnte. Wir stießen an:

„Auf das Baby!“

„Auf die werdenden Eltern!“

Geschützt: Existierende und ehemalige Staaten

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Krümelmonster, Teil 20

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Nach ein paar Stunden kamen wir auch wieder zurück. Das Erstaunliche war, wir hatten Lea und Gero im Café getroffen. Zuerst wollte ich zu ihnen gehen, aber sie schienen sich ernsthaft zu unterhalten, da wollte ich nicht stören. Ich bekam nur mit, dass Lea bei der Kellnerin „etwas Alkoholfreies“ bestellte. Da hatte ich lächeln müssen. Ob das Gespräch ein Ergebnis gehabt hatte? Wir würden es sehen, hatte ich mir gedacht und nach dem Zahlen einfach gehen wollen. Doch da hatte Lea mich doch noch gesehen.
„Hallo, ihr beiden! Sara, ich wollte dir nur sagen, dass Gero an Weihnachten auch zu uns kommt.“ Er hatte genickt.
„Ähm… okay! Du, wir müssen jetzt dringend zurück in die WG, ich meld mich dann bei dir!“, hatte ich Lea informiert. „Okay, bis dann!“, hatte sie geantwortet. Hatte ich da eine kleine Rundung an ihrem Bauch gesehen?
„Wahrscheinlich wird sie das Baby behalten“, meinte Anna, als ich sie darauf ansprach. „Die beiden wirkten so glücklich zusammen, und sie hat ja extra nur Wasser bestellt.“
„Meinst du?“, fragte ich. „Das weiß man bei Lea nie so genau. Die kann ihre Meinung mal eben so“ – ich schnipste mit den Fingern – „ändern. Das kannst du nicht vorhersehen.“
„Wir werden sehen.“ Mittlerweile waren wir wieder beim Haus angelangt, in dem Anna und Aurélie wohnten. „Jetzt werden wir aber erst mal sehen, ob sich unsere Lieblingsfreunde wieder eingekriegt haben. Deren Meinung zu ändern, ist sicher sehr viel schwieriger.“
„Da hast du wohl Recht“, stimmte ich ihr zu und nahm 2 Stufen auf einmal. „Ich wette, die zoffen sich immer noch.“
„Da könntest du wieder Recht haben. Mal sehen…“ Als wir vor der Wohnungstür standen, war es auffällig ruhig. Wir pressten beide unsere Ohren an die Tür, aber es war nichts zu hören.
Anna schloss auf. In der Wohnung war immer noch nichts zu hören, außer der tickenden Küchenuhr. Wir schlichen zur Stubentür und schlossen sie vorsichtig auf. Und was erblickten wir?
Aurélie und Freddy Arm in Arm, auf dem Fernsehbildschirm lief das Menü von „Die fabelhafte Welt der Amélie“, wahrscheinlich zum hundertsten Mal. Die beiden lagen da und schliefen. Und bei noch genauerem Hinsehen entdeckte ich… unter der Sofadecke, die sie verhüllte, waren beide nackt!
Ich zerrte Anna in ihr Zimmer. „Die haben beide miteinander geschlafen! Im Wohnzimmer!“
„Tja, ich würde mal sagen, das Ganze war ein voller Erfolg. Lass uns schlafen gehen, ich bin echt müde.“
Auf der unbequemen Gästematratze ruhte ich zur Nacht und ich muss sagen: Lange habe ich nicht mehr so gut geschlafen wie damals.

