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Monatsarchiv: September 2013

Wochenendausflug

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Ich lebe in der viertgrößten Stadt Niedersachsens. Wenn ich neuen Bekanntschaften den Ortsnamen verrate, wissen sie nicht immer, wo das liegt, und so wurde ich schon mal in Hessen verortet. Wo ich in Wahrheit noch nie war. Bis zum letzten Wochenende.

Da habe ich es endlich mal geschafft, Freunde von mir zu besuchen, die seit einigen Monaten in der siebtgrößten Stadt Hessens leben. Die Stadt kommt mir ziemlich klein vor – sie ist ja auch kleiner als meine Heimatstadt –, aber sie ist schön. Ich war mit meinen Freunden und meinem Freund in der Innenstadt unterwegs. Dort sind mir zwei Sachen aufgefallen:

1.) Erdnuss- und Mohn-Mandel-Eis schmecken hammergeil.

2.) Die Aufkleber. In meiner Heimatstadt pappen überall irgendwelche Aufkleber, mit den unterschiedlichsten Motiven und Sprüchen. Ich habe mir in letzter Zeit angewöhnt, zu schauen, ob Nazischeiße dabei ist (um das gegebenenfalls unschädlich zu machen). In der siebtgrößten Stadt Hessens musste ich mir gar keine Sorgen machen. Im Gegenteil, allenthalben waren irgendwelche Anti-Nazi-Aufkleber. Wenn man weiß, dass die Hälfte der Einwohner Studenten sind, ist das aber gar nicht mehr so verwunderlich.

Zwischendurch habe ich auch die Zeit gefunden, zwei Bücher zu lesen, die meinen Gastgebern gehören: “Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Band 5” von Bastian Sick und “Hipster Hitler” von Archana Kumar und James Carr. Zu Bastian Sick kann man stehen, wie man will. Natürlich macht er viele Fehler und sein Verständnis von Sprache ist nicht astrein, aber er schafft es, das Thema Grammatik unterhaltsam zu behandeln. Als ich “Hipster Hitler” las, musste ich laufend aufstöhnen, weil der Titelheld so doof ist. Lektüre sehr zu empfehlen.

Am Tag der deutschen Einheit werde ich für ein paar Tage zu meinen Großeltern fahren. Ich weiß noch nicht, was da passieren wird, aber ich werde da das Buch, das ich vor knapp zwei Wochen in meiner Heimatstadt gefunden habe, wieder auf Reisen schicken.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Wo ist die Liebe hin?, Teil 7

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„Ich kann einfach nicht glauben, dass ihr so etwas getan habt. Uns alleine zurückzulassen! Eine solche Verantwortungslosigkeit hätte ich euch nie zugetraut!“ Papas stimmliche Lautstärke hatte sich kaum verändert, seit er an der Wohnungstür nach uns verlangt hatte.

„Martin, bitte!“, versuchte Mama, ihn zu beruhigen.

„Wir haben doch gesagt“, ergriff Lea das Wort. „dass wir zwischendurch vorbeikommen, um den Haushalt zu erledigen. Außerdem haben wir es zu Hause einfach nicht mehr ausgehalten.“

„So ein Blödsinn!“, empörte sich Papa.

„Martin! – Was soll das heißen, ihr habt es zu Hause nicht mehr ausgehalten?“, fragte Mama.

Jetzt redete ich: „Jetzt tu bitte nicht so, als wüsstest du das nicht. Wir streiten uns nur noch. Ich habe neulich sogar gemerkt, dass Papa auf dem Sofa schlafen musste. So geht es einfach nicht weiter.“

„Sara, ich habe dir doch gesagt, mein Rücken…“

„So ein Quatsch“, fuhr ich ihm über den Mund und sagte: „Egal, was Lea und ich tun, ständig streitet ihr euch darum. Ich musste ja sogar zu Freunden abhauen, weil ich sonst gar nicht in Ruhe für mein Abitur lernen konnte. Und der Kleine leidet auch darunter.“

Wieder tat Mama so, als verstünde sie nicht. „Was meinst du damit?“

Lea antwortete: „Ihr wisst doch, der Kleine verträgt überhaupt nichts. Eure dauernden Streits mag er überhaupt nicht. Mal abgesehen davon, dass Oma ihn behandelt wie einen Idioten. Entschuldigung, aber so ist es wirklich.“

Papa, der sich bis dahin noch bemüht hatte, einigermaßen, wollte nun überhaupt nicht mehr. „Das wird ja immer schöner. Erst verschwinden meine beiden Töchter einfach so, lassen alles stehen und liegen, und dann müssen wir uns als Rabeneltern hinstellen lassen! Ich glaube es nicht!“ Er stand vom Umzugskarton, der als Notsitz hinhalten musste, auf und tigerte unruhig hin und her.

„Wir sagen doch gar nicht, dass ihr Rabeneltern seid. Aber ihr seht doch wohl selbst ein, dass diese endlosen Streits aufhören müssen.“ Lea richtete sich auf. „Und ich sage euch eins: Wir kommen nicht zurück, bis ihr euch wieder vertragen habt.

„Lea, ich…“, wollte Papa erneut ansetzen, wurde aber von Mama unterbrochen: „Martin, die beiden haben Recht. Aber es ist wirklich nicht so einfach, so eine Situation zu lösen.“ Sie wandte sich an uns. „Glaubt ihr, mit einmal drüber reden ist es getan?“

„Nein, natürlich nicht. Aber wir sollten uns zumindest mal an einen Tisch setzen und unsere Probleme klären, anstatt uns immer nur anzugiften.“

„In Ordnung. Wir reden mit Oma darüber. Einverstanden?“ Nun sah Mama Papa an. Mit diesem drohenden Blick, den sie auch früher schon ganz gut beherrscht hatte.

Er musste sich überwinden, bevor er einwilligte.

Wenig später fuhren unsere Eltern wieder nach Hause. Lea und ich kamen freiwillig mit, um die wichtigsten Haushaltsarbeiten zu erledigen.

Wir hatten einen Termin für ein klärendes Gespräch vereinbart. Bis dahin würden Lea und ich in unserer „Notunterkunft“ bleiben und nur ab und zu vorbeischauen. Dank unserer Jobs und unserem Ersparten konnten wir uns ganz gut über Wasser halten, zumindest im Moment.

Doch auch wenn in unserer familiären Situation die Lösung in die Nähe gerückt war, lief es freundeskreistechnisch nicht gerade gut. Eines Tages kam ich total müde von meiner Schicht aus dem Fastfoodrestaurant, als Aurélie auf mich zustürmte.

Einen Augenblick lang orientierungslos fragte ich: „Hey, was ist denn los?“

„Sara, ich muss unbedingt mit dir sprechen!“

Ich ahnte instinktiv, dass das nicht gerade eine Freude werden würde, trotzdem bat ich sie mit zu mir nach Hause. Zwar war Aurélie darüber verwundert, dass ich nicht in Richtung Nordkreuz wollte, sondern zu einer kleinen Wohnung am Hauptbahnhof, aber weiter kümmerte es sie nicht. Sie hatte ein viel dringenderes Problem. So viel war klar. Doch ich konnte nicht aus ihr herauskriegen, was es war. Komisch, woran erinnerte mich das nur?

Irgendwann kamen Aurélie und ich in der kleinen Wohnung an. Sobald ich die Tür zugemacht hatte, ließ sie sich auf den Boden fallen, mit dem Rücken zur Tür, und rief: „Oh Mann!“

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Jetzt wusste ich, woran mich die Situation erinnerte. Wollte Aurélie mir etwa sagen, dass…

„Du meine Güte, ich bin total in Freddy verknallt!“, platzte es auch schon aus ihr heraus. „Er hat mir in Chemie geholfen und er findet mich wohl total nett, aber nie im Leben erwidert er meine Gefühle!“

Na super. Ich hatte es gewusst. Das musste ja so enden. In meinen Augen war die Situation wie die in einem verdammten Liebesfilm. Nur, dass das Happy End momentan noch nicht in Sicht war. Oh Mann. Das traf es genau auf den Punkt.

Wir setzten uns in die Küche. Auch wenn Leas und meine Notunterkunft nicht so toll ausgestattet war, verfügten wir mittlerweile immerhin über einen Klapptisch und drei Stühle.

„Wie kommst du überhaupt darauf, dass Freddy nichts von dir will? Hast du schon mit ihm geredet?“

„Ich wollte. Aber ich konnte nicht.“ Jetzt schniefte Aurélie. Ich gab ihr Taschentücher.

„Also, ich wollte mit ihm darüber sprechen. Ich habe mich mit ihm in diesem tollen Laden in der Burgstraße getroffen. Er war schon da und…“ Sie stockte.

