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Monatsarchiv: Oktober 2013

Autoaufkleber

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Als ich gestern von der Uni nach Hause kam, sah ich in meiner Straße ein Auto mit einem Aufkleber, der besagte, dass der Autobesitzer nach 1945 geboren sei und der Welt daher einen Scheiß schulde. Ich hätte dem Autobesitzer gern per Klebezettel mitgeteilt, was ich darüber denke. Leider hatte ich keine da. Dann halt hier:

Natürlich sind Leute, die nach 1945 geboren wurden, nicht für die Verbrechen der Nazis verantwortlich. Ich finde es aber falsch, jedwede Verantwortung von sich zu schieben. Man schuldet der Welt mindestens, dass sich die Jahre 1933 bis 1945 nicht wiederholen. Gut, das gilt natürlich nicht nur für Deutsche.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Blog und Bushaltestelle

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Es gibt drei Neuigkeiten bzgl. meines Blogs.

1.) Ich habe einen Slogan. (Vielen Dank noch mal an Ebisario.)

2.) Ich habe eine Unterseite “Kontakt / Disclaimer” eingerichtet.

3.) Einige Artikel sind jetzt passwortgeschützt. Wer die Passwörter haben will, kann sich per Mail bei mir melden. Die Adresse steht unter “Kontakt / Disclaimer”. Ihr solltet euch ein wenig vorstellen, wenn ihr die Passwörter haben möchtet, damit ich weiß, wem ich sie geben kann und wem nicht.

Damit der Artikel nicht ganz so langweilig ist, teile ich jetzt noch eine Situation mit euch, die sich am Montag ereignete. Ich hatte einen Arzttermin und wollte zurück zur Uni fahren. An der Bushaltestelle sprachen mich zwei Mädels an:

“Wissen Sie, wann der nächste Bus fährt?”

“Ja, in drei Minuten.”

“Danke.”

“LOL, bist du doof, du kannst das doch selbst nachgucken, da! (zeigt auf den Plan) Auf welchem Gymnasium bist du?”

“Ich bin seit über vier Jahren aus der Schule raus.”

“LOL, ich hab dich jünger geschätzt. Los, schätz mal, wie alt wir sind!”

(lange Denkpause) “Vierzehn!”

“Haha! Wir sind zwölf! Wir gehen mit dem da (zeigen auf Jungen auf anderer Straßenseite) in eine Klasse! Studierst du?”

“Joah.”

“Du hast ‘joah’ gesagt. Also schätze ich, dass du auf die FH gehst.”

“Nein, ich gehe auf die Uni.”

“Was studierst du?”

“Politik und Erziehungswissenschaft.”

“Willst du Politikerin werden?”

“Nein, Journalistin.”

“Aber wo braucht man da Politik?”

“Es wird ja viel über Politik berichtet.”

Der Bus kommt, ich will einsteigen.

“Wenn du mal Journalistin bist, mach nichts über Politik, weil das interessiert keinen! Mach nur was Cooles über Stars und so!”

Ich fand das Ganze so absurd, dass ich gelacht habe, als ich den Bus betrat. Von den anderen Fahrgästen wurde ich misstrauisch angeguckt. Anscheinend ist es Bedingung, vor sich hinzugrummeln, wenn man einen Stadtbus benutzt.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Wurst mit Gesicht

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Ich esse gern Fleisch. Leider. Wenn ich könnte, wäre ich Vegetarierin. Ich hatte schon lange darüber nachgedacht, wie ich meinen Fleischkonsum etwas ethischer gestalten kann, als mir die Freundin meines besten Freundes (und zugleich zukünftigen Schwagers) etwas von “Meine kleine Farm” (http://www.meinekleinefarm.org/) erzählte.