Das konnte ich auch sehr gut brauchen, denn der Tag darauf wurde genauso ereignisreich. Mindestens genauso ereignisreich, würde ich sagen.
In der Uni wurden viele bedeutungsvolle Blicke ausgetauscht zwischen mir und anderen Leuten.
Zwischen Anna und mir, weil sich Aurélie und Freddy endlich wieder vertragen hatten und Arm in Arm die Uni durchquerten. Wir lächelten uns an.
Zwischen Kati und mir, weil wir eine Zweckverbrüderung geschlossen hatten und uns heute Abend deswegen treffen wollten. Verschwörerisch grinsten wir uns einander an.
Zwischen Hannes und mir. Ihn verwunderte es, dass Kati und ich in stetigem Blickkontakt standen und gelegentlich ein Wort miteinander wechselten. Das verstand er nicht. Sollte er auch nicht.
Wie hast du dich entschieden?, fragte sein Blick.
Belästige mich nicht weiter!, antwortete mein Blick.
Aber du bist doch so eine tolle Frau!, entgegnete sein Blick verständnislos.
Und du bist ein Weiberheld, der sich nicht darum schert, ob er anderen Menschen mit seinen Taten wehtut, sagte mein Blick. So einen will ich nicht haben, egal, wie sehr er mich beglückt hat, fügte mein Blick hinzu.
Und so eine hab ich wiederbelebt, ärgerte sich sein Blick.
Dafür bin ich dir auch sehr dankbar, gab mein Blick zurück. Trotzdem will ich dich nicht mehr haben. Das hättest du dir früher überlegen sollen. Damit wandte sich mein Blick ab.
Das war jedoch nicht das Wichtigste, diese Gespräche mit Blicken, die während Politikvorlesungen und auf den Unigängen stattfanden. Das Wichtigste kam erst heute Abend.
Da kehrte ich wieder ins Studentenwohnheim zurück. Dieser Mief hatte mir fast schon gefehlt. Aber nur fast.
Ich warf schnell meine Sachen ins Zimmer und ging dann los zum Zimmer 405, das viel größer als meins war und in dem Kati wohnte. Sie erwartete mich wohl schon, denn ihre Tür war geschlossen und sie hatte eine Tasche aufgesetzt.
„Hallo“, sagte Kati. „Ich muss gestehen, ich bin ganz schön nervös.“
„Ich auch. Hast du alles dabei?“
„Ja, hab ich“, behauptete sie. „Schere, Minischraubenzieher, Zimmerschlüssel, ich hab sogar ’ne Digitalkamera dabei…“
„Wieso das denn?“
„Damit ich alles fotografieren kann“, lachte sie.
„Du hast sogar einen Minischraubenzieher dabei? Wo hast du den denn her?“, wollte ich wissen.
„Denkst du, ich bin ein kleines Püppchen, das nichts selber machen kann? Den hab ich mir vorm Auszug gekauft, falls irgendwas von meinen Sachen kaputt geht“, informierte Kati mich.
Während wir den Flur Richtung Hannes’ Zimmer entlanggingen, flüsterten wir. Wie lächerlich, als ob uns irgendjemand hören könnte. „Hast du den Schlüssel zu Hannes’ Zimmer?“
„Ja, klar. Er hat den, den er für mich hat abziehen lassen, noch nicht zurückverlangt.“
„Sag mal, wie bist du eigentlich in mein Zimmer gekommen damals?“, erkundigte ich mich bei mir.
„Es war nur einmal abgeschlossen“, erzählte sie. „Da brauchte ich bloß meine Kreditkarte durchschieben und schon war ich drin.“
Ich ärgerte mich, dass ich das nicht bedacht hatte. Aber jetzt ging es um wichtigere Dinge.
Mittlerweile waren wir bei seinem Zimmer angelangt. „Bist du dir wirklich sicher, dass er gerade nicht da ist?“, wisperte ich.
„Na klar, er hat um die Zeit immer seinen Sportkurs an der Uni. Dann wollen wir mal.“ Mit diesen Worten schloss sie die Tür auf. Sofort machten wir uns an die Arbeit. „Ich kümmere mich um die Stereoanlage, und du machst seinen Computer an“, befahl Kati. Fachmännisch schraubte sie die Rückseite der Anlage auf.
„Was soll ich denn da tun?“
„Ich weiß aus sicherer Quelle, dass er morgen eine Hausarbeit abgeben muss. Und so wie ich ihn kenne, hat er die weder ausgedruckt noch auf USB gespeichert“, meinte Kati mit einem diebischen Unterton in der Stimme.
„Du meinst…“