„Was und?“

„Er hat mit dieser blonden Tussi getanzt. Den ganzen Abend lang. Obwohl er gar nicht tanzen kann. Er hat mich gar nicht beachtet!“ Für Aurélie war die Welt zu Ende, wie ich so einen Zustand gerne formuliere. Sie heulte richtig los und bald war eine Packung Taschentücher verbraucht.

Die Arme tat mir Leid, sie war schließlich meine beste Freundin, neben Anna natürlich. Ich nahm mir vor, mir Freddy bei nächster Gelegenheit vorzuknöpfen.

Die bot sich auch recht bald, bei der Vergabe der Noten für die mündliche Prüfung. Zu diesem Zwecke waren wir alle in der Schule versammelt. Vielleicht war das nicht unbedingt gut, aber mich interessierte der Umstand, dass ich die mündliche Prüfung bestanden hatte, kein bisschen. Viel wichtiger war für mich die Frage: Wo ist Freddy?

Ich fand ihn, wie er fröhlich mit seinen Freunden über die Notenvergabe redete. Die Freude würde ihm gleich vergehen.

Ich ging zu ihm. „Freddy, kann ich mal kurz mit dir alleine reden?“

Einer seiner Kumpels verzog die Augen und lächelte anzüglich. „Uhh, sie will mit dir alleine reden!“

„Schnauze, Patrick“, wies Freddy ihn zurecht. Er folgte mir.

Wir verzogen uns in den nächstbesten Raum, den wir finden konnten. Dass das der Putzmittelraum war, störte mich in dem Augenblick wenig. Nachdem ich die Tür hinter uns beiden geschlossen hatte, versuchte ich ihn zur Rede zu stellen, ohne mein kleines Geheimnis dabei auszuplaudern.

Ich begann folgendermaßen: „Wie würdest du es finden, wenn du zu einem Treffen kommst und der, mit dem du dich verabredet hast, ignoriert dich einfach?“

„Ich fände das schrecklich. Wieso fragst du?“

Innerlich kochte ich bereits, sagte aber möglichst unbeeindruckt: „Nun, weil Aurélie neulich zu mir gekommen ist und mir davon erzählt hat, wie sie jemand bei einem Treffen völlig ignoriert hat. So, als wäre sie praktisch gar nicht da.“ Nun wirbelte ich mich herum und funkelte ihn an.

„Was willst du eigentlich damit sagen, hä? Meinst du, dass ich so etwas abziehen würde?“

„Mhhmm. Hat ja lange gedauert, bis du das herausgefunden hast.“

„So ein Quatsch! Ich hab das hier nicht nötig!“ Mit den Worten wollte er den Raum und damit die Verantwortung verlassen, aber nicht mit mir. Ich versuchte, den Ausgang zu versperren. Es war gar nicht so leicht, sich durchzusetzen, weil Freddy um einiges stärker war. Aber schließlich gab er auf.

„Sara, glaubst du wirklich, ich würde Aurélie so behandeln? Mir ist eingefallen, dass ich ja schon mit meiner Schwester verabredet war. Da hab ich Aurélie eine SMS geschickt, dass ich nicht kann. Wenn sie trotzdem hinkommt, kann ich ja nichts dafür!“ Er hockte sich auf einen Eimer und verschränkte die Arme.

Selten hatte ich schlechtere Ausreden gehört. „Warum triffst du dich denn mit deiner Schwester ausgerechnet in der Bar in der Burgstraße?“

„Naja, das ist ihr Lieblingsschuppen…“

„Und wieso tanzt du mit deiner Schwester so eng, als wäre es deine Freundin? Gib mir dein Handy.“

„Sara, was soll das?“ Freddy stand ruckartig auf.

„Gib mir dein Handy!“, wiederholte ich. „Ich will nur wissen, ob du Recht hattest. Wenn ich die SMS sehe, ist alles okay.“

„Sag mal, vertraust du mir nicht mehr?“ Freddy wurde ebenfalls sauer. Langsam, aber sicher.

Jetzt reichte es mir. Ich versuchte, in seine Hintertasche zu langen, um sein Handy zu mopsen. Dabei entstand eine kleine Rangelei. Schlussendlich gelang es mir, sein Handy zu nehmen und seinen gesamten SMS-Ausgang nach der Nachricht zu durchsuchen, die meiner Meinung nach gar nicht existierte. Auch wenn Freddy versuchte, das zu verhindern.

Wie erwartet fand ich nichts.

Ich war so wütend, dass ich sein Handy einfach in die Ecke schmiss. Sein Glück, dass er es auffangen konnte, denn auf dem Boden lag nicht mal Teppich, er bestand einfach aus nacktem Beton.

„Sag mal, spinnst du, oder was?“, bellte er mich an.

„Was?! Ich soll spinnen? DU spinnst! Du weißt, dass du total in Aurélie verliebt bist, und dann hast du nichts Besseres zu tun, als sie bei eurem Treffen links liegen zu lassen und stattdessen Engtanz mit irgendeiner Tussi zu machen? Denkst du, so erreichst du IRGENDWAS? Hast du auch nur eine Sekunde daran gedacht, was Aurélie dabei empfindet? Sie ist doch total…“

Ups. Das war zu viel gewesen. Mein erster Reflex war, sofort die Klappe zu halten. Aber das hätte ich früher machen sollen. Nun war es zu spät.

Natürlich fragte Freddy auch sofort nach: „Was? Was ist sie total?“

Mein Kopf war ganz heiß und wahrscheinlich auch glühend rot. Ich fühlte mich nicht gut, und das war eigentlich noch zu wenig gesagt. Aurélie hatte es mir gegenüber nicht angesprochen, aber ich glaube, sie wollte nicht, dass ich es ihm verriet. Jetzt war es zu spät.

„Sie ist in dich verliebt“, gestand ich.

„Oh, Scheiße“, rief Freddy laut aus, was wir beide dachten. Er setzte sich auf den Boden, schmiss den dämlichen Putzeimer gegen die Wand und rieb sich die Augen.

Ich setzte mich neben ihn.

„Ich wollte sie nur eifersüchtig machen. Ich dachte, vielleicht interessiert sie sich auf diese Weise für mich.“

„Das war so ziemlich das Falscheste, dass du tun konntest.“

„Das weiß ich jetzt selbst, danke.“ Er rutschte auf den Betonboden, sodass er lag. Jetzt schaute er zu mir. „Hast du es ihr gesagt?“

„Nein.“ Ich seufzte. „Aber wenn du nicht bald mit ihr redest, nehme ich dir das ab.“

„Tu das bitte nicht“, rief Freddy.

„Schon gut. Aber tu mir den Gefallen und sprich mit ihr. Bitte.“

In dem Augenblick hörten wir vor der Tür ein lautes Kichern. Ich riss die Tür auf und rammte damit die Köpfe von zwei neugierigen Fünftklässlern, die an der Tür gelauscht hatten. Doch anstatt mich darüber aufzuregen, fuhr ich nach Hause.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 6

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Die besten Ideen bekommt man immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Wer hatte das noch mal gesagt? Es wollte mir nicht mehr einfallen. Aber das war ja eigentlich auch egal. Voller Tatendrang fuhr ich, so schnell ich konnte, nach Hause und stürmte in Leas Zimmer.

„Hey, was soll das, ich lackiere mir grade die Fußnägel!“, beschwerte sich Lea. Aber das kümmerte mich nicht im Geringsten.

„Ich habe den perfekten Plan, wie wir unsere Familie wieder zur Vernunft bringen.“

„Familie! Hör mir damit auf! Du kannst froh sein, dass du für eine Weile abgehauen bist. Gemütlicher ist es hier nicht gerade geworden“, berichtete sie.

Ich rief: „Hör doch mal. Ich habe eine Idee. Wie würde es Oma und unseren Eltern denn gehen, wenn wir auf einmal weg wären?“

„Hä, wie meinst du das denn?“

„Du weißt doch, dass ich mir bald einen Job suchen sollte, wenn ich mit der Schule fertig bin. Und du hast selbst gesagt, dass du lieber ausziehst, als den Krach hier noch weiter mitzumachen.“

„Du meinst, wir sollen hier ausziehen? Und was soll das bringen?“

„Nein, nicht nur einfach ausziehen. Ich hab da nämlich so eine Idee…“

Der Plan, den ich gefasst hatte, musste schnell realisiert werden. Nachdem Lea anfangs skeptisch gewesen war, hatte ich sie schnell für mich gewinnen können und sie hatte mir bei der Endausarbeitung des Plans geholfen.

In meinem Auftrag hatte sie bei der Nummer angerufen, die ich mir aufgeschrieben hatte, und uns die Wohnung für einen Monat besorgt. In der Zwischenzeit hatte ich mir den Job beim Fastfoodrestaurant geholt. Lea konnte coolerweise auch mit anfangen.