Die Macher dieses Projekts haben sich zur Aufgabe gemacht, Menschen zu verantwortungsvollerem Fleischkonsum zu erziehen. In ihrem Shop bieten sie Fleisch von Schweinen an, die glücklich auf einer brandenburgischen Wiese herumlaufen, anständiges Futter kriegen und doppelt so lange leben wie ihre Massentierhaltungskollegen. Der CO2-Verbrauch soll auch nach dem Tod der Tiere möglichst gering gehalten werden – die Schweine werden von einer nahe gelegenen Schlachterei verarbeitet. Wer sich fragt, woher der Titel dieses Blogeintrages kommt: Jeder, der sich z.B. ein Glas Wurst bestellt, weiß hinterher genau, von welchem Schwein das Fleisch kommt.

Schwein 93

Schwein 91

Ich hatte Schwein 93 und 91!

Ich fand die Idee klasse und habe mir deswegen zum Test ein Glas Rot- und ein Glas Jagdwurst bestellt. Beides schmeckte richtig klasse. Man merkt die Liebe, die darin steckt. Die Rotwurst haben auch mein Freund und sein Vater probiert. Mein Freund attestierte dem Fleisch eine leckere würzige Note. Sein Vater sagte, der Geschmack erinnere ihn an früher, wo die Rotwurst noch selbst gemacht wurde. Wir stellen fest: drei zufriedene Tester. Ich werde definitiv noch mal was bestellen. Natürlich ist das Gesichtsfleisch teurer als das, was man so im Supermarkt oder Discounter bekommt, aber Qualität hat nun mal ihren Preis. Und so oft brauche ich Fleisch nun auch wieder nicht. Lieber selten, dafür richtig gut.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin

Krümelmonster, Teil 5

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Ich war komplett durch, als ich zu Hause ankam. Durch wie ein durchgebratenes Steak. Wieso hatten nur so viele Leute Probleme mit der Liebe? Konnte man es nicht einfach so machen wie ich und Single bleiben? Mir hatte nie etwas gefehlt. Zu Hause wartete keiner auf mich, der mit einem Nudelholz auf mich losgehen wollte. Bildlich gesprochen. Ich war, im Großen und Ganzen zumindest, zufrieden mit meinem Leben.

Weil es mir so ätzend ging, drehte ich wieder die Musikanlage auf. Mein MP3-Player spuckte per Zufallsreihenfolge ein uraltes Lied auf, das ich schon lange nicht mehr gehört hatte.

I just don’t want to be with you

There’s simply nothing you could do

To change my mind

To make me wanna sleep with you…

Und den ganzen Refrain noch mal.

Auch wenn es noch nicht Nacht war, so drang doch bald ein erbostes Türklopfen an mein Ohr, das mir signalisierte, dass meine Musik wohl nicht erwünscht war. Ich wusste schon, wer da stand, bevor ich die Tür geöffnet hatte.

„Kati, was willst du hier, verdammt?“

„Sag nicht ‚verdammt’ zu mir. Im Übrigen stört mich deine Musik beim Lernen. Wenn du ständig so weitermachst, sehe ich mich gezwungen, die Haussprecher zu informieren.“

An jedem anderen Tag hätte ich noch halbwegs mit Verständnis reagiert und die Musik leiser gedreht. Ich hätte vielleicht geantwortet: „Tut mir Leid, es ging mir gerade nicht so gut. Kommt nicht wieder vor.“

Doch heute ging das nicht. Ich wurde wieder in irgendwelche Probleme hereingezogen, die nichts mit mir zu tun hatten, in meiner Familie spielten plötzlich alle verrückt, die Uni war die Hölle, und als wäre das nicht schon genug, spürte ich gerade ein riesiges Ziehen, das mir die bevorstehende Periode ankündigte.

Also antwortete ich stattdessen:

„Ich weiß, das geht in dein aufgeblasenes Erbsenhirn nicht rein, aber es gibt hier auch Leute, die sich amüsieren wollen. Und wenn wir dir alle so auf den Sack gehen, warum hast du dann nicht ’ne eigene Wohnung? Du kriegst von deinen Eltern eh das Geld in den Arsch geblasen. Was ist eigentlich mit dir los? Kriegst du nicht genug Sex oder was? Damit du’s weißt: Ich werde meine ‚Scheißmusik’ nicht leiser drehen! Und erzähl mir bloß nicht, du musst lernen. Dein IQ ist doch eh nicht höher als der von Tütensuppe!“

Ich knallte ihr die Tür vor der Nase zu und drehte noch etwas lauter, um die blöde Tussi zu ärgern.