„Ja, genau, ich meine.“
Jetzt tauchte die Passwortabfrage auf seinem Bildschirm auf. „Tipp mal Passwort ein“, verlangte Kati, während sie einige Kabel vertauschte. Ich gehorchte ihr. „Boah, ist der Kerl einfallsreich.“
„Wem sagst du das?“
Normalerweise war ich nicht der Mensch, der daraus Freude bezog, anderen Menschen zu schaden. Doch ich muss gestehen, dass es mir tierischen Spaß machte, all den Quatsch, den er zum Thema Sportpsychologie zusammengeschrieben hatte, zu löschen und beim Schließen des Word-Dokuments auf die Frage „Möchten Sie die Änderungen speichern?“ mit Ja zu antworten.
Eine Weile werkelten Kati und ich noch herum und stifteten Unordnung, wie negative Heinzelmännchen sozusagen. Irgendwann ließ meine Mitverschwörerin ihr Werkzeug sinken und schaute auf die Uhr. „So, wir müssen uns langsam vom Acker machen. In einer Viertelstunde kommt er wieder.“ Sie holte ihren Lippenstift aus der Tasche, malte sich die Lippen rosa an und drückte einen Kuss auf den Monitor. „Hast du auch irgendwas, das du hier zurücklassen kannst?“, wandte sie sich an mich.
„Ja, klar, einen Moment…“, überlegte ich und rannte schnell ins Zimmer. Fein säuberlich breitete ich den mitgebrachten Gegenstand auf seinem Bett aus. Es war das Handtuch, das ich getragen hatte, als Hannes und ich uns in der Dusche begegnet waren.
Zum Abschluss versprühte Kati noch etwas Parfüm im Zimmer und dann verließen wir den Raum. Natürlich schlossen wir die Tür wieder ab.
In meinem Zimmer, dessen Tür wir eine Spur weit offen ließen, legten wir uns auf die Lauer. Es war nicht meine Idee. „Findest du das nicht etwas kindisch?“, fragte ich sie. „Mag sein“, gab sie zurück, „aber ich will sehen, wie er den Schock seines Lebens erleidet.“ Wir müssten beide höllisch lachen.
Da kam Hannes pfeifend den Flur heraufgelaufen, die American-Apparel-Tasche locker über die Schulter gehangen, den Schlüssel schon in der Hand. Er schloss auf und wir konnten sehen, dass er die Tür nicht schloss. Verwirrt betrachtete er das Chaos in seinem Zimmer und schnupperte. Es klang ulkig.
Als Nächstes wollte er wohl, soweit wir das sehen konnten, die Stereoanlage andrehen. Die aber nicht funktionierte. Zunächst fluchte er laut herum. Dann war zu hören, wie er sich über den Lippenstift auf dem Computer wunderte, und es klang schon etwas ängstlich. Er murmelte etwas, das Kati und ich nicht so genau verstehen konnten und tippte auf seinem Handy herum, das er sich ans Ohr hielt. Allerdings schien es nicht zu funktionieren, denn Hannes fluchte erneut wie wild herum. „Scheiße, was passiert denn hier? Okay, ganz ruhig…“ Was dann geschah, konnte ich nicht so genau sehen.
„Was macht er da?“, wisperte ich.
„Er macht den PC an“, antwortete Kati ebenso leise. „Und den Drucker hat er auch angeschaltet… Hm…“ Sie kniff die Augen zusammen… „Er hat irgendwas geöffnet…“ Und plötzlich ertönte so laut, dass man es noch am anderen Ende Frankfurts hören musste, ein verzweifeltes „NEIN!!!“
„Er hat die Arbeit geöffnet!“, rief Kati mir begeistert zu. Wir mussten beide lachen und klatschten High-Five, als wären wir Basketballspieler. Doch das „Nein“ war noch nicht alles, was wir aus Hannes’ Zimmer hörten. Fassungslos hob er, so beobachteten wir, mein Handtuch auf und sah es sich an, dann betrachtete er den Monitor. Schlagartig schien ihm alles klar zu werden. „NEIN!!! Diese verdammten Schlampen! Na wartet…“
Kati und ich lagen auf dem Boden meines Zimmers vor der einen Spalt offenen Tür und konnten uns nicht mehr einkriegen vor Lachen. Gut, vielleicht war all das, was wir gerade gemacht hatten, kindisch und übertrieben, und vielleicht würden wir es irgendwann bereuen. Doch im Augenblick fühlten wir uns einfach göttlich.