Der günstigste Zeitpunkt zur Vollendung des Plans war einige Tage später, am frühen Nachmittag, wenn Paul bei seinem Kumpel war, Mamas Mittagspause bereits geendet hatte, Papa noch in seiner Kanzlei arbeitete und Oma gerade zum Reha-Sport unterwegs war. Und es musste wirklich verdammt schnell gehen. In der Eile, in der Lea und ich unsere Sachen packten, fielen wir ein Dutzend Mal übereinander, rempelten uns an oder fauchten uns an.

„Wo ist mein grünes T-Shirt?“, rief ich beispielsweise.

„Woher soll ich das wissen?“

„Hast du es dir nicht mal ausgeliehen? Und nicht zurückgegeben? Hab ich mir ja gleich gedacht.“

„Ich hab dein blödes T-Shirt nicht. Aber was ist mit meinem pinken Lippenstift?“

„Lenk nicht ab! Außerdem würde ich so eine Farbe nie im Leben benutzen.“

„Ach was, ich glaube du hast aaaaaaaaaah…“ Lea fiel über einen der Kartons, die uns ihr Freund besorgt hatte, mit dem Gesicht steil in einen anderen Karton herein. Mühsam rappelte sie sich auf und zog das gesuchte Teil aus dem Karton. „Hier ist dein blödes T-Shirt. Und jetzt beeil dich, sonst sind wir nie fertig, bevor Oma kommt.“

Wir rannten hin und her.

Schlussendlich standen wir vor dem Transporter, der uns ebenfalls von Leas Freund zur Verfügung gestellt worden war, und sahen uns an.

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee war?“

„Aber klar. Jedenfalls ist doch sicher, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Extreme Situationen erfordern extreme Maßnahmen.“

Lea setzte sich ans Steuer, ich auf den Beifahrersitz und weg waren wir.

Natürlich nicht, ohne einen Brief da zu lassen. Er ging folgendermaßen:

Hallo Mama, hallo Papa, hallo Oma.

Wenn ihr diesen Brief lest, sind wir schon weg. Wir haben beschlossen, auszuziehen, weil wir es hier einfach nicht mehr aushalten. Wir werden ab und zu vorbeikommen, um im Haushalt zu helfen. Aber zu euch zurückkommen werden wir erst, wenn ihr aufhört, euch ständig zu streiten.

Lea und Sara.

„Meine Güte, ich bin so kribbelig, ich weiß gar nicht, was ich machen soll!“, rief Lea, als wir uns in der karg wirkenden Wohnung auf den Badezimmerboden setzten.

„Blas die Luftmatratzen auf“, befahl ich ihr. Die hatten wir als Notbetten mitgenommen. In der Zeit, in der Lea sich die Seele aus dem Leib prustete, telefonierte ich mit der Band.

„Hallo, Larry am Rohr?“, meldete sich der Sänger, der, wie ich neulich gehört hatte, dringend seine Miete bezahlen musste.

„Hey, hier ist Sara. Die von neulich Abend. Ihr sucht doch dringend eine Auftrittsmöglichkeit, oder?“

„Korrekt. Und du hast eine, oder was?“

„Genau. Ich habe mit einem Mädel aus meinem Jahrgang gesprochen, das für die Abiballband zuständig ist. Zufällig habe ich ihre Telefonnummer. Soll ich sie dir geben?“

„Sieht das Mädel gut aus?“ Lachen am anderen Ende der Leitung. „Nein, war nur Ulk. Gib sie mir mal. Ich hab was zu schreiben.“

„3-4-4-6-7. Das ist sie. Dann melde dich mal bei ihr, wir suchen wirklich dringend eine Abiballband.“

„Supi. Dann bis die Tage.“

„Auf Wiedersehen.“

Es war das Letzte, was ich sagen konnte, bevor irgendjemand an der Tür Sturm klingelte, mehrmals laut anklopfte und schrie: „Macht sofort die Tür auf! Ich weiß, dass ihr da drin seid!“

Oh oh. Das war nicht nur irgendjemand, das war unser Vater. Jetzt endlich hatte er seinen Hintern aus dem Sessel gekriegt, auf dem er immer Zeitung las und sich aus allem heraushielt. Aber ich wusste, dass das jetzt nicht unbedingt gut war.

Lea und ich sahen uns an. Ein bisschen war es wie damals, als wir uns in Paris im Klo eingeschlossen hatten und Frau Lacombe nach mir gerufen hatte.

Einen Augenblick lang war es ganz still.

Dann wieder Türenklopfen und laute Rufe: „Lea, Sara, macht sofort die Tür auf!“ Diesmal von unserer Mutter.

„Sollen wir jetzt aufmachen oder nicht?“, flüsterte ich.

„Natürlich, genau darauf haben wir doch gewartet“, erwiderte meine Schwester und zog mich entschlossen zur Wohnungstür.

Geschützt: Alles Gute zum Geburtstag?

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Mein gestriger Tag und Aussichten aufs Wochenende

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Ich musste gestern einige Sachen erledigen, also habe ich mich in die Innenstadt aufgemacht. Ich bin nicht besonders gern in der Fußgängerzone oder den dortigen Läden (außer es handelt sich um Buchhandlungen), aber gestern musste es mal wieder sein.

Ich war u.a. im Body Shop, wo ich ein Geburtstagsgeschenk für die nette Frau besorgt habe, die ich am Wochenende besuche (dazu gleich mehr). Ich habe wohl etwas gefunden, das ihr gefällt, allerdings roch ich dann noch den ganzen restlichen Tag nach Kirschblüten-Parfüm. So schön war das nicht. Zum Geschenkset habe ich dann noch ein silikonfreies Shampoo (für mich) gekauft, weil es einfach besser für die Haare ist. So kam ich dann auch zu einem kleinen Döschen Honig-Lippenbalsam, das an alle Kunden vergeben wurde, die mehr als zwanzig Euro raushauten.

Habt ihr schon mal etwas von Bookcrossing gehört? An einer Bank vorm Body Shop habe ich ein solches Wanderbuch gefunden. Es wurde von einer Gruppe angehender Erzieher auf den Weg geschickt. Leider habe ich im Buch keinen Hinweis darauf gefunden, woher sie kommen. In den nächsten drei Wochen werde ich ja innerhalb Deutschlands mehrere recht weite Reisen unternehmen und ich habe dann gleich mal geschaut, was am weitesten ist. Ich werde das Buch also vermutlich im Dorf meiner Oma väterlicherseits wieder auf Reisen schicken. Bookcrossing ist eine coole Sache. Mal schauen, ob ich demnächst selbst damit anfange.

Ein paar Meter weiter fand ich erneut etwas, das mein Interesse weckte. Ich bin schon oft an irgendwelchen Verkäufern der örtlichen Obdachlosenzeitung vorbeimarschiert. Gestern nicht. Ein Exemplar kostet 1,10 Euro, davon gehen 55 Cent an den Verkäufer. Und es standen interessante Artikel über Obdachlosigkeit darin, z.B., welche Hilfsangebote es hier gibt oder wo sich Obdachlose bevorzugt aufhalten. So was erfährt man sonst nicht.

Leider habe ich den Zug verpasst, den ich nehmen wollte, aber so hatte ich immerhin genug Zeit, um mich mit der Zeitschrift zu beschäftigen, die ich gekauft hatte. Ich habe auch ein wenig im gefundenen Buch geblättert.

Das Wochenende werde ich in der Nähe der zweitgrößten Stadt Deutschlands verbringen, weil die Frau, die mich während des kurzzeitigen Praktikums bei sich wohnen ließ, Geburtstag hat. Mal sehen, was da so passiert. Wenn was passiert, werdet ihr es hier auf jeden Fall lesen können.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Wo ist die Liebe hin?, Teil 5

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Zu Hause war ich fix und fertig. Der auf sechs Tage komprimierte Prüfungsstress hatte mich richtig fertig gemacht, dazu kam noch der familiäre Terror, und nun hatte sich auch noch herausgestellt, dass Freddy tatsächlich in Aurélie verliebt war, was ohne Zweifel noch einen Haufen Probleme nach sich zog.

Als ich im Flur stand und die Schuhe abstreifte, hörte ich aus Leas Zimmer laute Musik. Sie hörte gerade die Beatsteaks.

I got a whole bag of trouble to be taken away…

„Die haben ja so Recht“, murmelte ich.

„Mit wem redest du gerade?“, fragte mich Paul, der mit seinem Lieblingsball durch den Flur tollte. „Paul, du sollst nicht mit deinem Ball auf dem Flur spielen, das weißt du ganz genau!“, rief meine Mutter gereizt aus der Küche. Nanu, war sie schon aus der Praxis zurück?