 

Etwas später bekam ich einen Anruf. Ich konnte in meinem Zimmer nicht so gut telefonieren, da das Netz hier ziemlich schwach war, also rannte ich aus dem Zimmer in den Aufenthaltsraum und nahm an.

„Hallo?“

„Hi, hier ist Anna. Wo bist du gerade?“

„Zu Hause, und du?“

„Ich auch. Bitte komm sofort her, es ist dringend.“

Ich seufzte abgrundtief. Ich hatte echt keine Lust mehr auf noch so ein Mein-Leben-ist-Scheiße-aber-ich-kann-nichts-daran-ändern-Gespräch heute. Überhaupt nicht mehr. Aber was machte ich? Ich sagte zu.

Um meine Jacke und das Portmonee zu holen, ging ich kurz zurück in mein Zimmer. Es roch dort sehr komisch nach Parfüm, aber ich verfolgte das nicht weiter und nahm nur schnell die Sachen vom Haken.

Ich quälte mich durch den Verkehr. Zu der Uhrzeit war natürlich halb Frankfurt unterwegs und deswegen musste ich mich in eine bereits bis zum Anschlag gefüllte S-Bahn quetschen, um bei Anna anzukommen.

Endlich dort, drückte ich aufs Klingelschild. Bevor Anna unten ankam, um mir aufzumachen, wurde ich von einer blonden, jungen Frau angerempelt. Irgendwie kam sie mir bekannt vor, aber ich konnte es nicht genau sagen, da die Tussi einfach wegrannte, ohne sich umzudrehen. Auch nicht, als ich ihr „Ey, pass doch auf, du blöde Kuh!“ hinterherrief.

Anna kam unten an und umarmte mich zur Begrüßung. Ihr „Hi“ klang unheimlich fertig. Als wir in der Altbauwohnung saßen, fragte ich, was los war.

„Ach, ich halt das einfach nicht mehr aus!“

Innerlich stöhnte ich. Das roch ganz nach einem Gespräch, wie ich es früher am Tag bereits mit Freddy gehabt hatte. Und ich wettete, es ging um…

„Manchmal hasse ich Aurélie einfach! Auch wenn ich sie schon so lange kenne.“

Treffer versenkt.

„Was ist denn los, sag mal? Freddy hat mich heute auch schon zu sich bestellt und er wirkte total fertig wegen ihr. Er hat sogar wieder angefangen, zu rauchen.“

Anna riss die Augen auf. „Echt? So weit ist er schon? Na ja, ich fange auch bald an, obwohl ich von dem krebserregenden Zeug absolut nichts halte, wie du weißt.“

„Na klar. Wie hat sie dich denn genervt?“

„Wahrscheinlich hat Freddy dir schon erzählt, dass ich ihm sagen sollte, dass Aurélie nicht zu Hause ist. Er hat’s natürlich gemerkt. Ich konnte ja noch nie so super lügen.“

„Es lag wohl eher daran, dass im Hintergrund ganz laut ihre Lieblingsserie lief.“

„Wie auch immer, lange mach ich das nicht mehr mit. Jetzt hat sich Aurélie sogar schon ihre Haare blond gefärbt, um ihm besser zu gefallen. Und als er sagte, dass es total hässlich aussieht, ist sie beleidigt abgerauscht.“

Mir dämmerte einiges. Dann war die Frau, die mich vorhin angerempelt hatte, also Aurélie gewesen? Und ich hatte ihr ‚blöde Kuh’ hinterhergerufen? Dann würde ich mich spätestens morgen in der Uni dafür rechtfertigen müssen. Na super.