Krümelmonster, Teil 15

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Drei Stunden später fuhr ich mit dem Zug wieder zurück. Mir ging es noch nicht richtig gut, aber bereits um einiges besser. Ich konnte es kaum glauben, dass ich mit meiner Oma über solche Dinge gesprochen hatte. Keine Ahnung, wie oft ich mich schon verknallt hatte, aber wenn das passiert war, hatte ich höchstens mit Anna und Aurélie darüber geredet. Ich war eigentlich der festen Meinung gewesen, dass mein Liebesleben meine Altvorderen nichts anging. Aber so schlimm hatte ich es jetzt gar nicht gefunden, mit meiner Oma über nichtsnutzige Kerle zu diskutieren. Lag das am Alter? Konnten wir uns langsam auf Augenhöhe begegnen? Ich wusste es nicht.

Jedenfalls kam ich um einiges befreiter und fünfzehn Minuten zu spät am Treffpunkt an. Anna saß bereits am Zaun vorm Haus und schlürfte einen Kaffee zum Mitnehmen. Die wurden auch immer moderner.

„Hi“, begrüßte ich sie. „Sorry, dass ich zu spät komme, aber ich bin noch spontan nach Hause gefahren.“

„Wieso das denn?“

„Mir war so danach. Nachdem Aurélie mich so angemacht hat, konnte ich einfach nicht mehr – da bin ich zum Bahnhof gelaufen.“

„Wie, sie hat dich angemacht?“, wollte Anna wissen. „Was ist denn nun schon wieder los?“

„Komm mit ins Haus“, forderte ich sie auf.

In meiner Bude setzte ich erst einmal Kakao auf, denn von all der Kälte da draußen war ich schon fast zur Eisprinzessin geworden. Mit der dampfenden Kanne und meinem Ich-bin-hier-der-Boss-Becher ließen wir uns am Tisch bei der Kochecke nieder.

„Nun, das war so“, eröffnete ich die Geschichte. „Ich war doch ziemlich durcheinander, weil Lea mit ’nem Baby im Krankenhaus liegt. Im Krankenhaus musste man doch sein Handy ausmachen und weil ich so durcheinander war, hab ich nicht mehr dran gedacht, es anzumachen. Und dann ist auch noch die Sache mit der CD passiert.“

„Welche CD?“

„Du weißt schon, diese CD, die ich in Paris gekauft hab, die mit den französischen Liedern“, erklärte ich ihr. Anna nickte.