„Ich hab mit niemandem geredet“, behauptete ich und ging Richtung mein Zimmer. Unterwegs ging ich an Leas Zimmer vorbei. Die Musik war unverändert laut, doch jetzt stratzte meine Oma vorbei und versuchte, gegen den Lärm anzukommen: „Mach deine Kapelle leiser, du bist hier nicht alleine!“

Na toll. Die Atmosphäre hatte sich nicht entspannt, seit ich mich mit Anna zur Bushaltestelle aufgemacht hatte. Ich setzte meinen MP3-Player auf und drehte ihn auf volle Lautstärke, um mich abzuschotten.

Es ist ja häufig so, dass die Zufallsreihenfolge des MP3-Players einen zu ärgern scheint. Jedenfalls war das Lied, mit dem der Player startete, ausgerechnet „Wie es geht“ von den Ärzten. Bitte geh noch nicht, bleib noch ein bisschen hier, ich muss dir noch was sagen, nur die Worte fehlen mir… Ich schaltete weiter.

Doch es war wie verhext: Ich bekam nur noch Lieder, die haargenau auf meine Umwelt passten. Als es schließlich hieß: Junge, warum hast du nichts gelernt?, riss mein Geduldsfaden. Natürlich hätte ich auch einfach ein Lied auswählen können, aber dazu hatte ich schon gar keine Lust mehr.

Stattdessen pflanzte ich mich vor den Fernseher. Ich blieb auf Kanal sieben hängen, wo gerade über eine Sechzehnjährige berichtet wurde, dessen kleinkrimineller Freund ihr gerade einen Heiratsantrag gemacht hatte. Im Wechsel mit dieser Tussi wurde über eine Fünfzehnjährige berichtet, die unbedingt Go-go-Girl werden wollte in einem Club, in den sie noch nicht hereindurfte, und die sich deswegen mit ihrer Mutter zoffte.

Plötzlich tauchte meine Mutter in der Sendung auf und fauchte die Oma der Sechzehnjährigen, die meiner Oma verdammt ähnlich sah, an, dass sie an allem schuld sei, weil die Sechzehnjährige dadurch, dass die Oma so ein Ekel war, erst dazu getrieben wurde. Die Oma wehrte sich und hielt dagegen, dass die Mutter ihre Pflichten vernachlässigt hätte.

Ich wachte auf. Was zum…? Was war denn jetzt los?

Ich starrte konsterniert auf den Fernseher. Nichts mehr von außer Kontrolle geratenen Teenagern namens Mandy, Robin und Alina. Dafür verkündete nun eine Blondine die neuesten Nachrichten. Doch die streitenden Stimmen waren immer noch zu hören.

Na super. Meine Mutter und meine Oma zofften sich schon wieder. Kriegten die sich denn nie ein?

Ich versuchte, mich diesmal unbeeindruckt zu geben, und kochte, während der Streit in der Küche weiterging, das Abendessen. Mama hatte es bereits begonnen, aber anstatt es zu Ende zu führen, stritt sie sich lieber mit Oma.

Während des Essens hatten sie sich, Gott sei Dank, beruhigt.

Aber Mama hatte einige Beschwerden loszuwerden.

„Lea, bitte dreh deine Musik nicht immer so laut. Du bist nicht alleine in diesem Haus.“

„Ist ja schon gut. Wieso bist du heute eigentlich früher aus der Praxis zurückgekommen?“

„Darf ich das nicht? Ich dachte, ich mach euch eine Freude damit, wenn ich mal früher komme und mich ein wenig um den Haushalt kümmere.“

„Hat ja super geklappt“, brummte Oma.

„Elisabeth!“, hieß es von Papa und Mama gleichzeitig.

Nun probierte Paul zum ersten Mal von dem Essen, das zu einem großen Teil ich zubereitet hatte. Natürlich schmeckte es ihm nicht.

„Ich hätte mich auch nicht an den Herd wagen müssen, wenn Mama es vorgezogen hätte, das Essen zu machen, anstatt sich mal wieder mit Oma zu streiten“, rief ich.

„Sara! Bitte nicht in diesem Ton!“, wurde ich von meinem Vater zurechtgewiesen. Doch auch ohne seine Äußerung merkte ich schnell, dass ich da etwas gesagt hatte, was ich besser nicht gesagt hätte.

„Man kann es euch einfach nicht recht machen“, regte sich Mama auf und schmiss ihr Besteck auf den Teller. „Da will ich mal extra früher nach Hause kommen, um euch ein schönes Essen zu kochen, und dann ist es euch auch wieder nicht recht. Was wollt ihr eigentlich?“

„Dass du aufhörst, dich mit Oma zu streiten. Das geht uns nämlich mittlerweile allen auf die Nerven“, sprach Lea aus, was auch ich dachte.

„Du sei mal ganz ruhig“, keifte Oma. „Du kümmerst dich doch hier um nichts. Obwohl du nie in der Uni bist, sondern immer zu Hause herumhängst.“

„Das stimmt nicht“, machte Lea ihrem Ärger lautstark Luft. „Ich mache alles, was mir aufgetragen wird. Sogar Paul musste ich heute von der Schule abholen, weil du es mal wieder vergessen hast. Der Kleine sah ja ganz verzweifelt aus.“

„Wie bitte?“, rief Mama schockiert und gleichzeitig hieß es von Oma: „So wird es also respektiert, was ich hier mache. In Wahrheit halte ich doch den ganzen Laden zusammen!“

„So ein Blödsinn!“, fauchte Lea.

„RUHE!“, brüllte Mama plötzlich. In Großbuchstaben. Egal, was wir vorher gemacht hatten, jetzt waren alle still. Und erschrocken bis ins Mark.

„Es funktioniert so nicht. So funktioniert es einfach nicht! Und wisst ihr was? Ich pfeif drauf!“

Mama stürmte in den Flur, zog sich Schuhe und Mantel an. „Ich gehe zu Gitte.“ Das war ihre Praxiskollegin.

„Monika!“ Auf einmal machte Papa den Mund auf. „Monika, bleib doch…“

„Nein. Nein, Martin, das kann ich nicht. Ich habe keine Lust, mich weiter mit deiner Mutter zu streiten, wer hier was falsch macht. Wenn ihr euch beruhigt habt, bin ich wieder zurück. Tschüss.“

Und weg war sie.

Einige Sekunden lang wusste keiner von uns etwas zu sagen. Dann rief Lea: „Ganz toll. Das habt ihr ja mal wieder ganz toll hingekriegt. Ich glaube, ich ziehe lieber aus, bevor ich euch noch weiter ertragen muss.“ Sprach’s und verzog sich in ihr Zimmer.

„Das versuch mal“, antwortete Papa noch, aber das hörte sie schon nicht mehr.

 

Auch ich hatte von allem genug. Und wie immer, wenn mir zu Hause die Decke auf den Kopf fiel bzw. auf den Kopf geschmissen wurde, machte ich einen Spaziergang. Ich wollte meinen Kopf freimachen, aber es ging nicht gut. Da hatten meine Freunde und meine Familie ganze Arbeit geleistet.

Ich lief ziellos durch die Stadt. Auf meinem Streifzug kam ich an einem Haus mit einem Schild vorbei. Neugierig las ich das Schild.

Wohnung zu vermieten und eine Telefonnummer las ich darauf. Ich begutachtete das Haus. Es sah gar nicht mal schlecht aus.

Hier konnte Lea ja einziehen.

Ich ging schnell weiter.

Irgendwann landete ich am Hauptbahnhof. Wie, so weit war ich gelaufen? Jetzt merkte ich erst, wie weh meine Füße taten.

Da erblickte ich eine Filiale der Kette mit dem geschwungenen M. Warum eigentlich nicht, dachte ich und ging herein. Ich bekam sogar noch einen Sitzplatz.

Missmutig stocherte ich im Gartensalat herum, eine der wenigen vegetarischen Sachen, die man hier kriegen konnte. Wie konnte man die Probleme zu Hause nur lösen? Ständig lagen sie sich in den Haaren. Immer ging es um dasselbe. Kein Ende in Sicht.

Mir fiel ein Aushang ins Auge. Aushilfe auf 400-Euro-Basis gesucht.

Wie oft hatte ich zu hören bekommen, dass ich mir einen Job suchen sollte, um meinen Eltern nicht auf der Tasche zu liegen, wenn ich studierte?

Es war ziemlich laut hier, aber ich bekam trotzdem mit, wie sich drei Typen hinter mir über ihre Band unterhielten.

„Meine Güte, wenn wir nicht bald eine Location finden, sind wir aufgeschmissen“, meinte einer.

„Ja, genau. Blöd, dass um die Zeit immer tote Hose ist.“

„Wenn wir doch nur eine Auftrittsmöglichkeit hätten. Ich muss irgendwann mal meine Miete für diesen Monat bezahlen. Ich würde ja fast überall spielen…“

Und da hatte ich zwei super Ideen. Mit einem Mal ging mir ein Licht auf, das so grell war, dass es schon fast schmerzte.