„Also, ich sag dir eins, lange mach ich das echt nicht mehr mit…“

„Das sagtest du bereits.“

„Das kann ich gar nicht oft genug sagen. Jedenfalls habe ich keinen Bock, mich da reinziehen zu lassen.“

„Da hast du verdammt Recht. Beide sind bereits bei mir gewesen und es sieht nicht gerade so aus, als würden sie sich irgendwie einigen können.“

„Aber was machen wir da nur?“

„Ich hab absolut keine Ahnung. Aber irgendwas müssen wir tun, sonst überlegen wir bei unserer nächsten Party bereits, wen von beiden wir nicht einladen, damit es kein Gemetzel gibt.“

Krümelmonster, Teil 4

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Unser Opa war vor knapp sieben Jahren gestorben. Damals hatte man uns nicht gesagt, warum. Keine Ahnung, wieso. Er lag, als wir eines Tages nach Hause kamen, einfach tot auf dem Küchenboden. Er war ein bisschen beleibter gewesen, aber das hatte uns nicht besonders interessiert.

Bis Lea neulich mit ihrem Freund darüber gesprochen hatte. Da war zufällig seine Mutter hereingekommen, die ebenfalls Ärztin ist, und hatte sie einige andere Sachen über Opa gefragt. Am Ende meinte sie, dass er wahrscheinlich Diabetes gehabt hätte und daran gestorben wäre. Wieder zu Hause hatte sie Oma danach gefragt und die hatte es ihr bestätigt. Es wurde damals wohl nicht diagnostiziert oder so etwas und dann wäre er an einem Schwächeanfall gestorben.

„Das ist eine ziemlich tragische Geschichte. Ja, das ist wirklich blöd gelaufen, aber warum bist du so traurig?“

„Nein, das ist es nicht.“ Lea schniefte. „Seine Mutter hat gesagt, dass man Diabetes auch erben kann. Und da wurde mir auf einmal alles klar: mein ewiger Durst, mein ungebändigter Appetit und warum ich mich neuerdings so schlapp fühle. Wahrscheinlich habe ich auch Diabetes! Und bestimmt sterbe ich daran, so wie Opa!“ Jetzt bekam sie einen erneuten Weinkrampf.

Ich nahm sie in den Arm. „Hey, das wird schon nicht passieren, keine Angst. Warst du damit überhaupt schon mal beim Arzt?“

„Nein, noch nicht.“

„Wenn du willst, können wir mal zusammen hingehen. Ich geh auch mit dir in den Untersuchungsraum, wenn du willst.“

Lea schnäuzte sich einmal kräftig und fragte mich dann: „Das würdest du machen?“

„Klar.“

Jetzt lächelte sie wieder ein bisschen. Zwar war ihr Gesicht noch wimperntuscheverschmiert, aber sie lächelte wieder.

„Okay, aber lass uns nicht zu Mama gehen, die macht sich nur wieder unnötig Sorgen.“

„Na gut.“

 

Irgendwann an diesem Wochenende war mein Handy leergegangen und leider hatte ich kein passendes Ladegerät dabeigehabt. Als ich also am Sonntagabend nach meiner Rückkehr ins Wohnheim das Handy endlich wieder anschalten konnte, bekam ich gleich zwei SMS und eine Mailboxnachricht. Alle waren von Freddy.

Die erste SMS war von Freitagabend, 20:37 Uhr.

Hey, Sara, sag mal, ist Aurélie bei dir? Wir wollten uns treffen, aber sie ist nicht zu Hause.

Die zweite SMS kam gut zwölf Stunden später.

Aurélie geht nicht mehr ans Telefon! Ich verstehe das Mädel einfach nicht.

Und die Mailboxnachricht gestern Abend lautete folgendermaßen:

Hey, Sara, hier ist Freddy, kannst du mich bitte dringend zurückrufen? Ich muss unbedingt mit dir sprechen. Auf Wiedersehen.