„Nun, ich kam gestern Abend nach Hause und da lag diese CD in tausend Einzelteilen auf dem Bett und das Booklet war zerrupft. Und es stank permanent nach Kati.“

„Hä? Wieso das denn?“

„Na, Chanel Nummer fünf! Ihr Lieblingsparfüm. Das kann nur sie gewesen sein!“

„Aber wie kam die denn in dein Zimmer?“ Das verstand Anna nicht und ich genauso wenig. „Keine Ahnung. Aber das schafft die bestimmt irgendwie. Da muss sie nur vom Hausmeister den Pulli hochziehen und schwupps, gibt er ihr den Ersatzschlüssel.“

„Ich hab’s ja geahnt, als du mir erzählt hast, dass du mit Hannes geschlafen hast“, rief Anna. „Hättest du mal…“

„Ich brauch jetzt kein ‚Hättest du’!“, brauste ich auf. „Ich weiß selber, dass ich totalen Scheiß gebaut hab. Nie im Leben hätte ich meine Jungfräulichkeit an so einen Typen verschwenden sollen! Er ignoriert mich einfach.“

Lauernd fragte Anna: „Tut weh, was?“

„Ja, es tut weh. Aber ich hab mich einfach mitreißen lassen! Es tat so weh, als er gestern mit Kati im Café saß und den anderen Mädels hinterhergeguckt hat. Ich werde ihn wohl einfach ignorieren müssen.“

„Das ist wohl das Beste, was du im Augenblick tun kannst“, stimmte Anna zu. „Aber was war denn jetzt mit Aurélie?“

„Naja, ich war da doch gestern am Arbeiten und da brauste Aurélie auf einmal auf mich zu und brüllte mir ins Gesicht, was Freddy doch für ein Idiot wäre und dass ich so egoistisch sei und ihr nicht helfen wollte. Da hab ich zurückgekeift, was sie sich eigentlich einbilden würde und dass sie nicht der Nabel der Welt sei, und bin gegangen.“

„Au Backe.“ Da lehnte sich Anna zurück und rieb sich die Stirn. „Jetzt ist sie total eingeschnappt. Die war ja vorher schon auf hundertachtzig.“

„Ich weiß.“

„Jetzt brauchen wir dringend eine Lösung“, stellte meine beste Freundin fest und sprang auf. Sie setzte sich auf mein Bett.

„Ach was. Da wäre ich von alleine ja nicht drauf gekommen“, versetzte ich. Nachdem ich die Kakaokanne geleert hatte, setzte ich mich Anna gegenüber auf meinen Schreibtischstuhl.

Sie überlegte. „Warum genau läuft denn bei den beiden zur Zeit alles so schief?“

„Aurélie klammert sich voll an Freddy und er versucht, das mit fadenscheinigen Begründungen zu umgehen. Also denkt Aurélie, dass es daran liegt, dass er sie nicht mehr attraktiv findet und ergreift total schwachsinnige Maßnahmen, wie zum Beispiel das Blondieren ihrer Haare.“

„Ein überaus scharfsinniger Kurzabriss“, lobte Anna mich. Ich verbeugte mich.

„Irgendwie müssen wir die beiden zum Reden bringen“, meinte ich.

„Ja, aber wie?“, fragte Anna. „Die beiden schreien sich ja an, wenn sie sich nur sehen.“

Ich antwortete: „Das müssen wir irgendwie verhindern, sonst sprechen die sich ja nie aus. Eigentlich müssten wir unsere Freunde mal zusammen einschließen.“

„Hey, du bringst mich da auf eine Idee“, erwiderte Anna plötzlich mit einem verschlagenen Grinsen.

 

Ein paar Momente später hatten wir den perfekten Plan entwickelt. Wir würden unsere guten Freunde Aurélie und Freddy mal zu einem DVD-Abend einladen. Natürlich ohne das Wissen des jeweils anderen Partners.

Da Anna noch etwas für die Uni lernen musste, verabschiedete sie sich irgendwann gegen halb elf. Danach saß ich auch noch am Schreibtisch und ging die Vorlesungsunterlagen durch. Doch statt mich mit Staatsphilosophie zu befassen, schwirrten mir tausend andere Gedanken durch den Kopf.