Ich drehte mich zu den Typen hinter mir um und quatschte ein bisschen mit ihnen. Dann lief ich zurück zur Straße, wo eine Wohnung zu vermieten war, und speicherte die Telefonnummer in mein Handy.

Nach dem Rechten sehen

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Wahlen sind eine der wenigen Möglichkeiten, die man als Bürger hierzulande noch hat, wenn es darum geht, mitzugestalten, und ich nehme diese Möglichkeit gerne wahr. Deswegen habe ich heute per Brief gewählt. Als ich den Umschlag mit den angeforderten Unterlagen öffnete, war ich erst mal total überfordert. So viele bunte Zettel und Umschläge! Aber als ich die Anleitung gefunden hatte, ging alles ganz leicht. Zusätzlich zum Bundestag durfte ich auch einen Landrat wählen. Da ich keine Ahnung hatte, dass diese Wahl angesetzt war, wusste ich auch zunächst nicht, wen ich wählen sollte, und habe erst mal alle Kandidaten gegoogelt. Bei den meisten habe ich nicht mal herausfinden können, wofür sie eigentlich stehen. Aber ich habe dann doch jemanden gefunden.

Wählen ist bekanntlich wie Zähneputzen: Wenn man’s nicht macht, wird’s braun. Leider gibt es Leute, bei denen es quasi so oder so braun wird. Und sie hängen fleißig Wahlplakate auf. Ich möchte mich am liebsten übergeben, wenn ich diese menschenverachtenden NPD-Wahlplakate sehe. (Unverständlich auch die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Kassel, dass die Teile nicht den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllen: http://www.publikative.org/2013/09/15/kz-gedenkstaette-erstattet-anzeige-gegen-npd/) Ich freue mich immer, wenn sie verschwinden. Vor der Grundschule, in die mein Freund vor Ewigkeiten mal gegangen ist, hingen zwei Teile, die sind jetzt weg. Ich freue mich auch sehr über kreative Aktionen gegen NPD-Wahlplakate. Eine besonders schöne Idee findet man hier:

http://www.kaputtmutterfischwerk.de/?p=4157

In der Stadt meines besten Freundes gab es diese tolle Aktion:

http://www.ruhrbarone.de/giessen-meine-oma-mag-auch-sinti-und-roma/

Wo ich gerade von meinem besten Freund sprach: Übernächstes Wochenende werde ich es zum ersten Mal seit seinem Umzug schaffen, ihn zu besuchen. (Bin gespannt, wie es sein wird. Ich war noch nie in Hessen.) Ich werde sieben Stunden lang mit Bummelzug dorthin unterwegs sein, weil mein Geld etwas zu knapp für den Fernzug war. Den werde ich dann nutzen, wenn ich mich am Tag der deutschen Einheit Richtung Großeltern aufmache. Der Tag der deutschen Einheit ist sehr wichtig für mich, weil ich ohne Wiedervereinigung vermutlich nie in Westdeutschland gelebt hätte. Ich bin schon unzählige Male über die ehemalige innerdeutsche Grenze gefahren. Wenn man die A20 nimmt, erkennt man immerhin noch an einem Schild, dass man die Grenze überquert. An der Bahnstrecke Hamburg-Rostock weist nichts darauf hin. Man erkennt nur allmählich an den verlassenen LPG-Gebäuden und den Plattenbauten, dass man bereits im Osten angekommen ist. Neulich gab es im NDR einen interessanten Bericht über den Bahn-Grenzverkehr auf der Strecke, die ich schon öfters befahren habe:

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/nordmagazin/media/nordmagazin18881.html

Auf langen Fahrten ist Musik besonders gut. Heute kam das neue Album einer meiner Lieblingsbands heraus. Früher hat mein bester Freund immer für mich Musik geladen, weil er schon ein musicload-Konto hatte. Ich habe die Musik jetzt über Amazon geladen. Ging schnell und gut. Das neue Album von Placebo gefällt mir. Ich denke, dass man beim mittlerweile fast 41jährigen Brian Molko von einer in Würde gealterten Stimme sprechen kann. “Rob the bank” mochte ich wegen des etwas abgedrehten Textes nicht so sehr, aber insgesamt bereue ich es nicht, die 9,89 Euro ausgegeben zu haben.

Morgen wird es hier wieder einen neuen Kurzgeschichtenteil geben. Bis dahin:

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Wo ist die Liebe hin?, Teil 4

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Ich verfluchte das Kultusministerium dafür, dass es alle meine schriftlichen Prüfungen innerhalb einer Woche stattfinden ließ. Pädagogik am Montag, Deutsch am Mittwoch, Geschichte am Freitag und – ganz schlimm – direkt am nächsten Tag Biologie. Sechs Tage lang fuhr ich morgens zur Schule, mittags zurück, versuchte zwischendurch, letzte Fakten für die Prüfungen in mein Gehirn zu bimsen. Ich pendelte zwischen Schule, Freunden und meinem Zuhause hin und her und häufig war die Straßenbahn, in der ich an den Prüfungstagen die Unterlagen zum letzten Mal durchsah, mein letzter Zufluchtsort.

Dass es zu Hause nicht gerade toll war, war ja klar. Aber auch in meinem Freundeskreis war die Situation nicht die beste. Aurélie verhielt sich in letzter Zeit wie ein aufgescheuchtes Huhn und es war klar, dass das nicht nur an den Abiturprüfungen lag. Mit Freddy war das nicht anders. Sonst sehr ruhig, machte er jetzt alle verrückt mit seiner Nervosität.

Für Anna war natürlich klar, dass die beiden etwas miteinander hatten. Das fand ich gar nicht so schlimm. Vielmehr regte ich mich darüber auf, dass es Anna missfiel. Okay, Freddy war ein Sonderling, der nicht besonders viel sprach, seine Stoppeln orange färbte und Musik hörte, die wir nicht wirklich mochten. Aber wir konnten ihn doch trotzdem akzeptieren, oder? Er hatte immerhin dafür gesorgt, dass wir wegen der Sache mit der Parisfahrt nichts Schlimmes zu befürchten hatten. Dabei hatte er mir doch erzählt, dass er das hauptsächlich meinetwegen getan hatte. Er war ja zu diesem Zeitpunkt schon achtzehn gewesen.

Als ich Anna das genauso sagte, hatte sie trotzdem noch Bedenken. „Versteh doch, Sara“, meinte sie, „ich kann ihn finden, wie ich will, es kommt doch darauf an, wie Aurélie und er sich verstehen. Klar, er kann sich sofort in sie verlieben, aber wird sie von ihm dasselbe denken? Du kennst sie doch.“

„Gegensätze ziehen sich an.“ Mehr fiel mir dazu nicht ein.

„Und Gleich und Gleich gesellt sich gern. Außerdem: Überleg dir doch mal, wie das sein wird, wenn die beiden zusammen sind. Dann haben wir ständig ein knutschendes Pärchen um uns. Die beiden werden sich ablecken wie diese ganzen Pärchen aus der Leckecke.“ Mit der Leckecke war der Flur von den Schließfächern bis zum Vertretungsplan gemeint. Dort konnte man nie lang gehen, ohne mindestens zwei Unzertrennliche anzurempeln.

Das saß. Ich war schwer getroffen, ich war immer die gewesen, die sich am meisten über diese Pärchen geärgert hatte. Mit meinen Argumenten am Ende war ich, als Anna mir erklärte: „Und wie wird es wohl sein, wenn sie sich mal nicht mehr so gut verstehen? Besonders für dich. Dein guter Freund und deine gute Freundin zicken sich an. Wie ätzend wäre denn das für dich?“

Wir saßen gerade an einer Bushaltestelle und warteten auf Annas Bus. Da er herannahte, sagte ich noch schnell zu ihr: „Ach was. Es ist doch noch gar nicht gesagt, dass die beiden wirklich zusammen sind. Und selbst wenn, so schlimm muss es doch nicht werden.“

„Hast ja Recht“, meinte Anna und wollte in den Bus einsteigen.

„Ach ja, und, Anna…“

„Ja, was denn?“

„Bitte unternimm nichts dagegen, wenn sie wirklich…“

„Schon gut, so hab ich es ja gar nicht gemeint.“ Anna stieg ein und die Bustüren schlossen sich hinter ihr. Der Bus fuhr weg.

Ich sah dessen Rücklichtern hinterher. Ob sie sich an meine Bitte halten würde?

Erst in diesem Augenblick bemerkte ich, dass Freddy an dieser Haltestelle ausgestiegen war. Hatte er etwa die letzten Worte unserer Unterhaltung mitbekommen? Sah nicht so aus, er wirkte allerdings auch nicht gerade glücklich. Was war los?

„Hi, Freddy, du siehst nicht glücklich aus. Was ist los?“

„Nichts. Was soll los sein?“

Aha, kurz angebunden wie immer. Verdächtig, verdächtig.