Es schien wirklich dringend zu sein. Also meldete ich mich bei ihm, sagte ihm, dass ich direkt nach der Uni bei ihm vorbeikäme und schaltete das Handy aus.

 

Freddy wohnte mittlerweile in einem winzig kleinen Studentenzimmer am anderen Ende der Stadt. Als ich um halb vier endlich dort war, saß er vorm Haupteingang auf einer Treppenstufe und rauchte.

Er rauchte?

„Wieso rauchst du denn hier?“, fragte ich ihn.

„Weil ich im Gebäude nicht rauchen darf, darum“, antwortete Freddy und atmete tief aus. Dabei stieß er eine Wolke Rauch mit aus.

„Nein, das meine ich nicht. Ich wusste ja gar nicht, dass du überhaupt rauchst!“

„Ich weiß auch nicht, wieso. Eigentlich hatte ich damit schon aufgehört, aber bei dem Stress, den ich zur Zeit habe…“ Er seufzte.

„Was ist denn los?“, wollte ich jetzt wissen.

„Dieses Mädel macht mich einfach fertig!“ Das letzte Wort schrie er schon fast.

Ich verstand nicht, was er damit meinte.

„Ich frage mich mittlerweile echt, was ich eigentlich an Aurélie finde. Die schafft mich noch! Die weiß einfach nicht, was sie will. Nervt mich dauernd, dass ich mehr Zeit mit ihr verbringen soll, aber wenn ich sie dann anrufe, weil ich mit ihr endlich ins Kino gehen will, zu diesem doofen französischen Film, dann heißt es, sie ist nicht zu Hause! Dabei weiß ich es ganz genau, dass sie da ist.“

„Wie meinst du das?“ Jetzt verstand ich gar nichts mehr.

„Im Hintergrund dudelte ganz laut Aurélies Lieblingsserie. Kannst du dir vorstellen, dass Anna Verbotene Liebe guckt?“

„Nein.“

„Siehst du. Und als ich Anna drauf angesprochen habe, stammelte sie nur etwas von ‚Ach, der neue Darsteller sieht so süß aus’. Das glaube ich einfach nicht!“ Freddy nahm eine tiefen, angestrengten Zug aus seiner Zigarette.

„Na ja…“ Ich versuchte erst einmal, mich zu sammeln. „Ich weiß nur, dass sie mir erzählt hat, dass ihr neulich in diesen Film mit Audrey Tautou gehen wolltet und du musstest urplötzlich noch zu deinen Kumpels.“

„Fängst du jetzt auch schon damit an? Wahrscheinlich hat sie dich bequatscht, damit du mir jetzt für sie ins Gewissen redest.“ Nun stieß er den Rauch wieder aus. Es erinnerte mich, besonders durch die kalte Luft, die es besonders sichtbar machte, an einen Stier.

„Nein, sie hat mich nicht bequatscht. Und außerdem habe ich keine Lust, mich schon wieder in alles reinziehen zu lassen. Es war schon schwer genug, euch überhaupt zusammenzubekommen. Den Rest müsst ihr jetzt allein schaffen.“

Freddy sah mich entschuldigend an. „Tut mir echt Leid, du hast ja Recht. Ich weiß einfach nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Aber immer, wenn ich Aurélie darauf anspreche, faucht sie immer irgendwas von wegen, dass ich sie nicht mehr liebe, und rauscht ab.“

„So lange seid ihr ja noch nicht zusammen, da ist es doch ganz normal, wenn sie so viel Zeit mit dir verbringen will. Das ist doch bei den meisten Mädels so.“

„Meinst du?“

„Na ja, persönlich kann ich es nicht sagen, aber das war jedenfalls bei den meisten Mädchen so, die ich kannte. Versuch einfach, so etwas wie die Sache mit dem Kino zu vermeiden und überleg dir vielleicht doch mal was Romantisches. Dann denkt sie sicher nicht mehr, dass du sie nicht mehr liebst.“

„Meinst du, das bringt’s?“

„Na sicher, auf Romantik steht Aurélie doch total. Das schaffst du schon.“

„Ich versuch’s…“

Krümelmonster, Teil 3

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Nachdem Aurélie gegangen war, wollte ich nur noch Ruhe und Frieden. Ich hatte bereits so einen stressigen Tag gehabt, und jetzt kamen auch noch ihre Probleme dazu. Es war wie in diesem Beatsteaks-Song, den Lea so gerne mochte: I got a whole bag of trouble to be taken away.