War es leicht, einen anderen Menschen zu ignorieren? Ich besaß wahrscheinlich nicht die geistige Reife, das zu tun. Wie war es eigentlich dazu gekommen, dass ich so sehr im Rausch der Gefühle war, dass ich mit einem Mann schlief, mit dem ich kaum drei Sätze gewechselt hatte? So etwas hätte ich doch sonst nie getan. Das war Magie, sagten die Leute häufig. Etwas anderes konnte es auch kaum gewesen sein, denn ich war wie verhext. Meine Empfindungen waren wie durcheinandergewirbelt. Was empfand ich denn? War es Liebe? Verknalltheit? Sexuelle Anziehung? Oder alles zusammen? Ich vermochte es nicht zu sagen.

Von irgendwoher ertönten Geräusche. Hörte sich an wie ein Film. Das kam von nebenan! Aus 215!

Ich presste mein Ohr an die Wand. Ein Gespräch zwischen Mann und Frau. Sie schienen zu streiten und dann fing die Frau an zu weinen, der Mann wollte sie trösten. Leider verstand ich den Wortlaut des Gesprächs nicht.

Und so etwas sah Hannes sich an? Nein, er bestimmt nicht. Bestimmt hing Kati wieder bei ihm rum und sah sich so einen schnulzigen Liebesfilm an, in dem die Frauen immer Schuhe kauften und die Männer immer Fußball sahen, und währenddessen saß Hannes mit dem Laptop auf dem Bett und spielte Computerspiele.

Na super, so toll klappte das mit dem Ignorieren! Wie sollte man auch jemandem aus dem Weg gehen, der neben einem wohnte??? Das hatten all die schlauen Leute, die mir Ratschläge erteilen wollten, gar nicht bedacht!

Ich rief Anna an. Es dauerte eine Weile, bis sie ranging, ich mutmaßte, dass sie bereits im Bett gelegen hatte. Doch als sie sich meldete, klang sie hellwach.

„Hallo, Sara, was gibt’s?“

„Na ja… ähm… ich wollte fragen, ob ich morgen bei euch übernachten kann… aber das muss auch nicht! Ich wollte nur fragen…“

Anna lachte. „Na klar kannst du hier schlafen! Wieso bestehst du denn auf einmal darauf?“

„Na ja… Mir gefällt es hier grad irgendwie nicht mehr…“

„Wieso das denn?“ Doch da verstand Anna von alleine. „Ach so. Na gut, dann meld dich mal bei mir, wenn du vor der Tür stehst. Okay?“

„Ja, mach ich. Bye.“

„Bye.“ Ich legte auf.

Im selben Moment klingelte es an der Tür. Nicht an der Haustür, sondern an meiner Zimmertür. Komisch, das hatte noch nie jemand gemacht. Ich rappelte mich von meinem Liegeplatz neben der Wand auf und mir wurde auf einmal richtig schwindelig. Ich musste mich an der nächsten greifbaren Ecke festhalten. Klar, so etwas geschah schnell, wenn man zu schnell aufstand, das wusste ich. Benommen lief ich zur Tür und machte auf.

Vor der Tür stand Lea. „Hey, Sara, ich wurde aus dem Krankenhaus entlassen. Was ist los? Warum bist du denn so blass? Sara?“

Krümelmonster, Teil 6

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Zu Hause wollte ich jetzt nur noch meine Ruhe haben. Ich schaltete mein Handy aus, schloss die Zimmertür zwei Mal ab und hängte ein Tuch über die Klingel, damit ich sie nicht hörte. Zur Entspannung wollte ich Musik hören, aber die CD, die ich hören wollte, war nicht da. Es war eine ganz besondere CD, die ich mir in Frankreich gekauft hatte und die es in Deutschland gar nicht gab. Eine CD mit Liedern von meiner Lieblingsband, allerdings nur auf Französisch. Aus Interesse hatte ich mal im Internet geguckt, da fand man die Songs nirgendwo.