„Das weiß ich nicht. Würde ich sonst fragen? Komm, mir kannst du’s ja sagen.“

„Kommst du mit zu mir?“

„Ja, gerne.“

Den ganzen Weg vom Nordkreuz bis zur Berliner Straße versuchte ich, herauszufinden, worum es ging. Doch Freddy war noch maulfauler als sonst, das machte es mir nicht eben leicht.

„Liegt es am Abitur?“

„Nein.“

„Oder machst du dir Sorgen wegen der Zeit nach dem Abi? Eine Uni nimmt dich schon auf, mach dir da mal keine Gedanken.“

„Nein.“

„Hast du Probleme mit deiner Oma?“

„Nein.“

„Mit mir?“

„Nein.“

„Kannst du noch ein anderes Wort außer ‚Nein’?“

„Nein.“

Er stöhnte. Ich stöhnte.

„Was ist denn jetzt los? Es hilft dir jedenfalls nichts, wenn du weiter so einsilbig bist.“

Wir waren an seinem Zuhause angelangt. Er schloss die Tür auf, schmiss die Tür hinter uns zu und ließ sich auf den Boden sinken. „Oh Mann.“ Freddy rieb sich die Augen.

„Sag schon, was ist passiert!“

Und jetzt platzte er mit der Wahrheit heraus.

„Du meine Güte, ich bin total in Aurélie verknallt! Ich hab ihr bei Chemie geholfen, neulich waren wir zusammen essen und sie findet mich auch nett, aber mehr nicht! Da bin ich ganz sicher.“ Er lachte bitter auf. „Vielleicht sollte ich mal nachschauen, ob ich auch in grauer Vorzeit mal französische Vorfahren hatte. Das würde bestimmt helfen.“

Ich schnappte nach Luft. Also war Annas Vermutung (oder eher Befürchtung?) richtig gewesen. Mir gingen tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf.

War sie auch in ihn verliebt?

Würden sie ein Paar werden?

Bestimmt würden Anna und ich die beiden dann nur noch im Doppelpack antreffen. Aber würde es überhaupt so weit kommen?

Die Situation war wie in einer Fernsehserie, wo die Heldin sich mit jemandem unterhielt, was aber trotzdem an ihr vorbeizog, da sie – genau wie ich gerade – tausend Gedanken gleichzeitig hegte.

Was sagte er gerade?

„… und deswegen werde ich sie auch nicht fragen, ob sie dasselbe für mich fühlt. Hat ja sowieso keinen Sinn.“

„Natürlich hat das Sinn!“, protestierte ich sofort und überlegte fieberhaft, wie ich meine These begründen konnte. Denn manche von Annas und Freddys Einwänden waren, so fürchtete ich, leider berechtigt.

„Ich kenne Aurélie schon seit fast zwölf Jahren und ich weiß, dass sie einer der am wenigsten oberflächlichen Menschen ist, die es gibt. Glaubst du wirklich, dass sie so hirnlos ist, jemanden fallen zu lassen, nur weil er sich anders gibt als die anderen und keine französischen Vorfahren hat?“

Freddy zuckte nur mit den Schultern. „Machen wir uns doch nichts vor, Aurélie steht nie im Leben auf so ’nen Typen wie mich.“

„Ach, Quatsch.“

„Das sagst du doch nur so. In Wirklichkeit glaubst du doch selbst nicht daran, dass sie so was wie Liebe für mich empfinden könnte.“

Das brachte mich auf die Palme. „Verdammt, wie willst du es denn wissen, wenn du sie nicht fragst?“, empörte ich mich. „Meinetwegen kannst du in deiner Höhle hocken bleiben und dich ewig bedauern. Oh, ich bin ja so ein armer Kerl. Aber komm dann bloß nicht zu mir, um mich vollzujammern.“

Jetzt zuckte Freddy zusammen. So einen Ton war er nicht von mir gewohnt, denn auch wenn es bei mir nicht so extrem war wie bei ihm, war ich doch ein relativ ruhiger Mensch.

„Ist ja schon gut, Sara“, murmelte er und er tat mir beinahe Leid, wie er da auf dem Boden vor der Tür hockte und einfach nicht weiterwusste.

„Komm, steh auf.“ Ich hielt ihm meine Hand hin, an der er sich hochzog, und wir setzten uns auf sein Bett.

„Ich nehme mir ja so oft vor, es ihr zu sagen“, beklagte sich Freddy. „Aber wenn ich dann vor ihr stehe, verlässt mich jedes Mal der Mut.“

„Also, ich kann nur wiederholen, was ich gerade gesagt habe. Wenn du es ihr nicht sagst, wird sie es nie erfahren. Du kannst doch ein ganz lockerer Typ sein.“

„Wie? Wann denn das?“, fragte er erstaunt.

„Denk doch nur mal dran, als wir damals zusammen in Paris unterwegs waren. Da warst du lustig, relaxt… Wenn du das jetzt bei Aurélie anwendest, klappt es bestimmt.“

„Bist du sicher?“

„Aber klar.“

„Ach, ich weiß nicht. Nachher mag sie mich doch nicht und dann stehe ich total dumm da.“

„Sei kein Frosch. Du machst das schon. Du musst sie ja nicht sofort überfallen. Frag sie erst mal nach einem Treffen.“

„Na gut. Aber lass mich den richtigen Moment abwarten.“

Ich wusste: Wenn Leute das in Filmen sagten, zögerten sie die nötige Aussprache einfach immer weiter heraus. Aber ich sagte nichts.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 3

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Ich war unheimlich erleichtert, als ich am Nachmittag endlich die Bücher zuklappen und zum Treffen mit meinen besten Freundinnen fahren konnte.

Treffpunkt war der Platz des 20. Juli. Hier wollten wir uns treffen und zusammen in der nächsten Eisdiele einen Becher essen. Doch als ich an der großen Stauffenberg-Statue in der Mitte des Platzes ankam, saß unter ihr nur Anna.

„Wo ist Aurélie?“

„Hat mir vor fünf Minuten per SMS abgesagt. Angeblich ein Zahnarzttermin. Aber daran glaube ich irgendwie nicht.“

„Du meinst, sie könnte…?“

„Ja, genau.“

Wir gingen in die Eisdiele. Während wir auf unsere Eisbecher warteten, besprachen wir die Lage.

„Findest du es nicht auch merkwürdig, dass Aurélie sich gestern mit Freddy getroffen hat, ohne uns was zu sagen?“

„Eigentlich schon. Aber vielleicht hatte sie auch einfach denselben Gedanken wie wir. Und immerhin findest du ja Freddy ziemlich seltsam, da brauchst du mir gar nichts zu erzählen. Kein Wunder, dass sie uns da nichts erzählt hat.“

„Schon gut. Ich sag ja auch gar nichts dagegen, aber…“ Hilflos zuckte Anna mit den Schultern. „Wieso erzählt sie uns nichts davon? Hat sie irgendwelche Geheimnisse vor uns oder was?“

Die Eisbecher kamen. Während ich den ersten Löffel meines Erdbeer-Spezials nahm, gab ich zu bedenken: „Muss sie uns denn alles erzählen? Ich kläre dich doch auch nicht im Detail darüber auf, was ich tue, wenn du nicht da bist!“

„Na ja, eigentlich –“, wollte Anna einwerfen, doch ich hörte nicht zu, weil ich in diesem Augenblick zwei Menschen in die Pommesbude gegenüber gehen sah. Es waren ein Mädchen und ein Junge. Das Mädchen hatte braune Haare und trug eine rote Baskenmütze und der Junge hatte orangefarbene Stoppelhaare sowie ein schwarzes Metallica-T-Shirt.

Aurélie und Freddy! Ich glaubte es nicht.

Schnell zerrte ich Anna herunter, denn die beiden schauten gerade Richtung Eisdiele.

„Ich glaube es nicht!“

„Wieso, was ist denn los?“ Anna wollte sich wieder normal hinsetzen, doch ich zerrte sie wieder herunter.

„Da drüben! In der Pommesbude!“

„Hm?“ Vorsichtig richteten wir uns auf und lugten über den Rand unserer Sitzbank auf die andere Straßenseite.

Dort sahen wir, wie Freddy und Aurélie sich angeregt unterhielten. Sie gestikulierten beim Reden wild mit ihren Händen und ab und zu lachte Aurélie.

„Ich fass es nicht!“ Wütend drehte Anna sich um, was bei ihr eher selten vorkam, und rammte ihren Löffel in den Eisbecher. „Uns sagt sie, sie ist beim Zahnarzt, und dann trifft sie sich mit diesem Typen!“ Sie schlang einige Löffel hastig herunter.