Am besten entspannen konnte ich immer, wenn ich meine Lieblingsmusik hörte. Ich drehte Muse auf, stellte den Repeat-Modus ein und schmiss mich aufs Bett.

Far away

The ship is taking me far away

Far away from the memory

Of the people who care if I live or die…

Auf einmal wummerte es an der Zimmertür und ich wachte auf. Wie, ich wachte auf? War ich etwa eingenickt? Musste wohl so sein. Wer wummerte an meiner Tür? Ich ahnte schon, wer es war, und als ich die Tür aufschloss, bestätigte sich meine Vermutung.

Kati hätte fast auf meinem Kopf weitergeklopft. „Hey, dreh mal deinen Scheiß leiser, du bist hier nicht alleine!“

Sie klang wie meine Mutter. „Was? Ich kann dich nicht hören!“

„Ich sagte: Dreh deinen Scheiß leiser!“

„Tut mir Leid, ich kann dich nicht verstehen. Aber sprich mit meiner Hand, wenn das Gesicht dich nicht verstehen kann!“ Ich hielt der Tusse meine Hand entgegen und rollte nach einigen Sekunden die Finger an. „Oh, tut mir Leid, sie wollen dir wohl nicht zuhören. Kein Wunder!“

Mit den Worten knallte ich Kati die Tür vor der Nase zu und erfreute mich an ihrem Wutschnauben, das ich noch durch die Tür hörte.

Am Wochenende fuhr ich mit dem Zug nach Hause. Ich hatte mit Lea verabredet, dass sie mich vom Bahnhof abholte. Als ich etwas zu spät ankam – der Regionalzug war ständig zu spät! –, stand Lea bereits am Gleis und wartete auf mich. Sie hatte einen dicken Burger in der Hand und das erste, was sie zu mir sagte, war: „Mmm, Fara!“ Sollte wohl so was heißen wie Hallo, Sara. Ich verstand es nicht.

Nachdem sie mich mit nur einem Arm umarmt hatte, gingen wir nebeneinander zum Auto. Immer noch kauend erklärte sie mir, dass sie unheimlichen Appetit hatte und deswegen mit etwas zu essen angekommen war.

Verständlich. Als sie dann auch noch während der Fahrt ständig an einem Riesenmuffin nagte, fand ich das Ganze aber langsam bedenklich.

„Ist es wirklich so schlimm? Du überfährst gleich noch ’nen Fahrradfahrer!“, rief ich.

„Wenn es nicht so schlimm wäre, würde ich auf darauf verzichten. Reich mir mal den Becher im Fußraum“, befahl sie mir. Stirnrunzelnd hielt ich ihr den mit einem Strohhalm versehenen Becher hin und sie schlürfte.

Zu Hause angekommen, stellte sie fest, dass sie ihren Hausschlüssel vergessen hatte, also klingelte sie, immer noch schlürfenderweise.

Oma öffnete Lea und mir die Tür. Und was mich wirklich verwunderte: Sie steckte in einem weiten Rock und einem blauen T-Shirt, beide waren mit Farbe besprenkelt.

„Hallo, Sara! Schön, dass du wieder zu Hause bist!“, rief sie sogleich und umarmte mich herzlich.

Was war denn jetzt los? Das hatte sie früher nie getan.