Das konnte doch nicht wahr sein! Wieso hatte ich die ganze Welt verschworen, um meinen Tag zu vermiesen? Was hatte ich denn getan? Gut, ich hatte Aurélie ‚blöde Kuh’ hinterhergerufen, aber ich hatte doch nicht gewusst, dass sie es war, sonst hätte ich das doch nie gemacht! Das war ja fürchterlich!

Aus lauter Ärger über den rundum verpfuschten Tag schmiss ich alle Sachen, zumindest die, die nicht zerbrechlich waren, durchs Zimmer und schrie meinen Ärger aus mir raus. Ich verwendete dabei alle Schimpfwörter, die mir einfielen, in drei Sprachen, und war überrascht, dass ich so viele konnte. Irgendwann bummerte es an der Zimmertür.

„Was willst du? Ich hab keine Musik an, also halt verdammt noch mal deine Klappe, Kati!“, keifte ich Richtung Tür.

„Ich bin nicht Kati“, erklärte überraschenderweise eine männliche Stimme. Wo hatte ich die nur schon mal gehört? Es fiel mir nicht ein.

Ich schob eben die nötigsten Sachen aus dem Weg und öffnete die Tür.

Es war Hannes, Katis Freund, der mich am ersten Tag so nett begrüßt hatte.

„Was willst du hier?“

„Es war ziemlich laut hier, da wollte ich mal fragen, was hier los ist.“

„Hat deine Kati dich geschickt? Dann kannst du gleich wieder gehen. Da will man einmal im Leben seine Ruhe haben und dann kommst du und machst alles kaputt.“

„Nein, ich komme tatsächlich freiwillig hierher. Und es sieht hier eher so aus, als würdest du hier alles kaputt machen. Was hast du denn?“

„Als würde dich das was angehen. So eine Scheiße!“ Wütend haute ich ins Kissen und übersah dabei leider, dass mein Radiowecker noch drunter lag. Aua.

„Klar, du weißt noch fast gar nichts über mich. Aber das möchte ich gern ändern. Ich heiße Hannes Wehmeyer, bin 1,92 groß und wurde vor ziemlich genau einundzwanzig Jahren geboren, am 3. Dezember. Ich bin in Berlin zur Welt gekommen, aber mit sechs Jahren kam ich in die hessische Provinz. Meine Hobbys sind Snowboarden, lesen und Partys feiern.“

Er lehnte sich zurück. „Und möchtest du mir was über dich erzählen?“

„Nein, möchte ich nicht. Es interessiert mich auch gar nicht, wer du bist. Also, von mir wirst du nichts über mich erfahren.“

„Ich weiß schon eine Menge über dich.“

„Ach ja, und was wäre das, bitte?“

„Du heißt Sara Lehmann, bist zwanzig Jahre alt und studierst Politologie. Zur Welt gekommen bist du in Wetzlar, du liebst Rockmusik, vor allem Muse und Placebo, und dein Lieblingsautor ist Paul Auster.“

Schockiert fragte ich: „Woher weißt du das denn?“

Er hob schweigend drei meiner Bücher auf und hielt sie mir entgegen. Es handelte sich um Mond über Manhattan, Das Buch der Illusionen und Nacht des Orakels.

„Gib mir meine Bücher zurück!“, rief ich und stellte sie ins Regal zurück, ohne auf die alphabetische Reihenfolge zu achten.

„Du lässt niemanden an dich ran, oder?“, fragte Hannes und schaute mich dabei von der Seite an. Er grinste.

„Sag mal, was bildest du dir eigentlich ein? Nur weil du per Zufall meinen Lieblingsautor erraten hast, denkst du, du kannst mir solche intimen Fragen stellen? Du weißt gar nichts über mich!“

„Kati hat mir vieles über dich erzählt. Ungefähr so: Den ganzen Tag lässt sie diese schreckliche Rockmusik dudeln, Placebo und Muse, oder wie die alle heißen! Gibt’s da überhaupt einen Unterschied? Und erst diese Bücher, die sie liest: Paul Auster! So was würde ich ja nicht mal mit spitzen Fingern anfassen.