„Hey, du redest von meinem besten Kumpel!“, rief ich. „Aber eigentlich hast du Recht. Langsam kommt mir die Sache auch spanisch vor. Und dass sie sich heimlich treffen, anstatt uns davon zu erzählen, kommt mir sogar portugiesisch vor.“

„Mir geht es genauso.“ Anna sah sorgenvoll zu den beiden hinüber. „Du, Sara?“

„Was?“

„Denkst du, was ich denke?“

„Was denkst du denn?“

„Glaubst du, die beiden haben etwas miteinander?“

Das Ganze erschien mir so abwegig, dass ich nicht anders konnte, als lauthals loszulachen. Als die anderen Gäste mich anstarrten, versuchte ich mich wieder einzukriegen. Das allerdings mit wenig Erfolg.

„Das wäre immerhin ein Grund, warum die beiden so heimlich tun“, gab Anna zu bedenken.

„Aber die beiden passen doch überhaupt nicht zusammen. Oder weißt du irgendwas von französischen Wurzeln bei Freddy?“, versetzte ich. Leider war Aurélie ihre Frankreich-Manie nach der Parisfahrt trotz Wein-Vollrausch nicht los geworden.

„Keine Ahnung. Ich wüsste allerdings einen anderen Grund…“

„Und der wäre?“

„Na ja… du weißt doch, ich kann nicht so viel mit ihm anfangen… Ich finde ihn aber nicht dumm, wirklich!“, beteuerte Anna.

„Schon gut.“ Ich schaute auf die Uhr, die mit italienischen Zahlwörtern beschrieben war, und nahm einen Löffel meines Erdbeer-Spezials. „Wir fragen sie morgen nach der Prüfung einfach mal. Und vielleicht liegen wir mit unserer Vermutung ja auch total falsch. Bestimmt gibt er ihr auch einfach nur Nachhilfe.“

„Ja, in Französisch.“ Sie zog eins ihrer unteren Augenlider nach unten.

„Sehr witzig.“

Zu Hause war es nicht gerade gemütlicher geworden. Oma saß mit Paul am großen Esszimmertisch und erledigte dort mit ihm die Mathe-Hausaufgaben. Unsere Oma ist eine Frau, die sehr schnell – warum auch immer – ihre Geduld verliert. Als ich wieder nach Hause kam, versuchte sie gerade, Paul Subtraktionsübungen zu erklären.

Nun ist es ja verständlich, dass ein Siebenjähriger keine Lust darauf hat, stupide Rechnungen zu machen, vor allem, wenn der Lieblingskumpel gleich vorbeikommt. Oma brachte das allerdings sofort auf hundertachtzig.

„Paul, wie viel sind sieben minus zwei?“

„Weiß nicht“, sagte Paul ungnädig und schaute aus dem Fenster auf die Straße, in die Richtung, aus der gleich sein Kumpel kommen musste.

„Paul! Pass auf, hier spielt die Musik! Du sollst dich jetzt nicht um Chris kümmern, sondern um deine Hausaufgaben! Es gibt kein Spielen, bis du hiermit fertig bist!“

„Ach, menno“, brummte Paul und aus dem Wohnzimmer kam ein müdes „Elisabeth!“. Von meinem Vater.

Ich fand, wenn er nicht damit zufrieden war, wie seine Mutter mit seinem Sohn umging, sollte Papa mehr tun, als einmal hinter seiner dämlichen Tageszeitung hervorzugucken und „Elisabeth!“ zu rufen. Doch ich sagte es ihm nicht.

Mama traute sich auch nicht, etwas einzuwenden. Vielleicht klammerte sie sich auch einfach nur an ihren letzten Rest Selbstbeherrschung. Jedenfalls zog sie nur die Augenbrauen hoch, während sie sich weiter um ihre Praxisunterlagen kümmerte. Das fand ich irgendwie auch nicht gut.

Ich wollte ins Zimmer gehen, aber dann bekam ich noch mit, wie Oma Paul danach fragte, wie viel denn nun sieben minus zwei seien, Paul wieder entgegnete, er wisse es nicht, und Oma daraufhin endgültig die Nerven verlor. Und wie immer, wenn das passierte, gab sie ihrer Schwiegertochter die Schuld.

„Das kann doch nicht wahr sein, Paul! Weil wir dir erlaubt haben, nachher noch mit Chris zu spielen, hast du keine Lust, die Hausaufgaben zu machen! Wenn es nach mir ginge, dürftest du ihn heute gar nicht mehr sehen. Aber deine Mutter hat es dir ja erlaubt.“

An dieser Stelle sah Mama kurz auf, versuchte aber, sich unbeeindruckt zu geben.

„Ja, genau, Monika! Kümmer du dich doch um deinen Sohn, anstatt dich hinter deinen Unterlagen zu verstecken! Ich habe keinen Nerv mehr dafür! Dein Sohn respektiert einfach nicht, was ich für ihn tue. Das hat er von dir!“

„Was soll das denn bedeuten?“, fragte Mama pikiert.

Na toll. Der nächste Familienstreit rollte über uns. Bevor Paul das noch mal mitmachen musste, schnappte ich mir ihn und seine Schulsachen und wir verzogen uns in sein Zimmer.

Jetzt teilte sich mein Inneres in zwei Teile. Der eine Teil saß mit Paul am Schreibtisch und erklärte ihm mit Hilfe von seinen Murmeln, wie er rechnen musste. Der andere Teil dachte über die familiäre Situation nach und lauschte dem Gebrummel der Altvorderen aus dem Esszimmer.

Im Grunde war jetzt wieder alles wie vor einem Jahr. Oma brachte Mama gegen sich auf und hielt sie für eine durchgeknallte, selbstsüchtige Kuh, brachte dabei immer wieder dieselben Argumente ein. Papa war zu schüchtern und zu desinteressiert, um sich gegen Oma aufzulehnen und nahm deswegen ihre Position ein. Mama fühlte sich von allen allein gelassen und wurde trotzig wie ein kleines Kind. Und wir Kinder mussten es ausbaden. Lea vernachlässigte die Uni und den Haushalt, Paul die Schule, und ich traf mich lieber mit hinterhältigen Burschen, anstatt eine ordentliche Abiturvorbereitung hinzulegen. Alles genau wie vor einem Jahr. Wieso nur? Hatte es sich für Mama überhaupt gelohnt, wieder mit der Arbeit anzufangen, wenn doch eh alles beim Alten geblieben war? Und gab es tieferliegende Gründe für den Streit?

Oma war in einer Zeit groß geworden, in der Frauen noch längst nicht so viele Rechte hatten wie heute. So viel ich wusste, hatte Oma nur einen Realschulabschluss machen dürfen. Hatte sie nicht auch mal erzählt, dass Opa ihr damals verboten hatte, einen Job anzunehmen? War das am Ende der Grund, warum sie so verbittert war?

„Fertig!“, rief Paul mitten in meine Überlegungen hinein und er sprang auf, rannte zur Tür, die gerade geklingelt hatte.

Super. Ich war im Augenblick sowieso zu nachdenklich, um ihm noch weiter zu helfen.

Wo ist die Liebe hin?, Teil 2

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Kurze Zeit später standen wir vor einem Haus in der Berliner Straße. Ich drückte auf die Klingel mit dem Namen Steiner.

„Wieso willst du ausgerechnet zu dem?“, fragte Anna und schaute sich nach allen Seiten um, als würde sie befürchten, jemand könnte sie hier sehen. Mit dem war Freddy gemeint. Seit der Parisfahrt war er mein Kumpel geworden und auch wenn Anna und Aurélie, meine zweitbeste Freundin, sich an ihn gewöhnt hatten, fanden sie ihn immer noch ein bisschen, na ja, seltsam.

„Willst du ’ne gute Abinote oder nicht?“, fragte ich sie.

„Ja schon, aber…“

„Nichts da! Du kommst jetzt mit!“ Jetzt ging jemand an die Gegensprechanlage. „Hallo?“, hörte ich von Frau Steiner. Das war Freddys Oma, bei der er lebte, seit seine Eltern gestorben waren.

„Hallo, Frau Steiner! Wir sind es, Sara und Anna! Wir möchten gerne zu Frederik.“

„Kommt herauf!“ Sie öffnete die Haustür und wir traten ein.

Wenig später standen wir in der Wohnung.

„Das ist aber eine Freude! Ich habe ein paar Kekse gemacht, wollt ihr welche probieren?“

Frau Steiner war eine liebe Oma, ganz anders als meine. „Vielen Dank, wir nehmen gern welche!“, sagten wir und gingen in die Küche, um uns ein paar der leckeren Schokoladenkekse zu holen.

Noch mit vollen Backen verließen wir die Küche wieder, um Freddy in seinem Zimmer aufzusuchen, als wir plötzlich eine Begegnung der dritten Art hatten. Anna stand ein paar zögerliche Schritte hinter mir, doch auch ihr entging nicht, was da vor uns war. Oder besser gesagt, wer.