„Du musst gleich ins Wohnzimmer kommen und dir mein neues Bild ansehen.“

„Wie? Was für ein Bild hast du dir denn gekauft?“

„Selbst gemalt, du Dummerle! Guck mal!“ Oma führte mich ins Wohnzimmer und zeigte auf eine Staffelei mit Leinwand. Darauf waren Sonnenblumen in einer blauen, bauchigen Vase zu sehen. Das Ganze hatte irgendwie etwas Impressionistisches an sich. Früher im Kunstunterricht wurde uns ein Bild gezeigt, das mit der so genannten Kommatechnik gemalt wurde. Daran musste ich denken, als ich dieses Bild sah.

Dadurch wurden auch die Farbspritzer auf Omas Klamotten erklärt, die im Übrigen hauptsächlich gelb und blau waren.

„Sieht schön aus“, sagte ich. Oma bedankte sich.

Dann ging sie Richtung Küche. „Komm, es gibt gleich Essen. Heute hat dein Vater gekocht!“ Wie ungewöhnlich. Es roch irgendwie nach Suppe, aber auch nach Milch, genau konnte ich das nicht sagen.

Als ich in der Küche stand, erlebte ich die nächste große Überraschung. Mama saß da. Das war zunächst nicht weiter neu, aber sie hatte ultraviolette Haare, die kürzer waren als meine, und meine Haare gehen mir nur bis zu den Ohrläppchen. Dazu trug sie noch so lange, filigrane Ohrringe mit Federn dran.

„Hallo, Mama, du siehst ja ganz anders aus…“, begrüßte ich sie total verdattert.

„Ja, nicht?“ Sie lachte. Ich hatte schon länger Lust auf eine Typveränderung. Und da geh ich neulich an so einem Frisörsalon vorbei und denke mir: Warum nicht? Die Ohrringe gab’s im Laden nebenan.“

„Sieht schön aus…“, sagte ich. Mama bedankte sich.

„So“, Papa setzte sich zu uns an den Tisch, „ich hoffe, die Milchsuppe, die ich gemacht hatte, schmeckt euch! Ich hab das Rezept mal im Kochbuch gesehen.“

Milchsuppe? Das klang höchst ungewöhnlich. Vielleicht so etwas wie Milchreis. Doch als ich den ersten Löffel nahm, wurde ich überrascht. Das Ganze schmeckte herzhaft… und ziemlich gut. Ich aß noch einen Teller und nahm dazu ein bisschen der Tofuwurst, die extra für mich gekauft wurde.

„Schmeckt echt gut“, sagte ich. Papa bedankte sich.

„Sag mal, wann wollte dein Freund noch mal vorbeikommen?“, fragte Oma. Lea antwortete, in einer Stunde wolle er da sein.

„Prima, dann kann er mir ja gleich bei diesem doofen Internetanschluss helfen.“

„Du kriegst Internet?“, fragte ich total erstaunt. Ich hatte bis jetzt nicht mal gewusst, dass Oma einen Computer hatte.

„Ja, denkst du denn, ich will hinterm Mond leben, nur weil ich seit einigen Jahren in Rente bin?“ Oma lachte. „Ich finde es wirklich interessant, was es da so alles gibt. Ich kann mir sogar Rezepte aus dem Internet aufschreiben, wenn diese Verbindung endlich mal steht.“

Ich sagte eine Weile erst mal nichts mehr. Ich war zu überrascht von all den Vorfällen, die sich hier ohne mein Wissen ereignet hatten. Ich krieg echt nichts mehr mit, dachte ich nur noch.

Lea war immer noch total hungrig. Sie aß ganze drei Teller der Milchsuppe und hatte sich dabei Unmengen an Salami hereingeschnippelt. Zuerst guckten unsere Eltern und unsere Oma nur ganz verwundert. Doch nach dem fünften Glas Apfelsaft sagte Mama: „Was ist denn heute mit dir los? Du frisst ja wieder wie ’ne siebenköpfige Raupe.“

„Haha, unheimlich komisch. Und ich dachte, ich wär den Spruch endlich los“, brummte Lea. Meine Güte, was war das denn? Sonst war sie doch nicht so schlecht drauf.