„Noch besser!“ Ich sprang auf und riss die Arme nach oben. Unruhig lief ich im Zimmer hin und her. „Dann hast du wahrscheinlich noch ihre Meinung über mich von ihr übernommen. Super. Solche Leute kann ich nicht brauchen. Am besten, du gehst jetzt.“

„Wieso hast du so eine schlechte Meinung von uns? Für so eine hätte ich dich eigentlich nicht gehalten.“ Er zwinkerte mir zu.

Was sollte das denn jetzt schon wieder? „Was willst du eigentlich? Du kannst gar nicht wissen, wie ich wirklich bin. Mit Leuten wie euch habe ich schon genug schlechte Erfahrungen gemacht, besonders mit deiner tollen Freundin. Und jetzt hau ab“, fauchte ich.

Im Rausgehen sagte er noch: „Schade, dass du so eine schlechte Meinung von…“ Den Rest hörte ich nicht mehr, er war unverständlich, weil ich ihm die Tür praktisch vor der Nase zuschlug.

Aber was hatte er denn jetzt gesagt? Von wem sollte ich eine schlechte Meinung haben? Nur von ihm oder von beiden oder von Kati? Und wie hatte er das gemeint? Er hatte Schade gesagt und wie hatte er das bloß gemeint?

Ich rannte immer noch im Zimmer hin und her und tat das so schnell, dass ich einen Stolperstein in Form einer Tasche übersah und auf die Schnauze flog. Ich blieb auf dem Boden liegen und starrte zur Decke. Ohne noch eine andere CD anzumachen.

 

Ich dachte über mein bisheriges Leben nach. Ließ ich wirklich niemanden an mich ran? Das stimmte nicht. Ich hatte drei gute Freunde und meine Familie, mit der ich schon über meine Probleme sprach. Mehr hatte ich nie gebraucht. Und ich bildete mir auch nicht schnell eine Meinung über andere Leute. Gut, Kati hatte mir früher immer die Haare rausgerissen, als wir miteinander spielen mussten, aber ich hatte sie doch deswegen nicht gleich gehasst! Und Freddy hatte ich auch nicht sofort für einen Freak gehalten damals. Nur für etwas merkwürdig.

Ich überlegte auch, was Kati mir bereits alles angetan hatte. Sie hatte mir besagte Haare ausgerissen, sich über meine Kufiyas und meine roten Haare lustig gemacht, ihren Luxus, den wir so nicht hatten, zur Schau gestellt und mir so manchen Tag mit ihrer ewig schlechten Laune vermiest. Hatte man ja oft genug gesehen. Und diese Liste ließe sich wohl beliebig fortsetzen.

Langsam stank mir die Sache. Ich atmete tief durch und roch dabei, dass wirklich etwas stank. Bei näherer Nachprüfung stellte ich fest, dass ich die Geruchsquelle war. Ich sollte wahrscheinlich mal duschen. Ich zog mich aus, wickelte mein Riesen-Badehandtuch, auf dem mein Name stand, um meinen Körper und tappte mitsamt Duschgel und Waschlappen ins Bad.

Meine Bude, die ich gemietet hatte, war zwar im Vergleich zu vielen anderen Studenten-Einzelzimmern, die es in Frankfurt so gab (beispielsweise Freddys Zimmer) ziemlich luxuriös. Aber auf eine Sache musste ich verzichten, nämlich auf eine Einzeldusche.

Also tappte ich handtuchumwickelt und mit Waschutensilien versehen über den Flur zum Bad. Es gab dort drei Duschkabinen. Leider konnte ich nicht hören, welche Duschkabine frei war, da auf dem Flur irgendwelche Musik dudelte, und sehen konnte ich es schon gar nicht, da alle Vorhänge geschlossen waren. Also riss ich einfach einen Vorhang beiseite.

Und da sah ich ihn.