Es war unsere gute Freundin Aurélie.

Ein Drehbuchautor oder Filmemacher hätte diese Szene vermutlich nicht besser gestalten können. Anna, Aurélie und ich standen im Flur herum und starrten uns gegenseitig mauloffen an. Das wäre vermutlich ewig so weitergegangen, wenn nicht irgendwann Aurélie gesagt hätte: „Ich konnte nicht in… Ruhe lernen…“

Dann verschwand sie hinter der Klotür.

Anna und ich sahen uns an.

„Nicht nachfragen. Einfach nicht nachfragen“, sagte ich zu ihr und dann gingen wir in Freddys Zimmer, um ihn zu begrüßen.

Einige Stunden später und um einige naturwissenschaftliche Fakten schlauer fuhr ich mit der Straßenbahn nach Hause. Ich war im Lernen fürs Abitur ein großes Stück weitergekommen. Jetzt musste ich eigentlich nur noch wiederholen, nichts Neues mehr lernen. So gut hatte es geklappt. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass Freddy ein großes Biotalent besaß.

Bestens gelaunt schloss ich die Wohnungstür auf. Ich war mir sicher, dass meine Eltern und meine Oma es verstehen würden, dass ich heute so plötzlich abgehauen war. Sie sagten doch selbst ständig, dass ein gutes Abitur wichtig für meine Zukunft sei. Wenn ich ihnen erklärte, dass ich mit Freddy und meinen Freundinnen gelernt hatte, würden sie es schon verstehen.

Vielleicht hatte ich das ein wenig zu rosig gesehen. Als ich den Flur betrat, standen meine Mutter und meine Oma jedenfalls schon da und schauten mich finster an.

„Wo warst du?“, fragte Oma und hörte sich dabei an wie eine dieser strengen Lehrerinnen aus Hanni und Nanni. Ich hatte das früher immer verschlungen, bis –

„Antworte mir bitte!“

Ich musste mich beherrschen, um meine Jacke ruhig und gelassen an den Haken zu hängen. „Ich war bei Freddy.“

„Du warst bei Freddy? Ich glaube es nicht!“ Jetzt wandte meine Oma sich wütend an meine Mutter und fixierte sie mit ihren Augen, die hinter ihrer dicken Brille versteckt waren. „Ich habe es ja gesagt! Seit sie in Paris war, trifft sie sich nur noch mit diesem Typen! Ich habe ja gesagt, dass das keine gute Entscheidung war, sie dort mitfahren zu lassen!“

„Was willst du denn damit sagen?“, riefen meine Mutter und ich gleichzeitig. Verblüfft starrten wir uns an.

„Nichts“, gab Oma zurück. „Ich will damit nur sagen, dass Sara sich nicht verzetteln soll. Man hat ja bei Lea gesehen, wohin das führt.“

„Das ist nicht wahr!“, wollte ich meine Schwester verteidigen. „Es liegt nicht an ihrem Freund, dass sie letztes Jahr fast durch die Pädagogikprüfung gefallen wäre. Sie hat gelernt wie ’ne Blöde.“

„Nicht in diesem Ton, Sara!“

„Ist doch wahr! Jedenfalls war sie bei der Prüfung echt tierisch nervös. Ihren Freund hat sie in der Zeit kaum gesehen. Es liegt nicht an ihm.“

Meine Mutter wollte schon zustimmen, doch da fuhr Oma mich an: „Ach, hör mir doch auf! Dich nach Paris fahren zu lassen, war auf jeden Fall eine absolute Fehlentscheidung! Wozu hat das denn geführt bei dir? Anstatt fürs Abitur zu lernen, hängst du nur noch mit diesem Burschen herum. Und du sagst mir, du lernst immer fleißig? Dass ich nicht lache!“

„Ich habe –“, setzte ich an, doch Mama kam mir zuvor.

„Elisabeth“ – gemeint war meine Oma – „bitte werde jetzt nicht ungerecht. Es stimmt, Sara hat einige ihrer Pflichten vernachlässigt, aber –“

„Nichts aber! Du wusstest ganz genau, dass Sara auf der Parisreise Blödsinn machen wird, und hast es ihr trotzdem erlaubt! Und die Geschichte gibt ihr Recht! Sie hat sich mit diesem Burschen eingelassen!“

„Das stimmt überhaupt nicht!“ Ich wollte auch endlich mal etwas sagen dürfen. „Freddy ist mein guter Freund, aber nicht mein Freund! Bitte versteht das endlich. Außerdem haben wir zusammen gelernt, was ich hier ja nicht konnte.“

„Lernen! Dass ich nicht lache!“ Oma schnaubte und sah zur Decke.

„Elisabeth, jetzt wirst du aber wirklich ungerecht!“

„Ich? Ungerecht? Ich weise nur deine Tochter darauf hin, dass sie gewisse Pflichten hat. Darin hast du jawohl versagt. Oder warum lernt Sara nicht mehr für ihr Abitur und vergisst, den Haushalt zu machen? Warum hat Lea schon wieder die Uni geschwänzt? Warum hat Paul schon wieder seine Hausaufgaben nicht gemacht? Warum?“

Aufgebracht rief meine Mutter: „Ich lasse nicht auf mir sitzen, dass ich alles vergesse, seit ich wieder arbeite! Das stimmt nicht! Abgesehen von den paar Kleinigkeiten funktioniert doch alles wirklich prima!“

Da konnte ich ihr im Grunde nur zustimmen, auch wenn Mama manchmal etwas gestresster wirkte.

„In Wahrheit suchst du doch nur einen Grund, dass ich wieder aufhöre, zu arbeiten, und die brave Hausfrau gebe, die du so gerne hättest! Aber du hast Pech gehabt, so eine Frau bin ich nicht!“

In diesem Moment kam mein Vater aus seiner Anwaltskanzlei nach Hause. Er hängte seinen Mantel und seinen Schal an den Haken, streifte seine Schuhe ab und fragte: „Hallo Mutter, hallo Liebes! Wann gibt’s Essen?“

Manche Leute scheinen einfach ein Gefühl für perfektes Timing zu haben. Ich rannte schnell in mein Zimmer und drehte die Anlage auf, bevor ich mitkriegte, wie er von seiner Ehefrau einen auf den Deckel bekam.

Am nächsten Morgen suchte ich verzweifelt nach meinem Pullover. Es war mein Lieblingspullover, der schwarze Kapuzenpulli in Größe L, denn er war so schön kuschlig. Leider war er unaufffindbar. Wo konnte er nur sein?

Da fiel mir etwas ein. Die Wäscheständer standen bei Regen doch immer im Wohnzimmer. Also ging ich dorthin. Mir fiel auf, dass die Jalousien heruntergelassen waren, deswegen stellte ich die Lampe an.

Und erntete damit lautes Geschimpfe. „Verdammt, kann man denn nirgendwo in Ruhe schlafen?“ Die Stimme gehörte einem männlichen Wesen. Meinem Vater.

„Wieso schläfst du denn auf der Couch?“, wollte ich von ihm wissen. Er rieb sich die Augen und meinte: „Ist gut für den Rücken.“

Skeptisch dachte ich: Wahrscheinlich hat er einfach gestern von Mama mehr als nur einen auf den Deckel gekriegt. Ich ließ ihn in Ruhe und holte nur schnell meinen Pullover, denn auf weitere Familienstreits war ich nicht gerade scharf.

Beim Frühstück kam es nicht zu einem neuen Streit. Wirklich gemütlich war die Atmosphäre aber auch nicht gerade. Und da Paul, der uns sonst bei Laune hielt, schon in der Schule war, war es noch schlimmer.

Nur, um etwas zu sagen, bemerkte Papa, dass ihm der Reis, den Mama ihm gestern Abend noch zubereitet hatte, ausgezeichnet geschmeckt hatte. Worauf Mama ihn böse anfunkelte. Ich konnte mir gut vorstellen, warum.

Bevor die Situation zu eskalieren drohte, erzählte Lea von einer Vorlesung an der Uni. Sie studierte Anglistik und ihr Professor hatte neulich einen super Witz über Shakespeare gerissen, den sie uns unbedingt mitteilen musste.

„Also warst du mal wieder in der Uni, ja?“, murmelte Oma.

„Elisabeth!“, entfuhr es Mama schockiert.

„Ist schon gut, ich hab halt ’nen lockeren Stundenplan.“

„Und was hast du heute noch so vor?“, wendete sich Mama nun an mich.

„Ich lerne noch mal abschließend für die Prüfung morgen und dann treffe ich mich mit Anna und Aurélie.“

„Wenn du meinst, dass das ausreicht…“ Schon wieder musste Oma einen ihrer Kommentare abgeben. Mama schaute sie nicht gerade freundlich an. Na herrlich.

„Ja, es reicht aus. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich muss ins Bad.“