Das dachte auch unser Vater, denn er rief: „Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“

Und Oma fügte hinzu: „Wenn du weiter so das Essen in dich reinschlingst, wirst du noch krank, Kind!“

„Was kann ich denn dafür, wenn ich so viel Appetit habe?“, brauste Lea auf. „Kann ich doch nichts für.“

Oma vermutete, dass meine Schwester krank war, und empfahl ihr, zum Arzt zu gehen. „Das geht doch schon seit Tagen so. Warte mal, ich hab hier irgendwo noch Pillen gegen Verstopfung…“ Sie stand auf.

„Wieso glaubt eigentlich jeder hier, dass mit mir irgendwas nicht in Ordnung ist? Alles ist super!“, schrie Lea und verließ fluchtartig die Küche. Natürlich nicht, ohne die Küchen- und kurz darauf auch die Zimmertür zuzuknallen. Wenig später war aus ihrem Zimmer laute Musik zu vernehmen. Irgendetwas Rockiges.

„Wisst ihr, was mit ihr los ist?“, fragte Mama. Wir anderen schüttelten die Köpfe. Zirka fünf Minuten später ging ich zu ihr ins Zimmer. Es war allerdings die Tür abgeschlossen.

„Komm, Lea, lass mich rein!“, rief ich gegen die laute Musik an und klopfte gegen die Tür. Zuerst blieb die Tür verschlossen.

„Komm, Lea, ich bin’s, Sara!“

Sie machte auf. Ich stand in ihrem Zimmer, in dem mehrere Packungen dieser sauren Fäden herumlagen, oder wie man dieses Fruchtgummi noch gleich nannte. Die liebte Lea.

Meine Schwester schmiss sich mit dem Gesicht nach vorne auf ihr Bett. Nach einigen Minuten fing sie merkwürdig an zu zucken. Ich schloss schnell die Tür.

„Lea, was hast du denn?“, fragte ich sie. Keine Antwort. Ich strich ihr über den Rücken.

„Lea?“

Jetzt drehte sie sich um und ich sah, dass sie weinte. „Ich will nicht sterben!“

„Hey, wieso das denn? Du musst bestimmt nicht sterben, keine Angst!“

Immer noch schluchzend setzte sie sich auf und erzählte mir die Geschichte.

Erster Unitag im neuen Semester

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Das neue Semester fing ziemlich brutal an. Meine erste Veranstaltung nannte sich “Eichmann in Jerusalem – Zur alltäglichen Möglichkeit, sich dem Bösen hinzugeben oder zu widersetzen”. Zweifellos sehr interessant. Aber der Dozent zeigte uns einen Film darüber, was bei der Befreiung der Konzentrationslager vorgefunden wurde. Es war heftig, die ganzen Leichen zu sehen. Wie kann man so was nur leugnen?

Das Eichmann-Seminar wird aber nicht die einzige Veranstaltung sein, die thematisch in diese Richtung geht. Ich habe nämlich auch noch versucht, in ein Seminar namens “Pädagogik als Unpädagogik? Bildung und Erziehung in der Zeit des Nationalsozialismus” hereinzukommen (mehr dazu hier: https://kitschautorin.wordpress.com/2013/09/02/zwischenbericht/, Ende des zweiten Absatzes). Heute Morgen stellte ich fest, dass ich auf der Warteliste auf Platz 4 vorgerückt war. Wenn man dort steht, hat man den Seminarplatz schon relativ sicher. Es sei denn, der Dozent entscheidet sich, nachdem er die ersten drei Studenten der Liste noch nachrücken ließ, auf einmal dazu, den Rest so zu vergeben, wie die Studenten es wollen. Und die Mehrheit war dafür, auszulosen. Und ich wurde nicht gelost.

Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, schrieb ich dem Dozenten eine E-Mail, und er hat sie anscheinend gelesen. Ich bekam vor ca. anderthalb Stunden eine Systemnachricht, dass ich in die Veranstaltung eingetragen wurde – und das bin ich tatsächlich. Ihr seht: Manchmal bringt eine Beschwerde doch etwas.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kitschautorin